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SEMMELWEIS'
GESAMMELTE WERKE
HERAUSGEGEBEN
UND ZUM THEIL AUS DEM UNGARISCHEN ÜBERSETZT
VON
Dr. TIBERIUS von GYORY
PRIVATDOZENT AN DER UNIVERSITÄT ZU BUDAPEST
MIT MERSTÜTZUM DER UMARISCHEN AKADEMIE DER WISSEHSCHAFTEH
MIT DEM PORTRAIT VON SEMMELWEIS
UND EINER ABBILDUNG SEINES GRABMALS
JENA
VERLAG VON GUSTAV FISCHER
71905
Alle Rechte vorbehalten.
.-V- >l:::f! ! "jl/IA
\°\tä
Vorwort.
Die Herausgabe der gesammelten Werke von Ignaz Philipp
Semmelweifl bedarf wohl keiner näheren Motivirung. Seine grund-
nde grosse Arbeit: „Die Aetinlogie, der Begritt" und die Prophylaxis
Kindheufiehers" ist eines der seltensten, schwer erhält liebsten
Bftcher geworden, und eine Reihe seiner Abhandlungen war bis heute
der Allgemeinheit überhaupt unzugänglich, und nur in dem Lande
bekannt, dessen treuer Sohn Semmelweis war und in dessen Sprache
st B&f verfasste.
Diese beiden Umstände würden allein schon genügen, eine Heraus-
gabe seiner säninitliehen Werke zu rechtfertigen. Und doch — wie
im Leben so oft — waren es auch diesmal Impulse seeundärer
Natur, die mir zu meinem Unternehmen den Austoss gaben. Ich will
sie hier offen darlegen. Es sind das die zahlreichen, von Zeit zu
Zeit auftauchenden Prioritätsansprüche gegen Semmelweis. Ich habe
so ziemlich von allen Keuntniss genommen und aus s&mmtlicban
etwas geradezu Verstimmendes herausgefühlt Denn kein Einziger
viii Allen, ilie ihm die Priorität absprechen wollten, dürfte behaupten
können, die Schriften von Semmelweis, ja auch nur das obenerwähnte
grosse Werk wirklich zu kennen. Ueberali blieb ein Kest übrig,
den man nicht bemerkte oder nicht berücksichtigte, ohne den sich
aber die in den Vordergrund gedrängten Lehren überhaupt nicht
als identisch mit der SemmelwtiB'scnen Theorie erweisen, wess-
wegen es sich auch bei den -Prioritätsansprüchen" überhaupt um
keine Priorität handeln konnte. Die meisten dieser Ansprüche
leiden an der Unkenntnis* selbst des einfachen Satzes, der ja
.loch den Kernpunkt der Semmelweis'schen Lehre bildet, wonach
das Kindbettfieber und die Pyaemie (im weitesten Sinne des Wortes)
und dieselbe Krankheit ist. Auch heutzutage sind noch nicht
alle Schichten der Aerztewelt davon durchdrungen, dass dies
das punctum saliens seiner Lehre ist; bei so Manchen lebt diese
noch immer nur als die „Theorie der cadaverösen Iniection'", trotz-
dem Semmelweis selber in seinen Schriften dagegen „feierlichst
protestirta". Dass sich die meisten Prioritätsansprüche gerade in
diesem Satze erschöpfen, bezeugt nur — und dies ist das ver-
stimmende Moment dabei«— mit welch' unhistorischem Leichtsinn,
mit welch' unwissenschaftlicher Uewissrnlnsiirkeil man dem Haupte
48197
IV Vorwort.
Semmel weis' den Lorbeer zu entreissen beflissen war. Selbst Zw ei fei 's
im Jahre 1897 gesprochenes Wort: „Prioritätsansprüche gegen Semmel-
weis werden kein Glück mehr haben und ihren Verfechtern nicht
zum Ruhme dienen," — selbst dieses Wort ist seither nicht gehörig
beherzigt worden und hat nicht zur nöthigen Vorsicht betreffs der
Prioritätsfragen geführt. Auch seither kam es wiederholt zum Streite ;
der letzte wurde 1904 — selbstverständlich zu Gunsten von Semmel-
weis — ausgetragen.
Ich hoffe es zuversichtlich, dass mit der vorliegenden Ausgabe
seiner Schriften den unbegründeten Prioritätsansprüchen endgiltig
ein Ende bereitet werden wird. Sie alle werden an der nun-
mehr ermöglichten Totaleinsicht in seine Werke von nun an scheitern.
Denn die Schriften von Semmelweis sind so deutlich und durchsichtig
concipirt seine Lehre selbst steht so felsenfest da, dass selbst die
oberflächliche Bekanntschaft mit ihr zu der Ueberzeugung führen
muss. sie sei nicht umzustossen und alle gegen sie gerichteten An-
griffe müssten wirkungslos an ihrer unurastösslichen Wahrheit ab-
prallen.
Tn der vorliegenden Ausgabe der Semmelweis'schen Schriften
ttndet der geneigte Leser auch Abhandlungen aus der Feder von
Hebra. Routh. Haller und Skoda. Es entsteht dabei die Frage, wieso
diese liier herein gehören? — Semmelweis hatte, wie er selbst sagt,
„eine angeborne Abneigung gegen Alles, was Schreiben heisst*. Diese
Abneigung bezwang er erst spät. Erst 1858 publicirte er seine 1847
gemachte Entdeckung in ungarischer. 1860 in deutscher Sprache, als
er sich schon Vorwürfe über sein langes Schweigen zu machen an-
fing. Die ersten Publicationen seiner Entdeckung wurden von den
oben Genannten besorgt; sie waren die ersten Stimmen die sich für
seine Ideen einsetzten, seine Lehren zu verbreiten trachteten. Ihre
Schriften bleiben aber nichtsdestoweniger immer das geistige Product
von Semmelweis. Dies der Grund, wesshalb sie in seine gesammelten
Werke unumgänglich hineingehören.
Auch die Vorträge, die Semmelweis in der k. k. Gesellschaft der
Aerzte zu Wien im «lahre 1850 hielte hatte er nicht zu Papier ge-
bracht. Glucklicher Weise sind sie jedoch in den Sitzungsprotoeollen
der Gesellschaft erhalten geblieben.
Vom Jahre 1858 an entwickelte Semmelweis hingegen eine umso
grössere litterarische Thätigkeit. Er fühlt es nun als «unabweisbare
Pflicht, für die Wahrheiten, zu deren Vertreter ihn das Schicksal er-
koren", auch schriftlich einzustehen. -Es kommen nicht mehr meine
Neigungen, sondern das Leben derjenigen in Betracht, die an dem
Streite, ob ich oder meine Gegner Recht haben, keinen Antheil
nehmeu" — sagt unser Autor in dem Vorworte seines grossen. IStiO
publicirten Werkes.
Als jedoch die Wahrheit selbst nach dessen Erscheinen nicht
durchdrang, da erschienen die berühmten — oder wie man sich öfters
ausdrückte: berüchtigten — .Offenen Briefe-. Es ist viel über sie
geschrieben worden: sie wurden unter verschiedenerlei Beurtheilung
besprochen, namentlich ihr scharfer Ton getadelt. Ich möchte hier
einmal die Sache nicht nach den conventieüen Formen, sondern von
ihrer psychologischen Seite aus beleuchten. Da wird dann selbst der
TVm dieser Briefe verständlich, wenn man 'bedenkt, dass Semmelweis
dreizehn volle Jahre hindurch mit der tiefsten, ja feierlichen Ueber-
Vorwort.
zeugung eine Wahrheit predigte, von der das Leben zahlloser Frauen
im Momente der Erfüllung ihres hehrsten Lebensberufes abhängt, —
und dass trotzdem diese dreizehn Jahre nicht genügten, seinen Lehren
überall zum Siege zu verhelfen. Selbst nach dem Erscheinen seines
grossen Werkes findet er mehr Gegner als Yertheidiger. Dies sollt«
sich baldT im Jahre 1861, auf der 36. Versammlung deutscher Natur-
forscher und Aerzte in Speyer — noch drastischer offenbaren. Pro-
fessor Lange aus Heidelberg war hier der einzige, der für seine
I .einen eintrat, während sich die übrigen Redner — Hecker, Spiegel-
berg. Virchow, Roser, Betschier und Arnoldi — dagegen ablehnend
aussprachen.
hie Geringschätzung, ja selbst Verhöhnung, der nun Semmelweis
ausgesetzt war, steigerten in ihm die Verbitterung, das Leben so
Vieler gefährdet sehen zu müssen, die durch seine Massregeln zu
retten gewesen wären. Kann es da Wunder nehmen, dass die Gut-
miithigkeit dieses Mannes — denn als gutmüthig schildert ihn ein
i, der ihn persönlich kannte — endlich ein Ende nahm und er
in scharfem Tone auf Jene losschlug, die sich seiner lebenrettenden
Lehre entgegenstellen? — Wenn wir noch hinzunehmen, dass es ihm
dabei nicht um sich selbst zu tluin war — denn Eitelkeit war ihm
fremd — , sondern immer wieder nur um das Leben der gebärenden
Mütter, dann werden wir auch seine „Offenen Briefe" in ihrem
scharfen Ton als das Eingen um die Wahrheit, als die Bethätigung
seiner überaus grossen Nächstenliebe ansehen und beurtheilen müssen,
wobei es sich nicht um den Ton, sondern um das Leben Tausender,
ja Millionen handelte. —
Semmelweis' Werke gestatten einen klaren Einblick nicht nur in
seine objectiven Lehren, sondern auch in das Subjective seines edleu
Wesens. Sein tragisches Lebensschicksal spiegelt sich wieder in
seinen Schriften, vor Allem in seinem grossen Werke und in den
„Offenen Briefen". Sie werden durch die zahlreichen Biographien und
Vorträge, zu denen sich die Besten unserer Wissenschaft so oft an-
igt fühlten, aufs Schönste ergänzt; es sei in dieser Hinsicht vor
Allem, unter vielen andern werthvollen Schriften, auf die Vorti
nnd Reden Hegar's, Brück'*, Zweifel's und G rosse's hingewiesen.*)
Die Begründung seiner Lehre war der Ausgangspunkt seiner
Forschung, ihre praktische Durchführung das höchste Ziel seiner
Thfttigkett; sie war der Inhalt seines Daseins, und ward zur Tragik
seines Lebens. Denn es war ihm nicht gegönnt jene ungetheilte An-
erkennung seiner Lehre, die ihr heutzutage gezollt wird, zu erleben.
Das einzige Land, wo seine Lehren ohne Widerstand, ja mit offenen
Armen aufgenommen wurden, war sein Vaterland Ungarn, wohin aar
1850 zurückkehrte und wo er bis zu seinem Lebensende wirkte.
Auch hier bereitete ihm allerdings administrative Kurzsichtigkeit
manche Schwierigkeiten; von wissenschaftlicher Seite aber wurden
Beine Worte hier nie bekämpft. —
l ' r Kampf, den er sein lebelang für seine Lehre zu führen hatte,
spannte ihn gewissennassen ab, und wie zu einer Oase, flüchtete er
*) Während der Drucklegung des vorliegenden Bandes erschien von Dr. Fritz
m Waldheim unter dem Titel: rIgnaz Philipp Semmelweis" eine insofern
werthvolle Arbeit, als sie die Urtheüe der Mit- und Nucliwelt ilher die SemmehYeis'aclie
■ lückenlos mittheilt.
VI
Vorwort.
sich in den letzten Jahren seines Daseins in das weniger aufregend«*
1 1 Gynaeeologie. Der geneigte Leser findet im vorliegenden
Bande auch seine hiehergehörigen Aufsätze. Er befasste sich auch
mit der Absicht, ein Lehrbuch der Gynaeeologie zu sehreiben (die
hiezu gehörenden Textabbildungen hatte er sehon ausfuhren Imasen);
indess verhinderte ihn sein tragisch jäher Tod sowohl an der Verwirk-
lichung dieses Plans, wie auch an der Bedeutung einer bereits be-
gonnenen kürzeren Publication aus demselben Fach. Er starb nach
film- zweiwöchentliehen Internirung in der niederoesterreichischen
Landes-Irrenanstalt zu Wien. Seine physischen Kräfte hatten sich
an den Folgen jener Krankheit aufgezehrt, deren Bekämpfung er
zeitlebens seine ganze psychische Kraft opferte: er erlag einer Pyaemie.
►Seine Yai-Tstadt Budapest widmete ihm ein Ehrengrab. und zu
Pfingsten 1906 wirrt Bein Standbild enthüllt werden. Aere peren-
nial aber wird das selbsterrichtete Denkmal Semmelweis' in alle Zu-
kunft fortbestehen : sein Lebenswerk, das in den vorliegenden Schriften
niedergelegt ist. Er und Jenner — das sind die beiden Grössen,
deren wissenschaftliche Thätigkeit unmittelbar in die Menschenliebe
hinübergreift.
Die Wissenschaft kommt einer Ehrenpflicht nach, indem sie die
gesammelten Werke von Semmelweis der Nachwelt bietet, die ihm
so viel Dank schuldet. Der Ungarischen Akademie der Wissen-
schaften gebührt dafür vor Allem Anerkennung: sie ist auf meinen
dahin zielenden Vorschlag bereitwilligst eingegangen und hat das
Erscheinen der vorliegenden Ausgabe durch Gewährung einer be-
trächtlichen materiellen Unterstützung ermöglicht.
1 iid nun sei dem geneigten Leser das ges&mmte Lehen swerk
des ,,beim Baue verunglückten Arbeiters" freundlichst empfohlen: eine
ewig bestehende Leistung der Wissenschaft und der aufopfernden
Menschenliebe.
Budapest, 4. August 1905.
T. von Györy.
Inhaltsverzeichniss.
Seite
Vorwort HI
Tractatus de vita plantaram. (Dissertatio inauguralis) 1
Die ersten Bekanntmachungen der Seramelweis'schen Lehre 21
Ferdinand Hebra: Höchst wichtige Erfahrungen über die Aetiologie der
in Gebäranstalten epidemischen Puerperalfieber 23
Derselbe : Fortsetzung der Erfahrungen über die Aetiologie der in Gebär-
anstalten epidemischen Puerperalfieber 24
C. H. F. Routh: Ueber die Ursachen des endemischen Puerperalfiebers
in Wien 25
Carl Haller: Aerztlicher Bericht über das k. k. allgemeine Krankenhaus
in Wien u. s. w 34
Joseph Skoda: Ueber die von Dr. Semmelweis entdeckte wahre Ursache
der in der Wiener Gebäranstalt ungewöhnlich häufig vorkommenden
Erkrankungen der Wöchnerinen und des Mittels zur Verminderung
dieser Erkrankungen bis auf die gewöhnliche Zahl 36
Semmel weis' Vortrag über die Genesis des Puerperalfiebers 47
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber 59
Die Aetiologie des Kindbettfiebers 61
Der Meinungsunterschied zwischen mir und den englischen Aerzten über
das Kindbettfieber 83
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers
[HauptwerkJ 95
Die offenen Briefe an Professoren der Geburtshilfe 427
Zwei offene Briefe an Dr. J. Spaeth und an Dr. F. W. Scanzoni . . 429
Zwei offene Briefe an Dr. E. C. J. v. Siebold und an Dr. F. W. Scanzoni 441
Offener Brief an sämmtlicbe Professoren der Geburtshilfe 463
Der Verein St. Petersburger Aerzte über die Aetiologie und die prophy-
laetische Behandlung des Kindbettfiebers 512
Semmelweis' gynaecologische Aufsätze 639
Ueber einen seltenen Fall von sackartiger Ausbuchtung des schwangeren
Gebärmutterhalses 541
Exstirpation und Neubildung eines Uterusfibroids ; Schwangerschaft mit
normalem Verlauf 543
Sieben-Monatsgeburt nebst Polypus uteri fibrosus von enormer Grösse . 544
Aeltere und neuere Theorien über die Menstrualblutung 545
Die Menstruation und ihre Anomalien 552
Die operative Behandlung der Ovariencysteu 583
Anmerkungen des Herausgebers 598
TRACTATUS
DE
TITA PLANTARUM
Dissertatio inauguralis
auctore
Ignatio Phil. Semmel weis
Medicinae Doctore
VINDOBONA
Typis Caroli Ueberreuter
1844.
De vita plantarum in genere.
Qui oeulis tarn grate arridet amoenus foliorntn viror, floram
splendor et mira varietas; qui nares feriimt suavissimi odores, qui
gustum demulcent dulcissimi sncci, quae corpus nostrunt restaurant,
naorbos profligant, sanitatem reducunt — snbstantiae plantarum. e
quibns animum poctarum inspirat suavissimus Apollo; quam in iis
sapiens uiiratur : summa formarum diversitas, ordinis uniformitas, arti-
ficiosa fabrica, miscela et motus mnltiplices, nee non cum macrocosmo
commercium omnia haec sunt effectus unius vis, ejusdem vis. quae
miueralia in crystallos cogit et dissolvit, quae aquarum moles in
maribus volvit, quae terram coneutit, hujus aheneam disrumpit ernstam,
fances ejus ignivomas distendit a£res fulgure convellit. soles placide
in orbita ducit, quae tandem hominem ipsum producit, innuineris,
splendidissimisqne facultatibus exornatum, et quam vim naturae —
vitam — dieimus.
Hujus tarnen causam quaerentes ultimam, frustra desudamus»
des ndabimusque.
Mens humana tarnen non acquiescit, donec phaenomenorum omnium
rationem reddat sufficientero. laeti ideo sequimur ideam, quam naturae
philosophi hoc modo exponunt. Omne quod existit ex divino omni-
potentiae spiritu emanat — ex vi naturae, quae semet solvendo ac
uniendo, qua attractio et repulsio, contractio et expansio manifestat,
continuo operatur, iniinitam materierum diversitatem producit, quas
iteruni destruit, ut nusum nova entia iude generet, quae tandem
-mus aut ocyus ad supremam omnium scaturiginem reducit. Vis et
nwiTtiia BOdan gamlent fönte, una ab alia separari nequit. - Materia
ex conflictu virium adtractivarum et repulsivarum resultat, quatenus
in spatio eomp&rent; omnis igitur materia proportioni virium produc-
ta varuni adaeqaata sit, sicut ex universo vis qualitati materiae res-
pondeat oportet. Quod ergo in plantarum organismo vim vitalem
dieimus. nil aliud est, ac pecnliaris modiiieatio vis naturae; haec vis
Titalts in vaiiis organis seenndum variam eorum proprietatem vario
modo manifestatur — pecnliaris ergo vis non est. sed qualitas ma-
teriae organicae. nee est proprie vis vitalis. quia [»er semet äpsam
inen est et potentiis extentis indiget, quibns ad reactiunein provo-
catur, Sunt vero potentiae haec: Calor, Lux, A#r, Electricitas et
Soium. — Calorem vitam plantarum excitare et fovere ex seqnen-
tibns patet: seraen in frigore non germinat, gemma non evotvitnr,
plantae ejus influxui expositae cito moriuntur. E contrario cum calore
l»
4 T."V.t*tiW i* "itt pjtarar-.r.
iriTeacente ir^T^oi* pi^nramrri in- et «•.«■.«•1* . a*i ?.'■■ '.-7rr*ativ
s«;b rrofiia c".*re 'irrr^n.^ra.r. •' f-ry-rTim srrafofl eakri*. --i^rr. planta«
*xi*mnt.: 3fj.'.r.ri-!rim variam eurnm r{^ri*rfi variat: .*-*r.\ iua* r/.nni-i
*nb »yrio f*rvMi.*-.irr.'j pr',ver;iant.. 'Jörn ajae regKr.e itisdii'.n Lae-
•ar.rur er »ob ip*a niv*. florent. frco div*r:-*e plantarurr, {«:*.*>. «ii-
v*r^arfi vrapeTaTrirarri *xp**cunt.; sie >cimu«> gemmas et ü-re» tri-
g.r.baa v^rriaiibr.i non raro adnri. dorn radic** et trunci j»r.renc>>imae
fA^ ".r.* hrxrr.a*. — Marita.- aut*m vario caloris gradui ad.»uescere.
*.t wAltia n-i-Tro v#e!o acc;imati»atis novrimus: imm'.-dicus tarnen
«*»>./ »'imiüo nimio vitam earnm ita pe*«urndat. »icut omni* ejus de-
iW.»sr — Vegetabilia etiam proprium calorem internum extricant.
quo ^eroet '-',n*ra potent ja« noeivas immunes taentur. ita hyeme alti-
op-m. aentate inferiorem, in penetralibus ostendunt temperaturam ac
a»r atmosphaericus. — Plurimum caloris evolvunt floris tempore et
in hocce ipno, qui non raro pluribus gradibns illam atmosphaerae
fi.nperat. Latin magnum in vegetabilia influxnoi quotidie obser-
vare pos*umu.H: cvigiJante sole evigilat plantamm regnum in novain
quasi vir am. aperiuntiir flores, folia elevantur, vires eriguntur. quae
post t-juH occasum relabuntur; multas plantas. flore, foliis et conno
motum koü.h prosequi videmus: arbores in medio sylvarum situati
frondibus semet versus lucern elevant. dum in margine consistentes
ramos in latus liberum protendunt; plantae in obscuro vegetantes
«'■iiiper in partim inclinantur e qua lucis radii ineidunt: C. Blumen -
bacli observavit, germen solani tuberosi in cellario 20 pedes versus
lencstriilam, paucis radiis introitum concedentem, repisse. Ceterum
iiiterisitas Iwis, quam variae plantae requirunt, tarn diversa est, sicut
caloris gradus. ejusque influxus immodicus eosdem producit efl'ectus
dH«terios supersti mutantes, uti calor. — Aerem vegetabilibus vitae
pnbiilnm esse, inde patet: quod vegetabilia respirent. ideo semen ejus
orbatum influxu germinare non potest, et plantae in vacuo exstin-
triiuntiir. Ai'-r in hoc sibi etiam inagnam dignitatem vindicat, quod sit
ronduetor caloris et liumorum, e quibus planta nutritur. — Est verc
oxygenium. quod in aere summum exposcit respectum, quod proprie
stimuln vitnli gaudet; ideo semina in aere aut aqua oxygenio abun-
dante eil ihm ad germinationem provocantur, ideo crebra terrae circa
radicpK perfossio Vegetationen! promovet. et iterato aratu agros illam
fcriililatem coiisequi, ac dum fimantur. notum est; sed e contraric
HCtin ejus immodira siiperstiinulando exhaurit vires. — Electrica
tat cm multum in vitam plantarum operari nulluni est dubium. cujus
influxus moderat us lianc, ut animalium vitam, exstimulat, plus quam
modicus enervat. Kx hoc tonte explicatur salubritas pluviae tempes-
tatis tempore v caelo labentis; sub electricitatis influxu semiua fa-
cilius germinare. ramulos eitius gemmas evolvere, experimenta com-
proli.-mt. — Solum. quamvis maxime, ut plantae basin largiatur
«lest inat um videatur. tarnen non parvum inliuxum in illius habet vege
t.'itiuuein. partim quia ceteras potentias vitales taquam, aerem, calorem
in se emitinet; partim, quia materiis alibilibus gaudet, quas plantü
sibi adsimilat; absipie dubio electro-galvanicam tensionem cum radi
ribus fiivendu. etiam dynamico agit modo. — Certas soli substantia:
plantas revera assimilare. jam diversus earum sapor et odor, seeundun
soli, in quo creseunt. diversitatem prodit. et chemica analysis evincit
Quaedam plantae omni contentantur solo, quaedam peculiari ejus sort
adligantur, quaedam in diversis ejus speciebus vegetant, una aliav<
Tractatns de vitn plantarum. 5
ien magis laetantur. — Sic plantae ex classe Diarlel]>)iiae humum
calcarea sulfurea mixtain amant Boraginae solo Kali nitrico prae-
smante delectantur etc. — Summi momenti est hnmus in solo, quae
maximam quantitatem materierum alibilium contimt, — Fertilissiiniim
censetur soluni, quod ex adaequata pTOftortioue huiiii. argillae et. ral-
careae emergit, quae postremae humores ex aere adtrahunt et reservant.
Geiieratio seu Propagatio.
Plantae — animalinm in modum — vel per generationem hete-
■neam vel homogenea.ni oriuntur. — I'riorem magna natur&e
coriosorum turma contra Ehren berg prine.ipem oppugnantem, de-
lendit. quam et quilibet attentus observator quotidie comprobandi
Tonern reperiet, dum sub solo potentiarum generalium: aquae,
aeris et caloris confiictu, materiaui dictum Pristleyanam, Confervas
s Lychenum, Mus cor um et Fangor nm species oriri eon-
gpicit. Neque rationi contradicit, imo ad illam confugere, jubemur,
quomodo enim quarundam eryptogamaiimi e. g. Unygenae equinae,
quae utiice inter soleam et ungulam equorum reperitur. vel Splachni
sphaerici. tenuis, angustati nmioides, quae excrementa
certorum aniroaliura obducunt. — S p h a e r i a e pnrpureae et m i 1 i -
tat is quae cadavera quorundam insectorum tegunt — imo nonnul-
larum phaneroganiarum, quae in locis et sub circurastantiis proerevere
dum nulluni Bernau illuc devehi potnit — ortura alias nobis expli-
cabimns?!
Longe frequentius tarnen plantae e individuis ejusdem speciei
oriuntur, per ge u e r a t i o n e m h o in o g e n e a ra seu propa-gatione in
dictam. quam iternm in monogeneam et digeneam distinguimus.
Oeueratione monogene ft, quin foecundatione opus sit, pars
qnaedam individui materni in sobolein evolvitur. — Huc spectat
pagatio per gemmas, tubera, bulbos. — Generatio digenea me-
diante concursu sexus duplicis, polaris, perficitur, quo vera gignuntur
seniina — quaedam utroque modo propagantuT, ut id in arboribua
ris videmus. Semen, plantam in nodum contractam eiaibet;
perfectum integumento ex nucleo coiistat - Integumentum membrana
componitnr duplici, quarum exterior clmrion s. teste, interior endo-
pleura s. nuclearium nominatur. Testa nunquam deest. forniat.ur e
cellulis, qiiibus subinde et vasa spiralia accedunt estque poniuiu
expers; Kudopleura crebro deficit, alias texturae est mere cellu-
losae. Ambae semini utiles evadunt, illud obvolvendo, partes interiores
eoutinendo ac muniendo. Nueleus embryone et albnmine completnr.
Embryo rudimentum novae plantae repraesentat, est ideo maxime
iti.ilis semini pars, qui textu celluloso componitnr, ac germinando
prinio vasa Bpirialia adquirit: distinguitur in corpus cotvledonuni < 1
Diastema. Blastem a duas offert particulas, quae gemmula et radinila
dicuntur, ambae nodulo vitali seu indüFerentiae junguntur. qui etiem
um cotyledonibus per vascula in nexu versatur organico. Corpus
retyledoneum in praeparatdonem nutrimenti pro blastemate germi-
iiint«- destinatum. mos una, mox plnribus constat partibus, liinc Bo-
tanicis momentum praebet vegetabilia in mono- et dicotyledonea
r.
Tractatus de vita p]antarura.
dispeseendi. Alb amen pars seminis accideutalis, mos majori mox
ininori adest copin. mox pene defii-it, et in relatione in versa ad em-
bryonis versatur magiiitudinem, ut hoc (in Cucurbitaceis, Oueiatis
maxitne evoluto penitus exteriuinatiir; alias (in Graiuineis, 8citamineisf
Urabellatis, Liliaceisi supra illum fange dorainetur. — Albamen in
cellulis amylon. muctim. subinde et oleum pingue continens, embryoni
nntrimentum Boppeditare videtur.
Processus ^erininationis.
Ut seinen in plantam evolvi possit, primo ipsum vitabilitato
gaudeat — semina effoeta nunquam germinare, experientia compro-
bat — : dein, potrntiis exeitantibus (lud, aeri, electrico, humori) pateat.
Quamdiu hoc vitalitas in seminibus conservetur? variat; sunt, quae
hac facultate mox post maturationem exumitur, dum in aliis multos
tuetnr per annoa Priorem experimur in Ümbellatis, Saxifragis,
Geutianeis — posteriorem in seminibus amylosis — frumentis quorum
grana post saecula progerminasse feruntur. — Processus ipse germi-
nationis seqiienti absolvitur modo: Kmbryo per hylum seminis aquam
adtrahit, quae liujus integumenta emollit, et in albumine contentas
substantias resolvit ac diluit; carbonium et azotum aeris atmosphaerici,
per aquam absorpti, in penetralia seminis vehuntur, oxygenium vero
illius pro parte carbonium anivlo exigit, cum eo acidi carbonici sub
specie avolandu, dum alia hujus oxygenii pars cum reliquo albuminis
jungitur, illudque in materiam sanlmraceam transmutat; praeterea
gas hoc cum ceteris potentiis stimulantibus dynamico agit modo,
seminis vitalitatem excitando, Processus dictos fovendo et urgendo.
Kadern vero ratione, qua cotyledones aqua praegnantur, et nisus evo-
lutionis in embryone excitatur, turgescunt semina. rumpuntur tandem
ejus integumenta. quae officium snum completentia decidunt et ex*
Biccantur, cotyledones vero nunc ab invicem discedunt, extricatur
blastema, cujus radicula, quamcumque antea regionem respexit, ad
lnlicem in terrae sinu vertitur (sive vi centripeta, sive proprio in
ejus vita fundato nisu), in quam plures demissit tibrillas, quae rudi-
nientum constituunt novae radicisT geramula vero per uisum lucem
quacii-mli, aut vim centrifugum determinata, minus rapide quidem,
versus solem elevatur. huicque unum, duove expandit foliola. Cotyle-
dones vel cum gemmula super terram extolluntur, vel infra ejus
supernciem relicti manent, eamque habent momentosam destinationem,
ut pro planta infante succos crudos. quos tenera adsugit radicula
digerant et assimilent, imo propriam ei substantiam in nutrimentum
subministrent; illa vero adolescente, perfectis atque roburatis huic
functioni dicatis organis cotyledones munere suo exuuntur, marcescunt
— moriuntur. — Temporis spatium. quod semina in germinationem
'•••iisuiiiuiit varium invenitur. secundum plantas unde rcpetuntur; sunt,
quae, cito germinant, uti Leguminosae, (Tramina, Cruciatae, imo quae-
dam in ipso adhuc l'ructu hunc processiun inchoant, de quo Ehizo-
phora, Mangle, et Bulbine asiatica mira nobis exempla per-
liibent. dum alia per longius tempus se ad illum praeparant, quemad-
modum Umbellatae, Eosaceae, Proteae, quae ad duos subinde annos
Tractataa de vita plaotnrain.
hoc opus extendunt. Ceterum hie lucis, caloris, electrici varius iu-
fltixus nimiani modifieationem exserit.
liemmae basi. intfgumento et rinlini i- n | a rann ron-
stant. — Differunt a semine raaxitne eo, qnod hoc vitain iiulividui
cum notis essentialibus etiam propagent. Kvulutio gemmartim sequenti
fit modo: luxuriante maxime vegetabili vita sub laeta aestati* regno
vascula et cellulae, iu foliorum axillis ut plurimum. deponuntur,
sab pai \ oruni uodulomm speeie comparent. e\ bis nidiiueiituni ramuli
exsurgit, axin gemmae constituens, circa quam foliola (si gemma
foiüfera) ant petala (in gemma florifera) formaiitur, quae vario com-
poaita cernuntur, in determinatis tarnen plantarnm generibtis certum
i-viint typum (phylloploeiuni Bot.). Notabiliter adnltas illas
Im ■irniiasi reperifit avanis autiimnus, et squamoso, ac resiuoso mnnitos
iht'jcrumt utii frigida hyems, snb cujus duritie qtüescunt, dum blamlus
vir e&s ad novam vitam provocat; increscente suecorum circulantium
eopia, placenta gemma intumescit, squamae, quae hiiic inseruntur ab
inviceiu discedant opportet. quae cum nulluni amplius scopuni habeaut
«atis eorum vasis nutriraento privantur, et tandem deeidunt; dura
interea ranmlus cum flosculis aut foliolis libenmu. BUCCiß largius
pent-tratur expanditurque soll.
Bulbus Mnnocotyledoneis proprius, gi-mmae ad normain placenta.
iuvolucro et rudimenti» BOftfti componitur, cui multum analogus,
banc tarnen perfertione antecedit, semini jam proprius accedens.
Oiffert boibua a uemma maxime integtimentis suecosis, e quibus planta
evolvenda nutritur. quod gemmae, cum ab organismo materno non
Separator, hicee subministrat. Basin bulbi s. placentam candex ni-
mium contractus sistit, qui inferne in radices, snperne in scopuni et
fuiia exereseit; dum vero haec bulbo aseendunt in angulis squamarum
novi generantur bulbilli, proles dicti. formationi gemmarum in foliorum
axillis multum analogo modo, qui anno sequente in totidem nova evol-
vuntur individua. Bulbi communiter in terrae siuu ortum dueunt.
verum et in axillis foliorum in quibusdam generantur planti*. quae
inde viviparae dieuntnr, ubi inx Dentaria bulbifera, saxi-
fraga, Polygono viviparo, Poa bulbosa vivipara; hi
bulbilli. qui florum et seminum locum in bis plantis tenent, perlec-
tionem debitam assecuti, locum nativitatis sponte deserunt, ac in solum
delati, metemorpbosin plant ae inchoant cui originem debent.
Tubera, rhizocarpea seminibus proxime accedunt; constant
basi et gemma. Basis corpus tuberis sistit texu celluloso com-
positum, qui in gemmarum ambitu vasis spiralibus subregitur; amylo
refortum cotyledonum adinstar gemmulam exerescentem nutrit. Gemm a
UHU unira. mox majori UUinarO basi LUfiidat, <|iiar. ur blast«-riia stjminis
cum radicula et plumula in plautam evolvitur. Tubera quoque quem-
admodum bulbi sub terra oriuutur, sed non minus in foliorum axilli*
generantur.
</uantunilibet plantae mirain mnltiplicitatcm ac diversitatem in
forma et structnra exhibeant, tarnen in elementa anatomica persecutae
ntatori nisi duo relinquunt organa primaria, e quorum compositione
Organologin.
8
Tracratns de vita plantarurn.
omnes exsnrgunt plantae partes et omnis planta. Sunt: textus
cellulosus et vasa spiralia; posterior» tarnen nonnisi in plant is
altioris vegetationis conspiciiintur, in his autem aut regulari online
•scuntur, aut absque Lege sparguntur. — Hunc constantem firma-
tionis typum respicientes Phytologi vastum plantarurn regnum in cel-
lulares et vasculosas dividunt, posteriores vero (secnndum regulärem
aut irregulärem vasurnm spiralium adgregationem) nirsum in evogenas
et endogenas. — Textus cellulosus e vesiculis, tenerrima, dia-
|ihana, de colore meinbrana formatis, perfecte in semet i laitsis, ae
nullo pro distinctis copaponitur, quarum forma — generalis — sphae-
roidea est, quae tarnen perdiversam adgregationem, partium vicinaram
pressionem in angularem, — cellularem — mutatur. Textus cellulosus
materiae protozoae analogus omnes plantarurn constituit partes, di-
versam tarnen in his exliibet specieui, regularis dodocaedri formae in
cortice medulla et foliis reperitur; cellulis elongatis perpendi-
culariter sibi insistentibus in libro, alburno et tigno componitur,
his paralelle ad horizontem jacentibus constrnctus in exogenis inter
i orticem et medullam situatur; tandem omni regularitate desti-
tutüs, e cellulis imperfectis, dispersis consurgenx in vegetabilibns in-
fimi ordinis occurrit. — Functio textus cellulosi est: humores condu-
• eiuli; quam vero parietes cellulanim perfecte clausi sunt, snccmuni
motus nonnisi endosmoseos et exosmoseos ope locum habere poteet,
quo vesicularum pernieabÜitas et contractilitas suain symbolam con-
fert ; sed textus cellulosus etiam adsimilat, secernit. et secreta adservat.
est ergo universim organon reproductionis. Hu jus loci sunt i rellulae
aereae et vasa iKtucaofpoQa, quae arrein atmosphaericum conti-
nent, et in variis plantia et variis rursum harum partibus inveniuntur,
uti in Cinbfllis. Cicuta in specie insigne exemplum exhibeute,
V a snriun spiralium nomine canaliculi veniunt fibris argenteis
spiraliter contortis corapositi. — Vasa spiralia, quin dividantur aut
iuosculentnr a radice ad apicetn tendunt, ceterum non omnes hnnc
adsequuntur Jlnem. verum in plantae partes laterales excurrentes
häoce iutereunt — Vasa spiralia vegetabilibus alterioris ordinis
propria sunt, qiimiini mnnes subingrediuntur partes, corticem et me-
dulläre si excipias. Per aetatem aut pathologicam mutationera varias
adquinint formas, vasorum moriliformium, annularium, sca-
larium nomine a nonnullis Phytologis distinctas. — Vasa spiralia
in plantis nervorum locum tenere, organaque irritabilitatis esse —
ac fors Sensibilität is etiam — credimns, quorum influxu humoium
circulns promovetur et processus vitalis urgetur; cujus opinionis veri-
similitudinem lila evincunt: quod memorata Organa nisi in vegetabilibus
majoris perfectionis observentur, aut si in iis minorum ordinum occur-
rant. altioris dignitatis Organa (fructifica tionis seilicet) provideant,
nervorum aniinalinm in modum decurrant, ac distribuantur.
Per cellularum et vasculorum diversam congregationem varia
formantur Organa, inde composita; qualia sunt: Epidermis hae
meinbranae textu celluloso ex sncco constans omnes plantarurn partes
obducit — stigmate fors excepto, et isolatorem organici abanorgani oo
'inistituit — In ejus externa superficie e poria, pilis, glandulis
insignitur. — Fori cellularum terminationes sunt, quae sub parvorum
foramellorum, regulariter ordinatorum, aut inegulariter dispersorum,
specie manifestautur: subinde annulis contractilibns cmguntnr, qnorum
virtute diu et coelu sicco aperti, hoc vero pluvio, ant noctis tempore
Tractntus de vitu [ilantarnm. 9
clansi observantur. — Pori ceterum non omnibns plantis sunt proprii,
caDnlatiboa conturao dcsunt, in vascnlaribus etiam in radice frusn.i.
i iiiitur. non secus in arborum truncis et ramls, «loiilfrantur in
partibus, quae aqua aut terra cinguntur; vel pilis obdncuntnr, carent
panier iis foliorum nervi, seminis testa, et cuticula frnctunm sueco-
roram; in Liehenibus et Fungis aliisqne nonniillis nondom detecti
. largissime lis providentnr plantae succosae et folia, harnm com-
primis pagina inferior. Usus eorum est : ut aeri in penetralia plantae
mi.'Tt'SMLiii Indeqne Bgressom cuncedant, humores adtrahant et exsudent,
ut pofttaHora luculenter in (rassnlaceis observamus, —
Pili propagationifi textus rellulosi filiformes sunt, quae in vaiiis
plantis. ii vaiiis haruni partibus occurrunt, caeterum sub diversis
circumstantiis in his jara comparent, jam evanescunt, ideo essentiakm
functionem habere nequeunt; quoniam cnm poria semper in relatione
rersentur inversa, et snb omnibns adjunctis raagis evolvantur. sub
quibus plantae plus humorum adtralumt ant exhalant. huic operl
destinati oportet; praeterea partes tetieras obvolventes, hos ab
injnriis externis defendnnt, seniina providentest eorum dispersioni
frtserviant
Glandulär um titulo phytologi cellnlas insigniunt oleosis aut
resinosis refertaa aabßtantüs, quae in qiiaruindatn plantamm partibus
oeulo jam inermi sub punetnlornm sphndentiutii Bpecie distingunntur.
et peculiaria secretionis Organa esse videntur. Epidermis tandeni
vario in tat in- colore, vel variis obtegitur substantiis: pruina, glutine,
vis. n — quae omnia producta sunt textus cellulosi infra positi, ar, altius
niisati.
Organa elementaria iu miiltis exogenarum (arboribus) regulär i
qaodam ordine in plura distincta componuntiu- st rata, quae in cor-
em, librum, alburnum, lignum et medullam distingni-
raus. — Horum fnnctio non alia, quam hnmores nutritios conducendi,
imilandi, ex his varias substantias secernetidi et adservandi.
Sul)stantiae secretae.
In enarratis organis varias n-periuntur substantiae. quae, qiiainvfs
nte cbemica, analysi ex quatuor simplicissimis elementis: oxygenio
nempe, hydrogeuio et carbonio, quibus quandoque et nitrogenimn ac-
• filit. coroponantur, iniram tarnen diversitatem et multiplicituti in
Operunt Sunt vero hae substantiae mox nuidae, ant malles, v«\l
etiam semidurae; inter eas quaedam omnibus aut saltem plurimis
I -oiiveninnt planus, quales sunt: miicus, gumini. atnylon, sac-
charum, alburaen: aliae peeuliaribus tantum sunt propriae gene-
ribas, nun speciebus. altius romplicatae, atque e prioribus footem
repetentea, uti: olea pinguia. aetherea. resinae, gumi-
resinae, balsama, pigmenta varia, principinm amarum,
» a n ii i n ii in . acida, alcaloidea. — Substantiae aaotgani
quaedam metalla: Silicium, AI um in in, Maines in in. Calci um.
Perrom, Cuprum in statu oxydato aut salito; Alcalia: Kali,
Natron: dein substantiae ametallicae: Sulfui\ Jodum, Phos-
10
Tractatus de Tita plantarum.
phorns, quae in multis plantis reperiuntur. his minus genuinae snnl
UDO R multis pnytologfa ceii inquinamenta habentur. quae per pfO-
cqbbddi vegetationia in penetralia rapiuntur. ibidem excernendae.
Nutritio et Rcproductio.
A. Organa reproductionis
Nutritionis priucipale organon radix est, quae ex terrae sinu
nutrimentam haurit: inde planta omnium primo in perficienda radice
occopatnr. — Bad ix in plurimis adest vegetabilibus. sed sunt quae-
duui, quae illla tenerrima fraudem (Sempervivum, ('actus), imo in qui-
busdain penitus desideratur. uti in Acotyledonum iufiniis fAlgis.
(Onfervis, Lichenibus), in quibus ergo aliae partes radicis manera
exsequuntur. — In minus organisatis i monocotyledoneis) simplex ob-
servatur, dum in dicotyledoneis in trimcum. ramos, fibras, flbrillas
excr»
Radix ex cellulis et vasculis conflatur, quae in exogenis arbores-
centibus in corticem (librum, alburnum) lignum et nun raro medullam
rediguntur. Radix, cujus etiam sit speciei, fibrillis tenerrimis, radi-
cnlis dictis. uunquam caret, qnae extremas iltius diramationes sistunt.
hae pilis iterum tenuissitnis, aut spongiolis iin monoc. Xajadibusi
obsidentur. qnomin essentiam textus cellulosus subtilissimus constituit;
horum ope planta aquam (acido earbonio saturatam) ex terra sugit.
quae jam hie primara adsimilationem experitur. 81 dum porro per
cellulam in cellulam transudat, ac ubique earum renisum vitalem ex-
periatur, notabiliter plastica evaserit oportet, dum rhizoma ipsuin
subiugreditur.
Verum non tantum absumtionis et primae adsimilationis organon
radix est, sed secernit etiam. ac secreta adservat, tandem plantam
solo figit: et sicut ipsa truneum et folia nutrit. ab his nutritur reciprocß.
r n n l pars centrifuga plantae. respectu strueturae et fimction
cum radice congruit: ad normam hnjus TOfidfl et cellulis in monocutv-
ledi-neis sparsis, in dicotyledoneis in memorata strata dispositis con-
struitiif.
udex in roonocotyledonibns simplex in altuin tendit, dum
radix in eadem directione terram perfodit: in dicotyledoneis trauern
in ramos multos expanditur. nunc nisnm radix quoque manifestat;
diraniatione« amborum in directione et extensiune parallele progre-
diiintur — qua iuris et hie natura variabilis nullam agnoscat legem.
di- 1 1 11. . ii ] ycirrhira, Rlieum. aut .Mandragora. Quae indi-
gentibus suis radteibns diniensiones cormorum lon<re superant. et
-sulaceae in quibus contrariam obtinet, nos edocent. Sed in
liiri' tione quoque concordant, arabae hae plantarum partes: radix
cormum nutrit. et radix cormo nutritur; plantas plures radice carere,
aut hac- tenerrima pnräau noseimu?: in desertis Africae ferridissimis
snreulentissinii crestunt C actus, debilissima donati radice. qua rix
in sabuK <-ui atomus aqua exaruit. servari valent. — Omnes hos
corraus nntrimento providet. quod ex aeris vaporibus haurit. Tandem
experimenta Cel. Harles et Agricola nos docent: arborum frondes
Traotatus de vita plauturum.
11
:
in terram defossas in radices, sieut radices in aerem levatus in
fremdes abiie.
Folio organa elementaria in superficiem expansa, atque aöri et
luci exposita offenint; cellulae reguläres diaehyma foliornm con-
stituunt. vasa spiralia vero diversimode diramata, reguläres formaal
plexus, sub costarum, venarum et nervorum nomine a
i in ratütis plantis desiderantur, vel ea gaudent speeie, ut a conno
dignosci nequeant (cactus); vel subinde immediate ex radice exsurgunt.
liquet: omnes plantae partes snb certis circumstantiis invicem
posse, cujus rationem simplicior ac unifonnis eanun struetura
ntinet.
Foliorum snmnia funetio est respiratio, seu gasoruni et vaporum
baorptio, horiimqiiH exlialatio. sed folia non minus liumores alimen-
täres insuguut, adsimilant, secernunt, et secreta adservant, — Quod
folia lias funetiones nonnisi in aere oxygenio carbomo mixto. optime
atmospbaerico, peragere valeant, experiraenta Gel Pristley, Senne-
bier et aliuruin coniprobarunt. Folia, caeterum vegeta. solis radiis
illu^trata oxygenium exhalant, aeidum vero carbonicum absorbent;
hac ratione Baoci plantarum crudiores superfluo liberantur oxygenio,
carbogenium autem et hydrogenium adsimilantur, et sie humores magis
evadunt plastici. — fontrarium processum folia in urabra fovent: ad-
trahuiU videlicet oxygenium et carbonium aeidum reddunt, hoc ratLOH€
rflnum e penetraübus eüminatur carbogenium. et cum gas illud
vitale Stimuli in modum agat, vitalitas plantae excitatur. Processus
chimici urgentnr. — Plantae aegrae Liehen es et Fungi. omnibus
sub adjunetis oxygenium absorbent et aeidum carbonicum exspirant:
caeterum buic funetioni omnes illae favent circumstantiae, qnae priori
oppoountur. — Multum ex hac funetione in Universum etiam redundat
3m um: Oxygenium. quod plantae sub sole exhalant magnos illos
m reriim natura processus excitat, quos nemo non noscit quod quara-
vis a plautis ipsis in umbra iterum adtrahatur, tarnen exhibente saga-
n.-Mino Schulze hanc consumptionem magna superat copia. — Aliud,
nun minus grave foliorum nl'fir.imn est: in- et exlialatio va|ioriim
aqnosoram, hoc igitar miniere cum radieibus conspirant ; hnmores oar*
bonisatos adtraheodo, fontem nutritionis hac quoque via plautis suppe-
ditant; folia imo sub certis adjunetis radicem supplere possunt, quin,
hanc ipsam nutriunt, nti sub syrio ardente — sitiente ipsa Tellure —
:ssima vegetatio, aut plantae tenuissima provisae radicula (• Yassula-
ceae». aut hac plane orbatae, uti mirabUe Acrides odoratum.
nobilia nobis speciniina exhibent, qnae unice ex rore vel aeris vaporibus
per folia nutiimeiituni dueunt. Folia perspirant etiam aquam; nebulae
*■ sylvis ads urgentes , et ]>lures aliae observationes nos de eo certos
on1 ; exandatur autem per Uaec Organa maxima quantitas aquae. ouae
«s insugitur; in illa vero ratione. qua aqua dissipatur, hnmores
plastici carbonio ditiores fiunt magisque concentrantur, et in peculiaria
abeunt producta, quae sub secretorum nomine jam ex parte noseimus.
in in sequentibus cognoscemns. — In nltimis duabus functianilui-
ii iiuram vereamur oportet, quibus summum beneficiorum in aeeeptia
debemus: pluvias et föntest! Quae foliorum superficies inspirationi, quae
inspirationi inserviat? observationes a Bonnet. Duhamel, (ruet-
tardi evincere conantur. priorein inferiori, posteriorem superioii ad-
trtbuendam faciei, — quae si etiam anbinde puris destituannir. tarnen
lemoratam funetionem, endosmoseos et exosmoseos ope tenerrima for-
12
tun* de rita plantarnin.
mentnr membrana. Tandem folia varias substantias. oleosas, aetöereast
i etc. secernnnt et adservant. inter has notari meretur: pig-
meutum viride. chlorophyllnm dictum, qnod folia amoeno eoruni
rirore exornat. et fons evadit splendidissimornm colornm, quos in
corollis admiremnr.
B. Processus adsimilationis.
A'iua. acidu carbonico impraegnoti nmplititttiMiifl plantarum aatri-
mentum est. qua ibtiliBSmoi radiculorum tubulos aut papülas
iusugitur. ubi jam primam adsimilationem organicam experitur; sie
ullulam celliüae cummunicata, oranes plantae partes transudando
permigrat. ubique renisum illarum vitalem experitur. sieque m
magisque adsimilatur, donec tandem in foliis sunimam illam inuta-
tionem patiatur, qua in cambium, humorera alibilem plasticum —
ünem plantae. si velis — trariMnutatur. qui per eosdem canaliculus
vaiiis tarnen probabüiter temporibus descendit: ex hoc dein di\
Organa proprium sibi nutrimentum seliirunt, semet restaurant et cres-
ennt. — Gasiformes priueipium odores constituunt, in vapores olea
aetherea extendttntur. vel aqua fqnemadmodum sub perspiratinnis pfO-
&SBBB resolvitur; fluidae, molles et semidurae wen in penetralibus
Agentur, ubi mox di>Tinc-i ae in proguiii adservantnr raacolia futi e
atibOfl QOtam . BOX absqae lege commixtae ubiqae reperiuntur
lo<uiuni. ►
Substantias has sub secretis cognoviraus; usus earum ille videtur,
nt plantae alimentn ab extus denciente fsenio provectaei in nutri-
mentum inserviant (qm-inaiimodum anünalibus adeps), eaeterum abs-
que dubio et alins macrocosmi fines habent.
tfemorabilem naturae observatores feeere detectionem : perfectionem
recensitarum substantiarum cum organisatione plantarnm pari ingredi
passu. ut qnae inferiorum ordinum producta simpliciora ferant. quo
magis vero ad altioris vegetationis dignitatem elevantur, viribus majori*
bas instriiniitnr, materias ciuoque multum compositas. differeutes, ge-
nuinas, propignent; sie Lichenes. Algae, Musri rt F u u ^r i nun
ultra mueum produeuut, Gramineae sub ipsis etiam tropis vix
amylum et sacchariim elaborant, quae jam in Palmis oleoMs lmu-
pletantur, dum dicotyledoneae plurimis materiis speeiheis, oleis a.ilu-
reis. balsamis resinis. alcaloidibus etc. superbimir. — I aeterum pro-
te chimicovitalis in plantis nun quam non mutatur. sie seeundum
variam earum aetatem variis scatent siibstantüs. tenellae aliis. aliis
dum flore ornantur, aliis dum semina fernst ; sie anni periodic», sie
liei tempus, calor, lux. elertrieitas in eurum miscelam altera n du in-
fluunt, de quo plures loquuntur obseryationeaj itaCel Haync tradit
Bryophvllum calycinum in India vegetans, mane aeido. vespere
budsto postum adficere. dum sub meridie sapore careat: idem probat
eolorum in certis plantis mntatio: Hibiscus mutabilis flores mane
eandidos exhibet. die ndulescente carneos ottert, et Ulo senesceate
POBei dt — florofi <>ludioli versif-olnris >ni> oarora bruneo
tineti, intus i1:uo picti. per diem ita altera nt.ur ut ad venerum nobili
azureo resplendeant. — Non aliud odoris niutabilitas in plurimis plantis
patet.nit; l'elar?onium triste. Hesperis tristis. mirabilis
Tractatns de vita jilantariiiji.
13
Jalappa et longinora tantum noctu redolent; in aliis odor per spatia
adest itemm evanescit, sicLotusJacobaeus sob- collnstratas septies
de die odorem spargit tempore interealari omni destitutus.
Incrementnm plantarum, cum earum organisitio simples
t a tili us absolvitur, sunt, quae rapide increscunt, uti hoe in anuuis
nruprimis intueri posyiinms, quae pHticaruni intra hebdomadum spatium
ad plur.-s extenduntur pedes, Verbasco et ( icuta testibus; aliac minus
quidem festinant. seü in multos progrediendo annos, notabilem altitu-
dinem et erassitiem adsequuntur ; in priorem endogen ae semet elevare
aniant. ut qnaedam Oalamorum species mirabili nobis exemplo com-
probant, quae subinde ad 600 pedes versus coelum adsurgunt. Ins
accedunt Firns pyriferus cum 370', Araucaria excelsa cum 220',
Ceroxylon uinlicola 180', Areca oloracea 170\ dimensione in
altam — exogenae se in latum pandere proferunt. Adansoniarum
itatartim ad flumen Senegal crescentium truncus 34' in diametro,
107' in peripberia emetitur, frondes hujus arboris circulum 160' for-
innnt. in altum tarnen non ultra 70' adseendunt; Aloe dichotoma
ad 400' ambitum ramos extendit. Ceterum et in nostra zona stupenda
hujus generis inveniemus exempla: Keith qnercuui vidit 78' in
peripheria, 26' in diaraetro exhibentem, Ray aliam describit ad 130'
altam, 30' crassam. Memorabile bujns loci phaenomenon nobis i'o ry p h a
umbraculifera oftert, quae quatuor ante florem ferendum mensibns.
45 vicibns plus increscit, quam sab pari temboribus spatio in praetor*
lapsis 35 annis.
Keprodnetio in planus ad summum ßvolvitur gradum, cujus
rationem simplicior earum forma tionis typus includit, linde reprodiutio
plantarum suprema functio. in cujus gratiam et vegetabüia noininautur.
Adtente observantibus multa obveninnt exempla, quomodo una plantae
B«rs u ansi'ormetur in aliam, sie calyees metamorphosin corollarum
indunnt, parapetala stamina et pistilla in petala abeunt,
sicut baec in illa mutantur, sie et gemma, ex ramulo hortulani
inii'uriain educant plan tarn, imo ex uno simplici foliolo omnes plantae
• iiniiii partes; rnirandum sane nobis hie exemplum largitur Verea
piunata, cujus folium in terrae superficiem depositum multam copiam
nervorum individuorum progenerat Ceterum non omnia vegetalilia
pari ratione hac donantur proprietate, ut quoaltius organisata farbores]
racilius reproducantur ac inferiora (cujus euntrarium in animalibus
experimm .
Fiiictiftctitlo.
A. Organa fruetificationis.
Plantae, plasticae formationis curriculum emensae tandem in altioris
vitae speciem caput extollunt, dum florem generant. Flos provocatur
praeponderantia dynamis potentiarum fonnantium, praeeipue lueis,
super materiale tum formationis, ideo sab ov&tat plasticitas
recedit, dum vita plantae ad altiorem gradum evehitur. Flos est
summus evolutionis gradusT cum eo plantae vita peripherica exhauriatm
et ad primam contraetam suam originem (ad semen) reducitur. Et
r^vera quanti flos sit operis adtenti in plantis observabimus, qnae
quo perfectiori gaudent organismo, eo majore indigent tempore ut ex
14
Trucuttts de Tita jil&uUrum.
tenerrimo fine sublimem producant generationis adparatum ; sie plures
arbores in hoc opus mulros stimm ennsumere annos. Borossua
fla belli form is post 35 annoram spatium florem generar, ged cum
60 Mipremnm simul attigrit diem. — Plantae inferiores — cellulosae —
flore nunqnam indareseunt, agamae hinc compeUatae.
Flos comi^nitur caljee, corolla, reeeptaculo et adparatu
fruetificationis; posteriores partes ad fruetificationem absolute
necessariae sunt, quare et essentiales nominantur; priores jam adsunt,
jam desiderantnr, ideo aecidentales dieuntur, idem de neetariis et
parapetalis volet. — f'alyx. Structura et fanetione a folio nun diftert,
forma multiplici ludit, colore communiter viridi indutus, subinde et
alio superbit, nonnunquam corollae vices tenet, Oalyx tiorem aesti-
vantem obvolvit et defendit, buic nutrimentum largitur. — Corolla
»ubtilissimam strueturam vegetabilem exhibet; a calyce hac ipsa, sicut
variabili et frequenter splendidissimo suo calore ac odore distin-
guitur, quibns insignibus altiorem suam vitam et destinationeni simul
manifestat; color, quo Corolla insignitur jam ad omnes generationes
transit non alterandus; jam in progenie variat, ut nobis flores nostri
hortenses. in specie autera Georgia variabilis multa speciniina
mutatur. uti supra alio loco de Oenothera mollissima et grandi-
flora, Hibisco mutabili, Gladiolo versicolore, notavimus.
Odor florum iisdem substantiis debetur, e quibus alias resinae et
olea aetherea componuntur, et quae (ex Hydrogenio, Carbonio, et
Azoto, varia propoiliune mistis) in gas extensae extricantur, vel ipsis
olei aetherei vaporibus in gratiam referuntur. — Ceterum non omnes
floris partes aequali pruportione hac proprietate distinguuntur, jam
peripheriam tenentes iliosa), jam centrum oecupantes (C actus
grandiflorus) de illa magis partieipant. Flores nonnulli tantnm
sub die redolent, alii tantum noctu odores spar^runt (ad hos pertinent:
Pelargonium triste, Hesperis tristis); alii odorem per certa
diei spatla manifestant, uti hoc de Loto Jacobaeo alio loco no-
tavimus. — Quae odores attinent. rationem sufficientem in chemismo
Titali reperiunt, cooperante cumprimis calore, uti hoc plantae sub
trqpJs provenientes, aromatibus scatentes, comprobant: minore lucis
inflnxu, nani plantae in alpibns crescentes, quamvis intensae expositae
luci, sicut illae Zonarum frigidarum omni fere destituuntur odore,
dum contra flores in umbra adservati tarn bene oleant, quam qui sole
cdllustrantur (Narcissus). — Speetato odorum prineipio chimico facile
innotescit. cur flores, in cubiculis adservati, asthma, vertiginem apo-
plexiam provocare voleant. Idem pro fönte agnosennt: atmospbaera
inflammabilis (Dictamni albi) et phosphorescentia nonnullarum plan-
taium, uti in Tropaeolo majori, Lilio bulbifero et cale-
donico. Tagete patula et ereeta observatur, et quae in
Olavaria phosphorea Sowerby (Eizomorpha subcorti-
cali Pers.) tarn est insignis, ut in fodinarum loeis. in quibns repe-
ritiir, lampadem superfluam reddat «'orolla ad plantam id utilitatis
habet, ut partes nobilissimas. fruetificationi proprie dicatas ante et
sub foeeundatione defendat; colore et odore suo fors inseeta caprili-
cantia adlicit, praeterea staminibus subinde basin largitur, nee non
pei ispermium componit. — Parapetala et Xectaria foliola
sunt inter corollam et stamina situata; diversi coloris et formae.
Secundum eorum praesentiae inconstantiam et non cognoscenda func-
tione, speetata insuper frequenti eorum et petalis, staminibus aut
Traetatus de vita plantarem.
15
pisüllis metamorplmsi pro mero plastioitatis Insu habenda. Glan-
dulae strietius nectariferae ceilulis compoBitae ml: in penetraübus
lloria residentes mueum oxyriatum — mel s. nectar secernunt, qni
in Musa paradisiaca, Hoya carnosa (Asclepias carnosa,
L. . Agave lurida et americana tanta copia deponitm, ui in
terra m destillet, caeterum in diversis plantis varii reperitur odoris ac
saporis, imo et venenatae indolis ut hoc de Bromo terrestri.
Aconito. Napello et Paulinia australi nobis refertu. Glan-
dulae nect. perfectioni snccorum foecundantium inserviunt, dum se-
cretifl magis oxydatis, phlogiston liberius reddunt. C. Sprengel et
Wildenow nectare insecta caprificantia adlici existimant, veroque
cnm enthusiasmo hie loci divinam sapientiam depredicant, quae tali
rationi foeeundationem in quibusdam plantis absoivat. Absque dubio
in alios quoque naturae fines contribuunt. — Receptaculuni s.
thorus. seu thalamus nil aliud est, quam incrassatus et in latum
diduetus peduncnli terminns, qui florem et fruetum gestat.
Organa fi uetificationis in masculina — st am Ina — et
foeminina — pistilla — discedunt Stamina filamento et anthera
< onstant, vasculisque spiralibus, textu celhüoso obvolutis construuntur.
— Füamenta antheram gerunt, communiter filiformia, diversa
tarnen notantnr figura et forma, subinde et desiderantur ; frequen-
tissime pistillam circumdant. Antherae e regula de duobus folliculis
locnlaribus sibi adjacentibus junguntur pollinis adservationi destinati,
et jam in flore aeativante perfecta formati sunt In externa super-
ficie sutura notantnr, raox ad apicem, mox ad basin, mux in latere
folliculi sjtuata. quae ceterum in quibusdam plantarnm speeiebus
semper in eodem loco oecurrit, in his antherae pollen editurae rum-
pnntitr, alias valvula aut ealypti elastica aperiendae. — Pollen
pulvis foeeundans est; prima suo origine materiam semifluidam ex-
hibet, quae serius densatur ac in sphaerulas concrescit, quae jam
majores, jam visu armato vix distinguendae, coloris communiter flavi,
raro violacei (in Epilolioi aut rubri (Tulipa), jam perfecte ro-
tnudae. jam angulosae, jam distietae, jam confertae, sub microscopio
membranula tenni — utriculo — constare videntur, et in hac contenta
substantia nnguinosa — fovilla in aqttis nun. in olela vero solubili
in qua infinitae moventur molleculae — granula spermatica, aliis
animalcula seminalia. — Pistill um organon coneeptioni ac seminum
evolutioni destinatum, centrum floris tenet, ac in ovarium, styl um et
stiirma distinguitur. — Ovarium seu earpellum est infima pistilli
pars, peduneulo insidens. cavum in interno exhibens. subinde iu plures
loculos per dissepimenta divisum. Construitur tela cellulosa, quam
rasa spiralia ex pedimenlo adsurgentia permeant, qnae in dissepimmtis
aut ovarü parietibus concentrantur, suturas form an do, vel in axi hnjiis
organi in columelinn nmereseunt. Ovarium ovula continet, quorum
fonnationi ac evolutioni destinatum est; hinc animalium ovarium et
nterum repraesentat. Ovula rudimenta seminum sistunt, quae tene-
utium, hnmore limpido repletarum vesicularum sub spene manife-
statitur, et ope contextus vasculosi, quem in semine funiculnm nm-
hilicalem dieimus, cum suturis in ovarü parietibus et dissepimentis,
aut i'olumella — quae spatia in fruetu placentae nominantur —
itraguntur, per nunc Ipsum nutrimentum ex ovario haurientes. Tn
vulis. adtente examinantes. rudimenta omnium partium detegeinus*
luibus semen gaudet, et quae ante florura expansionem jam formatae
IG
Traotatus de vita plantarum.
sunt. — Stylus stigma L-estat: (Htm dlanientis pluriinuin eongruif.
in gaudrt text 111,1. similibus quuque cetera curporeis qualitatibus
[flgura, forma aubetantia) notatur; cetetum ßrebro deficit, unde orgauou
aecidentale. Stylus frequentissime cylindrum soliduui sistit. anbinde
et cavura, ad ovarium tarnen semper praeclusum. vasa ejus spiralia
in plaoentas usque propagantur. hinc in immediata cum ovuli.*. w-
aantor commonitate, quibus pollen eondacoDt Stigma stylo, hoc
auiciii delieiente germini immediate. hisidet. nunquam non adest quam-
vis insolita larvata forma visum eftiigere possit; in Lobeliis in-
dnaio ante pubertatem velata eonspicitur. in ceteris nuda creditm,
supertit jh.s ejus spongiolis. liquorem glutinosuin — gynizum —
cernentibus instruihii. qiiiljits fovillam ])ollinarem insugit. Forma
est varia. nuniero semper cum ovarii localis correspondent. —
Quae descripsinuis fruetiticationis Organa, complurimum in eodem
Iure Dopalantni — monoclineH — nonnunqnam tarnen du
a femellis separati distinctis includantur corollis — diclines —
qni niox sibi vicini in uno resident plantarum individuo — monoe-
> 'i 1 — jam in duo distribuuntur, ejusdem speciei, — dioecia, —
jan nun hermaphroditis in eadem inisceutur planta. « 'eterum herma-
phroditismum. ttta typnm in regno plantarum statuisse naturam ar-
bitramnr: nam: snb Bertis tempestatis influxlbus. scilicet: extremis
Uuis . t lmmiditntis. unnm genns ab alio separari. masculinura in foe-
mininum oenverti et contraria immutari posse observamus; sie
Myristiea m ose h ata quam Cel. Mauz observarit. uno anno
meros maseiilos, altero mens lbemineos prodnxit itoris sie Du Petit,
Thouars et Tel. I»e 1 and olle, antheraa certo oaao, ovülis et
ROUioe relertas OMiispexerunt. Rüper metamorphosin pistilli in stamen
wavit. — Hoc ex ineidenti ejus aftDMts opinionis: quemlibet floreni
rudimenta anhören orgnnorun continere. infiuentibus vero meraoratis
circumstantiis unnm evolvi aut aliud.
B. Processus foecimdationis.
OSqee generatinnis organa perfecta formata non sunt, gemma
inatre continentur, in cujus sinn ratio modo (in determinatis tarnen
familiis plantanim constante) complectuntur. dum autem illum for-
mationis et Vitalität is gradum. qui eos i'unetionibus eorum exsequendis
hahikfi reddit — polaritatem inter se — ad secuti. in florem
abenut. snb nijus exsplicatione (anbot) sequentem observamus ordinem:
Pepala calycis. quae sibi coutigua jacebant, ab invicem discedunt et
redeetautur: petala. qnae sibi ineumbebant, in corollaui abitura
separantur. et partes fraedfleantes libertati adserunt; erignntnr stamina
ac regulari ordine circa pistilla seiuet ooDocut ad haec conniventia.
quae omnia oteui et oalorä altioris evolutione comitautur. Haec
phaenomena rapide cum summa virium intensione inseqni in Cacto
grandifloro admiramur. qui tarnen exbausto post horam fiora suo
suavi tributum idoo persolTit. — Post breviorein aut longiorem moram
eutherae, turgore vitali ad sunmuni leusae in sutoiis rumpuntur. et
regulari quodam online pollen in Stigma prol'undunt. cujus granula
nax fovillam extricant. quae a spongiolis pistillaribus — uti humores
terrae per spongiolas radicales aride iusugitur. ac per raseuiorum
tatus de vita plantarem.
17
Styli contextum ovulo comnmnicatur, quod inde fuecundatum firadii
Alii processum galvanicum per contactum pollinis cum stigmatis papillis
.in siriunt. BiC per vasa spiralia velutl conductoree ad ovnla pro-
pagari, alii nee bis indigent. snl j;uti aina pullinari content! sunt,
quam a stigmate ut gas larbonienns a. ioliis absorberi credturt sioque
cum gyniro commixtani ovwla enm in modum foeeundare, ut hoc in
, salamandris et piseibus noseimus. — Processus foeeundationis
juratar circurustautiis exteruis. quae OMverahn Vegetationen) exaltant,
praeeipue caloris et h umiditatis moderatu gradu. nee non aöria
libero accessu. quae omnia pollinis extricationi favent — Quod hie de
mmioclinis protuli etiam de declinis valet, quoruni tVinellae per herma-
phroditos, quibus nun raro inter se gaudent, provideiitur polline, aut
hoc per rentos condonantur. — Tempus quo et per quod foeeun-
datio absolvitnr. variat: ("actus grandiflorus, una fere hora,
: volvulaceae una die. — Nyetaginea«- et Silenei una
norte. qnantum hoc ex marcescentia stigmatis e1 Btylj dijudicari potest.
istum actum consumunt, dum in Juglande, Betula et Fago ad
plures extcntlitur hebdomades.
Absoluta foecu ndatione, qua vigente manifestam vi rifun
isionem vidimus, earum lauguorem intuebimur; Organa generantia
morceseunt, regit viridis tioram colorT corollae corrugantur et sicce-
seunt, tabeseunt stamina, marcescit Stylus, donec omnia Im
adtaeta e planta deeidant. — Sed in eadem proportione augetur ritalitas
in germine; succi, qui partibns peripherieis prodigebantur, in illo con-
centrantur, quo ejus intumescentia efficitur. oviila per humores mueoso-
dulces, qui in ovario secernuntur, nutriantur, increseunt. omnes eorum
partes, quorum jam memiuimus perficiuntur, sieque in semina mutantur
ei Tutum germen in carpum s. fr actum evolvitui. < arjnis adhuc
erndus, ac viridi gignatns euticula. foliorum in modum aeres in- et
exspirare observatur, maturitati adproximans. sub omnibus circum-
itiia oxygenium absorbet, et carbonicum aeidum exhalat, quo con-
tribueiite ex substantiis phlogisticisquae in erudis fructibus acerbo
aut aiuaro gustum offendunt — saccharum evolvitur et aeida generantur,
Memoratu dignum est: eadem ratione, qua oxygenium in parencuymate
fruetus praevalet, carbonium et hydrogenium in ejus peripkeiia ex-
rare, quod araarus et unguinosus perispermiorum sapor probat. —
Tempus maturationis variuni et fructibus, cetfimm experientia teste
rtul Ins ultra duos annos ad perfectionem indiget. — Fructus maturan>
teguinento indiget, quod eum muniat ; hoc pariter a planta matre
providetur, quae eum mos organo, in quo formabatur. condonat. mox
üversis floris partibns vel foliis varia integumenta tbrinat, ut id
in capsulis, leguminibus, siliquis manifeste intnemur, quae
omnia perispermiorum veniunt ; in quolibet horum epidermidem
> epicarpinm, et cuticulam inferiorem , loeulos, quibus semina
continentur, investientem — endocarpinm — distinguimus, quae
Ende cartilagineara, imo osseam adquirit duritiem, tum pyrena
audiens; pars parenehywatura inter epi- et endocarpium situata meso-
carpium dicitur, quae jam majoris. jam minoris craasitiei, excussa,
fibrosa, carnea aut sueculenta. Bpectata perispermiorum substantia:
membranacea, lignea, carnosa et sueculenta distinguuntur.
quae in innumeras rediguntur formas. — Maturato fruetu. vasa materna,
quibus nutriebatur, sensim praecluduntur, sieque extra nexum cum
planta matre positus. deeidit. ut metamorphosin. cui originem debuit,
Swnnielweis' cesaram^Uc Werke. 2
18 Tractatus de Tita plantarem.
ipse nunc snscipiat; sed et planta mater naturae pro fructificatione
exantlata sacrificat, mortem partialem subiens, floribns, foliis et fructu
mnlctanda, aut vita penitus exuenda, uti hoc in annuis, imo multos
per annos Yegetantibus, semel vero tantum florentibus (Musis et
Palmis) observandum. dum aliae teste Cel. Humboldt in perpetua
qnasi juventute flores et frnctns ferunt. — Fructuum qnoqne dissemi-
nationi miro providit natura, dnm eos pecnliaribus hnnc in finem in-
struxit organis; Tel opus hoc aliis macrocosmi entibns concredidit:
sie in nonnnllis plantis semina in perispermiornm elastica dispicinntnr
iuti in Impatiente noli tangere, Balsamina hortensi,
Enphorbiaceis et Oxalydibns); in aliis alarnm ope propagantnr,
nti pterides Amentacearam ; ant pappis plumiformibus, uti in Valeri-
aneis. Synantheris. Dipsaceis. Cyperaceis. Semina leviora
venti snbinde per notabile spatinm fernnt graviora aqua per longnm
iter vehit. alia volatilia coeli dissipant, mammalia didnennt v. g. mnres;
qnae tandem homo hac in re faciat qnis non noscit!
These» defendendae.
i.
Botanicae Studium pro Medico practico summi momenti.
n.
Non dantur morbi intermittentes.
III.
Causam hydropis melius principiis mechanicis, quam dynamicis ex-
plicabis.
IV.
Sine Opio et Mercurio nollem esse medicus.
V.
Oranis Medicus sit psychologus.
VL
Föns floritionis medicinae modernae in Anatomia pathologica quae-
rendus est.
VII.
Viget in omnibus corporibus nisus conservationis.
VIII.
Prognosis non de aegri, verum de Medici sorte decernit.
IX.
Nulluni datur Signum morbi pathognomonicum.
X.
Nullum venenum in manu medici.
Die ersten Bekanntmachungen der
Semmelweis'sehen Lehre.
Ferdinand Hebra :
Höchst wichtige Erfahrungen über die Aetiologie der in Gebär-
anstalten epidemischen Puerperalfieber.
(1847—48.)
Die Redaction dieser Zeitschrift fühlt sich verpflichtet, die
folgenden, von Henri Dr. Ig. Semmel weis, Assistentin an der ersten
geburtshill liehen Klinik des hiesigen k. k. allgemeinen Krankenhauses
gemachten Beobachtungen in Hinsicht der Aetiologie der, beinah^
in allen Gebäranstalten herrschenden Puerperalfieber hiermit dem
ärztlichen Publicum mitzutheili-n.
Herr Dr. Semmel weis, der sich bereits über fünf Jahre im
hiesigen k. k. Kraukenhause befindet, sowohl am Secirtische als auch
am Krankenbette in den verschiedenen Zweigen der Heilkunde Bfcfa
gründlich unterrichtete, und endlich während der letzten zwei Ja luv
seine specielle Thätigkeit dem Fache der Geburtshilfe anwendete,
machte es sich zur Aufgabe, nach der Ursache zu
forschen, weiche dem so verheerenden, epidemisch
»ei laufenden l'uerperalprocesse zu Grunde liege. Auf
diesem Gebiete winde nun nichts ungeprüft gelassen, und Alles, was
nur irgend einen schädlichen Einfluss hätte ausüben könnenf wurde
sorgfältig entfernt.
Durch den tätlichen Besuch der hiesigen pathologisch-anatomischen
Anstalt hatte nun Dr. Semmel weis den schädlichen Hinflugs kennen
gelernt, welcher durch jauchige und faulige Flüssigkeiten auf selbst
unverletzte Körpertheile der mit Leichensectionen sich beschäftigenden
Individuen ausgeübt wird. Diese Beobachtung erweckte in ihm den
Gedanken, dass vielleicht in Gebäranstalten von den Öe-
1) ui tshelfem selbst den Schwangeren und Kreissenden
der furchtbare Puerpera lprocess eingeimpft werde,
und dass er in den meisten Fällen nichts anderes. ;ils
eine Leicheninfection sei.
Im diese Ansicht zu erproben, wurde auf dem Kreisszimmer der
ersten geburtshilflichen Klinik die Anordnung getroffen, dass Jeder.
der »ine Schwangere untersuchen wollte, zuvor seine
Hände in einer wässerigen Chlorkalk- Lösung (ükfor.
■ nur. ]. iqnat (in, tonne lihnt* dum) waschen musste. I > e l ■
24
Die ersten Bekanntmachungen der Semmelweis'achen Lehre.
Erfolg war eiu überraschend günstiger; denn währen iL
in den Monaten April und Mai, wo diese Massregel noch
nichl gehandhabt wurde, auf 100 Geburten noch aber
18 Todte kamen, verhielt sich in den folgenden Mo-
naten bis inclusive 26. November die Anzahl der
Todten zu den Geburten wie 47 zu 1547, d. h. Bl
starben von 100 — 2,45. . . .
Durch diese Thatsache wäre, vielleicht auch das Problem gelöst,
warum in Hebammen-Schulen ein so günstiges Mortalitäts- Verhältnis*
im Vergleiche zu den Bildungsanstaiten für Geburtshelfer herrscht,
mit Ausnahme der Matemiti in Paris, wo — wie bekannt — die
Sei Honen von Hebammen vorgenommen werden.
Drei besondere Erfahrungen durften vielleicht diese gfi eben ans-
gesprncheiie Ueberzoiigung noch weiter bestätigen, ja sogar den Um-
fang derselben noch erweitern. Dr. Semmel weis glaubt nämlich
nachweisen zu können, dass:
1. durch vernachlässigtes Waschen einiger mit Ana-
tomie sich beschäftigender Schüler im Monate Sep-
tember mehrere Opfer gefallen sind: dass
2. im Monate October durch häufige Untersuchung
einer, an verj auchendem Medullarsarcom des Uterus
leidenden Kreissenden, — wonach die Waschungen
nicht b e o b acht ei wurden; sowie e n d 1 i C h
3. durch ein, am Unterschenkel einer Wöchnerin
vorhandenes, ein jauchiges Secr et lieferndes Geschwür
— mehrere von dem mit dieser gleichzeitig Entbun-
denen inficirt wurden.
Also auch die lieber tragung jauchiger Exsudate
aus lebenden Organismen kann die veranlassende Ur-
sache zum T'uerperalprocesse abgeben.
Indem wir diese Erfahrungen der Oeffentlirlikeit übergeben,
stehen wir an die Vorsteher sämmtlicher GebäranstaltenT von denen
schon einige durch Herrn Dr. Semmel weil selbst mit diesen höchst
wichtigen Beobachtungen bekannt gemacht wurden, das Ansuchen,
das Ihrige zur Bestätigung oder Widerlegung derselben beizutragen.
Fortsetzung der Erfahrung über die Aetiologie der in Gebär-
anstalten epidemischen Puerperalfieber.
Im Decemberhefte 1847 dieses Journals wurde von Seite der
Redaction desselben die höchst wichtige Erfahrung veröffentlicht, die
Herr Dr. Semmel weis. Assistent an der ersten geburtshilflichen
Klinik, in Hinsicht auf die Aetiologie des in Gebarhäusern epidemischen
Puerperalfiebers gemacht hat.
Diese Erfahrung besteht nämlich (wie es den Lesern unserer
Zeitschrift noch erinnerlich sein wird} darin, dass Wöchnerinnen
hauptsächlich dann erkrankten, wenn sie von Aerzten, die ihre Hände
durch Untersuchungen an Leichen verunreinigt und nur auf gewöhn-
liche Weise gewaschen hatten, uutersucht (touchirt) wurden ; wahrend
entweder keine oder nur sehr geringe Erkrankungsfälle Statt fanden,
Die ersten Bekuntmiflhungai! «kr > mmelweis'sclien Lehre.
25
wenn der Untersuchende seine Hände früher in einer wässerigen
l Ihloi kalk-Lösuug gewaschen hatte.
I'iese so höchst wichtige, der Jenner'schen Kuhpockenimiifung
an die Seite zn stellende Entdeckung hat nicht nur seither im hie-
sigen Gebärhause ihre vollständige Bestätigung erhalten.' sondern
l sa haben sich auch aus dem fernen Auslande beifällige Stimmen er-
hoben, welche die Richtigkeit der Semmel weis' sehen Theorie be-
gkmbigen. Hingelangte Briefe, und zwar aus Kiel von Michaelis»
und aus Amsterdam von Tilanus sind es, weichen ich diese be-
dingenden Miitheilungen entnehme.
I'in jedoch dieser Entdeckung ihre volle Gültigkeit zu gewinnen,
werden hiermit alle Vorsteher geburtshilflicher Anstalten freundlichst
ersucht, Versuche anzustellen, und die bestätigenden oder widerlegen-
den Resultate an die Kedaction dieser Zeitschrift einzusenden.
C. H. F. Routh:
Ueber die Ursachen des endemischen Puerperalfiebers in Wien.
(1848.)
Eingelangt am 29. Mai - gelesen am 28. Nov. 1848.
Nachdem der Verfasser der folgenden Zeilen wiederholt Gelegen-
heit gehabt hatte, bei seinem Besuch auf dem Continent unglücklich
verlaufene Fälle des Puerperalfiebers mit besonderer Aufmerksamkeit
zu studiren, war er in der Lage gelegentlich der Besichtigung der
Pariser und Wiener Krankenhäuser eine gründlichere Einsicht in
die Ursachen der genannten Krankheit zu gewinnen. Die folgenden
Bemerkungen beziehen sich hauptsächlich auf Wiener
Verhältnisse, obwohl es anzunehmen ist, dass ähnliche Fälle auch
anderswo vorkommen und erfolgreich bekämpft werden.
Zum richtigen Verständnis* der Suche ist es angezeigt, einige
Winke über die Art und Weise des Betriebes im Wiener allgemeinen
Krankenhaus vorauszuschicken.
Ks gibt dort drei Abtheilungen für Wöchnerinnen. Die erste
ist für Fremde nicht zugänglich, also hier nicht zu besprechen. Die
übrigen zwei stehen für ärztliche Untersuchungen frei.
') Indem im Monate Deceinber 1847 auf 273 Geburten 8. im Jänner 1848 Ntf
283 Geburten 10, im Monate Februar auf 2!M Geburten 2 Tode« fülle kamen, und
im Monate März keine \\M< Imeriu starb, so wie sich auch gegenwärtig keine ein-
zige Pturperal'&ranke im Gebärhanse befindet Wlbsend der 10 Mannte, wo das
ben mii Chlorkalk vor jeder Untersuchung rorgettommea wird, sind •letnnarh
von 2670 Entbundenen blos 67 gestorben, eine Zahl, die früher Uteri in einem
Monate überstiegen wurde.
2H Hie ernten Bekanntmacbungen der Semmelweis'schen Lehre.
Der Einfachheit halber werden wir diese beiden als erste Ab-
t hc ihm ff und zweite Abtheilung bezeichnen. Die erste Ab-
thniluiiff «teilt den studirenden Aerzten und Hebammen zur Ver-
fügung, die zweite aber ausschliesslich nur Hebammen. In
der erat eren verkehren etwa 20—30 Aerzte und acht Hebammen,
wnlc.li letztere auch die notwendigen Hilfsarbeiten verrichten. Ausser-
dem ffibt es gegen sechszehn Hebammen, die in den einzelnen Kranken-
Kinnnern den Pflegedienst versehen. Die letzteren sind acht an der
Zahl: sie sind geräumig und luftig.
In der zweiten, nur für Hebammen bestimmten Ab-
theilung gibt es etwa 28 Krankenzimmer, die bis auf ihre be-
scheideneren Ansprüche betreffs Geräumigkeit und Luft, ganz mit
denen der ersten Abtheilung übereinstimmen. Folgende Tabelle ver-
anschaulicht die Durchschnittszahl der Entbindungen und der Sterb-
lichkeit für einen Monat:
/«hl il#r Rat«
Erst* Abt heilang - Mortalität
Normal
Durch Zufall
Sterbe-
falb«
Vor-
Kmbiii- | falle
Ver-
hkltniss
iu den
Rotbiu-
dati^en
Zweite Abtheilung — Mortalität
Normal
Durch Zufall
Sterbe-
falle
Ver-
hältnis
zu den
Entbin-
d untren
Sterbe-
fälle
Ver-
hältnis»
in den
Entbin-
dungen
idurchschuittl
«, PO 1:9.1« , ca. 70 1:&9S
ca. 7— 9 1:34.37
durch-
schnitt-
lich 8
ca. 3 1:91.66
In eiueu» einzelnen Jahre starben in der ersten Abtheilnng 500
y*\u 5000 Kntbuudenen. während iu der zweiten auf dieselbe Zahl
kaum 40 Sterbel'alle kamen. Wohl bemerkt, diese Daten sind nur
anuaherud seuau» da die Statistik aus einleuchtenden Gründen geheim
gehalteu wird.
IHe Fehandlunv: iu der ersten Abtheilnng erfolgt folgender-
»asseu: vier Hebammen siud tur den Nachtdienst reservirt. und vier
Ar den Tag. Jede hat der Reihe nach eine Frau zu entbinden: eine
ist jedoch ttwh obendrein herangezogen als „Tagebuchführerin-.
der es oNkjc die an diesem Tag* vorkommenden Fälle zn über-
fratett. Zu diesem Kehati'e sind ihr iwei Herren manchmal nnr
eüter ittr Kti:e zugewiesen. Fei der Verrichtung dieses Dienstes
is* es den letzteren u.ttbenonuneDL die rntersachaagen. sc- oft es Omen
*nt iiakt» srt wiederholen. Man seht aber noch weiter: aas oia
das rfa:Ļtt der Kili&ts vaanreavmmeOs so werden die Hebammen
nnd. ectec der Aerste -es waren vvrotals zwei . d-en Vorschriften ge-
mäss, lur KzKbisd&üg äerbesg-iruien. md ä ist es jenen Gruppen.
«ssia'.rec ihre lacersuciiitagett z*i machen. Gibc es -eiaen interessanten
Fall. >»• erlabe .'der vj»r»:-ri!wc der bei TsLieszei: inspiciremi* Pro-
tfessor. .»der ier n ier Nach: i:e Aufsicht rlir^ade Assiscent, den
aa^esendeu K?rr*«i. _"i~^ ?ecöaca.ta3gea an marhtii. sc <iass jede
Faveucin m;n>.est-:9i> v-'ii rin:' >r-viiiir«ea«ien. nxmils -;a i — 3 rmil si>
Die ersten Bekanntmachungen der Semmel weiä'sehen Lehre.
27
vielen, untersucht wird. Der praktische Unterricht wird auch in
einem privaten Curs ertheilt, wo Operationen au weibliche p
Leichen vorgenommen werden.
Der klinische Unterricht wird in der zweiten Abtheilung nach
-elben Plan geführt, die ruiersnehimgeu weiden gerade so häufig
genommen; allein die practischen Demonstrationen und
die Operationen werden nicht an Leichen, sondern an Lederphan-
tomen vollzogen. Diese Thatsaehe ist besonders zu betonen. Die
Einzelheiten mögen etwas geringfügig erscheinen, doch sind sie von
SB wichtigen Folgen, um VOB ihnen absehen zu können.
Die furchtbare Sterblichkeit der ersten Abtheilung im Veidialtniss
zu der zweiten wurde endlich so berüchtigt, dass viele Frauen sich
sträubten, wenn man sie in jener als Patientinnen zuwies, und dass
die öffentliche Stimme endlich die Behörde bewug eine Untersuchung
in der Angelegenheit einzuleiten. Die zu solchem Behufe ausgesandte
rnission kam zu dem Schhiss, dass das Umsichgreifen des Fiebers
der überaus grossen Anzahl der assistirenden Studenten zuzuschreiben
ist. Demzufolge wurde deren Zahl von vierzig auf dreissig herab-
gesetzt Allein das Sterblichkeitsverhältniss zwischen den beiden Ab-
gingen bestand unverändert fort, so dass es augenscheinlich war.
die wirkliche Ursache noch nicht gefunden war.
Dieser auffallende Unterschied zwischen den zwei Abteilungen
erregte allerdings die Aufmerksamkeit der Fachleute; man führte
sogar analoge Falle- in anderweitigen Spitälern an. So behauptete
man z. B., dass in Prag, wo auch diese geschilderte Zweitheihmg be-
steht, die Sterblichkeit in der Abtheilung der Aerzte eine noch
größere sei als in Wien, während diese in der Section. wo nur Heb-
ammen beschäftigt sind, eine sehr geringe, ist. Audi in Strassburg
gibt es — wie Verfasser von Dr. Wrieger, einem practischen Arzte
übst erfuhr — zwei Abtheilungen, mit dem gleichen Unterschied
an Sterblichkeitszahl, so dass es manchmal sich als nothwendig er-
wies, die Abtheilung der Aerzte behufs Desinficirung der Kranken*
zimmer zu schliessen: bei den Hebammen hingegen waren Puerperal-
Beber-Falle selten. Die sprichwörtliche Sterblichkeit in dem Pariser
„Höpital Gliniqne", wo ausschliesslich männliche Aerzte und Studenten
diat'tigt sind, wurde als trauriger Beleg dafür angeführt, um die
verderblichen Ergebnisse der männlichen Geburtshilfe zu beweisen.
Die erste und begreiflichste Annahme war. dass das Fieber in erster
Beine von der rohen Behandlung der männlichen Geburtshelfer her-
rühre, denn sie verursache in den Genitalien Entzündungen, welche
durch Verbreitung nach aufwärts die Entstehung des Puerperalfiebers
zu Folge hätten, während die Manipulation der Hebammen eine viel
Sattere und deshalb auch viel verlässlichere wäre. I'ine kleine Ueber-
legnng und einige positive Beispiele genügten aber gerade das Gegen-
theil zn beweisen.
1. Wäre — wie Dr. Semmelweis (auf den wir noch zurückkommen
werden] bemerkt — diese Annahme richtig, so würde ein jeder
schwierigere Fall, wo eine Operation benöthigt wird, i du Puerperal-
fieber zu Folge haben, was jedoch den Thatsachen nicht entspricht.
■_!. Männliche Geburtshelfer sind an anatomischen und physio-
logischen Kenntnissen den Hebammen weit überlegen, sie vermögen
die Diagnose viel leichter und schneller, mit weniger Maaipti-
liren und Herumtasten festzustellen, so dass hierdurch der
Die ersten Bekanntmachungen der Seramelweis'schen Lehre.
Hanptursache einer Entzündung und einem derselben folgenden Puer-
peralfieber vorgebeugt ist.
:; Das Puerperalfieber ist in der Privatpraxis der Accou-
cheurs verhalt nissmässig selten.
4. Endlich wird durch das Pariser Höpital de la Maternite der
Beweis für die l'nhaltbarkeit der erwähnten Annahme geliefert, in-
1 -in daselbst die Entbindung ausschliesslich den Hebammen obliegt
und die Sterbefälle dennoch ebenso häufig sind.
Es ist also als eine erwiesene Thatsache anzusehen, dass das
Puerperalfieber nicht der rohen Behandlung männlicher Geburtshelfer
zuzuschreiben ist.
Ansteckung. — Da die Erscheinung der Ansteckung als die
iche so vieler Krankheiten betrachtet wird, wollen wir ins Auge
fassen, in wieferne dieselbe fähig ist, Puerperalfieber zu verursachen.
Dasa die directe Berührung mit dem Contagium, der mittelbare
oder unmittelbare Verkehr mit den von Puerperalfieber befallenen
Personen, dass ferner das Verschleppen von ansteckenden Krank-
heiten, wie Typhus. Erysipelas und andere Fieberkrankheiten in
vielen Fällen Puerperalfieber unter den Patientinnen hervorgerufen
hat, unterliegt keinem Zweifel Die Aerzte Copland. Collius, liigby,
Lee, Gooch, Ferguson. Blackmore, Piddie, Storr und viele andere be-
richten über solche Fälle. Dr. E, Murphy in London machte die
Fachleute schon gelegentlich der Dubliner Epidemie darauf aufmerk-
sam, wobei na< .-bewiesen wurde, dass Aerzte. welche einen Puerperal-
fieber-Fall behandelten und dann andere entbindende Frauen be-
suchten, ohne vorher die Kleider zu wechseln, fast immer die Keime
der Krankheit fortgepflanzt haben. IhesWIie Thatsache wird durch
das Beispiel eines deutschen Studenten bekräftigt, der die gynäkolo-
ie Praxis ausser- und innerhalb des Spitals ausübte, und die
wendigen Massregeln der Reinlichkeit bezüglich des Kleider-
wechselns etc. nicht beobachtete und eben deshalb in jedem Falle
seiner Praxis den Patientinnen das Puerperalfieber beigebracht hat,
währenddem andere, welche minder nachlässig waren, ein erfreu-
licheres Resultat aufzuweisen hatten.
I asser war mit dieser Thatsache im Klaren und machte dies-
bezüglich besondere Forschungen in Wien, allein die gewonnenen
Ergebnisse waren von geringem Werthe. Erstens erschien es nicht
als wahrscheinlich, dass das Fieber z. B. durch Ansteckung mit
Typhus, welche Krankheit bekanntlich zu den ^ewnlmlichsten und
verhängnissvullsten in Wien irehörte. verursacht sein könne. Es war
nicht nachzuweisen, dass auch nur einer der Fieberfälle von solcher
Ansteckung herrühre, noch hatte eine Typhusei krankung der Ammen
und Wärterinnen u. s. w. Pnerperalfieber-Fälle zur I-'<>Il!>.
Was zweitens die Verbreitung der Krankheit durch die Kleider
der Pfloger anbelangt, so wird diese Annahme durch das Wiener
Krankenpflege S\si ein selbst widerlegt Die Aerzte und Hebammen
sind beständig bei den Betten der Puerperalfieber-Kranken. und zwar
ähnlich in derselben Kleidung. Verfasser selbst hatte fortwährend
dasselbe Kleid, das 07 für Üe Dienstverrichtoilg im Spital reservirt
hatte, anbehalten: er hielt sieh oft sehr lange an dem Bette einer
Sehwerkranken auf und behandelte sie auch, ohne dass er dabei die
Krankheit in die übrigen Krankenabtheiluntreti fortgeschleppt hätte.
Die ersten Bekanntmachungen der SemmelweisVhei) Lehre.
Gleicherweise wurde beobachtet, dass Patientinnen, die zwischen
solchen Puerperalfieber- Kranken Lagen, trotzdem dem Puerperalneht-r
entgingen. Obwohl die erwähnten Fälle noch nicht als positive Be-
za betrachten sind, bieten sie dennoch mindestens negative
Anhaltspunkte, da sie in Folge ihrer Häufigkeit eine gewisse Folge-
: zulassen. Mit der zweiten Abtheilung hat es dieselbe Bewandt-
Es werden da dieselben Massregelu beobachtet und also der
angeblichen Ansteckung dasselbe günstige Terrain geboten, mit dem
Unterschiede, dass hier die Hebammen sich noch länger an einem
Bett aufhalten. Ware also Ansteckung die Ursache des Fiebers, so
is in der zweiten Abtheilimg noch häufiger vorkommen als in
der ersten, wahrend bekanntlich gerade das Gegentheil stattfindet
Drittens. Das Strassburger Spital scheint ebenfalls die conta-
Natur der Krankheit zu widerlegen. Hier kommt es vor —
und /war gewöhnlich jedes zweite Jähr — dass das Fieber so epi-
demiscn wird, ilass die Schliessung der Anstalt behufs Desinhcii ung
nothwendig wird. Die Patientinnen, die zu jener Zeit vom Puerperal
er befallen sind, werden in die Abtheilung für Hebammen über-
tijlirt. Die Erfahrung lehrt nun. dass dadurch die Krankheit nicht
i eitrt wird. I >iese Thatsache wird mit Bezugnahme auf Dr. Wrieger
als Autorität angeführt.
Viertens. Es wurde schon oben der acht Hebammen und sechs-
zehn Ammen Erwähnung gethan. die in Wien in der ersten Ab-
theilung beschäftigt sind. Nun müssen Erstere laut Vorschrift ver-
h'irathete Frauen sein und wahrscheinlich besteht dieselbe Ver-
pflichtung auch für die Letzteren. Sie alle sind in fast beständiger
Berührung mit Puerperalfieber-Kranken. Die meisten, wenn nicht
alle, entbinden gleichfalls im Spital, wobei ihnen ohne Assist irung
eines Arztes in einer tten Abtheilung eine der Ammen
die Geburtshilfe leistet. Hier haben wir also den Fall, wo die Mög-
lichkeit der Ansteckung in hohem Masse obwaltet, dennoch aber hat
Verfasser kein einziges Beispiel verzeichnen können, wo die Nieder-
kunft einer Hebamme oder Amme mit einem Puerperalfieber com-
plicirt gewesen wäre.
Fünftens und schliesslich: Die einzige Thatsache, welche die
Vermuthung einer Ansteckung zuliesse, wäre folgende: Es ist öfters
•kommen, dass das Kind einer Puerperalfieber-Kranken beim Be-
ginn der Krankheit der Mutter starb und dass die Untersuchung
post mortem des Kindes stets Peritonitis als Todesursache ergab.
Die Thatsache ist wichtig, da Peritonitisfälle auch bei Männern.
deren Frauen an Puerperalfieber erkrankt waren, nach den Beob-
achtungen des Dr. Storr vorgekommen sind. Nichts de.smweniger ist
> Argument nicht genügend kräftig um die Ansteckung zweifellos
zu machen. Da wir allen Grund haben anzunehmen, dass in Fällen
des Puerperalfiebers die Lochien ebenso giftig sind, wie puerperale
Ab8cesse u. dergl., dass sogar das ganze Blut inficirt und deshalb
auch das Kind durch die schädlichen Bestandteile der Muttermilch
at'tieirt werden kann, so liegt es auf der Hand, dass die Auffassung
sehr zulässig ist, es wäre die giftige Muttermilch (welche von allen
Beereten am leichtesten von dem Zustande der Mutter beeinflusst
wird', welche die Peritonitis verursacht (wie denn auch die C'antha-
riden Kntziindungen in der Urethra hervorrufen können). Nach allem
30
Die ersten Bekanntmachungen der Semmelweis 'sehen Lehre.
diesen ist es evident, dass die Oontagiosität des Puerperalfiebers in
Wien weder von Berührung, noch von anderer directer oder indirecter
Ansteckung herrührt
Infection. — Infection — ein „besonderer krankhafter Einthiss
durch die Athmosphäre, der ausserhalb des Bereiches der persönlichen
ihrung vielleicht durch die Respiration wirksam ist", und der
sowohl von epidemischer Ansteckung als von dem Üontagium
im eigentlichen Sinne wohl zu unterscheiden ist — wäre nach meiner
Auffassung im Falle des Wiener Krankenhauses gar nicht in Com-
liiiialimi zu nehmen. Viele Thatsachen, die im Zusammenhange mit
der Frage der Ansteckung angefühlt wurden, eignen sich dazu, die
Annahme der Infection zu widerlegen; unter andern z. B. auch das
Fehlen der Fieberfalle unter den Ammen. Ausserdem ist hier kein
Umstand aufzuünden, der die Infection begünstigen würde, wie
Mangel an Lüftnng, Reinigung u. s. w. in den Krankenzimmern.
Leintücher werden beständig gewechselt, die Krankenzimmer jeden
Tag theihveise, jeden dritten bis vierten Tag aber gründlich gereinigt,
wobei selbst die Matratzen gewechselt werden. Es herrscht also in
jeder Abtheilung die vollkommenste Reinlichkeit Ist eine Patientin
an Puerperalfieber erkrankt, so wird sie unverzüglich in eine abge-
sonderte Abtheilung geschafft. Ferner haben wir noch ein triftiges
Argument gegen die Annahme der Infection in der Thatsaehe,
dass gerade in den Zimmern der Hebammen, die doch minder ge-
räumig und luftig sind, als die Zimmer der ersten Abtheilung, die
Fieberfälle seltener vorkommen. Diese Betrachtungen berechtigen
also zu der Folgerung, dass die Infection nicht als eigentliche Ur-
sache des Puerperalfiebers in Wien zu betrachten ist.
Directes Beibringen von giftigen Stoffen oder In-
oeulation. — Dr. Blackman in Edinburgh war der erste, der die
Möglichkeit erkannte, dass der behandelnde Arzt selbst die Krankheit
beibringen könnte, indem er giftige Stoffe subter ungues bei einer
Untersuchung per vaginam einführt.1) Obwohl dieser Umstand
auch von Anderen geahnt wurde, hat ihn meiner Meinung nach zu-
erst deutlich Dr. Semmelweis, der ausgezeichnete Assistent an der
Wiener geburtshilflichen Abtheilung erkannt. Angesichts einiger
Thatsachen kam Dr. Semmelweis auf die Folgerung, dass die eigent-
liche Ursache der Infection die Hände der Aerzte seien, die
mit Leichengift inficirt waren. Die Herren haben, indem
sie den Demonstrationen in der Todtenkammer beiwohnten, die ein-
zelnen Krankentheile oft mit den Händen berührt Nun hat Dr. Semmel«
weis festgestellt, dass die Hände, selbst wenn sie gewaschen werden,
einen e igen thiim liehen Leichengeruch beibehalten, der einige
stunden, oft sogar bis zum nächsten Tag andauert. Das Vorhanden-
sein des Geruches lässt auf eine, wenn auch geringe, Menge von
Leichengift — auf der Oberfläche, oder in die Epidermis eingesogen
— schliessen. Wenn man ausserdem bedenkt, dass in der Todten-
kammer oft wegen Mangel an Handbürsten, Seifen, warmem
W a s s e r die Hände garnicht genügend zu reinigen sind, so ist es
mehr als wahrscheinlich, dass das Leichengift unter den Nägeln
stecken bleibt, und folglich bei Untersuchungen per vaginam un-
ProT. Med. and Sarg. Journal No. XXV, 1845.
Die ersten Bekauntma<.Lnngeu der Seinraelwcij'scli. n Lehre.
31
mittelbar beigebracht werden kann. Wie wäre sonst der Umstand
erklärlich. den in der ersten Abtheilung die Krankheit so oft ent-
standen ist? Andrerseits aber erklären sich die günstigeren Uesund-
lifitsveihaltnisse der zweiten Abtheilung dadurch, duss lk Hebammen
keine anatomische Seetion mitmachen, sondern an Phantomen arbeiten,
also auch die Hände nicht mit Leichengift inficiren können.
Dr. Semmelweis ging aber noch weiter. Er handelte, auch seiner
Annahme gemäss. Er empfahl den Studenten die Leieheotheik nicht
zu berühren; thaten sie es aber, so durften sie bis zum nächsten Tag
an keine Patientin Hand anlegen. Bei der Praxis in den Abtheilungen
ertheilte er den Studirenden die Mahnung vor und nach jeder
Untersuchung die Hände in C hlorlösung zu waschen.
Der Krtolg dieser Vorsieh tsmassregeln war, dass die Zahl der
St er In- falle plötzlich auf sieben pro Monat herabsank,
also auf die Durchschnittszahl der zweiten Abtheilung. Das ist eine
bttedte Thatsache! -Sie erklärt auch den Unterschied an Sterblich-
keit in den zwei Abtheilungen zn Strassburg, wo die Aerzte ebenfalls
ationen und Sectionen an Leichen vornehmen, die Hebammen
aber nicht. Das Sterblichkeitsverhältniss in Prag findet ebenfalls
hierin seine Erklärung und der vormals als Ausnahme geltende Fall
der Maternite in Paris ist jetzt auch einleuchtend, wenn man erfährt,
dort die Hebammen ebenfalls die Secirungen ausüben. Was end-
lich das Höpital Clinique anbelangt, so macht der bekannte Eifer
der Pariser Studenten in anatomischen Untersuchungen und ihre
ziemliche Gleichgültigkeit in der Auswahl der Leichen, die furcht-
bare Häufigkeit der Puerperalfieber-Fälle leicht verständlich.
Auch die Falle in Gross-Britannien, die man der Typhus- und
Ei ysipHlas-Infection zuschrieb, durften in Wirklichkeit von direrter
lüoculation von giftigen Stoffen durch die inficirte Hand des Arztes,
der vorher eine brandige Wunde behandelt hat. herrühren. ') Be-
kräftigt wird diese Vermuthung durch die Aehnlichkeit dieser Fälle
■Sä dem durch Leichengift verursachten Puerperalfieber.
Der giftige Stoff geht auf verschiedene Weise in den Organismus
über. Theils durch die Resorption vermittelst der Vaginalschleimhaut.,
tbeils noch unmittelbarer durch unbedeutende Veränderungen der
Genitalien. Risse an der cervix oris uteri, oder auch durch die ihrer
Placenta beraubte Oberfläche des Uterus, da alle diese Stellen für
il'tionen in möglichst empfänglichem Zustande sind.
Die fieberischen Symptome stellen sich gewöhnlich am zweiten
oder dritten 'lag nach der Entbindung ein; jedoch sind auch Pälle
bekannt geworden, wo die Krankheit erst nach acht, sogar vierzehn
Tagen eintrat. Der verhängnissvolle Ausgang erfolgte in der Regel
nicht vor dem vierten oder fünften Tage nach dem Krankheitsanfall,
einigemal jedoch trat das Ende schon in vierundzwanzig Stunden ein.
Dem Anfall isl gewöhnlich ein Durchfall vorangegangen, nur selten
hatte die Patientin eine Verstopfung. Darauf folgte eine allgemeine
Mattigkeit, Schwächezustand und Starrheit; der Fnlsschlag war 120
bis 130 in der Minute, manchmal sehr schwach, selbst in der Höhe
von 160. Das subjeetive Befinden der Patientin ergab eine eigen-
'i Dr. Peddie's ease. Pro?. Med. and Surg, Journal. Nu. XX. lS4t'.: Mr. Storr'l
caie, ibid. No. (XVI, 1843.
m
Die erst™ Üekaimtiiiarhrni^ii der Sera inelwei «'sehen Lehre.
thümliche Aeitcstlichkeifc; ein allgemeines Schmerzgefühl wurde im
Dtcrna empfunden, das entweder vom Organe selbst, oder vom Peri-
toneum herrührte. So wie der Zustand an Intensität zunahm, ti n t
Hitze ein, Trockenheit der Zunge, Appetitlosigkeit, Durst u.s.w. Die
Lochien waren selten afficirt, weder an Qualität noch an
Quantität Die Mllchßecretion ging unverändert und uuverringert v or
sich. War die Haut ain Anfang der Krankheit trockener als gewöhn-
lich, so war dieser Zustand nicht andauernd, da die Respiration eine
immer frequentere wurde und die Frequenz bis zur Auflösung fort-
während zunahm, Grosse violettfarbige Flecken kamen manehma
den Extremitäten vor. In einigen sehr seltenen Fällen waivn vuen
ilii Sinne afficirt; sie klärten sich indess meistens allmälig bis wenige
Minuten vor dem Tode. Die wichtigsten localen Symptome waren
jene der Peritonitis; sie nahmen an Intensität stufenweise zu.
Die Schmerzen hörten gewöhnlich eine Stunde vor dem Tode auf:
indem das Gesicht allmälig einen bleichen, gelblichen, leichen ahn liehen
Ausdni« k annahm. Die pusi mortem gemachten Beobachtungen liefer-
ten folgende Ergebnisse: Arachnitis in geringem Masse. Manch-
mal Endocarditis, sehr oft Pericarditis. Beinahe immer etwas Pleu-
ritis oder Pneumonie. Leber und Milz gesund. Diffuse Peri-
tonitis mit plastischen Verwachsungen und sero-purulenter Flüssigkeit
in der Abdominalhöhle. Die Gebärmutter war sehr aufgelockert, sehr
weich und leicht zerreissbar, mit Eiter in den Adern, hanp&sächHen
in der Gegend der Fallopschen Tuben. Die innere Oberfläche war
von gelblich-weisser Färbung, mit stellenweisen plastischen Exsudaten.
Trat der Tod früh ein, so war nur eine kothähnliche Flüssigkeit in
der Abdominalhöhle vorzufinden, mit Endometritis und Eiter in den
Adern des Uterus. Oft war der Fall eine blosse Peritonitis, wobei
die Gebärmutter kaum angegriffen war. Der Körper war sehr geneigt
zur Auflösung; die äusst-re. Oberfläche Heckig, hauptsächlich an den
Extremitäten; die oberflächlichen Adern sehr sichtbar von matter,
bläulich rother Farbe. Das Blut gewöhnlich flussig und sehr dunkel,
an der Luft nicht gerinnend.
Das Fieber war nicht in allen Fällen gleich heftig. Dieser l'm-
stand mag seine Erklärung entweder in der Idiosynkrasie der Frauen
oder in der Verschiedenheit des Giftes finden.
Nach allen diesen glaubt Verfasser (indem er allerdings geneigt
ist anzuerkennen, dass das Puerperalfieber, so wie andere Fieber,
durch epidemische Einflüsse modificirt werden kann) sich zu nach-
stehenden Folgerungen berechtigt :
1. Dass das Puerperalfieber in Wien als ein endemisches Fieber
zu betrachten ist.
2. Dass das Fieber durch directes Beibringen von Leickenstoffen
entsteht, die durch die Hand des behandelnden Arztes eingeführt
werden.
:s Dass die Leichenstoffe, die von Körpern an Typhus, Erysi-
pels, Puerperal- und anderen Fiebern Gestorbener herrühren, be-
sonders gefährlich sind; indessen ist die Möglichkeit nicht ausge-
schlossen, dass gewöhnliche Leichenstoffe ebenfalls verhängnissvoll
seien.
4. Dass das Fieber weder als contagiös noch als infectiös zu
betrachten ist.
Die ersten Bekautitniachiiiigen der ScinmelwoisVheu
:;::
Die durch Dr. Seiumelweis getroffenen VorsichtemaBsregeln aber
hatten einen solch' günstigen Erfolg in Folge davon, da»
1. den Geburtshelfern Autopsien aller Art uiirl die Berührung
von Leichen überhanpl untersagt wurde;
2. dual ihnen /.ur Pflicht gemacht wurde, nie eine entbindende
Frau in solchen Kleidern zu behandeln, die möglicherweise innvirt
sein könnten. Für den Fall, dasa sie trotzdem genothigt sein sollten
mit Leichen in Berührung zu kommen, so wurde ihnen ans Herz ge-
tagt, MCh bei einer darauffolgenden Untersuchung per vaginnm nicht
damit zu begnügen die Hände noch so sorgfältig zu waschen, sondern
behufs gründlichster Reinigung von der Chloriösung Gebrauch zu
machen, um die Hände vor dem Betreten des Krankenzimmers von
den giftigen Stoffen vollständig zu desinticiren.
Nachschrift : 29. April 1849. — Mittheilungen, die mir sechs
Monate nach meiner Abreise ans Wien seitens der Herrn Dr. Tumanhof
zugekommen sind, bekräftigen in jeder Beziehung die günstigen Kr-
gebnisse der Befolgung der .Semmelweis'schen 7ordclitsmasaregeln,
In einem Briefe des Dr. Golling, Secundarius am Wiener Kranken-
de wird mitgetheilt: ,.l)r. Semmelweis und alle übrigen Aerzic
Krankenhauses .sind entzuckt von dem bewundernswert heu Kr-
seines Systems." Die Ursache des Wiener Puerperalfiebers ist
iit endgiltig ergründet.
21, Mai 1841». — Tu einem Biiefe des Dr. Semmelweis vom
4. Harz 1*49 werden folgende statistische Daten mitgetheilt:
In der ersten Abtheilung winden
im fahre lK4»i: 3354 Frauen aufgenommen. Gestorben sind 459
„ n 1847:3375 ,. „ „ „176
.. 1S4S: :'»:;r><i ,. „ „ ,. 46
Das Beinigen der Hände mittelst Chlor wurde im Kai 184-7 ein-
ihrt: die Abnahme der Sterblichkeit ist augenfällig.
Professor Michaelis in Kiel (Schleswig-Holstein) sehreibt mir. er
it der Zeit, da er die <'hlorwasehimgen angeordnet. — also
mem Zeitraum von einigen Monaten — nur einen Sterbefall ge-
habt, wahrend vorher die Mortalität so gross war. dass er sich
wiederholt bewogen fühlte, das Spital iranz zu sohliessen.
:w*lweis* genraineUe Werke.
84
l'it ersten Bekanntmachungen der Semmelweis'schen Lehre.
Dr. Carl Haller
Primararzt uri-l pKWiMdMlME DirertJons-AdjuiKl.
Aerztlicher Bericht über das k. k. allgemeine Krankenhaus in
Wien und die damit vereinigten Anstalten: die k. k. Gebär-,
Irren- und Findel-Anstalt im Solar-Jahre 1848.
Das Sterblichkeits- Verhältniss auf den beiden grossen
Gratisabth« ihmgvii der Gebäranstalt ist fast ein gleiches, und muss
in jeder Beziehung ein Befriedigendes genannt werden.
Seit .Jahren bestand jedoch eine bedenkliche Verschiedenheit.
Die unter Leitung des Prof. Klein befindliche I. Gebärklinik,
welcher ausschliesslich alle männlichen Schüler zugewiesen
sind, hatte eine auffallend grosse Sterblichkeit gegen Professor
Bartsch's Schule, an der sämmtliche Hebammen den Unter-
richt erhalten.
Die Gründe dieser höchst beunruhigenden Erscheinung konnten
nie mit Sicherheit ermittelt werden. — Das grosse Verdienst ihrer
Eh it «leckung gebührt dem emeritirten Assistenten der I. Gebärklinik,
Dr. Semmelweis. Von der Vermut.hung geleitet, dass die zahl-
reichen Erkrankungen und Todesfälle unter den Wochnerinen der
I Gebärklinik vielleicht zum grossen Theile in einer Einbringung
von Leichengift durch das Touehiren der gleichzeitig in der
>vrktionskanimer beschäftigten Studirenden und Geburtsärzte bedingt
sein könnte, und dieses durch die bisher übliche Reinigung mit
Seifen wasser nicht mit vollkommener Sicherheit hint angehalten
werde. Hess er im Mai d. J. 1847 mit Zustimmung Professor K 1 e i n s
jeden die Gebäranstalt betretenden Arzt und Schüler vor jeder Braten
Untersuchung einer Schärenden oder Wöchnerin die Hände sorgfältig
mit Chibrkaik -Lösung reinigen und diese Reinigung nach
jeder Untersuchung einer nur am geringsten Grade kranken Wöchnerin
wiederholen. Die consequente Durchführung dieser Massregel hatte
schon in den ersten Monaten überraschende Erfolge.
Die Z:\h\ der Todesfälle verminderte sich bereits im Jahre
1847 bei fast gleicher Anzahl der Geburten um 2 83, und
sank von 11.4 % auf 5.04 %l im Verlauf vom Jahre 184 8 aber,
wo diese Reinigung durch alle Monate beharrlich und methodisch
fortgesetzt wurde, stellte sich das Sterblichkeits-Verhalt niss dem auf
II. Gebarklinik gleich, ja zufällig noch um 0.1 % günstiger.
Mit der rerminderten Erkrankung und Sterblichkeit der Mütter
konnte auch für die Lebenserhaltung der Neugebornen ent-
sprechender gesorgt werden, und auch hier nahm die Sterblichkeit.
im merkbaren Grade ab.
Die Fi liti /.rügenden Beweise für die Dichtigkeit, dieser Schluss-
folge kann der Leser aus einem vergleichenden Blicke der nach-
folgenden Tabelle schöpfen, in welcher Geburt*- und Todes-
Die ersten Bekanntmachungeii der Smnnelweis gehen Lehre.
falle der drei Abtheilnngen des Gebärhauses in den letzten
10 Jahren neben ein «stellt sind, und überdies bemerkt,
werden inuss, dass die Sterblichkeit nur eine approximativ' richtige
Ist, indem bei überhand nehmenden Puerperal-E]>icli inien aus Sani
und Humanität*- 1,'u.ksj. li teil eine nicht unbedeutende Anzahl er-
krankter Wöchnerinen aus dem Gebärhause auf einzelne Abtheilungen
des Krankenhauses transferirt wurden, und als dort verstorben aus
der Rechnung entfielen.
Kahl«
«bar-Abtheil.
1. GebUrkliuik
II.
Seb&rklinik
(Prof. Bartsch, Prim.
Auf-
iPr
«L Klein)
(Prof. Bartsch)
Mihschik, gegenw.
Hipp. Prof. Chiari)
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Und was dem unbefangenen Prüfer dieser Zahlen unabweisbar
sich aufdringt, das haben directe Versuche an T liieren (Ein-
spritzungen von Eiter und Jauche in die Beneide ftn eben ent-
lenen Kaninehen), welche von den Iioktoren Semmel weis und
Lau Hier vor kurzem angestellt wurden und nach vollem Abschlüsse
veröffentlicht werden .sollen, ausser allen Zweifel gestellt
3»
36
Die ersten Bekanntmachungen der Semmelweüs'sriheu Lehre.
Joseph Skoda:
Üeber die von Dr. Semmelweis entdeckte wahre Ursache der
in der Wiener Gebäranstalt ungewöhnlich häufig vorkommenden
Erkrankungen der Wöchnerinen und des Mittels zur Ver-
minderung dieser Erkrankungen bis auf die gewöhnliche Zahl.
(1848.)
Vortrag', gehalten in Aal sitzmiir WM 1K. Octoher 1K4'.» der kais. Akademie der
Wissenschaften duroh das wirkliche Mitglied Prof.
Ich glaube im Folgcndrn eine der wichtigsten Entdeckungen im
Gebiete der Medicin zur KenntnhiS der verehrten ('lasse zu bringen,
nämlich die vom Dr. Semmel weis, gewesenen Assistenten an der
hiesigen Gebaranstalt, gemachte Entdeckung der Ursache der in
dieser Öebäranstalt ungewöhnlich häufig vorgekommenen Erkrankungen
der Wöchnerinen, und des Mittels zur Verminderung dieser Erkran-
kungen bis auf die gewöhnliche Zahl.
Ich werde vorerst die Thatsaehen and Schlüsse erörtern, aus
D I 'omliiimtion die Entdeckung hervorgegangen Ist, und dann
über die Massnahmen berichten, welche H0thjg schienen, um die
Entdeckung ausser Zweifel zu setzen.
J. Die Thatsaehen und .Schlüsse, ans deren I Dmbination die
Entdeckung hervorgegangen ist, lassen sich in folgenden Punkten
zusammenstellen :
1. Seit vielen Pecennien erkrankten und stallten in der hiesigen
Grebäranstalt die Wöchnerinen häufiger, als die Wöchnerinen ausser-
halb der öebäranstalt, obgleich die Pflege in der Öebäranstalt be
war. als sie bei I .andienten und den weniger wohlhabenden Bürgern
möglich ist. Während des stärksten Wüthens der Puerperalkrank-
helten im hiesigen Gebärhause beobachtete man weder in Wien noch
am Lande ein häufigeres Erkranken der Wöchnerinen. Diese That-
sähe musste jeden Gedanken an eine bei der Erzeugung der Puer-
peralkrankheiten direct thätige epidemische Ursache beseitigen. Die
häufigen Erkrankungen in der hiesigen Gebäranstalt konnten unge-
achtet der stereotyp gewordenen iregeutheiligen Behauptung nicht
als Puerperalepidemien angesehen werden.
2. Seit in der hiesigen Öebäranstalt eiue Abtheilung zum Unter-
richte der Aerzte und eine Abtheilung zum Unterrichte der Hebammen
bestellt, war die Zahl der Todesfälle auf der für die Aerzte be-
stimmten Abtheilung bis Juni 1847 constant — im Jahre 1846 sogar
um das Vierfache — grösser, als aut der Abtheilung für Hebammen,
wie die folgende Tabelle1) zeigt;
•) Diese nnch amtlichen Ausweisen entworfene Tabelle gibt die Zahl der auf
der Ahtheiluuu fttf Ntudireiide Yer-itnrlieneii kleiner an, als sie wirklieh war. weil
zuweilen die erkrankten \\ rft lim -riiieit TOB der (ir-liäranstalt in das Krankenhan«
transferirt wurden, daselbst «tarben und dann in die Ausweise de« Krankenhauses,
nielit aber in jene der in-liiimrjstult als verstorben eingetragen wurden.
Die ersten Bekanntmachungen der Semmel w
37
Juhr
Abtbeil n ng für A e r z 1 1
A btheil n n g ffl r Hebt m rnen
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23
2.03
2.7
Es ist begreiflich, dass eine so enorme Differenz in der Sterb-
lichkeit auf zu i-t AMheilungen derselben Anstalt die allgemeine Auf-
merksamkeit auf sieb zog, und dass man deren Ursache zu ermitteln
Buchte Die darüber vom nichtärztlichen Publikum, von Aerzten und
in den amtlichen Verhandlung n vorgebrachten Ansichten waren von
der Art. dass es bei Kenntniss der Sachlage keines besondern Scharf-
sinnes bedurfte, um sie siinimtlieh für irrig zu erkennen.
Am allgemeinsten war die Ansicht verbreitet, dass au den vielen
Todestalien die ärztliche Behandlung schuld sei. Man übersah dabei
nur den I instand, dass die ärztliche Behandlung- auf den beiden Ab-
teilungen nicht verschieden war.
Eine zweite Meinung war, dass das durch die Anwesenheit junger
nier bei der Entbindung verletzte weibliche Schamgefühl die Er-
krankungen im Wochenbette bedinge, eine Meinung, die nur ein ganz
Unerfahrener haben kann. Eine weiter gehende Spekulation erkannte
in dem üblen Rufe der Anstalt, in welche sich die Schwängern nur
höchst un gerne begeben, und in welcher sie in beständiger Angst
vor der Erkrankung verweilen, die Quelle der häufigeren Erkran-
kungen. Es ist kaum uüthig zu bemerken, dass der üble Ruf der
Anstalt erst durch die vielen Todesfalle bedingt wurde, dass somit
diese Ansicht den Anfang der häufigen Erkrankungen unberück-
Bichtigt liess. Zudem hätten die Vertreter dieser Ansicht, wenn sie
die Erfahrung zu Rathe gezogen hätten, sich sehr bald überzeugen
fcfinnen, dass die Erkrankungen mit der Furchtsamkeit oder A engst -
lichkeit der Wöchnerinen in keiuem Zusammenhange stellen.
In den comniissionellen Verhandlungen wurde bald die Wäsche,
bald der beschränkte Raum, bald die unvorteilhafte Lage der An-
stalt beschuldigt, obgleich in allen diesen Punkten die beiden Ab-
1 Dia «■"H-iiindige Trennung erfolgte am J9. April 1839; früher waren 8tO«
dirende tuid Hebammen auf beiden Abtneunngen gfineinsrhuftltch.
38
Die ersten Bekanntmac hu ng-en der SeinmelvreiiMchen Lehre.
theilungen gleich waren. Die diesen Annahmen entsprechen dm
Massregeln blieben begreifliche]- Weise stets ohne Resultat. Gegen
Ende des Jahres 1846 gewann bei einer com mission eilen Verhandlung
die Ansicht die Oberhand, dass die Erkrankungen der Wöchnerinen
durch Beleidigung der GeburtstheiJe bei den zum Behufe des Unter-
richtes stattfindenden Untersuchungen bedingt sind. Weil aber solche
Untersuchungen der Hebammen gleichfalls vorgenommen werden, so
nahm man. um die häutigeren Erkrankungen auf der Abtheilung für
Aerzte begreiflich zu finden, keinen Anstand, die Studirendeu und
namentlich die Ausländer zu beschuldigen, dass sie bei den Unter-
suchungen roher zu Werke gehen, als die Hebammen. Auf diese
Voraussetzung hin wurde die Zahl der Schüler von 42 auf 20 ver-
mindert, die Ausländer wurden fast ganz ausgeschlossen, und die
Untersuchungen selbst auf das Minimum reducirt.
Die Sterblichkeit vermindert* sich hierauf in den Monaten De-
zember 1846, Jänner, Februar und März 1847 auffallend; allein im
April starben trotz der erwähnten Massregeln 57, im Mai 36 Wieh-
nerinen. Daxaas konnte die Grundlosigkeit der obigen Beschuldigung
Jedermann einleuchten.
3. Die Wiener pathologisch-anatomisi -he Schule hatte in Betreff
der Puerperalkrankheit Folgendes festgestellt:
Bei Erkrankung der Puerperen zeigt sich als erste organische
Abnormität entweder — und zwar am häufigsten — eine Exsudation
auf der Innenfläche des an der Placentarinsert ionssteile eine Wund-
fläche darbietenden Uterus; oder — weniger häufig — eine theilweise
oder totale Umwandlung des Inhaltes einzelner oder sämmtlkher
Venen des Uterus zu Eiter mit vorangehender oder nachfolgender Ex-
sudation aus den Venenwänden; oder endlich seltener eine Exsudation
am Bauchfelle.
Zu den eben genannten organischen Veränderungen gesellt sich
nach einiger Zeit — zuweilen sehr rasch — Ablagerung von Eiter,
oder eines Faserstotfes. der bald zu Eiter oder Jauche zerfällt an
verschiedenen Stellen des Körpers, und eine gebliche, zuweilen Völlig
icterische Färbung der Haut, wodurch sich der Krankheitszustand
als Eiterbildung im Blute Pyaemie — darstellt.
Aus diesen Thatsachen Hess sich dei Schluss ziehen, dass die
Pyaeznie der Puerperen -sich in der Regel aus der Endometritis und
Phlebitis uterina entwickle, Es handelte sich somit zunächst um die
Ursachen der Endometritis und Phlebitis uterina.
Durch die bei der Entbindung stattfindende Zerreissung der
Venen, Entblössung einer grossen Fläche der Höhle des Uterus, Zer-
rung und sonstige Verletzung der Geburtstheile schien die Entstehung
der Endometritis und Phlebitis uterina ganz ungezwungen erklärt
werden zu können. Einer solchen Erklärung widersprach jedoch die
höchst ungleiche Zahl der Erkrankungen auf beiden Abtheilungen
der Gebäranstalt. Bei den ohne operatives Verfahren stattfindenden
Geburten mussten nämlich die Folgen auf beiden Abtheilungen die-
selben sein. Da nun die meisten Entbindungen ohne operatives Ein-
greifen vor sich gehen, so konnte eine geringere Geschicklichkeit im
operativen Verfahren zwar eine geringe, nicht aber die angegebene
enorme Differenz in der Zahl der Erkrankungen bedingen.
4. Nicht selten tritt bei den Wöchnerinen als das erste krank-
hafte Phänomen ein heftiges Fieber auf, und erst nach einiger Dauer
l)ie K lnutniacbuDgeu .ler fannd* eisVhen Lehre.
se
des fieberhaften Zustandes kommen die Symptome der Endometritis,
Phlebitis uterina, Peritonaeitis u.s. w. zum Vorschein. In solchen Fällen
sind die Exsudate zuweilen gleich ursprünglich eitrig oder jauchig,
die exsudirendeo Gewebe erweicht, so dass der Krankheiten«
slßb gleich vom Anfang an als Pyaemie darstellt.
Man ist gewohut, ein«? eigenthümliche Beschaffenheit der Safte
der Wöchnerinen als die prädisponirende, und eine der gewöhnlichen
Schädlichkeiten, z. B. Erkältung, Gemüthsbewegung etc. als die ex-
snde Drsache solcher Erkrankungen anzusehen. Einer solchen
Annahm»- Widersprach abermals die höchst ungleiche Zahl der Er-
krankungen auf beiden Abtheilungen.
5. Die Pyaemie ohne vorhergehende Eiterung oder eine Sei
Eiterung analoge Metamorphose in einem Organe entsteht der Er-
fahrung gemäss durch Einwirkung von faulenden thierischen Sub-
stanzen auf das Blut. — Ob sie noch durch andere Ursachen hervor-
gebracht werde, ist unbekannt. Die faulende Substanz wirkt auf das
in der Regel nur durch von der Oberhaut eutblösste, also wunde
stellen ein. Nach der Entbindung bietet die Höhle des Uterus eine
se Wund Hache dar. am Muttermunde, in der Vagina sind Risse
nu-i Abschürfungen. Fäuluiss in dem Secrete des Uterus müsste
somit nicht selten die Einwirkung der faulenden Substanz auf das
Blut und daher Pyaemie zur Folge haben.
Die Entstehung der Faulniss des Uterina!- oder Vaginalsecretes
als durch die gewöhnlichen Einflüsse, oder durch eine besondere Be-
kffenheit der Safte der Wöchnerinen bedingt anzunehmen, und
us die Erkrankungen der Wöchnerinen abzuleiten. Hess die schon
oft erwähnte ungleiche Zahl der Erkrankungen auf den beiden Ab-
teilungen nicht zu. Ueberdies stellte sich das heftige Fieber und
dann die Phlebitis uterina, Endometritis etc. zuweilen ein, ohne dass
der Lochialfluss einen üblen Geruch bekam.
Es musste somit die Frage aufgeworfen werden, ob auf ii _
Art faulende, oder F'äulniss erregende Substanzen mit den Ge-
bimst heilen der Wöchnerinen in Berührung kommen konnten. Nach-
dem Dr. Semmel weis als Assistent an der für Aeizte bestimmten
Abtheüung der Gebüianstalt durch einige Monate alle Verhaltnisse
in Erwägung zog, erkannte er in dem Umstände, dass sowohl er als
öden sich häufig mit Leichenuntersuchungen beschäftigen,
dass der cadaveriVse Geruch von den Händen trotz mehrmaligen
Wasehens erst nach langer Zeit verschwindet, und dass er und die
Schüler nicht selten unmittelbar vmi der Untersuchung des Cadaverx
zur Untersuchung der Gebärenden übergingen, den einzig möglichen
Weg der Uebertragung einer faulenden thierischen Substanz auf die
Gebuitstheile der Wöchnerinen. Es war dies zugleich die einzige
unter den möglichen Ursachen der Puerperalkrankheiten, welche auf
der Abtheilung für Hebammen entweder gar nicht oder in hö< shsl
hränktem Masse wirksam war, so dass sich unter Voraussetzung
dieser Ursache die höchst ungleiche Zahl der Erkrankungen auf den
beiden Abtheilungen sehr wohl begreifen Hess. Die Hebammen he-
ftigen sich nämlich nicht mit Leichenuntersuchungen. und die
Stenten der Abtheilung für Hebammen fanden sieh, weil sie bloss
Hebammen zu unterrichten hatten, selten veranlasst, die Leichen-
untersuchungen selbst vorzunehmen. Auch die in den Monaten
einher 184*5, Jänner. Februar und März 1H47 beobachtete Ab-
40
Die. ersten Bekauutmaihmig'etj der Seminelweis'sohen Lehre,
nähme der Erkrankungen, so wie die im April und Mai eingetretene
je Sterblichkeit stammte vollkommen zu der Voraussetzung, dass
die krankmachende Potenz aus der Se«tionskammer stamme. Der
Assistenl der Gebärklinik hatte nämlich in den Monaten Dezember
1846, Jänner, Februar und März 1847 aus Gründen, die hier nicht
in I irr nulit kommen, die Sectionsfcammer selten besucht, die ein-
liti in ischt ii StOfUreiideu, deren Zahl überdies* von 42 auf 20 redncili
war. scheinen sich nach dem Assistenten gerichtet zu haben. Die
Ausländer waren von der Gebaranstalt fest ausgeschlossen. Ende
Mar/, ls 17 wurde Dr. Semmel weis Assistent und nahm theils zum
Selbstunterrichte, hauptsächlich jedoch zum Behufe der Unterweisung
In siiidiienden Untersuchungen und ITebungen an Leichen mit un-
gewMudicnem Eifer fot.
Aurii ohne '-id Bolches Zusammentreffen von Umständen, welche
pothese bekräftigen, musste Dr. Semmel weis auf Mittel
denken, die mögliche Ursache der Erkrankungen der Wochnerinen
zu beseitigen.
Diese wann nicht schwer zu finden. Indem Lebungen und
Untersuchungen an Leichen in der Medicin unerliisslicli sind, somit
von dein Assisi niten und den Schülern fortgesetzt weiden mussten,
sn Im stand die Aufgabe darin, vor jeder Untersuchung der Gebärenden
jedes cadaveröse Atom von den Händen wegzuschaffen. Zu diesem
Zwecke traf Dr. Semmel weis gegen Ende Mai 1847 die Verfügung,
dass Jedermann vor jeder Untersuchung einer Schwangeren, Öe*
Im oder Wöchnerin die Hände mft Chlor wasser waschen um
Auf diese Ati'idiiung erkrankten die Wochnerinen auf der für die
Studirenden bestimmten Abtheilung plötzlich nicht zahlreicher, als
auf der Abtheilung für Hebammen. Es starben von da an im Juni 6,
im Juli 3. im August 5. im September 12, im Oktober 11. im No-
iremher IL im December 1847 8 Wochnerinen. Das Jahr 1848 bot
ein noch günstigeres Verhältnis*. Es starben nämlich von 3780 Ent-
bundenen nur 45: also im Verhältnisse wie 10O an L19; während
auf der Abtheilung für Hebammen von 321^ Entbundenen 43 starben;
somit im Verhältnisse wie 100 ra L33.
Im Jahre 184i> starben bis Anfang September auf der Abtheilung
für Studirende 60, auf der Abtheilung für Hebammen 76 Wochnerinen.
Bonäl » -iirt sieh vom Juni 1847 bis gegenwärtig, also bereits durch
einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren, innerhalb dessen die Chlor-
wasohnngen in Gebrauch sind, fast keine Differenz in der Sterblich-
keit auf den beiden Abteilungen der Gebäranstalt, während früher
durch eiuen Zeitraum vou 7 Jahren die Sterblichkeit auf der Ab-
theilung für Studirende dreimal so gross war. als auf der Abtheilung
für Hebammen.
R (Jeher die Massnahmen, welche nüthig schienen und die zum
Theil jetzt noch nöthig sind, um die Entdeckung des Dr. Semmel-
weis ausser Zweifel zu set/eu. finde ich Folgendes zu berichten:
S nmelweis hatte, nachdem durch einige Zeit die Cblor-
lungea mit augenscheinlich günstigem Erfolge in Anwendung
rden waren, dem Professor Rokitansky, mir und noch
ehiL - Kraukenhauses seine Idee mitgetheilt. Wir
zweifelten keinen Augenblick, dass die Ansicht sich als richtig er-
*»n werde und i« h -äunite nicht, den Direktor der medizinischen
Am zu machen, in der Erwartung,
Die ersten Bäkfcnntraaeliaiigea (taf Semmelweu'scfcen Lehre.
41
über einen so wichtigen Gegenstand eine comraissionelle Ver-
ullung nicht ausbleiben könne. Heise Anzeige scheint aber blos
KOT Kenntniss genommen werden zu sein. Eioe gegründete Aussicht,
die Sache recht bald ins Klare zu bringen, lag in dem l'mstande.
in der Prager Gebäranstalt die Erkrankungen von Zeit, zu Zeit
gleichfalls sehr zahlreich waren and allem Anscheine nach dieselbe
Ursache hatten als in Wien, ich forderte also zur Einführung der
( bim Waschungen in der Prager Gebäranstalt auf.
Bei den in Folge dieser Aufforderung an der Prager Lehranstalt
gepflogenen Verhandlungen belm-lr jedoch die Ansicht, dass die
Puerperal-Erkrankungen dun üb epidemische Einflüsse bedingt sind,
die Oberhand und man scheint die CMorwaachnngan bisher entweder
nicht, oder nicht mit Einst in Anwendung gebracht zu haben.
Dr. Semmel weis wandte sich brieflieh an mehrere Professoren
der Geburtshilfe des Auslandes mit dem Ersuchen, die. von ihm aus-
gesprochene Ansicht über die l'rsache der Pnerperalkrankheiten einer
Prüfling zu unterziehen.
Nur vnji der kleinen GeMr&nstalt in Kiel kam eine bestimmte
Antwort. Der Vorstand derselben, Di. Michaelis, berichtete vom
ls. März 1848, daSE seine Anstalt wegen der zahlreichen Kr krau kungen
am t. Juli 1847 geschlossen wurde und bis November geschlossen blieb.
Als sie im November geüffnet wurde, begannen die Erkrankungen
von Neuem und er war im Begriff, die Anstalt wieder zu sc hliessen,
als er am 21. Dezember über die Entdeckung des Dr. Semmel weis
Nachricht erhielt. Die ChlorwaschangeD wurden sogleich eingeführt
und seitdem kam nur eine Erkrankung vor, und diese, wie Dr.
Michaelis glaubt, in Folge des Gebrauches eines nicht gut ge-
reinigten < atheters.
ii behauptete Prof Ki wisch in Würzburg, nicht selten
unmittelbar nach vorgenommenen Sektionen Schwangere und Ge-
barende untersucht und keinen Nachtheil davon beobachtet zu haben.
Nachdem gegen Ende des Jahres 1848 die Leitung der Stadien
den Professorencollegien übertragen wurde, hielt ich dafür, dass es
die Pflicht des Wiener medizinischen Prozessoren col legi ums sei, eine
in Wien gemachte Entdeckung von so grosser wissenschaftlicher und
praktischer Wichtigkeit einer entscheidenden Prüfung zu unterziehen,
nnd derselben, falls sie sich bewähren würde. Anerkennung zu ver-
schaffen. Ich stellte darum den Antrat, dass das Professorencolleginni
zu diesem Behüte eine Commissioil ernennen solle. Nach meiner An-
sicht hatte die Commission folgende Aufgaben zu lösen
a) Es war eine Tabelle, auf der, so weit die Daten reichen, tue
Zahl der Entbundenen und Gestorbenen von Monat zu Monat ange-
geben war, und ein Verzeichnis der Assistenten und Studirenden in
der Reihenfolge, in welcher dieselben an der Gebäranstalt gedient
und practicirt haben, anzufertigen. Indem Prof. Rokitansky seit
L828 an der pathologisch-anatomischen Anstalt fnngirt, bo konnten
theils ans seiner Erinnerung, theils aus den Sektionsprotoknllen so
durch Einvernehmen anderer Aerzte. denjenigen Assistenten und
Stmlirenden hervorgesucht werden, die sich mit Leichenuntersuchuniren
befassl haben, und es hätte sich ergehen, ob die Zahl der Erkrankungen
in der Gebäranstalt mit der Verwendung der Assistenten undStudirenden
in der Beklionskammer im Znsammenhange stand.
42 l'i' Bütten l'ekaimtiuachungcii der 8emmehveis'?chen Lehre.
b) Es waren die sogenannten Gassengeburten auszuheben.
Erfolgt die Entbindung auf der Gasse und kommt die Entbundene
zur weiteren Fliege in die Geb&ranstalt. so wird sie nicht weiter
untersucht, ausser in den Fällen, wo die Nachgeburt zu lösen, oder
sonst ein krankhafter Zustand der Geburtstheile zu behandeln ist
Est die Ansicht des Dr. Semmel weis richtig, so müssen nach
Gassengeburten weniger Erkrankungen vorkommen.
Man musste sich von den säninitlicheii Gebäraiist alten der
I i.-d erreich ischen Monarchie, und soweit es möglich, auch von den aus-
ländischen, genaue Ausweise über die Zahl der Geburten und Todes-
fälle verschalten, um zu constatiren, ob an allen Anstalten, wo eine
Infection durch Leichengift nicht angenommen werden kann, die
Sterblichkeit geringer ist.
&) Bndlich waren Versuche an Thieren vorzunehmen.
Der Antrag wurde von dein Professorencollegium mit sein* großer
Majorität angenommen, und die Commission sogleich ernannt; allein
das Ministerium entschied über einen Protest des Professor* der
Geburtshilfe, dass die commissionelle Verhandlung nicht statt finden
dürfe. In Folge dieser Entscheidung forderte ich den Dr. Semmel -
weis auf, die Versuche an Thieren selbst vorzunehmen. Wenn
diese gelangen, war die Lösung der übrigen Aufgaben von geri
Wichtigkeit
Zu den Versuchen wurden aus mehrfachen Grüuden vorerst
Kani liehen verwendet.
Erster Versuch. Am 22. März d. J. wurde einem Weibchen
1 ., stunde, nachdem es geworfen hatte, ein mii missfarbigem Exsudate
nach Endometritis beleuchtete!' Pinsel in die Scheide und [JterushÖnle
eingeführt. Das Thier befand sich darauf zum 24, April scheinbar
ganz wohl. Am 2-i. April wurde es Unit geilluden.
Section: Die gefaltete Schleimhaut der Homer des Uterus mit
flüssigem schmutzig grauröthliehen Exsudate überzogen, in der linken
Brusthohle etwas Flüssigkeit, der untere Lungenlappen mit einer
membranös geronnenen blassgelblichen Exsudatsehiehte überzogen,
sein Parenchym, BQ wie jenes des hinteren unteren Drittheiles des
oberen Lungenlappens grau hepatisirt, der übrige Antheil dieser
Lunge sn wie die rechte Lunge lufthaltig:, zinnoberroth. Das Herz
in eine blassgelbliche zart villöse Exsudatschichte eingehüllt und von
einigen Tropfen flüssigen Exsudates umspült.
/weiter Versuch. Am 12. April wurde ein Weibchen etwa
12 Stunden nach deta Wurfe von 6 Jungen wie im 1. Versuche be-
handelt. Well das Thier des 1. Versuches sich noch ganz wohl zu
befinden schien, so glaubte man bei dem 2, Versuche den Pinsel mehrere
Tage nach einander einführen zu sollen. Am 14. April äusserte das
Thier beim Einführen des Pinsels Schmerz, der l'terus zog sich heftig
zusammen , und presste gelblich weisses dickflüssiges Exsudat aus.
Am 17. April zeigte sich das Thier bedeutend krank, am 22. trat
Dhirrlhie ein und am 2& April fand man das Thier todt. Die Ein-
führung des Pinsels geschah täglich einmal bis zum Tode.
Sectios: In der Bauchhöhle etwas membranös geronnenes, ein-
zelne Darm Windungen unter einander Verklebendes Exsudat; auf der
Vaginal- und rterinalschleimheimhaut und in deren Gewebe ein gelbes
starres Exsudat; die Dteruahörner massig ausgedehnt mit schmutzig-
Die ereteü Bekanntmachungen der SemiuelweisscUen Lehre.
43
grau-röthlichem Exsudate gefüllt, im Dickdarm mehrere Gruppen ver-
eiternder Follikel, die Schleimhaut an linsnigrnsseu stellen theils
vereitert, tlieils mit gelbem Exsudate infiltrirt, und jede dieser Stellen
mit einem injicirten <Tefässhofe umgeben.
Die Lungen hell zinnoberroth ; im linken obern Lappen eine
bohnengrosse blutig infiltrirte dichte Stelle mit einem Eiterpunkte in
der Mitte.
Dritter Versuch: Am 15. April wurde einem Weibr.hen etwa
10 Stunden nach dem Wurfe von 4 Jungen der Pinsel zum eisten
Haie, und dann täglich einmal bis zum Tode, der am 21. April er-
folgte, eingeführt. Am 17. äusserte das Thier beim Einfühlen des
Schmerz und presste eitriges Exsudat aus dem Uterus. Am
26. kam Diarrhöe.
Sectio n: Jn der Bauchhöhle einige massige Menge flüssigen
und membranartig geronnenen, einzelne Darnnvindungen verklebenden
Exsudates. Die Schleimhaut der »Scheide und des Uterus mit einem
gelben innig haftenden Exsudate Bberkieidet und infiltrirt, die Uterinal-
hOrner im hohen Qrade ausgedehnt, mit graurötliclieiii sdnimtzigeii
Exsudate gefüllt. In der Leber mehrere bis linsengroße, mit eitrigem
Exsudate infiltrirte stellen, auf der Schleimhaut des Dickdarms, nahe
Irin Endstücke des Processus vermiformis — eine mehr als linsen-
«e, von einem injicirten Gefässliofe umgebene, ulcerirte, mit Mass«
gelblichem Exsudate überkleidete Stelle.
V i Q 1 1 e r V er su eh : Am 24. Mai wurde einem starken Weibchen
etwa 1 Stunde nach dem Wurfe von 5 Jungen der Pinsel, welchen
diesmal in mit Wasser verdünntes Blut aus der Leiche eines
vor 3H Stunden an Marasmus verstorbenen Mannes tauchte, einge-
führt Am 25. wurde der Pinsel vor der Einführung mit pleuritischem
Exsudate benetzt. Am 26. mit dem Peritouäalexsudate eines Tuber-
en; eben so am 27. Von da an wurde der Pinsel nicht mehr
eingeführt. Das Thier blieb anscheinend völlig gesund, und warf am
M. Juni zum zweiten Male.
Fünfter Versuch: Am 2. Juni wurde einem Weibchen etwa
12 Stunden nach dem Wurfe der mit Peritonäalexsudat, das schon
beim 4. Versuche verwendet wurde, befeuchtete Pinsel eingeführt.
Am 37 4., 5. Juni wurde die Einführung wiederholt, und von an das
Thier unberührt gelassen. Es blieb scheinbar gesund, und warf am
28. Juni wieder. Am 29. Juni wurde der Pinsel mit einem pleuril iselit-n
Exsudate befeuchtet neuerdings eingeführt, eben so am 30. Das
Thier blieb gesund und wurde am 17. Juli behufs eines anderen
Experimentes getodtet. Die Section zeigte keine auf Prämie hin-
weisende Veränderung.
hster Versuch: Am 10. Juni wurde einem Weibchen
einige Stnnden nach dem Wurfe der mit eitrigem pleuritischen Exsu-
date aus einer männlichen Leiche benetzte Pinsel eingeführt.
ii 11. bis 30. Juni wurde zur Befeuchtung des Pinsels d;is
Peritonäalexsudat eines am Typhus verstorbenen Mannes verwendet.
Das Thier blieb gesund, und warf am 13. Juli zum zweiten Male.
An diesem Tage wurde der Pinsel neuerdings eingeführt , und
von da an täglich bis zum 24. Juli. Das Thier magerte ab, bekam
Diarrhoe, und wurde am 30, Juli todt gefunden.
44
I'i. ersten Bekanntmachungen der Senimelweis'schen Leare.
9eetion: Im Herzbeutel einig« Tropfen flockigen Serums. In
die Tricuspidalklappe eine erbsengrosse, in den Omus aortei
hineingedrängte, und eine hanfknrn grosse, auf dem freien Rande des
Klappenzipfels aufsitzende, mit dem Endocardiui des Pnpillarinuskels
innig zusammenhängende, sehr uoJ zig weisse, uneben höckerige Vegetation
eingetilzt; die innere Fläche des rechten Ventrikels mit einzelnen,
gelblichweissen, knötchenförmigen Gerinnungen besetzt. In der Bauch-
höhle membranai tig geronnenes und flüssiges Exsudat. In der Peripherie
der Leber und zwar nahe der untern Fläche eine erbsengrosse, mit
starrem gelblichen Exsudate infiltrirte Stelle.
Der Uterus wie in Nr. 4 beschaffen , nur Ist die Infiltration und
Neerose noch beträchtlicher. Mehrere Venen von beträchtlicher Dicke
zwischen dem Utemskürper und dem rechten Hörn mit starrem gelben
Exsudate vollgepfropft.
Siebenter Versuch. Am 16. Juni, einige Stunden nach dem
Wurfe. Der Pinsel wurde mit dem Eiter aus einem Abscesse zwischen
den Rippen, der sich in der Leiche eines an Cholera verstorbenen
Irren vorfand, benetzt.
Die Einpinselunir wurde bis zum 3. Juli taglieh vorgenommen.
Das Thier blieb gesund und warf am 18. Juli zum zweiten Male.
Das Experiment wird nun in der Art modificirt, daß man sich
nicht eines Pinsels bedient, um eine mechanische Verletzung zu ver-
meiden. Die Flüssigkeit wird mittelst einer Tripperspritze mit einem
3 Zoll langen Rohre in die Geschlechtstheile gebracht. Gleich nach
dem Einspritzen prent das Thier die Flüssigkeit wieder aus. Die
Einspritzung wird täglich einmal bis zum 24. Juli vorgenommen. Das
Thier magerte ab und wurde am 29. Juli todt gefunden. Sectien:
In beiden Brusthöhlen etwas gelbes dickflüssiges Exsudat; in der
Bauchhöhle an 2 Unzen zum Theit membranos geronnenes Exsudat,
der Uterus normal, blass, kein Exsudat auf seiner Schleimhaut.
A.liti-r Versuch. Am 24. Juni. Dasselbe Thier, «reiches zum
4. Versuche benutzt wurde. Die Einpinselung geschah täglich vom
24. Juni bis 8. Juli. Das Thier magerte sehr stark ab. bekam Diarrhöe
und wurde am 25. Juli todt gefunden.
Section: In der Bauchhöhle etwas gelbliches Exsudat; auf der
hinteren Uteruswand eine dünne Schichte schmutzig gelben, innig
haftenden Exsudates, in den Hörnern desselben etwas flüssiges,
schmutzig grauröthliches Exsudat, an der Grenze zwischen Seheide
und Uterus, der Einmündung der Urethra entsprechend, eine bohiien-
grosse, mit eitrigem Exsudate infiltrirte, oberflächlich necrosirte Stelle;
das dadurch gebildete Geschwür mit zackigen nnterminirteii Rand. -i n,
die Hasis mit einer Schicht Exsudates überkleidet und die Substanz
der Vagina in der Länge eines Zolls liniendick mit Exsudat infiltrirt.
Neunter Versuch. Am 8. August, einige Stunden nach dem
Wurfe wird Pei itonäalexsudat von einem Manne eingespritzt. Das
Thier stößt das Eingespritzte gleich wieder aus. Die Einspritzung
wird bis zum 15. täglich gemacht Das Thier sieht am IB. krank
aus, magert ab. Am 20. wird es todt gefunden,
Section: Etwas flockiges Exsudat in der Bauchhöhle; in der
Peripherie der Leber zahlreiche, meisl hanfkomgrosse, gelbe Ent-
zündungsherde. Die Uterusschleiinhaiti an der hintern Wand im Um-
fange einer Linse excuriirt; die Substanz mit gelbem Exsudate bis
Die ersten Bekanntmachungen der Semmelweis'schen Lehre. 45
ans Peritonaeum infiltrirt, die Excoriation liegt um 1 Zoll höher als
bei Nr. 6 und 8. Das rechte Uterinalhorn in so hohem Grade mit
Exsudat infiltrirt, dass es das doppelte Volumen erreichte, auf seiner
Schleimhaut freies Exsudat, die Venen in beiden Ligamentis latis mit
Exsudat vollgepfropft.
Es ist kaum nöthig, zu erwähnen, dass die in den Leichen der
Kaninchen vorgefundenen Veränderungen dieselben sind, wie sie sich
in menschlichen Leichen in Folge von Puerperalkrankheiten und im
Allgemeinen in Folge von Pyämie einstellen. Man könnte gegen die
eben angeführten Versuche den Einwurf machen, dass dabei eine
grössere Quantität von faulenden Stoffen einwirkte, und dass die
faulende Substanz in 8 Fällen viele Tage nach einander und nur in
Einem Falle blos einmal mit den Geburtstheilen des Thieres in Be-
rührung gebracht wurde, wogegen die Quantität des an den Händen
klebenden faulenden Stoffes, wenn die Hände — was immer geschehen
ist — nach der Leichenuntersuchung mit Wasser abgewaschen wurden,
nur sehr klein gedacht werden kann.
Diese Einwendung scheint mir jedoch von keinem besonderen
Gewichte zu sein, indem die Einwirkung des faulenden Stoffes auf
das Blut nach den Erfahrungen, welche über die Folgen der Ver-
wundungen bei Sectionen vorliegen, von der Quantität des faulenden
Stoffes nicht abhängen kann, da die Infection nicht selten durch
wunde Stellen erfolgt, die wegen ihrer Kleinheit kaum sichtbar sind.
Es scheint übrigens zur Beseitigung jeden Zweifels zweckmäßig, dass
noch weitere und vielfältig abgeänderte Versuche an Thieren gemacht
werden. Ich stelle darum den Antrag, dass dem Dr. Semmel weis
eine Geldunterstützung zur Vornahme weiterer Versuche bewilligt
werde, und in Anbetracht, dass es zur Beseitigung allenfallsiger
Zweifel an der Richtigkeit der Versuche nöthig ist, dass diese Ver-
suche auch durch ein Mitglied der Akademie vorgenommen werden,
ersuche ich den Herrn Professor Brücke, diese Aufgabe zu über-
nehmen. *)
') Die Classe beschloss vorläufig dem Herrn Dr. Semmel weis 100 Gulden
anzuweisen, und demselben zugleich ihre Geneigtheit auszusprechen. Das wirkliche
Mitglied, Professor Brücke, wurde ersucht gleichzeitig die beantragten Versuche
vorzunehmen, welcher sich auch dazu bereit erklärte.
Semmelweis' Vortrag über die Genesis
des Puerperalfiebers.
[Aus dem]
Protokoll
der allgemeinen Versammlung der k. k. Gesellschaft der Aerzte
zu Wien, vom 15. Mai 1850.
Herr Dr. Semmel weis 3 emerii Assistent an der ersten geburts-
hilflichen Klinik, entwickelt seine Ansichten über die Genesis des
Puerperalfiebers; er weist aus den Protokollen numerisch nach, dass
Jahre L839, seit welchem eine besondere Klinik zum Unter-
richte für Geburtshelfer, und eine andere für Hebammen erflehtet
worden ist. auf der ersten zusammengenommen über viermal mehr
von den Wöchnerinnen grüsstentheils an Puerperalfieber gestorben sind.
als auf der zweiten, unbeachtet die Aufnahme der Schwangreren von
24 zu •>•! Stunden zwischen beiden gewechselt hat, woraus er den
einfachen Schluss zieht, dass das zeitweise starken' Auftreten des
Wi-M-henbctthVbers auf der ersten geburtshilflichen Klinik nicht durch
allgemeinere epidemische Einflüsse, sondern einzig- und allein lokale.
Miiiiit endemische Verhältnisse derselben hedingt gewesen sein könne.
Dr. Semmel weis geht nun die gewöhnlichen endemischen Ursachen,
wie sie Yen anderen angefahrt worden sind, wie die tVberfüllung der
ikeuzitniiier, die langjährige Schwängerung der Lokalitäten mit
peralmiasma, das öftere und vermeintlich rohere Untersuchen
der angehenden Geburtshelfer, die bereits bestehende Furcht der
Sehwangeren, so sie auf diese Abtheilung zur Entbindung gebracht
wurden it. B. w., der Reihe nach durch, und weisl Dach, dafiG keine
derselben die oftmals grossen Verheerungen des Puerperalfiebers auf
der ersten geburtshilflichen Klinik erklärlich machen und dass viel-
manche dieser vermeintlichen Ursachen bei der zweiten geburts-
hiillicberj Klinik in erhöh terem Grade sich vorfindet. Dieses und der
pathologisch-anatomische Befund bei Kindbettfieber, welcher die grösste
Aeliulichkeit zeigt mit jener Pyäinie. , die sieh hei Anatomen und
Chirurgen Dach Verwundungen an Leichen und Imnräirnirung der
li verletzten Stellen mit in Faulniss begriffenen organischen Stoffen
auszubilden pflegt führte Herrn Dr. Semmel weis zu der Ueber-
1I112. dasa das Puerperalfieber gleichfalls ein durch Aufnahme
faulender organischer Stoffe von Seiten der inneren ümkleidimg des
Uterus in das Blut der Mutter erzeugter pyäiuischei Procesa sei,
und daß die fortwährende neue Einschle|>pung solcher Stoffe gerade
SenmalwetB' gaiimmelt« Werke. • 4
50
Semmelweis' Vortrag über die Genesis des Puerperalfiebers.
aiil die erste geburtshilfliche Schule in dem heut zu Tage häuft gen
Seciren der Leichen von Seiten der Assistenten und Schiller dieser
Klinik vorzugsweise begründet sei. ohne dass aber eine andere Ueber-
tragnngs weise fanlender organischer Bestandteile auf den mütter-
lichen Organismus ausgeschlossen bleibe, wie eine solche bei in /i-
setznng übergegangenen Resten des Mutterkuchens, beim ununter-
brochenen Touchiren von kranken und gesunden Seh wangeren und
Wöchnerinen. sodann bei anderen Patientinnen, die an einer Auflösung
der Säfte darniederliegen, angenommen werden müsse. Dieser Idee
nun folgend, führte Herr Dr. Semmel weis ein, dass jedweder
der Schüler oder sonst Untersuchenden von jeder Exploration einer
Schwangeren, Kreissenden oder Wöchnerin seine Hunde in einer Chlor-
kalkliMitiir sinnfällig wasche, um so jedes möglicher Weise an den
Fingern haftende, faulende organische Atom, selbst, bis auf den Geruch
desselben vollends zu tilgen, und siehe da, der glänzendste Erfolg
kraute dies Verfahren, und zwar durch nun schon volle drei Jahre;
die Sterblichkeit nämlich, die sonst 8,3 *7„ der Wöchnerinen auf der
Braten geburtshilflichen Klinik betrug, ist nun die auch in der Privat-
praxis und auf anderen Gebärkliniken beobachtete, nämlich van i'
geworden. — Anderweitig wird die Sache noch dadurch unterstützt,
dass, so oft an der Klinik für Hebammen Assistenten waren, die viele
Untersuchungen an Leichen machten, auch hier dann diese Krankheit
zahlreichere Opfer begehrte, dass ferner vor der Errichtung des un-
gemeinen Krankenhauses {1784) bis zur Creirung einer selbststiiiidiyvn
Lehrkanzel für pathologische Anatomie keine sogenannte Pnerper&l-
fieber-Epidemie geherrscht habe, und das Sterbliehkeitsverhältniss der
Wöchnerinnen nicht einmal 1 % betrug; von der letztgenannten Zeil
aber bis zum 1. Mai 1841 nämlich, bis zum Beginne der Cblor-
luingen, als dem Zeiträume der Blüthe der pathologischen Ana-
tomie, sind auf beiden Kliniken zusammengenommen 5.7 "<„. von daher
an bis letzten April des heurigen Jahres aber nur 2.2",, gestorben.
— Weitere Gründe für den endemischen Charakter des Kindbett-
fiebers sind, dass dasselbe ausserhalb der Gebärhäuser nicht so um
sich greife. <li<- Jahreszeiten keinen Eintluss üben, dasselbe auch nach
traumatischer Verletzung wie sonst keine epidemische Krankheit ent-
stehe, und auch bei Thieren, aber nur sporadisch, sich zeige, so wie
es selbst künstlich bei letzteren erzeugt werden könne.
Das Puerperalfieber nach dem oben angegebenen Wesen des-
selben sei daher eben so wenig eine contagiöse als für sich
specilische Krankheit, sondern entwickle sich dadurch, dass ein in
Fanlniss übergegangener thierisch- organischer »Stoff, gleichviel von
welchem Kranken immer, und gleichviel, ob vom lebenden Organisnais
oder vom Cadaver stammend, aufgenommen in die Blutmasse der
Wöchnerin die puerperale (pyämische) Rlutentmischung erzeuge, hier-
auf die bekannte Exsudation und als drittes die Metastasen bilde.
Beigebracht aber werden diese Stoffe dem weiblichen Organismus
mittelst des untersuchenden Fingers, oder durch den Gebrauch damit
imprägnirter Gerätn schatten, oder auch durch die nach der Geburt
in die Uterushöhle dringende, mit faulenden .Stoffen geschwängerte
Luft, für welche letztere Mittheilungsweise zwei eklatante Beispiele
aufgeführt weiden. Daher eine Verhütung dieser Krankheit möglich
ist durch Reinigung Aar Flngw, der Utensilien und der Luft, worauf
sich nur mehr einzelne Fälle vom Puerperalfieber ergeben werden.
IIS* Vortrag über die Au Puerperalfiebers.
51
jene nach zurückgebliebenen faulenden Deeidua-, oder Placenta-
Resten, sodann durch Rasse und Quetschungen am Muttermunde u. s \.v.
Als die Stelle, wo die Kesorption geschieht, bezeichnet der Vortragende
inii dem mit ersuchenden langer erreichbare Partie unmittelbar
dein inneren Qeb&rmnttermftind, die während «1er Seh wangvivschaft
von den Kihäuten bedeckt, ihrer .Schleimhaut verlustig und so zur
geeignet ist, die Scheide aber sei mit allzudickem Kpi-
thelium und Schleime überzogen, als dass sie resorptionsfahig wäre.
Am zugänglichsten sei die rterushöhle während der ersten und zweiten
Geburtsperiode, und in dieser Zeit werde auch am häufigsten die
Untersuchung vorgenommen; daher sei es auch zu erklären, dass Dicht
allein die Mutter, sondern meist auch das Kind durch denselben grossen
ndations-Process beim Zustandekommen der Krankheit zu Grunde
gehen, und warum Wöchnerinnen, welche wegen verzögerter erster
zweiter Geburtszeit 2 — 3 Tage auf dem Kreisszimmer verweilten,
meist dem bösartigsten Puerperaltieher erlagen.
Zu Ende dieses Vortrags kündigt Dr. Semmel weis an, da&S
er in einer der künftigen allgemeinen Versammlungen jene Einwen-
dung beleuchten wolle, welche die Doktoren Scanzoni und Seyfert
gegen seine von Prof, .Skoda in der kais. Akademie der Wissen-
den zur Sprache gebrachten Ansichten über das Puerperalfieber
der Prager Vierteljahrschrift zu Tage gebracht haben und Herr
Präses Prof. Rokitansky befragt in Folge dessen die Gesellschaft,
ob sie nicht im Allgemeinen geneigt wäre, über diesen Gegenstand.
der hohen Wichtigkeit desselben, für das nächste Mal auf eine
Diskussion einzugehen, welches auch angenommen wurde.
[Ans deraj
Protokoll
der allgemeinen Versammlung der k. k. Gesellschaft der Aerzte
zu Wien, vom 18. Juni 1850.
Ergänzung zu seinem Vortrage in der letzten allgemeinen
Sitzung der Gesellschaft (15. Mai) beleuchtet nun Herr Dr. Semmel-
weis die gegen seine Ansicht über die Genesis des Puerperalfiebers
Herren Doktoren Scanzoni und Seyfert (siehe den 2. Band
Prager Vierteljahrsschrift von 1850) gemachten Einwürfe, und
zwar führt er an. dass, trenn Scanzoni eine Tabelle der Entbundenen
und vom Puerperalfieber in Prag Dahingerafften entwirft, welche ein
Sterblichkeits- Verhältnis herausstellt, als dieses mit den
■'■ Waschungen in Wien erzielt werden konnte, und sich zugleich
dahin äußert, daß die Veranlassung zu einer Imprägniruug der Assi-
ten und Schüler der Gebärklinik mit von Leichen stammenden
faulenden organischen Stoffen durch andere Lokalverhältnisse in Prag
• ine nur höchst seltene sei, so finde er hierin keineswegs einen Beweis
wider den Nutzen Chlorwaschnngen an sich, sondern einzig und allein
4*
59
ycmuielwets' Vortrag über die Geüedi des Puerperalfieber»,
«Ich Scnloi logisch gerechtfertigt, dass die (hlorwaschungen daselbst
und Aw.xr für die Falle der möglichen Einschleppnng fauler Stoffe vom
I ladaver her überflüssig seien, keil aber für jene Erkrankungen,
die durch Uebertragung solcher Stoffe TOB anderen Kranken oder von
einer (etwa) mit jauchenden Geschwüren behafteten Kreissenden auf
eine gesunde Gebärende sieb ausbilden können: eaa iet ja für den Arzt
die Veranlassung zur Imprüguiruug seiner Hände mit faulenden Stoffen
nicht blos der Oadaver. — EflckeichtHoh der Trausferirungen der er-
krankten Wöchnerinnen aber und des jetzt günstigeren Sterbliehkeits-
Vprhültnisses allhier gibt Herr Dr. Semmel weis die Aufklärung, dass
diese gerade in der Zeit vor den (.'hlorwaschungen häufig vorgenommen
wurden, dass jedoch dermalen eben seit Juni 1847 keine Wöchnerinnen
mehr (ausgenommen einzelne Fälle wegen Syphilis. Blattern etc.
etc., wie dies die Vorschrift erheischt) auf andere Abtheilungen des
allgemeinen Krankenhauses übersetzt werden, dass somit das min an-
gegebene Mortalitäts- Verhältnis!) ein wahres und richtiges sei.
Ferner wenn Dr. Scanzoni Zweifel erhebt gegen die Beweis-
kraft der an Kaninchen EU diesem Zwecke angestellten Versuche,
wegen der grösseren QoaatitiM von faulen Stoffen, welche erforderlich
war, um bei denselben Prämie zu erzeugen, so hat er wohl nicht den
ennz verschiedenen Bau des fieschlechts-Apparat.es dieser T liiere, und
die durch denselben bedingte geringere Resorption in geherigen Augen-
merk genommen, eben so wenig als den Umstand, dass bei diesen
Thieren die injicirte Flüssigkeit zum grössteu Theile durch die Bauch-
presse allsogieich Wieder ausgedruckt wird: übrigens scheine es Herrn
nzoni nicht sehr Ernst zu sein mit seiner Opposition gegen
die Versuche an Tliiereu. da er selbst solche anstellen zu lassen, der
Regierung den Vorschlag macht
Heim Dr. Seyfert, der die Frage stellt, welches wohl die ge-
wöhnliche Zahl der Puerperal -Erki anklingen sei, bis zu welcher
die Chlorwaschungen ihre Wirksamkeit bewähren, antwortet Herr
Dr. Semmelweis, dass dies jene Zahl von Wöchnerinnen sei. bei
welchen die faulenden Stoffe nicht von Außen her. sondern aus dem
erkrankten Individuum selbst aufgenommen werden, und deren Re-
i jene Potenz bildet, von der Herr Dr. Seyfert meint,
sie erst erfunden weiden müsse". Wenn aber von eben dem-
selben Autor angegeben wird, dass im Monate Februar 1849 wohl in
der Stadt Prag- eine Puerperalfieber-Epidemie geherrscht habe, ohne
dass eine solche in dem Qebftriianse daselbst zu beobachten war. so
ist dies fast unerklärlich, da das Gebäude dieser Anstalt innerhalb
der S legen ist, und gewiss Bewohnerinnen eben der letzteren
als Schwangere und Kreissende daselbst Hilfe gesucht haben. Nimmt
nach dem Vorausgeschickten Dr. Seyfert einen Einflnss der
Witterungs Verhältnisse auf Erzeugung- des YW.ehenbettliebers an, so
kann derselbe nur auf den von Dr. Semmel weis unterm 15. Mai
d. J. gehaltenen Vortrag hingewiesen werden, der vielfältig das Gegen-
tbeil beweist, und eben so alT dessen andere Bedenken in Betreff der
wunden Stel Dl übertragenden Stoffes, der Destnfektionaktaft
des »'hlor's und des Vorlings bei der Entstehung des Pnerperal-
arocesses beseitigen wird: dal aber endlieh das Puerperalfieber wirk-
lich ein pjamischer P» durfte sich in allen pathoiogisch-
anat Werken der Neuzeit zur tienüge dargestellt vorfinden,
eben so wie Herr Dr, Semmelweia mit Anderen in der That der
fartrag ober die < »unesis des Puerperalfiebers,
53
An Nii -hi ist, iass du gynäkologischen Abteilungen bei vorhandenen
Excoriatioiien der TheUe Pyaraie in der bezeichneten Weise veranlasst
werden könne, weshalb auch hierorts auf denselben die Chlorwascliungen
eingeführt worden sind.
Die Aensserong des Herrn Dr. Semmel weis, dass auch auf der
zweiten geburtshilflichen Klinik zur Zeit, solcher Assistenten, welche
sich viel mit Leichenöffnungen befasst haben, die Puerperalfieber sieb
häufig gestellt haben, wobei namentlich Dr. Zipfel1 s Dienstzeit
angeführt wurde, veranlasste Letzteren über diesen Gegenstand zu
näheren Untersuchungen, deren Ergebnisse er der Gesellschaft im
Folgenden mittheilt: Er höh 1 aus den Akten alle Sektionsprotokolle
aus, die wahrend des ersten Jahres seiner Assistenz (1842) unter
seinem Namen sich verzeichnet vorfanden, es sind deren 41; zog B)
den Aufnahmsbögen und täglichen Geburtszetteln die an jedem
Sektionstage Entbundenen und die von den letzteren später am
Puerperalfieber Verstorbenen aus, und tlieilt selbe 3i nach der Zeit
ihrer Aufnahme in 5 Reihen, je nachdem sie vor der gewöhnlichen
für Sektionen bestimmten Munde oder unmittelbar nach derselben,
oder erst Tags darauf entbunden waren: diese Zusammenstellung nun
macht in einer Tabelle ersichtlich, dass gerade von den vor der
Sektionsstunde und den am spätesten nach derselben (24—32
stunden) Entbundenen, die somit durch die Untersuchung der I na -
prägnirung mit Cadaver-Stotun gar nicht oder am wenigsten
tzt waren, die allermeisten gestorben sind, nämlich tO1/, biß 12"',,,
indes* von jenen, welche in den Tagszeiten, unmittelbar nach den
Leichenöffnungen entbunden waren, gerade weniger und zwar
nur 5% dahingerafft wurden. Es ist. dies gewiss nur Zufall, wie
Dr, Zipfel meint, hätte sich aber eben so zufällig das entgegen-
Verliältniss vorgefunden, so würde Jedermann nies als eine
Bestätigung der von Dr. Semmelweis aufgestelHei] Ansicht mit
betrachtet haben, ein Beweis, wie vorsichtig man sein müsse, will
man aus statistischen Fakten Schlüsse ziehen. Ein gleiches Resultat
ergab sieh, indem Dr. Zipfel die einzelnen Monate des Jahres unter
einander verglich; es starben nämlich gnade viele Wöchnerinnen in
• u Monaten, in denen kaum einige Leichenöffnungen vorgenommen
wurden, indess bei einer grösseren Anzahl von Sektionen im Monate
nur wenige Todtenfälle unter den Entbundenen sien ereigneten; im
gemeinen ergaben sich blos an 13 von den 41 Sektionstagen bei
den binnen 32 Stunden nach der Sektion Entbundenen, und im Ganzen
unter 311 Entbundenen nur 20 Sterbefalle; wahrend von 114 binnen
unden vor der Sektionszeit Entbundenen 12 mit Tod abgingen.
Eben so wichtig sei es, dass von 147 sogenannten Gtassengeburten 5
rben sind, was somit bei Wöchnerinnen, die gar niclM unter-
sucht werden konnten, in diesem Jahre gleichfalls ein ungünstiges
VeilwilTniss herausstellt. Dr, Zipfel kann somit aus dem thatsäch-
lieh Angeführten nicht der Meinung beipflichten, dass vorzugsweise
die Untersuchung der lleharenden mit von ( 'ndaver-StoftVu imprii-
gnirten Kingern die Ursache der häufigen Kindbetttieber auf der
zweiten öebärklinik während seiner Assistentenjahre abgegeben
haben. Die Erwiderung des Herrn Dr. Semmel weis, so wie Herrn
Dr. Lumpe' s Mittheilungen über denselben Gegenstand, mussten
wegen vorgerückter Zeit auf die nächste Sitzung belassen werden.
54
Semtnelweb' Vortrag über die Geuesis des Puerperalfieber!.
(Aus dem|
Protokoll
der allgemeinen Sitzung der k. k. Gesellschaft der Aerzte zu Wien,
vom 15. Juli 1850.
. . . , worauf ziii- Fortsetzung der für diese Sitzung auf die
Tagesordnung gebrachten Diskussion über die durch Dr. Semmel-
weis zur Verhandlung gekommene Henesis des Puerperal-
fiebers geschritten wird.
Vorerst sieht sieh Herr Dr. Semmel weis veranlasst, auf jene
Kin wiii rufe zu antworten, die in einem Vortrage (siehe das Protokoll
der Sitzung vom 17. Juni)1 ) gegen seine Ansichten von Herrn Dr. Z i p fe 1
vorgebracht, worden sind.
Letzterer hat nämlich die von ihm im Jahre 1842 gemachten
und protokollirten 41 Sektionen von verstorbenen Wöchnerinnen mit
den neu zur Entbindung angekommenen Schwangeren nach den ver-
schiedenen Tageszeiten in mehrere Reihen gebracht, und wies aus der
tabellarischen Vergleichung derselben nach, dflss vmi den Ki wissenden,
welche zum wenigsten der Inquination mit Leichengift ausgesetzt
waren, die meisten gestorben sind, und vice versa, und entnimmt
daraus einen Grund gegen die Ansichten des Doctor Semmel weis;
allein so richtig auch die Zusammenstellung und die daraus gezogenen
Schlüsse sein mögen, so ist nach Dr. Semmel weis die Anzahl
p r o t o k o 1 1 i j t e n Sektionen keineswegs die der im Ganzen
machten Leichenöffnungen von Wöchnerinnen, indem von letzteren die
größere Anzahl wegen des fast immer gleichbleibenden wissenschaft-
lichen Befundes gar nicht protokollirt worden sind, somit der ganzen
Zusammenstellung die richtige Basis der Zahl nämlich fehlt. Was
aber die von Dr. Zipfel angeführte grössere Sterblichkeit bei den
sogenanntes burten betrifft, so sind bei letzteren wohl andere
äussere Schädlichkeiten meist genügend, sie zu erklai-en. wozu noch
kommt, dass so Entbundene oftmals doch untersucht werden, um sich
zu überzeugen, ob der Mutterkuchen bereits abgegangen ist oder
nicht; endlich sei die Uebertragung fauler Stoffe auf Gebärende nicht
blos vom Cad;ivr. sondern eben so gut von kranken Wöchnerinen
nnd Kreissenden her möglich, auffallend sei es aber immer, dass ge-
tade in den zwei Jakren. in welchen Dr. Zipfel Assistent war, und
zu wamst Ehre sich häufig mir Sektionen befasst hat. die Sterblich-
keil auf der zweiten Gebärklinik eine grössere war als sonst, I
zwar, dass sie im Jahre 1842 an 7.5 °0, und im Jahre 1843 an 5
betrug, indess sie im Jahre zuvor nur 2.o"„. und im Jahre darnach
3.5 u„ ausmachte: noch seltsamer sei es. wenn Dr. Zipfel trotz seiner
Einrede doch die Priorität der Ansichten über den Ursprung des
Puerperalfiebers für sich und Fergnsson in Anspruch nimmt, da
bi> auf die jetzige Zeit i in ksi< -liilich des Wiichenbetttiebers meist nur
von der Aumangvng eiteriger oder fauler innerhalb des Uterus
ia Juni. (FVr Hmuf.)
Semmel weis' Vortrag über die Qeiraafa Au Puerperalfiebers.
DO
i-jH't Stoffe oder der Aufnahme einer mit den letzteren Lmprä-
uiiirten Lnft als Erzeugungs-Ursache die Rede war, niemals aber mit
iinmtheit auf die materielle t'ebertraguug cadavei<i>tr Theile
durch die l'ntei '^ik*1j mi<ur hingewiesen wurde, wie Dr. Semmel weis
68 t hat. —
Hierauf spricht Prof Hayne seine Verwunderung' aus, dass sogar
über die Priorität der ausgesprochenen Ansichten ein Streit entstehen
kann, indem die nun für die Genesis des \\ •-« -hrnbettfiebers beim
Mensehen als neu aufgestellte ErklarungMveise von ihm bereits im
Jahre 1830 in seinen tierärztlichen Schriften für das dem Wesen
b gleiche Fieber der Rinder veröffentlicht worden ist.1)
Dem folgt nun ein Vortrag des Herrn Dr. Lumpe, ehemaligen
Assistenten an der ersten geburtshilflichen Klinik. Die Hauptgründe,
die derselbe gegen die von Dr. Semmel weis ausgesprochenen Ansichten
geltend macht, lassen sich in nachfolgende Sätze zusammenstellen: Efl
findet sich in den Ausweisen des Gebärhauses eine solche Zu- und Ab-
nahme und ein so grosser Unterschied in der Sterblichkeit der Wöchne-
rinnen in den verschiedenen Monaten eines und desselben Jahres (z. B.
im Jahr 1841 der Zeit der Assistenz des Dr. Lumpe), dass man dieselbe
BOB einer sich gleich bleibenden Ursache, wie diess die Imprägnirung
mit foulen orgauischen Stoffen von der Leiche her bei einer das
ganze Jahr sich gleich bleibenden Anzahl von Candidaten nothwendig
sein mnsfi, unmöglich erklären könnte, eben so wenig, wie diess, dass
anf einander folgenden Monaten (zwei ausgenommen) die Sterb-
lichkeit der Wöchnerinnen sieh unter jenem Verhältnisse stellte,
welches sich zeitweise auch jetzt bei den eingeführten Chlorkalk-
waschungen ergibt. — Eben so unerklärt bleibe, dass in solchen
Monaten, in denen für die Candidaten eine grössere Möglichkeit
bst-Imprägnirnng mit faulen Stoffen durch zahlreiche geburts-
hilfliche Uebungen an Leichen gegeben war. dann dass in jenen
Entbindnngsiallen seltener Art. in welchen des Unterrichtes willen
die Untersuchungen Mutig unternommen worden sind, somit für die
Wöchnerinnen die Wahrscheinlichkeit der Inquination eine größere
war. dass gerade in diesen Monaten und Fällen sieh die Sterblichkeit
der Betreffenden als eine geringere herausstellte.
Dr. Sem in e 1 weis habe somit gefehlt, die Resultate von ganzen
Jahren und nicht, die der einzelnen Monate und Fälle mit einander
verglichen zu haben. Es könne die Epidemie, wie sie in fast 8 Monaten
eines und desselben Jahres bei gleichen Einflüssen schwieg, nun aus
gleich unbekannten Ursachen durch 3 Jahre, der Zeit seit der Ein«
rahrnng der Uhlorkalkwaschnngen, gleichfalls schweigen. Die weit
Sterblichkeit aber auf der ersten geburtshilflichen Klinik
t Dr. Lumpe daher, dass auf derselben durch 4 Tage der Woche
vangere aufgenommen werden, daher die Lüftung der Zimmer nie
eine so vollkommene sein konnte, als auf der /.weiten Klinik, an
welcher die Aufnahme nur auf 3 Tage der Woche beschränkt ist;
tu der Thai, äussert sich Prof. Hayne bei Gelegenheit des Fallenfiebera
! hiere. dass dasselbe nicht so hantig epidemisch s» i als beim Menscher
in dun h die Untersuchung das i'ontagiuni von einer kranken Mtf eine ge-
sunde Wöchnerin laicht Überträgen werde- er hält somit das Kindbettfieber selber,
für com Lii"'- im Gegensätze zu Dr. Seunn el weis, der dasselbe für einen Dyftmiseheo
Process erklärt, erzeoal durch die Einbringung fanler Stoffe, von welch immer
für einer Krankheit oder Leiche her.
Sfiuni'hveis" Vortrag über die Geneais des Puerperalfiebers.
eben so glaubt Dr. Lumpe, dass bei genauerer Beobachtung auch
in der Privatpraxis sich bei der Frequenz der Wochentieber ein
epidemischer EinHnss bei ausstellen dürfte, und hier überall nur die
Resorption als Ursache an nehmen zu wollen, sei viel zu gezwungen ;
jedenfalls sei somit in dieser .Sache das Endurtheil nur von der Zeit
abzuwarten, in der man aber fortfahren solle, zu waschen.
Dagegen erwiedert Dr. Semmel weis, dass die Zahl der
Sektionen, die vorgenommen werden, und der Besuch der Leichen-
kammer so sehr wechseln, dass bei einer auch das ganze Jahr hin-
durch gleich bleibenden Anzahl von Kandidaten doch die Eiuschleppung
fauler organischer Stoffs vom Sektionstische her, so sie überhi
zugegeben wird, — bald als eine stärkere, bald ah- eine mindere au-
genommen werden muss, und wirklich hat sich auch in den Winter«
monaten, in welchen bekannter Massen die Hänfigkeit der Leichen-
öffnungen und des Besuches derselben von Seiten der Schüler immer
der grösste ist, das Wochenbetttieber viele Jahre hindurch am ver-
heerendsten behauptet; eben so fallen jene von Dr. Lumpe angeführten
s Bfouate mit geringerer Mortalität in das wärmere Zweidrittheil des
Jahres. Wenn aber Dr. Lumpe den von ihm gegebenen gebttrte-
iiilt liehen Cursen eine so grosse Wichtigkeit beilegt, so könne Dr.
S e nun el weis dieser nicht beipflichten, indem derlei Curse meist
aus blos mündlichen Vorträgen sonst bestanden haben, bei deren Be-
endigung eini^- gt 'liurlshilfliche Uebnngen vorgenommen wurden, eben
BO wie seine Erfahrungen und die anderer Geburtshelfer rücksichtlich
der Sterblichkeit der Wöchnerinnen nach künstlichen Entbindungen
besonderen Kindeslagen geradezu im Widerspruche stehen mit
dem, was Dr. Lumpe bei denselben beobachtet haben will. Bezüglich
nun der Aufnahme von Schwangeren auf der ersten Gebärklinik durch
4 Tage der Woche, und der dadurch mehr gehinderten Lüftung der
Zimmer als sein sollende Ursache der immer grosseren Anzahl von
Puerpi -ral-Erkranknngen auf derselben im Vergleich mit der zweiten
Klinik, so hat offenbar Dr. Lumpe ganz übersehen, dass die Lokali t
der ersten Klinik weit geräumiger sind, somit niemals so überfüllt
waren, als die der zweiten Klinik, trotz der nur auf 3 Tage der
Woche beschränkten Aut'iuilime. Betreff des epidemischen Einflusses
Aber, den Dr. Lumpe selbst, in der Privatpraxis in Erzeugung von
Wochenbettfieber beobachtet haben will, so spricht bisher wenigstens
die allgemeine Erfahrung der Aerzte dagegen. —
Der erste Sekretär liest nun Namens des abwesenden Herrn
Primar-Geburtsarztes Dr. Chiari einen Beitrag vor, den dieser zur
LStnng derselben Frage liefern zu können glaubt.
Dr. < hiari hat nämlich aus den Protokollen beider Geburts-
kliniken von 12 Jahren her die Anzahl der Entbindungen und die
der Todesfälle in jedem einzelnen Monate zusammengestellt und daraus
ersichtlich gemacht, dass in den Sterblichkeits-Proeenten nach den
verschiedenen Jahreszeiten kein auffallender Unterschied ist, und
dass die größte Mortalität an der eisten Klinik auf die Monate
Jänner, Oktober, November und December entfallt, indess an der
zweiten Klinik gerade im Jänner die geringste, im März. Juni und
Juli aber die größte Sterblichkeit sich zeigte; woraus hervorgeht,
dass das Puerperalfieber aHhier in seiner Häufigkeit weder von einer
durch die Jahreszeiten bedingten epidemischen Constitution, noch von
einer anf das ganze Krankenhaus sich erstreckenden endemischen
n.-lweis' Vortrag üb<?r « ) i - ta Paerperalflelier».
57
Beschaffenbeil desselben sbh&ngig* sondern von lokalen anderen Ver-
hältnissen liedingt gewesen sei. wir Belebe von Dr. Semmelweis
n&her bezeichnet worden sind.
Einen Vortrag in gleichem sinne hält der prov. Direktor des
allgemeinen Krankenhauses. Herr Dr. Helm, der frühere Jahre
Assistent an der ersten gehurt shilf liehen Klinik gewesen ist
Er tritt vorerst gegen jene auf, welche Herrn Dr. Semmel weis
die Priorität der Entdeckung streitig machen wollen und weist nach,
wenn üii'-h früher andere Beobachter, insbesondere englische Geburts-
helfer darauf hingewiesen haben, dass Puerperaltieber-Erkrankungen
dadurch herbeigeführt, werden können, dass der Geburtshelfer kurz vor
seiner Hilfeleistung bei <ler Entbindung mit gangränösen Kranken oder
solchen mit Erysipel oder mit einer Sektion sich tiefaast hat. BO hat
doch keiner bis auf Dr. Semmel weis die Sache so bestimmt hin-
gestellt und. was die Hauptsache ist, die nöthigen Vorsichtsmassregeln
an die Hand gegeben. Andere Gegner - i n « I es aber, denen der Ans*
spindi des hl, Semmel weis zn allgemein erscheint, allein weder
Dr. Semmelweis selbst noch Professor Skoda in seinem Vortrag«
bei der Akademie der Wissenschaften haben andere Ursachen der
Wöchenbettfieber, Wie schwere Entbindungen.« ieinüths-Erschiitterungen,
Blutfltteee He. etc. aoageschloBsen, vielmehr letztere als diejenigen be-
lltet, welche die gewöhnliche Zahl von Erkrankungen aller Orten
hervorzubringen vermögen, indess Imprägnirung mit faulen organischen
Stoffen von der Leiche her zn den atisserirewnlmlichen Ursachen zn
wühlen sei. Einer dritten f-Jruppe von Gegnern aber, welcher die
anstellten des Dr. Semmelweis als ganz und gar unbegründet er-
scheinen, stellt Dr. Helm blos die Frage: woher wohl seit 3 Jahren,
seit der Einführung der < 'hlorwaschungen nämlich, die sonst unge«
wohnliche Häufigkeit der Puerperalfieber — die sogenannten Epi-
demien derselben — aufgebort haben mögen nnd erklärt in so lange,
ihre Zweifel für unwichtig, in so lange sie auf diese Frage die Ant-
wort schuldig bleiben.
Zn Ende stellt Dr. Helm alle Folgerungen in wenig .Sätzen zu-
sammen und erklärt jeden einzelnen Arzt, sei wie jede ärztliche Oor-
poration Herrn Dr. Semmelweis für seine Entdeckung zu grossem
Danke verpflichtet
I »er dermalige Assistent an der /.weiten geburtshilflichen Klinik,
Herr l'i. Arn etil, endlich spricht sich in einem Aufsatze mit Be-
stimmtheit dahin aus, dass der Contakt mit Leichenteilen das ein-
Mimient sei, welches eine grössere Gefährlichkeit der Schüler
der ersten Klinik vor den Schülerinnen der zweiten Klinik begründen
kann, indem die meisten übrigen Bediugnisse, besonders die der
Räumlichkeiten, bei einem Vergleiche zum V ortheile der ersten Ab-
theilung ausschlagen. Rücksichtlich des Beweises einer direkten
Uebertragung des Leichengiftes auf eine Kreissende, durch die Unter-
suchung in einem speziellem Falle, den nach Einigen Dr. Semmel-
weis bisher noch nicht gegeben hat. ngl Dr. Arneth, dass dieser
nicht zu geben ist, indem vor der Einführung der fhlorkalkwasckungeu
Niemand darauf seine Aufmerksamkeit richtete und nun eben so
_r .Jemand die Verantwortung einer Unterlassung der Waschungen
über sich nehmen werde, doch könne nachfolgendes Faktum gewiss
als entscheidend gelten: gleich zu Anfang nämlich, als Dr. Semmel-
weis ,-uii die mögliche Uebertragung von Leichentheileu seine Am-
58
Mimülweia' Vortrag über die Genesis dea Puerperalfiebers,
merksamkiii richtete, lag eine Mutier mit verfluchendem Krebse auf
der Klinik und wurde von vielen Candidaten untersucht, ohne dass
■ ' « iiiüTitl daran gedacht hätte, auch hier Waschungen mit Chlorkalk
vorzunehmen und siehe d.i. es erkrankten sechzehn von den Schwan-
geren, die sich ZU derselben Zeit auf dem Kreissziminer befunden
hatten, l'ebrigeus aber will Dr. Arneth bei den noch bedeutenden
Schwankungen der Sterblichkeits- Verhältnisse auch unter dem Ge-
brauche der Chlorkalkwaschungen den epidemischen Einflüssen doch
einige Geltung einräumen, keineswegs aber will er zugeben, dass
wich in der Privatpraxis Puerperalfieber-Kpidemien auftreten, und
fuhrt dafür Dr. Clark e als eine englische Autorität in diesem Fache
au. indem letzterer angibt, in der Privatpraxis von 3878 Müttern
nur 3 verloren zu haben
Als Beleg, dass selbst in der neuesten Zeit von den Engländern
wohl an ein t «»ntaginin bei der oft geuannteu Krankheit und au die
Möglichkeit ihrer Krzeugung durch andere Krankheitsstoife, wie z. B.
dem des Erysipel« geglaubt wird, liest Dr. Arneth einen Brief von
Dr. Simpson vor, in welchem darauf hingewiesen wird, dass die
engtischen Aerzte seit lange schon in diesen Ideen von einem fli'n-li-
\ listet 'kungsstotfe nach Besuchen bei Puerperalfiebern oder
Erysipel etc. Btc sich nicht allein die Hände mit Chlor waschen,
sondern anno sieh nun und gar umkleiden, wobei aber Dr. Simpi
der ihm niitgetheihen Ansicht des Dr. Semmel weis von einer
durchwegs materiellen Uebertragung vom Cadaver her keine Auf-
merksamkeit zuwendet.
Zum Schlosse erklärt sieh Dr. Arneth gleichfalls dahin, dass
man wir bei anderen Entdeckungen, so auch hier dem Dr. Semmel-
iveis allein Dank schulden könne, da er nicht nur eine neue Idee
zu Tage, sondern eben so dieselbe, was die Hauptsache ist. zur
folgenreichen Anwendung und Geltung gebracht hat.
Präses Professor Rokitansky fasst nnn die Hauptmomente der
Diskussion zusammen, weist auf den unbestreitbaren Nutzen der Chlor-
kalk Waschungen hin. der selbst von den Gegnern der Semmel wa-
schen Ansichten zugegeben wird
Semmelweis' Abhandlungen und Werk
über das Kindbettfieber.
Die Actiolotrie (lew Kindbettfiebers.
(1858.)
I »ie Geburtshilfe ist jener Zweig der Median, der die höchste
Aufgrabe derselben, nämlich Rettung des bedrohten menschlichen
Lebens in zahlreichen Fällen am im n heinliensten inst. Unter
(Ursen will ich nur die Querlage anführen. Mutter und Kind sind
dem sicheren Tode verfallen, wenn die Geburt der Natur überlassen
bleibt, während die geübte Hand des GeburtflhelferB durch fast
schmerzlose, kaum einige Minuten in Anspruch nehmende Handgriffe
beide rettet.
Diesen Vorzug der Geburtshilfe, womit ich schon in den theo-
retigchen Vorlesungen bekannt gemacht wurde, fand ich zwar aller-
dings vollkommen bestätigt, als lel Gelegenheit hatte im grossen
Wiener Gebärhause sie von ihrer praktischen Seite kennen zu lernen;
aber leider sah ich, dass der Fälle, iu denen der Geburtshelfer ■
asreich wirken kann, relativ verschwindend wenig sind im Ver-
gleiche mit der grossen Anzahl von Opfern, denen er nur eine er-
folglose Hilfe zu bringen vermag: den Opfern des Puerperalfiebers
Schattenseite der Geburtshilfe.
Dreierlei Ursachen gibt es, Jenen die Entstehung des Puerperal-
fiebers zugeschrieben werden kann: die sporadische, die endemische
und die epidemische. Pureh meine Erfahrungen, welche ich im
Wiener Gebärhanse machte, kam ich zur Ueberzeugung, dass das
Puerperalfieber durch keinerlei epidemische Ursachen erzeugt wird,
sondern dass es eine bisher unbekannte endemische Ursache war, der
dir sahllosen Wöchnerinnen zum Opfer fielen.
leli will es geschichtlich darlegen, wie ich in der Lehre von
epidemischen Kindbettfieber zum Skeptiker ward, auf welche Weise
ich den wahren Grund der entsetzlichen Sterblichkeit entdeckte, mit
dessen Beseitigung dann auch glücklich gelang, der letzteren wirksam
entgegenzutreten.
In Wien gibt es zwei geburtshilfliche Abtheilungen, die beide
durch ein gemeinschaftliches Vorzimmer mit einander in ortlichem
Zusammenhang stehen. Die Aufnahme der Wöchnerinnen geschieht,
von 24 zu 24 Stunden abwechselnd, einmal an der I.. das andere Mal
an der II. Abtheilung. — Der Unterschied in der Aufnahme zwischen
den beiden besteht darin, dass dieselbe an jener, die zugleich dem
62 Semmelweis' Abhandlungen und Werk über da* Kindbettfieber.
Unterricht« der Geburtshelfer dient, an vier Tagren der Woche, an
dieser hingegen, wo die Hebammen ausgebildet werden, nur an
wöchentlich drei Tagen stattfindet. Es kumtnen somit auf die Ab-
theiluug der Geburtshelfer jährlich 52 Anfnahmetage mehr, als auf
die der Hebammen.
Beide Abtheilungen hatten ungefähr die gleiche jährliche Anzahl
von Geburten aufzuweisen, nämlich je dreitausend und einige hundert.
Dennoch war das Sterblichkeitsverhältniss während einer langen
Keine von Jahren an den beiden Abtheilungen ein so verschiedenes,
daaa während auf derjenigen, wo die Hebammen herangebildet wurden,
Sterblichkeit nach der oben angegebenen Zahl von dreitausend
und einigen hundert Geburten durchschnittlich die Zahl 60 nicht
überschritt, an der Abtheilung für Geburtshelfer bei der gleichen
Geburtszahl zwischen 600—800 schwankte.
Ware die Dnaehe des Puerperalfiebers in epidemischen Einflüssen
zu suchen, dann hätte die Morbiditäts- und Mortalitätszahl not-
wendiger Weise an beiden Abtheilungen ein und dieselbe sein müssen,
oder min wäre genöthigt zur Erklärung der obigen Thatsache und
zur Enträthsluug des Unterschiedes, anzunehmen. dass der epidemische
EinflUiS bloss SM Stunden währte und zwar immer nur während jenen
"24 Stundin. in welchen die Aufnahme auf die ärztliche Abtheilung
erfolgte. Dann aber wäre ja doch auch das ganze Gebärhaus, ohne
1'nterschied der Abtheilungen, diesem Einflüsse unterworfen gewesen,
da sich eine Epidemie nicht nur auf einen so beschränkten Ort,
sondern erfanrnngsgemäss auf einen viel grosseren Raum erstreckt,
falls sie auch wirklich da ist.
Der zweite Grund meines Zweifels war der, dass zur selben Zeit,
wo das Kindbettfieber in der Klinik am stärksten wiithete, in der
Stadt sieh gar keine derartige Epidemie zeigte.
Ein dritter Grund war: dass die Jahreszeiten absolut keinen
Eiiifluss weder auf die Entstehung, noch auf das Aufhören der Epi-
demie übten, da diese durch das ganze Jahr gleich stark wiithete
und zwar schon seit einer langen Reihe von Jahren. Andere Epidemien
werden, wenn sie die Hitze begünstigt, doch sicher durch die Kälte
gemässigt u. s. w. Hier aber zeigte die Sterblichkeit ganz unverändert
immer das gleiche Mass.
Nicht minder wichtig ist ein vierter Grnnd: dass nämlich das
Puerperalfieber in Folge einer faranmataschen Einwirkung entstehen
kann, was bei keiner andern epidemischen Krankheit beobachtet wird.
Das Ausschlaggebendste endlich ist, dass die beliebteste und mit
bestem Erfolg geübte Massregel, an einer IbennfisBigen Sterblichkeit
Einhalt zu thun, das Schliessen der Gebärabtheilungen war; denn die
Erfahrung hatte ra der Ueberzeugung geführt, die Wöchnerinnen
winden von der Krankheit verschont bleiben, wenn sie ausserhalb
der geburtshilflichen Klinik entbänden. Das Schliessen des Gebär-
hiius. s machte in jedem Falle und sofort der Epidemie ein Ende,
während diese Massregel bei anderen Epidemien im Gegentheil ihrer
Weitervebreitung und der Mortalität noch Vorschub leistet, sicherlich
aber der Epidemie kein Ende m;i
So hat z. B. das Einstellen der Aufnahme in die Spitäler bei
der Cholera noch nie dem Wiithen dieser Epidemie Einhalt gethan.
1 huch die angeführten wesentlichen Grunde wurde ich zur Ueber-
zeugung gebi i häufigen Auftreten des Kindbettfiebers
D rhv.'is' Atihainllnji^pn nml WVik Star du Knirlticttfietier.
63
keine Epidemie zum Grunde liegen kann, dass es vielmehr eine
endemische Krankheit ist. d. h. dass sie lediglich eine solche Ur-
sache hat. die sich auf die Localitäten der I. Abtheilnng der Gebär-
anstalt bescbi änkt.
Wenn ich weiteis die angenommene endemische Ursache in ihrem
Verhältnis* zu den beiden Abtheilungen prüfe, so zeig! sich, dass die
Krankheit gerade auf der II. Abteilung starker hätte wüthen, und
die Sterblichkeit an der J. Al.theilung eine geringere hätte sein
müssen. Thatsächlich war aber gerade das Gegentheil der Füll.
erste endemische Ursache galt die Ueberfüllung. Wenn
diese die Ursache der Endemie gewesen wäre, so hätte die Sterblich-
keit an der IL Abtheilung noch grösser sein mitssen, da sich der
grössere Theil der Wöchnerinnen aus Angst W»r der I. Abtheilung
zur Aufnahme in die IL Abtheilung meldete, wodurch diese so über-
fällt wurde, dass man die sich zur Aufnahme Mehlenden sehr oft
nicht übernehmen konnte, oder wenn man sie auch übernahm, nach
nit von wenigen Stunden wieder an die erste zurückgeben musste.
Hieraus ist es erklärlich, warum auf der ärztlichen (Li Ahtheilung
die regleinentTiiässiL'' jährlich um 52. doch in Folge des Gesagten liiat-
Säehlich Doch erheblich mehr Anfnahmstage hatte, die Zahl der Ge-
i'Uifen um unverhältnissmässig wenig die der in ihren Localitäten
beschränkteren 11. Abtheilung überstieg.
\ls zweite Ursache wurde dahingestellt, dass die Wände und
Möbel dieser Klinik, so wie such di«- Betten, Stahle, Wäsche, mit
einem Worte das ganze Loeaä im Verlaufe der Zeiten durch die Aus-
dünstungen gesunder und kranker Kreissenden angeblich inficirt
worden waren, in Folge dessen auch die gesund ankommenden
bärenden dort erkranken mussten.
Wäre das die Ursache des Puerperalfiebers gewesen, so hätte die
Sterblichkeit gerade unter diesen Umständen an der Hebammen-
Abtheilung (IL) eine grössere sein müssen, weil deren Localitäten
schon zu Prof. Boers Zeiten als geburtshilfliche Klinik gebraucht
Leu und dort dazumal eine so grosse Sterblich keit herrschte, dass
der genannte vorzügliche Lehrer deshalb in Pension gesetzt warte;
während, im Gegentheil, die Abtheilung der Geburtshelfer damals
neu erbaut war.
Auch die öftere und, wie man behauptete, rotiere Untersuehungs-
WfBSfi ist in der Keine der in Verdacht genommenen Krankheitsursachen
nicht vergessen worden, da sie auf der Abtheilung der Hebammen
ii der geringeren Zahl der Elevinen und ihres geringeren
ner ausgeübt werden kennte Wenn nun aber die selbst
mehrmalige Einführung eines Fingers in die bis zum Muttermund
erweitert de das Puerperalfieber und zwar so häufig hervor-
zurufen im Stande wäre, da müsste ja das übermässige Dehnen und
Verletzen dieser Theile durch den Kindeskopf eine derartige patho-
gne Wirkung haben, dass keine Gebärende frei von dieser
Erkrankung bliebe. Hietnr sorgte aber die Natur, Die Erfahrung
lehrt ganz im Gegentheil, dass sich die Wöchnerinnen oft nach den
schwersten Geburten und nach Anlegung der Zange — falls die
tauen keine Quetschung erleiden — der besten" Gesundheit er-
freuen; hinwieder sind es die leichtesten I "leburten, nach denen nicht,
selten ein tiWltlh lies Puerperalfieber auftritt.
Auch behauptete man: die Sterblichkeit wäre deshalb grösser,
64
Si'miiH'luri-' AbLandlnngen und Werk über das KiivUierttieber.
weil nur unverheirathete Mädchen aufgenommen werden, bei denen
wohl die Sorge um ihre verlorne Unschuld, um ihre Sobsistenz, oder
der Gebrauch von Abortivmittel, betrogene Liebe, oder Eifersacht,
Kummer über die Untreue ihrer Geliebten. Schuld an ihrem Krank-
werden trügen. Allein dies konnte keinen Unterschied zu Gunsten
der einen Abtheilung statuiren. da ja auf beide gleichartige Individuen
aufgenommen wurden.
18 die niedicinische und geburtshilfliche Behandlung nicht die
Schuld an dem Uebel trug, ist für jeden Sachverständigen leicht
einzusehen, da sie ja an beiden Abtbeilungen gleich war und nur erst
bei Beginn des Fiebers applicirt wurde.
Der Sterblichkeitsuntei-schied zwischen der 1. und II. Abtheilung
wurzelte in der häufigeren Erkrankung an der erste reu. Die Puer-
perallieberkranken genasen oder starben an beiden Abtheilungen in
gleichem Masse.
Endlich behaupteten Viele, dass die Furcht und der .Sehmken.
welchen die massenhaften Todesfälle erzeugten, ebenfalls eine Quelle
der häufigen Erkrankung der Gebärenden sein kennen. Wäre dies
auch wirklich der Fall, dann bliebe dach immer der Beginn der
grossen Sterblichkeit unerklärt; denn notwendiger "Weise musste ja
eine grössere .Sterblichkeit vorausgegangen sein, ehe sich die Furcht
davor entwickelte. Noch weniger lässt sich aus dieser Ursache, das
Aufhören der Sterblichkeit erklären, welche trotz vieljähriger Furcht
plötzlich aufhörte.
Die ungeheure Zahl der Opfer des Puerperalfiebers musste dem
Forschnngsdrange wissenschaftlicher und humaner Bestrebungen als
ernste Aufforderung dazu vorschweben, dessen verderbenbringende
unbekannte Ursache zu enthüllen und damit Tausende von Menschen-
leben vor dem Untergange zu bewahren, der sie gerade im Momente
der Erfüllung ihrer Bestimmung bedrohte. Da geschah es, dass der
von mir hochi erehrte Professor der gerichtlichen Medicin Dr. Kolletschka
bei einer geric h t sä rzt liehen Section von einem unvorsichtigen Schüler
durch ein mit Cadavertheilen iirftcirtes Messer verletzt wurde, und
in Folge dieser Verletzung an Pyaeniie. die in Gestalt von Lymph-
angioms. Phlebitis, Pleuritis uud einer Metastase im linken Au_e
auftrat, starb.
In meinen ganzen Wesen erschüttert, sann ich mit ungewohnter
Intensität meines aufgeregten Gemiitlies über den Fall nach, als
plötzlich vor meinem Geiste der Gedanke auftauchte, und es mir auf
einmal klar ward, dass das Puerperalfieber uud die Krankheit Professors
Kolletschka's identisch seien, da das Puerperalfieber anatomisch aus
denselben Prodacten wie - i > ■ bestelle) nämlich Lymphangioms, Phlebitis,
Pyaenrie, Metastasen u. s. w. Wenn nun — so schloss ich weiter —
die Pyaeniie bei Professor Kolletschka in Folge der Einimpfung von
< .'adavertheilen entstanden ist, so muss auch »las Puerperalfieber aus
der nämlichen Quelle herrühren. Es war nur noch zu entscheiden:
woher? und wie? die zersetzten Cadavertheile deu Wöchnerinnen
eingeimpft werden. Die Uebertragungsquello dieser i'adavertlieile
nun war in den Händen der behandelnden Aerzte und ihrer Schüler
zu suchen und aufzufinden.
Die hauptsächlich anatomische Richtung der Wiener Schule ver-
anlaßt die Lehrer sowohl wie die Schüler sich täglich mit vielen
Leichen zu beschäftigen. Hierbei inflciren sie ihre Hände, die dann
Semm erweis' Abhandlungen und Werk aber ihn KiinllietH"
05
tr<<tz allen \\ aschens mit Seife das Ungenügende ihrer Reinigung
durch einen üblen Geruch verrathen. Der durch unsichtbare, nur
durch den Geruch wahrnehmbarer Cadavertheile verunreinigte Finger
wird zu geburtshilflichen Untersuchungen benützt und bis zum Mut
mund hinaufgeführt, also bis zu jenem Theile der Gebärmutter, der
Monate hindurch mit der Eierhaut bedeckt war, in Folge dessen Me
Schleimhaut entblösst, eine grosse resorptiousfuhige Fläche bietet.
Wenn dieses Raisonnement richtig war, so musste durch die Be-
seitigung der Ursache nothweudigerweise auch die Folge, d. h. die
Sterblichkeit beseitigt werden. Aus diesem Grund, um die an der
Hand klebenden Cadavertheile zu zerstören, wurde das Waschen der
Hände mit Chlor verordnet.
Am 20. März 1847 wurde ich Assistenzarzt an der I. Geburts-
hilflichen Klinik. Im Monate April starben 57 Wöchnerinnen. Mitte
Mjü (ich erinnere mich nicht mehr genau des Tages) wurden die
Cblorwaschungen vorgeschrieben. In diesem Monat kamen 36 Todes-
fälle vor. — Von da angefangen im Juni 0. Juli 3, August 5. September 2,
•her IL Xovnnber 11, December 3.
Das Jahr 1848 gab noch günstigere Resultate, Von 37so Ent-
bundenen starben nur 45, auf der Hebammen- Abtheil iing von 3291
nur 43.
Im September 1849 starben an der Abtheilung der Höret 60. an
der Hebammen-Abtheilung 7fi. Während zwei Jahren zeigte s n • 1 1
also absolut kein Unterschied zwischen den beiden Abteilungen, wo
doch zuvor die Sterblichkeit an der Abtheilung der Hörer ungeheuer
gross im Vergleich zu der Sterblichkeit der Hebammen-Abtheilung
gewesen war.
Dieser glänzende Erfolg beweist, dass die Vorausgesetze Ursache
des Sterblichkeits-.mterschiedes zwischen den beiden Abtheilungen,
nämlich die durch die verunreinigten Finger stattgehabte Resorption
wirklich die wahre Ursache war, da mit ihrer Beseitigung auch die
Folgen abgewendet wurden, wählend vorher die Eliminiruug aller
nirbaren und verdachterregenden Ursachen dieses Resultat nicht
ergeben hatte.
Wenn wir die seit dem Jahre 1792 existirendeu Au*- weise des
i .-hauses durchblättern, so stellt sich heraus, dass in dem Masse
die anatomische Richtung der Wiener Schule von Jahr zu Jahr
immer stärkere Geltung erlangte, auch die Sterblichkeit mit ihr
Schritt haltend von Jahr zu Jahr grösser wurde; ja es ist sogar
der geringere oder (stärkere Hang der in dem Gebärhause ange-
stellten Aerzte zur anatomischen Schule in der : i^m j en oder kleinereu
rblichkeit erkennbar.
Gleich zu Beginn der Trennung des grossen Gebärhauses in zwei
Abtheilungen wurde die Veranstaltung getroffen, dass die eine Haltte
der Schüler und der Hebammen an der I. Abtheilung, die andere
Hälfte ihren Unterricht au der II. Abtheilung erhalte. Solange die
Schüler an beiden Abtheilungen im gleichen Masse vertheilt waren,
war die Sterblichkeit an beiden Abtheilungen eine gl «'ich förmig grosse;
nur vom 19. April 1839 angefangen, als sämmtliche Schüler auf die
I. Gebärklinik und sämmtliche Hebammen auf die IL gewiesen wurden,
entstand der erschreckende Unterschied /wischen der Sterblichkeit
r Abtheilungen.
Nur in den Jahren 1842 und 1843, als ein Assistenzarzt auf der
SemcueLwei»' gesammelte Werke. ö
Semrndweis1 AlrUandlnncreii und Werk über das Kindbettfieber.
II. Gebärklinik wirkte, der sich vielseitig mit der pathol
Anatomie beschäftigte, stieg1 die an dieser Abtheilung bis dahin so
geringe sierhlirlikeit auf 203 beziehungsweise auf 164. Nachdem es
klargelegt war, dass die Ursache des Puerperale bi rs die Einführung
von faulen thierisch-organischen Stoffen mittelst der untersuchenden
Finger ist. fanden viele Erscheinungen, die täglich vorkamen und
uiclit /.n e.ntr»ths»dn waren, ihre Erklärung. Hieher gßbört die Be-
obachtung, dass tad s:inimtlieheu Individuen, bei denen die zweite
Periode der Geburt zögernd verlief, weswegen sie auch einige Tage
im Kreissziinmer zuh ringen mussten, das Puerperalfieber noch während
des Geburtsaktes, oder in den ersten 24 .Stunden nachher auftrat, in
Folge dessen Kind und Mutter plötzlichen Todes endeten- in den
Leichen beider zeigte die Section einen identischen pathologisch-ana-
tomischen Befund. Zögeruugen der zweiten , d. h. der EroÜhUBgS-
periode, kamen auch an der II. Gebärklinik vor, ohne dass jedoch der.
Qeburtsakt einen tödtlichen Ausgang för Mutter oder Kind genommen
hätte. Dies erklärt sich dadurch, dass, wenn die Wöchnerin we
zögernden Verlaufes der Eröffnungsperiode längere Zeit im Kreiss-
zimmer der I. Abtheilung verblieb, sie sicher öftere Male mittelst
verunreinigten Fingern untersucht und ihr dabei um so sicherer der
faule, thierisch-organiselie Stoff eingeimpft wurde; da aber das Kind
mit der Mutter in Verbindung blieb, wurde dieser Stoff durch den
Blutkreislauf auch ihm niitgetheilt, was bei beiden den Tod durch
Pjaemie nach sich zog. Nachdem die CMorwaschungen streng durch*
geführt wui den und auf diese Weise die Untersuchung mit gereinigten
Händen geschehen konnte, fiel die Gefahr eines tödtlichen Ausgangs
in Folge Zögerim«: der Erötfnungspenude weg.
Eine zweite Erscheinung war, dass das Kindbettfieber an der
I. Abtheilung nicht selten schon während der Schwangerschaft aus-
brach. Dies erklärt sich nunmehr daraus, dass die Schwangeren in
das Wiener Gebärhaus in den verschiedensten Monaten ihrer Schwanger-
schaft aufgenommen werden, damit die Schüler Gelegenheit hätten,
sich mit dem Verlauf der Schwange» schall in ihren auf einander
folgenden Monaten experimentell bekannt zu machen. Durch die
Untersuchungen der Schüler wurde bei diesen Schwangeren die Re-
sorption des faulen thierisch-organischen Körpers gerade so mihi sacht.
wie bei den Gebärenden, demzufolge das Kindbettfieber sich noch
während der Schwangerschaft einwickelte. Dass es seltener bei
Schwangeren als bei Wöchnerinnen auftrat, dies ist leicht darau-
erklären, dass die Resorptions-Bedingungen bei den Wöchnerinnen
viel günstiger waren, als bei den Schwangeren. An der Hebammen-
Abtheilung kam das Kindbettfieber bei Schwangeren überhaupt nicht
vor und nachdem die Chlorwaschungen eingeführt, waren, blieb es
auch an der Aer/te-Abtheilung aus.
Eine dritte Erscheinung war das reihenweise Erkranken der
Wöchnerinnen (ganze Reihen erkrankten). Dies erklärt sich daraus,
dass bei der ärztlichen Visite sämmtliche Kreissende der Reihe nach
ontersncht wurden, wie sie in den nebeneinanderstehenden Betten
dalagen; sie mussten dann auch in der nämlichen Reihe erkrauken.
Eine vierte auffallende Erscheinung war die, dass bei den bo-
genannten < Tassengeburten, d. h. bei solchen Individuen, die in das
Gehürhaus eilend unterwegs von der Geburt überrascht wurden und
auf diese Weise auf der Gasse, den verschiedenen Unbillen der
njelweia' Abhandlungen nnd Werk über das Kin*lbetttiel>er.
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Witterung ausgesetzt, ohne jeder Hilfe entbanden, und die, um das
iihans eu erreichen, sofort nach der Geburt einen nicht un-
beträchtlicheii Weg zurücklegen mussten. — dass bei diesen Ge-
bärenden, deren Zahl alljährlich auf lausende ging] trotz der er*
verenden Umstände dennoch günstiger waren, wie bei jenen, die
im Krankenhause gebaren.
Die Erklärung dafür ist, dass jene, da sie schon geboren hatten,
nicht mehr untersucht wurden nnd ihnen somit der gefährliche faule,
isi'h-organische Stoff nicht eingeimpft werden konnte.
Ich habe Gelegenheit gehabt in der Gesellschaft der Aerzte in
w ien, die von den Aerzten der ganzen civilis! rten Welt besucht wird,
Hinblicke in die Verhältnis»» fr jr übrigen Gebärhäuser ZU bekommen,
wobei Bfi sich herausstellte, dass in all jenen Anstalten, in denen das
Puerperalfieber epidemisch auftritt, die von mir behauptete. Ursache,
d. b. die iebertragung der faulen tbierisch-organischen Stoffe) nach'
weisbar ist. dass hingegen in all jenen Anstalten, wo das epidemische
Puerperalfieber nicht auftritt, auch die obengenannte Ursache nicht
besteht. Das Puerperalfieber kommt als<» epidemisch nicht vor in
jenen Gebäiliäiisern. welche nicht gleichzeitig Unterrichtsaustalten
sind (mit Ausnahme des Pester St. Rochus-Spitals, in der das Puer-
peralfieber epidemisch herrschte, obwohl dieses Spital keine Unter-
richtsanstalt ist; doch war hier der Primararzt Chef der chirurgischen
Abtheilung und gerichtsärztlicher Anatom zugleich, wodurch Gelegen-
heit für die Uebertragung der faulen thierisch-organischen Stoffe ge-
boten war), oder welche nur als Bildungsinstitut für Hebammen
dienen. Eine alleinige Ausnahme davon macht wieder die Pariser
Maternite. wo das Puerperalfieber epidemisch auftritt; doch, wie be-
kannt, erhalten die französischen Hebammen, die zumeist aus guten
Häusern stammende Jungfrauen sind, in der Maternite einen ausführ-
lichen geburtshilflichen Unterricht, sie erlernen die Anatomie im
praktischen »Studium und werden namentlich in der Leichenoperation
ndlicb ausgebildet. An der Abtbeiluug. wo die Geburtshelfer unter-
richtet werden (Professor Dubois), in der jährlich 125 Geburten vor-
kommen, wüthet das Puerperalfieber sozusagen ununterbrochen.
Das ist leicht zu erklären. Die genannte Abtheilung befindet
sieb im ersten Stock der Ecole de Medecine, ebenerdig aber werden
die anatomischen Vorlesungen und Uebungen abgehalten. Die hier
häftigten Schüler werden, des Zeitgewinns halber, von jeder neu
getretenen Phase der Gehurt mittelst eines Zeichens verständigt,
das bei Tage mit einer Fahne, bei Nacht mit einer ausgehängten
Lampe, gegeben wird , worauf sie. sich eiligst von ihrer anatomischen
Beschäftigung auf die Abtheilung der Gebärenden begeben und dort
unmittelbar die Untersuchungen vornehmen.
Im Breslauer Gebät das nur für die Ausbildung von Heb-
ammen eingerichtet ist, zeigt, sich bei jährlich 3000 Geburten kein
epidemisches Kindbettfieber. — In C'assel giebt es ein liebärhaus, das
an! keiner Unterrichtsanstalt verbunden ist und auch dieses blieb stete
Kindbettfieber frei, während dasselbe im Marbuiger Gebärhause,
das zugleich eine geburtshilfliche Bildungsanstalt ist, epidemisch i-t
In Strasaburg, so wie auch in Wien, gab es unter zwei ver-
ichiedenen Leitern zwei Gebarhäuser: das eine war für den Unter-
i der Hebammen, das andere für den der Geburtshelfer bestimmt
und beide hatten ein gemeinsames Vorzimmer. Während nun an der
6*
68
Semmelweis' Abhandlungen and Werk über das Kindbettfieber.
Hebammeuabtheilung das Kindbettfieber durchaus niclit epidemisch
vorkam, wüthete es zur nämlichen Zeit in der Abtheilung für Geburts-
helfer epidemieartig. Nachdem dann die beiden Abtheilungen unter
einem Chef vereinigt worden waren, hörte der Sterblichkeitsunter-
schied wohl auf, aber von da ab wies auch die AbtheiJung für Heb-
ammen eine Sterblichkeit auf.
Meine über die Entstehung des Kindbettfiebers gehegte Ansicht
habe ich theils schriftlich den Vorständen zahlreicher Gebärhäuser
mitgetheilt, theils durch ihre vorübergehend in Wien weilenden Schüler
brieflich mittheilen lassen. Ich erhielt hierauf folgende Antworten:
Professor Simpson in Edinburgh, der berühmteste Geburtshelfer
unserer Zeit, erwiderte, ich könne in der englischen geburtshilflichen
Literatur kaum bewandert sein, da ich, wie es scheint, nicht wisse,
dass die englischen Geburtshelfer das Kindbettfieber für eine contagiöse
Krankheit halten. — Er hat also die Frage, beziehungsweise meine
Behauptung, nicht nach ihrem Sinne aufgefasst.
Die Meinung des Professors Tilanus in Amsterdam ging dahin
(9. März 1848), dass die Verbreitung und das Andauern des Kind-
bettfiebers ohne Zweifel einer Contagiosität zuzuschreiben sei, wenn
es bereits durch epidemische atmosphärische Verhältnisse entstand,
wohin er besonders die Constitutio annua im Winter und im Frühjahr
rechnet. — „Denn — so setzt er hinzu — auffallend ist doch die
Analogie des puerperalen Contagiums mit dem Eiterungsfieber und
der Eiteratmosphäre, die in mit chirurgischen Kranken belegten Sälen
entsteht und die frischen Wunden mit Gefahr bedroht. Und eine
Neuentbundene sei doch gewiss, selbst in physiologischem Betracht,
als eine Frischverwundete zu betrachten." Er sei überzeugt, dass
das Kindbettfieber häufig durch Leicheninfection entstehe, er habe
diesen Ursprung in mehreren Fällen klar erkannt und nicht nur sorg-
fältige Waschungen verordnet, sondern seinen Schülern auch verboten,
anatomische Uebungen während ihrer geburtshilflichen Studien vorzu-
nehmen. Ob durch die Chlorwaschungen das Contagium gänzlich
zerstört wird, das könne er nicht wissen, da Beräucherungen mit
('lilordämpfen zur Tilgung von Eiterungsfieber oder Spitalbrand-
Effluvien sich als ungenügend erwiesen, und zur Erreichung dieses
Ziels noch die Einwirkung eines langaudauernden Luftstroraes nöthig
Tilanus betrachtet also die Epidemie als erste Ursache des Kind-
bettfiebers und in seiner Meinung über die Contagiosität begegnen
wir der Anschauung der englischen Aerzte und der unbestimmten
Idee des Contagiums.
Der Brief des Kieler Professors Dr. Michaelis (18. März 1848),
den er an seinen in Wien weilenden Schüler. Dr. Schwarz, richtete,
hat mich in meinen Untersuchungen ermuthigt. „Unsere Anstalt —
schreibt er — war in Folge des Puerperalfiebers vom 1. Juli bis
1. November geschlossen. Die dann zueist wieder Aufgenommenen
erkrankten. . . . wir wollten also die Anstalt schon wieder schliessen,
als gerade Ihre werthen Mittheilungen ankamen. ... Sie gaben mir
wieder einigen Muth; der Beweis der Wirksamkeit der Chlor-
Waschungen, so weit er in Wien geführt ist. ist schon wegen der
grossen Anzahl der Fälle von Bedeutung. Und wahrlich, seit der
Einführung und genauen Anwendung dieser Waschungen verminderten
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbett fieber. 69
sich die Krankheitsfälle sowohl auf der Klinik, wie in meiner Privat-
praxis erheblich.'* Weiters:
..Seit vorigem Sommer, wo meine Cousine am Puerperalfieber starb,
die ich nach ihrer Niederkunft untersucht hatte, zu einer Zeit, wo
ich mit Puerperalkranken zu thun hatte, war ich überzeugt von der
Uebertragung der Contagion. Es fiel mir dann noch ein. dass schon
einige Monate früher eine Frau in der Stadt, zu der ich gerufen
wurde, ebenfalls am Puerperalfieber gestorben war. Ich verweigerte
daher meinen Beistand durch vier Wochen ; eine Gebarende, der ich
helfen sollte, musste deshalb einen anderen Arzt rufen; es war Pro-
lapsns turiKtili umbilicalis; er reponirte; der Arzt seeirte viel, täglich.
Die Entbundene erkrankte am Puerperalfieber, wurde zwar gerettet,
hat aber eine Exsudatmasse am Uterus. Die Hebamme, welche hier
Beistand leistete, hat wenigstens noch zwei bis drei solcher Fälle in
der Stadt gehabt. — Ich danke Ihnen für Ihre Mittheilung; sie hat
vielleicht schon unsere Anstalt vom Untergange gerettet. — Ich bitte
Sie, mich dem Dr. S. zu empfehlen und auch in diesem Sinne zn
danken: er hat vielleicht einen grossen Fund gethan."
Nicht weniger interessant ist der vom 28. August 1850 datirte
Brief Professor Schmidt's in Berlin an Professor Brücke, der ihm
über die Angelegenheit. Mitteilung gemacht hatte: „Ich halte die über-
raschende Beobachtung von S. für um so beachtenswerter, da auch
Sie dieselbe bestätigen, der Sie nicht nur Physiologe, sondern im
Punkte des „post hoc ergo propter hoc" mehr Skeptiker als Gläubiger
sind." — Dass die Gebärenden in der Charite selbst nach den leich-
tern, kaum einige Minuten lang dauernden Operationen viel leichter
an Kindbettfieber erkrankten und starben, wie nach den schwersten
Operationen und unter den misslichsten Verhältnissen in seiner bis-
herigen Landpraxis, diese Erfahrung war S. geneigt äer X>>xocomial-
Atmosphäre zuzuschreiben. — „Aber — setzte er hinzu — die Klinik
des Dr. Busch ist ausserhalb des Spitals und die Wöchnerinnen er-
kranken und sterben bei ihm gerade so wie bei mir; und die Schüler
beider Kliniken beschäftigen sich fleissig mit Leichensectionen. Sollte
nicht eine Uebertragung des Leichenmiasmas und in ihrem Verfolg
zunächst Metritis septica (aber auch ähnliche Zustände) möglich sein?"
— Er aber — so weit er sich besinnen könne — habe diese in Berlin
häufigere Erkrankung nur bei Operirten beobachtet.
Er hörte von Dr. E verken, dem Director des Paderborner
Hebammeninstitutes, dass dieser kürzlich mehrere Puerperal fieberkranke
hatte, und dass er sich klar erinnere, zu jener Zeit fleissig Leichen
terfrt zu haben und da er von den Wiener Erfahrungen keine Kennt-
nis <o habe er persönlich die Touchirnbungen der Hebammen
geleitet.
Dr. Hüter. Professor in Marburg {28. December 1850), erkennt
zwar als eine der Ursachen des Kindbettfiebers die Leicheninfection
an. doch leitet ei sie ausserdem von äusserlichen (miasmatischen) und
inneren (individuellen) Ursachen ab. — Er glaubt, die Uhlorwaschungen
böten nicht für jeden Fall ein hinreichendes Schutzmittel, da trotz
der vorherigen wie nachträglichen Waschungen bei einer Wöchnerin,
nachdem sie öfters untersucht und bei ihr die Zange angelegt worden
war. an der Hand eine earbnnculüse Entzündung aufgetreten sei.
Dr. Arneth. emer. Assistenzarzt in Wien (Paris, 12. Januar 18Ö1),
hörte nn in München, dass die Sterblichkeit im dortigen ge-
70
SeTnmfhvei^ Abhandlungen uud Werk über das Kiiidtitttlieln-r.
Inutshil fliehen Inst it in eine Zeit lang sehr gross war: die Ursache
keimte nicht erforscht werden, bis es sich endlich herausstellte, dass
die Nachgeburten von den Hebammen in die Aborte geworfen wurden;
als dies eingestellt wurde, hörte auch die Sterblichkeit auf. — Auch
die angeführten Stiassburger Daten verdanke ich Beiner Liebens-
würdigkeit.
-t ritzt auf die im Vorigen angeführtni Tlia isachen würde ich
iJa< Eündbettfleber folgender Weise denniren: Das Kindbettfieber
ist ein He sorptionsfieber , bedingt durch die Resorption
eines zersetzten thierisch-organischen Stoffes. Die
erste Folge der Resorption ist die Blutenttnischiing,
dann stellen sich, als die localen Producte der Ent-
mischung des Bl Utes d ie Übrigen Folgen des Kindbett-
fiebera ein, und zwar Metritia, Peritonitis, Pleuritis
u. s. w.
Die häutigste Quelle des resorbirten zersetzten Stoffes war in
Wien die Leiche. Doch i>i sie nicht die alleinige Quelle, denn ein
jeder th i er isch- organische Stoff, der sich dem vitalen Pro-
« Mir zogen uud den chemischen Gesetzen — namentlich der Zi -i -
setzung — unterworfen wurde, ist im Stande das Kindbettfieber hervor-
zurufen. 80 Bind z. B. Seerete jauchiger Carcinoma, gaugraenöser
Geschwüre Quellen des Kindbett Hebers, falls sie mit den zur Resorption
fälligen Uteruspartien in Berührung kommen.
Das Kindbettfieber kann aber nicht nur ausschliesslich durch die
von aussen her eingedrungenen zersetzten thierisch-organischen
Stoffe hervorgerufen weilen: — das sind die. Fälle, die in den Ge-
barhäusern Ursachen des angeblich epidemischen Puerperalfiebers sind
und denen man vorbeugen kann. — Die faulen Stoffe können auch
innerhab des Organismus der Wöchnerin entstehen, wenn
z. B. die Eihäute oder die Placenta daraus nicht entfernt werden,
oder ihre Residuen in Fäulniss oder Verjauchung geraten und auf
diese Weise mit der entblössteu Fläche des Uterus in Berührung
kommen, resorbirt werden und Pyaemie, d. h. das Puerperalfieber her-
vorbringen.
hdem in Wien durch Einführung der Chlonvaschungen der
auf der ersten Abtheilung seit Boer's Zeiten wütheuden Kindbett-
hebeiepidemie Einhalt gethan worden war, (kann eine Epidemie so
lange dauern?) erkrankten wiederum plötzlich und zugleich 12 Wöch-
nerinnen am Kindbettfieber: die Ursache dessen war ausschliesslich
eine an verjauchendem Uterus-rar einem leidende Frau, vou der der
faule Stoff auf die übrigen Wöchnerinnen, und zwar der Reihe nach,
wie sie neben einander lagen und untersucht wurden, übertragen
wurde, da man die 1 hloi Waschungen gewöhnlich nur einmal uud
unmittelbar vor dem Beginn der Untersuchungen anwendete und über-
haupt für nothwendig hielt. Eine ähnliche lufection traurigen Aus-
ganges erwähnte mir Professor Jak seh in Prag, wo bei einer vor-
nehmen Familie die vor ihrer Niederkunft stehende Frau des Hauses
dieselbe Hebamme zur Hilfe nahm, die vorher die krebsigen Geschwüre
ihrer Schwiegermutter verbunden hatte. Umsonst war die Warnung
des Prot lie kräftige junge Frau wurde in einigen Tagen das
Opfer des Puerperalfiebers.
Der Träger d zten Stort'es ist der untersuchende Finger,
die operirende Hand. Inßtramenl ramme, Bettwäsche u. s. w.,
Semmelweia' Abhandlungen und Werk über da« Kindbettfieber.
71
u. s. w. oder die atmosphaerische Luft, die den suspendirten Stoff in
sich enthält.
Die Stelle der Resorption ist die innere Fläche des Uterus,
;he in Folge der Monate lang dauernden Schwangerschaft du
die Eihäute bedeckt, ihrer Schleimhaut beraubt, eine grosse resorptiona-
lahige Räche darbietet. Da die Schleimhaut — in ihrem unverletzten
ande — durch eine dicke Schichte des Epitheliuma gedeckt ist,
verringert sich hierdurch, so wie durch das fortwährende Fliessen des
Schleims und der dadurch bedingten Ausspülung: die Resorptions-
fähigkeit in erheblichem Masse,
Die Zeit der Resorption ist die Schwangerschalt, doch nur in
seltenen Fällen, da wegen Geschlossenseins des Süsseren und inneren
Muttermundes die eigentliche Resorptionsfläche unzugänglich ist. in
> dessen die eingedrungenen zersetzten thierisch - organischen
Stulle nicht aufgesogen werden können.
In einzelnen {fallen — wie es bei Mehnnalgebärenden zu geschehen
gt — kann der Muttermund geöffnet sein und der untersuchende
Finger dringt in die Uterushöhle ein. Der erste Kaiserschnitt, den
ich zur Kettung des Kindes ausführte, war an einer an Kindbettfieber
itorbenen; doch pflegt der während der Schwangerschalt erfolgten
lion der Abortus zu folgen.
Häufiger geschieht die Resorption in der ersten, am häufigsten
aber in der zweiten Periode der Geburt, weil zu dieser Zeil die kv-
sorptionsnache des Uterus nicht nur zugänglich ist. sondern weil diese
Periode auch eine nothweudiger Weise sich darbietende Gelegenheit
und Grund zur öfteren Einführung des untersuchenden Fingers zum
Zweck der Ermittlung der Kindeslage, und der Ueberwachung des
rtsverlaules und seiner Perioden ist.
Wenn die Einführung und die Resorption des zersetzten Stoffes
in der zweiten Periode der Geburt geschieht, so wird auch die Fracht)
welche eine Zeit lang noch durch den Blutkreislauf in Verbindung
mit dem mütterlichen Organismus bleibt, inficirt und sie geht an
in zu Grunde.
Seltener geschieht die Uebertragung in der dritten oder vier' hu
Periode, in der der Uterus nicht mehr zugängig ist, da der Mutter-
mund durch den vorrückenden Kindeskörper verschlossen wird, auch
die Notwendigkeit einer Einführung des Fingers seltener ist. — In
der fünften Geburtsperiode giebt die nothwendige Berührung bei der
Entfernung der Nachgeburt oder bei den Nachblutungen der Uterus-
nrande häufige Gelegenheit zur Resorption. — Im Wochenbette vermag
auch die in die Uterushöhle eindringende Luft, wenn selbe mit Zei-
ten thierisch-organischen Stoffen geschwängert ist. das Kindbett*
ftebei durch Resorption hervorzubringen.
Se kam es, dass während meiner Thätigkeit im Wiener Gebärhause,
ii vernachlässigten, stark übelriechenden, cariösen und gangrae-
d Geschwüren leidende Frau, mit mehreren anderen zusammen
längere Zeit hindurch im Gebärzimmer kreissen, zur EntWickelung
Kindliettfiebers Gelegenheit gab und den Tod von sieben oder
acht Wöchnerinnen verursachte.
Demnach ist das Kindbettfieber keine Krankheitsspecies. sondern
es ist mit der Pyaemie identisch, das ist eine Krankheit, die nicht
nur bei Wöchnerinnen vorkommen kann und vorkommt, sondern die
neb auch Männer: Chirurgen, Anatomen u. s. w., z. B. bei Leichen-
SeniinMhvt-is Ahlianilhiiigen und Werk über das Kindbettfieber.
sectionen oder -Verletzungen zuziehen tind woran auch sie sterben
können. — Das Kindbettfieber ist zwar übertragbar,
aber es ist keine contagiöse Krankheit; denn unter
einer contagiösen Krankheit versteht man eine solche,
die den Stoff, wodurch sie fortgepflanzt wird, selbst
erzeugt und die immer wieder nur durch denselben
hervorgebracht werden kann. Das Kindbettfieber aber ist
von einer Wöchnerin auf die andere nur dann übertragbar, wenn ein
zersetzter Stoff von der einen auf die andere übertragen werden
kann. E>ie Mehrzahl der Kindbettfieberlälle spielt sich ohne Er-
zeugung eines solchen Stoffes ab, nämlich wenn die Kranken nur an
I i» li.trinutter- mler Bauchfellentzündung erkranken und das Leiden
sich nicht mit eitrigen Exsudaten und septischer Endometritis ver-
bündet. Aus diesem Grunde ist es mich während Lebzeiten der
Patientin nicht fähig, die gleiche Krankheit bei einer anderen Wöch-
nerin zn erzeugen, während wenn jene gestorben und ihr Körper
in Fäuliiiss übergegangen ist, dessen zersetzte Theile gerade so und
nicht auf andere weiss Kindbettfieber hervorrufen, wie die zersetzten
Theile eines an jeder beliebigen anderen Krankheit verstorbenen In-
dividuums, mag Ofl ein HflUQll oder ein Weib gewesen sein.
Wenn ferner das Kiudbettfieber. oantagitiG wäre, dann hätte auch
die kleinere Zahl von Fällen, in denen es auf der zweiten Abtheilung
der Wiener Gebärklinik auftrat, zu seiner allgemeinen Verbreitung
genügt — Dafür Bpricht auch der Umstand, dass man die Chlor-
Waschungen nicht nach jeder Untersuchung wiederholen mnsste: es ge-
nügte dies einmal zu thun, als man eben zur Untersuchung schritt; aus-
genommen den Fall, dass inzwischen der untersuchende Finger wieder
mit einem zersetzten thierisch-organisehen Stoffe in Berührung kommt,
wie solches bei der erwähnten, an Krebs leidenden Wöchnerin geschah.
Nach meiner Uebersiedelnng nach Pest wurde leb Vorstand TOB
zwei inbai anstalten, in denen das Kindbettfieber ununterbrochen
herrschte, nämlich von der Gebäranstalt des St. Rochusspitals, sowie
der Konigl. Universität — Einiges inuss hier über die Verhältnisse
der Gebäranstalt im 9t Rochusspital erwähnt werden. Die Zahl
der Geburten beläuft sich im .lahre auf 200. Diese Geburten kamen
nicht ebenmässig auf das Jahr vertheilt vor. sondern concentrii ten
sich auf die Daner der Ferien: denn während der Dauer des Schul-
jahres durften keine Schwangeren von aussen her aufge-
nommen werden, damit der Königl. Universität das Unterrichts-
material nicht <niyi.--.-n werde. Su wurden während des Studienjahres
nur die im Spj&ale wegen anderen Krankheiten behandelten Schwangeren,
wenn sich während ihrer Behandlung die Geburt einstellte, auf «He
Gebärabtheilung hinttbergebracht, wo sie dann niederkamen. — Diese
Abtheiluug war keine Lehranstalt, Trotzdem litten, als ich sie zum
erstenmal im November 1850 betrat, wo sie nur 6 Wöchnerinnen
enthielt, diese sfimmtlich an hochgradigem Kindbettfieber. — Im Mai
1851 übernahm ich die ärztliche Leitung dieser Abtheilung und be-
hielt sie bis zum Juni 1867. Während dieser Zeit kamen 1000 Ge-
burten vor: am Kimlltetttieber starben 8 der Wöchnerinnen. Die
epidemieartiire Sterblichkeit ha November 1850 veranlasste viele
hiesige Aerzte zu der Meinungsäusserung, dass die unreinen Unter-
suchungsnnger der Schiller In Wien kaum die Ursache der Kindbett*
neberepidemien sein können, da ja das St, Rochusspital keine Unterrichts-
Semraelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbett lieber.
73
anstalt sei. demgemäß hier keine Schüler mit unreinen Fingern Unter-
suchungen vernahmen, und trotzdem wiithe rar Zeit eine furchtbare
Epidemie in aar Gebärabtheilung des Spitals. — Bei meinem Besuch
bat sich der Thatbestand. das.s nämlich sämmtliche Wöchnerinnen
i krank waren, als wahr erwiesen; aber ich kam gar
bald dahinter, dass auch hier keine epidemische, sondern dieselbe
sehe wie in Wien die verheerende Wirkung hervorrief. Ich ge-
langte nämlich zur Kenntniss, dass der geburtshilfliche Primarius da-
mals gleichzeitig auch chirurgischer Primarius und ausserdem noch
Gerichts-Anatom war. — Die geburtshilfliche Abtheilung war nicht
Belbstfttandift Hindern HUT ein Anhang der chirurgischen; es wurde
im bei dieser, als der für wichtiger geltenden, die Visite begonnen
und nur erst, als der Primarius und das sämratliche angestellt.-
liehe Personal seine Hände mit thierisch-organischem faulen Stoffe
v>M -nnivinigi hatte, — wofür die chirurgische Abtheilung als iiiivei
bare Quelle diente, — wurde die Visite an der geburtshilflichen
Abtheilung fortgesetzt. Das Resultat war. dass oft die sämmtlichen
Wöchnerinnen krank darniederlagen,, gerade so« wie dazumal als ich
Ä.btheüung zuerst besichtigte.
Dnter meiner Leitung durfte nur mit reinen Fingern untersucht
werden und die Abtheilung, die ehedem fortwährend mit Puerperal-
fieber behaftet war, ist hievon durch 6 Jahre verschont geblieben.
— Von alledem, d. h. von der Wahrheit des Gesagten kann sich
.ledermann leicht bei den Betreffenden überzeugen.
Seit October des Schuljahres 1855 1856 funre ich nie öebfir-
klinik der medieinischen Facultät an der Universität und damals
wurden öl 4 Wöchnerinnen verpflegt, davon sind gestorben 5, und zwar
2 am Kindbettfieber und 3 an anderen Krankheiten.
Im Schuljahre 1856/1857 starben aach 558 Geburten 31, darunter
16 an Kindbettfieber und 15 an anderen Krankheiten.
Bis zum L.Mai des Schuljahres 1857/1868 sind von 457 Wöchnerinnen
23 gestorben; 18 an Kindbettheber und 5 an anderen Krankheiten.
Wie der geehrte Leser sehen kann, ist das Ergebniss der beiden
letzten Jahre nicht so günstig; man könnte es als Gegenbeweis
gegen meine Ansicht anfahren. Wenn wir indess die Sache ins ge-
hörige Licht stellen, so dient es sogar — leider! — als stützendes
Z< iiirniss für die Richtigkeit und Berechtigung meiner Meinung.
Im November 1856/1857 wurde die geburtshilfliche Klinik aus
• den, die man nicht rückhaltslos mittheilen kann, mit Bolen
M liniutziger Bettwäsche versehen, dass das Puerperalfieber noth-
»rendigerweise ausbrechen musste; in dem Moment, wo wir reine
Wische bekamen, hörten die Erkrankungen auf.
18571858 war es wieder die Wäsche, welche die Erkrankung der
Wöchnerinnen hervorbrachte. Die Wäsche wurde zwar rein eingeliefert,
aber die nachlässige Wärterin verabsäumte das regelmässige Wechseln
derselben: nachdem diesem Missstami liurch Entlassung der Wärterin
Lbgeholfen worden war. hörten auch die Erkrankungen sofort auf.
Diejenigen, die diese Erklärung der Erkrankungen für schwer-
fällig und gezwungen halten, und dieselben lieber einer Epidemie
zuzuschreiben gewillt sind, mögen bedenken, dass man das Erlöschen
einer Epidemie nur mit Eintritt der müderen Temperatur erwarten
kann, während selbe in beiden Fällen nach 3—4 wöchentlicher Dauer
in Folge der Verabreichung von reiner Wäsche sofort aufhörte.
74
-Vuimeiweia* Abhandlungen und Werk über das Kindbett fieber.
Ich erlaub»* mir das ärztliche Publicum noch darauf aufmerksam
zu machen, dass ich in Wien durch 22 Monate, im St Rochus durch
6 Jahre und auf der Universitätsklinik einige Jahre lang gar keine
Kpidemie beobachtete, — also in drei Anstalten, wo selbe zuvor ohne
Unterlass gewüthet hatte. Auch will ich es von nunan für meine
Pflicht .nullten, diesen Gegenstand mit der gehörigen Aufmerksamkeit
zu verfolgen und. meine Resultate in alljährlichen Ausweisen mitzu-
theilen.
Ehe noch die Untersuchung constatirte, dass die schmutzige
Wasche der Wochenbette die lufeetion erzeugt hatte und nicht etwa
die FOD den Schillern versäumten \\ aschungen, hatte mir der voll-
kommen «resunde Zustand der Säuglinge trotz des Todes ihrer Mütter
beeter Beweis dat ient, dass hier nicht die letztere Ursache
die Schuld trage. Wenn ich also meine Thätigkeit als Vorstand
dreier Gebäranstalten vom .Standpunkte meiner Ansicht über die
Kntstehung des Kindbettfiebers beurtheile, dann muss ich das offene
GestÄndniaa ablegen, dass ich nicht immer die möglichst kleinste
Sterblichkeit erreichte, d. h. dass bei mir auch derartige Erkrankungen
vorkamen, die man hätte verhüten können.
Wenn wir schliesslich noch die Jahresausweise der grösseren
Gebarhäuser aus dieser Zeit betrachten, wo die Median mehr auf
(physischem als auf realem Boden stand, wo also die Gelegenheit
zur Intieirung wegen Vernachlässigung des Anatomiestudiuras nicht
in so hohem Grade vorhanden war, so werden wir finden, dass unter
100 Wöchnerinnen keine einzige starb (die. welche an anderen Krauk-
heitsprocessen zu Grunde gingen, nicht gerechnet); dieses Ideal der
möglichst kleinsten Sterblichkeit habe ich insgesammt durch »i Jahre
im Rochusspitale, und während eines Jahres an der Universitäts-
klinik in Pest erreicht, da hier nicht einmal 1 Todesfall nach 100
Kranken vorkam.
Dies erreichte ich in Wien nicht, da dort um etwas mehr als
1 °/0 der Kranken starben; an der Pester Universität im zweiten
Jahre etwas mehr als 8%; im dritten Jahre nahezu
Die Möglichkeit der Ansteckung hängt, von so viel Zufällen ab,
es für den Leiter eines grösseren Gebärhauses eine sozusagen
unlösbare Aufgabe wäre, einen jeden Infectionsfall zu verhüten.
Wenn Jemand, so bin ich es. der mit ganzer Energie die Schüler,
die Schülerinnen und überhaupt das ganze dieustthueiide Personal
davon zu überzeugen trachtet, dass die Unredlichkeit die Quelle des
Kindbettfiebers ist und sie darum die grösste Reinlichkeit zu be-
obachten haben. Nichtsdestoweniger ist es vorgekommen, dass ich
eine verfaulte Matratze und einen solchen strohsack und von Lochien
sehr übelriechende Leintücher fand, dass der Wäscher unreine Wäsche
liefern konnte, ohne dass es mir gemeldet wurde. — Im vorigen
Winter trat an den äusseren Genitalien einer Kranken Gaugraen auf
und eine Elevin, die behufs der uöthigen Einspritzungen zu ihr beordert
«rar, selbstverständlich mit dem Auftrag, dass sie mit keiner anderen
hnerin in Berührung kommen dürfe, wurde im Momente ertappt,
als sie sich gerade zur Untersuchung einer soeben angekommenen
hnerin anschickte, dieselbe auch bereits begonnen hatte. Diese
Kreissende erkrankte auch, ist aber wieder genesen. Eine halbe
Stunde nach ihrem Später aus anderer Ursache erfolgten Tode traf
ich ihr Bett von einer anderen Wöchnerin besetzt, die ich sofort dai-
Iwi-i, Abhandlungen und Werk über das Kindbettri
75
aus entfernen Hess; — auch diese erkrankte, doch wurde sie eben-
falls gesund.
Jeder unbefangene Leser kann sich hieraus die I'ebcrzeugung
verschaffen, wie Bahr ein jedes Bestreben des Leiteis einer Gfob&r-
anstalt von der Gewissenhaftigkeit oder Nachlässigkeit des an seiner
Ainln'iluij beschäftigten Dienstpersonals abhängt.
Gegen meine Ansicht betreffs der Entstehung des Kindbettfiebera
wurden mehrere Einwände gemacht, namentlich, daß das Kind-
bettfieber auch ausserhalb der Spitäler vorkomme. Ob-
wohl die Thatsache. dass das Kindbeltfieber auch ausserhalb der
iler in zahlreichen Fällen auftritt, nicht zu leugnen ist, so liegt
doch in dem Unistande, dass es dort nie so oft und in solcher Aus-
dehnung vorkommt, der Beweis, dass es keine Epidemie ist. Die
zahlreichen Erkrankungen können zwanglos aus dem Eingreifen des
ärztlichen und dos weiblichen Hilfspersonals erklärt werden.
Die Aerzte und Hebammen beschäftigen sich nicht nur mit
W Sennerinnen und Kreissenden, sondern mit den verschiedensten niänn-
n und weiblichen Kranken, also auch mit solchen, die zur IJeber-
tragung zersetzter thierisch-organischer Stoffe Gelegenheit geben.
Jeder prakticirende Arzt beschenkt die eine oder die andere Hebamme
mit seinem Vertrauen, die er dann seinen Kranken, wo z. B. Ein-
spritzungen nöthig sind, empfiehlt. Sogar der Arzt .selbst übern
den Infectionsstoff, indem er auf den Besuch einer an Gebärmutter-
krebs, gangracnOsem Erysipel n. s. w. leidenden Kranken unmittelbar
den einer Anderen folgen lässt.
Das ist der Weg, auf dem Kindbettfieber ausserhalb des Spitales
um sich greift.
Man sagt ferner: die Geschichte der Medicin. sogar
Hippokrates selbst erwähnte schon das Kindbett fie be i
a I js Epidemie. Dies beweist aber nur soviel, dass es zu Zeiten auf
einmal bei mehreren Individuen auftrat, und dass die damaligen Aerzte
das gleichzeitige Auftreten desselben bei zahlreichen Individuen durch
epidemische Einflüsse zu erklären suchten, gerade so wie mau es in
unseren Zeiten in Wien und anderswo that. Doch liegt hierin noch
kein genügender Beweis dafür, dass es wirklich eine Epidemie wüte.
wie ich dies durch ineine Thätigkeit in drei Anstalten bewiesen habe.
— Ich habe oben gezeigt, auf welche Weise das Kindbettfieber ausser-
halb des Spitales sich verbreiten kann ; und ich bin überzimgt , dass
die aus dem Alterthum überlieferten derartigen Epidemien sicher
i solchen Ursprung hatten. Gerade so wie heutzutage gab es zu
jeder Zeit männliche und weibliche ärztliche Hilfspersonen, die das
iauen des Publicnms in grosserem Masse besassen, mithin auch
häufiger zu den Kranken geholt wurden und dadurch konnten sie
Verbreiter des Kindbettfiebers werden. Besonders von Hippokrates
ffeisa man, dass er Leichensectionen machte und Boer sagt in seiner
das Kindbettfieber behandelnden Abhandluug von ihm, er habe die
Symptome dieser Krankheit so meisterhaft aufgezeichnet, wie man
sie heute nicht besser und richtiger am Krankenbette uud Secirtiscli
präcisiren könnte.
Scanzoni und Seyfert äussern sich darum gegen die Chlor-
' 'Illingen, weil sie trotz diesen eine grosse Sterblichkeit sahen. —
Dass trotz der Waschung der Hände mit Chlorkalklösung eine durch
Infection bedingte grössere Sterblichkeit sich zeigen kann, das be-
76
Semmelweis" Abhandlungen «ml Wert ffbci dag Kindbettfieber,
weisen an meiner eigenen Klinik die zwei letzten Jahre. Die unreine
Band ist eben nicht die einzige Quelle der Infection. Wir berufen
uns hierin- auf jenen Theil unserer Abhandlung, in der wir von den
Quellen der Infection sprachen. Scanzoni und Seyfert schrieben gegen
die ( hlnrwaschungen; ohne Zweifel haben sie gegen seihe aueh ge-
•.|iMir|i.n, und dadurch ihren Seh fiten sirher nicht, die dabei erforder-
liche Gewissenhaftigkeit eingeimpft, die zum Femhalten der Infection
nothwendig ist. Der Schüler, der noch keine selbstständige Ueber-
zengung hat und sie auch noch nicht haben kann, glaubt um so üebei
dein Lehrer, wenn dessen Anweisungen überdies noch seiner Beqnem-
lichkeil entgegenkommen und dienen, geschweige denn, dass er durch
flefssigei Waschen das Gegentheil der Ansicht seines Lehrer darlegen
wiii de. aus Furcht, defa vielleicht bei ihm missliebig zu machen. —
1 >.i - vnrgek ist. dass an meiner Klinik, in der es an Mahnungen
nicht fehlte, eine Schülerin ertappt wurde, als sie gerade eine Kreissende
untersuchen wollte, nachdem sie kurz vorher gangraenöse Genitalien
berührt hatte, 80 fühle ich mich zu der Selilussfolgerung berechtigt,
dass di.' Chlorwaschnngen bei Scanzoni und Seyfert. meist in jenem
Strengen tfaese durchgeführt worden sind, in dem es zu wünschen
war. und darum missen wir trotz alledem die Sterblichkeit in der
Klinik der Genannten auf Rechnung der Infection setzen.
Die \kadnnie der Mediän in Paris spricht sich aus dem Grunde
gegen ineine Theorie der liilertum aus. weil in der Pariser Maternite.
Hebammen gebildet werden — und auf der Klinik Professors
Dnbois — die für die Ausbildung der Aerzte bestimmt ist — genau
dieselben Verhältnisse sieh finden wie in Wien an der I. Abtheilung,
wo Aerzte — und an der IL. wo Hebammen unterrichtet werden. —
und doch herrsche in beiden Pariser Abtheilungen das Kindbettfieber
epidemisch. Der geehrte Leser wird sich erinnert), dass wir im Laufe
vi Abhandlung den Umstand hervorhoben, dass die Hebamnien-
insiinue gewöhnlich frei von» epidemieartigen Kindbettfieber bleiben,
wfthrend jene Institute, wo Aerzte gebildet werden, von der Epidemie
des Kindbett hebeis heimgesucht werden. Die Grundursache dieser
• hiedenheit glaubten wir im Unterriehtssystem aufzufinden, nament-
lich darin, dass sich die Srhüler l>ei der hauptsächlich anatomischen
Richtung des uiedii 'inischeu Studiums viel mit Leichen beschäftigen
und den Benoteten thieriseh-onranischen Stoff mit ihren untersuchenden
Fingern auf die Wöchnerinnen übertragen, der dann an den ihres
Epithels beraubten Stellen resorbirt. Kindbettfieber hervomvfT.
Die Hebammen erhalten für gewöhnlich einen derartigen Unter-
richt, der gar keine Qelogflnheil zur Verunreinigung der Hände mit
letzten thieriseh-onranischen Stoffen bietet. An netreffender Stelle
Imteu wir, das- Intemcbtssystem der Pariser Maternite
Vusnnhme macht; denn dort erhalten die Hebammen einen
so eindringenden Unterricht, d, gut, wie in anderen
itnten die Aerzte. ihre Hände mit zersetztem thierisch-organischen
Stoff ul von kranken Wöchnerinnen oder von Leichen, ver-
nnreinigen und in Folge davon das Kindbettfieber in solchem H
pro|Nftgiren. dass sie es sodann eine Epidemie nennen. Darnm ist es
unwahr, was die Akademie der Medicin in Paris behauptet, dass die
Verhältnisse der Pariser HebamraenschnJe identisch mit jenen der
Wien le seien, und dass trotzdem in der Maternite das Kind-
rieber herrschte, während dies in Wien nicht der Fall war.
Sein mel weis' Abhandlungen and Werk über das Kindbett lieber.
77
Per Wesentliche Unterschied /.wischen den Verhältnissen von
Wien und Paris liegt darin, dass während in Paris die Hebammen
ihre Hände infolge des Unterrichtssystems mit zersetzten thierisch-
organischen Stoßen verunreinigen, in Wien dies gerade wegen des
:iii litssystems nicht geschehen kann.
Als Zeugniss dafür, dass das Unterrichtesystem in Paris auch
wirklich so beschallen ist, wie oben erwähnt wurde, diene das Werk
J. F, Osianders: „Bemerkungren über die französische Geburtshilfe,
iii. st einer ausführlichen Beschreibung der Maternite in Paris.
Hannover 1813."
Der Verfasser, ein Freund Baudelocques . Professors an «ler
Maternitc. besuchte ein Jahr lang diese den Aerzten sonst unzugäng-
liche Anstalt und giebt folgende Mittheilung über das Unterrii hts-
sY>tem: ..Der Unterricht dauert ein Jahr lang und während dieser
Frist wohnen die Hebammenschülerin nen drinnen in der Anstalt"
Seite 31 sagt er: „Der Saal der Wöchnerinnen befindet sich im oberen
Theile des linken Traktes; der Eingang aber mündet am Ende des
Stiegenganges, welcher durch den ganzen ersten Stock des Haupt-
gebäudes führt. Dieser Saal ist hoch gewölbt, mit hohen gegenüber-
liegenden Fenstern und enthält 24 Betten, welche zum grössten Theile
zwischen den Fenstern genügend weit von einander liegen und einen
rech! grossen Raum in der Mitte des Zimmers frei lassen. In diesem
Saal 1&881 Reinlichkeit und Ordnung nichts zu wünschen übrig, aber
die 24 Wöchnerinnen, die für gewöhnlich den Saal bewohnen, müssen
notwendigerweise die Luft verderben und ein gefährliches Miasma
ent wickeln. Der Entwicklung dieses Miasmas, welche oft von einem
einzigen Bett ausgeht, glaubt man dadurch vorzubeugen, dass man
die Kranken öfters sammt ihren Betten die Plätze wechseln lässt und
ihnen neue Bettunterlagen giebt.
Seite 33 steht Folgendes: „Den täglichen Visiten, die der Arzt
in der Intiimerie der Wöchnerinnen macht, wohnt die Hebamme des
Hauses und ein Theil der Hebammen-Schülerinnen bei. Jede Schülerin
bekommt eine Kranke zur besonderen Beobachtung und sie wird an-
gehalten, eine kurze Krankengeschichte, den Hergang der Geburt
und die Verordnungen des Arztes aufzusetzen. Diese Kranken-
lirliieii werden ..Bulletins cliniques" genannt und Professor
Chausaier (Primarius der Maternite) gibt sich viel Mühe, die Schüle-
rinnen im Aufsetzen derselben zu unterrichten. Bei jeder Kranken
er das Bulletin genau durch, indem er demselben ein Zutrauen
schenkt dessen ich es selten würdig gefunden habe. Unter den
Schülerinnen sind nämlich nur einzelne, welche Talent und Ernst-
haftigkeit genug besitzen, um Krankheiten zu beobachten und Kranken-
geschichten aufzusetzen. Diese Wenige geben allen andern die Muster
zu ihren Berichten und ich habe daher oft gefunden, dass in mehreren
Bulletins bei den verschiedensten Krankheiten dieselben Symptome
mit denselben Worten angegeben waren. I'eberhaupt ist es auffallend
genug, junge M.ul. h.n zu sehen, die mit wichtiger Miene den Puls
fühlen und Kiankeubeobachtungen aufschreiben. Sie ahmen aber
darin ihre Lehrerin, die erste Hebamme nach, deren Ansehen, welches
am Krankenbette zu geben weiss, noch dadurch erhöht wird.
der Arzt immer ihrer Meinung ist."
Die Hebamiuensehülerinnen haben Gelegenheit das Kindbetttiela i
u u Kranken auf Gesunde zu übertragen, was in Wien nicht geschehen
78
Semmdwefa' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
k:um. weil in Wien die Hebannnenschiilerinneu bei der Visite des
Professors in den Krankenzimmern nicht zugegen Kein dürfen;
Seite 46 ist zn lesen: ,.Den Leichenöffnungen, die in einem Tun
dem Gebftrbanse etwas entfernten Gartenhause vorgenommen werden,
wohnen die Schülerinnen gewöhnlich bei. Ich habe da oft mit
Btannen gesolim. welchen lebhaften Antheil einige junge Mädchen an
dem Zerfleischen der Leichen nahmen, wie sie mit entbl&ssten und
blutigen Armen, grosse Messer in der Hand haltend, unter Zank und
Gelächter, sich Becken herausschnitten, nachdem Bie von dem Arzte
die Erlaubniss erhalten hatten, dieselben für sich zu praepariren.0
Dann auf Seite 51: ..Unter den Beobachtungen bei den Leichen-
imtersnchnngen, an die Haudelocque seine Zuhörer erinnerte, ist be-
sonders die Zerreissung eines Psoasmuskels in der Anstrengung zur
Geburl wichtig.44
Folgende Tabelle wurde von den vorgefallenen Geburten ge-
geben: Befo dem 9. December 1797 bis zum 31. Mai 1809 sind 17W8
Frauen entbunden, diese haben gegeben 17499 Kinder. 189 Frauen
gebaren Zwillinge, also 1 von 91 ; nur zwei hatten Drillinge, 2000
Entbundene, zum wenigsten, sind schwer erkrankt, und 700 gestorben
und secirt. Von den Schülerinnen konnten diejenigen, welche
2 Jahre lang in der Anstalt waren, etwa 3600 Geburten und
450 Kranke beobachten, von denen über 100 starben.
Hieraus folgt, dass die Hebammen in der Maternite in Folge des
Unterrichtssysteins Gelegenheit hatten, einen zersetzten thierisch-
organischen Stoff von den Leichen auf Gesunde zu übertragen und
hierdurch Kindbettfieber hervorzubringen.
Kiwi seh äussert sich gegen die Theorie der Infectiou. indem
er einzelne engliche Aerzte anführt, denen in ihrer Praxis an gan-
graenösem Erysipel leidende Männer mit vielen mit Kindbettfieber
behafteten Wöchnerinnen zu gleicher Zeit starben. — Das ist aller-
dings wahr, dass diese Beobachtung, hätte man selbe gehörig an
belltet zur Entdeckung der wahren Ursache des Kindbettfiebers ge-
führt hätte. Alier jene Aerzte blieben bei der vereinzelten TltMtsacfi«-
stehen, dass das Kindbettfieber auch durch Uebertragung der Jauche
eines, gangraeni'isen Erysipels eines Mannes entstehen könne. Neben
dieser Thalsache Hessen sie auch die volle Gültigkeit der epidemischen
Einflüsse bestellen, kurzum, sie kamen nicht auf die Schlussfolgerung,
dass ein jedes Kindbettfieber durch die Resorption zersetzter thierisch-
organischer Stoffe entstehe und dass es überhaupt keine epidemische
Einflüsse gibt, die im Stande wären ein Kindbettfieber hervorzu-
bringen.
Kiwiseh selbst, in seinem Werke: ..Klinische Vorträge
ulni specielle Pathologie und Therapie der Krankheiten
des weiblichen «Tt schlechtes." das auch eine Abhandlung über
das Kindbettfieber enthält, beschreibt dessen Aetiologie ganz im Sinne
der Epidemiker . In seinem Aufsatze in der Zeitschrift der Gesellschaft
der Aerzte zu "Wien vom Jahre 1860, wo er meine Ansicht über das
Kindbettfieber kritisirt. stellte er sogar die Behauptung auf, dass er
nullt selten unmittelbar nach der Leichenöffnung Schwangere und
Wöchnerinnen untersuchte, und hiernach gar keine bösen Folgen be-
merkte. Er beruft sieh weiten aof die Geschichte des Kindbettfiebers
und auf die alltägliche Erfahrung, der zu Folge im Gebiete ganzer
Länder unzählige Fälle von Kindbettfieberepidemien und von söge-
BemuMlwflifl1 Abhandinngen nnd Werk über das Kindbettfieber.
71'
minntem sponnlischen Kindbettfieber verzeichnet worden sind, wo man
auf eine Infection mit zersetzten, ÜueriBCh-orgluriBchen »Stoffen über-
' nicht denken könne und liebt den Umstand hervor, dass zu ge-
u Seiten sämmtliche gegen die Infection empfohlenen Mittel ver-
n gewendet wurden, während im (-regentheil zu anderen Zeiten
ihre Vernachlässigung ohne alle bemerkbaren bösen Folgen blieb.
Wir bitten den geehrten Leser sich die einschlägigen Stellen
unserer Abhandlung; in das Gted&Chtniss zuriickzurulrii und darnadi
EQ beurteilen, ob die Lehre dieser Autoren mit der meinigen iden-
tisch Ist?
Lumpe führt Folgendes gegen mich an: „Wenn man bedenkt,
wie seit dem ernten Auftreten r»n Puerperalfieber-Epidemi<-n die
Beobachter aller Zeiten sich die Köpfe zerbrochen, um die Ursache
derselben aufzufinden und ihre Entstehung zu verhüten, so muss uns
die Semmelweis'sche Theorie geradezu wie das Ei des Oolumbus .1-
inen. Ich gestehe, dass ich selbst anfangs hochei freut war, als
ich von den glücklichen Resultaten der Chlorwaschungen hörte, und
es mit mir gewiss Jeder gewesen, der das Unglück hatte Zeuge
ED Bein, Wie so viele in Jugendlicher Frische erblühende, kräftige
Individuen der verheerenden .Seuche eben so schnell zum Opfer fielen.
Bis manche entnervte, gebrechliche Jammergestalt. — Die Logik aber
hat seine Freude hiei «'trübt, da während seiner Dienstzeit im
Wiener Gebärhause zwischen dem Maximum und Minimum der Sterb-
lichkeit in einzelnen Monaten eine derartige Schwankung eintrat,
er gezwungen war anzunehmen: dem die Infection in einzelnen
Monaten wohl die Ursache der Sterblichkeit sei, in anderen Monaten
aber ist sie es nicht. Da aber das logisch unmöglich ist, so ist auch
Lehre von der Infection eine Irrlehre."
Wenn Lumpe meine Lehre über das Kindbettfieber mit dem Ei
Oolnmbus vergleicht, so spricht er aus meiner Seele, denn mir
erscheint sie auch ganz so; ich selbst habe oft meine Verwunderung
nieht darüber ausgesprochen! dass die überzeugenden Thatsachen des
Wiener Gebiiihauses diese Lehre mir aufdrängen, sondern darüber,
wie es geschehen kounte, dass sie nicht schon lange vor mir von
einen der vielen talentirten Aerzte, die im Wiener Gebärhause an-
gestellt waren, entdeckt worden Bei
Während der 2 jährigen Dienstzeit Lumpe's war die Sterblichkeit
■ nde.
Im
Jahre 1840.
Im Jahre 1841.
Geln:
Todte
Monat
Geburten
Todte
Juli
212
12
J finner
254
:;7
,-!
22
Februar
239
18
nber
Miliz
12
er
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BS
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265
4
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Mai
2:«ö
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232
4K
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10
Im
Jahre 1841.
Im Jahre 1842.
M'-naT
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Todte
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Todte
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18
Jänner
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235
68
Mai
10
I'.thuImt
fehlt
Juni
18
SO SeInmelwei3, Abhandhingeu und Werk über das Kindbettfieber.
Lumpe folgert nun so: „So lange die Ohlorwaschungen im Ge-
brauch waren, so lange waren trotz ihnen 20 St erbe lalle die monat-
liche Maximalzahl, die vorgekommen ist. Wir müssen also folgerecht
zugeben, dass nur, was über dieses Maximum hinausgehe,. Int'ectinii
Bat, was darunter bleibt, ist keine Infectiou, da Chlorwaschuugen sre-
braucht wurden. u Dazu macht er noch folgende Bemerkung: „SemiiiH-
waifl erklärt zwar, dass zur Zeit dieser grossen Sterblichkeit die
rlilonvaschungen nachlässig gemacht wurden, ob und wiefern dies
richtig sei? darüber muss Dr. Braun, in dessen Assisteuzzeit dieser
Monat ßlüt, zur eigenen Rechtfertigung genauere Auskunft geben,
i< h kann auf ein blosses „on dit** keine Rücksicht uehnien."
Er sagt weiters, dass während der Zeit von 24 Monaten durch
11 Monate weniger als 20 gestorben sind, also war folgerichtig
während 11 Monaten die lnfection keine Ui-sache des Kiudbettfieheis:
wahrend den übrigen 13 Monaten aber, wo mehr wie 20 gestorben
sind, war die lnfection das aetiologische Moment des Kindbettfiebers.
Das zu behaupten ist ein Unsinn.
I »i r geneigte Leser erinnert sich noch, dass wir folgende
Lehre aufstellten: ein jedes Kindbetttieber entsteht durch die
Resorption eines zersetzten thierisch-orgauischen Stoffes: dieser Stoff
wird in der Mehrzahl der Fälle von aussen eingeführt und das sind
jene Fälle, die verhtitbar sind; in einzelnen seltenen Fällen entsteht
dieser Stoff innerhalb des Organismus und da ist die Krankheit nicht
zu verhüten: derartige Fälle weiden immer vorkommen, doch ge-
schieht dies bei 100 Wöchnerinnen kaum einmal: also nicht bei 20
unter 200, sondern schon bei 2 unter 200 ist lnfection die Ursache.
Dr. Lumpe darf daher nicht behaupten, dass durch 11 Monate
Hiebt lnfection die Ursache des Kindbettfiebers war. da stets mehr
gestorben sind wie 1 von 100. Die Behauptung aufzustellen, wenn
die Theorie der lnfection wahr wäre, so müsste die Sterblichkeit
durch säunntliche Monate die gleiche sein, — ist ein wahrer Unsinn,
da doch die [nfection von vielen Zufällen abhängig ist. so z. B. von
der Zahl der Schüler, von ihrem Fleiss. von der Art ihrer Be-
schäftigung während des Aufenthaltes auf der Gebäranstalt, von dem
Faulnissgrade der Leiche, von der Jahreszeit im Sommer ist es für
die Schüler angenehmer in der reizenden Umgebung Wiens sich auf-
zuhalten als in der Leichenkammer i von der Zeit der Beschäftigung
mit der Leiche, ob vor oder nach der Visite u. s. w.. u. 8. w.. — all
das sind Umstände, wodurch die Schwankungen der Sterblichkeit
BOgteWUngU erklärt werden.
Mfnde zweifelt an der Richtigkeit d heninfection. Er
sucht in der schlechten Ventilation den Grund des häufigen Kindbett-
fiebers in Wien, ferner in dem Zusammeugedrängtsein der Wöchnerinnen
in den beengten Räumen des allgemeinen Krankenhauses, und meint
denselben gerade in Folge dieser fördernden Verhältnisse in der Ent-
stehumr eines Miasmas aufzufinden. Hätte er Recht, so würden die
( hlorwaschuugen nutzlos gewesen sein, denn die Localitätsverhält-
nifise wurden durch dl -seilten überhaupt nicht geändert, davon zu
schweigen, dass — wie wir im Laufe unserer Abhandlung dargelegt
haben — diese uniriinsiiiren Verhältnisse in der Hebammen- Abtheilung
in höherem M rhauden waren und sie trotzdem ein günstigeres
Sterbliehkeitsverhät? die Aerzteabtheiluug aulzuweisen hatte.
Seoimelwei?' Abhandlungen Bftd W<ik ibtt dlfl KiiMlIiHiru-l-i
ßj
Hammernik leugnet die Bestandsfähigkeit der Leicheninfeci i
Theorie, indem er die Ursache des Kindbettfiebers aus der nämlichen
Quelle herleitet, woher die Cholera entspringt. — Wäre dies wahr,
nämlich dass die Cholera und das Kindbettfieber aus derselben epi-
demischen Ursache hervorgehen, dann niüsste zu den Zeiten. WO unter
den Wöchnerinnen das Kindbettfieber herrscht, bei einem anderen Theil
der Bevölkerung die Cholera herrschen. Dies ist aber nicht zu beob-
achten, vielmehr das Gegentheil, nämlich, dass wenn wirklich die
Cholera herrscht, die epidemischen Einflüsse auch bei Wöchnerinnen
nicht das Kindbettfieber, sondern die »holera erzeugen.
Bamberger sagt: „Die Theorie der Infection ist aus dem
Grunde weniger wahr, da wir in den meisten Fällen an der Leiche
der an Kindbettfieber Verstorbenen gar kein locales Leiden an der
Resorptionsstelle nachweisen können, während meiner Meinung1 nach
an der Innenfläche des Uterus in Folge der Uebertragung zersetzter
thi» risch organischer Stoffe zuerst ein circumscripte Endometritis,
Phlebitis und Lymphangioms auftritt; der hierdurch entstandene Eiter
wird dann rcsorbirt und bringt das Kindbettfieber hervor."
Nie habe ich diese Behauptung aufgestellt; meine Lehre über
die Entstehung des Kindbettfiebers ist vielmehr die, dass der zersetzte
thierisch-organische Stoff ohne jedes locale Leiden resorbirt wird, dass
die erste F<dge der Resorption die Entmischung des Blutes ist, aus
diest m entmischten Blut lagern sich die verschiedensten Exsudate ab,
diu Exsudat selbst kann sich an die Kesorptionsstelle ablagern oder
auch nicht; das auf der Resorptionsstelle gefundene Exsudat hat die-
selbe Bedeutung, wie in beliebigen anderen Organen, und nicht das
i.-i die Ursache des Kindbettfiebers, sondern die Ausscheidung des
durch die zersetzten thierisch-organischen Stoffe entmischten Blutes.
Prof. Braun ist ebenfalls gegen meine Theorie über die Ent-
stehung des Kindbettfiebers. indem er sich auf jene Epidemien beruft,
che während seiner Assistenzzeit trotz den Chlurwaschungen
aufgetreten sind. Diesbezüglich weisen wir auf das hin, was wir
über die trotz den Chlorwaschungeu auftretenden Epidemien bei
Scanzoni und Seyfert gesagt haben. Als noch wichtigeren Beleg
bringt Professor Braun eine an der (II.) Abtheilung der Hebammen
aufgetretene Epidemie vor, an welcher Abtheiluug also eine Leichen-
infection nicht denkbar ist. Das Geheimniss dieser Epidemie deckt
Professor Chiari in seinem Aufsatze: ,, Winke zur Vorbeugung der
puerperalen Epidemie" im Wochenblatt der Zeitschrift der k. k. Ge-
hatt der Aerzte zu Wien. L Jahrgang, 19. Februar 1855 auf.
In diesem Aufsatze beschreibt Chiari zwei an der Prager
Klinik beobachtete Epidemien. Er sagt: „Vom 28.-27. Jänner 1853
wurde bei einer Erstgebärenden eine den eben be-
stimmten Zeitraum anhaltende Verzögerung der Geburt
durch Verdickung des Muttermundes und nachträg-
liche Gaugraenescenz noch während der Geburt beob-
achtet. Nachdem vergebens Bäder, Einspritzungen,
Antiphlogose, Incisionen des knorpelharten und finger-
dick ge wulste ten Muttermundes angewendet worden
waren, schritt man zur Verkleinerung des bereits durch
den längeren Geburtsact gestorbenen Kindes, um die
int nach viertägiger Dauer zu vollenden. Die Ab-
sonderung aus der Scheide war in den zwei letzten
Serainelwei»' gesammelte Werke.
6
Semtiithvei-' Alili;tmlliui'.;en nml Werk über daa Kiii<ibtttfieber.
I .1 gen bräunlich misxfarbig, höchst übelriechend. Diese
\\ öchnerin erkrankte an heftiger Endometritis septica,
und erlair den 1. Feber dieser Krankheit. — Von dem
Tage an. wo diese Gebärende auf dem Geburtszimmer
war, erkrankten 9 andere Gebärende, die- zugleich mit
ihr auf dem Gebär /immer lagen; mir Ausnahme einer
einzigen starben sie alle. Von den letzten Tagen J&nnei e
schleppten sich die häufigen Erkrankungen bis in deu
Monat Mai hin, worauf wieder bis Oc tob er der günstigste
Gesundheitszustand herrschte."
Prof. Chiari erklärt diese Erkrankung»- und Sterbefälle mit der
Uebertragung der Producte einer Metritis septica auf gesunde Ge-
bärende und Wöchnerinnen und fährt fort: ..Ich hatte (leider!) die
Gelegenheit, mir einen mich noch mehr in meiner Meinung bestärkenden
Beweis in einer zweiten traurigen Erfahrung zu verschaffen. Im
October 18ÖH. einige Tage vor meiner liückkelir von einer mein -
wöchentlichen Reise nach Prag, wurde die Perforation wegen engen
Beckens bei einer durch mehrere Tage kreissenden Frau nothwendig.
Diese Wöchnerin starb an Endometritis septica mit Verjauchung der
Gelenksknorpel des Beckens. Von dieser Zeit an traten wieder zahl-
reiche bösartige Erkrankungsfälle auf, welche nur Mitte November
wieder aufhörten."
„Uebrigens hat auf diese Entstehungsweise (nämlich des Puer-
peralfieber:? durch Uebertragung schadhafter Stoffe) schon Semmelweis
die Aufmerksamkeit gelenkt und im Herbst wurde auch an der hie-
sigen Hebaminenabtheilung Aehnliches beobachtet, wie mir dies mein
Freund Dr. Spaeth vertraulich mittheilte.
Im. Spaeth. Assistenzarzt an der Hebammenschule, gesteht zur
Zeit der herrschenden und durch Professor Braun erwähnten Epidemie
ein, dass diese durch Uebertragung gefährlicher Stoffe zu Stande
kam ; das ist ja keine Widerlegung, sondern im Gegentheil eine Be-
stätigung meiner Meinung.
Prof. Braun führt alle diejenigen ungünstigen Umstände an,
welche in Wien in den Verhältnissen der ärztlichen Geburtsklinik
wurzeln und meint, dass hierin die Ursache der im Verhältnisse
zur Hebammenabtheilung grösseren Sterblichkeit liege, nicht aber in
■ l<i Lei clicninfeeiion. Er bedenkt dabei nicht, dass diese Umstände
an der Hehnmmenabtheiliing noch viel ungünstiger sind (wie wir dies
in unserer Abhandlung, wo von den endemischen Einflössen die Rede
war, erwiesen haben i: bedenkt ferner nicht, dass dieselben auch da-
mals vorhanden waren, als die < 'hlorwaschungen ein su giinst
Resultat lieferten. Endlich kommt er zum Schlüsse, dass mein.
Meinung über die Entstehung des Kindbettfiebers eine durch Nichts
beweisbare Hypothese sei. Nichtsdestoweniger widerspricht er sich
selbst, als er die Prophylaxe des Kindbetthebers behandelnd, sagt :
„Da das Puerperalfieber oder Pyämie durch Einimpfung von Leichen-
gift weiden und durch Uebertragung von septischen Exsu-
daten, sowie durch das Znsammenwohnen mit Andern an einer der
verschiedenen zymotischen Krankheiten, wie: Typhus, Cholera, Schar-
lach, Masern u. s. w. Leidenden verbreitet werden könne, so ist es
die strenge Pflicht der Aerzte, auf die Absonderung der gesunden
Wöchnerinnen von zyniotise.h-erkrankteB Individuen, sowohl in Privat-
wohnungen, als in Gebiirh.-'iusern genau zu sehen, und niemals eine
Semmelweil' Abhandlm!*;?" taA Wart EklMr «las Kimlbettfieber.
83
Untersuchung oder eine Operation bei einer Schwangeren, Gebärenden,
Wöchnerinnen zu gestatten, wenn kurze Zeit zuvor ein hilfeleistende*
Individuum mit Leichentheilen oder septischen Exsudaten zu tlnm
In einer Anmerkung setzt, er hinzu: „Eb ist daher die
löblichste Vorsicht eines jeden Klinikers die klini-
schen Explorationen in den frühesten Morgenstunden
nehmen zu lassen, bevor noch die Beschäftigungen
am tadaver vorgenommen wurden."
Drr Meiiimigpiiiiterftcliied zwischen mir und den
englischen Aerzten über das Kindbettfleber,
(1860.)
hdem mich das Ergebnis der Chlonvaschungen davon über-
zeugt hat, h'hs die wahre Ursache des Kindbettfiebers sei, theilt.
■ ■ Meinung den Leitern mehrerer Gebäranstalten mit, damit ich
die Menschheit und deren möglichst grfissten Theil von dieser Geissei
je eher befreie.
Die erste \ntwort auf meine Mittheilung kam mit erstaunlich*!
Schnelligkeit von Professor Simpson aus Edinburg,
Er erwiderte in seinem in recht erregten Ton gehaltenen Brief
unter Anderen, mein Schreiben diene ihm als Beweis, dass mir die
englis«'he Litteratur ganz unbekannt sei. denn sonst würde ich wissen,
die l-.ngländer das Kindbettfieber längst für eine contagütee
Krankheit halten, und zu deren Verhütung Chlorwaschungen anwenden.
Dass die englischen Aerzte das Kindbettfieber Im eine conta^K--
Krankheit halten und dagegen Chlorwaschungen anwenden, war aller-
- auch mir bekannt, aber ich halte das Kindbettfieber für keine
contagiöse Krankheit. Prof. Simpson konnte nur in Folge einer
ereilung meine Ansicht über das Kindbettfieber mit der Änsichl
englischer Aerzte für identisch halten; dies geht aus einer Cprre-
spo&denz zwischen mir und dem Arzt F. H. R o u t h in London hervor.
Dr. Kouth besuchte die I. Gebärklinik zu Wien während meiner
izzeit ; das was er gesehen, überzeugte ihn von der Richtigkeit
meiner Lehre. Er reiste mit dem Vorsätze in sein Vaterland zurück.
meine Lehre dort zu verbreiten; ich erhielt seinen eisten Briet ans
London vom 23. Jänner ls49, folgenden Inhalts:
..i ■'••mitiis in tiltimis septimanis Novembris (1848) eonvucatis, illic
Draus, in «juo tuam inventionem enunciavi reddsns tibi, ut rolnit
tia. maximam gloriam, praelectus tüit. "Enim vero possum dicere,
Tritiim diseursum optime exceptuni tuisse, et niulti inter soeios doc-
tissimofi attestaverunt argumentum convincens Ansse. intet hos
e
84
äearaelireil9 Aliliaii.linii^-ii und Werk über das Kindlwtlieber.
praecipue Webster Copelaud et Mr. Murphy, viri et doctores clarissimi,
optima locuti sunt.
In Lancetto Xovembris 1848 possis omnia de hac controversia
contiogentia legere.
Oredis ne novos casus, qui in hospitio ex tempore mei abitus
admissi sunt, opinionem tuam coniirmant?
Febris ne puerperalis rarior est quam antea? Si morbus sie
periculosus in cubilibus obstetrieiis non adsit ut ante, certe effectus
magni moraenti denuo firmatus. In Fraga quoque, ubi febris puerperal i^
tarn frequenter obvenire solebat, eisdem causis conseeuta fuit ingeneravi!~
„Dorset-Square, London 21. May 1849.
Meas annotationes de tua inventione in libellulo publica vi."
„Dorset-Square, London 3. December 1849.
Jam inventionis tuae fama ac veritas in existimatione publica
accresc.it r et inter omnes medicorum societates quam res est maxime
utilis, pereipiunt et agnoseunt, nee vero etiam temere* nani magna
est veritas, et praevalebit."
Murphy, Professor der Geburtshilfe früher zu Dublin, jetzt zu
London, hat in der Zeitschrift: „The Dublin Quarterly Journal of
Medical Science" — August 1857 — einen längeren Artikel ver-
öffentlicht in welchen er den oben erwähnten Vortrag Dr. Routh's
bespricht, und sich den in demselben ausgesprochenen Ansichten an-
schliesst3)
Selbst Simpson hat die Ansicht, dass das Kindbettfieber eine
eoiitagiöse Krankheit sei, aufgegeben; er hält dasselbe identisch mit
dem chirurgischen Fieber und sagt: „Beim Kindbettfieber und beim
chirurgischen Fieber ist das Fieber nicht die Ursache der begleitenden
Entzündungen , noch sind die Entzündungen die Ursache des be-
gleitenden Fiebers, sondern das Fieber sowohl als die Entzündungen
sind die Folgen einer gemeinschaftlichen Ursache, nämlich des
ursprünglichen Blutverderbnisses. Was aber das Blut verderbe, dies
genügend zu beantworten, bleibt der späteren Zeit einer mehr ausge-
bildeten pathologischen Anatomie, Histologie und Chemie vorbehalten."3)
Diese Aufgabe ist schon gelöst, denn das was die Blutverderbnis
als gemeinschaftliche Ursache des begleitenden Fiebers und der be-
gleitenden Entzündungen beim Kindbett lieber und beim chirurgischen
Fieber hervorbringt, das ist bereits als resorbirte zersetzte thierisch-
organischer Stoff entdeckt.
Aus dem Briefwechsel mit dem erwähnten Dr. Routh erhellt
der Irrthum Prof. Simpson 's. indem er meine Lehren über das
Kindbettfieber identisch mit der der englischen Aerzte hält. Zuge-
geben, dass die englischen Aerzte wahrgenommen haben , dass di«
Uebertragung zersetzter thierisch-organiseher Stoffe auf gesunde
Wöchnerinnen das Kindbett lieber hervorbringt, so haben sie doch
hieraus gauz andere Folgerungen gezogen, wie ich, was wir auch aus
den folgenden englischen Beobachtungen erweisen wollen.
') On the eauses of the Endemie Puerperal Fever oj ViemHU By. (.'. H. F.
Routh M. D. London, 1849. Medico-Chirurgical-Transactions Vol. XXXII.
-) What is Puerperal Fc?*tJ A quettion propoMd to the epidemiological Society
of London. By Eduard William Murphy. A. M. M. P. Dublin 1857.
•) Edinb. Monthly Journal 1850.
Sosroelweit' Abhandlungen und Werk über das Kindtettfobtt,
85
In dem auf diese englischen Beobachtungen Bezug- nehmenden
Werke1) Dr. Arneth's lesen wir Folgendes:
Eine lange Reihe der englischen Beobachtungen beweist, dass
die Uebertragung fauler Stoffe im Allgemeinen, besonders aber der
Leichenteile auf Gebärende Kindbettlieber hervorbringen. Doch er-
klaren sie diese Fälle, wie wir später sehen werden, ganz anders.
Unter den über den Gegenstand erschienenen Fachschriften machte
in England nichts mehr Aufsehen, als ein Journalartikel von Robert
storrs. Storrs befragte schriftlich mehrere Collagen um Ihre Er-
fah Hingen und Ansichten. Das Resultat dieser Umfrage war unge-
fähr Folgendes:
„Reedal in Sheffield behandelte einen jungen Mann, der an
einer bösartigen Leistengeschwulst und einer erysipelatOsen Ent-
zündung des Hodensackes und der Hinterbacken litt, die täglich Ver-
den werden mussten und endlich einen tätlichen Ausgang nahmen.
Seine Schwester, die ihn pflegte, bekam gleichfalls Rothlauf im Ge-
siebte und am Kopfe, zu dem sicli Fieber mit typhösem Ohara« ni
Ate, and sie binnen zwei Tagen wegraffte. — Während Reedal
nun den Patienten behandelte, bekamen fünf Krauen, bei deren Ent-
bindung er vom 26. October bis 3. November 1843 zugegen war, das
Puerperalfieber und starben. Zu den genannten Unglücklichen war
er fast unmittelbar nach der Reinigung jener Wunden gegangen,
während zwei Frauen, die gleichfalls während des (iebnitsgeschiilii >
seine Hilfe in Ansprach genommen hatten, zu denen er aber erst
einige Standen nach jenem gefahrbringenden Krankenbesuche ge-
ii war. ohne bedeutendere Erk ran klingen davonkamen. Nach
dem Tode jener Frauen gab Reedal seine Besuche bei dem jungen
Manne auf, weil er sich für den Verbreiter der Krankheit ansehen
musste und seidem hatte er eben so wenig mehr einen Fall von Puer-
peralfieber in seiner Praxis, als ihm dergleichen W» der Behandlung
jenes Erysipels vorgekommen waren."
„Sieig hl in Hüll berichtet, dass er einen Kranken am gangraene-
»cirenden Erysipelas behandelte lutd während seines Besuches bei
demselben zu einem Geburtsfalle gerufen wurde; obwohl die Geburt
sehr leicht und regelmässig verlief, wurde die Frau 20 Stunden dar-
nach vom Puerperalfieber ergriffen und starb nach 18 Stunden
wahrender Krankheit •
„Hardey, gleichfalls in Hüll wohnend, behandelte einen Abscess
in der Lendengegend und einen erysipelatösen Abscess an den Brost;
zur selben Zeit starben sehr viele Schafe, Kühe und Tauben nach
der Geburt. Hardey behandelte in Monatsfrist 20 Geburtsfälle,
denen sieben Frauen starben; alle diese Geborten hatten einen
I massigen Verlauf gehabt, auch war sonst keine Ursache des
nngliick liehen Ausganges aufzufinden; Niemand aus der Umgebung
der Unglückliehen wurde von einer ähnlichen Krankheit befallen.
Hantige Chlorwaschnngen und ein ganz, neun Anzug hoben endlich
die Weiterverpflanzung der Krankheit mu!"
„Drei Aeizle von Hüll trafen bei der Section eines Mannes zu-
sammen, der an Gangrän nach einer Operation von Hernia incar-
ta gestorben war. Alle berührten die Leichentheüe. Einer von
1 l'eber Geburtshilfe und Gynäkologie in FraukreMi . Großbritannien und
Jrl*it<1. Wien IfvrV hei Wilhelm Rrauiiiftller.
86
Semmelweis' Abhandiung-eu und Werk über das Kindtietttieber.
ihnen wurde von dem Leichname weg zu einer Geburt gerufen; diese
und noch einige rasch auf einander von ihm entbundene Frauen
starben am Puerperalfieber. Nicht besser erging: es seinen beiden
i ollcgen, die in kürzester Frist nach jener Leichenbesichtigimg auch
Fälle von Kindbettlieber in ihrer Praxis beobachteten. Der Zufall
führte sie nach einiger Zeit wieder zusammen, sie klagten sich gegen-
seitig ihre Unglücksfalle. Sie gaben ihre geburtshilfliche Praxis für
einige Zeit auf. und hatten nach dem Wiederantritte derselben keine
Kränkln it stalle mehr zu beklagen.
.,s. Allen in York verlor eine Reihe Patientinnen am Kindbett -
lieber, ÄOCb nur im ersten dieser Fälle war er im «Stande irgend eine
Verbindung mit Firy.sipelas herauszufinden. — Zwei Monate hindurch
war in seiner Praxis kein Fall von Puerperalfieber mehr vorgekommen,
als plötzlich wieder eim- von seinem Assistenten gepflegte Frau von
dieser Krankheit befallen wurde ; derselbe war damals mit einer Jacke
bekleidet gewesen, die er zuletzt zur Zeit der Nachtwache bei einer
kindbettfieberkranken Frau getragen hatte. — Der Mann der oben-
erwähnten Frau wurde gleichfalls von Bauchfellentzündung befallen,
die alle Merkmale des Puerperalfiebers an sich trug und tödtlich
endete. Uebrigens war dies, so viel Allen weiss, der einzige Fall
von Uebertragung der Krankheit auf die Umgebung der Kranken,
der sich in seiner Praxis ereignete."
So weit reichen die schriftlichen Antworten jener Collegen, die
Storrs befragt hatte.
Storrs fuhrt nun in Folgendem seine eigene Erfahrungen au, die
nach seiner Meinung durchgehends beweisen, dass die Kränkln ii
contagiös sei, die nach ihrer überwiegenden Mehrheit zeigen, dass
ihr Ursprung in einem animalischen Gifte zu suchen sei, die nicht
selten bösartige Krankheiten bei Anderen hervorbrachten, und die
alle die Fruchtlosigkeit der ärztlichen Behandlung und gerade des-
halb die äusserste Notwendigkeit von Vorbauungsmitteln nachweisen.
I. „Am 8. Jänner 1841 leistete Storrs Frau D. bei einer Geburt
Beistand; am selben Tage war er auch bei Frau Richardson be-
schäftigt, die an gangraencscimidem Rothlauf litt; beide Frauen be-
dienten sich derselben Wärterin. Frau D. starb am Puerperalfieber
und ihre Schwester bekam Typhus, nachdem sie selbe gepflegt hatte."
II. „Am 13. Jänner war .Storrs bei der Geburt der Frau B.
anwesend, auch sie starb; einige Tage hieraufbekam ihre Schwieger-
mutter Typhus, an dem auch sie starb. Die Wärterin, die beide ge-
pflegt hatte, bekam, wie ihr Sohn, gleichfalls den Typhus, von dem
sie sich jedoch erholten,"
III. „Gleichfalls am 13. Jänner war Storrs bei dem GeburUs-
geschäfte der Frau Par. zugegen, die gleichfalls starb; ihr Gatte war
zur selben Zeit am Erysipel mit typhösem Fieber erkrankt, von dem
er sich jedoch erholte Eine benachbarte Freundin der Verstorbenen
hatte Erysipelas, Pleuritis und Abscess, doch genas sie; nicht so
glücklich war ihre Wärterin, die am Typhus starb/'
„Eine IV. und V. Kranke erholten sich und verursachten auch bei
Niemand ähnliche Krankheiten."
VI. -Am 12. Februar eröffnete Storrs an der obengenannten
Frau Richardson einen Abscess und ward hierauf bei der drei englische
Meilen entfernt wohnenden Frau P. beschäftigt, die ebenfalls starb.
Setnmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
87
Ihre Schwester hatte Erysipelas mit tj-phüsen Krs<ii.-inuiigen und
Herpes, worauf ein ungeheurer .Abscess in der Brust folgte."
VII. ..Frau P. wurde nicht von Storrs entbunden, sondern nur
vini ihm besucht; Frau P. hatte das Kind der Frau Bt auf der
Bahre gebettet, das einige Tage früher an Gangrän des Xaln-1- _•< -
Stürben war. — Storrs hatte der Frau Bt. zur Zeit dieser Krank-
heitsfälle Beistand geleistet, Frau Bt. starb und es folgte ihr bald
ihr Kind, das am Brande des Nabels und der Geschlechtstheile zu
(Gründe ging."
\ Hl. „Frau W.. diu unter Storrs' Leitung entbunden wnrde,
nachdem er am vorhergehenden Morgen bei Frau Ricliardsou einen
Abs<e>s eröffnet hatte, starb/4
orrs machte nun eine 14tägige Reise, und hoffte sieh auf
diese Art iränzlich zu reinigen.-'
IX. „Am 21. März Nachts war er bei der Geburt der Frau W.
thätig, nachdem er Morgens bei Frau Richardson abermals einen
Abscess geöffnet hatte; Frau W. starb gleichfalls,'*
X. ..Ein gleiches Schicksal hatte Frau Dk.. die am 22. geboren
hatte."
„Einige Monate darauf, als das Gift schon etwas erschöpft war,
legte Storrs' Assistent an das Bein der Frau Ricliardsou eine Binde
an und entband am Tage darauf eine junge Frau; sie wurde von
heftiger Bauchfellentzündung befallen, man liess ihr zweimal zur Ader.
— sie erholte sich. — Bei ihr hatte die Krankheit einen mehr
stheuischen Chai-akter."
Storrs hofft durch seinen Aufsatz (aus dem wir darum so reich-
liche Auszüge geliefert haben, weil er den an den englischen An-
sichten über die Weitervei breitung des Puerperalfiebers Zweifelnden
überall entgegengehalten wird) bewiesen zu haben:
1. Dass das Puerperalfieber durch Berührung mittheilbar sei.
_'. l>as^ dasselbe von einem thierischen Gifte, und zwar besondere
dem Kothlaufe und seinen Folgen, aber auch zuweilen vom
Typhus herstamme.1)
3. Dass das Kindbett lieber ohne Unterschied an der Umgebung
der Erkrankten, Rothlauf, Typhus, und beim männlichen Ge-
schlecht ein Fieber, das bisweilen ungemein dem Puerperal-
fieber gleicht, hervorbringe.
4. Dass im Ganzen die vernünftigste und sorgfaltigste Behand-
lung ohne Erfolg Meibt.
Im Gefühle dieser letzten traurigen Erfahrung schlägt Storrs
vor, dass Geburtshelfer, um ähnliches Missgeschick zu verhüten, nie
in demselben Kleide Kreissende besuchen sollen, worin sie schon bei
' Nuch viel weiter geht Nunneley („A treatiso ou tue Natur. ■. CtlMI
and Treattnent of Erysipel*«," London 1849), wie aus folgenden Aeusserongen
hervorgehen wird :
Pag. 87: „Ich werde die vorzüglichsten Gründe und Thatsacben, die man zum
Beweise der Identität fidenty] dei l'uerperal lieber» und des Ruthlaufes anführen
kann, unter bestimmte Punkte bringen."
Pag. 89: ,.Ich bin davon überzeugt, daas viele Fragen, die in der Medicin
durch allgemeine l'ebereiustiinmuiig als abgemacht angesehen werden, keineswegs
auf festeren Gründen rnhen. ;il« die aind, die wir so eben xam Beweise der Identität
des Puerperal riebers und des Bothlaufes angeführt haben. " — Bemerkt muss übrigens
werden, dass in her Todtenliste für London vom Jahre 1842 251 Personen als am
ladt verstorben aufgeführt werden.
88
Semmelweis' Abhandlungen und Werk ii>»er das Kindbetthebi-r.
anderen Patienten waren diese Vorsicht bezieht sich zunächst auf
das Oberkleid, das meistens zur Uebertragung der krankheitseraengenden
Stoffe «trägt. Sobald abei Rothlauf oder Typhus herrschen, so wäre
dieselbe Vorsicht aueh im Wochenbette zu befolgen.
„Nach was immer für einer Leichenöffnung, oder nach einer Operation
an einem an Erysipel oder am Typhus erkrankten Individuum soll
der Chirurg so sorgfältig als nur möglich seine Hände waschen und
seinen Anzog gänzlich indem, bevor er eine Kreissende berührt; auch
die Handschuhe sind nicht ausser Acht zu lassen, da j:i Hände und
Arme die das Gift zunächst übertragenden Theile des Körpers sind."
..Sobald aber die Krankheit in eines Arztes Praxis sich festgei
hat, so sollte er sich 2 — 3 Wochen gänzlich von seinem Wohnorte
entfernen, vollends seine Kleidung Kadern, die sorgfältigsten Waschungen
cm io limtn und jedweden Krankheitsfall vermeiden, der die Quelle
thierischen Giftes sein könnte."
..Eine ähnliche Mittheilung, die Rober ton macht, erregte un-
gemeines Aufsehen in England. Eine Hebamme, die im Kreise der
VÖH der WohlthätigkeitsgeseJlsrhaff verpflegten Gebärenden und
Wöchnerinnen eine sehr ausgebreitete Praxis hatte, pflegte eine
Wöchnerin, die am Puerperalfieber starb. In dem darauffolgenden
Monate (December 1830 W9X sie in weit auseinander gelegenen Stadt-
theilen bei 30 Geburten thätig. 16 von diesen Wöchnerinnen wurden
vom Puerperalfieber befallen und starben. — Dieser Umstand war
um so auffallender, als beiläufig 380 Geburtsfälle vorfielen, die von
derselben Gesellschaft nur durch Hebammen besorgt wurden, und die,
mit alleiniger Ausnahme der früher erwähnten, ohne all»- Störungen
genesen sind. Die Aerzte der Anstalt drangen ernst darauf, daas die
Hebamme sich aufs Land begebe und ihre Praxis für einige Zeit
aussetze."
.Kurze Zeit na« h diesem Beschlüsse zeigte sich das Puerperal-
fieber an vielen Punkten der Stadt und in der Praxis von anderen
Hebammen und Aerzten; bis Juli wüt.hete es mit einer Heftigkeit und
in einer Ausdehnung, die in Manchester kaum je vorgekommen wai ■'
„Roberten nimmt es nicht auf sich, zu erklären, auf welche Art
die Üebertragung der Krankheit in dem Falle der Hebamme statt-
gefunden habe, will aber hierbei noch zweier Fälle erwähnen, die
nach seiner Ansicht beweisen, dass die Krankheit von einer Kranken
auf die Andere übertragen wurde. — Ein Arzt nämlich führte bei
einem armen, am Puerperalfieber leidenden Weibe den Catheter ein,
und wurde noch in derselben Nacht zu einer Frau gerufen, um ihr
Beistand bei ihrer Geburt zu leisten; am Morgen des zweiten Tages
darauf bekam die Frau Schüttelfrost und die übrigen Zeichen der
beginnenden Kiankheit. — Ein anderer Arzt wurde während einer
Leichenöffnung an einer am Kindbetttieber Verstorbenen zu einer
Geburt geholt; 4s Stunden darauf ergriff dieselbe Krankheit auch
diese Fraa."
„Churchill1) berichtet ans, dass Campbell in Edinborg an-
fangs nielit an die Oontagioaft&t der Krankheit geglaubt, später aber
seine Ansicht geändert, und in einem Briefe an L. Lee die nach-
folgenden Beispiele erzählt habe
..Ei seeirte im October 1821 die Leiche einer nach Abortus am
the diseases of Women bei Fleet wwd rhurrhiU, 3. edit. Imbun IftO
Semmelffeis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
BS
Puerperalfieber verstorbenen Frau; er stickte hierauf die Geschlechts-
t heile in «Im Sack und nahm sie zu einer Vorlesung mit. An dem-
selben Abende war er in denselben Kleidern bei der Geburt einer
Frau zugegen, die bald darauf starb."
.Am nächsten Morgen hatte Cb, eine Zangenoperation vorzu-
nehmen, ohne dass er seine Kleidung geändert hätte. Es erkrankten
diese und überdies noch viele der vm ihm gepflegten Wöchnerinnen,
drei derselben starben. — Im .limi L8S3 half er mehreren seiner
Schüler bei der Section einer Frau, die am Puerperalfieber gestorben
: in der von Allein entblössten ärmlichen Wohnung konnte er
>eine Hände nicht mit der nöthigen Sorgfalt waschen und ging
darum oach Hause. Daselbst angelangt, fand er die Nachricht, dass
zwei Gebarende Beine Hilfe begehrten; ohne weitere Waschungen
vorzunehmen und ohne die Kleider zu wechseln, eilte er diese Frauen
anfzusueheiL beide wurden von der Krankheit ergriffen und starben.
Dergleichen Falle — sagt der Berichterstatter — liessen sich noch
in viel bedeutenderer Anzahl anhäufen."
..Es wird aber schon aus dem Angeführten und namentlich ans
dem der Praxis des Dr. Campbell Entnommenen klar hervorgehen.
dass die Engländer diese l'ebertragungen nicht in dem Sinne nehmen,
wie S e m m e 1 w e i s und Skoda sie verstanden wissen wollen ; —
nämlich nicht durch eine Uebertragung von zersetzten thieri-
en 81 offe n auf die Geachlechtstb eile der Frau, sondern
durch die Uebertragung der Krankheit (qua talis) von einer Frau
auf die andere."
Dass dies die Auslegung sei, geht sehen aus den gemachten
tfittheilnngen hervor, wird aber besonders durch folgenden Ausspruch
ChurcbiU's klar dargetban: ,Nach aufmerksamer Beobachtuno- und
nng der Thatsachen kann ich nicht länget zweitein. dass die
Krankheit durch Ansteckung und Berührung weiter verbreitet wird.
d. h. dass sie von einer am Puerperalfieber Leidenden einer anderen
Person mitgetheilt werden kann, die mit derselben in Berührung ist,
i selbst um in enger Nachbarschaft sich befindet.'"
-Die Entscheidung der Frage, welche von beiden Auslegungen
sie ous wahre und richtige sich herausstellt, ist begreiflicherweise
reu grosser praktischer Bedeutung; denn wenn die in England ge-
wöhnliche Ansieht Geltung erlangt, so folgt, daraus keineswegs das
Verbot, sich mit Leichen von Personen zu beschäftigen, die an an-
deren als Puerperalkrankheiten gestorben sind, während wir hin-
wieder keinen Anstand nehmen, von einer kranken Wöchnerin zu
anderen zu gehen, ohne Kleider gewechselt zu haben, wie man dies
in England zu tliuii vorschreibt, weil man die Lehre von der Ueber-
riae/barkeit so weit ausdehnt, dass man annimmt, ein gesunder Mensch
also auch der Arzt), der von einer am Wochenbette Erkrankten her-
komme, könne dieselbe Krankheit, ohne dsss Berührung stattgefunden
habe, auf eine bis dahin gesunde Wöchnerin übertragen. Diese
-k.it der uebertragung scheint nach der dort üblichen Annahme
für längere Zeit möglich gedacht zu weiden, weil nach den häufig
von englischen Schriftstellern aufgestellten Anordnungen ein Arzt,
(in in seiner Praxis mehrere puerperalkranke Frauen hat, längere
Zeit hindurch aufholen soll, bei Geburten Beistand zu leisten, und
ihm Wechsel seiner Kleidungsstücke zur Pflicht gemacht wird. — Als
is dafür wird besonders angeführt, dass so häutig einzelne Ge-
90
Senn. \bhaudlungen und Werk über das KindbeirrieU-r
burtsltelfer *uier Hebammen viele Fallt- von Puerperalfieber um«
ihren Pflegebefohlenen zählen, während die übrigen Aerzte nicht«
von dergleichen Vorkommnissen zu erzählen haben.
Man wird aber wohl zugeben müssen, dass diese Umstände Biet
viel ungezwungener erklären hissen, wenn man annimmt (was sieh
in den oben raitgetheilten Fällen nachweisen lAsst . dass diese Prak-
tiker sich mit Leichenöffnungen, oder was gleichviel gilt, mit anderen
putrescirenden Stoften, Eröffnung von Ahscessen, Reinigen und Ver-
binden von Wunden. Reinigen oder Untersuchungen von Puerperal-
kranken beschäftigt haben.1) — Mehrere der oben genannten Aei/.i-
haben durch die in England gang uud gäbe gewordenen Ansichten
ihre geburtshilfliche Praxis für einige Zeit aufgegeben, nachdem sie
das Unglück hatten, mehrere Frauen durch das Puerperalfieber zu
verlieren. — Der Umstand, dass sie beim Wiederaufnehmen derselben.
oft nach monatelanger Frist, nicht riül klicher waren, scheint RUBSer
Zweifel zu setzen, dass die von ihnen beschuldigte Ursache nicht
mehr im Spiele sein konnte, und rüttelte stark an ihrer Ueberzengung.
dass sie es früher war.
Es ist auch meine Ueberzeiiguuir. dass die oben angeführten Be-
schäftigungen der Aerzte das ursächliche tfomenf des nach di<
Beschäftigungen beobachteten Puerperalfiebers gewesen sind.
Aber ich ziehe aus diesen I inten andere Schlüsse als die eng-
lischen Aerzte
Ich halte das Kindhettfieber für keine contagiöse Krankheit,
weil dasselbe nicht von einem jeden am Kindbettfieber erkrankten
Individuum auf ein gesundes übertragen werden kann, und weil ein
gesundes Individuum das Kindbettfieber von Kranken her bekommen
kann, welche selbst nicht am Kindbettfieber leiden. — Ein jeder
Blatternkranke ist geeignet, bei einem gesunden Individuum Blattern
hervorzubringen, und ein gesundes Individuuni kann Blattern nur
von einem Blattemkianken bekommen, von einem Gebämmtterkrebs
hat noch Niemand Blattern bekommen.
Nicht 80 verhalt sich die Sache beim Kindbettheber. — Wenn
das Kindbettfieber unter Formen verlauft, welche keine zersetzten
Stoffe erzeugen, so ist es von solchen Individuen auf ein gesundes
nicht übertragbar: erzeugt aber das Kindbettfieber zersetzte Stoffe,
wie z. B. bei Endometritis septica, so ist das Kindbettfieber auf Ge-
sunde allerdings übertragbar. — Nach dem Tode ist von jeder Puer-
peralleiche das Kindbettfieber auf Gesunde übertragbar, bei der Leiche
kommt nur der FäuMssgrad in Betracht. Aber das Kindbettfieber
kommt auch von Krankheiten, welche selbst nicht Kindbettfieber sind :
so z. B. von gaugraenösem Erysipel, Carcinoma uteri etc.
Eine jede Leiche, mag welch eine Krankheit immer den Tod
veranlasst haben, ist geeignet, das Kindbettfieber hervorzubringen,
(VCM die Leiche den nöthigen Fäulnissgrad erreicht hat.
Eine contagiöse Krankheit wird durch einen Stoff fortgepflanzt.
l) Dr. A. Martin, der Director du Eefa*jnni6n*c)iule in München, hatte die
Güte mir mündli- li mlträthailea, dass in den ?r*ten Jahren seiner Wirksamkeit dai
Puerperalfieber häutige Opfer forderte, ohne iaa M möglich gewesen wäre in der
ireettml gel iistalt die Veranlassung M entdeOKea. Erst später wurde er
davon benachrichtigt, dass die Hebammen die Placenten in deu Abtritt warfen :
nach Abstellung dieser Holen Gewohnheit w d e^undheitsznatand der Anstalt
ein bleibend günstiger.
Semmel weis" Milmmlluiigen 11ml 'Werk iilier Au Kiinllm tlti.lni
91
welchen nur die betreffende Krankheit erzeugt. — Gutes hat noch
nie ein Blatterncontagium hervorgebracht. Das Puerperalfieber wird
durch einen Stoff fortgepflanzt, welcher das Prodnct nicht des Puer-
peralfiebers allein, sondern auch das Prodnct der heterogensten Krank-
heiten bildet.
Jede Leiche, mag welch eine Krankheit immer den Tod veran-
lasst haben, erzeugt den Stoff, welcher das Kindbettfieber hervorbringt.
Daraus folgt das Verbot des Beschäftigens mit Leichen und mit
Kranken, deren Krankheiten einen zersetzten Stoff erzeugen, ohne
Rücksicht auf den Puerperalzustand.
Für mich ist es eine unumstössliche Wahrheit, dass der Thierarzt,
welcher zugleich Geburtshelfer wäre, durch die von gefallenen Thieren
hergenommenen zersetzten Stoffe bei einer Wöchnerin das Kindbett-
tieber hervorbringen würde.
Las Kindbettfieber ist demnach keine contagiöse Krankheit, aber
es ist eine auf ein gesundes Individuum übertragbare Krankheit ver-
mittelst eines zersetzten Stoffes. — Das Kindbettfieber stellt zum
Rothlauf und seinen Folgen in keiner andern Beziehung, wie zu jeder
anderen Krankheit, welche einen zersetzten Stoff erzeugt. Das Kind-
bettfieber steht zum Rothlauf in derselben Beziehung, wie zu jeder
faulen Leiche.
Wenn die englischen Aerzte ausser dein Puerperalfieber selbst
nur noch den Rothlauf und seine Folgen als Quellen des, zersetzten
Stoffes, welcher das Kindbettlieber hervorbringt, anerkennen, so ziehen
sie die Grenzen vit-1 zu enge, wie ja schon die oben angeführten
Daten beweisen; es war ja nicht alles Rothlauf, woher der Stoff ge-
nommen wurde, für die oben aufgezählten Fälle von Kindbettfieber.
Das Kindbettfieber ist demnach dieselbe Krankheit, welche bei
Chirurgen, bei Anatomen, welche nach chirurgischen Operationen
entsteht. Das Kindbettfieber ist demnach dieselbe Krankheit, wenn
männlichen oder weiblichen Individuen ein zersetzter Stoff in den
Kreislauf gebracht wird.
Durch die Epidermis oder durch eine dicke Schichte des Epitheliums
hindurch ist dieser zersetzte Stoff nicht resorbirbar, bei Chirurgen,
bei Anatomen muss eine Verletzung vorausgehen.
Kolletschka hat als tüchtiger pathologischer Anatom unzählige
Male seine Hände mit zersetzten Störten verunreinigt und blieb ge-
sund: durch einen Stich wurde einmal die Resorption ermöglicht, und
wir wissen welche Krankheit die Folge davon war.
I'ii Resorptionsstelle kann jeder Punkt des Körpers sein, welcher
von der Epidermis, vom Epitheliom entblosst wird.
Bei Schwangeren. Kreissenden, Wöchnerinnen haben wir an Stelle
des Körpers, welche keine Epidermis, welche kein Epithelium besitzt,
und das ist die innere Fläche des Uterus vom innern Muttermunde
angefangen nach aufwärts, und das ist die ResorptionsstelU' liir den
taten Stoff, welcher das Kindbettfieber hervorbringt. — Wurden
durch die Geburt Verletzungen verursacht, so kann jede Stelle des
ganzen Kürpei>. welche wund ist, zur Resorptionsstelle werden.
Im Schuljahre 1857/58 an der geburtshilflichen Klinik zu Pest
wurden die äusseren Genitalien zweier Wöchnerinnen grangraenös; eine
dieser Wöchnerin zur Pflege zugetheilte Schülerin verletzte ihren
mil einer Nahnadel, sie bekam Lymphaugioitis mit Vereite-
H2
iMmmehveis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
rung der Axillardriisen und machte eine mehrere Monat« dauernde
schwere Kr;i nkhe.it durch.
Da nun die Individuen in den Gebärhäusern in der Regel ausser-
halb der Genitalspbäre keine zur Resorption geeignete Stelle dar-
bieten, so mnss notwendiger Weise der zersetzte Stoff, welcher die
Eigenschaft besitzt, das Kindbettfieber hervorzubringen, den Individuen
in die Genitalien eingebracht werden; da nun aber die Kleider des
Geburtshelfers nicht in die Genitalien der Individuen eingebracht
werden, so ist die Sitte der Engländer, die Kleider zu wechseln, um
das Kindbettfieber nicht durch die Kleider zu verschleppen, eine zwar
unschädliche, aber überflüssige Vorsicht.
Ick und die iSchüler haben im Jahre 1848 zu Wien unsere Kleider
nach Beschäftigungen mit solchen Dingen, welche die Eigenschaft be-
sitzen, das Kindbettfieber hervorzubringen, nicht gewechselt, wir haben
mir unsere Hände der Einwirkung des Chlors ausgesetzt, und haben
im Jahre 1^48 von 3556 Wöchnerinnen nur 45. d. i. 1 27 Pereent am
Kindbettfieber verloren.
In den oben angeführten Fallen, wo der Geburtshelfer, ohne die
Kleider gewechselt zu haben, gesunde Kreissende besuchte, welche
dann am Kindbettfieber gestorben sind, waren gewiss nicht die Kleider,
sondern seine Hände die Träger des zersetzten Stoffes, welche, weil
sie nicht gewechselt werden konnten, desinficirt hätten werden sollen.
Wenn durch die angeführten Beschäftigungen die Kleider mit zer-
setzten Stoffen so sehr verunreinigt wurden, so wurden es die Hände
gewiss noch mehr, und mit diesen Händen winde innerlich untersucht.
Damit, das Kindbettfieber entstehe, ist es Conditio sine qua
non, dass der zusetzte Stoff in die Genitalien eingebracht werde.
Mit von zersetzten Stoffen verunreinigten Händen können die Individuen
in- und ausserhalb der Gebärhäuser aUen möglichen inedicinischen
Untersuchungen mit Ausnahme der Ex j)l oratio obstet ricia
im er na unterworfen werden, ohne dadurch der Gefahr eines Puer-
peralfiebers ausgesetzt zu sein.
Dass die Epidermis die Resorption des zersetzten Stoffes verhindere,
beweist ja der Umstand, dass • I • i Geburtshelfer, unbeschadet seiner
Gesundheit, den zersetzten Stoff Stunden und Tage lang an seiner
Hand herumträgt, weh her Stoff durch die innere Untersuchung mit
der inneren Fläche des Uterus für Augenblicke in Berührung ge-
l'iai ht. resorhirt wird und dadurch das Kindbetttieber hervorbringt.
I üe Hände der Anatomen sind ja oft stundenlang in Berührung
mit faulen Leichen und sie bleiben Gesund; wird aber die Epidermis
durch Verletzung entfernt, so entsteht die Krankheit, welche wir hei
Kolletschka, und welche wir bei unserer Schülerin gesehen.
Vermöge der Lage der Zimmer der ersten Gebärklinik wurde die
allgemeine Visite zweimal täglich in folgender Ordnung gehalten:
zuerst war Visite :iu\' dein Kreisseziinmer, dann wurde die Hälfte der
nifen Wöchnerinnen besucht, dann wurde Visite in den Kranken-
zimmern gemacht, und nun wurde die Visite mit der Besichtigung
der zweiten Hälfte der gesunden Wöchnerinnen geschlossen.
Wenn wir uns auch auf dem Krankenzimmer die Hände von
Seite der kranken Wöchnerinnen vei unreinigten, so fühlten wir den
gesunden Wöchnerinnen der zweiten Hälfte, ohne uns früher in Chlor
gewaschen zu haben, den Puls, wir hefiihlten äusserlkh den Bauch.
dem nie I weis' Abhandlungen und Werk über das Kindbett fit- In r
93
mit einem Worte, wir machten alle nöthigen medii mischen unter-
Mn-hungen. mit Ausnahme der Exploratio obstetricia interna, und wir
haben dadurch das Kindbetttieber nicht vervielfältigt, denn wir ver-
loren im Jahre 1848 von 3556 Wöchnerinnen nur 45, d. i. 1.27 Percent
Das Kindbettfieber kann daher durch die äussere unverletzte
i Itarflftche des Körpers nicht aufgenommen werden, es wird demnach
nicht nach Art der Blattern dadurch fortgepflanzt, daß die äussere
Überfläche eines gesunden Individuums in den Dunstkreis eines kranken
Individuums kommt.
Wenn aber die Ausdünstungen kranker Individuen mit der atmo-
sphärischen Luft in die Uterushöhle eindringen, dann entsteht aller-
dings das Kindbetttieber.
Wir haben uns früher dahin ausgesprochen, dass der Gebrauch
der Engländer, nach dem Besuche einer kranken Wöchnerin die
Kleider vor dem Besuche einer gesunden Wöchnerin zu wechseln, eine
zwar unschädliche, aber überflüssige Vorsicht sei, weil die Kleider,
welche mit einem zersetzten Stoffe verunreinigt sind, nicht dorthin
kommen, wo die Resorption im normalen Zustande geschieht, nämlich
in die, l'terushöhle. Die Kleider könnten nur dadurch das Kindbett-
fieber hervorbringen, dass deren Exhalationen mit der atmosphärischen
I litt in die Gebärmutterhöhle dringen. In dem Grade dürften aber
die Kleider kaum je verunreinigt sein. Wir haben in Wien nie die
Kleider gewechselt, und ich thue es auch jetzt nicht. Die Kleider
könnten auch dadurch zur Entstehung des Kindbetttiebers Veranlassung
geben, dass z, B. der Aermel des Rockes, wenn er mit zersetzten
Stoffen verunreinigt ist, bei der inneren Untersuchung einer Wöchnerin
mit den durch die Geburt verletzten Genitalien in Berührung kommt ;
ein Ereigniss, welches gewiss nicht täglich geschieht.
In diesem Sinne können allerdings auch die Kleider schädlich
werden, aber gewiss nicht in dem Sinne der Engländer, welche
erlauben, das Puerperal-Contagium könne, so wie das Blattern-Con-
tagiuro, mit den Kleidern zu gesunden Wöchnerinnen getragen werden,
welche es dann, wie das Bl&ttern-Contagiuni, durch die äussere Ober-
fläche ihres Körpers in sich aufnehmen, und dadurch ebenfalls vom
Kindbetttieber befallen werden.
Im normalen Zustande kann nur die innere Fläche des Uterus,
durch Wundwerden kann jede Stelle des Körpers zum Atrium für
die Resorption weiden.
\\ enn englische Aerzte das Unglück haben mehrere Wöchnerinnen
»m Kindbetttieber zu verlieren, so begnügeu sich selbe mit den Chlor-
vaschungen nicht, sondern sie setzen ihre geburtshilfliche Praxis für
einige Wochen aus. oder unternehmen eine mehrwöchentliche Reise,
um vom Puerperal-Contagium gänzlich gereinigt zu werden. Wir
zerstören den zersetzten Stoff durch Chlorwaschungen und halten diese
Deeinfection für hinreichend.
Wir hatten in Wien im Monat April 1847 57 Wöchnerinnen von
312, also 18.27 Percent am Kindbetttieber verloren, im Mai 1847 36
Wöchnerinnen von 294, also 12.24 Percent. — Wir haben Mitte Mai
die Chlorwaschungen eingeführt, mit welchem Erfolge ist dem Leser
bekannt, ohne unsere oder der Schüler Verwendung im Gebärhause
unterbrochen zu haben.
[ch glaube hiemit den Unterschied zwischen meiner Ansicht über
die Entstehung' und Weiterverbreitung des Kindbetthebers und der
94 Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
Ansicht der englischen Aerzte — die annehmen, die Krankheit ent-
stehe durch faule Stoffe — hinreichend deutlich gemacht zu haben.
Der wesentliche Unterschied zwischen meiner Ansicht und der
Ansicht der englischen Aerzte besteht darin: dass ich in jedem Fall,
nicht einen einzigen ausgenommen, nur eine Ursache, nämlich:
den zersetzten Stoff annehme und hievon überzeugt bin,
während die englischen Aerzte, wiewohl sie das Kindbettfieber auch
durch zersetzte Stoffe entstanden glauben, ausserdem noch alle alten
epidemischen und endemischen Ursachen, die in der Entstehung des
Kindbettfiebers eine Rolle spielten, als bestehend anerkennen.
Die Aetiologie, der Begriff
und
die Prophylaxis
des
Kindbett fiebers.
Von
Ignaz Philipp Semmelweis,
Dt. «1er Medicin und Chirurgie, Magister der Geburtshilfe, o. o. Professor der theoretischen
und practiseben Geburtshilfe an der kön. ung. Universität zu Pest
et--, etc.
**»$»«**-■
Pest, Wien und Leipzig.
0. A. Hartleben's Verlags-Expedit.ion.
1861.
Vorwort.
Nach zweimal beendetem Curse der praktischen Geburtshilfe an
der ersten Gebärklinik zu Wien meldete ich mich unterm 1. Juli 1844
beim Voi-stande dieser Klinik, weiland Professor Dr. Klein, als
Aspiranten für die einstens zu besetzende Stelle eines Assistenzarztes
besagter Klinik, und wurde als solcher mittelst Beeret ddo. 27. Februar
1846 provisorisch anut stellt. Am 1, Juli 1846 übernahm ich die
Stelle eines Assistenten der ersten Gebärklinik definitiv, mnsste aber
selbe am 20. October desselben Jahres wieder an meinen Vorgänger
Dr. Breit abtreten, da Dr. Breit inzwischen eine zweijährig-
Dienstesverlängerung erhielt. Wir wollen im Verlaufe dieser Schrift
diese vier Monate, nämlich : den Juli, August, September, October des
Jahres 1846, zum besseren Verständnisse, meine erste Dienstzeit
nennen.
Die Dienstzeit eines Assistenten, bei welch' immer Lehrkanzel,
war in Wien auf zwei Jahre fixirt, bei allen übrigen Lehrkanzeln
war es aber Sitte, nach Ablauf von zwei Jahren die Dienstzeit des-
selben Assistenten abermals für zwei Jahre zu verlängern, nur bei
den geburtshilflichen Lehrkanzeln war diese .Sitte nicht im Gebrauche,
und die Assistenten wechselten regelmässig alle zwei Jahre. Dr. Breit
war der erste, dem eine solche Begünstigung zu Theil wurde.
Inzwischen wurde Dr. Breit zum Professor der Geburtshilfe an
vier Hochschule zu Tübingen ernannt, und ich übernahm zum zweiten
Male definitiv die Stelle eines Assistenten den 20. März 1847, und
fnngirte als solcher durch zwei Jahre, nämlich bis zum 20. März 1849.
Diese zwei Jahre wollen wir meine zweite Dienstzeit nennen.
Die Aufgabe dieser Schrift ist: dem Leser geschichtlich die
Beobachtungen vorzuführen, welche ich an dieser Klinik in diesem
Zeiträume gemacht, ihm zu zeigen, wie ich zum Zweifler an der bis-
herigen Lehre über die Entstehung und den Begriff des Kindbett-
tiebers geworden, wie sich mir meine gegenwärtige Ueberzeugung
unwiderstehlich aufgedrungen, damit auch er zum Heile der Mensch-
heit, dieselbe Ueberzeugung daraus schöpfe.
Vermöge meines Natureis jeder Polemik abgeneigt, Beweis dessen
ich auf so zahlreiche Angriffe nicht geantwortet, glaubte ich es der
Zeit überlassen zu können, der Wahrheit eine Bahn zu brechen, allein
Semmel weil' gesammelte Werke. ™
98 Semmelweis' Abhandlangen nnd Werk über das Kindbettfieber.
meine Erwartung ging in einem Zeiträume von 13 Jahren nicht in
dem Grade in Erfüllung, wie es für das Wohl der Menschheit
nöthig ist.
Das Unglück wollte noch, dass in den Schuljahren 1856/7 und
1857/8 auf meiner eigenen geburtshilflichen Klinik zu Pest die
Wöchnerinnen in solcher Anzahl starben, dass meine Gegner diese
Sterblichkeit als Beweis gegen mich benützen könnten : es drängt zu
zeigen, dass diese zwei Unglücksjahre gerade so viele traurige, unab-
sichtliche, directe Beweise für mich seien.
Zu dieser Abneigung gegen jede Polemik kömmt noch hinzu eine
mir angeborne Abneigung gegen alles, was schreiben heisst.
Das Schicksal hat mich zum Vertreter der Wahrheiten, welche
in dieser Schrift niedergelegt sind, erkoren. Es ist meine unabweis-
bare Pflicht für dieselben einzustehen. Die Hoffnung, dass die Wichtig-
keit und die Wahrheit der Sache jeden Kampf unnöthig mache, habe
ich aufgegeben. Es kommen nicht mehr meine Neigungen, sondern
das Leben derjenigen in Betracht, welche an dem Streite, ob ich oder
meine Gegner Recht haben, keinen Antheil nehmen. Ich muss meinen
Neigungen Zwang anthun, und nochmals vor die Oeffentlichkeit treten,
nachdem sich das Schweigen so schlecht bewährt, ungewarnt durch
die vielen bitteren Stunden, die ich desshalb schon erduldet, die über-
standenen habe ich verschmerzt, für die mir noch bestehenden finde
ich Trost in dem Bewußtsein, nur in meiner Ueberzeugung Gegründetes
aufgestellt zu haben.
Pest, den 30. August 1860.
Der Verfasser.
Die Geburtshilfe ist derjenige Zweig der Mediän, welcher die
!i<> h?te Aufgabe derselben, nämlich Rettung des bedrohten mensch-
lichen Lebens, in zahlreichen Fällen am augenscheinlichsten löst
Unter vielen Fällen wollen wir nur die Querlage des reifen Kindes
anführen. Mutter und Kind sind einem sicheren Tode verfallen,
wenn die Geburt der Natur überlassen bleibt, während die rechtzeitig
hilfeleistende Hand des Geburtshelfers durch beinahe schmerzlose,
kaum einige Minuten in Anspruch nehmende Handgriffe beide rettet.
Diesen Vorzug der Geburtshilfe, mit welchem ich schon in den
theoretischen Vorlesungen dieses Faches bekannt gemacht wurde,
fand ich zwar allenliiiü> vullkommen bestätiget, als ich Gelegenheit
hatte, im grossen Wiener Gebärhaiise die Geburtshilfe auch von ihrer
praktischen Seite kennen zu lernen. Aber leider sah ich, dass die
Anzahl von Fällen, in welchen der Geburtshelfer so segensreich
wirken kann, verschwindend klein sei im Vergleiche mit der grossen
Anzahl von Opfern, denen er nur eine erfolglose Hilfe bringen kann.
Diese Schattenseite der Geburtshilfe ist das Kindbettfieber. Zehn,
fünfzehn Wendungen sah ich im Jahre mit Rettung der Mutter und
des Kindes vollführen» aber viele hundert von Wöchnerinnen sah ich
erfolglos am Kindbettfieber behandeln. Aber nicht allein die Therapie
fand ich erfolglos, auch die Aetiologie zeigte sich mir mangelhaft,
indem ich das aetiologische Moment für das Kindbettlieber, an weichem
ich so viele hundert Wöchnerinnen erfolglos behandeln sah. in der
bisher giltigen Aetiologie des Kindbettfiebers nicht finden konnte.
!>;<> Lri usse Wiener Gratis-Gebärhaus ist in zwei Abtheilungen
getrennt, wovon die eine die erste heisst, die andere heisst die zweite.
Durch eine allerhöchste Erschliessung vom 10. October 1840, Studien-
Hofcommissionsdecret vom 17. October 1840, Z. 65666, Regierungs-
rdnnng vom 27. October 1*40. Z. 61015. wurden sämintliche
Schüler der ersten Abtheilung und sämmtliche Schülerinnen der
zweiten Abtheilnng behufs des geburtshilflichen Unterrichtes zuge-
wiesen. Vor dieser Zeit wurden Geburtshelfer nnd Hebammen an
beiden Abtheilungen in gleicher Anzahl unterrichtet. Die Aufnahme
der ankommenden Schwangern, Kreissenden und Wöchnerinnen ist
folgender Weise geregelt: Montag Nachmittags vier Uhr beginnt die
Aufnahme auf der ersten Abtheilung und dauert bis Dinstag Nach-
mittags vier Uhr; Dinstag Nachmittags vier Uhr beginnt die Auf-
nahme auf der zweiten Abtheilung und dauert bis Mittwoch Nach-
mittags vier Ihr. Mittwoch Nachmittags vier Uhr geht die Auf-
nahme wieder auf die erste Abtheilung über und dauert bis Donnerstag
100
Semmel weis' Abhandlungen uud Werk über das Kiu<lbettitel>or.
Nachmittags vier Uhr. Donnerstag Nachmittags vier Uhr übernimmt
wieder die zweite Abtheilung die Aufnahme und behält sie bis Freitag
Nachmittags vier Uhr. Freitag Nachmittags vier Uhr übergeht sie
wieder an die erste Abtheiluug und bleibt durch 48 Stunden l>i*
Sonntag; Nachmittags vier Uhr. Sonntag Nachmittags vier Uhr über-
geht, die Aufnahme auf die zweite Abtheilung und bleibt an derselben
bis Montag Nachmittags vier Uhr; es wechselt mithin die Aufnahme
zwischen beiden Abtheilungen von 24 zu 24 Stunden; nur einmal in
der Woche dauert die Aufnahme auf der ersten geburtshilflichen
Klinik durch 48 Stunden, es hat mithin die erste Abtheilnng wöchent-
lich vier Aufnahmstage, die zweite Abtheiluug wöchentlich drei Auf-
nahmstage, mithin hat die erste Abtheilung jährlich 52 Aufnahms-
tage mehr.
Die Sterblichkeit war an der ersten Abtheiluug. seit selbe aus-
schliesslich dem Unterrichte für Geburtshelfer bestimmt ist. bis Juni
1847 constant im Jahre 1846 sogar um das Fünffache grösser, und
innerhalb sechs Jahren durchschnittlich dreimal so gross als an der
zweiten Abtlieilung, an welcher nur Hebammen gebildet werden, wie
nachfolgende Tabelle zeigt.
Tabelle Nr. t.
Abtheiluug für Aerste.
Abtheilung; flir Hebammen.
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Der Unterschied der Sterblichkeit au beiden Abtheilungen, so
gross ihn auch diese Tabelle zeigt, war in der Wirklichkeit noch
weit grösser, weil zuweilen ans l'rsachen. die wir später erörtern
werden, bei überhandnehmender .Sterblichkeit sämmtliche erkrankte
Wöchnerinnen aus der ersten Abtheiluug in das allgemeine Kranken-
haus transferirt wurden, daselbst starben, and dann in die Ausweise
des Krankenhauses, nicht aber in jene des (iebai hauses als verstorben
eingetragen wurden. Die Rapporte der ersten Gebärabtheilung zeigten
daher dann, wann Translerirungen vorgenommen wurden, geringe Mor-
talitätspercente, weil nur diejenigen, welche wegen zu raschem Ver-
lauf der Krankheit nicht trausferirt werden konnten, daselbst starben.
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 101
irend in Wirklichkeit eine grosse Anzahl von Wöchnerinnen unter-
Aji der zweiten Abtheilung wurden Transferirungen in solcher
Ausdehnung; nie vorgenommen, es wurden nur einzelne Wöchnerinnen,
welche sich wegen ihres Zustandes für die Uebrigen als zu gefährlich
erwiesen, transferirt.
Dieses Plus der Sterblichkeit, an der ersten Abtheilung im Ver-
gleiche zur zweiten sind die vielen hundert Wöchnerinnen, welche
ich zum Theile selbst an Puerperal- Processen sterben sah, ohne für
dieselben das aetiologische Moment in der bisher giltigen Aetiologie
finden zu können.
Um dem Leser ebenfalls die Ueberzeugnng beizubringen, dass
dieses Plus der Sterblichkeit aus der bisher giltigen Aetiologie nicht
erklärt werden könne, wollen wir nun die bisher giltigen aetiologi-
schen Momente des Kindbettfiebers in ihrer Anwendung zur Erklärung
dieses Pins der Sterblichkeit einer näheren Prüfung unterziehen.
Man zweifelte nicht und sprach es tausendmal aus, dass die
furchtbaren Verheerungen, welche das Kindbettfieber an der ersten
geburtshilflichen Abtheilnng anrichtet, epidemischen Einflüssen zuzu-
schreiben seien. Man versteht unter epidemischen Einflüssen bisher
noch nicht genau zu definirende atmosphärische, cosmische, tellurische
Veränderungen, welche sich manchmal über ganze Länderstrecken
ausbreiten, und bei durch das Puerperium dazu disponirten Individuen
das Kindbettlieber hervorbringen. Wenn nun die atmosphärisch-
oosmisch-tellurischen Verhältnisse der Stadt Wien derart beschaffen
sind, dass sie bei durch das Puerperium disponirten Individuen das
Puerperalfieber hervorzubringen im Stande sind, wie kommt es denn,
dass diese atmosphärisch-cosmisch-tellurischen Einflüsse durch eine
so lange Reihe von Jahren vorzüglich die durch das Puerperium
disponirten, auf der ersten geburtshilflichen Klinik befindlichen Indi-
viduen dahinraffte, während es die ebenfalls in Wien, im selben Hause
ebenfalls durch das Puerperium disponirten, auf der zweiten Abtheilnng
befindlichen Individuen so auffallend verschonte. Mir scheint es
keinem Zweifel zu unterliegen, dass, wenn die Verheerungen des
Kindbettfiebers an der ersten geburtshilflichen Abtheilung epidemischen
Einflüssen zuzuschreiben seien, sich dieselben an der zweiten geburts-
hilflichen Abtheilung mit geringeren Schwankungen wiederholen müssten,
widrigenfalls wird man zu der ungereimten Annahme gedrängt, dass
die epidemischen Einflüsse 24 stündige Remissionen und Exacerbationen
ihrer verderblichen Thätigkeit erleiden, und dass gerade die Remis-
sionen durch eine Reihe von Jahren mit der Aufnahmszeit auf der
zweiten geburtshilflichen Klinik zusammenfallen, während die Exa-
ationen durch eine Reihe von Jahren gerade zur Zeit als die
aufnähme auf der ersten Abtheilung stattfindet, eintreten. Aber
selbst dann, wenn man so etwas Ungereimtes gelten lassen würde,
wäre der Unterschied der Sterblichkeit an beiden Abtheilungen durch
epidemische Einflüsse nicht erklärt. Die epidemischen Einflüsse wirken
während der Exacerbation auf die Individuen entweder vor ihrer
Aufnahme ins Gebärhaus, oder sie wirken auf die Individuen während
- Aufenthaltes im Gebärhause. Wirken sie ausserhalb des Qebftr-
liauses auf die Individuen, so sind gewiss sowohl diejenigen, welche
auf der ersten geburtshilflichen Klinik aufgenommen werden, als die-
jenigen, welche sieh auf der zweite« Klinik zur Aufnahme melden,
der verderblichen Wirkung der epidemischen Einflüsse ausserhalb
102
Setmnelwets' Alihaßdlungeu and Werk über das Kindbett lieber.
des Gebärhauses während der Exacerbation ausgesetzt gewesen, und
dann konnte keine so grosse Verschiedenheit in den Mortalitätsver-
hAltnissen zweier Abtheilungen sich vorfinden, welche beide schon
von epidemischen Einflüssen betroffene Individuen aufnehmen: wirken
aber die. epidemischen Einflösse auf die Individuen während des Auf-
enthaltes im Gebärhause, so könnte wieder kein Unterschied in der
Grösse der Sterblichkeit sein, weil zwei Abtheilungen, welche so nahe
an einander liegen, dass sie ein gemeinschaftliches Vorzimmer haben,
notwendiger Weise denselben atmosphät "iach-i osmisch-tellurischen Ein-
flössen unterworfen sein müssen. Diese Betrachtungen allein waren
es, welche mir die unerschütterliche Ueberzeugnng aufdrängten, dass
es keine epidemischen Einflüsse seien, welche die schreckenerregenden
Verheerungen unter den Wöchnerinnen der ersten Gebärklinik her-
vorrufen,
Nachdem einmal diese unerschütterliche antiepidemische Ueber-
zeugung sich meiner bemächtige* hatte, fanden sich bald manche
Gründe, welche mich in meiner leberzeugung immer mehr und mehr
bestärkten. Wir wollen sie in Folgendem anführen:
Wenn die atmosphärischen Einflüsse der Stadt Wien eine Kind-
bettfieber-Epidemie im Gebärhause hervorrufen, so miisste ja not-
wendiger Weise — da die Bevölkerung der Stadt Wien denselben
Einflüssen unterworfen ist — auch in der Stadt das Kindbettfleber
unter den Wöchnerinnen epidemisch herrschen, in der Wirklichkeit
aber beobachtete man während des stärksten Wüthens der Puerperal-
krankheit im Gehiirhause weder in Wien, noch auf dem Lande ein
häufiges Erkranken der Wöchnerinnen.
Wenn die Cholera epidemisch herrscht, erkrankt ja bekannter-
maßen nicht nur die Bevölkerung eines Spitals, sondern auch die
Bevölkerung selbst.
Eine sehr häufig, und zwar mit Erfolg geübte Massregel, um
einer herrschenden Kindbett neber-Epidemie Einhalt zu thun. ist das
Schliessen der Gebärhäuser. Man sc.hliesst die Gebärhäuser nicht in
der Absicht, dass die Wöchnerinnen nicht im Gebärhause, sondern
wo anders sterben sollen, sondern man schliesst selbe in der Ueber-
zeugung: dass, wenn sie im Gebärhause gebären würden, würden sie
den epidemischen Einflüssen unterliegen, wenn sie aber ausserhalb
des Gebärhauses entbinden, werden sie gesund bleiben. Dadurch ist
aber der Beweis gegeben, dass man es mit keiner Epidemie zu thun
hatte, d. h. mit keiner Krankheit, welche durch atmosphärische Ein-
flüsse bedingt ist, weil die atmosphärischen Einflüsse über die Grenzen
des Gebärhanses hinaus, in welchem Winkel immer der Stadt die
Kreissenden und Wöchnerinnen treffen würden: dadurch ist der Be-
weis geliefert, dass das Endemien sind, d. h. Erkrankungen in Folge
von Ursachen, welche in die Grenzen des Gebärhauses eingeengt sind.
R is würden die Vertheidiger der Epidemien sagen, wenn Jemand
den Vorschlag machen würde, um der Cholera-Epidemie Herr zu
werden, sei es das Beste, die Choleraspitäler zu schliessen?
Das Puerperalfieber, welches in Folge einer traumatischen Ein-
wirkung entsteht, z. B. nach forcirten Zangenoperatiouen, ist ganz
in seinem Verlaufe und anatomischen Befunde dasselbe, wie es sich
bei sogenannten Epidemien vorfindet. Kann auch eine andere epide-
mische Krankheit auf traumatischem Wege erzeugt werden?
h.
Die Aetiologie. der Begriff und die Prophylaxis des Kindbetlfiebers. 103
Die Epidemien machen jahrelange Intermissionen, das Kindbett-
fieber herrschte aber an der ersten geburtshilflichen Klinik durch
eine lange Reihe von Jahren mit geringen Intermissionen ununter-
brochen fort. Herrscht die Cholera alljährlich epidemisch?
Wenn die sogenannten Kindbettfieber-Epidemien wirklich durch
atmosphärische Einflüsse bedingt wären, so konnten sie nicht in den
entgegengesetzten Jahreszeiten und Klimaten vorkommen; in der
Wirklichkeit aber werden zu allen Jahreszeiten, in den verschiedensten
Klimaten, unter allen Arten der Witterungsverhaltnisse Kindbettüeber-
Epidemien beobachtet.
Wir wollen, um dem Leser durch Zahlen zu beweisen, dass die
Jahreszeiten wirklich keinen Einfluss auf die Hervorbringung des
Kindhettfiebers haben, den durch die Tabelle Nr, I repräsentirten
Zeitraum abermals benutzen, mit Hinzugäbe der ersten fünf Monate
des Jahres 1847. Es wird dadurch mittelst Zahlen bewiesen, dass
jeder Monat im Jahre einen günstigen und jeder Monat im Jahre
einen ungünstigen Gesundheitsznstand der Wöchnerinnen an der ersten
Klinik dargeboten hat. Nur der Monat December des Jahres 1841
konnte nicht benützt werden, weil mir die Notiz, wie viele Geburten
sich in diesem Monate ereigneten, und wie viele Wöchnerinnen ge-
storben seien, verloren ging. Dieser Monat dürfte aber zu denjenigen
gehören, in welchen viele Wöchnerinnen gestorben sind, weil er sich
zwischen zwei Monaten befindet, in welchen der Gesundheitszustand
der Wöchnerinnen ein schlechter war. November 1841 starben
53 Wöchnerinnen von 235 Wöchnerinnen, also 22,5a °/o* ^m Jänner
1842 starben 64 Wöchnerinnen von 307 Wöchnerinnen, mitbin 20.84 %.
Der Leser sieht, dass die epidemischen Einflüsse so mächtig sind,
dass ihre verderbliche Thätigkeit durch keine Jahreszeit gebändiget
werden kann, sie wüthen in der strengen Kälte des Winters und in
der drückenden Hitze des Sommers mit gleicher Heftigkeit; aber die
epidemischen Einflüsse sind parteiisch, indem sie nicht über alle Ge-
bärhäuser gleichmässig ihre Geissei schwingen, sondern einzelne ver-
schonen, um dafür in anderen um so erbarmungsloser zu wüthen, ja
sie gehen in ihrer Parteilichkeit so weit, dass sie selbst verschiedene
Abtheilungen einer und derselben Anstalt in verschiedenem Grade
mit ihrer nicht ersehnten Thätigkeit heimsuchen.
Es ist Thatsache, dass Gebärhäuser, welche keine Unterrichts-
anstalten sind, oder welche blos dem Unterrichte für Hebammen ge-
widmet sind, mit wenigen Ausnahmen ein günstigeres Verhältnis» im
Vergleiche zu den Büdungsanstaiten für den Geburtshelfer dar-
bieten.
Tabelle 1 zeigt, wie verschieden sich die Mortalitätsverhältnisse
zweier Abtheilungen einer nnd derselben Anstalt verhielten; ein
Gleiches fand in Strassburg auf zwei Abtheilungen ein und derselben
Anstalt statt.
Wir weiden auf diese Umstände später noch ausführlicher zu
sprechen kommen.
Diese Gründe haben mich, wie schon gesagt, in meiner Ueber-
zeugung immer mehr und mehr bestärkt, dass die grosse Sterblichkeit
an der ersten geburtshilflichen Klinik nicht durch epidemische Ein-
flüsse bedingt sei. sondern dass es endemische Schädlichkeiten seien,
d. h. solche Schädlichkeiten, welche ihre Thätigkeit nur innerhalb
104 Semmelweü' Abbandinngen nnd Werk über das Kindbettfieber.
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Die Aetiologie. der Begriff und die Prophylariß des Kindbettfiebers, 105
der Grenzen der ersten Gebärklinik auf eine so entsetzliche Weise
äussern.
Wenn wir aber die bisher giltigen endemischen Ursachen in ihrer
Anwendung auf die Mortalitätsverhältnisse der beiden grossen Wienei -
Gratis-Abtheilungen prüfen, so wird sich Beigen, dass entweder kein
Unterschied in der Grösse der Sterblichkeit hätte sein können, oder
wenn ja ein Unterschied möglich war. hätte eine grössere Sterblich-
keit an der zweiten geburtshilflichen Klinik herrschen müssen, wo
doch in der Wirklichkeit eine geringere Sterblichkeit herrschte.
Wenn die Ueberfüllung die Ursache der Sterblichkeit an der
ersten geburtshilflichen Klinik gewesen wäre, so hätte die Sterblich-
keit an der zweiten geburtshilflichen Klinik noch grösser sein müssen,
weil die zweite geburtshilfliche Klinik mehr überfüllt war als die
erste. Der üble Ruf der ersten geburtshilflichen Klinik hat es ge-
macht, dass sich Alles zur Aufnahme auf die zweite geburtshilfliche
Abtheilung drängte, und dadurch ist es oft geschehen, dass die zweite
geburtshilfliche Abtheilung die Aufnahme, wenn die gesetzliche Zeit
heranrückte, nicht übernehmen konnte, weil sie keine neuangekommenen
Individuen unterzubringen vermochte, oder wenn sie auch die Aufnahme
übernahm, so musste sie selbe nach Verlauf von wenigen Stunden,
vor Ablauf der gesetzlichen Zeit, wieder an die erste geburtshilflich«-
Abtheilung zurückgeben, weil am Gange eine so große Anzahl Indi-
viduen den Zeitpunkt der Uebergabe der Aufnahme von der ersten
geburtshilflichen Klinik an die zweite erwartete, dass nach Verlauf
kurzer Zeit sämmtliche disponible Plätze besetzt waren. Innerhalb
fünf Jahren, weiche ich an der ersten geburtshilflichen Klinik zuge-
bracht habe, ist es aber auch nicht einmal geschehen, daß man ge-
zwungen gewesen wäre, wegen Ueberfüllung die Aufnahme vor der
gesetzlichen an die zweite geburtshilfliche Klinik abzugeben, obwohl
an der ersten geburtshilflichen Klinik wöchentlich einmal durch
48 Stunden die Aufnahme ununterbrochen dauerte; und trotz dieser
Ueberfüllung war die Sterblichkeit der zweiten geburtshilflichen
Klinik auffallend geringer.
Die erste geburtshilfliche Klinik weist zwar alljährlich mehrere
hundert Geburten mehr aus, als die zweite Abtheilung, es war ihr
aber, da sie wöchentlich einen Aufnahmstag mehr hatte, ein grösseres
Locale zugewiesen, als der zweiten geburtshilflichen Klinik. Die
zweite geburtshilfliche Klinik war demnach trotz der geringeren An-
zahl der Geburten im Verhältnisse zu ihrer Fassungsfähigkeit mehr
überfüllt. Beweis dessen: konnte sie öfters die Aufnahme entweder
gar nicht übernehmen, oder musste sie dieselbe vor der Zeit abgeben,
sich an der ersten geburtshilflichen Klinik, wie schon gesagt,
durch fünf Jahre , obwohl wöchentlich einmal durch 48 stunden die
Aufnahme ununterbrochen fortdauerte, nicht ereignete; hätte die. zweite
Abtheilung die nöthigen Localitäten gehabt, um alle, die dort Auf-
nahme suchten, auch aufnehmen zu können, so hätte sie trotz dem,
dass sie um 52 Aufnahmstage jährlich gesetzlich weniger hatte, eine
bei weitem grössere Anzahl Geburten ausgewiesen als die erste ge-
burtshilfliche Abtheilung,
106
Semmelweis' Abhandinngen tmd Werk über das Kindbettfieber.
Klinik für Aerzte.
Tabelle Mr. III.
Klinik für Aerzte.
Jahr,
Monat
1841
Jänner .
Februar
Harz . .
April . .
Mai . . .
Jnni . .
Juli . . .
August .
September
October. .
November
December
1842
Jänner .
Februar
März .
April .
Mai . .
Juni .
Juli. .
August
September
October. .
November
December
1848
Jänner .
Februar
März . .
April . .
Mai . . .
Juni . .
Juli . . .
August .
September
October. .
November
December
a
J3
1
33
SÄ
1844
Jänner . .
Februar .
254
239
277
255
255
200
190
222
213
236
235
fehlt
307
311
264
242
310
273
231
216
223
242
209
239
272
263
266
285
246
196
191
193
221
250
252
236
244
257
37
18
12
4
2
10
16
3
4
26
53
64
38
27
26
10
18
48
55
41
71
48
52
42
33
34
15
8
1
8
5
44
18
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37
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7-53
4.33
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H.00
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3-,
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20.79
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18.38
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15.90
12-40
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4.M
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1.8S
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'•14
8.Q5
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Jahr,
Monat
März . . .
April . . .
Mai ... .
Juni . . .
Juli. . . .
August. .
September
October. .
November
December
1845
Jänner .
Februar
März . .
April . .
Mai . . .
Juni . .
Juli . . .
August .
September
October .
November
December
1846
Jänner .
Februar
März
April
Mai .
Juni
Juli.
August
September
October. .
November
December
1847
Jänner .
Februar
März . .
April . .
Mai . . .
a
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CD
N
276
208
240
224
206
269
245
248
246
256
303
274
292
260
296
280
245
251
237
383
265
267
336
293
311
253
305
266
252
216
271
254
297
298
311
312
305
312
294
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8
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6
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13
11
13
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9
25
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29
28
45
53
48
48
41
27
33
39
39
38
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3.5,
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13.10
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U.«
14-,
10.,,
5.„
3-,
1-2
3«
18-,
12,4
Die Acfiofogie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindliettriebers. 107
Wenn war aber von einem Vergleiche der ersten Abtheilung zur
zweiten in Bezug auf Ueberfiillung gänzlich absehen, und nur die
verschiedenen Grade der Ueberfiillung, wie sie an der ersten Gebär-
klinik vorgekommen sind, je nachdem eine grössere oder geringere An-
zahl von Wöchnerinnen in den verschiedenen Monaten verpflegt wurde,
berücksichtigen, bo zeigt sich, dass der günstigere oder ungünstigere
li<'HnnllitMtszust:iml der Wöchnerinnen nicht von einer grösseren oder
geringeren Ueberfiillung der ersten Abtheilung abhing. Wir wollen
wieder den durch die Tabelle I, repräsentirten Zeitraum benützen,
mit Hinzugabe der ersten fünf ttonate des Jahres 1847, jedoch mit
Ausschluss des Deeembers vom Jahre 1841T weil uns über diesen Monat
die Xotate verloren gingen.
Innerhalb dieser 7b" Monate verhielt sich die Anzahl der Ver-
storbenen zu der der Entbundenen wie Tabelle Nr. III auf Seite 106
zeigt.
Innerhalb dieser 76 Monate war die grosste Anzahl der ver-
pflegten Wöchnerinnen während eines Monates 336, also die grösste
Uebertüllung im Jänner 1846, davon sind gestorben 45, mithin 13.3B'70.
In 13 Monaten innerhalb dieser 76 Monate war die absolute Sterb-
lichkeit bei einer geringeren Anzahl Geburten, also bei einer geringeren
Ueberfültnng ei n-, wie Tabelle IV. zeigt.
Tabelle Sr. 17.
Monat
Jahr
Geburten
T...dte
rerceut
Geburten
waren
weniger
Tudte
mehr
Jänner .
April
Murz. .
Jänner .
Februar .
März . .
Jänner .
April. .
Octohf-r
December
luber
Juli
August .
November
1846
1847
1846
1842
1846
1844
1843
1846
1842
184-i
1841
1843
i84a
1X4-.'
Wenn wir aber die relative Sterblichkeit berücksichtigen, so war
mit Herzuziehung der Tabelle IV die relative Sterblichkeit bei einer
geringeren Anzahl Geburten, also bei einer geringeren Ueberfülluug
innerhalb 24 Monaten grösser, als bei der grössten Anzahl Geburten,
also bei der grössten Ueberfiillung im Monate Jänner 1846, wie die
Tabellen IV und V zeigen.
108 Semmelweis Abhandlungen und Werk über das Kradbettfieber.
Tabelle Hr. 7.
Die gross te UeberfiWlnng war im Jänner 1846 mit 336 Geburten, wovou
45 starben, mitbin 13.J0 %.
Monat
Jahr
Mai . . .
October. .
September.
Fclipi
Jänner . .
October. .
October , .
Jänner , .
September .
August
April . .
1846
1845
1846
1843
1841
1846
1843
1844
1842
1846
1844
Geburten
305
271
263
254
264
250
244
223
216
208
Todte
Percent-
Antheil
Bei um
Geburten
weniger
Wenn wir aber nicht blos die absolute Sterblichkeit, sondern
gleichzeitig die Jahreszeit berücksichtigen, so zeigt sich, dass nnr in
den Monaten März und April bei der grössten Anzahl Wöchnerinnen,
also bei der grössten I'eberfüllung auch die grösste absolute Sterb-
lichkeit sich ereignete, wie Tabelle Nr. VI zeigt:
Tabelle Kr. Tl.
Jänner.
1846 Geburten 336, Todte 45,
Prct.-Antb. 13.1u, Geborten weniger — Todte mehr —
1842
307, „ 64,
n 1»
1843 ..
H8, „ 52,
- n 19|i, „ . 64 „
Februar
n 7
1847 Geburten 312, Todte 6,
Prct.-Antb. l.9i, Geburten weniger — Todte mehr -
1842
311, „ 38,
1846
293, - 53,
■ n 18u., a „ 19
- 47
1845
274, „ 13,
■ 7
1843
888. „ 42,
■ v U5 n 49 „
H 36
1844
-'''■ „ 29,
■ 22
1841 ,
239. .. 18.
v n 7.8|, „ n 73 „
■ 12
Mit! z
1846 Geburten 311, Todte 48, Prct.-Anth. 15«, Geburten weniger— Todte mehr —
April.')
1847 Geburten 312, Todte 57, Prct.-Antb. 18„, Geburten weniger
Todte mehr —
Mai,
1842 Geburten 310, Todte 10, Prct.-Antb.
1846 , 305, „ 41, „ „
1845 , 296. n 13. „ ,
1843 , 294, „ 86 „
1843 246. n 15. w ,
1844 , 240, _ 14, „ „
3».
13..*,
4.ioi
6.i»,
5.11,
Geburten weniger — Todte mehr —
n Ö „ „31
„ 14 „ 3
» 16 „ „ 26
n 64 „ , 5
„ 70 „ „4
') In den übrigen gleichnamigen Monaten war bei einer geringeren Anzahl
Geburten eine geringere absolute Sterblichkeit.
Die Aetiologie, der Begriff nnd die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 109
Juni.
1845 Geburten 280, Todte 20, Prct.-Anth. 7.14, Geburten weniger — Todte mehr —
1846 „ 266, „ 27, „ „ 10.,,, „ „ 14 „ „ 7
Juli.
1846 Geburten 252, Todte 33, Prct.-Anth. 13., 0, Geburten weniger — Todte mehr —
1842 „ 231, „ 48, , , 20.„, „ „ 21 „ „ 15
August.
1844 Geburten 269, Todte 17, Prct.-Anth. 6.<>j, Geburten weniger — Todte mehr —
1842 „ 216, „ 55, „ „ 25.„, „ „ 53 „ „ 38
1846 „ 216, „ 39, „ „ 18^5, „ „ 53 „ , 22
September.
1846 Geburten 271, Todte 39, Prct.-Anth. 14.,e, Geburten weniger — Todte mehr —
1842 „ 223, „ 41, „ „ 18.„, „ „ 48 „ „ 2
October.
1845 Geburten 283, Todte 42, Prct-Anth. 14.S4, Geburten weniger — Todte mehr —
1843 „ 250, „ 44, „ „ 17.a„, „ „ 33 . „ 2
1842 „ 242, „ 71, „ „ 29.„, „ „ 41 „ n 29
November.
1846 Geburten 297, Todte 32, Prct.-Anth. 10.„, Geburten weniger — Todte mehr —
1841 „ 235, „ 53, „ „ 22.,,, „ „ 62 „ „ 21
1842 „ 209, „ 48, „ „ 22.98, , „ 88 n „ 16
December.
1846 Geburten 298, Todte 16, Prct-Anth. 5.S7, Geburten weniger — Todte mehr —
1845 „ 267, „ 28, „ „ 10.4S, „ „ 31 „ „ 12
1844 „ 256, „ 27, „ „ 10.«», „ „ 42 „ „ 11
1842 „ 239, „ 75, „ „ 31.„, „ „ 59 „ „ 59
1843 „ 236, „ 19, „ „ 8.,,, „ „ 62 „ „ 3
Wenn wir aber die relative Sterblichkeit und die Jahreszeit be-
rücksichtigen, so zeigt sich, dass bei der grössten Anzahl Wöchne-
rinnen, d. h. bei der grössten Ueberfüllung, nie gleichzeitig die grösste
relative Sterblichkeit stattfand, wie Tabelle VÜ zeigt:
Tabelle Nr. TU.
Jänner.
1846 Geburten 336, Todte 45, Percent-Antheil 13.J9. Geburten weniger —
1842 307, „ 64, „ „ 20.94, n r 29
1843 „ 272, „ 52, „ „ 19.u, „ „ 64
1841 „ 254, „ 37, „ „ 14.M, „ „ 82
1844 „ 244, „ 37, „ „ 15.,,, „ „ 92
n 1
n 19
„ 38
* 49
„ 55
„ n ™
März.
1846 Geburten 311, Todte 48. Percent-Antheil 15.4J, Geburten weniger —
1844 „ 276, „ 47, „ „ 17.0J, „ „ 35
Feb
mar.
1847 Geburten 312,
Todte
6,
Percent-Antheil l.n.
1842
n
311,
n
38,
n
n 12.J1,
1846
n
293,
n
53,
n
n 18.Q8,
1845
n
274,
n
13,
n
n 5.H,
1843
n
263.
ji
42,
n
» 15.06,
1844
ji
257,
r
29,
r
„ 11...,
1841
n
239.
"
18,
n
» 7-63,
HO Semmel weis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
April.
1847 Geborten 312, Todte 57, Percent-Antheil 18.27, Geburten weniger —
1846 „ 253, „ 48, „ „ 18.97, „ „ 69
Mai.
1842 Geburten 310, Todte 10, Percent-Antheil S.it, Geburten weniger —
1846 „ 305, „ 41, „ „ 13.„, „ „5-
1845 , 296, „ 13, „ „ 4.39, „ „ 14
1847 „ 294, „ 36, „ „ 12.i4, , „ 16
1843 „ 246, „ 15, „ „ 6.10, „ „ 64
1844 „ 240, „ 14, . „ 5.M, „ n 70
Juni.
1845 Geburten 280, Todte 20, Percent-Antheil 7.14, Geburten weniger —
1846 „ 266, „ 27, „ „ 10.I1V, „ „ 14
Juli.
1846 Geburten 252, Todte 33, Percent-Antheil 13., 0, Geburten weniger —
1842 „ 231. „ 48, „ „ 20.„, „ „ 21
August.
1844 Geburten 269, Todte 17, Percent-Antheil 6.„. Geburten weniger —
J846 „ 216, „ 39, „ „ 18^, „ „ 53
1842 „ 216, „ 55, „ „ 25.,,, „ „ 53
Septem per.
1846 Geburten 271, Todte 39, Percent-Antheil 14.,9, Geburten weniger —
1842 „ 223, „ 41, „ „ 18.,8, „ „ 48
October.
1845 Geburten 283, Todte 42, Percent-Antheil 14.94. Geburten weniger —
1846 „ 254, B 38, „ „ U.9>, „ „ 29
1843 „ 250, „ 44, „ „ 17.M, „ „ 33
1842 „ 242, „ 71, „ „ 29.,,, r „ 41
November.
1846 Geburten 297, Todte 32. Percent-Antheil 10.77, Geburten weniger —
1845 266, , 29, _ 10*4, n r 32
1844 ., 245, ^ 27. . 11.«,. .. > 52
1841 . 235. B 53. _ 22,„; _ „ 62
1842 . 209, . 48, „ 22^. . „ 88
December.
1846 Geburten 298. Todte 16. Percent-Antheil 5.,-. Geburten weniger —
1845 267, . 28; „ 10.4S. B „ 31
1844 . 256; . 27, „ _ 10.w, , - 42
1842 , 239, „ 75, „ . 3l.„. „ „ 59
1843 „ 236, . 19. n 8<v , „ 62
Wenn wir aber die einzelnen Monate nach der Anzahl der in
derselben vorkommenden Geburten, d. h. nach den Graden der vor-
handenen Ueberfullung, aneinanderreihen, so zeigt sich bei der all-
mäligen Abnahme der Geburten, d. h. der allmäligen Abnahme der
üebertüllung. keine entsprechende Abnahme in der Sterblichkeit, wie
Tabelle Nr. VIII zeigt:
Die Aetiologie, der Begriff and die Prophylaxis des Kindbettfiebers. Hl
Tabelle Hr. YI1I.
Jänner.
Juli.
1846 Gebart. 336, Todte45,Pct.-Anth. 13.,,
1846 Gebart. 252, Todte 33, Pct.
-Anth. 13.,0
1847 „
311, „ 10, „
n 3.j|
1845
n
245, „ 15, „
„ 6.,,
1842 „
307, „ 64, „
„ 20.84
1842
n
231, „ 48, B
„ 20.,,
1845 ;
303, „ 23, „
n J-l»
1844
n
206, „ 9, „
n 4.»7
1843 „
272, „ 52, „
„ 19-n
1843
n
191, n 1, n
n 0.n
1841 „
254, „ 37, „
„ 14.M
1841
n
190, „ 16, „
r 8.4t
1844 „
244, „ 37, „
Februar.
» 15...
August.
1847 Gebart. 312, Todte 6,Pct-Anth. l.„
1844 Gebart. 269, Todte 17, Pct-Anth. 6.„
1842 ,
311, „ 38, ,
n 12.9l
1845
T)
251, „ 9, „
n 3.8g
1846 „
293, „ 53, „
„ 18-08
1841
n
222, „ 3, „
» 1.«
1845 „
274, „ 13, „
n Ö.„
1842
n
216, „ 55, „
„ 25.4.
1843 „
273, „ 42, „
n 15...
1846
n
216, „ 39, n
n 18^6
1844 „
25?; ; 29, „
n 11«
1843
n
193, „ 3, „
» !•!»
1841 „
239, „ 18, „
März.
« '-»8
September.
1846 Gebart. 31 1 , Todte 48, Pct-Anth. 16.«
1846 Geburt. 271, Todte 39, Pct.-Anth. 14.„
1847 „
305, „ 11, „
n 3.^0
1844
n
245, „ 3, „
» i"
1845 . „
292. , 13, „
n 4.46
1845
n
237, „ 25, „
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1841 ;
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n 4.3S
1842
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223, „ 41, „
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276, „ 47, „
n 17-
1843
n
221, „ 5, „
B 2.J»
1843 „
266, „ 33, „
„ 12.«,
1841
n
213, .„ 4, „
n , 1-87
1842 „
264, „ 27, „
April.
„ 10.«o
October.
1847 Gebart. 31 2, Todte 57, Pct-Anth. 18.„
1845 Geburt. 283, Todte 42, Pct-Anth. 14.84
1843 „
285, „ 34, „
„ 11«
1846
n
554, „ 38, „
„ 14.0
1845 „
260, „ 11, „
n 4.M
1843
n
250, „ 44, „
. 17-
1841 „
255, „ 4, „
n 1-6,
1844
n
248, „ 8, r
» o2"
1846 „
253, „ 48, „
n 18-07
1842
n
242, „ 71, „
n 29.„
1842 „
242,' ; 26| „
n 10-74
1841
n
236, „ 26, „
„ 11-
1844 „
208, „ 36, „
Mai.
n 17-.0
November.
1842 Gebart. 310, Todte 10, Pct.-Aath. 3.,»
1846 Geburt. 297, Todte 32, Pct-Anth. 10„
1846 „
305, „ 41, „
„ 13-44
1845
T)
265, „ 29, „
„ 10^4
1845 „
296, „ 13, „
n 4.,o
1843
n
262, „ 18, „
» ,!•»*
1847 „
294; „ 36, „
, 12.8t
1844
n
246, „ 27,,
n 11-
1841 „
255, „ 2, „
n 0.78
1841
n
235, „ 53, „
» 22.M
1843 „
246, „ 15, „
» 6-io
1842
n
209, „ 48, „
n 22.M
1844 „
240, „ 14, „
Jani.
* 5.M
December.
1845 Geburt. 280, Todte 20, Pct-Anth. 7., 4
1842 „ 273, „ 18, „ „ 6^,
1846 „ 266, „ 27, „ „ 10.18
1844 „ 224, 6, „ „ 2.6,
1841 „ 200, „ 10, B „ 5^o
1843 , 196, „ 8, „ „ 4...
1846 Gebart. 298, Todte 16, Pct-Anth. 5S7
1845 „ 267, „ 28, n „ IO.4,
1844 „ 266, B 27, „ B 10.56
1842 „ 239, „ 75, „ „ 31.,,
1843 „ 236, „ 19, „ , 8.«,
Wenn wir aber die einzelnen Monate nach der absoluten Sterb-
lichkeit aneinanderreihen, so zeigt sich keine dem entsprechende all-
mälige Abnahme der Geburten, also Abnahme der (Jeberfollung, wie
Tabelle Nr. IX zeigt:
112
Semmelweis' Abhandinngen und Werk über das Kindbettfieber.
Tabelle Hr. EL
ja
nner.
J
uli.
1842 Todte64. Pct-Anth. 20.84,
Geburt. 307
1842 Todte 48, Pct.-Anth. 20.„,
Geburt 231
1843 „
52. „
„ 19..«,
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272
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33, „
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„ 252
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„ 13.(9,
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1845
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244
1844
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1845 „
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n '•»»,
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303
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Geburt. 293
1842 Todte 55, Pct-Anth. 25.*,,
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1843 „
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1846 Todte48, Pct-Anth. 15.*,.
Geburt 311
1842 Todte 41, Pct-Anth. 18«.
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1844 „
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1847 Todte57, Pct.-Anth. 18.„,
Geburt. 312
1842 Todte 71. Pct-
lnth.29.„,
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1841 r
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255
Mai.
November.
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Geburt. 305
1841 Todte 53. Pct-Anth. 22*5.
Geburt 235
1847 „
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» 11«,
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1842 „
10. .
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1842 Todte 75. Pct-Anth. 31.,,,
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224
Wenn \\-ir aber die einzelnen Monate nach der relativen Sterb-
lichkeit aneinanderreihen, so zeigt sich der allniäligren Abnahme der
relativen Sterblichkeit keine allmälig entsprechende Abnahme in der
Anzahl der vorgekommenen Geburten, oder keine allmälige Abnahme
der Uebertüllung. wie Tabelle X zeigt:
Die Aetiologie, der Begriff and die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 113
Tabelle Ir. X.
Jänner.
1842 Pct.-Anth. 20.*4, Todte64, Gebart.
1843 „ n 19., „ „ 52. „
1844 „ ,. 15.16, .. 37, .,
1841 ,. „ 14.„, .. 37, „
1846 „ „ 13.,,, „ 45, „
1845 „ ,. 7,Wf „ 23, „
1847 „ „ 3.,,, „ 10, „
Februar.
1846 Pct.-Anth. 18.0„ Todte 53, Gebart.
1843 „
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1841 ,.
1845 .,
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293
263
311
257
239
274
312
März.
1844 Pct.-Anth. 17.03, Todte 47, Geburt. 276
1846
1843
1842
1845
1841
1847
15«, „
12-40. „
io.», „
4«, „
4», „
3«jo, „
April.
48,
33,
27,
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12,
11,
311
266
264
292
277
305
1846 Pct.-Anth. 18.97, Todte 48. Geburt. 253
1847
1844
1843
1842
1845
1841
17.30,
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1«,
57,
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34,
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4,
312
208
285
242
260
255
Mai.
1846 Pct.-Anth. 12.44. Todte 41, Geburt. 305
1847
1843
1844
1845
1842
1841
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246
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296
310
255
Juli.
1842 Pct.-Anth. 20.7„, Todte 48, Geburt. 231
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August.
1842 Pct-Anth.25.4«. Todte 55, Geburt. 216
1846
1844
1845
1843
1841
September.
1843 Pct.-Anth. 18.M,Todte41,Geburt.223
14,30, „ 39,
18.o,.
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, 216
6-3«,
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1.
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5.
4.
3.
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237
221
213
246
October.
1842 Pct.-Anth. 29.j,, Todte 71, Geburt. 242
1843
1846
1845
1841
1844
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14.„4.
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254
283
236
248
November.
1842 Pct.-Anth. 22.9rtl Todte 48, Geburt. 209
1841
1844
1845
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18,
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245
265
297
252
Juni.
1846 Pct.-Anth. 10., „.Todte 27, Geburt. 266
1845 .. .. 7.14. ., 20, ,. 280
1842
1841
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196
224
December.
1842 Pct.-Anth.31.3H, Todte 75, Geburt. 239
1844 ., ,. 10.»». ,. 27, „ 256
1845 .. ., 10.4„ .. 28, ., 267
1843 ,. .. 8.0», ., 19, „ 236
1846 „ ,. 5.S7, „ 16, „ 298
Wenn wir aber alle 76 Monate nach der Anzahl der in derselben
vorgekommenen Geburten, also nach dem Grade der Ueberfüllung
aneinanderreihen, so zeigt sich dem entsprechend keine allmälige Ab-
nahme der Sterblichkeit, wie Tabelle XI zeigt:
Semmelweis' gesammelte Werke. 8
114 Semmelweü' Abhandlungen und Werk Ober das Kindbettfieber.
Tabelle Kr. XI.
Jänner 1846 Gebnrten 336,
April 1847 ., 212,
Februar 1847 ., 312,
März 1846 ., 311,
Jänner 1847 „ 311,
Februar 1842 „ 311,
Mai 1842 „ 310,
Jänner 1842 „ 307,
Mai 1846 „ 306,
März 1847 „ 305,
Jänner 1845 „ 303,
December 1846 „ 298,
November 1846 „ 297,
Mai 1845 „ 296.
Mai 1847 „ 294,
Februar 1846 ,. 293,
März 1845 ., 292,
April 1843 „ 285,
October 1845 „ 283,
Juni 1845 „ 280,
März 1841 „ 277,
März 1844 „ 276,
Februar 1845 „ 274,
Juni 1842 „ 273,
Jänner 1843 „ 272,
September 1846 „ 271,
August 1844 „ 269,
December 1845 „ 267,
März 1843 „ 266,
Juni 1846 „ 266,
November 1845 „ 265,
März 1842 „ 264,
Februar 1843 „ 263,
April 1845 „ 260,
Februar 1844 „ 257,
December 1844 „ 256,
April 1841 „ 255,
Mai 1841 „ 255,
Jänner 1841 r 254,
October 1846 „ 254,
April 1846 „ 253,
November 1843 „ 252,
Juli 1846 „ 252,
August 1845 „ 251,
October 1843 „ 250,
October 1844 „ 248,
Mai 1843 „ 246,
September 1844 , 245,
Juli 1845 . 245,
November 1844 „ 245,
Jänner 1844 » 244,
April 1842 _ 242.
October 1*42 , 242,
Mai 1844 - 240.
Februar 1841 , 239,
December 1842 „ 239.
September 1845 » 237.
October 1841 - 236.
December 1843 „ 236,
November 1841 .. 235.
Juli 1842 r 231,
Juni 1844 - 224,
September 1842 - 223,
August 1841 - 222,
Todte 45, Percent-Antbeil 13.,»
57, „ „ 18 1»
6, „ „ 1.»
48, „ „ 16«
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38, „ „ 12.«
10, „ „ 3.«
64, ., „ 20.84
41, „ ,. 13.44
11, „ „ ».«•
23, „ „ 7..,
16, „ „ 5«
32, „ „ 10„
13, „ „ 4«,
36, ,. „ 12,4
53, „ „ 18*.
13, „ „ 4.«
34, „ „ 11*.
42, „ „ 14..4
20, „ „ 7.14
12, „ „ 4.,,
47, „ „ 17*.
13, „ „ 5.,,
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17, n „ «•«•
28, „ „ lg.«
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37, „ „ 15.,.
26, , „ 10.74
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14, „ n 5...
18, - „ 7.„
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25, „ „ 20.M
26, , „ 11*.
19, - „ 8o.
53. . „ 22.M
48. - „ 20.,,
6. - „ 2^,
41, . „ 18.,.
3. , . 1.,»
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 115
September 1843 Geburten 221, Todte 5, Percent-Antheil 2.„
August 1846 „ 216, „ 39, „ 18^
Angust 1842 „ 216, „ 55, „ 25.«
September 1841 „ 213, „ 4, „ „ l.„,
J*ovember 1842 „ 209, r 48, „ „ 22.M
April 1844 „ 208, „ 36, „ „ 17.I0
■Tuli. 1844 „ 206, „ 9, „ „ 4.„
Jam 1841 „ 200, r 10, „ „ b.»
Jw» 1843 „ 196, „ 8, „ „ 4.w
August 1843 „ 193. „ 3, n „ l.„
Joli 1843 „ 191, „ 1, „ „ 0.ftt
Jnli 1841 „ 190, „ 16, „ „ 8.«
Wenn wir aber die einzelnen Monate nach der absoluten Sterb-
lichkeit aneinanderreihen, so zeigt sich keine verhältnismässige Ab-
nahme in der Anzahl der Geburten, oder mit andern Worten keine
entsprechende Abnahme im Grade der TJeberfüllung, wie Tabelle XII
zeigt :
Tabelle Ir. XII.
December 1842
October 1842
Jänner 1842
.April 1847
.August 1842
.November 1841
JFebruar 1846
Jänner 1843
November 1842
Juli 1842
-April 1846
Märe 1846
März 1844
Jänner 1846
October 1843
Februar 1843
October 1845
September 1842
Mai 1846
August 1846
September 1846
October 1846
Februar 1842
Jänner 1844
Jänner 1841
April 1844
Mai 1847
Jänner 1841
April 1843
Juli 1846
März 1843
November 1846
Februar 1844
November 1845
December 1845
December 1844
November 1844
März 1842
Juni 1846
October 1841
April 1842
September 1845
Jänner 1845
75, Percent-Antheil 31.SÄ,
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10.™,
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» J?
V-50,
Geburten 239
242
307
302
216
235
293
272
209
231
253
311
276
336
250
263
238
223
305
216
271
264
311
244
254
208
294
254
286
252
266
297
257
266
267
266
245
264
266
236
242
337
303
8*
>
116
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
Juni 1845
December 1848
Februar 1841
November 1843
Juni 1842
August 1844
Juli 1841
December 1846
Juli 1845
Mai 1843
Mai 1844
Februar 1845
März 1847
Mai 1845
März 1841
März 1847
Juni 1841
Mai 1842
Jänner 1847
Juli 1844
August 1845
Juni 1843
October 1844
Juni 1844
Februar 1847
September 1843
September 1841
April 1841
August 1843
August 1841
September 1844
September 1841
Juli 1843
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191
Wenn wir die einzelnen Monate nach der relativen Sterblichkeit
aneinanderreihen, so zeigt sich dem entsprechend keine geringere
Anzahl Geburten, oder mit anderen Worten keine geringere Ueber-
füilung, wie Tabelle XIII zeigt:
Tabelle Hr. XIII.
December 1842 Sterblichkeits-Perceut
October 1842
August 1842
November 1842 ,. ,,
November 1841 „ ,,
Jänner 1842 „ „
Juli 1842
Jänner 1843 ., „
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April 1844 „ ,.
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Februar 1843
März 1846
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Jänner 1841
September 1846 „ .,
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191
Man glaubte, dass ein Local, in welchem 80 viele tausend Indi-
viduell schon geboren, das Wochenbett durchgemacht, vom KiixIbHt-
li-lier befallen und gestorben sind, müsse notwendiger Weise schon
so verpestet sein, dass es nicht zu wundern ist, wenn in diesen Loiali-
tfiten das Kindbettlieber überhandnehme. Wenn das der Fall wil >•■ BO
miisste wieder die grössere .Sterblichkeit an der zweiten geburtshilf-
lichen Klinik herrschen, weil in dem Locale der zweiten geburtshilf-
lichen Klinik schon /.uBoer's Zeiten heftige Puerperalheber-Epidemi-n
wütheten; zu einer Zeit, wo das (iebäude der gegenwärtigen ersten
geburtshilflichen Abtheilung nicht einmal noch gebaut war.
118
Semmelweis' Abhandlungen and Werk über das Kindbettfieber
Man glaubte, dass der üble Ruf der Anstalt es mache, dass die
Neuaufgenommenen nur mit Schrecken die Anstalt betreten , weil es
ihnen bekannt sei, welch grosses Contingent an Todten die An
jährlich liefere, und das mache, dass sie erkranken und sterben. Dass
sie sich wirklich vor der ersten Abtheilung fürchteten, davon kennte
man sich leicht überzeugt]]. d;i man manchmal herzzerreissende Seinen
mitansehen musste, wenn Individuen knieend und die Hände ringend
um ihre Wiederenilassung baten, welche auf die zweite Abtheüung
zur Aufnahme gehen wollten, und wegen Unkenntniss des Locals tax
die erste Abtheiluug geriethen, welches ihnen die Anwesenheit vieler
Männer klar machte. Wöchnerinnen mit unzählbaren Pulsschlägen,
meteoristisch aufgetriebenem Bauche, trockener Zunge, d. h. am Puer-
il lieber schwer erkrankte, betheuerten wenige Siunden vor dem
Tode, vollkommen gesund zu sein, um nur nicht ärztlich behandelt
zu werden, weil sie wussten, dass ärztliche Behandlung der Vorläufer
des Todes sei. Trotz dem konnte ich mich nicht überzeugen, dass
die Furcht die Ursache der grösseren Sterblichkeit an der Brsttfl AI-
theilung sei, weil ich als Arzt nicht einsah, wie die Furcht, ein
psychischer Zustand, solch materielle Veränderungen hervorbringen
könne, wie das Kindbettfieber ist. Nebst dem musste ja nothwendiger
Weise eine längere Zeit, eine grossere .Sterblichkeit voraus«,', gangen
sein, bevor es unter Leuten, denen die Gebärhausrapporte nicht zur
Disposition stehen, bekanut wurde, dass an einer Abtheilung mehr
als an der andern sterben. Durch die Furcht wird der Beginn der
Sterblichkeit nicht erklärt.
Selbst die religiösen Gebräuche sind einer Beschuldigung nicht
entgangen. Die Capelle des Kraukenhauses hatte eine derartige Lage,
dass der von dort kommende, die Sterbesacramente spendende Priester
in das Krankenzimmer der zweiten geburtshilflichen Klinik gelangen
konnte, ohne die übrigen Wöchneiinnenzimmer zu berühren, während
er an der ersten geburtshilflichen Klinik fünf Zimmer passiren mnssie.
weil das Krankenzimmer der ersten Abtheilung in der Richtung zur
Capelle das sechste war. Die Priester pflegten im Ornate unter
Glockengeläute eines vorausgehenden Kirchendieners wie der katho-
lische Ritus es mit sich bringt, sich zu den Kranken zu begeben, um
sie mit den heiligen Sterbesacrameuten zu versehen. Man trachtete
zwar, dass diess durch 24 Stunden nur einmal geschehe, aber 24
Stunden sind für das Kindbettfieber eine sehr lange Zeit, und manche,
die während der Anwesenheit des Priesters noch ziemlich wohl war,
und deshalb mit den heiligen Sterbesacrainenten nicht versehen wurde,
war nach Verlauf von einigen Stunden schon so übel, dass der Priester
neuerdings geholt werden musste. Man kann sich denken, welchen
Eindruck das öfters im Tage hörbare verhängnissvolle Glöckchen des
Priesters auf die anwesenden Wöchnerinnen hervorbrachte. Mir selbst
war es unheimlich zu Muthe. wenn ich das Glöckchen an meiner Thüre
vorübereilen hörte; ein Seufzer entwand sich meiner Brust für das
Opfer, welches schon wieder einer unbekannten Ursache fallt Dieses
Glöckchen war eine peinliche Mahnung, dieser unbekannten Ursache
nach allen Kräften nachzuspüren. Auch in diesem Unterschiede der
Verhältnisse der beiden Abteilungen fand man die Erklärung der
Mortalitätsverschiedenlieit.
Ich appellirte während meiner ersten Dienstzeit an das Humani-
tätsgefühl der Diener Oottea und erreichte es ohne Anstand, dass die
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Küidbettfiebers. 119
Priester künftighin auf einem Umwege, ohne Glockengeläute. ohne
ein anderes Zimmer zu berühren, sich unmittelbar in das Kranken-
zimmer begaben, so dass ausser den Anwesenden des Krankenzimmers
Niemand die Gegenwart des Priesters inne wurde. Die Verhältnisse
der beiden Abteilungen waren dadurch in diesem Punkte zwar gleich
gemacht, aber die Mortalitätsdifferenz blieb.
Man glaubte den Grund der grossen Sterblichkeit darin zu finden,
dass es lauter ledige, der trostlosesten Bevölkerung entnommene
Mädchen seien, welche wahrem! ihrer Schwangerschaft durch schwere
Arbeit ihr Brot verdienen, dem Elende und Noth preisgegeben und
unter dem Einflüsse deprimirender Gemüthsatfecte leben, vielleicht
Abortivmittel gebraucht haben, etc. etc. Wenn das die Ursache wäre,
N müsste die Sterblichkeit an der zweiten Allteilung eben so gross
sein, indem dort gleichartige Individuen aufgenommen werden.
Man hat den Unterschied der grösseren Sterblichkeit an der
ersten geburtshilflichen Klinik darin gefunden, dass die Geburtshelfer
roher untersuchen, als die Hebammenschülerinnen.
Gesetzt, es wäre dem wirklich sot wenn die Einführung, und zwar
die noch so rohe Einführung des Zeigefingers in die durch die Schwanger-
r erweiterte und verlängerte Scheide, wenn die noch so rohe Be-
rührung des durch die Scheide zugängigen Uterus-Abschnittes schon eine
solche Schädlichkeit wäre, dass sie einen so furchtbaren Process als der
Puerperalprocess ist, hervorzurufen im Stande wäre, da müsste ja der
Durchtritt des Kindeskörpers durch die Genitalien eine solche Schäd-
lichkeit sein, dass es nicht zu begreifen wäre, warum nicht jede Geburt
tödtlicb ende.
Man hat in dem verletzten Schamgefühle der Individuen, welche
auf der ersten geburtshilflichen Klinik in Gegenwart der Männer ent-
binden, die Ursache der grosseren Sterblichkeit gefunden. Derjenige,
welcher mit den Verhältnissen des Wiener Gebärhauses vertraut ist,
wird nicht zweifeln, dass die Individuen auf der ersten geburtshilf-
lichen Abtheilung zwar von Furcht, aber nicht vom verletzten Scham-
gefühle geplagt sind; übrigens ist nicht einzusehen, wie das verletzte
Schamgefühl Exsudationsprocesse hervorzubringen im Stande ist.
Dass die medicinische Behandlung nicht Schuld daran wart d:i--
an der ersten geburtshilflichen Klinik mehr Individuen starben, geht
daraus hervor, dass die medicinische Behandlung an beiden Abtheilungen
gleich war, und man hat versuchsweise von Zeit zu Zeit sämmtliche
kranke Wöchnerinnen ins allgemeine Krankenhaus transferirt, wo sie
aber dennoch den verschiedensten Behandlungen erlagen. Es war
auch das Yerhältniss auf den beiden Abtheilungen nicht derart, dass
m£ beiden Abtheilungen gleich viele erkrankten, und dann auf der
ersten wenig genasen und viele starben, an der zweiten aber viele
genasen und wenig starben: sondern es erkrankten auf der ersten
Abtheilung mehr Wöchnerinnen und auf der zweiten weniger Wöchne-
rinnen. Die Genesungsialle unter den wirklich erkrankten Wöchne-
rinnen waren auf beiden Abtheilungen nicht verschieden.
Dass aber die geburtshilfliche Behandlung, vieles und rohes Ope-
liren etc., nicht die Ursache der zahlreichen Erkrankungen an der ersten
Abtheilung waren, ging daraus hervor, dass bei der überwiegend giv
Anzahl der Erkrankten gar keine geburtshilflicheOperation vorgenommen
wurde, an beiden Abtheilungen wird nach B o e r " s Grundsätzen behandelt.
120
Semmeiweis" Abhandinngen und Wprk über das Kindl-ettfieber.
Es herrschte an der ersten geburtshilflichen Klinik die Sitte,
dass die Neuentbundenen drei Stunden nach überstandener Geburt
vniii Gebnrtsbette aufstehen, und sich zu Fuss über einen zwar mit
Glas geschlossenen, im Winter geheizten Gang auf das ihnen bestimmte
Wochenbett begeben mussten, welches eine ziemliche Strecke betrug,
wenn .sie sich gerade in die vom Kreissezimmer entfernteren Wochen-
zimnier zu begeben hatten ; nur schwächliche oder kranke oder solche,
bei welchen eine Operation gemacht wurde, wurden getragen.
Dass aber dieser Uebelstand nicht die grössere Sterblichkeit her-
vorgebracht, geht daraus hervor, dass dieser Uebelstand auch an der
zweiten geburtshilflichen Klinik geübt wurde, und zwar auf eine QOCh
narhtheiligere Weise, weil die zweite geburtshilfliche Abtheilung durch
dm gemeinschaftliche Vorzimmer, welches nie geheizt wurde, in zwei
Theile getheüt wird, und daher alle Wöchnerinnen, welche j« n
des Vorzimmers ihr Wochenbett angewiesen erhielten, dasselbe passiren
mussten,
Ali der ersten geburtshilflichen Kliuik befand sich ein grosses
Wochenziminer im zweiten Stockwerke des Gebäudes; da man aber
den Neuentbundenen nicht, zumuthen konnte, auch dorthin zu Fuss zu
gehen, so mussten die sieben- und achttägigen gesunden Wöchnerinnen,
welcher übrigens ohnedies der Tag des Verlassens des Bettes war,
über eine mit einer Glaswand geschützte Treppe sich dorthin begeben.
Dass dieses zweite Umlegen die grosse Sterblichkeit an der ersten
geburtshilflichen Klinik nicht hervorgebracht hat. geht daraus hervort
dass überhaupt die Wöchnerinnen nach sieben und acht Tagen sehr
selten erkrankten, wie auch daraus, dass sich die Sache auf der zweiten
Abtheilung eben so verhielt.
Die schlechte Ventilation an der ersten geburtshilflichen Klinik,
welche grösstentheils auch im Winter durch das Oetfnen der Fei u
bewerkstelligt wurde, wurde auch zur Erklärung der grossen Sterb-
lichkeit an der ersten geburtshilflichen Klinik zu Hilfe genommen,
ohne zu bedenken, dasfl an der zweiten geburtshilflichen Klinik gerade
so gelüftet wird.
Man beschuldigte die Wäsche deshalb, weil sie in der Wasch-
anstalt des Pächters mit der Wäsche des Krankenhauses vermengt
wurde, und übersah dabei, dass die zweite Klinik ebenfalls vermengte
Wäsche benutzte.
Die unvort heilhafte Lage, nämlich die Verbindung mit einem so
grossen Ki ankenhause. wie das Wiener k. k. allgemeine Krankenhaus
es ist, hatten ebenfalls beide Abtheilungen gemeinschaftlich, sie He
ja so nahe an einander, dass sie ein gemeinschaftliches Vorzimmer
haben, die Bauart ist ebenfalls auf beiden Abtheilungen gleich.
Die Xachtheile des ununterbrochenen Unterrichtes, des Communi-
cirens des Krankenzimmers mit den Zimmern der Wöchnerinnen, der
freie Verkehr der Wärterinnen der Kranken mit denen der Gesunden
hatten beide Abtheilungen gemeinschaftlich.
Weder die Verkühlung noch Diätfehler konnten zur Erklärung
des Unterschiedes der Sterblichkeit an beiden Abtheilungen benutzt
ien, weil die Möglichkeit oder Unmöglichkeit sich zu verkühlen
an beiden Abtheilungen gleich war. Die Speisen wurden für beide
Abtheilungen von einem und demselben Traiteur geliefert, die Diät-
norm war an beiden Abtheilungen gleich.
Die Aetiologie, der li« v-riff und die Prophylaxis des Kindbetttieber,^. 121
Das sind die endemischen Ursachen, denen man die grössere
Sterblichkeit unter den Wiiehnerinnen im Gebärhause im Vergleich
zu den Wöchnerinnen ausserhalb des C4ebärhauses ZUBOhreibl , und
damit bin ich. die nöthigen Ausnahmen, von welchen wir später
sprechen werden, abgerechnet, einverstanden: sie sind aber nicht ge-
ilet, die grössere Sterblichkeit an der ersten treburtshilf liehen
Klinik im Vergleich zur zweiten zu erklären. Wir haben jn gezeigt,
■udemisdien Schädlichkeiten auf beiden Abtheilumr- n ent-
weder in gleichem Masse vorhanden waren, folglich hatte an beiden
Abheilungen eine gleiche Sterblichkeit statthaben müssen, oder wenn
iemischen Schädlichkeiten ungleich waren, n waren sie in
höheren] Masse an der zweiten Abtheilung vorhanden, and in ge*
ringerem Masse auf der ersten Abtheilung. Es hafte daher in Folge
dieser Schädlichkeiten die grössere Sterblichkeit an der zweiten ge-
Irartahilflichen Klinik und die geringere an der ersten geburtshilf-
lichen Klinik herrschen müssen; in der Wirklichkeit ereignete sich
aber gerade das Entgegengesetzte, indem, wie Tabelle I. annähe-
rungsweise zeigt, die Sterblichkeit an der ersten geburtshilflichen
Klinik, seit selbe ausschliesslich dem Unterrichte für Geburtshelfer
gewidmet ist, constant bedeutend grösser war, als an der zweiten.
Nachdem weder die epidemischen noch die bisher giltigen ende-
mischen Einflüsse das Plus der Sterblichkeit au der ersten geburts-
hilflichen Klinik erklären, wollen wir versuchen, die übrigen 1
wie sie als Kindbettfieber erzeugend angeführt werden, einer Prüfung
m unterziehen.
Neuere Forscher haben als die entfernteste Veranlassung zu den
Puerperal-Processen schon die f'oncejiiioii beschuldigt, indem die Ein-
wirkung des Sperma viräe eine Reihe von Metamorphosen bedii
und vielfache, noch zum Theile unbekannte Veränderungen des Blutes
hervorrufe. Ich glaube in keiner Täuschung befangen zu sein, wenn ich
die Behauptung aufstelle, dass bei denjenigen, welche auf der zweiten
geonrtshiulichen Klinik geboren haben, auch eine f'oneeption vorausging.
Weher also die Differenz der Sterblichkeit an beiden Abtheilungen?
Die Hyperinose, die Hydrämie, die Plethora, die durch den
BClbwangeren Uterus veranlassten Störungen, Stauungen und Stockungen
der rimtlation, die lnopexie, der Geburtsact selbst, der durch die
Entleerung des Uterus aufgehobene Druck, die lange Dauer der Ge-
burt, die Verwundung der inneren Fläche des Uterus durch den Ge-
burtsact, die mangelhaften Contractionen und die fehlerhafte Involution
des Uterus im Wochenbette, die mangelhafte und aufgehobene Se-
iind Excretion der Lochien, die Unterdrückung der Sulchsecretion,
todte Früchte, die Individualität der Wöchnerinnen sind Ursachen, so
viel oder so wenig Kinfluss man ihnen auch auf die Hervorbringung
des Kindbettfiebers zuschreiben mag, müssen auf beiden Abtheilungen
• nt weder gleich schädlich oder unschädlich sein, und können nicht
zur Erklärung einer so auffallenden Differenz in den Mortalität sv< 1-
haltnissen zweier Abtheilungen benutzt werden.
Nebst dem, dass ich für das Plus der Sterblichkeit an der eisten
geburtshilflichen Klinik keine Erklärung finden konnte, trugen sich
an der ersten geburtshilflichen Klinik noch andere Dinge zu, für
welche die Erklärung fehlte.
Alle Kreissenden, bei welchen die Eiidtuungsperiode so zögernd
verlief, dass sie 24. 48 Stunden und darüber dauerte, erkrankten bei-
122
Semmelweis' AbhandlungeD nnd Wi-rk über «las Kin-Iln mieli.r.
nahe ohne Ausnahme sämmtlich entweder schon während der Dauer
der Geburt, oder in den ersten 24 und 36 Stunden nach der Geburt
und starben am rasch verlaufenden Kindbettfieber. Kin eben so
zögernder Verlauf der Erßnimngaperiode an der zweiten Klinik war
ungetahrlirli.
Da ein so zögernder Verlauf der Erönnungsperiodi» in der Regel
nur bei Erstgebärenden vorkommt, so waren es in der Kegel Erst-
gebärende, welche auf diese Weise zu Grunde gingen. Ich habe
meine Schüler oft und oft aufmerksam gemacht, dass dieses blühende,
junge, vor i Gesundheit strotzende Mädchen, weil die Ertffihungsperiode
bei ihr zögere, werde entweder schon während der Geburt, oder kurz
nach der Geburt erkranken und am rasch verlaufenden Puerperal-
fieber sterben. Meine Prognose ging in Erfüllung; ich wusste zwar
nicht, warum das geschieht, aber ich sah es oft geschehen; die Sache
\\:u inii su unerklärlicher, weil sie stell, wie schon gesagt, unter ähn-
lichen Verhältnissen auf der zweiten Abtheilung nicht wiederholte.
Wir sprechen hier, nochmals sei es gesagt, von der Erüffnui!_:>-
periode und nicht von der zögernd verlaufenden Austreibungsperiode,
es kann daher das (iranmatiscne Moment nicht in Betraeht kommen.
Aber nicht allein diese Mütter, sondern auch deren Neugeborne sind
s:'immrli< h am Puerperalfieber, und zwar ohne Unterschied ob Knabe
oder Mädchen, gestorben. Cch bin oichl der Einzig^ welcher roni
Puerperalfieber bei Neugeborenen spricht. Der anatomische Befund
in den Leichen solcher Neugebomen war mit Ausschluss der Genital-
Bphäre identisch mit dem Befunde in den Leichen von an Puerperal-
fieber verstorbenen Wöchnerinnen. Die Producte in den Leichen der
Wöchnerinnen als Producte des Puerperalfiebers anzuerkennen, und
die identischen Producte in den Leicheu der Neugebornen nicht für
das Product derselben Krankheit gelten zu lasseu, hiesse die patho-
logische Anatomie umstossen.
Wenn es eine und dieselbe Krankheit ist, an welcher die Wöch-
nerinnen und deren Neugeborene starben, so muss für die Neuge-
bornen dieselbe Aetiologie gelten, welche man für deren Mütter als
giltig anerkennt. Da nun dieselbe Mortalitätsverschiedenheit, welche
wir unter den Wöchnerinnen der beiden Kliniken beobachteten, bei
den Neugebornen sich wiederholte, nämlich es starben an der eisten
geburtshilflichen Abtheilung auch die Neugebornen in viel grösserer
Anzahl als au der zweiten Abtheilung: so zeigt sich die bisher gütige
A.Tiologie des Kindbetthebers in der Erklärung der Mortalir
differeuz der Neugebornen am Kindbettfieber eben so mangelhaft, als
ich zur Erklärung der M i ttlitätsdirterenz bei den Wöchnerinnen
mflngpJhfl.fi geseigt hat Die beifolgende Tabelle zeigt die Diflft i
der Sterblichkeit unter den Neugebornen der beiden Abtheilungen.
Tabelle Fr XIV.
J.ihr
I. Gebärkliuik.
II. Geblrltlimk.
1841 Kind w 2815, enterben 177. Peroeut •". . Kindei '< u 91, Pensen! 4 .„,
1842 ,. 30 f», - . 2414 U ■•:. .. 4^
184S „ .. »TO, .. 130, 5^,
1*11 . 8911 >, ,. l'Ki „ 3.rilI
1845 .. 3201. .. ■:■■ < s ,,IT. 97,
1^»' .. 235. 2^,
<Ier Begriff und die Prophylaxis de» Kiudbetttiebers. 123
Von den Neugebornen wurde i in. grosse Anzahl wegen Torf oder
st illungsun vermögen der Mutter ins Findelhans gesendet, Fem Schick-
sale derselben werden wir später sprechen.
Das Erkranken der Xeugebornen am Kindbettfieber kann man
sich auf zweierlei Weise denken: entweder das Kindbetttieber er-
•nde Moment wirkt während des intra-uterinen Lebens der Frucht
auf die Mutter, und durch die Mutter wird das Kindbettlieber dem
Kinde mitget heilt; oder das Kindbetttieber erzeugende Moment wirkt
auf das Kind selbst nach der Geburt, und dabei kann die Mutter
mitgetroffen oder verschont werden. Das Kind stirbt daher nicht an
ii mitgetheilteti Kindbettfieber, wie im ersten Falle, BOndern ;in
einem in ihm selbst entstandenen Kindbetttieber. Wird dem Kinde
das Kindbettfieber von der Mutter während des intrauterinen Lebens
mitget heilt, so ist die Mortalitätsdifferenz unter den Xeugebornen der
beiden Abtheilnngen durch die bisher giltige Aetiologie des Kind-
betttiebers nicht erklärt, weil sie zur Erklärung der Erkrankung der
Mütter ungenügend ist. Wirkt aber das Kindbetttieber erzeugende
Moment unabhängig von der Mutter nach der Geburt unmittelbar
auf das Kind, so bleibt die Unmöglichkeit der Erklärung der Mortali-
tätsdifferenz unter den Nengebornen der beiden Abtheilungen aus
bisher giltigen Aetiologie des Kindbettfiebers dieselbe; weil die
Schädlichkeiten an beiden Abtheilnngen entweder gleich sind, folglich
eine gleiche Sterblichkeit unter den Nengebornen der beiden Ab-
teilungen hätte herrschen müssen, oder wenn die Schädlichkeiten
ungleich sind, so sind selbe in grösserem Masse an der zweiten ge-
burtshilflichen Klinik vorham innsste daher die grössere Sterb-
lichkeit an der zweiten geburtshilflichen Klinik herrschen, in der
Wirklichkeit herrschte aber auch unter den Neugebomen die grössere
Sterblichkeit an der ersten Gebärklinik.
Abgesehen davon, dass viele aetiologische Momente, welche bei
der Mutter als Kiudbettfieber erzeugend angeführt werden, bei den
Nengebornen unmöglich Geltung haben können. Die Xeugebornen
haben sich wahrscheinlich vor der ersten geburtshilflichen Klinik
nicht gefürchtet, weil ihnen der üble Ruf derselben unbekannt war,
muh das verletzte Schamgefühl, dass sie in Gegenwart der Männer
geboren wurden, dürfte bei den Neugebornen weniger geschadet,
haben etc. etc.
Man definirte das Kindbett lieber als eine den Wöchnerinnen
eigentümlich und ausschliesslich zukommende Krankheit, zu deren
Entstehung zwei Dinge erfordert werden, nämlich das Puerperium
und ein Kindbettfieber erzeugendes Moment BD zwar dass dieselbe
Ursache auf im Wochenbette befindliche Individuen einwirkend, das
Kiudbettfieber hervorrufe, dieselbe Ursache aber andere, nicht im
Puerperalzustande befindliche Individuen treffend, kein Puerperal-
fieber, sondern eine andere Krankheit erzeuge. Wir wollen durch
Beispiele die Sache klarer machen. Man glaubte, dass die Wöch-
nerinnen an der ersten geburtshilflichen Klinik, weil sie wussten,
welch zahlreiches Contingeni an Todten die Anstalt alljährlich liefere,
aus Todesfurcht das Kiudbettfieber bekommen, das disponirende Mo-
ment bei ihnen war das Wochenbett, und das Kindbetttieber er-
zeugende Moment war die Todesfurcht. Es ist anzunehmen, dass
schon mancher Soldat in einer mörderischen Schlacht von Todesfurcht
gequält würde, allein Soldaten bekommen aus Todesfurcht kein Kind-
121
Semmel weis' Allhandlungen und Werk ulier das Kindbettfieber.
bettfleber, sondern andere Zustande, weil bei ihnen das disponirende
Moment, das Wochenbett, fehlt.
l>as weibliche Schamgefühl wird nicht nur dadurch verletzt, dass
sich die Individuen dem "tfentlichen Unterrichte für Bliomer preis-
•jriirii müssen, wodurch selbe, weil sie durch las Puerperium dazu
dianonirt sind, das Kindbettheber bekommen. Das -weibliche Seham-
geftthl wird noch auf andere vielfältige Weise verletzt, wenn aber
die bo verletzten Jungfrauen überhaupt nicht im Puerperio betindliehe
Individuen sind, so bekommen selbe nicht das Kindbettfieber, weil
das disponirende Moment fehlt, sondern mannigfaltige andere Zu-
stande, /. B Ohnmächten etc. etc. Verkühlung bringt bei einer Wöch-
nerin das Kindbettfieber hervor, bei einer Nichtwöchnerin ein rhen-
matisches Fieber, Diatfehler bringen bei einer Wöchnerin das Kind-
hett Heber hervor, bei einer Nicht wüehnerin aber ein gastri06fa.es
Fieber,
I>a man sieh aber überzeugte, dass das Kindbettfieber nicüt blos
im Puerperio. sondern schon wahrend der Geburt, ja sogar wahrend
der Schwangerschaft beginne, so Hess man das Puerperium fallen, und
begnügte sich mit der eigenthümlichen ßlutmisehmu? der Schwangeren;
wann wir alier diese Definition auf das Kindbettfieber der Nouge-
Dornen anwenden, wo finden wir das disponirende Moment zu den
l'u« i ]». ■] al prozessen bei den Xeugebomen? In dem Puerperalzustande
ihrer Genitalien? Oder haben sie eine den Schwängern eigenthüin-
Bchfl Blutmischnng? und zwar ohne Unterschied ob es Mädchen oder
Knaben sind Selbst der Begrift" des Puerperalfiebers zeigte sich
durch das Factum, dass das Kindbettfieber auch bei Neugebomen
vorkomme, als ein Irriger.
Bei der i Ausbreitung der Stadt Wien ereign sich
sehr oft, dass Kreissende auf dem Wege ins in.-biirhaus, bevor sie
< li,:irliaus erreichten, auf der Gasse, auf dem Glada, unter den
Thoren der Hanser, wo sie der Zufall eben hinbrachte, entbanden,
und dann nach der Geburt mit dem Säugling in der Schürze oft bei
der nnguustitrsten Witterung ins Gebärliaus gehen mussten. 1»
Gebttrten werden Gassengeburten genannt. Die Aufnahme in das
Gebärliaus und die Uebernahnie des Nengebornen im Fiudelhause ge-
ht gratis nuter der Bedingnag, dass sich die Kreissenden dem
öffentlichen Unterrichte preisgeben, und die welche tauglich sind,
li im Findelhause Ammendienst thun. Nicht im Gebärhause ge-
borene Kinder werden im Findelhause gratis nicht autgenommen, v
deren Mütter dem Unterrichte nicht gedient haben. Damit aber die-
lt, welche in der Absicht im Uebarhause zu entbinden, sieh
dorthin begeben, und auf dem Wege dahin dasselbe vor der Geburt
nicht mehr erreichen können, nicht uns. -Imldiger Weise dieser Vor-
i heile verlustig werden, so lässt man die Gassengeburten als solche
:. welche im Gebftrhanse vi>r>irhirehen. Das hat aber zu dem
Ifissbranche <retührt. das? die etwas wohlhabenderen Madehen, um
der Unannehmlichkeit des öffentlichen Unterrichtes zu entgehen, und
um dennoch der Wohlthal der unentgeltlichen Uebergabe des Kindes
in das Findelhaus theilhafiig /u werden, in der Stadt bei den Heb-
ammen entbinden, und sich dann mittelst Kutschen in das Gebärhaus
.1. mit der Angahe. sie seien auf dem Wege von der
Gebart sherraschl worden. Wenn das Kind nicht getauft, und der
Nabelschnunvst «ranz frisch Ist, so wird ein^ solche Geburt als Gassen-
Die taliotogta, 'ler Begriff aad die Prophylaxis den Eil re, 125
gebuit betrachtet und die Kutter wird aller Wohltlmten theilhaftig,
deren sich alle diejenigen erfreuen, welche im Gebärhause gebt-
hie Zahl der letzteren ist die höhere, und übersteigt monatlieh an
beiden Kliniken nicht selten die Zahl von 100.
Ich habe bemerkt, dass nun gerade die Wöchnerinnen, welche
eine Gassengeburi überstanden hatten, auffallend seltener erkrankten
als diejenigen, welche im Öebärhause geboren hatten, obwohl bei den
jengeburten die Geburt offenbar unter ungunstigeren Verhältnissen
poraieh-ging, als bei denjenigen, welche bei ans auf dem Kreissebette
geboren. Man wende nicht ein, dass ja die meisten unter Beistund
einer Hebamme ebenfalls im Bette geboren haben, und tiass nnsere
Wöchnerinnen drei Stunden nach dir Geburt so Fuss ihr Wochen-
bett aufsuchen mussten, denn das Zufussgehen über einen mit Glas
geschützten, im Winter geheizten Gang ist gewiss weniger Bch&dlich,
als bei einer Hebamme entbinden, dort ebenfalls bald nach der
Geburt aufstehen zu müssen. (Jofcl weiss rem wie weiten Btockwerke
sich zu Wagen begeben, unter allen "Witterung« Verhältnissen, über
zum Theile schlechtes Pflaster ins Gebärhaus zu fuhren, um dort
wieder den ersten Stock zu ersteigen. Von denjenigen, die wirklich
auf der Gasse geboren, gilt diess noch in einem höheren «Trade.
schien mir logisch, dass die Wöchnerinnen, die eine sogenannte
Gassengeburt überstanden hatten, wenn nicht häutiger, doch wenigstens
BS häufig hätten erkranken müssen, als diejenigen, weiche bei uns
geboren. Wir haben früher unsere unerschütterliche Ueberzeugun.u-
dabin ausgesprochen, dass die Sterblichkeit an der ersten geburts-
hilflichen Klinik nicht durch epidemische Einflüsse bedingt sei, sondern
dass es endemische, jedoch noch unbekannte Schädlichkeiten seien,
d. h. solche Schädlichkeiten, welche nur innerhalb der Grenzen der
ersten Klinik ihre verderblichen Wirkungen äussern. Was hat nun
die ausserhalb des Gebärhauses Entbundenen vor den verderblichen
Wirkungen der an der ersten Klinik i hängen unbekannten endemischen
Einflüsse geschützt?
Auf der zweiten geburtshilflichen Abtheilung war der Gesund-
szustand der Wöchnerinnen, welche eine Gassengeburt überstanden
hatten, eben so gunstig wie auf der ersten Abtheilnng. dort war es
jedoch nicht auffallend, weil dort der Gesundheitszustand der Wöch-
nerinnen im Allgemeinen ein viel günstigerer war.
Hier wäre der Ort. durch eine Tabelle die geringeren Sterblich*
keitepercente unter den Gnssengeburten im Vergleiche zu den 8e-
burten, welche auf der ersten Gebärklinik vursichgingen. zu zeigen.
So lange mir die Protokolle der ersten Gebärklinik zu Gebote
standen, fühlte ich das Bedürfniss einer solchen Tabelle nicht, weil
dieses Factum von Niemanden geläugnet wurde, ich vers;imnte es,
eine solche Tabelle anzufertigen. Setter, als ich nicht mehr Assistent
war. läugnete man dieses Factum, wie mau anoh einen bedeutenden
[ nterschied in der Sterblichkeit an der ersten und zweiten Gebär-
klinik läugnete, welcher Unterschied aber durch die Tabelle Nr. 1.
• in Dnlaugbares Factum wird. Professor Skoda stellte im Jahn
1848 im Professorencollegium der Wiener medicinisehen Facultiit den
Antrag, das Professorencollegium möge eine <uimnis.-ion ernennen,
welche unter andern Aufgaben auch die hätte, eine solche Tabelle
anzufertigen.
Der Antrag wurde mit grosser Majorität angenommen, die Com-
126
Semmel weis' Abhandlungen nn<l Werk über das Kindbettfie
mission sogleich ernannt, allein in ['ulu'e eines Protestes des Pro-
fessors der Geburtshilfe durfte auf höheren Befehl die Commission
ihre Thätigkeit nicht beginnen-
Nebst den Wöchnerinnen, welche eine Gassengeburt überstanden,
erkrankten auch die Wöchnerinnen, welche eine, vorzeitige Geburt
durchgemacht) auffallend seltener als diejenigen, welche rechtzeitig
geboren. Die Wöchnerinnen, welche vorzeitig geboren, waren nicht
nur denselben endemischen Schädlichkeiten der ersten Gebärklinik aus-
gesetzt, wie die Wöchnerinnen, welche rechtzeitig geboren, sondern
einer Schädlichkeit mehr, nämlich derjenigen, welche die Geburt vor-
zeitig eingeleitet. Wie ist trotz dem ihr besserer Gesundheitszustand
zu erklären? Die Erklärung, dass. je vorzeitiger die Geburt ein-
trete, desto unentwickelter der Puerperalzustand sei. in Folge dessen
die Disposition zu einer Puerperalerkrankung geringer, ist durch die
Beobachtung widerlegt, dass der Puerperalzustand zur Entstehung
des Puerperalfiebers gar nicht nöthig ist, da ja das Puerperalfieber
schon während der Geburt, ja sogar während der Schwangerschaft
beginnen, ja sogar tüdten kann.
Der bessere Gesundheitszustand der Wöchnerinnen nach vor-
zeitigen Geburten an der zweiten Gebärklinik war im Einklänge mit
dem besseren Gesundheitszustände der Wöchnerinnen nach recht-
zeitigen Geburten an dieser Klinik.
m erkrankten zwar die Wöchnerinnen auch zerstreut, d. h. eine
Wöchnerin erkrankte, und mehrere ihrer Nachbarinnen nach links
und rechts blieben gesund, aber es ereignete sich sehr oft, dass ganze
Reihen wie sie eben nebeneinander im Wochenbett lagen, erkrankten,
ohne dass auch nur eine zwischen ihnen gesund geblieben wäre. Die
Betten sind in den Wochenzimmern an der Längenwand mit den ent-
sprechenden Zwischenräumen an einandergereiht. Die Zimmer haben
je nach ihrer Lage eine nördliche und südliche oder östliche und
westliche Längenwand. Wenn die Wöchnerinnen, welche sich in den
Betten an der nördlichen Längenwand des Zimmers befanden, er-
krankten, waren wir schon geneigt, der Verkühlung eine grosse Rolle
bei Erkrankung dieser Wöchnerinnen zuzuschreiben, aber siehe da,
beim nächsten Belegtwerden des Zimmers mit Wöchnerinnen erkrankte
die nach Süden gelegene Hälfte der Wöchnerinnen, eben so erkrankten
manchmal die, welche an der östlichen, und manchmal die. welche an
der westlichen Längen wand lagen, oft breiteten sich die Erkrankungen
von einer Seite auf die andere aus, so dass keine Himmelsgegend ein
besonderes Lob oder einen besonderen Tadel verdiente.
Wie war diese Erscheinung zu erklären, nachdem sie sich auf
der zweiten geburtshilflichen Klinik nicht wiederholte, indem sie dort
nur zerstreut erkrankten?
I )ass das Kindbettlieber keine contagiöse Krankheit sei, und dass
die Erkrankung nicht durch Contagium von Bett v.u Bett fortgepflanzt
wurde, wollen wir hier als unsere Ueberzeugung aussprechen, die
Beweise dafür werden wir später beibringen. Vorläufig genügt die
Bemerkung, dass die zerstreut vorgekommenen Erkrankungen der
Wöchnerinnen an der zweiten Gebärklinik, falls das Kindbettfieber
eine contagiöse Krankheit gewesen wäre, hingereicht haben würden,
aus dam /.«ist reuten Erkranken der Wöchnerinnen ein reihenweises
Erkranken durch Fortpflanzung des Contagiums von Bett zu Bett zu
machen.
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbett riehen-. 127
Die Staatsgewalt in dieser beunruhigenden Erscheinung der
grossen Sterblichkeit an der ersten Gebärklinik in Vergleich zur
zweiten gegenüber nicht gleichgültig geblieben, sie hat wiederholt
commissionelle Untersuchungen und Verhandlungen eingeleitet, um die
Ursache dieser Mortalitätsverschiedenheiten zu ermitteln, und um sich
zu überzeugen, ob die wirklich erkrankten Wöchnerinnen nicht in
grösserer Anzahl rettbar seien, als es an der ersten Gebärklinik der
Fall war. Um das Letztere zu erreichen, wurden von Zeit zu Zeit
sämnitliche erkrankte Wöchnerinnen in das allgemeine Krankenhaus
trunsferirt, wo sie aber dennoch mit wenigen Ausnahmen ebenfalls
starben, obwohl sie von einem andern Arzte einer andern Behandlung
unterworfen wurden, und sich selbe in einem anderen Zimmer, nicht
blos unter Puerperalkranken et., -t,. befanden.
Von den exmittirten ( 'ommissionen wurde als Ursache der grösseren
Sterblichkeit bald eine oder die andere oder mehrere der oben ange-
rührten endemischen Ursachen beschuldigt, dem entsprechend wurden
die nöthigen Massregeln getroffen, ohne dass es jedoch gelungen wäre,
die Sterblichkeit in die Grenzen einzuengen, innerhalb welcher die
Sterblichkeit auch an der zweiten Gebärklinik vorgekommen ist.
Durch die Erfolglosigkeit der Massregeln wurde der Beweis ge-
liefert, dass die beschuldigten Ursachen der grossen Sterblichkeit an
der ersten Gebärklinik nicht die Ursachen waren, welche in Wirklich-
keit die grössere Sterblichkeit hervorgebracht haben.
Gegen Ende des Jahres 1846 gewann bei einer commissionellen
Verhandlung die Ansicht die Oberhand, dass die Erkrankungen der
Wöchnerinnen durch Beleidigung der Geburtstheile, bei den zum Be-
hufe des Unterrichts stattfindenden Untersuchungen bedingt sind, weil
aber solche Untersuchungen beim Unterrichte der Hebammen gleich-
falls vorgenommen werden, so nahm man, um die häufigen Erkran-
kungen auf der Ahtheihing der Aerzte begreiflich zu machen, keinen
Anstand, die Studirenden und namentlich die Ausländer zu be-
schuldigen, dass sie bei den Untersuchungen roher zu Werke gehen
als die Hebammen.
Auf diese Voraussetzung hin wurde die Zahl der Schüler von
42 auf 20 vermindert. Die Ausländer wurden fast ganz ausgeschlossen
und die Untersuchung selbst auf das Minimum reducirt.
Die Sterblichkeit verminderte sich hierauf in den Monaten De-
cember 1646, Jänner. Februar, März 1847 auffallend, allein im April
starben trotz der erwähnten Massregel 57, im Mai 36 Wöchnerinnen,
daraus konnte die Grundlosigkeit der obigen Beschuldigung Jeder-
mann einleuchten.
Wir wollen hier des besseren Verständnisses wegen die Rapporte
!■ ,Jatnv> is4f, und die ersten fünf Monate des .1. ihres 1*47 dei
ersten Abtheilung veröffentlichen.
Tabelle Hr. IT.
184«.
Geborten Todesfälle Percent
Jänner 836 45 13 J0
Fehrnar 203 &3 18.»
Mira 311 48 15.u
April 48 18.,,
Mai 305 41 IS«
Juni 266 27 10.,,
128 Semmelweiä' Abhandlungen und Werk über das Kiudbettäeber.
Geburten TodesfiÜle Percente
Juli . .
September
Ootobei -
November
Pecember
sie
271
26 1
897
298
1847.
Qebartaa Todesfälle Percent
Jänuer :-Ul 10 3,,
rebrotr WS 6 I .
März 1-105 11
April 812 .-,
Hai 894 36
Wir werden auf diese im Monat Deceraber 1846, Jänner, Februar
und März 1847 vermindert, April und Mai wieder gesteigerte Sterb-
lichkeit spater nochmals zurückkommen.
Die Barichtti der zur Ermittlung der Ursache der grossen Sterb-
lichkeit an der ersten i iebärklinlk exmittirten Uommissioiien litten
sämmtlich an dem unbegreiflichen Widerspruche, dass sie die grosse
Sterblichkeit an der eisten (jebärklinik eine Epidemie nannten, ab.-t
nicht, dem Begriffe einer Epidemie entsprechend, die Unmöglichkeit
einer Abhilfe erklärten, da es ja nicht in der Macht einer I tommifi&ion
liegt, die atmosphärischem cosmischen, tellurist-hen Verhältnisse der
Stadl Wien y.u lindern. Waa thut man denn, um die Daner der
Cholera-Epidemie abzukürzen und um ihre Wiederkehr zu Verbind«
Sie beschuldigten eine oder mehrere der oben angeführten endemischen
Ursachen, und nannten es dann nicht, wie es hätte geschehen sollen,
■ im Endemie, sondern eine Epidemie. Ueberhaupt die unglückliche.
Verwechslung des Begriffes einet Epidemie und einer Endemie ist die.
Sobald, dass man so lange die wahre Ursache des Kindbettliehei>
nicht gefunden.
Hei Aufstellung des Begriffes. Liier Puerperal- Epidemie und Endemie
iiiuss von der Zahl der erkrankten und verstorbenen Wöchnerinnen
gänzlich abgesehen weiden. Die Ursache, in Folge welcher die Er-
kranklings» und Todesfälle eintreten, bedingt den Begriff einer Epidemie
Endemie. Ein epidemisches Puerperalfieber ist dasjenige, welches
durch atmosphärische, eosmisehe. tellurische Einflüsse hervorgebracht
wird, und es ireliört nicht zum Begriffe der Epidemie, ob eines oder
hunderte von Individuen erkranken, Wird das Puerperalfieber dun b
eine enäemificne Ursache hervorgebracht, d. h. durch eine Ursache
bracht, deren Wirsamkeit sich auf ein bestimmtes Locale be-
schrankt, so ist das ein endemisches Puerperalfieber, und es ist wieder
«j-Ieichgiltig. ob ein oder hunderte von Individuen erkranken. Das ist
der Begriff einer Epidemie und Endemie. Die Counuissionen berück-
sichtigen aber bei Benennung der Sterblichkeit nicht die Ursachen,
welche das Puerperalfieber angeblich hervorgebracht haben, sondern
nur die Zahl, und weil viele Wöchnerinnen erkrankten und starben,
nannte man es eine Epidemie*
Ueberzeugt. dass die grv.-st iv ^terbliehkeit an der ersten Gebär-
klinik durch eine endemische, aber noch unbekannte, von mir ver-
gebens gesuchte Ursache herrühre, an dem Begriffe des Kindbett-
Die Aetiologie, der Begriff vm<\ die Prophylaxis des Kindhettfiebers. 129
fiebers durch das Erkranken der Neugebornen am Kindbettfieber,
ohne Unterschied ob Mädchen oder Knabe, irre geworden, durch das
Beobachten von Erscheinungen, für welche ich keine Erklärung finden
konnte, als da sind: das beinahe ausnahmslose Sterben in Folge ver-
rter Eröffnungsperiode, das Nichterkranken der Gassen- und vor-
zeitigen Geburten im Widerspruche mit meiner Ueberzeugung, Alis
die Verheerungen an der ersten Gebärklinik endemischen rrsachen
zuzuschreiben seien, das reihenweise Erkranken der Wöchnerinnen
an der ersten Gebärklinik, der günstige Gesundheitszustand an der
zweiten Gebärklinik im Vergleich zur ersten, ohne dass ich die lieber-
zeugung hätte hegen können, dass die an der zweiten Gebärklinik
Bediensteten geschickter oder sorgfältiger in Erfüllung ihrer Pflichten
seien als wir; die Missachtung, welcher die an der ersten Gebär-
klinik Bediensteten deshalb bei den Hausleuten begegneten, brachte
in mir eine jener unglücklichen Gemiithsstimmungen hervor, welche
das Leben nicht beneidenswerth machen. Alles war in Frage ge-
stellt. Alles war unerklärt, Alles war zweifelhaft, nur die grosse An-
zahl der Todten war eine unzweifelhafte Wirklichkeit.
D©f Leser kann sich einen Begriff von meiner Rathlosigkeit
während meiner ersten Dienstzeit machen, wenn ich ihm erzähle, dass
ich einem Ertrinkenden gleich, welcher sich an einem Strohhalme
anklammert, die Rücklage, welche bei Entbindungen an der ersten
Gebärklinik üblich war, abschaffte, und dafür die Seitenlage einführte,
aus keinem anderen Grunde, als weil sie auf der zweiten Abtheilung
üblich war; ich glaubte zwar nicht, dass die Rückenlage im Yer-
lie zur Seitenlage so nachtheilig sei, dass man ihr das Plus der
Sterblichkeit an der ersten Abtheilung zuschreiben müsse, allein an
zweiten Gebärklinik entbanden sie in der Seitenlage und der
indheitszustand der Wöchnerinnen war ein besserer, folglich sollen
sie auch an der ersten Abtheilung in der Seitenlage entbinden, da-
mit ja nur Alles so geschehe wie auf der /.weiten Abtheilung.
Den Winter 1846/7 benutzte ich zur Erlernung der englischen
Sprache, um die Zeit, welche ich noch wegen Wiederübernahme der
stelle eines Assistensarztes durch meinen Vorfahren, Dr. Breit,
warten musste, grösstenteils im grossen Dubliner Gebärhause zu-
bringen zu können; allein Dr. Breit wurde Ende Februar 1847 zum
Professor der Geburtshilfe an der Hochschule zu Tübingen ernannt,
ich unternahm daher, meinen Reiseplan ändernd, in Gesellschaft zweier
Freunde am 2. März 1847 eine Reise nach Venedig, um an den
Kunstschätzen Venedigs meinen tieist und mein Gemüth zu erheitern,
ihe durch die Erlebnisse im Gebärhause so übel afficirt wurden.
Am 20. März desselben Jahres wenige Stunden nach meiner
Rückkehr nach Wien übernahm ich mit verjüngten Kräften die Stelle
eines Assistensarztes an der ersten Gebärklinik, aber bald überraschte
mich die traurige Nachricht, dass Professor K oll et sc h ka, von mir
hochverehrt, inzwischen «restorben sei.
Die Krankheitsgeschichte ist folgende: KolletBcaka, Professor
der gerichtlichen Mediän, nahm häufig in gerichtlicher Beziehung
mit seinen Schülern Sectionsfibungen vor; bei einer derartigen Uebung
rde er von einem Schüler mit dem Messer, welches zur Section
benutzt wurde, in einen Finger gestochen, in welchen? ist mir niclit
mehr erinnerlich. Professor Kolletschka bekam hierauf Lymphan-
goitis, Phlebitis an der entsprechenden oberen Extremität, und starb
Semmel wei»' gesammelt« Werke. •'
130
Sera nael weis* Abhandlungen und Werk Über das Kindbetttieber.
während meines Aufenthaltes in Venedig an beiderseitiger Pleuritis,
Pericarditis, Peritonitis, Meningitis, und es bildete sich noch einige
Tage vor dem Tode eine Metastase in einem Auge. Noch begeistert
durch die Kuustsehätze Venedigs, durch die Nachricht des Todes
Kolletschka's noch mehr erregt, drängte sich in diesem aufgeregten
Zustande meinem Geiste mit unwiderstehlicher Klarheit die Identität
der Krankheit, an welcher Kolletschka gestorben, mit derjenigen,
an welcher ich so viele hundert Wöchnerinnen sterben sah, auf. Die
\\ •"• -hnermnen starben ja auch an Phlebitis, Lymphangoitis, Peritonitis,
Pleuritis, Pericarditis, Meningitis, und es bilden sich auch bei
Wöchnerinnen Metastasen.
Tag und Nacht verfolgte mich das Bild von Kolletschka' s
Krankheit, und mit immer grösserer Entschiedenheit musste ich die
Identität der Krankheit, an welcher Kolletschka gestorben, mit
derjenigen Krankheit, an welcher ich so viele Wöchnerinnen sterben
sah, anerkennen.
Aus der Identität des Leichenbefundes in den Leichen der Neu-
gebornen mit dem Leichenbefunde der am Kindbettfieber verstorbenen
Wöchnerinnen haben wir früher, und wie wir glauben, mit Hecht
geschlossen, daß auch die Xeugebornen am Kindbettheber, oder mit
andern Worten, da« die Neugebornen an derselben Krankheit wie
ilie Wöchnerinnen gestorben seien. Da wir aber dieselben identischen
Producte in dem Leichenbefunde bei Kolletschka antrafen wie bei
den Wöchnerinnen, so ist der Schluss, dass Kolletschka an der-
selben Krankheit gestorben, an Welcher ich so viele hundert Wöchnerinnen
sterben sah, ebenfalls ein berechtigter. Die veranlassende Ursache
der Krankheit bei Professor Kolletschka war bekannt, nämlich es
wurde die Wunde, welche ihm mit dem iSectionsniesser beigebracht
wurde, gleichzeitig mit Cadavertheilen verunreiniget. Nicht die
Wunde, sondern das Verunreinigt werden der Wunde durch Cadaver-
theile hat den Tod herbeigeführt, Kolletschka ist ja nicht der
Brate, der auf diese Weise gestorben. Ich musste anerkennen: wenn
die Voraussetzung, dati die Krankheit Kolletschka's und die
Krankheit, an welcher ich so viele Wöchnerinnen sterben sah, iden-
tisch seien, so müsse sie bei den Wöchnerinnen durch dieselbe er-
zeugende ( rsulie, durch welche erzeugende Ursachesie bei Kolletschka
hervorgebracht, winde, erzeugt werden. Bei Kolletschka w
die erzeugende Ursache Cadavertheile, welche ihm ins Geiasssystem
gebracht wurden. Ich musste mir dn aufwerfen: Werden denn
den Individuen, welche ich an einer identischen Krankheit sterben
sah, auch Cadavertheile in das Gefässsystem eingebracht? Auf die je
Frage musste ich mit Ja antworten.
Bei der anatomischen Richtung der Wiener medicinischen Schule
haben die Professoren, Assistenten und Schüler hantig Gelegenheit^
mit Leichen in Berührung zu kommen. Dass nach der gewöhnlichen
Art des Waschens der Hände mit Seife die au der Hand klebenden
Cadavertheile nicht sämmtlich entfernt werden, beweist der cadaverose
Geruch, welchen die Hand für längere oder kürzere Zeit behält. Bei
der Untersuchung der Schwangeren, Kreissenden und Wöchneri
wird die mit Cadavertheilen verunreinigte Hand mit den Genita
dieser Individuen in Berührung gebracht, dadurch werden die Genitalien
dieser Individuen mit Cadavertheilen in Berührung gebracht, dadurch
die Möglichkeit der Resorption, und mittelst Resorption Einbringung
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindhettfiebers. 131
th
ladavertheilen in das Gefässsystem der Individuell bedingt und
dadurch bei den Wöchnerinnen dieselbe Krankheit hervorgerufen,
eiche wir bei Rollet schka gesehen.
Wenn die Voraussetzung, dass die an der Hand klebenden Cadaver-
heile bei den Wöchnerinnen dieselbe Krankheit hervorbringen, welche
die am Messer klebenden Cadavertheile bei Kolletschka hervor-
gebracht haben, richtig ist, so muss. wenn durch eine chemische Ein-
wirkung die Cadavertheile an der Hand vollkommen zerstört werden,
und daher bei Untersuchungen von Schwangeren, Kreissenden und
Wöchnerinnen, deren Genitalien blos mir den Fingern und nicht-
gleichzeitig mit Cadavertheilen in Berührung gebracht werden, diese
Krankheit verhindert werden können, in dem Masse, als sie durch
Einwirkung von Cadavertheilen mittelst des untersuchenden Fingers
bedingt war. Mir schien dies im Vorhinein um 90 wahrscheinlicher,
Bis mir "las Factum, dass zersetzte organische Stoffe mit lebenden
iiisnxii in Berührung gebracht, in denselben einen Zersetzungs-
process hervorrufen, bekannt war.
Um die an der Hand klebenden Cadavertheile zw zerstören, be-
nutzte ich, ohne mich jedoch des Tages zu erinnern, beiläufig von
Bütte Mai 1847 angefangen, die Gtäorina Uqttidä, mit welcher ich und
jeder Schüler vor der Untersuchung seine Hände waschen musste.
Nach einiger Zeit verliess ich die (Marina tiquida wegin ihres hohen
Preises und ging zu dem bedeutend billigeren Chlorkalk über. Im
Monate Mai 1847, in dessen zweiter Hälfte erst die Chlorwaschungen
tührt wurden, starben noch 36 oder 12.ä4 Percent von 294 Wöch-
nerinnen; in den übrigen sieben Monaten des Jahres 1*47 verhielt
sich das Mortalit:it>verh;illniss unter den an der ersten Celiarklinik
legten Wöchnerinnen wie folgt:
1847
Geburt ea
Todesfälle
Pen
Juni . .
. . -
6
Kn
Juli . .
. . 260
3
1,0
AllL'USt .
. . 264
5
September
. . 269
12
;■: 1
October .
. . 27*
11
3 „-.
November
. . 241 i
11
4.47
December
. . 273
8
1841
56
wa.
An
J-'.s starben mithin von den innerhalb sieben Monaten verpflegten
1841 Wöchnerinnen 5(5, 3.(M. Im Jahre 1846, in welchem die Chlor-
asehungen noch nicht im Gebrauche waren, starben von 4010 an der
Gebärklinik verpflegten Wöchnerinnen 459, d. L ll.< Perceat
n der zweiten Abtheilung starben im Jahre ts4ii von :>< >4 Wöch-
nerinnen 105, d. i. 2.7 Percent. Im Jahre 1847, wo gegen Mitte .Mai
die Chlorwaschungen eingeführt wurden, starben an der ersteu Ab-
theilung von 3490 verpflegten Wöchnerinnen 176. d. i. 5.<> Percent.
Au der zweiten Abtheilung starben von 3306 Entbundenen 32, d. i.
0.„ Percent. Im Jahre 1S4K, wo das ganze Jahr hindurch die Chlor-
hungen emsig geübt wurden, starben von 3556 Wöchnerinnen 45»
Percent An der zweiten Abtheilung starben im Jahre 1848 von
19 Entbundenen 43, d. i. l.aa Percent.
9*
132
Seamthreu' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
Die einzelnen Monate des Jahres 1848 verhielten sich an der
ersten Abtheilung wie folgende Tabelle zeigt:
Tabelle Hr.
XVI.
1818.
Geburten
Todesfälle
Perceute
Jänner .
. . 283
10
Februar .
. . 291
2
<»....
Hin , .
. . 876
0
•>...,
2
Mai . .
. . aia
3
<>.,
Jnni , .
. . 264
3
l-ll
Juli . .
269
1
$N
Augiiat .
. . 261
0
o.„,
mber
. . 312
3
o,„
October .
. . 299
7
2.4
November
. . 310
9
2„
December
. . 373
6
l.H
BfiH
45
1..
Im Jahre 1848 kommen also zwei Monate vor, nämlich März
und August, in welchen nicht eine einzige Wöchnerin gestorben.
Im Jahre 1849 ereigneten sich im Monat Jänner 403 Geburten,
wovon 9 starben, d. i. 2..,., Percent. Im Monat Februar fanden 389
Geburten statt, davon starben 12, d, i. 3.08 Percent. Im Monat März
ereigneten sich 406 Geburten, davon starben 20, 4.9 Percent.
Vom 20, d. M. angefangen fungirte mein Nachfolger, Dr. Carl Braun,
als Assistent.
Wir haben oben erwähnt, dass die zur Ermittlung der Ursache
der grösseren Sterblichkeit an der ersten Gebärklinik im Vergleich
zur zweiten exmittirten Commissionen bald eine oder die andere oder
mehrere der oben angeführten endemischen Ursachen als diejenigen
beschuldigten, welche die an der ersten Gebärklinik herrschende
grössere Sterblichkeit hervorbringen. Dem entsprechend wurden die
geeigneten Massrcgeln ergriffen, ohne dass es dadurch gelungen wäre.
die Sterblichkeit an der ersten Gebärklinik in die Grenzen einzuengen,
innerhalb welcher sie auch an der zweiten Gebärklinik vorgekommen
ist. Aus dieser Erfolglosigkeit wurde der berechtigte Schluss gezogen,
dass die von den Commissionen beschuldigten Ursachen nicht die Ur-
sachen waren, welche in Wirklichkeit die grössere Sterblichkeit an
der ersten Gebärklinik hervorgebracht haben.
Ich habe vorausgesetzt, dass die an der untersuchenden Hand des
Geburtshelfers klebenden Cadavertheile die Ursache der grösseren
Sterblichkeit an der ersten Gebärklinik sei; ich habe diese Ursache
•in ich die Einführung der Chlorwaschungen entfernt. Der Erfolg war,
dass die Sterblichkeit an der ersten Gebärklinik in die Grenzen ein-
geengt wurde, innerhalb welcher sie auch an der zweiten vorgekommen
ist. wie die oben angeführten Zahlen zeigen. Es ist also der Schluss,
dass die an der Hand klebenden Cadavertheile in Wirklichkeit das
Plus der Sterblichkeit an der ersten Gebärklinik hervorgebracht
haben, auch ein berechtigter.
Seit die Chlorwas« lnm-eii mit so auffallend günstigem Erfolge in
Gebrauch gezogen wurden, wurde nicht die geringste Veränderung in
Die Aetiologje, der Begriff und die Prophylaxis des Kiadbettüehers, 133
::
den Verhältnissen der ersten Gebärklinik vorgenommen, welcher man
einen Antheil an der Verminderung der Sterblichkeit zuschreiben
konnte.
Das Unterrirhtssystem bei den Hebammen ist so beschaffen, dass
Aveder die Lehrenden noch die Lernenden so häufig Veranlassung
haben, sich die Hände mit Cadavertheilen zu verum einigen, als es bei
dem Unterrichte der Aerzte der F&U ist, und daher die geringere
Sterblichkeit an der zweiten Gebärklinik.
Die unbekannte endemische Ursache, «flehe an der ersten Gtab&p-
klinik so entsetzliche Verheerungen anrichtete, war demnach in den
an der Hand klebenden Cadaveitheilen der Untersuchenden an der
i Gebärklinik gefangen.
Um die an der Hand klebenden Cadavertheile zu zerstören, musste
jeder Untersuchende bei seinem Eintritte in das Kreissezimmer seine
Hände in der Chlorkalklüsung waschen, und da die Schüler auf dem
Kreisseziminer keine Gelegenheit hatten, sich die Hände neuerdings
mit Cadavertheilen zu verunreinigen, so hielt ich es für genügend,
wenn sich die Schüler ihre Hände einmal in einer Chlorkalk lösung
wuschen. Wegen der grossen Anzahl der in einem Jahre an der
ersten Geburtsklinik sich ereigneten Geburten trifft es sich sehr selten,
dass nur eine Kreissende auf dem Kreissezimmer ist, es sind in der
1 mehrere gleichzeitig anwesend. Zum Behufe des Unterrichtes
worden alle Kreissenden der Reihe nach, wie sie eben nebeneinander-
lagen, untersucht, und ich hielt es für genügend, nach jeder Unter-
suchung die Hand mit Seifenwasser waschen zu lassen, bevor die
nächste untersucht wurde; ich hielt das Waschen mit Chlorwasser
zwischen je zwei Untersuchungen für überflüssig, weil man ja auf
dem Kreissezimmer, nachdem die Hand einmal von den an derselben
klebenden Cadavertheilen gereinigt war, dieselbe nicht mehr mit Ca-
vertheilen verunreinigen kann.
Im Monat October 1847 wurde eine an verjauchendem Medullar-
ebs des Uterus leidende Kreissende aufgenommen; es wurde ihr das
Bett Nr. 1, bei welchem die Visite immer begonnen wurde, als Kreisse-
bett angewiesen.
Nach der Untersuchung dieser Kreissenden haben wir Unter'
suchende uns unsere Hände blos mit Seife gewaschen; die Folge da-
von war, dass von 12 gleichzeitig mit ihr Entbundenen 11 starben.
Die Jauche des vei j;i liebenden Medullarkrebses wurde durch das Seifen-
wasser nicht zerstört, durch die Untersuchungen wurde die Jauche
auf «lie übrigen Kreissenden übertragen, und so das Kindbettfleber ver-
ielfältigt.
Also nicht blos die an der Hand klebenden Cadavertheile. sondern
Jauche, von lebenden Organismen herrührend, erzeugen das Kindbett-
tieber; es müssen daher die Hände des Untersuchenden nicht blos
nach Beschäftigung mit Oadavern, sondern nach Untersuchungen von
Individuen, bei welchen die Hand mit Jauche verunreinigt werden
kann, ebenfalls in Chlorwasser gewaschen werden, bevor zur Unter-
suchung eines zweiten Individuums geschritten wird.
Diese, dieser traurigen Erfahrung entnommene Regel beobachteten
wir in der Folge, und es wurde nicht mehr durch Uebertraguug dar
Jauche von einem Individuum auf das andere mittelst des unter-
suchenden Fingers das Kindbettfieber verbreitet,
Der Träger der Cadaver- und Jauchetheile, durch welche das
134
Semmelweis' Abhandlnngen utnl Werk über das Kindbettfieber.
Kindbettfieber an der ersten geburtshilflichen Klinik hervorgebnu M
wurde, war der untersuchende Finger.
Eine neue traurige Erfahrung überzeugte uns, dass der Träger
der zersetzten organischen Stoffe, welche das Kindbettfieber hervor-
bringen, auch die atmosphärische Luft sein könne; im Monate Noyember
desselben Jahres wurde ein Individuum mit verjauchender Caries des
linken Kniegelenkes aufgenommen; in ihren Genitalien war dieses
Individuum vollkommen gesund, so dass der Finger, welcher sie unter-
suchte, für die übrigen Individuen ungefährlich blieb. Aber die jau-
chigen Exhalationen des cariösen Kniegelenkes waren so bedeutend,
dass die Luft des Wochenzimmers, in welchem dieses Individuum das
Wochenbett zugebracht, in hohem Grade von denselben geschwängert
war, und dadurch wurde bei ihren Mit Wöchnerinnen in dem Grade
das Kiudbettfieber hervorgerufen , dass beinahe sämint liehe in den
Zimmern befindliche Wöchnerinnen starben. Die Rapporte der ersten
Gebärklinik weisen im Monate November 11 und im Monate Pecember
8 Todte aus, welche grösstenteils durch die jauchigen Exhalatiunen
obbenannten Individuums hervorgebracht wurden.
Die mit Jauchetheilen geschwängerte atmosphärische Luft des
Wochenzimmers drang durch die nach der Geburt klaffenden Geni-
talien in die Gebärmutterhöhle, dort wurden die Jauchetheile res i
birt, und dadurch das Kindbettfieber hervorgerufen. In Zukunft
wurde durch Absonderung solcher Individuen ein ähnliches Unglück
verhütet.
Das Gebärhaus zu Wien wurde eröffnet am 16. August 1784.
Im vorigen Jahrhunderte und in den ersten Decennien des gegen-
wftrtigen Jahrhunderts, wo die Medicin, sich in theoretischer Specu-
lation gefallend, der anatomischen Grnndlage entbehrte, starben im
Jahre 1822 von 3066 Aufgenommenen 26 Wöchnerinnen, d. i. 0.ö4
Percent-Antheile. Im Jahre 1841, wo die anatomische Richtung das
Wesen der Wiener medicinischen Schule bildete, starben von 3036
Aufgenommenen 237 Wöchnerinnen, d. i. 7., Percent-Antheile. Im
Jahre 1843 starben von 3060 Aufgenommenen 274 Wöchnerinnen, d.i.
8* Percent-Antheile. Im Jahre 1827 starben von 3294 Aufgenomme-
nen 55 Wöchnerinnen, d. i. l.co Percent-Antheile. Im Jahre 1842
starben von 3287 Aufgenommenen 518 Wöchnerinnen, d. i. 15.g Percent-
Antheile.
Vom .lalire 1784 bis zum Jahre 1823 kommen 25 Jahre vor, in
welchen auch nicht 1 Percent-Antheil von den im Gebärhause ver-
pflegten Wöchnerinnen gestorben ist. wie Tabelle Nr. XVII zeigt
Diese Tabelle ist ein unumstösslicher Beweis für meine Ansicht,
dass das Kindbettfieber durch Uebertragung zersetzter thierisch-
organischer Stoffe entstehe.
Zur Zeit als die Gelegenheit zur Uebertragung vermöge des
Unterrichtsystems eine beschränkte war, war der Gesundheitszustand
der im Gebarhause verpflegten Wöchnerinnen ein günstiger.
Mit. der Zeit als die Wiener medicinische Schule die anatomische
Richtung annahm, begann der ungünstige Gesundheitszustand der im
Gebarhause verpflegten Wöchnerinnen. Als die Anzahl der Geburten
und der Schüler und Schülerinnen eine solche Höhe erreichte, dass efi
für einen Professor zu viel war, diese grosse Anzahl von Geburten zu
übersehen und diese grosse Anzahl von Schülern und Schülerinnen zu
unterrichten, wurde das Gebärhaus in zwei Abtheilungen getrennt,
Die Aetiologie, der Begriff and die Prophylaxis des Kindtiettfie&ers. 135
Tabelle Hr. XVII.
Stundesuusweis der k. k. Gebäranstalt rom Hi. Antust 1784 ansrefunsren.
Jahr
Aufge-
nommen
Zahl der
Gestor-
benen
6
Pereent-
Antheil
Jahr
Aufge-
nommen
Zahl der
Gestor-
benen
Perant-
Antheil
1784
284
2„
1817
2735
25
0*t
1785
899
13
l-u
1818
56
B.u
1786
1151
5
o.ti
1819
3089
154
4„s
1787
1407
5
0«,
1820
2998
76
1788
1 ISS
5
o,(.
1821
3294
55
1«
1789
L246
7
0.M
1822
3089
26
"...
171»
1826
10
Ö.M
1823
2872
214
7.«
1791
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8
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1824
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1792
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1825
2594
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4 ..■
1793
1684
44
2.81
1826
8369
192
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1794
1768
7
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1887
2367
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1798
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2833
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1796
1904
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1829
3012
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3012
5
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2797
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1798
2046
5
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3353
222
6.«
1799
2067
20
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1832
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1800
2070
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3907
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1801
2106
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1834
4218
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1802
2346
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1835
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5.»,
1803
2215
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0.-,t
1898
4144
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1804
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1837
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1805
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1810
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1816
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1848
7095
»1
1.,.
1816
2410
12
0-4„
—
■ —
—
und einer jeden Abtheilung eine gleiche Anzahl Schüler und eine
gleiche Anzahl Schülerinnen zugewiesen. Durch eine allerhöchste
Entschliessung vom 10. Qctober 1840 wurden sämmtliche Schüler be-
hufs des geburtshilflichen Unterrichtes einer Abtheilung, welche man
die erste nennt, zugewiesen, sämmtliche Schülerinnen wurden der an-
deren Abtheilung zugetheilt, welche die zweite heisst
In welchem Jahre die Trennung des Gebärhauses in zwei Ab-
theilungen geschah, bin ich nicht in der Lage angeben zu können.
Die Tradition erzählt, und Collegen, weiche an der zweiten Gebär-
klinik den geburtshilflichen Unterricht erhielten, zur Zeit als an der
zweiten Gebärklinik noch Schüler aufgenommen wurden, behaupten,
dass zu der Zeit die Grösse der Sterblichkeit zwischen beiden Ab-
theilungen schwankte; der constant ungünstigere Gesundheitszustand
der "Wöchnerinnen der eisten Abtheilung datirt erst vom Jahre 1840,
136
Ütmmtimfä Abhandlungen nnd Werk über das Kindbettfieber,
in welchem Jahre sämmtliche Schüler der ersten und sämmtliche
Schülerinnen der zweiteu Abtheilung zugewiesen wurden.
Nach dem Vorausgeschickten ist es überflüssig, eine Erklärung
dieser Erscheinung zu geben.
Die Tabelle Nr. I zeigt den Unterschied der Sterblichkeit unter
den Wöchnerinnen der beiden Abtheilungen, seit die erste ausschliess-
lich dem Unterrichte für Geburtshelfer, und die zweite ausschliesslich
dem Unterrichte für Hebammen gewidmet ist.
Hier wäre der Ort, eine ähnliche Tabelle zu veröffentlichen über
die Jahre, während weichen Schüler und Schülerinnen an beiden Ab-
theilungen in gleicher Anzahl vertheilt waren, um zu zeigen, dass
während dieser Zeit die Sterblichkeit nicht constant grösser an der
ersten Abtheilung war. Aber mir stehen die dazu nöthigeu Daten
nicht zu Gebote.
Die Kapporte der beiden Gebärabtheilungen wurden in drei
Exemplaren angefertigt; ein Exemplar blieb in der Anstalt, ein
Exemplar wurde der Spitaldirection zugesendet und ein Exemplar
der Regierung. Diejenigen, welche diese Rapporte in Verwahrung
haben, winden sich ein Verdienst um die Wissenschaft erwerben,
wenn sie selbe veröffentlichen würden.
Nur vom Jahre 1840, in welchem die Trennung der Schüler und
Schülerinnen angeordnet wurde, und vom vorhergehenden Jahre be-
sitze ich die Rapporte der beiden Abtheiluugen.
Jahr
1839
]*4'i
I. Abtheilung.
Anzahl der
Entbundenen
2781
2889
Anzahl der
Veratorbenen
m
267
Percent-
Antheile
5.,
9-6
Jahr
1839
1840
IT, Abtheilung.
Anzahl der
Embnndeneu
2010
2073
Anzahl der
Verstorbenen
91
65
Pereent-
Antheile
2-
Die Schwankungen der Sterblichkeit, wie solche an jeder der
beiden Abtheilungen vorgekommen sind, können auf die Beschäftigungen
der an diesen Abteilungen in Verwendung gewesenen Aerzte zurück-
geführt werden.
An der Veröffentlichung dieser Daten bin ich dadurch gehindert»
dass man zur Zeit, als ich diese Daten ermittelte, das für eine
Denuntiation erklärte.
Professor Skoda hat der schon oben erwähnten Üommission des
Wiener medicinischen Professorencollegiums unter anderen auch
folgende Aufgabe gestellt: Es war eine Tabelle, auf der, soweit die
Daten reichen, die Zahl der Entbundenen und Gestorbenen von Monat
zu Monat anzugeben war, und ein Verzeichnis« der Assistenten und
Studirenden in der Reihenfolge, in welcher dieselben an der Gebär-
anstalt gedient und prakticirt haben, anzufertigen.
Indem Professor Rokitansky seit 1828 an der pathologisch-
anatomischen Anstalt fungirt, so konnten theils aus seiner Erinne-
f'i 8 \etiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 137
rinic. th« den Sectionsprutoküllen, so wie durch Einvernehmen
anderer Aerzte, diejenigen Assistenten und studirenden herrorgesm-ht
werden, die sich mit Leiehenuntersuchungen befasst haben, und es
hätte sich ergeben, ob die Zahl der Erkrankungen in der Gebär-
austalt mit der Verwendung der Assistenten und Studirenden in der
Sectionskammer in Zusammenhang stand. Die Comniissinn durfte,
wie schon früher erwähnt, auf höheren Befehl ihre Aufgabe nicht
lösen.
Consequent meiner Ueberzeugung muss ich hier das Bekenntniss
ablegen, dass nur Gott die Anzahl derjenigen kennt, welche wegen
mir frühzeitig ins Grab gestiegen, Ich habe mich in einer Aus-
dehnung mit Leichen beschäftigt, wie nur wenige Geburtshelfer.
Wenn ich dasselbe von einem andern Arzte sage, so beabsichtige ich
blos eine Wahrheit zum Bewußtsein zu bringen, welche, zum namen-
D Unglücke für das Menschengeschlecht, durch so viele Jahr-
hunderte nicht erkannt wurde. So schmerzlich und erdrückend auch
eine solche Erkenntniss ist, so liegt die Abhilfe doch nicht in der
Verheimlichung, und soll dies Unglück nicht permanent bleiben, so
muss diese Wahrheit zum Bewusstsem sämmtlicher Betheiligten ge-
bracht werden.
Nachdem es sich gezeigt, dass das Plus der Sterblichkeit an der
ersten GeliUrklinik im Vergleich zur /.weiten in den Cadaver- und
Jauchetheilen zu suchen sei, mit welchen die Hände der Unter-
suchenden verunreinigt .sind, konnte man sich die bisher unerklär-
lichen, an der ersten Gebärklinik vorkommenden Erscheinungen ganz
ungezwungen erklären. In den Morgenstunden hält täglich der Psj,
fessor mit den Schülern, in den Nachmittagsstunden der Assistent
mit den Schülern eine allgemeine Visite, bei welcher sämmtliche an-
wesenden Kreissenden und Schwangeren zum Behufe des Unterrichtes
von den Schülern untersucht werden. Der Assistent muss vor der
Morgenvisite des Professors sämmtliche Kreissenden untersuchen, um
dem Professor Rapport abstatten zu können. In der Zwischenzeit
unternimmt der Assistent, je nach Zeit und Bedürfniss, mit den
Schülern die Untersuchungen; wenn daher eine Kreissende wegen
zögerndem Verlauf der Eröffnungsperiode ein oder mehrere Tage am
kieisse/.immer zubrachte, so wurde sie gewiss wiederholt mit von
i adaver- und Jauchetheilen verunreinigten Händen untersucht, und
auf diese Weise bei ihr das Kindbettfieber hervorgebracht, und darum
starben, wie wir oben schon erwähnten, diese Individuen beinahe aus-
nahmslos sämmtlii li.
Nachdem in Folge der Chlorwaschungen nur mit reinen Händen
untersucht wurde, hörte die Sterblichkeit bei jenen, welche eine
zögernde Eröffttungsperiode darboten, auf, und der zögernde Verlauf
der Eröffnungsperiode wurde so ungefährlich, wie er es schon früher
auf der zweiten Abtheilung war.
Um das, was wir nun sagen wollen, verständlich zu machen,
wollen wir hier den Begriff des Kindbettfiebers, wie wir ihn uns con-
struiren, theilweise anticipiren.
Das Erste ist die Resorption eines faulen, thierisch-organischen
Körpers; in Folge dieser Resorption tritt eine Bhitentmischung ein;
nu unseren gegenwärtigen Zweck ist mit diesem genug gesagt. Wir
haben uns oben dahin ausgesprocheu, dass diejenigen, bei welchen
die Eröffnungsperiode zögernd verlief, entweder schon während der
138
Seminelwei?' AI) hau dl nagen uad Werk über das Kindbettfieber.
Geburt oder unmittelbar nach der Geburt an rasch verlaufendem
Kindbettfieber erkrankten, d. h. mit anderen Worten: die Resorption
des thierisch-organisch faulen Körpers, die dadurch bedingte Blut-
entmischung bei der Mutter, tritt zu einer Zeit ein, während welcher
das Rlut des Kindes mit dem Blute der Mutter durch die Placenla
im organischen Verkehre ist; dadurch wird die Blutentmischung, an
welcher die Mutter leidet, dem Kinde mitgetheilt Als Folge davon
sehen wir die Neugebornen, und zwar ohne Unterschied ob Knabe
oder Mädchen, an der ersten Gebärklinik an einer identischen Krank-
heit mit der Mutter, und zwar eben so zahlreich wie die Mutter, auf
der ersten Gebärklinik und zahlreicher als die Neugebornen an der
zweiten Gebarklinik sterben. Bei den Müttern entsteht das Kind-
bettfieber, wie schon gesagt, dadurch, dass ein thierisch-organisch.
fauler .Stoff resorbirt wird, dadurch wird die Blutentroischung be-
dingt: bei Neugebornen verhält sich die Sache etwas anders. Wenn
das Kind noch ungeboren innerhalb der Genitalien von einem mit
Cadavertheilen verunreinigten Finger während der Untersuchung be-
rührt wird, so resorbirt der berührte Theil des Kindes diesen thierisch-
organisch faulen 8toff nicht, das Kindbettfieber entsteht demnach bei
Neugebornen nicht dadurch, dass das Kind einen t bierisch-organischen,
faulen Stoff resorbirt, sondern das Kindbettfieber bei Neugebornen
entsteht dadurch, dass sein Blut mit dem in Folge von Resorption
eines thierisch-organisch faulen Stoffes schon zersetzten Blute der
Mutter mittelst der Placenta in organischen Verkehr kommt.
Daher ist es zu erklären, dass es nie vorgekommen, dass das
Süd am Kindbettfieber gestorben, und die Mutter gesund geblieben
wäre, weil das Kindbettfieber im Neugebornen nie selbstständig durch
Resorption entsteht. Das Neugeborne erkrankt immer nur am durch
das Blut der Mutter ihm mitgetheilten Kindbettfieber; sie erkrankten
Beide, wenn das Kind mit der Mutter mittelst der Placenta noch in
organischen Verkehre ist. und das Blut der Mutter schon in Folge
der Resorption eines thierisch-organisch faulen Stoffes eine Zersetzung
erlitten hat Die Mutter kann allein erkranken am Kindbettfieber»
das Kind kann gesund bleiben, unter der Voraussetzung, wenn der
organische Verkehr zwischen Mutter und Kind zu einer Zeit durch
die Geburt unterbrochen wird, wo die Zersetzung des mütterlichen
Blutes in Folge der Resorption eines thierisch-organisch faulen Stoffes
noch nicht eingetreten ist.
In Folge der Chlorwaschungen winde, wie gesagt der an den
Händen der Untersuchenden klebende Cadavertheil zerstört, und da-
dnrch die Erkrankungen unter den Wöchnerinnen in die Grenzen ein-
geengt, innerhalb welcher dieselben auch an der zweiten Gebärklinik
vorgekommen. Dasselbe Verhältnis! sahen wir durch die Chlor-
waschungen bei den Neugebornen eintreten, indem sich auch die
•Sterblichkeit unter den Neugebornen verminderte. Die gesunden
Mütter ki muten den Neugebornen kein Kindbettfieber mittheilen.
Ohne Chlorwaschungen starben im Jahre 1846 an der ersten
Gebärklinik: 235 Kinder, 6 Percent von 3533 Kindern.
An der zweiten Klinik starben 86 Kinder. 2.j Percent von 3398
Kindern.
Im Jahre 1847, wo die letzten sieben Monate Chlorwaschungen
geübt wurden, starben an der ersten Gebärklinik 167 Kinder, 5.oa Per-
cent von 3322 Kindern.
Die Aetiologie, der Begriff uud die Prophylaxis des Kindbettfiebera, 139
An der zweiten Gebärklinik starben 90 Kinder. 2.g Percent von
3139 Kindern.
Im Jahre 1848, wo das ganze Jahr Chlorwaschungen angewendet
wurden, starben 147 Kinder an der ersten Gebärklinik. 4., Percent
von 3496 Kindern.
An der zweiten Klinik starben 100 Kinder, 3* Percent von 3089
Kindern.
Diese Todesfälle unter den Neugebornen waren nicht durch
Puerperalfieber bedingt.
Wenn die Mutter früher starb als das Kind, oder wenn die Mutter
aus welcher Ursache immer ihr Kind nicht stillen konnte, wurde selbes
in 's Findelhaus gesendet, und es ereigneten sich zahlreiche Todesfälle
unter den Säuglingen des Findelhauses am Kindbettfieber.
Nach Kmftüirung dei Chlorwaschtmgei] hörte auch die Sterblichkeit
der Säuglinge am Kindbettfieber im Findelhause auf. Doctor Bednar,
damals prov. Primararzt des k. k. Findelhauses zu Wien, sagt in
Beinem Werke: ,.Die Krankheiten der Nengehonu-n und Säuglinge
vom klinischen und pathologisch- anatomischen Standpunkte bearbeitet."
Wien 1850. Gerold. Seite 198: „Die Sepsis deä Blutes bei Neu-
gebornen ist jetzt eine grosse Seltenheit geworden, welches wir der
folgereichen und der grössten Beachtung würdigen Entdeckung des
Doctor Semmel weis, emeritirten Assistenten der ersten Wiener
Ufbaiklimk, za verdanken haben, welcher die Ursache und die Ver-
hütung lies frtther mörderisch wüthenden Puerperalfiebers glücklich
erforscht hatte."
Das was wir Kiiidbettfieber bei Neugebornen nennen, um noch
bis jetzt den gewohnlichen Sprachgebrauch beizubehalten, nennt Dr.
n a r mit mehr Recht Sepsis des Blutes.
Nachdem wir das aetiologische Moment, das Pins der Sterblichkeit
an der ersten Gebärklinik, im Verhältniss zur zweiten in den an den
Händen der Untersuchenden klebenden Cadavertheilen gefunden haben,
war die Erklärung, dass die Gassengeburten so auffallend selten «r-
krankten in Vergleich zu Individuen, welche bei uns geboren, leicht
gegeben. Die Gassengeburten wurden eben deshalb, weil das Kind
schon geboren war, in der Kegel auch die Nachgeburt schon ausge-
schiedi-ii. als kein Gegenstand des Unterrichtes, nicht mehr untersucht.
in de ihnen ein Wochenbett, angewiesen, welches sie in der Regel
gesund verliessen ; es wurden daher ihre Genitalien mit. keinem durch
Cadavertheile verunreinigten Finger in Berührung gebracht, und daher
entstand bei ihnen kein Kindbettfieber.
Auch die Wöchnerinnen, welche eine vorzeitige Geburt überstanden,
erkrankten deshalb seltener, weil sie nicht untersucht wurden.
Die erste Indication bei einer vorzeitigen Geburt ist, die Geburt
wo möglich aufzuhalten. In Folge dieser Indication wurden derartige
Individuen nicht zum öffentlichen Unterrichte benützt, und daher auch
deren Genitalien nicht mit zersetzten organischen Stoffen in Be-
rührung gebracht.
Auch das reihenweise Erkranken findet nun leichte Erklärung.
Vermöge der grossen Anzahl von Geburten, welche an der ersten
Gebärklinik vor sich gingen, traf es sich sehr oft, dass viele Individuen
gleichzeitig als Kreissende auf dem Kreisseziminer sich befanden,
zweimal täglich, wenigstens während der Visite des Professors Morgens
und während der Visite des Assistenten Nachmittags, wurden sänunt-
140
Setainelweis' Abhandlungen und Werk über das Kiudbettfiöber.
lieh auf dem Kreissezimmer anwesende Kreissende der Reihe nach,
wie sie eben neben einander in den Kreissebetten lagen, behufs des
Unterrichts untersucht, wenn daher mit von Cadavertheilen verun-
reinigte Hände untersuchten, wurden die Genitalien vieler Individuen
gleichzeitig mit Cadavertheilen in Berührung gebracht, dadurch wurde
gleichzeitig bei vielen Individuen durch Resorption der Cadavertheile
der Keim für das im Wochenbette entstehende Kindbettfieber gelegt.
Die Wöchnerinnen wurden in den Wochenzimmern der Reihe nach,
wie sie auf dem Kreiss*vannner geboren, jilacirt; es traf sich daher,
da die gleiehzeitig am Kreissezimmer Anwesenden so ziemlich gleich-
zeitig entbanden, dass sie in derselben Reihenfolge in den Wochenbetten
lagen, in welcher Reihenfolge sie auf dem Kreissebette lagen; auf
dem Kreissebette wurde der Reihe nach durch die Untersuchung von
mit Cadavertheilen verunreinigten Händen der Keim zum künftigen
Puerperalfieber gelegt, es musste daher das Kiudbettfieber im \\ ochen-
bette reihenweise ausbrechen.
Nach der Einführung der Clilorwaschungen kam ein reihenweises
Erkranken der Wöchnerinnen nicht mehr vor.
Wir halien oben angeführt, dass gegen finde des Jahres 1846
wegen Ueberhandnehmen des Kindbetttiebers an der ersten Gebär-
klinik eine, ich weiss nicht die wie vielte, commissinnelle Unter-
suchung eingeleitet wurde, um die Ursache dieser Sterblichkeit zu
ermitteln. Wir haben berichtet, dass die Commission die Ursache der
Erkrankungen an der ersten Gebärklinik in den Beleidigungen der
Genitalien fand, den dieselben ausgesetzt sind durch die Unter-
suchungen, welche behufs des Unterrichts vorgenommen werden. Da
aber derartige Untersuchungen auch bei dem Unterrichte der Heb-
ammen stattfinden, so hat die Commission keinen Anstand genommen
zu erklären, dass die Schüler, vorzüglich die Ausländer, bei den
Untersuchungen roher zu Werke gehen. Auf diese Voraussetzung
hin hat man die Zahl der Schüler von 42 auf 20 reducirt, die Aus*
länder fast ganz ausgeschlossen, indem unter den Schülern nur zwei
Ausländer sein durften, und die Untersuchungen selbst auf das Mini-
mum reducirt.
Die oben angeführte Tabelle Nr. XV zeigt, wie gross die Sterb-
lichkeit vor dieser Hassregel war, wie sie sich in Folge dieser Mass-
regel verminderte, wie aber die Sterblichkeit trotz dieser Massregel
im Monate April und Mai wieder bedeutend zunahm.
Hier ist der Ort, für diese Erscheinungen eine Erklärung zu
geben ; bevor wir aber zur Erklärung übergehen, ist es nöthig,
Einiges vorauszuschicken.
vermöge meiner Verhältnisse als Aspirant für die Assistenten-
stelle an der ersten Gebärklinik, später als provisorischer und endlich
als wirklicher Assistent dieser Klinik war es mir nicht möglich, die
tiir einen Geburtshelfer so nöthige Gynaecologie an der gynae-
cologischen Abtheilung des k. k. allgemeinen Krankenhauses zu stu-
diren. Als Ersatz dafür pflegte ich vom Tage, als ich den Entschluss
fasste, mein Leben vorzüglich der Geburtshilfe zu widmen, also vom
Jahre 1844 bis zu meiner Uebersiedlung nach Pest 1850, vor der
Morgenvisite des Professors im Gebärhause fast täglich sämmtliche
weibliche Leichen in der Todtenkammer des k. k. allgemeinen Kranken-
hauses zum Behufe gynaecologischer Studien zu untersuchen. Die
Güte des Professors Rokitansky, dessen Freundschaft ich micht
Die Aftinlogie, der Begriff und die Pmphvlaiis des KitulbeUfi'l 3 41
rühmen konnte, and gegen welchen irh hier abermals meine Dank-
barkeil erkläre, erttieilte mir die Erlaubniss, sämmtliche weibliche
Leichen, welche nicht ohnedem schon zur Section bestimmt waren, zu
Betiren, damit ich das Krlebniss meiner Untersuchung durah den
SiH'tionsbet'und mntrolliren könne.
Aus Gründen, die nicht Meter gehören, hat. der Assistent der ersten
ßeb&rklimk in den Monaten December 1846, Jänner, Februar, März
die Todtenkammer nur sehr selten besucht. Die einheimischen
Studirenden. deren Zahl auf 18 beschränkt war, haben seinem Bei-
spiele gefolgt, dadurch war die Gelegenheit zur Verunreinigung der
Hände mit Cadavertheilen bedeutend verringert, Durch das Redu-
. iien der Untersuchungen auf das Minimum war die Gelegenheit,
mit i adaYWtheilen verunreinigte Hände mit den Genitalien der In-
dividuen in Berührung zu bringen, ebenfalls verringert, dadurch ist
die in den obgenannten Monaten eingetretene Verminderung der
Sterblichkeit an der ersten Gebärklinik zu erklären.
Am 20. März 1847 übernahm ich zum zweiten Male die Stelle
pines wirklichen Assistenten der ersten Gebärklinik., machte früh
Morgens meine gynaecologischen Studien in der Todtenkammer, ging
dann auf das Kreissezimmer, um sämmtliche auf dem Kreissezimmer
befindliche Kreissende, wie es meine und meiner Vorfahren Pflicht
war. zu untersuchen, damit ich dann dem die Morgenvisite haltenden
Professor über jede einzelne Kreissende einen Bericht erstatten konnte.
nivh habe ich meinen mit Cadavertheilen verunreinigten Finger
mir den Qenitalien so vieler Kreissenden in Berührung gebracht, und
die Folge war, dass im April von 312 Entbundenen 57, also 18.28 Per-
cent, gestorben. Im Mai sind von 294 Entbundenen 36 gestorben,
also 12.41 Percent. Mitte Mai beiläufig war es, ohne mich jedoch
Tages zu entsinnen, wo ich die Chlorwasehungen einführte. Ms
D mithin nicht die Beleidigungen der Genitalien durch das rohere
Untersuchen der tttudirenden, eine an und für sich schon irrige
Vorn Umsetzung, welche die grössere Sterblichkeit an der ersten Gebär-
klinik hervorgebracht, sondern das in Berührnngbringen der Geni-
talien mit Cadavertheilen mittelst des untersuchenden Fingers war
(ras die grössere Sterblichkeit an der ersten Gebärklinik hervor-
brachte. Während der Monate April und Mai, wo wieder so viele
gestorben waren, blieben die Verhältnisse der ersten Gebärklinik die-
selben wie im December 1846, Jiiimer, Februar, März 1847. und doch
wir die Sterblichkeit eine bedeutend grössere, weil mein mit Cadaver-
theilen verunreinigter Finger dazwischen kam.
Nachdem die Chlorwaschungen durch längere Zeit ein so glückliches
Resultat geliefert, wurde die Anzahl der Schüler wieder auf 42 ver-
r, man nahm bei der Aufnahme keine Rücksicht mehr, ob In-
oder Ausländer. Die Untersuchungen wurden wieder in der Aus-
dehnung vorgenommen, wie es eben der Unterricht erforderte, und
<dem hatte die erste Gebärklinik den traurigen Vorzug der
jseren Sterblichkeit in Vergleich zur zweiten Abtheilung verloren.
Man wende nicht ein, dass ich ja auch im December 1840. Jänner,
Februar. Mftra 1847 als provisorischer Assistent fimgirt, und die
eiologischen Studien in der Todtenkammer gemacht habe, und
trotzdem ist die Sterblichkeit eine bedeutend geringere gewesen; die
Erklärung liegt darin, dass ich als provisorischer Assistent zwar das
Recht hatte, alle Kreissenden zu untersuchen, aber nicht die Pflicht.
Hl'
Semmelweis' Abhandlungen nml Werk über »las Kindbett Heber.
Nach einem dreijährigen Aufenthalte in so einem grossen Gebärhause
war es für mich natürlich nicht belehrend, eine jede Kreissende zu
untersuchen; ich untersuchte nur die ungewöhnlichen Geburtsfalle,
d. h. sehr selten. Sobald ich wirklicher Assistent wurde, musste teil
vor der Morgen visite jede untersuchen, um dem Professor berichten
zu können; im Verlaufe der übrigen Zeit musste ich beinahe die
sämmtlichen Kreissenden untersuchen, behufs des Unterrichtes der
Schüler, und daher die grosse Sterblichkeit im Monat April und .Mai
im Jahre 1*47.
Unter Inländern versteht man diejenigen Schüler, welche ihre
-Studien an einer österreichischen Hochschule gemacht, und unter Aus-
ländern versteht man diejenigen, welche an einer nicht Österreichischen
Hochschule ihre Studien zurückgelegt haben, und zu ihrer fernereu
Ausbildung die grossartigen Anstalten der Wiener Hochschule für
längere oder kürzere Zeit besuchten. In Wien konnte man Aerzte
aus allen Ländern der civilisirteu Welt tieften. Der praktische ge-
i um tshilf liehe Curs dauerte zwei Monate; der Andrang der Schüler
in dieses grösste Gebärhaus der Welt war so gross, dass man un-
möglich alle sich Meldenden gleich aufnehmen konnte, ohne die
Kreissenden zu sehr zu belästigen. Die sich Meldenden bekamen eine
Nummer und die Austretenden wurden nach der Reihenfolge der
Meldungsnummer, ohne Rücksicht ob In- oder Ausländer, ersetzt.
Jedem Schüler stand es frei, den geburtshilflichen praktischen < ins
so oft mitzumachen, als er es für seine geburtshilfliche Ausbildung
für nöthig hielt; damit aber durch das ununterbrochene Bleiben
mehrerer Schüler während mehrerer Curse die Uebrigen an der Auf-
nahme nicht gehindert werden, mussten zwischen je zwei Cnrsen drei
Monate verstreichen. Die Commission beschuldigte die Ausländer,
dass sie gefährlicher seien, als die Inländer, weil sie roher unter-
suchen, und in Folge dieser Voraussetzung durften nur zwei Aus-
länder gleichzeitig den praktisch-geburtshilflichen Curs besuchen.
Dass die Commission dadurch eine jeden Grundes entbehrende Be-
schuldigung gegen die Ausländer aussprach, wird Jedermann auch
ohne meine Betheurung glauben, allein ich selbst hielt die. Ausländer
für gefährlicher als die Inländer, aber nicht deshalb, weil sie roher
untersuchen. Der Grund der grösseren Gefährlichkeit der Ausländer
im Vergleich zu den Inländern liegt in folgenden Verhältnissen.
Die Ausländer kommen nach Wien, um sich in ihrer schon an
einer andern Hochschule erlangten medicinischen Ausbildung zu ver-
vollkommnen. Sie besuchen die pathologischen und gerichtlichen
Sectionen im allgemeinen Krankenhause, sie nehmen Curse über patho-
logische Anatomie, über chirurgische, geburtshilfliche, eeulis tische
Operationslehre am Cadaver, sie besuchen die medicinisch- chirurgischen
KiMiikenabtheilungsn etc., mit einem Worte, sie benutzen ihre Zeit
so nützlich und lehrreich wie möglich, haben aber dadurch vielfältig
Gelegenheit, sich ihre Hände mit faulen, thierisch-organischen Stoffen
zu verunreinigen, und es ist daher nicht zu wundern, wenn die Aus-
länder, gleichseitig im Gebärhause beschäftigt, für die dort befind-
lichen Individuen gefährlich werden. Die Inländer pflegen den prak-
tisch-ireburtshüf liehen Curs nach abgelegten zwei strengen Prüfungen
zur Einengung des Grades eines Mediciuae-Doctors zu besuchen. Das
Gesetz gestattet als kürzesten Termin zur Vorbereitung für diese
Prüfungen sechs Monate, die Inländer haben sich daher vor ihrer
Ue Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbetiriebei^. 143
Aufnahme in's Gebärhaus schon viel geplagt, sie betrachten die Zeit
des geburtshilflichen Curses mehr als Ruhezeit, sie beschäftigen sich
;. während sie auf dem praktischen Curse im Geb&rhanse Bind,
in dieser Ausdehnung mit andern Gegenständen, durch welche sie
Uelegenheit hätten, sich die Hände zu verunreinigen, wie die Aus-
linder, und zwar beschäftigen sie sich während ihres Aufenthaltes im
am w weniger mit anderen Fächern der Medicin. als
ihnen ja nach beendetem praktischen Curse der Geburtshilfe Gelegen-
heit geboten ist, sich in der Medicin so vollkommen auszubilden, wie
es eben die Anstalten der Wiener Hochschule ermöglichen. Die Aus-
länder sind gezwungen, da ihr Aufenthalt in Wien in der Kegel nur
mehrere Monate dauert, sich gleichzeitig mit mehreren Fächern der
Medicin zu beschäftigen. Daraus kann man aber den Ausländern
eben so wenig einen Vorwurf machen, als mir und allen denjenigen,
welche die Gefährlichkeit der Untersuchung mit von Cadavertheilen
riechenden Händen nicht kennend, dadurch so zahlreiche Todesfälle
veranlassten.
Um meine Ansicht einer directen Prüfung zu unterziehen, hielt
ich Versuche an Thieren nöthig, welche ich mit meinem Freunde
Dr. Lautner, Assistenten bei Professor Rokitansky, mit Kaninchen
anstellte.
Erster Versuch: Am 22. März d. J. wurde einem Weibchen
' | stunde nachdem es geworfen hatte, ein mit missfarbigem Exsudate
du« h Endometritis befeuchteter Pinsel in die Scheide und Uterushöhle
eingeführt.
Das Thäer befand sich darauf bis zum 24. April scheinbar ganz
wohl. Am 24, April wurde es todt gefunden.
Bectioii: Die gefaltete Schleimhaut der Hörner des Uterus mit
lllissigem, schmutzig-graurüthlichen Exsudate überzogen, in der linken
Brusthöhle etwas Flüssigkeit, der untere Lungenlappen mit einer
nbranös geronnenen, idassgelblichen Exsudatsschielite überzogen,
lein Parenchym, so wie jenes der hintern untern Drittheile des obern
Lungenlappens grau hepatisirt, der übrige Antueil dieser Lunge so
wie die rechte Lunge lufthaltig zinnoberroth. Das Herz in eine
»gelbliche, zart villöse Exsudatschichte eingehüllt, und von einigen
rWi flüssigen Exsudates umspült
Zweit« i V e i s ii e h : Am 12. April wurde ein Weibchen etwa
12 stunden nach dem Wurfe, von fünf Jungen wie im ersten Versuche
behandelt. Weil das Thier des ersten Versuches sich noch ganz wohl
zu befinden schien, so glaubte mau beim zweiten Versuche den Pinsel
mehrere Tage nach einander einführen zu sollen Am 14. April
•rte das Thier beim Einführen des Pinsels Schmerz, der Oterns
sich heftig zusammen und presste gel blich weisses, dickflüssiges
idat aus. Am 17. April zeigte sich «las Thier bedeutend krank,
am 22. trat Diarrhoe ein, und am 23. April fand man das Thier todt.
Die Einführung des Pinsels geschah tu tri i«l* einmal bis zum Tode.
Section: In der Bauchhöhle etwas membranös gen um
einzelne Darmwindungen unter einander verklebendes Exsudat-, auf
der Vaginal- und Uterinalschleimheit und in deren Gewebe ein gelbes.
starres Exsudat, die Uterushdrner massig ausgedehnt, mit s< hnuitzig-
grauröthliclietn Exsudate gefüllt, im Dickdarme mehrere Gruppen f\ ü -
eiternder Follikel, die Sclileimhaut an liusengrossen Stellen theils ver-
eitert, theils mit gelbem Exsudate inftltrirt. und jede dieser stellen
144
Semmel weis' Abhandlungen und Werk über das Kmdbettfieber.
mit einem injicirten Gefässhofe umgeben. Die Lungen hellziunoberroth ;
im linken oberen Lappen eine bohnengrosse, blutig innltrirte, dichte
.Stelle mit einem Eiterpunkte in der Mitte.
Dritter Versuch: Am 15. April wurde einem Weibchen etwa
10 Stunden nach dem Wurfe von vier Jungen der Pinsel zum ersten
Male, und dann täglich einmal bis zum Tode, der am 21. April er-
folgte, eingeführt, Am 17. äusserte das Thier beim Einführen des
Pinsels Schmerz und presste eitriges Exsudat aus dem Uterus. Am
20. kam Diarrhöe.
Section: In der Bauchhöhle eine massige Menge flüssigen und
iiKiiiln unartig geronnenen, einzelne Darm Windungen vei klebenden
Exsudate. Die Schleimhaut der Scheide und des Uterus mit einem
en, innighaftenden Exsudate überkleidet und intiltrirt. Die
I t<rinalhörner im hohen Grade ausgedehnt, mit grauröthlicheni.
schmutzigen Exsudate gefüllt. In der Leber mehrere, bis linsengrosse.
mit eitrigem Exsudate infiltrirte Stellen, auf der Schleimhaut des
Dickdarms, nahe dem Endstücke des Processus vermafortms, eine mein
als linsengrosse, von einem injicirten Gefässhofe umgebene, ulcerirte,
mit blassgelblichem Exsudate überkleidete Stelle.
Vierter Versuch: Am 24. Mai wurde einem starken Weibchen
etwa eine Stunde nach dem Wurfe von fünf .hingen der Pinsel, welchen
man diesmal in mit Wasser verdünntes Blut aus der Leiche eines vor
36 Stunden an Marasmus verstorbenen Mannes tauchte, eingefühlt.
Am 25. wurde der Pinsel vor der Einführung mit pleuritiselictn
Exsudate benetzt: am JG. mit dem Peritonaeal-Exsudate eines Tuber-
culosen; ebenso am 27. Von da au wurde der Pinsel nicht mehr ein-
führt. Das Thier blieb anscheinend völlig gesund, und warf am 24.
.luni zum zweiten Male.
Fünfter Versuch: Am 2. Juni wurde einem Weibchen etwa
12 Stunden nach dem Wurfe der mit Peritonaeal-Exsudat, das s< Imn
beim vierten Versuche verwendet wurde, befeuchtete Pinsel eingeführt.
Am 3., 4., 5. .luni wurde die Einführung wiederholt, und von da an
das Thier unberührt gelassen. Es blieb scheinbar gesund und warf
am 28. .luni wieder. Am 89. Juni wurde der Pinsel mit einem pleu-
ntisehen Exsudate befeuchtet, neuerdings eingeführt, eben so am 30.
Das Thier blieb gesund und wurde am 17. Juli behufs eines andern
Experimentes jretiHltet Die Section zeigte keine auf Pyaemie hin-
weisende Veränderung.
S e c h s t e r Versuch Am 10. Juni wurde einem Weibchen einige
Stunden nach dem Wurfe der mit eitrigem, pleuritischem Exsudate
aus einer männlichen Leiche benetzte Pinsel eingeführt.
Vom 11. bis 30. Juni wurde zur Befeuchtung des Pinsels das
Peritonaeal-Exsiulrtt eines am Typhus verstorbenen Mannes verwendet.
Dm Tliier lili.-l» gesund und warf am 13. Juli zum zweiten Male.
An diesem Tage wurde der Pinsel neuerdings eingeführt, und
von da an täglich bis zum 24. Juli. Das Thier magerte ab, bekam
Diarrhöe und wurde am 30. .Juli todt gefunden.
Section: Im Herzbeutel einige Tropfen flockigen Serums, lu
ili>- Tricuspidalklappe eine erbsengrosse. in den Conus arUriosus hinein-
gedrängte, und eine hanfkorngrosse, auf dem freien Kande des Klappen-
zipl'els autsitzende, mit dem Endocardium des Papillarmuskels innig
zusammenhängende, schmutzig weisse, uneben höckerige Vegetation
refilzt; die innere Fläche des rechten Ventrikels mit einzelnen.
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindliettfiebera. 145
vi
l>
hi
gelblichweisseu, knötchenförmigen Gerinnungen besetzt. In der Bauch-
höhle niembranartig geronnenes und flüssige* Exsudat. In der Peripherie
der Leber, und zwar nahe der unteren Fläche, eine erbsengrosse, mit
starrem, gelblichem Exsudate infiltrirte Stelle. Der Uterus wie in
Nr, 4 beschaffen, nur ist die Infiltration undNecrose noch beträchtlicher.
Mehrere Venen von beträchtlicher Dicke zwischen dem Uteruskürj in-
dem rechten Hörn mit starrem, gelben Exsudate vollgepfropft.
Siebenter Versuch: Am 16. Juni, einige Stunden nach dem
Wurfe. Der Pinsel wurde mit dem Eiter aus einem Abscesse zwischen
den Kippen, der sich in der Leiche eines an Cholera verstorbenen
vorfand, benetzt.
Die Einpinselung wurde bis zum 3. Juli täglich vorgenommen.
Thier blieb gesund und warf am 18. Juli zum zweiten Male.
Das Experiment wird nun in der Art raodificirt, dass man sich
nicht mehr eines Pinsels bedient, um eine mechanische Verletzung
zu vermeiden. Die Flüssigkeit wird mittelst einer Tripperspritze mit
einem drei Zoll langen Rohre in die Geschlechtstheile gebracht. Gleich
nach dem Einspritzen preist das Thier die Flüssigkeit wieder aus.
Die Einspritzung wird täglich einmal bis zum 24, Juli vorgenommen.
Das Thier magerte ab, und wurde am 29. Juli todt gefunden.
Section: In beiden Brusthöhlen etwas gelbes, dickflüssiges
Exsudat, in der Bauchhöhle an swei Unzen zum Theile membranös
geronnenes Exsudat, der Uterus normal, blass. kein Exsudat auf seiner
Schleimhaut.
liter Versuch: Am 24. .luni dasselbe Thier, welches zum
viert, n Versuche benutzt wurde. Die Einpineelung geschah täglich
vom 24. .luni bis 8. Juli. Das Thier magerte sehr stark ab. bekam
iarrhüe und wurde am 25. Juli todt gefunden.
Sit i iim: In der Bauchhöhle etwas gelbliches Exsudat; auf der
hinteren Uteruswand eine dünne Schichte schmutziggelben, innig
haftenden Exsudates, in den Hörnern desselben etwas flüssiges,
schmutzig-grauröthliches Exsudat, an der Grenze zwischen Scheid«
und Uterus, der Einmündung der Urethra entsprechend, eine bohnen-
grosse, mit eitrigem Exsudate infiltrirte, oberflächlich necrosirte Stelle,
das dadurch gebildete Geschwür mit zackigen, unterminirten Rändern,
Sie Basis mit einer Schichte Exsudates überkleidet und die Substanz
der Vagina in der Länge eines Zolles liniendick mit Exsudat Emflltrirt
unter Versuch: Am 8. August, einige Stunden nach dein
Werfe wird Peritonaeal-Exsudat von einem Manne eingespritzt. Das
Thier stosst das Eingespritzte gleich wieder aus. Die Einspritzung
wird bis 15. tätlich gemacht. Das Thier sieht am 13. krank aus und
magert ab. Am 20. wird es todt gefunden.
Section: Etwas flockiges Exsudat in der Bauchhöhle; in der
Peripherie der Leber zahlreiche, meist hanfgrosse, gelbe Entzündungs-
herde. Die Utei usschleimheit an der hintern Wand im Umfange
einer Linie exeoriirt; die Substanz mit gelbem Exsudate bis an's
Peritonaenm infiltrirt, die Excoriation liegt um 1 Zoll höher als bei
Nr 6 und 8, Das rechte Uterinalhorn in so hohem Grade mit Exsudat
intiltrirt, dass es das doppelte Volumen erreichte, auf seiner Schleim-
haut freies Exsudat, die Venen in beiden Ugammtu hitis mit Exsudat
vollgepfropft.
Es ist kaum nöthig zu erwähnen, dass die in den Leichen der
Kaninchen vorgefundenen Veränderungen dieselben sind, wie sie sich
Semmel* eis' gasnmiiinH" Werke.
10
146
Semmehveia" Abhandlungen und Werk über das Kindbettneber.
in menschlichen Leichen in Folge von Puerperalkrankheiten und im
Allgemeinen in Folge von Py&emle einstellen.
N:i> •lideni das Ende meiner zweijährigen Dienstzeit herannahte,
lj;it ich, auch mir, wie meinem Vorfahrer Dr. Breit, meine Dienst-
zeit um zwei Jahre zu verlängern, und zwar glaubte ich darum um
so mehr bitten zu müssen, als ich dadurch Gelegenheit gehabt hätte,
meine Ansicht über die Entstehung des Kindbettfiebers , welche so
zahlreichen Widerspruch erregt, durch einen um zwei Jahre längeren
Erfolg bekräftigen zu können, allein meiner Bitte wurde keine Folge
gegeben zu einer Zeit, wo eben meinem an der zweiten Abtheilung
bediensteten t ollegen diese Begünstigung zu Theil wurde.
Auch mein Nachfolger erhielt eine zweijährige Dienstesverlängerung.
Nach meinem Austritte am 20. März 1849 aus der Stelle eines
Assistenten petitionirte ich um eine Privat-Docentur über Geburts-
hilfe. Mein Gesuch blieb erfolglos.
Nachdem ich das zweitemal petitionirte, wurde ich nach acht-
monatlichem Harren unterm 10. October 1850 zum Privat-Doceuten
über theoretische Geburtshilfe mit Beschränkung der ciiesfälligen
Demonstrationen und Uebungen auf's Phantom, ernannt.
Eine so beschränkte Doeentur konnte ich nicht benützen, weil
das Gesetz zur Giftigkeit der Zeugnisse des Docenten einen eben so
umfangreichen Unterricht von Seite des Privat-Docenten fordert, als
derjenige des Professors ist. dem Professor war es aber unbenommen,
auch Demonstrationen und Uebungen am Cadaver vorzunehmen.
Ich übersiedelte daher noch im Monate October 1850 in meine
Vaterstadt Pest.
Einen der ersten Abende in Pest brachte ich in Gesellschaft
einer grossen Anzahl Aerzte zu. Wegen meiner Anwesenheit kam
das Gespräch auf das Kindbettfieber, und es wurde der Einwurf gegen
meine Ansicht über die Entstehung des Kindbettfiebers geltend gemacht,
dass in der Gebärabtheilung des St, Rochus-Spitals zu Pest eben
jetzt so wie alljährig eine heftige Puerpei alfieber-Epidemie herrsche,,
obwohl dort keine Schüler untersuchen, deren Hände mit zersetzten
Thierisch-organischen Stollen verunreinigt wären, weil die Gebärab-
theilung im St. Rochus-Spitale keine Unterrichtsanstalt sei.
Am folgenden Morgen verfügte ich mich, um mich selbst zu über-
zeugen, in dieses Gebärhaus und fand eine eben am Puerperalfieber
verstorbene, noch nicht entfernte Wöchnerin, eine agonisirend und
vier andere Wöchnerinnen waren .schwer am Puerperalfieber erkrankt,
die übrigen anwesenden Individuen waren keine Wöchnerinnen, sondern
an andern Krankheiten Leidende. Dadurch war zwar das Factum
eines ungünstigen Gesundheitszustandes der Wöchnerinnen constatin.
aber nicht im Widerspruche, sondern im bestätigenden Einklänge
mit meiner Ansicht über die Entstehung des Kindbettfiebers, indem
nähere Erkundigungen ergaben, dass die geburtshilfliche Abtheilunsr
keine selbstständiuv Abtheilung sei, sondern eine einer chirurgischen
Abtheilung zugetheilte, der geburtshilfliche Primarius war daher zn-
gleich chirurgischer Primarius und Gerichts- Anatom. Dazu kommt
Dceh, daaa Fegen Hange! eines Prosectora die Sectionen von den
betreffenden Abtheilnngsärzten vorgenommen werden mussten.
Der Primarius pflegte zuerst auf der chirurgischen und dann auf
der geburtshilflichen Äbtheilung die Visite zu halten; wenn daher
an der geburtshilflichen Abtheilung des St. Rochus-Spitals keine
Die Aetiologie, to Begriff und Mi Prophylaxis de» Kiß'lijettftebew. 147
Schüler untersuchten, deren Hände mit zersetzten thierisch-organischen
Stoffen verunreinigt waren, so untersuchten doch der Primarius und
die ihm zugetheilten Aerzte, nachdem sie sich fj iilier während der
■ auf der chirurgischen Abtheilnng die Hände mit zersetzten
organischen Stoffen verunreinigt hatten.
Wir haben oben gezeigt, dass die grössere Sterblichkeit an der
ersten geburtshilflichen Klinik im Vergleiche zur zweiten bedingt
war durch die CadavertheileT welche an den Händen der l rntersuchendan
klebten. Wir haben gezeigt, dass im Monate October 1847 Janche-
theile eines verjauchenden Medullurkrebses der Gebärmutter das Kind-
heit, fieber hervorgebracht haben. Wir haben gezeigt, dass im Monate
November 1847 ein Jauchetheile exhalirendes cariöaea Knie das Kind-
bettfieber hervorgebracht habe.
An der Gebärabteilung des St Rochus-Spilales war das erzeugende
Moment des Kindbettfiebers die verschiedenen zersetzten thierisch-
organischen Stoffe, welche sich so reichlich an einer chirurgischen
Abtheilung vorfinden. Es dürfte nöthig sein, einige Worte über die
V» -rhältnisse des Gebärhauses im St. Rochus-Spital zu erwähnen.
Das St. Rochus-Spital ist ein der Commune Pest gehöriges Kranken-
baus mit einem Belegraume für 600 Kranke. Angestellt sind: drei
medizinische und zwei chirurgische Primarien. Die geburtshilfliche
Abtheilung war, wie schon gesagt, einem chirurgischen Primarius
zugei heilt So lange die geburtshilfliche Klinik der Pester medizinischen
Pacnltät geöffnet ist, dürfen an der geburtshilflichen Abtheilung des
8t Rochns-Spitala keine Kreissenden aufgenommen werden, um der
Klinik nicht das Lehrmaterial zu entziehen, nur während der grossen
Ferien im Monate August und September, während welcher die
geburtshilfliche Klinik der Pester medicinischen Facnltät geschlossen
ist weiilen Kreisseiide im St. Rochus-Spitale aufgenommen, die übrigen
s( ihn Monate des Jahres wurden die Localitaten des Gebärhauses als
chirurgische Abtheilung benutzt.
Während des Schuljahres wurden nur solche Individuen an der
geburtshilflichen Abtheilung entbunden, welche im St. Rochus-Spitale,
an den verschiedensten Krankheiten leidend, während der Behandlung
von der Geburt überrascht wurden. Die Localitaten der geburts-
hilflichen Abtheilung befinden sich im zweiten Stockwerke des Ge-
bäudes, und bestehen aus einem Kreisse- und zwei Wochenzimmern,
deren sechs Fenster sämmtlich in den Leichenhof münden. Längst
den ebenerdigen Gebäuden des Leichenhofes zieht sich eine breite
Strasse hin. welche das Entweichen der schädlichen Exhalationen des
Leichenhofes erleichtert.
Am 20. Mai 1851 übernahm ich die geburtshilfliche Abteilung
des St. Rochus-Spitals als unbesoldeter Honorar-Primararzt und ftm-
als solcher durch sechs Jahre, bis Juni 1857, dadurch wurde
der Verband mit der chirurgischen Abtheilung gelöst und während
des Schuljahres wurden die Localitaten des Gebärhanses nicht mehr
i hirurgische, sondern als gynäkologische Abtheilung benützt. Da-
durch wurde aber das aetiologische Moment des früher an dieser Ab-
Inng herrschenden Kindbettfiebers entfernt, nämlich die zer-
setzte!] thierisch-organischen Stoffe der chirurgischen Abtheilung; in
Folge dessen kam das Kindbettfieber nicht mehr in grösserer Aus-
dehnuog vor.
10*
148
Semmelweis' Abhandlungen nnd Werk über das Kindbettfieber.
Die Chlorwaschungen hatten wir für gewöhnlich nicht in Gebrauch
gezogen, weil wir unsere Hände nicht von zersetzten tbierisch- orga-
nischen Stoffen zu reinigen hatten.
Nur nach den wenigen Sectionen, welche wir zu machen hatten,
benützten wir den Chlorkalk, um unsere Hände zu reinigen.
In den Ferialmonaten des Schuljahres 18501 ereigneten sich an
der geburtshilflichen Abtheilung des St. Rochus-Spitals 121 Geburten.
Im Schuljahre 1851,2.
189 Gebarten,
1852/3,
142
1853/4,
156
1854/5,
199
„ 1855/6,
126
es ereigneten sich mithin während dieses Zeitraumes 933 Geburten,
davon sind gestorben 24, und zwar 8 am Kindbett fieber, also 0.85
Percent-Ant heile, die übrigen 16 Wöchnerinnen starben an den ver-
schiedensten Krankheiten, an welchen sie während der Schwangerschaft
im St. Roclms-Spitale bebandelt, und bei eintretender Geburt in die
Gebärabtheilung transferirt wurden.
Bei einer von den acht am Kindbettueber verstorbeneu Wöchner-
innen war das Kindbettfieber dadurch erzeugt, dass sie wegen Steisslage
des Kindes von einem chirurgischen Secutidarius untersucht wurde, nach-
dem er eben die Section eines an gangraenösen Unterschenkels ver-
storbenen Mannes gemacht hatte. Es starben mithin in der Gebär-
abtheilung des St. Kochus-Spitales nicht 1 Percent Wöchnerinnen .-im
Kindbettfleber innerhalb sechs Jahre, in welcher Abtheilung früher
das Kindbettfieber alljährlich so zahlreiche Opfer forderte.
Unterm 18. Juli 1855 wurde ich zum Professor der theoretischen
und praktischen Geburtshilfe an der Hochschule zu Pest ernannt» und
begann als solcher meine Thätigkeit an der geburtshilflichen Klinik
im October desselben Jahres. Die geburtshilfliche Klinik befindet
sich im zweiten Stocke des Facultätsgebäudes und besteht aus einem
Kreisse- und vier Wochenzimmern.
Um den Leser mit den Verhältnissen dieser Klinik bekannt zu
machen, wird es zweckentsprechend sein, theihveise das Gesuch tnit-
zutheilen, welches ich an die competenten Behörden richtete, um die
Erlaubnis* zu erlangen, diese höchst sanitäts widrigen und unge-
nügenden Loyalitäten verbissen zu dürfen.
In diesem Gesuche heisst es unter andern: „Dass die Localit
der geburtshilflichen Klinik höchst sanitätswidrig seien, geht aus
folgenden Betrachtungen hervor.
„Laut den Allerhöchsten Verordnungen in Betreff der Organi-
sirang der Krankenanstalten in Bezug auf Flächeninhalt des Beleg-
raumes werden vier Quadratklafter für ein Wochenbett vorgeschrieben.
Da die geburtshilfliche Klinik 26 Betten besitzt, so erfordert das,
um den allerhöchsten Anforderungen zu entsprechen, 104 Quadrat-
klafter, die geburtshilfliche Klinik besitzt aber nur 41 Quadrat-
klafter; dann fehlt noch der Raum, welcher für eine so grosse An-
zahl von Schülern und Schülerinnen erfordert wird. Drei Zimmer
sind so klein, dass sie kaum die Hälfte der Schüler und Schülerinnen
fassen können, daBS aber auch in den zwei Zimmern, welche gerade
rosa sind, dass sie sämmtliche Lernende fassen können, ohne gerade
unbeweglich aneinander gedrängt zu sein, die Luft in denselben auf
Die Aetiologie. der Begriff und die Prophylaxis des Xinclbettüeberä. 149
eine für die anwesenden Wöchnerinnen höchst nachtheilige Weise ver-
dorben wird, leuchtet jedem Unbefangenen ein.
., Tri den Fensterpfeilern zweier Zimmer befinden sich drei Sehorn-
te des chemischen Laboratoriums, wodurch die Temperatur dieser
Zimmer, wenn au den entsprechenden Herden gefeuert wird, sich zur
unerträglichen Hohe steigert,
„Die Localitäten der geburtshilflichen Klinik sind so beschränkt,
kein Zimmer als Krankenzimmer reservirt werden kann: dadurch
bleiben die Kranken zerstreut unter den Gesunden liegen, dadurch
wird das Kindbettfieber, welches zwar keine contagiöse Krankheit.
jedoch unter gewissen Bedingungen eine, von einem Individuum auf
das andere übertragbare Krankheit ist, verbreitet.
„Die Umgebung der Localitäten der geburtshilflichen Klinik ist
folgende: Zwei Fenster der Klinik münden in den nördlichen Lichthof
und secbe Fenster in den westlichen; der nördliche Lichthof ist zwei
Klafter fünf Schuh breit, und von einer bis zur gleichen Höhe der
Fenster des Gebärhauses reichenden Feuermauer des Nachbarhauses
eingeschlossen; in diesem Lichthofe befinden sich zu ebener Erde, im
n und zweiten Stocke die Aborte des Ge.bäu
,.Zu ebener Erde reiht sich an die Aborte die Kehrichtgrube des
Gebäudes, Diese verfaulende Masse verbreitet einen penetrirenden
Gestank. Das Erdgeschoss des Gebäudes ist eingenommen von den
litäten der elementaren und pathologischen Anatomie; gerade
unter den Fenstern des Gebärhauses befindet sich der Ans<riiss. wo
alle flüssigen Abfälle der elementaren und pathologischen Anatomie
ausg< werden. Das erste Stockwerk ist eingenommen von den
Localitäten der Chemie; in dem Winkel, wo sich der nördliche und
liehe Lichthof berühren, liegt die Todtenkammer der Kliniken ;
der westliche Lichthot ist eine Klafter breit, und von einer drei
Klafter hohen Mauer eingeschlossen, jenseits welcher sich ein unbe-
• t Grund befindet. In diesem Hofe befindet sich zum Theile die
Tmltenkammer. ebenerdig wieder die Localitäten der elementaren
und pathologischen Anatomie, im ersten Stockwerke die Localitäten
der Chemie.
„Es ist hier nicht der Ort, die Ansicht des ergebenst Gefertigten
über die Entstehung des Kindbetttiebers zu entwickeln, es genügt zu
bemerken, dass er die Ueberzeugung hegt, dass, keinen einzigen Fall
7011 Kim Um -ttfieber ausgenommen, alle Fälle dieser Krankheit durch
die Aufnahme eines zersetzten thierisch-organischen Stoffes entstellen.
„Ein löbliches Professorencollegium kann sich die bemätleidens-
prerthe Lage des Professors der Geburtshilfe denken, wenn er mit
einer solchen Ueberzeugung nur die Wahl hat, entweder die Fenster
hermetisch zu schliessen, und so seine Wöchnerinnen in einer in
einem ungenügenden Locale durch eine grosse Anzahl von Schülern
um] s.lnilri innen verdorbenen Luft verkommen zu lassen, oder durch
Oeflnen der Fenster der mit zersetzten organischen Stoffen ge-
BChwftngerten Luft der beiden Lichthöfe den Zutritt zu den Wöch-
nerinnen zu gestatten.
„So düster auch die Gegenwart der geburtshilf liehen Klinik ist,
so droht ihr, falls sie in denselben Localitäten verbleiben sollte, eine
noch düsterere Zukunft.
„Auf dem jenBeits des westlichen Lichthofes befindlichen leeren
Grunde soll ein zwei Stock hohes Gebäude gebaut werden; dadurch
150
Süfttnelweis' Ahliandlangen und Werk über das Kindbettfieber.
wird nicht nur dem Lichte der Zutritt zu sechs Fenstern der ge-
burtshilflichen Klinik vollkommen abgesperrt, sondern die Kindbett-
fteber bringenden Ausdünstungen des nur eine Klafter breiten Licht-
bofes würden, da ihnen das Entweichen über den leeren (.niiid un-
möglich gemacht winde, in höchst gefährlicher Condetisation durch
das zwei Stuck hohe Gebäude den Fenstern der geburtshilflichen
Klinik zugeleitet werden.
v,Ob aber die Wöchnerinnen an der Klinik des Gefertigten sieh
eines gesunden Zustande« erfreuen, oder ob sie vom Kindbettfieber
dahingerafft werden, ist nicht blos wichtig1 für die in dieser Klinik
Verpflegten: die Ergebnisse der Bemühungen des Gefertigten in Bezog
auf den Gesundheitszustand der von ihm behandelten Wöchnerinnen
haben Bedeutung für das ganze Menschengeschlecht.
„Die Thatsache, dasa das Kindbettfieber im Gebärhause auf-
fallend zahlreichere Todesfälle veranlasse, als ausserhalb des Gebür-
hauses, ist nicht allein den Aerzten bekannt, sondern auch den Laien,
und in offiziellen Docnmenten werden die Gebärhäuser nicht allein
von Aerzten. sondern auch von Verwaltungsbeainten ., Mördergruben"
genannt. Auf die Thatsache, dass das Kindbett lieber im Gebärhause
verderblicher wüthe, gestützt, ist die Frage wiederholt in Beratluuig
gezogen worden, ob es für das menschliche Geschlecht nicht wohl-
tätiger wäre, B&mmtliche Geb&rhänser zu cassiren,
..Nur ein entsetzliches Dilemma rettete die Gebärhäuser vor
Vernichtung.
„Wenn die Individuen im Gebärhause entbinden, so richtet das
Kindbettfleber unter ihnen schreckenerregende Verheerungen an, und
eine bedeutende Anzahl steigt frühzeitig in der Blüthe des Lebens
ins Grab.
..Würden in Folge der Aufhebung sä in mtl icher Gebärhäuser die
Geburten ausserhalb des Gebärhauses vorsiehgehen, so würden die
Entbundenen in grösserer Anzahl wohl gesund bleiben, aber nun be-
ginnen die Sorgen um die eigene und die Verpflegung des Kindes,
und nun entstehen in Folge der Noth die Verbrechen der Kind-
abtreibung, der Kiudesaussetzung und des Kindesmordes.
..Man hat daher die Gebärhäuser nur darum bestehen lassen, weil
man der Ansicht war, dass es besser sei, die Kreissenden in Gebär-
häuser]) den Gefahren des Kindbettfiebers auszusetzen, als ausserhalb
des Gebärhanses den Gefahren der Noth. wodurch eine so große An-
zahl derselben den Gefängnissen verfällt.
,,Der ergebenst Gefertigte hat die Ursache dieses verheerenden
Kindbett Hebers gefunden, und lehrt ihre Wirksamkeit unschädlich zu
nun hen. Die Aufmerksamkeit aller Anhänger und Gegner dieser
Lehre ist auf den Gesundheitszustand der von dem Gefertigten be-
handelten Wöchnerinnen gerichtet; die Anhänger müssen schwankend
werden und die Gegner müssen sich in ihren Zweifeln bestärkt
fohlen, wenn der Gesundheitszustand der in der Klinik verpflegten
Wöchnerinnen ein so ungünstiger ist. dadurch wird die Verbreitung
der Lehre des Gefertigten verhindert und dadurch wird das Menschen-
geschleohl durch längere Zeit noch von einer Seuche geplagt, als es
der Fall wäre, wenn er den Erfolg auch an der geburtshilflichen
Klinik zu. Pest für sich anführen könnte.
..Mit dieser Ansicht von der Sanitäts Widrigkeit der Localitäten
der geburtshilflichen Klinik steht Gefertigter nicht allein, das
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kimlbettüebers. 1 — » L
Professorencollegium theilte dieselbe Ansicht zu einer Zeit, als ich
noch nicht die Ehre hatte, Mitglied desselben zu sein, indem es sagte:
In Folge Erlasses der hoben k. k. statthaltereiabtheilung zu Ofen
vom 10. September 1854, Z. 19.458, wurde -Seitens des medicinischen
Professorencollegiums unterm 17. März 1855 der Antrag: zur Abhilfe
der Gebrechen gestellt, welche dem gedeihlichen Emporkommen der
Institute der medicinischen Facultät am meisten hemmend in den
Weg treten.
,,In diesem Vortrage heisst es unter andern: Der durch die Heber*
lüllung der Krankensäle mit Patienten bedingten Luftverderbniss
wird im ich in höchst bedauerlicher Weise dadurch Vorschub geleistet,
die klinischen Anstalten sich in der unmittelbaren Nachbarschaft
solcher Institute befinden, durch welche der Luft Verderbnis s geradezu
Tlmr und Thor geöffnet wird. So z. K. befindet sich die geburtshilf-
liche Klinik im zweiten Stocke gerade über dem im ersten Stocke
henden chemischen und im Erdgeschosse befindlichen anatomischen
Institute, demnach müssen die in den beiden letztgenannten Anstalten
lten schädlichen Luftarten in ihrem Entweichen nach oben
die Fenster der Qebaranstalt bestreichen, wodurch geschieht, dass bei
dem Oeft'nen der Fenster und Thüren in obiger Anstalt statt der
guten Luft die in den Instituten «1er beiden untern Stockwerke ent-
Wickelten ungesunden Gasarien in die h'fmine der Gebäranstalt ein-
gelassen werden. Hierin ist wohl die wichtigste Veranlassung des
Ausbruches des Puerperalfiebers zu suchen, wegen welchen die hiesige
geburtshilfliche Klinik schon zu wiederholten Malen während des
s.liuljahres für einige Zeit gesperrt werden rausste. Dass die etwaige
Itzung der unter dieser Klinik befindlichen Räumlichkeiten zu
Zwecken des zu ereilenden Operateur-Institutes dem obigen Uebel
nur noch ein um so grösserer Vorschub geleistet würde, bedarf wohl
I einer weiteren Erörterung etc. etc. (Ist trotzdem geschehen.)
„Aber nicht blos der Gefertigte und das Professorencollegium
theilt die Ansicht von der Sanitätswidrigkeit der Legalitäten der ge-
burtshilflichen Klinik, auch die allgemeine Meinung spricht sich im
gleichen Sinne aus. Die allgemeine Meinung hat in einem Artikel
der „Wiener medicinischen Wochenschrift1' vom 18. Juli 1857 ihren
Ausdruck gefunden. In diesem Artikel, welcher die Aufschrift fuhrt :
„Die medicinische Lehranstalt zu Pest Nro. V" heisst es;
.Mrnn-nto iiOBci.
.X Y .'/,. Griimh' mkire nennt man im Boston-Spiele jene Partie,
wo der Spieler trachten muss, durch rechtzeitiges Wegwerfen der
guten Blätter und namentlich der Trümpfe sich so zu entblössen, dass
es dem Gegner unmöglich wird, ihn zu einem Stiche zu zwingen.
Ein solcher Sieg ist keineswegs leicht. An diese Partie wurde ich
bei einem Besuche der hiesigen geburtshilflichen Klinik gemahnt, wo
es auch darauf abgesehen scheint, nicht mit der winzigsten guten
Eigenschaft den Eindruck zu verwischen, den alle die zahlreichen
^Zweckmässigkeiten und Mängel des Institutes auf den unbefangenen
Gast hervorrufen; grande mitere auch darum, weil es wirklich nicht
hiebt wäre, ein zweites Exemplar dieser Anhäufung von Uebel-
stiniden herzustellen. Ich mache mit der Besprechung dieser Klinik
übrigens hauptsächlich aus dem Grunde den Anfang, weil ihrer be-
reits mehrmals in diesen Blättern erwähnt worden ist, was in dem
152
Semmetweis' Abhandlungen und Werk über du Kindbetttieber.
Leser vielleicht den Gedanken geweckt hat, dass es mit dieser Klinik
ein eigenes Bewandtniss haben müsse. Nun dieses Bewandtnis» ist
so eben ausgesprochen worden. Die Klinik befindet sich im zweiten
Stockwerke, und zwar in dessen hinterst gelegenem Theile, so dass
die Armen, von Wehen Ergriffenen nicht nur etwa einen weiten Weg
aus dem oder jenem Stadttheile zurücklegen müssen, sondern auch
ranöthigt sind, sich mühsam zwei Treppen und einen langen Corridor
fortzuschleppen, woher es dann auch kommt, dass Treppengeburten
nicht zu den Seltenheiten gehören. Diese nnzweckmässige Entfernung;
der Klinik vom Eingangsthore des Hauses ist um so nacht heiliger
bei einer Gebäranstalt, in welcher wegeu Rauuibesdiiänkuntr nur
solche Frauen aufgenommen werden, bei welchen der Geburtsnet be-
reits begonnen hat oder imminent ist, nicht aber wie in Wien in den
letzten beiden Schwangerschaftsmonaten. Damit aber die Lage der
Klinik im oben angedeuteten Sinue nichts zu wünschen übrig lasse,
gehen die Fenster auf der einen Seite auf den Leichenhof hinaus,
indess die anderen sich gerade über dem Secirsaal befinden. Auch
damit nicht zufrieden, hat man durch eine Wand des eigentlichen
Krankenzimmers drei, sage drei, gut ziehende Schornsteine des
unterhalb der Klinik int ersten Stockwerke befindlichen chemischen
Laboratoriums geführt, welche die Wand mitten im Sommer zu einem
förmlichen grossen Ofen umgestalten. Wer's nicht glaubt, halte die
Hand hin; ich weiss gewiss, er thnt'a nicht ein zweites Mal, und
glaubt mir lieber in Zukunft aufs Wort.
,Die Klinik besteht aus fünf Zimmern; davon drei mit einem
Fenster, eines mit zwei, und endlich ein Eckzimmer mit drei Fenstern.
Von dem einfeustrigen ist eines so klein, dass es nur das Bett der
Wärterin enthalten kann. Es bleiben somit eigentlich nur vier
Räumcheu für die Wöchnerinnen. Das Kreissezimmer hat, wie be-
reits in einem früheren Briefe erwähnt, nur ein Fenster und drei
Betten, daran stosst ein zweites mit einem Fenster. Man denke sich
nun ein lleissig besuchtes Klinikum, besucht in diesem Semester von
93 Hebammen und 27 Medicinern oder Chirurgen, man denkt sieb
ein Thermometer von 26° K. im Schatten — und wer eine genug
lebendige Phantasie hat, denke sich endlich unter solchen Umständen
die Miihen des operirenden Professors, oder die zehnfache Qual der
Operirten. Auch hier, wie bei der Oaminwand, war kürzlich jedem
Optimisten reiche Gelegenheit zu einem eindringlichen Argumentum
ad homincm geboten. Es lag wirklich ein bedauernswürdiges Ge-
BOhÖpf auf dem Querbette; Lehrer, Assistent und ein dichter Knäuel
von Hebammen und Studirenden umstanden das>r]li«- bis in das
dritte Zimmer hinein war Kopf an Kopf dicht gedrängt, und doch
eigentlich nur um schreien zu hören, da vom Sehen keine Rede war,
eine Hitze, die eher geeignet ist, Jemanden aus der Welt, als in die-
selbe zu locken; dem Professor perlte der Schweiss von der Stiine.
als die Wendung vollendet war, und eben im Begriffe, das erste
Zangenblatt einzuführen, kommt er einer förmlichen Ohnmacht so
nahe, dass er genöthigt Ist, das seiner Hand entsinkende Instrument
dem Assistenten zu übergeben und sich schleunigst aus der irre-
spirabeln Luft der Klinik zu flächten. Es ist wirklich zum Ver-
wundern und spricht auf alle Fälle rühmend für die rationelle und
sorgfältige Behandlung der Wöchnerinnen, dass puerperale Er-
krankungen in den letzten Jahren trotz alledem und alledem eher ab-
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 153
als zugenommen haben. Wo wollte man aber auch mit den Kranken
hin. wenn dem nicht so wäre, denn da ausser den drei Kreissebetten
im Ganzen nur noch 23 Betten vorhanden sind, nämlich im ein-
fenstrigen drei, im zweifenstrigen mit dem künstlichen Tropenklima
acht und im Eckzimmer zwölf. Wer sich etwa wieder einfallen Hesse,
Dicht zu glauben, dass der Verlauf des Wochenbettes in Afrika ein
günstigerer ist, deu können wir auf gelindere Weise, nämlich mit
einem einfachen RechenexempeL davon überzeugen. Es werden näm-
lich im Zeiträume eines Schuljahres an 600 Geburten beobachtet,
was nur dadurch möglich wird, dass die Wöchnerin mit dem Kinde
am neunten Tage die Anstalt in der Regel verlässt; herrschte der
Puerperalprocess hier in ähnlicher Art wie im Wiener Gebärhause,
so könnte kaum die Zahl von 100 Geburten erreicht werden.
.Dies wäre, wird man sagen, denn doch eine schöne Eigenschaft
der Gebärklinik, und wir sind die Letzten, es zu läugnen; aber Grande
re bezieht sich immer nur auf die Unterrichtsmittel, und die liegen,
wie man einsieht, im Argen; denn was helfen 600 Geburten: wenn
man kaum ein Dutzend davon zu sehen bekommt! Bekanntlich ge-
schehen diese zu guten zwei Dritttheilen während der Nacht, ^ehen
aber für den Unterricht in so fern verloren, als gar keine Räume zur
Behausung der Studirenden oder Hebammen für die Nachtzeit vor-
handen sind. Es haben somit nur die beiden Inspection haltenden
Her Gelegenheit zum Lernen, und auch diese nur auf Kosten ihrer
Gesundheit, wenn -sie die Nachtzeit im überfüllten Kranken/immer
zubringen wollen ; bei Tage aber muss man, wie oben gezeigt wurde,
schon ein paar Pürl'e aushalten können, wenn man sich in dem kleinen
Räume durchdrängen will. Nichts aber ist gefährlicher für den
Studirenden als die Idee, dass seine Mühe vergebens ist; hat sich
einmal eingenistet im Kopfe, so tritt Gleichgiltigkeit, oder gar
Widerwillen an die Stelle des anfänglichen Eifers, und selbst die
geringe Gelegenheit wird missachtet, die sich dem Lernbegierigen hie
und da darbieten mag.
.Nicht besser steht es um das Capitel der Vorlesungen. Da kein
eigener Hörsaal für diese Klinik existirt, so gastirt der Professor der
Geburtshilfe, wann und wo er eben Einläse findet T im Winter zu
ebener Erde im acologischen Hörsaale, im Sommer im chirurgischen.
Dass das Auditorium im Winter um sieben Uhr Früh, also meist bei
Kerzenbeleuchtung nicht unmässig belebt ist, wäre eben kein grosses
Unglück, da ja überhaupt die sogenannte theoretische Geburtshilfe
im dritten Jahrgange der Med i ein bekanntlich nichts taugt, und bald
ganz einem vernünftigeren Lehrplane wird weichen müssen; 'las*
aber die so wichtige praktische Geburtshilfe mit Demonstrationen am
Phantome aus Mangel an dem obigen Wann und Wo auf dem Corridor
zwischen Fenstern und Thüren, Treppen und Waschküchen, und zwar
vor einem Zuhörerkreise von 120 Herren und Damen vorgetragen
werden soll — das ist ein so schreiender Missbrauch, wie man ihn
nur in einer ganz exception eilen Anstalt gewahr werden kann. Ich
frage kühn: hat man ein Recht gehabt, jenen Landchirurgen vor
Kurzem zu vertirtheilen, der eine Uterusruptur nicht erkannt, und
■in Stück Darm ganz naiv abgebunden hat? Ist es ihm beim besten
Willen während der Studienzeit möglich gewesen, genügende Kennt-
nisse dieses schwierigsten aller praktischen Fächer sich eigen zu
machen? Oder ist es nicht vielmehr zu verwundern, dass dergleichen
154
Semmelweis1 Abhandlungen and Werk über das Kindbettfieber.
traurige Quiproguo so selten vorkommen, dass nämlich trotz des
Unterrichtes in der Geburtshilfe so viele Kinder lebendig geboren
weiden.
Upenii! iuiiscur.se sind ein unentbehrliches Hilfsmittel beim Unter-
richte der Geburtshilfe, bringen den Anfänger in der Regel viel
weiter an Muth und Uebung als ähnliche Corte in der Chirurgie;
aliev wie sieht es mit diesem Theile des Unterrichte in einer Lehr-
anstalt aus, wo überhaupt Mangel an Leichen vorzukommen pflegt?
.Endlich fehlt jede kleinste Gelegenheit, gynaeeologische Studien
zu machen, ein Uebelstand, der wohl auch anderwärts an geburts-
hilflichen Kliniken herrscht, wofür aber durch eigene gynaeeologische
Abheilungen in demselben Hause Ersatz zu finden ist. Bis vor
Kurzem, und zwar durch sechs volle Jahre hat der Professor der
Geburtshilfe im K chus-Spitale eine kleine ibtheünng für Frauen-
krankheiten, und zwar unentgeltlich versehen; es war ihm dadurch
Gelegenheit gegeben, ehren und den andern tleissigen Studirenden in
dieser wichtagen Materie einzuführen, und unberechenbar viel Gutes
für Tausende damit zu stiften; — dieses hat nun gegen seinen Willen
auch ein Ende. So tragische Fehler, wie das in die Taschestecken
eines Stückes Darm, geschehen nicht, alle Tage, aber alle Tage wird
auf Vollblütigkeit curirt. anstatt einen Polypen zu unterbinden; und
alle Tage wird Hheam mit Ak& verschrieben, anstatt, dass man von
den vorhandenen I Ai ..i iitionen Notiz nehme; und in der That wird
der junge Arzt mit einer Unkenntnis der Frauenkrankheiten in die
Praxis entlassen, die einem wahrhaft bange machen kann, für Er-
haltung der schöneren Hälfte der Menschheit, die noch obendrein die
grössere ist.1
In diesen Lncalitäten werden innerhalb zehn Monate bei
500 Wöchnerinnen verpflegt, und gleichzeitig 60 bis 70 Geburtshelfer
und 180 bis 190 Hebammenschülerinnen unterrichtet. Der praktische
geburtshilfliche Cara dauert für einen Geburtshelfer zwei Monate, für
eine Hebammenschülerin fünf Monate, es ist mithin der Lehrer be-
ständig mindestens von 100 Lernenden umgeben.
Im Schuljahre 1866/6 wurden 514 Wöchnerinnen verpflegt, davon
sind gestorben 5, und zwar 2 am Kindbettfieber und 3 an andern
Krankheiten, es starben mithin am Kindbettfieber 0.^ Percent-Au-
theile.
Im Schuljahre 1866/7 wurden verpflegt: 558 Individuen, darunter
waren 551 Wöchnerinnen und 7 irviiaecologische Fälle; von den
558 Verpflegten sind gestorben 31 , darunter 16 an Kindbettfieber und
1"< un andern Krankheiten, es starben mithin am Kindbettfieber 2.a„
Percent-Antheile.
Im .Schuljahre 1857,8 wurden verpflegt 457 Individuen, darunter
waren 449 Wöchnerinnen und B gynaeoologische Fallt-, davon sind
gestorben 23, und zwar 18 am Kindbettfieber und 5 an andern Krank-
heiten, es starben mithin am Kindbettfieber i.„h Percent-Antheile.
Die im Schuljahre 1856/7 vorgekommene Sterblichkeit von 2,j»„
und im Schuljahre 1857/8 von 4.,,., Percent-Antheile unter den Wöch-
nerinnen am Kindbettfieber veranlasste eine offizielle Correspondenz.
welche wir hier tludlweise mittheilen wollen, damit der Leser mit
der veranlassenden Ursache dieser Sterblichkeit bekannt werde. Es
heisst unter andern: „Es sind hieher im vertraulichen Wege Mit-
theilungen gemacht worden, welche mehrfache Unzukömmlichkeiten
Vetiolo^ie, der Begriff und die Prophylaxis des Kiudbettfiebers. 155
und Uebelstände der geburtshilflichen Klinik der k. k. Universitüt
betreffen, dass z. B. durch die Sorglosigkeit der Oberhebamme X. N.
triebt nur das Bettzeug der Wöchnerinnen selten gewechselt, sondern
sogar noch mit Blut besudeltes Bettzeug verstorbener Wöchnerinnen
den neuzugekommenen unterbreitet wurde, in Folge dessen soll die
Sterblichkeit zu Anfang des heurigen Jahres einen so hohen Grad,
erreicht haben, dass an einem Tage bis zn zehn Wöchnerinnen ge-
storben sind.
.. Dieses Factum muss um so mehr auffallen, als im vorigen Jahre
bei einer weit geringeren Sterblichkeit dieser Umstand sogleich vom
Herrn Professor hieher zur Sprache gebracht, und um eine reichere
Dotirnng mit Bettwäsche angesucht wurde, welche auch sogleich in
dem Masse bewilliget worden ist, dass ein Yorrath von mehreren
hundert Leintüchern über den Bedarf stets zur Verfügung steht.
Auch wurden die Naclischaffungen an Bettfournituren und Leibwäsche
im ganzen Umfange, wie solche beantragt worden sind, während der
Ferien pa&Sll t, so zwar, dass die Höhe der Auschaifungskosten selbst
dem hohen Ministerium für ( alt ns und Unterricht nicht entging.
„Der Herr k. k. Professor scheinen daher auch die Ueberzeugung
mit den übrigen Personen, denen die Klinik zugängig, zu theilen, dass
es nicht mehr an dem Mangel an Wäsche, eben so wenig an der
regelmässigen Ablieferung von Seite der Wäscherin fehlte, sondern
dass die unaufmerksame und ungeregelte Handhabung des WAfiche-
vrechseln8 an den vermehrten Krankheiten und Todesfällen die Schuld
trage."
Hierauf erwiederte ich Folgendes: „Es ist allerdings auch meine
Ueberzeugung, so wie die der übrigen Personen, denen die Klinik
zugängig ist, dass die im Begriffe des Schuljahres 1857/8 zu beob-
achtende grössere Sterblichkeit an der hiesigen geburtshilflichen
Klinik nicht mehr den Mangel an Wäsche, noch der unregelmässigeu
Ablieferung desselben von Seite der Wäscherin zuzuschreiben sei, son-
dern dass die unaufmerksame und ungeregelte Handhabung des Wäsche-
wechselns an den vermehrten Krankheiten und Todesfällen die Schuld
trage."
„Diese unaufmerksame und ungeregelte Handhabung des Wäsche-
wechseln!) hat aber nicht die Oberhebamme, sondern die Wärterin
N. N. verschuldet, welche auch deshalb entlassen wurde.
„Im Schuljahre 1866/7 sind 31 Wöchnerinnen gestorben, darunter
16 am Kindbettfieber, wegen Mangel an Wäsche und un regelmässiger
Ablieferung derselben von Seite der Wäscherin.
..Im Schuljahre 1857 8 sind 24 Wöchnerinnen gestorben, darunter
18 am Kindbettfieber, wegen unaufmerksamen und ungeregelten Wäsche-
\wdisels.
„Es starben nie mehr als zwei Individuen an einem Tage; wenn
>lier h eiset, dass im Schuljahre 1856/7 eine weit geringere Sterb-
lichkeit herrschte, und dass die Sterblichkeit zu An Jan«; des Schul-
jahres 1857/8 einen so hohen Grad erreicht habe, dass an einem Tage
bis zu zehn Wöchnerinnen gestorben seien, so stimmt dies nicht mit
der Wahrheit
.Mit Blut besudeltes Bettzeug verstorbener Wöchnerinnen wurde
nie iieuhiimigekommenen unterbreitet, es müssten denn darunter die-
jenigen Leintücher gemeint sein, die wir im Schuljahre 1856 57 mit.
Blut und Lochialfiuss besudelt vom Wäscher als reingewaschen zurück-
156
Semmelweia" Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
erhielten, und welche ich die Ehre hatte persönlich vorzuzeigen, mit
der Anzeige, dass diese Leintücher an meiner Klinik das Kindbett-
fieber hervorgerufen haben.
„Vom ersten medicinisehen Schriftsteller, von Hippokrates, ange-
fangen, bis auf die neueste Zeit war es die unangefochtene Ueber-
zengung der Aerzte aller Zeiten, dass die furchtbaren Verheerungen,
welche das Kindbettfieber unter den Wöchnerinneu anrichtete, epide-
mischen, d. h. atmosphärischen Einflüssen zuzuschreiben sei, d. h. Ein-
flüssen, welche jeder Wirksamkeit des Arztes entzogen, ihre ver-
heerenden Wirkungen ganz unbeirrt und unaufhaltsam äussern. Mir
ist es im Jahre 1847 im grossen Wiener Gebärhause gelungen, nach-
zuweisen, dass diese Ansicht eine falsch«' sei, und dass jeder einzelne
Fall von Kindbettfieber durch Infectiou entstehe. In Folge der Mass-
nahmen, welche ich meiner Ansicht entsprechend getroffen, habe ich
in Wien durch 21 Monate, im St. Rochus-Spitale durch sechs Jahre,
an der Klinik zu Pest durch ein Jahr keine Epidemie gehabt, an drei
Anstalten, welche sonst regelmässig von furchtbaren Epidemien heim-
gesucht waren.
„Die zwei Unglücksjahre, welche nun folgten, habe ich als un-
absichtliche directe, obwohl traurige Beweise für die Richtigkeit
meiner Ansicht über die Entstehung des Kindbettfiebers im „Orvosi
Hetilap" veröffentlicht
...Man hat meine Ansicht über die Entstehung des Kindbettfiebers
in Hinsicht ihrer wohlthätigen Folgen der Jenner'schen Kuhpocken-
Impfung gleichgestellt. Ich fühle es lebhaft, wie unbescheiden es i>t.
dass ich so etwas von mir selbst sage, allein der Umstand, dass ge-
rade meiner Klinik der Vorwurf grosser Sterblichkeit gemacht wird,
zwingt mich dazn. Es dürfte daher die nach neunjährigem glänzen-
den Erfolge ohne mein Verschulden auftretende Sterblichkeit an der
geburtshilflichen Klinik zu Pest in einem günstigeren Lichte er-
scheinen.'4
Ans dieser ofticiellen Correspondenz ersieht der Leser, dass die
Sterblichkeit unter den Wöchnerinnen in diesen zwei Jahren dadurch
veranlasst war, dass zu den sonstigen sanitätswidrigen Verhältnissen
der Klinik noch unreine Bettwäsche dazukam.
Die Wäschereinigung ist einem Pächter übergeben, welcher ver-
pflichtet ist, wöchentlich nur einmal die unreine Wäsche gegen reine
auszutauschen; die Summe, welche für die Wäschereinigung bezahlt
wurde, schien den entscheidenden Behörden zu hoch, und es wurde
deshalb für das Schuljahr 18567 eine Minuendo-Licitation ange-
schrieben.
Man versteht unter einer Minuendo-Licitation diejenige, bei welcher
nicht derjenige Pachter die Wäschereinigung erhält, welcher Garantie
bietet, dass er sie am besten, sondern derjenige, welcher sie am billig-
sten wäscht
Dadurch wurde der Preis in dem Grade herabgedrückt, dass es
unmöglich wai\ besonders im Winter reine Wäsche zu liefern, durch
Benützung solch schlecht gereinigter Bettwäsche wurde das Kindbe&b-
fteber hervorgebracht Nach erstatteter Anzeige wurde dem früheren
Pächter um den früheren Preis wieder die Wäschereinigung zugetheilt,
und in Folge dieser Massrege] den häufigen Erkrankungen Einhalt
gethan.
Die Aetiologie, der Begriff uud die Prophylaxis des Kiudbettfiebers. 157
Im Schuljahre 1857 8 war es wieder unreine Bettwäsche, welche
die grössere Sterblichkeit hervorbrachte, aber die unreine Wasche
Würde nicht vom Pächter unrein geliefert, sondern die Wärterin ver-
abtfUunte das regelmässige Wechseln dir Bettwäsche, wodurch das
Blut und der Lochialtiuss eine solche Zersetzung: einging, dass sie das
Kin«l I let.tlieber hervorbrachten.
Durch gründliche Reinigung der Bettgeräthe und Entlassung der
Wärterin wurde der Sterblichkeit Einhalt gethan.
Wir haben oben gezeigt, dass die grössere Sterblichkeit an der
ersten geburtshilflichen Klinik zu Wien im Vergleiche zur zweiten
bedingt war durch die Cadavertheile, welche an den Händen der
Untersuchenden klebten.
Wir haben oben gezeigt, dass im Monat October 1847 Jauche-
tlieile eines verjauchenden Medullarkrebses der Gebärmutter das Kind-
bettfieber hervorgebracht haben; wir haben gezeigt, dass im Monate
November 1847 ein Jauchetheile exhalirendes cariöses Knie das Kind-
bettfieber hervorgebracht habe; wir haben gezeigt, dass in der Gebär-
abtheilung des St. Rochus-Spitals die verschiedenen zersetzten, thierisch-
organischen Stoffe, welche sich so reichlich an einer chirurgischen
Abtheilune; vorfinden, das Kindbettfieber hervorgebracht haben.
Innerhalb zweier Jahre wurde das Kindbettfieber an der geburts-
hilflichen Klinik zu Pest hervorgebracht durch zersetztes Blut und
zersetzten Wochentiuss, mittelst welchem die Leintücher verunreinigt
waren.
Der Träger der Cadavertheile, der Jauchetheile, des verjauchen-
den Medullarkrebses der Gebärmutter, der zersetzten organischen
Stoffe der chirurgischen Abtheilung war der untersuchende Finger,
Träger der exhalirten Jauchetheile des cariösen Kniegelenkes war
die atmosphärische Luft, der Träger des zersetzten Blutes und des
zersetzten Luchialtiusses, welche im Schuljahre 1856 7 und 1857/8 das
Kindbettfieber an der geburtshilflichen Klinik zu Pest hervorgebracht.
haben, waren die Leintucher und die atmosphärische Luft, weil die
Wöchnerinnen, auf solchen Leintüchern liegend, ihre durch die Geburt
verletzten Genitalien mit diesen zersetzten Stoffen in Berührung
brachten, und weil die Exhalationen dieser Leintücher mit der atmo-
sphärischen Luft in die Genitalien der Wöchnerinnen eindrangen.
Die Chlorwaschuii^en winden innerhalb der drei Jahre, während
welcher ich als Vorstand der geburtshilflichen Klinik fungire, sehr
emsig gemacht, die trotzdem vorgekommene Sterblichkeit, von 2.„„
PerceniA in heile im Schuljahre 1856/7 und von 4.05 Percent- Antheile
im Si huljahre 18578 spricht nicht gegen die Erspriesslichkeit der
t'hlorwaschnngen. weil Chlor Waschungen nur die Hand als Träger der
zersetzten thierisch-organischen .Stoffe von denselben befreien können.
auf den andern der zersetzten thierisch-organischen 81
nämlich auf die Leintücher, konnten die Chlorwaschungen der Hände
keinen Einfluss üben.
Der Umstand, dass die Kinder der am Kindbettfieber erkrankten
Mutter nicht gleichzeitig am Kindbettfieber erkrankten, diente als
eis, dass die Infection nicht während der Geburt geschah, sondern
in Wochenbette. Ich musste daher die .Schüler von jeder Schuld frei-
hen, und meine Untersuchung einzig auf die Utensilien des
Wochenbettes ausdehnen, und da fanden sich nun die obenerwähnten,
mit zersetztem Blut uud Lochialtiuss verunreinigten Leintücher.
158 Semmel weia' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
Wenn meine Ueberzeugung dahin geht, dass das Kindbettfieber
in der grossen Mehrzahl der Fälle durch Aufnahme eines zersetzten
thierisch-organischen Stoffes von aussen entstehe, und wenn den
Wöchnerinnen mittelst Leintücher zersetzte Stoffe von aussen einge-
bracht werden, und in Folge dessen das Kindbettfieber wirklich ent-
steht, so sind diese Erkrankungsfälle directe Beweise für die Richtig-
keit meiner Ansicht über die Entstehung des Kindbettfiebers.
Im Schuljahre 1857/8 wurden die äusseren Genitalien zweier am
Kindbettfieber erkrankter Individuen gangränös. Da selbe wegen
Raummangel unter den übrigen Wöchnerinnen liegen bleiben mussten,
so wurden ihnen, um sie so viel als möglich zu isoliren, von zwölf zu
zwölf Stunden zwei Hebammen-Schülerinnen zur Pflege zugetheilt, mit
dem Befehle, kein anderes Individuum zu berühren, trotzdem wurde
eine so Zugetheilte ertappt, als sie sich eben anschickte, eine neuan-
gekommende Kreissende zu untersuchen.
Begriff des Kiiidbettfiebers.
Geatötzt auf Erfahrungen , welche ich iunerhalb 15 Jahren an
drei verschiedenen Anstalten, welche sämmtlich vom Kindbettfieber in
hohem Grade heimgesucht waren, gesammelt habe, halte ich das Kind-
bettfieber, keinen einzigen Fall ausgenommen, für ein Resorptionsfieber,
bedingt durch die Resorption eines zersetzten thierisch-orgauist lien
Stolfes, die erste Folge der Resorption ist die Blutentniischung, Folgen
der Blutentmischung sind die Essudationen.
Der zersetzte thierisch-organische Stoff, welcher, resorbirt, das
Kindbettfieber hervorruft, wird in der überwiegend grösstea Mehrzahl
■I'i Fälle den Individuen von aussen beigebracht, und das ist die
Infection von aussen; das sind die Fälle, welche die Kindbettfieber-
Epidemien darstellen, das sind die Fälle, welche verhütet weiden
können,
In seltenen Fällen wird der zersetzte thierisch-organische Stoff,
welcher resorbirt das Kindbettfieber hervorruft, innerhalb der Grenzen
•les ergriffenen Organismus erzeugt, und das sind die Fälle von Selbst-
infection, und diese Fälle können nicht alle verhütet werden.
Die Quelle, woher der zersetzte thierisch-organische Stoff go-
nommen wird, welcher, von aussen den Individuen beigebracht, das
Kiudbettfieber erzeugt, ist die Leiche jeden Alters, jeden Geschlechtes,
ohne Rücksicht auf die vorausgegangene Krankheit, ohne Rücksicht
ob es die Leiche einer Wöchnerin oder einer Nicht Wöchnerin ist, nur
der Grad der Fäulniss kommt bei der Leiche in Betracht.
ESa waren die heterogensten Leichen, mit welchen sich die an
der ersten Gebärklinik Untersuchenden beschäftigten.
DSfl Quelle, woher der zersetzte thierisch-organische Stoff ge-
nommen wird, welcher, von aussen den Individuen beigebracht, das
Kinilbettfieber erzeugt, sind alle Kranken jeden Alters, jeden Ge-
schlechtes, deren Krankheiten mit Erzeugung eines zersetzten thierisch-
organischen Stoffes einhersch reiten, ohne Rücksicht, ob das kranke
Individuum am Kindbettfieber leide oder nicht; nur der zersetzte
thierisch-organische Stoff als Product der Krankheit kommt in Be-
llt.
An der ersten Gebärklinik zu Wien wurde im October 1847
durch einen verjauchenden Medullarkrebs der Gebärmutter das Kind-
bettfieber hervorgebracht, im November 1847 durch die Exhalationen
eines cariösen Kniegelenkes. In der Gebärabtheilung des St Rochus-
Spitals zu Pest waren es die heterogensten chirurgischen Krank-
160
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
heiten, deren jauchige Produete das Kindbettfieber hervorgebracht
haben.
Die Quelle, woher der zersetzte thierisch-organische Stoff ge-
nommen wird, welcher von aussen den Individuen beigebracht, das
Kindbettfieber erzeugt, sind alle physiologischen thierisch- organischen
Gebilde, welche den vitalen Gesetzen entzogen, einen gewissen Zer-
setzungsgrad eingegangen sind • nicht das was selbe darstellen, sondern
der Grad der Fäulniss kommt in Betracht.
Im Schuljahre 1856 7 und 1857/8 war an der geburtshilflichen
Klinik der Pester medicinischen Faeultät physiologisches Blut \w<\
normaler Wochen ttuss das aetiologische Moment des Kindbettfiebers
dadurch, dass selbe, längere Zeit an den Leintüchern klebend, eine
Zersetzung eingingen.
Der Träger der zerstörten thierisch- organischen Stoffe ist der
untersuchende Finger, die operirende Hand, Instrumente, Bettwäsche,
die atmosphärische Luft, Schwämme, die Hände der Hebammen und
Wärterinnen, welche mit den decomponirten Excremenlen schwer er-
krankter Wöchnerinnen oder anderer Kranken und hierauf wieder
mit Kreissenden und Neuentbundenen in Berührung kommen, Leib-
si jhüsseln, mit einem Worte Träger des zersetzten tliierisch-orgauisehen
us ist alles das. was mit einem zersetzten thierisch-organischen
Stoffe verunreinigt ist, und mit den Genitalien der Individuen in Be-
rührung kommt.
Di« Stelle, wo der zersetzte thierisch-organische Stoff resorbirt
wird, ist die innere Fläche des Uterus vom inneren Muttermunde an-
gefangen nach aufwärts. Die innere Fläche des Uteras vom inneren
Muttermunde angefangen nach aufwärts ist in Folge der Schwanger-
schaft der Schleimhaut beraubt und stellt so eiue ungemein resoi ptions-
f&Mge Flache dar.
Die übrigen Partien der Genitalien, welche von Schleimhaut aus-
gekleidet sind, n smbiren im unverletzten Znsrande wegen der dicken
Schichte des Epithelium nicht, durch Wundwerden kann jede Stelle
der Genitalien zur Resorptionsstelle werden.
Was die Zeit der Infection anbelangt, so geschieht selbe während
der Schwangerschaft wegen dem GeachloasenseiD des inneren Mutter-
mundes und wegen der dadurch bedingten Unzugänglichkeit der
resorbirenden inneren Fläche des Uterus selten.
In Fällen, wo der innere Muttermund schon während der
Schwangerschaft geölinet ist, in Folge dessen die innere resorbirende
Fläche des Uterus ZQg&nglg wird, kann die Infection von aussen
schon während der Schwangerschaft entstehen; in der Schwanger-
schaft geschieht die Infection von aussen auch deshalb selten, weil
trotz des offenen inneren Muttermundes die Aufforderung mit dem
untersuchenden Finger bis dorthin vorzudringen eine seltenere ist.
Ich habe es zwar verabsäumt. Xotate zu sammeln, wie oft im Jahre
an der ersten Gebärklinik zu Wien das Kindbettfieber während der
Schwangerschaft entstand, ich glaube aber der Wahrheit nahe zu sein,
wenn ich die Zahl 20 annehme. Durch das Kindbettfieber wurde die
Schwangerschaft immer unterbrochen, eine Einzige starb wahrend
der Schwangerschaft am Kindbettfieber, sie wurde von mir mittelst
des Kaiserschnittes pott mortem zur Rettung des Kindes entbunden.
Die Zeit» innerhalb welcher am häufigsten die Infection geschieht,
ist die Erötfnungsperiode, weil da nicht blos die innere Fläche des
Die Aetiologie, der Begriff uiid die Prophylaxis des Kindbettfiebere. Uli
Uterus zugängig ist, sondern auch die Aufforderung, mit dem unter-
suchenden Finger bis dahin vorzudringen, behufs der Ermittlung der
Kindeslage, der Stellung des Kindes, die häufigste ist.
Beweis dessen sind in der Zeit vor den Chlorwaschungen die-
jenigen, bei welchen die Eröiihungsperiode zögernd verlief, beinahe
ausnahmslos sammtlich am Kindbettfieber gestorben.
In der Austreibungsperiode wird durch den vorrückenden Kindes-
theil die innere Fläche des Uterus unzugängig gemacht, in der Aus-
ungsperiode dürfte daher die Infection am seltensten geschehen.
In der Nachgeburtsperiode und im Wochenbette wird die innere
Fläche des Uterus wieder zugängig, und in diesen Zeiträumen isi äs
liglich die in die Genitalien eindringende atmosphärische Luft.
welche die Infection ermittelt, wenn selbe mit zersetzten thierisch-
organischen .Stoffen geschwängert ist.
Im November 1847 war die Luft eines Wochenzimniers der ersten
Gebärklinik zu Wien mit den Exhalationen eines cariösen Knie-
gelenkes geschwängert, die so geschwängerte atmosphärische Luft
drang in die klaffenden Genitalien der Wöchnerinneu und erzeugte
das Kindbettfieber.
In der Nachgeburtsperiode und im Wochenbette kann die In-
fection auch dadurch vermittelt werden, dass die Wundflächen der
durch den Durchtritt des Kindes verletzten Genitalien mit Bett-
geräthen in Berührung kommen, welche mit zersetzten thierisch-
organischen Stoffen verunreinigt sind.
Auf diese Weise ist in dem Schuljahre 1856.7 und 1857 8 an der
geburtshilflichen Klinik zu Pest durch unreine Leintücher das Kind-
1 1 er i Heber entstanden.
Der zersetzte thierisch-organische Stoff, welcher resorbirt das
Kindbettfieber hervorbringt, wird in seltenen Fällen den Individuen
nicht von aussen beigebracht, sondern er entsteht innerhalb der
uzen des betroffenen Individuums dadurch, dass organische Theile,
welche im Wochenbette ausgeschieden werden sollen, vor ihrer Aus-
idung eine Zersetzung eingehen, und dann, wenn resorbirt, das
Kiiidbettfieber durch Selbstinfection hervorrufen. Diese organischen
Theile sind der Wocheniluss selbst, Decidua-Reste, Blutcoagula, welche
in der Uebärmuttei höhle zurückgehalten weiden etc. etc. Oder der
zersetzte, thierisch-organische Stoff ist Product eines pathologischen
Processes, /. B. in Folge einer foirirten Zangenoperation werden in
Folge der Quetschung Partien der Geschlechtstheile gangränös, die
gangränösen Theile aber, wenn resorbirt, erzeugen das Kindbettfieber
durch Selbstinfection.
Wenn wir das Kindbettfieber für ein Resorptionsfieber erklären,
welches bedingt ist durch die Aufnahme eines zersetzten tbierisch-
organischen Stoffes, wo in Folge der Resorption eine Blutentmischung
eintritt, und in Folge der Blutentmischung die Exsndationen, so ist
das Kindbettfieber keine der Wöchnerin eigenthämlich und aus-
schliesslich zukommende Krankheit, weil in Folge der Resorption
eines zersetzten thierisch-orgauischen Stoffes diese Krankheit in der
Schwangerschaft, während der Geburt entstehen kann; wir haben
diese Krankheit als mitgetheilte bei den Neugeborenen, und zwar
ohne Unterschied, ob Knabe oder Mädchen, gefunden. Diese Krank-
heit haben wir kei Kolletschka angetroffen, wir finden selbe in
Folge von Resorption eines zersetzten thierisch-organisehen Stoffes
ScniiieLveis' reumrnelte Werke 11
162
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
bei Anatomen, Chirurgen, bei Operirten an chirurgischen Ab-
theilungen etc.
Das Kindbettfieber ist demnach keine Krankheitsspecies, das
Kindbettfieber ist eine Varietät der Pyaemie.
Mit dem Ausdrucke Pyaemie werden verschiedene Begriffe ver-
bunden, es ist. deshalb nöthig zu erklären, was ich unter Pyaemie
verstehe. Ich verstehe unter Pyaemie das durch den zersetzten
thierisch-organischen Stoff entmischte Blut.
Eine Varietät der Pyaemie nenne ich das Kindbettfieber deshalb,
weil bei der Pyaemie der Schwangern, Kreissenden und Wöchnerinnen
Formen in der Genitalsphäre vorkommen, welche bei Nichtschwangeren,
Niditkreissenden, NichtWöchnerinnen nicht vorkommen; der Anatom,
der Chirurg, welcher an Pyaemie stirbt, kann keine Endometritis be-
kommen etc. etc.
Das Kindbettfieber ist keine contagiöse Krankheit. Unter einer
contagiöseii Krankheit versteht man diejenige, die das Contagium,
durch welches es fortgepflanzt wird, selbst erzeugt, und dieses Con-
tagium bringt in einem anderen Individuum nur wieder dieselbe
Krankheit hervor. Blattern sind eine contagiöse Krankheit, weil
Blattern das Contagium erzeugen, durch welches in einem anderen
Individuum wieder Blattern erzeugt werden. Blattern bringen bei
einem anderen Individuum nur wieder Blattern und keine andere
Krankheit hervor. Scharlach kann man z. B. von einem Blattern-
kranken nicht bekommen; so wie umgekehrt eine andere Krankheit
nie Blattern hervorbringen kann ; z. B. ein Seharlachkranker kann bei
anderen Individuen keine Blattern hervorbringen.
Nicht so verhält sich die Sache beim Kindbettfieber; dieses Fieber
kann bei einer gesunden Wöchnerin hervorgerufen werden durch
Krankheiten, weiche nicht Kindbettfieber sind; so sahen wir dieses
Fieber an der ersten Gebärklinik zu Wien entstehen durch einen ver-
jauehenden Medullarkrebs der Gebärmutter, eben so durch die Ex-
halationen eines cariösen Kniegelenkes; wir sahen das Kindbettfieber
an der ersten Gebärklinik entstehen durch Cadavert heile, welche von
den heterogensten Leichen herrührten. Wir sahen das Kindbettfieber
in der Gebärabtheilung des St. Rochus-Spitals entstehen durch
setzte Stulle, welche von einer chirurgischen Abtheilung herrührten
etc. etc.
Das Kindbettfieber kann aber von einer am Kindbettfieber er-
krankten Wöchnerin auf eine gesunde nicht übertragen werden, wenn
nicht ein zersetzter thierisch-orgamscher Stoff übertragen wird. Z. B.:
Eine Wöchnerin ist an heftigem Puerperalfieber erkrankt; wenn das
Puerperalfieber unter Formen verläuft, welche nicht mit Erzeugung
eines ersetzten Stoffes nach aussen ein herschreitet, so ist dieses Kind-
bettfieber anf eine gesunde Wöchnerin nicht übertragbar; wenn aber
das Kindbettfieber unter Formen verläuft, welche mit Erzeugung eiues
zersetzten Stoffes nach aussen einhersch reitet, so ist dieses Kindbett-
fieber auf eine gesunde Wöchnerin übertragbar; z. B. eine Wöchnerin
ist am Puerperalfieber erkrankt, es ist septische Endometritis, es sind
vei j,uie|n mle Met usiaseii vorhanden , von dieser Wöchnerin ist das
Kindbettfieber auf gesuude übertragbar.
Daraus ist es zu erklären, warum der Streit, ob das Kindbett-
fieber contagiöa sei oder nicht, nie zur endgiltigen Entscheidung ge-
bracht werden konnte, weil die Contagionisten Fälle anführen konnten.
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 163
'ah die Verpflanzung des Kindbettfiebers von einer kranken Wöchnerin
auf eine gesunde nicht geläugnet werden konnte. Und die Gegner
der < oiirairiosität konnten eben so Fälle anführen, in denen die Ver-
pflanzmig des Kindbettfiebers unter Umständen nicht geschehen ist,
un es doch hätte geschehen müssen, falls das Kindbettiieber eine con-
tagiöse Krankheit gewesen wäre.
Das Kindbettiieber ist keine cnntagiöse Krankheit, aber das Kind-
bettfiebei ist eine von einer kranken Wöchnerin auf eine gesunde
Wöchnerin übertragbare Krankheit durch Vermittlung eines zersetzten
th ierisch-organischen Stoffes.
Nach dem Tode ist jede Leiche einer Puerpera eine Quelle des
zersetzten Stoffes, welcher das Kindbettfieber hervorruft, es kommt bei
Leiche einer Puerpera wie bei allen übrigen Leichen nur der
Fan Inisgrad in Betracht.
Wenn wir die Behauptung aufstellen, dass in der überwiegend
gröfisten Mehrzahl der Fälle das Kindbettfieber durch eine Infection
von aussen entstehe, und dass diese Fälle verhütet werden k iinen.
und dass nur in der Minderzahl der Fälle das Kindbettfieber durch
unverhiitbare Selbstinfection entstehe, 80 entsteht nun die Frage, wenn
alle Todesfälle abgerechnet werden, welche im Wochenbette sich er-
eignen, aber nicht durch das Kindbettfieber bedingt waren, und wenn
in Folge getroffener Massregeln alle Fälle von Infection von aussen
verhütet werden, wie viele Wöchnerinnen werden dann noch immer
in Folge von .Selbstinfection sterben?
Auf diese Frage kann ich bis jetzt mit Zahlen deshalb nicht
:mrwni irii. weil die drei Anstalten, in welchen ich meine Beobach-
tungen gemacht, nicht den Anforderungen entsprechen, welche wir in
der Prophylaxis des Kindbettfiebers an ein Gebärhaus stellen werden,
soll es gelingen, sämmtliche Fälle von Infection von aussen zu ver-
n. Oder mit andern Worten: die drei Gebärhäuser, in welchen
ich meine Beobachtungen gemacht, sind derart beschatten, da-
nicht möglich war, immer alle Fälle von Infection von aussen zu ver-
hüten.
Das Gesuch, welches ich früher theil weise mitgetheilt. hat den
Zweck, mir zu einem innen Gebärhause zu verhelfen, welches der
Anforderung entspricht, die ich später in der Prophylaxis des Kind-
bettfiebers an ein Gebärhaus stellen werde, wenn es gelingen soll,
B&mmtUche Fälle von Infection von aussen zu verhüten.
Falls meiuem Gesuche Folge gegeben wird, und ich durch eine
längere Reihe von Jahren in einem derart beschaffenen Gebärhause
werde Beobachtungen angestellt haben, wird es mir möglich sein, die
X;ihl der Fälle von unverhütbarer Selbstinfection zu bestimmen. Sollte
aber meinem Gesuche keine Folge gegeben werden, und sollte ich in
ntiinen gegenwärtigen Localitäten, welche jeder Sanitätsvorschrift
Hohn sprechen, verbleiben müssen, so muss ich auf die Ermittlung
t Zahl verzichten, und es einem Gol legen überlassen, der. glück-
licher als ich, ein Gebärhaus leitet, welches den Anforderungen der
Prophylaxis des Kindbettfiebers entspricht.
Für jetzt glaube ich als Massstab für die Zahl der vorkommen d>n
Fälle von unverhütbarer Selbstinfection die Rapporte des Wiener
Gebärhauses gelten zu lassen aus jener Zeit, in weicher die Medicin
in Wien noch der anatomischen Grundlage entbehrte.
164
Semmel weis' Abhandlungen und Werk über das Kiudbettfieber.
Im vorigen Jahrhundert und in den ersten Deeennien des gegen-
wärtigen Jahrhunderts kommen 25 Jahre vor, in welchen auch nicht
eine Wöchnerin von 100 "Wöchnerinnen starb. »Siehe
17*7
1788
1789
17'JO
1791
1792
1794
1797
1798
1799
1801
1802
1803
1804
1805
1806
1807
1808
1810
1812
1815
1816
1817
1822
Tabelle Nr. X7III.
11 .-.1
Individuen, davon starben 5.
1407
, 5,
1425
„ . 1 £
1240
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1395
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„ 26,
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„ nicht 1 vou 100
„ nicht 1 von 100
„ nicht 1 von 100
„ nicht 1 von 100
„ nicht 1 von 100
„ nicht 1 vou 10«)
„ nicht 1 von 200
„ nicht 1 von 100
„ nicht 1 von 100
Aus diesen Rapporten ersieht der Leser, dass zur Zeit, als die
Medicin in Wien noch der anatomischen Grundlage entbehrte, inner-
halb zwei Jahren eine Wöchnerin von 400 Wöchnerinnen starb.
Innerhalb zwei Jahren starb eine Wöchnerin von 300 Wöchnerinnen.
Innerhalb acht Jahren starb eine Wöchnerin von 200 Wöchnerinnen
und innerhalb 13 Jahren starb nicht eine Wöchnerin von 100 Wöchne-
rinnen.
Gestützt auf diese Rapporte können wir daher die Frage, wie
viele Wöchnerinnen werden immer in Folge un verhütbarer Selbstin-
fection sterben? dahin beantworten, dass in Folge unverhütbarer
Selbst infection nicht eine Wöchnerin von 100 Wöchnerinnen stirbt.
Diese so geringe Sterblichkeit, welche die Rapporte des Wiener
Gebärhauses ausweisen, ist vielleicht noch nicht die möglichst kleinste,
weil möglicherweise von den verstorbenen Wüchnei innen einzelne nicht
am Kindbettfieber, sondern an einer andern Krankheit starben, und
es konnten ja auch damals Fälle von Infection von aussen dadurch
entstehen, dass durch das Personal des Gebärhauses die Jauche von
einer kranken Wöchnerin auf gesunde übertragen wurde. Dass das
wirklich geschehen ist, beweisen ebenfalls die Rapporte des Wiener
Gebärhauses aus der Zeit, wo die Medicin in Wien noch der ana-
tomischen Grundlage entbehrte, weil auch damals die Sterblichkeit
bis auf vier von 100 stieg.
Das Wiener Gebärhaus wurde eröffnet 1784; innerhalb 39 Jahre,
nämlich bis zum Jahre 1823, kommen 25 Jahre vor, innerhalb welchen
Die Aetiulogie, der Begriff tmd die Prophylaxis des Kiudbettäebers, 165
auch nicht eine Wöchnerin von hundert gestorben ist. Innerhalb
sieben Jahren ist eine Wöchnerin von hundert gestorben, innerhalb
tun f Jahren sind zwei von hundert gestorben, innerhalb eines Jahres,
nämlich 1814, sind drei von hundert gestorben , und innerhalb eines
Jahres, nämlich 1819, sind vier von hundert gestorben.
Wenn wir die 25 Jahre, innerhalb welchen auch nicht eine
Wöchnerin von hundert im Wiener Gebärhause gestorben ist, als
Massstab für die Zahl der Fälle von Selbstinfection annehmen, ein-
gedenk der beiden oben angeführten Bedenken, dass auch diese Zalil
möglicherweise noch Fälle von Infection von aussen in sich schliesse,
ihm wenn wir diesen Massstab an die Resultate anlegen, welche wir
durch unsere Massregeln zur Verhütung des Puerperalfiebers an drei
verschiedenen Anstalten , welche sämmtlich vom Puerperalfieber in
hohem Grade heimgesucht waren, erzielten; so zeigt sich, dass es nicht
immer gelungen ist, die Zahl der Erkrankungen auf die Fälle von
unverhütbarer Selbstinfektion zu beschränken, sondern dass zeitweise
Falle von Infection von aussen vorkommen.
In den letzten sieben Monaten des Jahres 1847 starben trotz der
rhloi wasc-lumgen von 1841 Wöchnerinnen r>6, also 3.M Percent-An-
t heile.
Im Jahre 1848, wo das ganze Jahr hindurch die Chlorwaschungen
geübt wurden, starben von 3780 Wöchnerinnen 45, also 1.10 Percent-
Antheile.
Im Jänner und Februar 1849 starben von 801 Wöchnerinnen 21,
also 2„j Percent-Antheile.
Wenn wir aber die einzelnen Monate berücksichtigen, so ist es
nur während sieben Monaten des Jahres 1848 gelungen, die Todes-
fälle auf die Fälle von Selbstinfection zu beschränken, indem im März
1848 von 276 und im August 1848 von 261 Wöchnerinnen keine ein-
zige starb, während fünf Monaten starb nicht eine Wöchnerin von
hundert.
Februar :
Wöchnerinnen 291,
Todte 2 = 0.fl8
April:
305,
» 2 = 0.a5
Mai :
313,
„ o — U.0B
Juli:
209,
i=o.a7
September :
312,
w 3 — 0.öa
Die Ursache, dass es nicht immer gelungen ist, an der ersten
ii. Ii.iiklinik zu Wien die Todesfälle auf die Fälle von Selbstinfection
zu beschränken, liegt darin, dass die erste Gebärklinik durchaus nicht
so beschaffen ist, wie wir es in der Prophylaxis des Kindbettfiebers
von einem Gebärhause verlangen werden, soll es gelingen, die Todes-
fälle auf die unverhütbaren Fälle von Selbstinfection zu beschränken.
Xebstdem waren wir selbst in der ersten Zeit unserer neuen Ueber-
zeugungen noch so unbewandert, dass wir uns im Monate October 1847
nach der Untersuchung eines verjauchenden Medullarkrebses der Ge-
bärmutter nicht in einer Chlorkalklösung wuschen. Wir waren in
der ersten Zeit unserer neuen Ueberzeugnngen noch so unbewandert,
dass wir im Monate November 1847 die Wöchnerin mit einem ver-
jauchenden cariösen Knie nicht von den übrigen Wöchnerinnen ab-
sonderten, dadurch haben wir zahlreiche Fälle von Infection von aussen
veranlasst, wie wir dies am entsprechenden Orte erzählt.
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
Im St. ßoclms-Spitale zu Pest haben wir innerhalb sechs Jahren
von 953 Wöchnerinnen acht Wöchnerinnen am Kindbettfieber ver-
loren. Diese acht Todesfalle sind nicht blos Fälle von Selbstinfection ;
von einem Falle ist es constatirt, dass ihn ein chirurgischer Secun-
daria! nach der Section eines verstorbenen Mannes veranlasste, und
dass unter den sieben übrigen vielleicht auch noch ein oder der andere
Fall von lnfection von aussen sein könne, wird der Leser glaub-
würdig finden, wenn ich ihm nochmals erinnere, dass sämnitliche sechs
Fenster des Gebärhauses in den Leichenhof münden, und durch Luft-
strömungen in der Richtung zu den Fenstern des Gebärhauses leicht
in die Zimmer des Gebärhauses zersetzte Stoffe des Leichenhofes ge-
langen konnten, welche, in die Genitalien der Wöchnerinnen dringend,
das Kindbettfieber hervorbringen konnten.
An der geburtshilflichen Klinik zu Pest verlor ich im ersten
Jahre meiner Wirksamkeit von 514 Wöchnerinnen zwei am Kindbett-
fieber. Im zweiten Jahre von 551 Wöchnerinnen 16 am Kindbett-
fieber, Im dritten Jahre von 449 Wöchnerinnen 18 am Kindbett-
fieber. Die grössere Sterblichkeit der beiden Jahre waren Infectionsfälle
von aussen, bedingt durch unreine Leintücher.
Aetiologie.
Wir haben bei Bestimmung des Begriffes des Kindbettfiebers
unsere Ueberzeugung dahin ausgesp rochen, dass jedes Kiudbettfieber,
keinen einzigen Fall von Kindbettfieber ausgenommen, durch die
fiesorptiun eines zersetzten thierisch-organischen Stoffes entstehe.
Wir habeu behauptet, dass dieser zersetzte thierisch-organische Stoff,
welcher resorbirt das Kindbettfieber hervorbringt, in der Mehrzahl
der Fälle den Individuen von aussen beigebracht werde, und dass
nur in der Minderzahl der Fälle der zersetzte thierisch-organische
Stoff, welcher resorbirt das Kindbettfieber hervorbringt, innerhalb der
Grenzen des ergriffenen Individuums entstehe.
Für uns ist daher nur dasjenige ein aetiologisches Moment des
Kindbettfiebers, welches einen zersetzten thierisch-organischen Stoff
den Individuen von aussen beibringt ; für uns ist daher nur dasjenige
ein aetiologisches Moment des Kindbett fiebers, welches einen zer-
setzten thieriscb-organischen Stoff in den Individuen entstehen macht,
Wh haben früher die bisher giltige Aetiologie des Kindbettfiebers
in ihrer Anwendung zur Erklärung des Plus der Sterblichkeit an der
ersten Gebärklinik zu Wien im Vergleiche zur zweiten einer Prüfung
unterzogen.
Hier ist der Ort, die bisher gütige Aetiologie des Kindbetttiebers
einer Prüfung zu unterziehen, in wie lerne selbe den Individuen einen
zersetzten thierisch-organischen Stoff von aussen beibringt; hier ist
der Ort, die bisher giltige Aetiologie des Kindbettfiebers einer Prüfung
zu unterziehen, in wie ferne selbe in den Individuen einen zersetzten
thierisch-organischen Stoff entstehen macht.
Wir werden von der bisher giltigen Aetiologie des Kindbett-
fiebers nur dasjenige als aetiologisches Moment des Kindbettfiebers
gelten lassen, was den Individuen einen zersetzten thierisch-organischen
stofivon aussen beibringt; wir werden von der bisher giltigen Aetio-
logie des Kindbettfiebers nur dasjenige als aetiologisches Moment des
Kindbettfiebers gelten lassen, welches in den Individuen ein zer-
setzter thierisch-organischer Stoff entstehen macht
Alles dasjenige der bisher giltigen Aetiologie des Kindbettfiebers,
was weder den Individuen von aussen einen zersetzten thierisch-
organischen Stotif beibringt, noch einen zersetzten thierisch-organischen
Stoff in den Individuen erzeugt, alles dasjenige der bisher giltigen
Aetiologie des Kindbettfiebers werden wir nicht als aetiologisches
Moment des Kindbettfiebers anerkennen.
Es ist heute die verbreitetste Ueberzeugung der Aerzte, dass das
]liS Semmelweia' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
Kindbettfieber in einer Blutentmischung bestehe, und dass die ana-
tomischen Prodncte des Kindbettfiebers nur Ausscheidungen des ent-
mischten BJutes seien. Diese Ueberzeugung theile auch ich.
Als Ursachen, welche diese Blutentmischung veranlassen, werden
epidemische, endemische Einliüsse, Gemüthsaffecte, Diätfehler, Er-
kaltung etc. etc. beschuldigt.
M» ine Ueberzeugung ist, dass die Blutentmischung, keinen ein-
zigen Fall ausgenommen, bedingt wird durch die Resorption eines
zersetzten thierisch-organischen Stoßes, welcher den Individuen ent-
weder von aussen beigebracht wird, Infectionsfälle von aussen, oder
welcher in dem ergriffenen Individuen entstanden ist, Fälle von Selbst-
infection. Mit dieser Ueberzeugung ausgerüstet, wollen wir nun zur
Beurtheilung der bisher gütigen Aetiologie des Kindbettfiebers
schreiten.
Wir werden nur das als aetiologisches Moment des Kindbett-
liehers selten lassen, was den Individuen entweder einen zersetzten
thierisch-organischen Stoff von aussen beibringt, oder was in dem
Individuum einen zersetzten thierisch-organischen Stoff entstehen
macht, welcher, wenn resorbirt, die Blutentmischung bei den Indi-
viduen hervorruft
Wir wollen mit den epidemischen Einflüssen beginnen, und sprechen
unsere unerschütterliche Ueberzeugung dahin aus, dass es keine fljjf-
demisehen Einflüsse gibt, welche d;is k' indbet.trie.ber hervorzubringen
im Stande wären, und dass es nie epidemische Ursachen des Kind-
bettfiebers gegeben hat, und dass die endlose Reihe der Epidemien.
wie solche in der medicinischen Literatur aufgezählt werden, säromt-
lich verhütbare Infectionsfälle von aussen waren, d. h. sämmtliche
Erkrankungen dadurch entstanden, dass den Individuen ein zersetzter
thierisch-organischer Stoff von aussen eingebracht wurde.
Die Gründe, welche mir den Muth geben, einer so viele Jahr-
hunderte alten Ueberzeugung zu widersprechen, sind folgende:
Allen Gründen voran steht als unerschütterlicher Fels, auf
welchem ich das Gebäude meiner Lehre über das Kindbettfieber auf-
gebaut, das Factum, dass es mir durch meine Massregeln gelungen
ist, vom Mai 1847 angefangen bis zum heutigen Tage, den 19. April
1859, also durch zwölf Jahre, an drei verschiedenen Anstalten, welche
früher alljährlich von furchtbaren sogenannten Kindbettfieber-Epide-
mien heimgesucht waren, das Kindbettfieber in dem Grade auf ein-
zelne Fälle zu beschranken, dass selbst der hartnäckigste Vertheidiger
des epidemischen Kindbettfiebers dies keine Epidemie nennen kann.
Und wenn ja manchmal die Zahl der Todesfälle sich mehrte, so
konnte nachgewiesen werden, dass die zahlreicheren Todesfälle nicht
durch epidemische, d. h. atmosphärische, cosmische, tellnrische Ein-
flüsse bedingt waren, sondern immer war es ein zersetzter thierisch-
organischer Stoff, welcher trotz meiner Massregeln den Individuen
beigebracht wurde.
Ein durch atmosphärische, cosmisch-tellurische Einflüsse bedingtes
Puerperalfieber ist unverhütbar, hinter diese Unverhütbarkeit ver-
schanzen sich die Epidemiker, um jeder Verantwortung wegen den
Verheerungen des Kindbettfiebers überhoben zu sein. Und ich .selbst
bekenne meine Ohnmacht atmosphärisch-cosmisch-tellurischen Ein-
flüssen gegenüber, ich weiss nicht, was zu thun, um die verderblichen
Die Aetiologie, der Begriff iiml die Prophylaxis de« Kimlbeitfiebera, 169
"Wirkuntren der atmosphäriseh-eosmiseh-tellurischen Einflüsse von den
Wöchnerinnen fem zu halten.
Wenn es mir dennoch gelungen ist, die für unverhütbar gehaltene
Ki auklieit zu verhüteu, so ist der Beweis geliefert, dass diese Krank-
heit nicht durch un verhütbare atmospli:ii isrh-eosmisch-tellurische Ein-
flüsse bedingt war, dadurch ist der Beweis geliefert, dass die Krank-
heit durch eine entfern bare Ursache bedingt war, und diese entfern«
bare Ursache ist ein zersetzter tliinis< h-mganischer Stoff.
Für mich ist die grosse Sterblichkeit, auf welche die Epidenüker
(I enteil, um die Existenz der epidemischen Einflüsse zu beweisen, kein
Beweis, dass es epidemische Einflüsse gibt, weil ich sage, nicht epi-
demische Einflüsse haben diese Sterblichkeit veranlasst, sondern zer-
>i i/.te thierisch-organische Stoffe waren es, die ihr nicht von den
Individuen fern hieltet, welche diese Sterblichkeit veranlassten; aber
die kleine Sterblichkeit an den Anstalten, an welchen ich wirke, muss
ein Beweis für die Epidemiker sein, tarn es keine epidemischen Ein-
flüsse gibt, weil ich den Epidemikern hier nochmals erkläre, dass ich
das Geheimniss nicht enträthselt habe, wie die epidemischen Einflüsse
unschädlich zu machen seien, und dass ich die geringe Sterblichkeit,
wie ich selbe eben durch zwülf Jahre an drei verschiedenen An-
stalten, welche früher alljährlich von sogenannten Kindbettfieber-
Epidemien heimgesucht waren, eben nur dadurch erzielte, dass mein
streben dahin ging, zersetzte thierisch-organische Stoffe von den
meiner Pflege anvertrauten Individuen fern zu halten, und nicht da-
durch, dass es mir gelungen wäre, die epidemischen Einflüsse nu-
ll ich zu machen.
Ich habe schon früher darauf hingedeutet, dass das Erkranken
und sterben vieler Individuen, an derselben Krankheit, in einer be-
stimmten Zeit nicht den Begriff der Epidemie gibt: denn sonst wäre
eine jede Schlacht eine Epidemie, in einer jeden Schlacht erkranken
und sterben ja auch viele Individuen, an derselben Krankheit, in
einer bestimmten Zeit. Den Begritf der Epidemie geben die Ursachen,
welche, unabhängig von der Zahl, das Kindbettfieber hervorgebracht
haben, und nur dasjenige Kindbettfieber wäre ein epidemisches, welches
durch atmosphärisch-cosmisch-tellurische Einflüsse bedingt wird.
Nach Voransschickung dieses wichtigsten aller Gründe, wollen
wir nun den früher gewählten Massstab an die epidemischen Ein-
flüsse anlegen.
Dass durch epidemische Einflüsse den Individuen kein zersetzter
iliit-iis-li-organischer Stoff von aussen eingebracht wird, ist an und
für sich klar und benöthigt keines Beweises.
Aber es ist denkbar, dass es atmosphärisch-cosmisch-tellurische
Einflüsse gebe, welche machen, dass in einer bestimmten Zeit in
vielen Individuen ein zersetzter thierisch-organischer Stoff entstehe,
welcher dann resorbirt durch Selbstinfection das Kindbettfieber
hervorbringe und ein derart entstandenes Kindbettfieber wäre aller-
dings ein epidemisches.
Dass dieses, was wir für denkbar halten, in der Wirklichkeit sich
aber nicht zutrage, dafür sprechen folgende Gründe:
Wenn das Kindbettfieber durch epidemische Einflüsse erzeugt
werden könnte, so müsse selbes, wie wir dies auch bei anderen epi-
demischen Krankheiten sahen, an eine bestimmte Jahreszeit gebunden
170
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
sein, weil es nicht denkbar ist, dass entgegengesetzte atmosphärische
Einflüsse dieselbe Wirkung haben sollten.
Mit. Tabelle Nr. II (Seite 104) haben wir aber bewiesen, dass das
Kindbettfieber an keine Jahreszeit gebunden ist, indem das Kindbett-
fieber in jedem Monate des Jahres in grosser und eben so in jedem
Monate des Jahres in geringer Anzahl vorkommt.
Wenn wir aber zu dem Zeiträume, welchen die Tabelle Nr. II
repräsentirt, noch die 21 Monate hinzufügen, während welchen unter
meiner Beaufsichtigung die Chlorwaschungen an der ersten Gebar-
klinik zu Wien geübt wurden, nämlich vom Juni 1847 angefangen
bis inclusive Februar 1849, so zeigen sich noch deutlicher die enormen
Schwankungen in der Grösse der Sterblichkeit in jedem einzelnen
Monate des Jahres, oder mit andern Worten: es zeigt sich noch deut-
licher, dass die Sterblichkeit unabhängig war von den Jahreszeiten,
wie Tabelle Nr. XIX zeigt.
Es ist die vorherrschende Ansicht, dass der Winter diejenige
Jahreszeit sei. welche vorzüglich den Ausbruch des Kindbettnebers
begünstige, und in der That, wrenn wir die Tabellen Nr. IX und X
(Seite 112 und 113) betrachten, so zeigt sich, dass in den Winter-
monaten wirklich häufiger ein ungünstiger Gesundheitszustand unter
den Wöchnerinnen herrschte und seltener ein günstiger, während in
den Sommermonaten häufiger ein günstiger und seltener ein un-
günstiger Gesundheitszustand der Wöchnerinnen zu beobachten war.
Aber diese Erscheinung ist nicht durch atmosphärische Einflüsse
des Winters zu erklären, denn sonst könnte ja das Kindbettfieber im
Sommer nie in grösserer Ausdehnung vorkommen.
Diese Erscheinung ist zu erklären durch die verschiedene Art
der B^srli-iftigwigen derjenigen, die das Gebärhaus besuchen, welche
Beschäftigungen durch die Jahreszeit bedingt sind.
Nach den grossen Ferien in den Monaten August und September
gehen die Schüler mit frischem Eifer an ihre Studien, folglich auch
an das Studium der Geburtshilfe, und in den Wintermonaten ist der
Andrang der Schüler in das Gebärhaus so gross, dass der Einzelne
oft Wochen ja Monate lang warten muss, bis die Reihe der Aufnahme
ihn trifft, während in den Sommermonaten oft die Hälfte, ja in den
Ferialmonaten oft zwei Dritttheile der Plätze unbesetzt sind; in den
Wintermonaten werden die pathologischen und gerichtlichen Sectionen.
die medicinischen und chirurgischen Abtheilungen des k. k. allge-
meinen Krankenhauses auch von den im Gebärhause Beschäftigten
sein- tieissi^r besucht. Im Sommer lässt der Fleiss bedeutend nach:
die reizenden Umgebungen Wiens üben eine grössere Anziehungskraft
aus, als die stinkende Todtenkammer oder die schwülen Räume des
Krankenhauses. Im Winter hält der Assistent der Geburtshilfe die
praktischen Operationsübungen am Cadaver vor der um vier Uhr zu
haltenden Nachmittagsvisite, weil Vormittag die Schüler anderweitig
beschäftigt sind, und nach der Nachmittagsvisite um fünf Uhr es
schon zu finster ist. Im Sommer ist die Hitze vor der Nachmittags-
visite noch zu drückend, im Sommer werden die Operationsübungen
am Cadaver in den Abendstunden nach der Nachmittagsvisite ge-
macht, Ist es für die zu Untersuchenden gleichgiltig, ob die Schüler
sich nach der Visite mit Cadavem beschäftigen oder ob selbe vom
Cadaver her zur Visite kommen?
Das sind zum Theile die Einflüsse, welche durch die Jahreszeit
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 171
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172
Serooielweis1 Abhandlungen und Werk über das Kindlitttrii-k-r.
bedingt sind, nur in diesen Verhältnissen liegt die Ursache, warum
im Winter käufiger ein ungünstiger und im Sommer häufiger ein
günstiger Gesund lieitszustand unter den Wöchnerinnen der ersten
Gebärabtheilung zu beobachten war. Wenn es wirklich die atmo-
sphärischen Einflüsse des Winters gewesen wären, welche den häufigen
ungünstigen Gesundheitsznstand der Wöchnerinnen im Winter hervor-
gebracht haben, so erlaube ich mir die Frage, ob denn Wien durch
25 Jahre keinen Wrinter gehabt hat? indem im Wiener Gebärhause
durch 25 Jahre keine Epidemie war, weil im Wiener Gebärhause
durch 25 Jahre nicht eine Wöchnerin von hundert gestorben ist.
Siehe Tabelle Nr, XVII. (Seite 135).
Haben sich die atmosphärischen Einflüsse der beiden Winter in
Wien der Jahre 1847 8 und 1848,9 in Folge der Chlorwaschungen
geändert? Weil wir in Folge der Chlorwaschungen in diesen beiden
Wintern keine Epidemie hatten.
Haben sich die atmosphärischen Einflüsse der vier Winter zu
Pest geändert, in Folge der Chlorwaschungen, welche ich durch vier
Winter an der I'vsfer medirinischen Facultät beaufsichtige? Weil
wir durch vier Winter kein epidemisches Kindbettfieber hatten. Die
grössere Sterblichkeit zweier Winter war bedingt, durch Leintücher,
weiche mit zersetztem Blute und zersetztem Lochialflusse verun-
reinigt waren.
Das Gebärhaus des St. Eochus-Spitals war nie im Winter Gebär-
haus, sondern nur durch zwei Monate im Jahre, nämlich in den
Monaten August und September, und doch war es alljährlich in hohem
Grade vom Kindbettfieber heimgesucht, so lange es ein Anhängsel
einer chirurgischen Abtheilung war.
So wie das Kindbettfieber an eine gewisse Jahreszeit gebunden
sein miisste, wenn es durch atmosphärische Einflüsse bedingt wäre,
eben so könnte das Kindbettfieber nur in, diesen Jahreszeiten ent-
sprechenden Klimaten vorkommen. In der Wirklichkeit kommt aber
in allen Klimaten das Kindbettfieber in grosser Anzahl vor. Es gibt
aber in allen Klimaten Gebärhäuser, in welchen das Kindbettfieber
in grosser Ausdehnung nicht vorkommt. Dieses Vorkommen und
Nichtvorkommen des Kiudbettfiebers in grosser Anzahl in den ver-
schiedenen, in allen Klimaten zerstreut liegenden Gebärhäusern kann
demnach nicht durch atmosphärische Einflüsse erklärt werden, sondern
nur durch den zersetzten thierisch-organischen Stoff.
In jenen Gebärhäusern, welche in allen Klimaten zerstreut liegen,
in welchen den Individuen von aussen ein zersetzter thierisch-
organischer Stoff beigebracht wird, in jenen Gebärhäusern kommt das
Kindbettfieber in grosser Anzahl vor, was dann fälschlich eine Epi-
demie genannt wird.
In jenen, in allen Klimaten zerstreut liegenden Gebärhäusern, in
welchen den Individuen von aussen kein zersetzter thierisch-
organischer Stoff beigebracht wird, in jenen kommt das Kindbett-
fieber in grosser Anzahl nicht vor, diese Gebärhäuser sind von Epide-
mien verschont.
Den günstigsten Gesundheitszustand der Wöchnerinnen weisen
demnach diejenigen Gebärhäuser aus, welche, ohne Rücksicht des
Klimas, in dem sich selbe befinden, keine Untemchtsanstalten sind;
der Grund warum, ist einleuchtend.
Eine Ausnahme machen diejenigen Gebärhäuserf welche keine
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kiudk-ttfieber.s. \ 7;;
Unterrichtsatistalten sind, aber in welchen dennoch den Individuen
von anssen zersetzte thierisch-organische Stoffe beigebracht werden.
Hierher gehört das St. Rochus-Spital zu Pest, dessen Primarius
zugleich chirurgischer Primarius war und Geriehtsanatom, nebstdem
mangelte damals noch ein Prosector. Die Sectionen mussten von den
betreffenden Abtheilungsärzten gemacht werden.
Hieher gehört, das Zahlgebärhaus oder die Abtheilung für Ge-
heimgebärende zu Wien. Dieses Gebärhaus ist nicht nur keine Unter-
richtsanstalt, ja es ist, um seinem Zwecke zu entsprechen, für alle
nicht da angestellten Aerzte hermetisch geschlossen. Man könnte
daher glauben, in diesem Gebärhause können keine Infectionsfälle von
aussen vorkommen, in diesem Gebärhause dürfte daher nicht eine
Wöchnerin von hundert sterben. Aber ein Blick auf die Mortalitätsver-
hültnisse dieses Gebärhauses belehrt uns eines Andern, wie Tabelle
Nr. XX zeigt.
Tabelle Nr. XX.
l'eb ersieht der Morlalllätsvprhäilliiisse der Zahlabthellung des Wiener
(Veliärhauses.
Im Jahre
Geburtenzahl
.Sterbefalle
Mortulitäts-
lYri'i'iit
1888
202
6
2.„
IS lll
204
6
2«
1841
249
7
2.„
1842
358
10
2.,
1843
307
19
5.,
1844
362
8
2,
1846
311
6
1-p
1846
31n
3
0„
184?
868
3
l.j
ms
213
4
c
Sinn ine
2839
72
2-*
Diese Tabelle zeigt die Sterblichkeit kleiner, als selbe in Wirk-
lichkeit war, weil es häufig geschieht, dass Wöchnerinnen wenige
Stunden oder Tage nach der Entbindung im gesunden und zuweilen
auch im kranken Zustande austreten, um in ihren Privat Wohnungen
oder Im Krankenhause aufgenommen zu werden. Diese Tabelle zeigt
den Gesundheitszustand der Wöchnerinnen der Zahlabtheilung un-
itiger, als selbst au der früher mit Recht so verrufenen ersten
Gebärklinik, während der Zeit, als ich die Cklorwaschungen leitete.
Dieses Räthsel wird für den Leser kein Eäthsel mehr sein, wenn
ich ihn mit den Verhältnissen werde bekannt gemacht haben.
Vorstände dieser Abtheilung waren Mikschik und Chiari.
Der Leser, welcher mit der medicinischen Literatur vertraut ist, wird
wissen, was diese beiden Aerzte geleistet. Das konnten sie aber
nur dadurch leisten, dass sie sich mit Gegenständen beschäftigten,
durch welche sie sich ihre Hände mit zersetzten Stoffen verunreinigen
mussten ; beide Aerzte waren zugleich Vorstände der gynaecologischen
174
Senunebveia* Abhandlungen und Werk über das Küidbetttieber.
Abtheilung des allgemeinen Krankenhauses; wie gefährlich aber eine
gynaecologisehe Abtheilung für ein Gebärhaus werden kann, das hat
der verjauchende Medullarkrebs des Uterus bewiesen, welcher im
U "iiate October 1847 an der ersten Gebärklinik Verwüstungen an-
gerichtet
Im allgemeinen Krankenhause zu Wien werden alljährlich 600
bis 800 gerichtliche Sectionen vorgenommen, denen der Sitte gemäss
abwechselnd wöchentlich einer der beiden jüngsten Primarien als
legaler Zeuge beiwohnen muss. Als Mikschik zum Primarius er-
nannt wurde, war er natürlich der jüngste, und nach Mikschik's
Abgang war wieder Chiari der jüngste, beide mussten daher jede
zweite Woche den gerichtlichen Sectionen beiwohnen.
Ist der ungünstige Gesundheitszustand der Wöchnerinnen der
Zahlabtheilung noch ein RäthselV
Gebärhäuser, welche zugleich Unterrichtsanstalten sind, zeigen
einen ungünstigeren Gesundheitszustand der in denselben verpfleg in
Wöchnerinnen in Vergleich zu Gebärhäusern, welche keine Unter-
richtsanstalten sind.
Und unter den Unterrichtsanstalten zeigen wieder diejenigen,
welche ausschliesslich zum Unterrichte für Hebammen bestimmt sind,
günstigere Mortalitätsverhältnisse als diejenigen Unterrichtsanstalten,
welche ausschliesslich dem Unterrichte für Aerzte bestimmt sind.
Der Grund dieser Mortalitätsverschiedenheit der UntemVhts-
anstalten liegt darin, dass das Unterrichtssysteni für Hebammen derart
beschatten ist, dass die Hebammen nicht in dieser Ausdehnung sich
mit Dingen beschäftigen müssen, welche ihnen die Hände mit zer-
setzten Stoffen verunreinigen würden, wahrend das Unterrichtssysteni
für Aerzte derart beschaffen ist, dass sie viel häufiger sich ihre Hände
mit zersetzten Stoffen verunreinigen.
Eine Ausnahme macht die Maternite in Paris, welche zwar aus-
schliesslich dem Unterrichte für Hebammen bestimmt ist, und dennoch
eine so grosse Sterblichkeit hat, wie Duboisj Klinik zu Paris, welche
dem Unterrichte für Aerzte bestimmt ist, und von deren Lage
Dr. Arneth sagt: „Zu bedauern ist die grosse Nähe der Seetions-
kaminer des Spitals." Dass die Sterblichkeit in der Maternite eben
so gross ist, wie in Dubois' Klinik, zeigt Tabelle Nr. XXI.
Aber in der Maternite ist das Untern clitssystem so beschaffen,
dass sich Hebammen dort so häufig wie anderswo nur die Aerzte
ihre Hände mit zersetzten Stoffen verunreinigen.
Mein Gewährsmann für diese Behauptung ist Johaun Friedr.
Oslander.
In einem Werke, welches den Titel führt: „Bemerkungen über
die französische Geburtshilfe, nebst einer ausfuhrlichen Beschreibung
der Maternite in Paris. Hannover, bei den Brüdern Hahn. 1813"
sagt Oslander in der Vorrede, dass er vom Mai 1809 bis dahin
1810 in Paris war, dass er so glücklich war, Baudelocque's
Freundschaft zu geniessen, und dass er durch dessen Verwendung
Zutritt zor Maternite erhielt.
Vom Unterrichtssysteme, welches in der Maternite herrscht, gibt
er folgende Beschreibung:
Seite 33 sagt Oslander Folgendes: „Den täglichen Visiten, die
der Arzt in der Infirmerie der Wöchnerinnen macht, wohnt die
Hebamme des Hauses und ein Theil der Hebammen-Schülerinnen bei.
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 175
Tabelle Hr. XXI.
Maternite* In Paris.
Im Jahre
Entbundene
Gestorben
Sterblichkeits-
Percent
1828
2920
163
5-5»
1829
2788
252
1830
2693
122
4.«
1831
2707
254
1832
2582
146
5.«
1833
253«
109
4.i9
1834
2629
97
1835
2632
92
1836
2586
57
2.*„
1837
2829
45
1-59
1838
2983
81
2.,,
1839
3407
122
1840
3701
94
2.M
1841
3515
114
1842
—
—
1843
—
—
—
1844
3410
168
4-»2
1845
3302
139
4-20
1846
3531
143
4-o«
1847
3752
133
3.64
1848
3671
110
2.0»
Summe
58374
2441
4.,8
Dubois" Klinik.
Im Jahre
Entbundene
Gestorben
Sterblichkeits-
Percent
1835
264
22
8.,3
1836
242
17
1837
358
31
1838
516
25
4.**
1839
438
24
5.«
1840
582
26
4.w
1841
596
22
1842
830
34
4.OT
1843
730
39
0.3«
1844
903
41
4 5*
1845
884
44
4-97
1846
901
42
4.«e
1847
1088
31
9 .
1848
940
24
2-56
Summe
9273
422
4.65
Jede Schülerin bekommt eine Kranke zur besonderen Beobachtung,
und sie wird angehalten, eine kurze Krankengeschichte, den Hergang
der Geburt und die Verordnungen des Arztes aufzusetzen. Diese
Krankengeschichten werden „Bulletins cliniques" genannt, und Herr
176
Semmelweis' Abhandln n gen und Werk über das Kindbettfieber.
Professor Chaussier gibt sich viel Mühe, die Schülerinnen im Auf-
setzen derselben zn unterrichten. Bei jeder Kranken geht er das
Bulletin genau durch, indem er demselben ein Zutrauen schenkt,
dessen ich es selten würdig gefunden habe. Unter den Schülerinnen
sind nämlich nur einzelne, welche Talent und Ernsthaftigkeit genug
besitzen, um Krankheiten zu beobachten und Krankengeschichten auf-
zusetzen. Diese wenigen geben allen andern die Master zu ihren
Berichten, und ich habe daher oft gefunden, dass in mehreren Bulletins
bei den verschiedensten Krankheiten dieselben Symptome mit den-
selben Worten angegeben waren, Ueberhaupt ist es auffallend genug,
junge Mädchen zu sehen, die mit wichtiger Miene den Puls fühlen
und Krankenbeobachtungen aufschreiben. Sie ahmen aber darin ihre
Lehrerin, die erste Hebamme nach, deren Ansehen, welches sie sich
am Krankenbette zu geben weiss, noch dadurch erhöht wird, dass der
Arzt immer ihrer Meinung ist.**
Seite 46 sagt Oslander: „Den Leichenöffnungen, die in einem
von dem Gebärhause etwas entfernten Gartenhanse vorgenommen
werden, wohnen die Schülerinnen gewöhnlich bei. Ich habe da oft
mit Erstaunen gesehen, welchen lebhaften Antheil einige junge
Mädchen an dem Zerfleischen der Leichen nahmen, wie sie mit ent-
blössten und blutigen Armen, grosse Messer in der Hand haltend,
unter Zank und Gelächter, sich Becken herausschnitten, nachdem sie
von dem Arzte die Erlanbniss erhalten hatten, dieselben für sich zu
präpariren."
Seite 51 sagt Oslander: „Unter den Beobachtungen bei den
Leichen Untersuchungen, an die B a u d e 1 o c q u e seine Zuhörer erinnerte,
ist besonders die Zerreissung eines Psoasmuskeln in der Anstrengung
zur Geburt wichtig.
„Folgende Tabelle wurde von den vorgefallenen Geburten ge-
geben: Seit dem 9. December 1797 bis zum 31. Mai 1809 sind 17,308
Frauen entbunden, diese haben gegeben 17,499 Kinder, 189 Frauen
gebaren Zwillinge, also 1 von 91; nur zwei hatten Drillinge. 2000
Entbundene, zum wenigsten, sind schwer erkrankt, und 700 gestorben
und secirt!"
Seite 242 sagt Oslander: „Die Unterleibsentzündung der
Wöchnerinnen, das Uebel, welches gewöhnlich mit dem Namen Puer-
peralfieber bezeichnet wird, und welches in allen grossen und über-
füllten Gebärhäusern einheimisch zu sein pflegt, kommt auch in dem
Gebärhause zu Paris häufig vor.
„Die Krankheit wird besonders in den Wintermonaten häufig
beobachtet, und ob sie gleich eigentlich immerfort herrscht, so erinnert
man sich doch mit Schrecken an die beiden .lahre (zwischen 1803 und
1808), wo sie endemisch wüthete. und eine Menge von Wöchnerinnen
dahinraffte. Ich habe zwar nirgends mit Bestimmtheit die Mortalität
unter den Wöchnerinnen während dieser beiden Jahren erfahren
können, und die vomchtigen Verfasser der Abhandlung über die
Maternite (Memoire sur rhoxpicc fo la Matcmite. Paris 1808. Die
drei Verfasser dieser Schrift sind sämmtlich bei den Bureaux des
Hospitals angestellt, und werden von der Administration wegen be-
wiesener Vorsicht in den Angaben gelobt) sprechen nicht mit Be-
stimmtheit davon, es erhellt aber aus Allem, dass sie sehr gross ge-
wesen sein muss; namentlich daraus, dass in den fünf angeführten
Jahren (wegen der zwei .lahre, in welchen die Unterleibsentzündung
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kiiidbettfiebers. 177
herrschte) die Mortalität wie 1 zu 23 sich verhielt, da sie zu anderen
Zeiten nur wie 1 zu 32 sich verhalten soll. Es starben in diesen fünf
laluen von 9645 Frauen 414 grösstenteils an Unterleibsentzündung. u
Seite 259 sagt Oslander: „Der Brand an den Geburtstheilen
kam. so lange ich die Maternite besuchte, verschiedene Male unter
den Wöchnerinnen vor, gerade zu derselben Zeit, wo Unterleibsent-
zündungen besonders häufig waren. Für mich war diese Krankheit
in der furchtbaren Gestalt, unter der sie sich äusserte, ganz neu; in
der Maternite erregte sie aber kein besonderes Aufsehen, indem sie
hier nicht zu den Seltenheiten gehört."
Der Leser kann aus diesen Citaten die Ausdehnung entnehmen,
in welcher die Hebammen in der Maternite sich ihre Hände mit zer-
setzten Stoffen verunreinigen.
So wie es nicht geschehen könnte, das von mehreren in demselben
Klima befindlichen Gebärhäusern einige vom sogenannten epidemischen
Kindbettfieber heimgesucht, und wieder andere von demselben ver-
schont bleiben könnten, wenn das Kindbettfieber durch atmosphärisch-
cosmisch-tellurische Einflüsse erzeugt werden könnte; noch viel welliger
könnte es geschehen, dass sich atmosphärisch-cosmisch-tellurisehe Ein-
flüsse au zwei Abtheilungen einer und derselben Anstalt durch eine
lautre Reihe von Jahren durch ihre Verheerungen in verschiedenem
Grade kund geben sollten.
Tabelle Nr. I zeigt, dass die Wöchnerinnen der ersten Gebär-
klinik zu Wien durch sechs Jahre constant in dreimal grösserer An-
zahl gestorben sind, als die Wöchnerinnen der zweiten Gebärklinik
derselben Anstalt.
Diese Beobachtung war es, welche in mir die ersten Zweifel gegen
die Lehre vom epidemischen Kindbettfieber erregte.
Dieselbe Ungleichheit der Sterblichkeit zweier Abtheilungen einer
und derselben Anstalt finden wir auch in Strassburg. Dr. F. H. A r n e t h
sagt in seinem Werke „Ueber die Geburtshilfe und Gynaekologie in
Frankreich, Grossbritannien und Irland," Wien 1853, vom Strass-
bnrger Gebärhatise Folgendes: ,,Das Gebärhaus besteht aus zwei Ab-
theilungen; der Klinik für Aerzte (la Clinique) und der Abtheilung,
auf welcher Hebammen gebildet werden (le seruice). Bis Ende 1845
bestanden die genannten beiden Abtheilungen unter zwei Vorständen
neben einander, nur durch eine dünne Wand getrennt, wobei die Auf-
nahme so geregelt war, dass regelmässig eine Schwangere in den
Service, die andere in die Clinique gebracht wurde, während zur
Ferienzeit alle auf die Clinique kamen. Nun versieht nach Ehr-
mann' s Abgang S t o 1 1 z beide Anstalten.
war nicht möglich ganz Genaues über die Sterblichkeit heraus-
zubringen, doch kamen beide Professoren darin überein. dass auf der
Klinik für Schüler constant mehr Sterbefälle vorgekommen seien."
Um nähere Aufschlüsse über diese Stelle in Arneth's Buch zu
erhalten, wendete ich mich brieflich an Dr. Wieger und Professor
S t o 1 f. z in Strassburg. und erhielt durch deren Bereitwilligkeit folgende
Antworten. Dr. Wieger schreibt:
„Ihr werther Brief vom 15. vorigen Monates wäre weit früher be-
an i wi ut et worden, hätte ich mir eher eine Dissertation von Gustav Lev y
„"Relation de V Epidemie de Fievre Puerperale observe' aux Gtinkpetf
wtchement de Stmssbourg, pendant le I. Semester de l'annee scolaire
Sem mal weis' gesammelt« Werke. 1 -
178 Semraelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
—1857. Strassbottrg 1857" verschaffen k< innen, worin gerade diese
Verhältnisse abgehandelt sind, über welche Sie Aufklärung wünschen.
Ich schicke Ihnen mein Exemplar, weil ich kein anderes auftreiben
kann. Basselbe soll Ihnen via Buchhandel zukommen. Sie werden
darin ersehen, dass. seh die zwei Abtheilungen in ihrem neuen Locale
Bind, die Krankheit sie beide heimgesucht hat.
„Was Arn etil Ihnen mittheilte ist richtig.
„Als die Hebammenschule unter Professor Ehrmann's Leitung
stand, war dort das Puerperalfieber so ziemlich unbekannt. Seit
Professor S t o 1 1 z beide Schulen übernommen (deren Säle für Schwangere
und Kindbetterinnen im früheren Locale. im zweiten Stocke des grossen
Krankenhauses, nur durch einen Saal, wo die Betten für die im Hause
wohnenden Schülerinnen standen, getrennt waren), hauste die Krank-
heit in beiden Abtheilungeu wie jetzt auch, wo sie in einem schönen,
neugebauten Pavillon vereiniget sind,
„Strassburg, 19. Mai 1858."
Professor Stoltz schreibt:
..Erlauben Sie, dass ich Ihnen in französischer Sprache auf Ihren
Brief vom 1. v. M. antworte, worin Sie von mir Aufklärung über eine
Stelle in Dr. Arneth's Buch verlangen, in welcher er behauptet,
dass an der zum Unterrichte der Hebammen dienenden Abtheilung
der Strassburger Maternite die Epidemien des Puerperalfiebers selten
sind, und die Sterblichkeit immer geringer als an der Klinik der
medicinischen Facultät.
.. 1 >ie Thatsache ist war (le fmt est exact), aber ich schrieb den
Unterschied in der Sterblichkeit immer dem Unterschiede in den
Saliibritätsverhältnissen der beiden Abtheilungen zu. Denn in der
Tliat sind die Säle der Gebärklinik an der medicinischen Facultät
nieder, wenig geräumig und stets überladen, während die der Hebammen
gut gelüftet und gut gelegen sind, und im Verhältnisse zu ihrer Grösse
immer eine geringere Zahl vtm Betten besitzen. Sie werden denn
auch reinlicher gehalten, und beherbergen im Verlaufe des Jahres
weniger Schwangere und Kranke. Andererseits werden die schwfc
sten Fälle immer der Facultätsklinik zugewiesen.
„Bis zum Jahre 1856 befanden sich beide Abtheilungen im all-
gemeinen Krankenhause. Voriges Jahr übersiedelten sie in ein eigenes,
unter einem rechten Winkel aufgeführtes Gebäude mit der Front gegen
Süden und Westen, und versehen mit Höfen und eiuem Garten. Die
beiden Kliniken, diejenige der Facultät und die der Hebammen, sind
von einander durch die Hörsäle und die Zimmer für die Instrumente
getrennt. Die Schwangeren nehmen die ebenerdigen Localitäten ein;
endlich ist die Abtheilung für Hebammen wieder günstiger eingetheilt.
als die der Facultät. Nichtsdestoweniger herrschte im Wini.r is..t>
und 1857 hier so wie in München eine gleichmassig tödtliche Epidemie
an beiden Abtheilungen, und ungeachtet dass man an der Facultäts-
klinik die I »esinlection der Hände durch Chlor anwendete.
„Sie sehen hieraus, verehrter Collega, dass unsere Beobachtungen
Ihrer Theorie über die Aetiologie des Puerperalfiebers nicht gün-
stig sind.
„Ich werde dem ohngeachtet Ihr Werk über diesen Gegenstand
mit dem grössten Interesse lesen und alle Ihre Verordnungen mit der
möglichsten Sorgfalt befolgen lassen.
Die Aetiologie. der Begriff und die Prophylux!» itt Kiudbettfiebers. 179
„Es freut mich, mit Omen in einen wissenschaftlichen Verkehr
getreten zu seint und ich wäre glücklich, wenn es nicht bei diesem
eimnaJ bliebe.
^trassburg, den 26. affin; 1S58.**
Ans ArnetVs Buch und diesen beiden Briefen geht hervor, dass
in Strasburg eine Gebäranstalt in zwei Abtheilungen getrennt war,
n die eine, so lange selbe ausschliesslich dem Unterrichte für
Hebammen bestimmt war, vom sogenannten epidemischen Kindbett-
fieber verschont blieb, obwohl selbe von der andern Abtheilung-, welche
dem Unterrichte für Aerzte bestimmt war, und welche vom sogenannten
epidemischen Puerperalfieber heimgesucht wurde, nur durch ein Zimmer
getrennt war. Nachdem aber beide Abtheilungen im Jahre 18-15 unter
einem Vorstande vereinigt wurden, zog das sogenannte epidemische
Puerperalfieber auch in die früher verschonten Räume. Im Jahre 1 *.'>•">
Übersiedelte das Gebärhaus in ein neues Gebäude, und auch im neuen
Gebäude wurden beide Abteilungen vom Kindbettßeber heimgesucht.
Widerspricht es nicht der gesunden Vernunft, das Kindbettfieber
Abtheilung der Aerzte vor der Vereinigung b«'id»T Abheilungen
für ein epidemisches, d. h. Sin durch atmosnhärisch-cosnnsch-telluriselie
Einflüsse bedingtes zu halten?
Prof« ssui Stoltz selbst sucht die Ursache des Kindbettfiebers
an der Abtheilung für Aerzte, nicht in atmosphärischen Kinilü-
Bondeni in endemischen Schädlichkeiten, und /.war in dem Unterschiede
der Salubritätsverliältnisse der beiden Abtheilungen, sowohl im alten,
als nun wieder im neuen Gebärhause.
Dass aber diese günstigeren Verhältnisse es nicht waren, welche
die Abtheilung für Hebammen vom Kindbetttieber beschützten, so
Abtheilung ausschliesslich HebainuniKilitheilinigeu war,
daraus hervor, dass dieselben günstigen Verhältnisse nicht mehr
na Stande waren, dies«- Räume vor dem Kindbett lieber zu bewahren,
sobald selbe aufhörten, ausschliesslich Hebammenabtheilung zu sein.
Auch im neuen Gebäude hat die günstigere luntlnilung der Ab-
theilung für Hebammen selbe vor dem Kindbettfieber nicht schützen
könm
Auch ich halte das Kindbeti lieber, welches in »Strasbourg vor und
nach der Vereinigung der beiden Abtheilungen zu beobachten war,
fni kein epidemisches, d, h. nicht durch atmosphärische Einflösse be-
dingtes, sondern für ein endemisches; aber die endemische Ursache
waren die zersetzten Stoffe, welche an den Bandes dnr Strassbnrger
ler klebten, welche vor der Verunreinigung der beiden Abthei-
Inngen nur auf einer, nach der Vereinigung aber an beiden Abtheilungen
ihre verderblichen Wirkungen im alten sowohl wie jetzt auch im
Denen Gebäude äussern konnten.
Was die Erfolglosigkeit der Clilorwaschungen anbelangt, so wirf
deren Beurtheilung an einer andern Stelle dieser Schrift Stattfinden.
Die Strassbnrger Hebammenschulen aus der Zeit vor der Ver-
einigung mit der Abtheilung für Aerzte und die Wiener zweite <Te-
b:irabtheilung aus der Zeit, seit selbe ausschliesslich dem unterrichte
für Hebammen gewidmet ist. bis zur Kinfiihrnng der rhlorwaschnngen
an der ersten Abtheilung im Mai 1*47, sind Belege dafür, dass der
Gesnaäheitazustand der Wöchnerinnen in solchen Unterrichtsanstalten,
12*
180
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
welche ausschliesslich dem Unterrichte für Hebammen gewidmet sind,
günstiger ist. als der Gesundheitszustand der Wöchnerinnen in L'nter-
richtsanstalten für Aerzte. Siehe Tabelle Nr. I.
Dass die grosse Sterblichkeit in den Gebärhäusern nicht durch
irische Einflüsse bedingt sei, sondern dass selbe durch einen
zersetzten thierisch-organischen Stoff hervorgebracht werde, geht auch
daraus hervor, dass in den einzelnen Gebärhäusern nachgewiesen
werden kann, dass das sogenannte epidemische Kindhettfieber erst
dann in den einzelnen Gebärhäusern einheimisch wurde, als sich die
Verhältnisse derselben derartig änderten, dass den Individuen, welche
in den einzelnen Gebärhäusern verpflegt wurden, mit einer gewissen
Regelmässigkeit zersetzte Stoffe eingebracht wurden.
Osiander erzählt, dass man in der Maternite zu Paris mit
Schrecken an zwei Jahre zwischen 1803 und 1808 denkt, wegen der
ungeheuren Verheerungen, welche das Kind bettlieber unter den
Wöchnerinnen anrichtete, wir finden im Unterriehtssysteme in der
Maternite eine hinreichende Aetiologie dieses Kindbettfiebers.
In denselben Jahren von 1803 bis 1808 starb in Wien nicht eine
Wöchnerin von hundert. In Wien wurde das sogenannte epidemische
Kindbettfieber erst mit dem Jahre 1823 einheimisch, das ist aber die
Zeit, wo die Medicin in Wien die anatomische Richtung anzunehmen
begann.
Professor Rokitansky fangirt seit 1828 an der pathologisch-
anatomischen Anstalt. Von 1823 angefangen bis 1847. dem Jahre der
Einführung der Chlorwaschungen, also durch 24 Jahre, war, ein Jahr
ausgenommen, die Sterblichkeit immer, über 2 Percent und stieg bis
zu 12 Percent im Jahre, während von 1784 bis 1822, also innerhalb
3y Jahren die Sterblichkeit nur bis 4 Percent stieg, und innerhalb
25 Jahren nicht eine Wöchnerin von hundert starb. Siehe Tabelle
Nr. XVII.
Vom Kieler Gebärhause sagt weiland Michaelis in einem Briefe,
welchen wir an einer andern Stelle ausführlich mittheilen werden:
..Sie wissen, dass das Puerperalfieber bei uns erst seit 1834 einge-
zogen ist. Dies ist aber auch ungefähr die Zeit, seitdem ich mich
des Unterrichtes thätiger angenommen habe, und namentlich das
Touchiren der Candidaten regelmässiger eingeführt ist. Auch diese
Sache lässt sich also in Zusammenhang bringen."
In die Räumlichkeiten der Strassburger Hebammenschule zog das
epidemische Kindbettfieber erst 1845 ein, in welchem Jahre die Ver-
einigung mit der Abtheilnng der Aerzte erfolgte.
Während der Gesundheitszustand der Wöchnerinnen des St,
Rochus-Spitals zu Pest seit dem Bestehen der geburtshilflichen Ab-
theilung stets ein ungünstiger war, weil die Gebärabtheilung immer
ein Anhängsel einer chirurgischen Abtheilung war, war der Gesund-
heitszustand der Wöchnerinnen der medicinischen Facultät zu Pest
bis in Sie \ i erziger Jahre stets ein günstiger, weil in Pest die Median
eist in den vierziger Jahren die anatomische Richtung annahm.
Kein Vorfahrer, Hofrath B i r 1 y , einstens B o e r ' s Assistent, glaubte
der bessere Gesundheitszustand seiner Wöchnerinnen zu Pest, im
Vergleiche mit dem schlechteren Gesundheitszustände der Wöchnerinnen
zu Wien, rühre daher, dass er, Birly nämlich, einen ausgedehnteren
Gebrauch von Purganzen mache, denn das Kindbettfieber werde er-
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 181
zeugt durch die Unreinlichkeit der ersten Wege ; bei Eröffnung seiner
Klinik nach den grossen Ferieu im October hielt er regelmässig all-
jährlich eine geharnischte Philippika gegen Wien und behauptete, die
grosse Sterblichkeit im Gebärhause zu Wien sei nur der Vernach-
lässigung der Purganzen zuzuschreiben.
Sobald aber die Medicin auch in Pest die anatomische Richtung
annahm , hatten die Purganzen die prophylactische Macht verloren,
und das Pester medicinische Professorencollegium hat zu einer Zeit,
wo ich noch nicht die Ehre hatte, ein Mitglied desselben zu sein, es
officiell ausgesprochen, dass die geburtshilfliche Kinik zu Pest wegen
reberhandnahme des Kindbettfiebers selbst während des Schuljahres
wiederholt gestellt werden mnsste.
Zahlen kann ich für diese Angaben nicht geben, weil die Proto-
colle während der Revolution verloren gingen. Der Umstand, dass
ich in der Stadt lebe, über welche ich das berichte, ist Bürge genug
für deren Richtigkeit
I ÜB8B die grosse Sterblichkeit in den Gebärhäusern nicht durch
atmosphärische Einflüsse bedingt ist, sondern durch einen zersetzten
Stoff, welcher den Individuen von aussen regelmässig eingebracht
wird, geht daraus hervor, dass, wenn sich die Verhältnisse eines Ge-
bärhauses derart ändern, dass dieses Einbringen eines zersetzten
Stoffes von aussen nicht mehr in dieser Ausdehnung geschehen kann.
sich auch die Sterblichkeit mindert Hieher gehört die zweite Gebär-
klinik, welche zur Zeit, als selbe Aerzten und Hebammen zum Un-
terrichte diente, eine grössere Sterblichkeit hatte, als seit der Zeit
ihrer ausschliesslichen Verwendung zum Unterrichte für Hebammen.
Wenn aber durch die veränderten Verhältnisse das Einbringen
des zersetzten Stoffes von aussen gänzlich aufhörte, hörte auch das
epidemische Kindbettfieber auf wiederzukehren; hierher gehört das
Gebärhaus zu St. Rochus in Pest, welches von der chirurgischen Ab-
theilung getrennt, meiner Leitung anvertraut wurde. Durch sechs
Jahre hatte ich keine Epidemie ohne Chlorwaschungen.
Dass die grosse Sterblichkeit in den Gebärhäusern nicht durch
atmosphärische Einflüsse bedingt ist. geht daraus hervor, dass, wenn
Massregeln getroffen werden, welche geeignet sind, diese zersetzten
Stoffe zu zerstören, dass in diesen Gebärhäusern das sogenannte epi-
demische Kindbettfieber nicht mehr vorkommt, wenn selbe auch früher
durch eine lange Reihe von Jahren alljährlich davon heimgesucht
waren. Hieher gehören die erste Gebärklinik zu Wien und die ge-
burtshilfliche Klinik zu Pest. Von fremden hiehei gehörigen Erfahrungen
weiden wir später sprechen.
Das was wir über das Erscheinen und Verschwinden des soge-
nannten epidemischen Kindbettfiebers sagten, wollen wir hier, in so
weit es sich auf das Wiener Gebärhaus bezieht, durch Zahlen be-
weisen.
Das Wiener Gebärhaus wurde, wie schon angegeben, am 16.
August 1784 eröffnet. Siehe Tabelle Nr. XVII Seite 136,
Als die Medicin in Wien nach der anatomischen Grundlage ent-
behrte, ereigneten sich innerhalb 39 Jahren, also bis zum Jahre 1823,
71,396 Geburten, davon starben 897, also 1« Percent. Als die Medi-
cin in Wien vom Jahre 1823 angefangen die anatomische Grundlage
annahm, ereigneten sich bis znm Jahre 1833, in welchem Jahre die
melweis Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
Trennung- des Gebärhauses in zwei Abtheilungen stattfand, also inner-
halb zehn Jahren. 28,429 Geburten, davon starben 1509. also f>. „ l'er-
cent. Siehe Tabelle Nr. XVII Seite 13n.
Im Jahre 1833 fand die Trennung des Gebärhauses in zwei Ab-
theilungen statt, uns es wurden Schüler und Schülerinnen beiden Ab-
theilungen in gleicher Anzahl behufs des geburtshilflichen Unterrichtes
zugewiesen. Am 10, October 1840 wurden durch eine allerhöchste Ent-
Schliessung sämmtliche Schüler der ersten Abtheilung und sämmtliche
Schülerinnen der zweiten Abtheilong behufs des geburtshilflichen
Unterrichtes zugetheilt.
Während der acht Jahre, nämlich vom Jahre 1833 bis zum Jahre
1841, wiihrend welchen Schüler und Schülerinnen an beiden Abthei-
lungen in gleicher Anzahl vertheilt waren, schwankte die Grosse der
Sterblichkeit zwischen beiden Abtheilungen, wie Tabelle Nr. XX 11
zeigt.
Tabelle Hr. XXII.
1. Abtue
lung.
11. Abtheilim
8-
Jahr
Geburl-n
Todte
Percent-
Antheil
Geburt. mi
Todte
Percent-
Antheil
1833
8781
197
5.s,
353
8
B-M
1X1-1
•20.7
^•7,
1744
150
2573
143
5.«
1682
84
4 V.U
IK:W;
2ti77
200
7«
1670
131
7.»*
is 17
8765
251
1784
124
6 n
1838
2987
91
ITT'.l
38
1839
2781
151
O-04
SSO 10
91
1840
2889
267
"•IIA
2073
55
'- m
Summe
23066
1505
&M
13095
731
&M
.
Ich bedaure, dass ich so spät zur Kemitniss dieser Tabelle ge-
langt bin, dass ich selbe nicht benützen konnte an der Stelle, wo ich
derselben das erstemal bedurfte. Der Leser wolle daher von Zeile 49
angefangen die Seiten 134—136 nochmals lesen.
Durch Zuweisung sämmtlicher Schüler der ersten Abtheilung und
sämmtlicher Schülerinnen der zweiten Abtheilung steigerte sich die
Sterblichkeit an der ersten Abtheilung und verminderte sich an der
zweiten Abtheilung in dem Grade, dass bis zur Einführung der Chlor-
waschungen, Mitte Mai 1847, die Sterblichkeit innerhalb dieser sechs
Jahre an der ersten Abtheilung im Durchschnitte einmal so gross
war, als an der zweiten Abtheilung, wie Tabelle Nr. I Seite 100 zeigt.
Nach Einführung der Chlorwaschungen Mitte Mai 1847 verhielten
sich die Mortalitätsverhaltnisse der beiden Abtheilungen bis 1. Jänner
1859. also durch zwölf Jahre, wie Tabelle Nr. XXIII zeigt.
Diese Tabelle zeigt, dass die Sterblichkeit nach Einführung der
Chlorwaschungen, Mitte Mai 1847, an der ersten Abtheilung um 6.3a
Percent und an der zweiten Abtheilung um 0sa Percent zwar ge-
sunken sei. Aber die Sterblichkeit ist au der ersten Abtheilung um
2.„0 Percent und an der zweiten Abtheilung um l.,„ Percent grösser
als im Jahre 1848, wo die Chlorwaschungen durch mich beaufsichtiget
Die Aetiologie, der Begriff* und die Prophylaxis des Kindbettliebers. 183
Tabelle Nr. XXIII.
I. A b t ti e i 1 u u g.
(Klinik l'iir Aerzte.)
H. Abtheilung.
(Klinik für Hebammen.)
Jahr
Gtert. Tod,, 5»-*
Geburten
Todte
Ptrcent-
Antheil
1847 a)
1848
1849»}
1860
1»51
1852
1853»)
1854
1855
1856
1857
1858 4)
3490
3ao6
8868
3745
4194
4471
4221
4393
3659
3925
4220
4203
176
46
103
74
75
181
94
400
198
156
124
86
■'■00
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5«
3.01
2.«
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B2i e
8871
3261
:usn
3396
2988
3070
3795
4179
32
43
87
54
121
192
67
210
174
125
&3
60
0-00
2-
lo.
■'05
5^7
1,..
ÖI8
'"'■'■"
8.1.
1«
Summe
47936 1712
3M
40770
1248 3.M
wurden; obwohl auch ich die kleinste mögliche Sterblichkeit nicht
erzielt habe, aus Gründen, die ich an der betreffenden Stelle ge-
schildert.
Die Beurtheilung dieser gesteigerten Sterblichkeit wird an der
Stelle dieser s> hritr folgen, an welcher wir uns überhaupt über die
Erfolglosigkeit der Chlorwaschungen aussprechen werden, wie solche
anderen Geburtshelfern beobachtet wurden.
Für den unparteiischen Leser genüge an dieser Stelle die Be-
merkung, dass sämmtliche ofriciell an den beiden Abtheilungen in
in Zeiträume fungirenden Aerzte Gegner meiner Ansicht über
die Entstehung des Kindbettliebers waren und sind.
Mein Nachfolger in dür Assistenz, Carl Braun, hat gegen meine
Ansicht geschrieben. Carl Braun 's Nachfolger, sein Bruder Gustav,
hat bewiesen, welche Ansicht über die Entstehung des Kindbett-
liebers er hat. durch die 400 Todten im Jahre 1854. Eine Sterblich-
keit, welche im Wiener Gebärhause innerhalb 75 Jahren, die Sterb-
lichkeit selbst beider Abtheilungen summirt, nur dreimal übertroffen
wurde, nämlich im Jahre 1842 mit 730, im Jahre 1843 mit 457 und
im Jahre 1846 mit 567 Todten.
Wenn wir aber zu den 400 Todten der ersten Abtheilung die
210 Todten der zweiten Abtheilung desselben Jahres hinzufügen, so
wird die Sterblichkeit des Jahres 1854 beider Abtheilungen mit
610 Todten innerhalb 75 Jahren im Wiener Gebärhause nur einmal
hImi troffen, und zwar im Jahre 1842, ohne Chlorwaschungen, mit
730 Todten.
Wenn wir aber die Sterblichkeit beider Abtheilungen sondern,
') Semmelweis. Assistent vom 20. Mürz 1847 bis 20. März 1849.
•j Carl Braun, Assistent vom 20. März 1849 bis im Sommer 1853.
ustav Braun, Carl Brauns Bruder, Assistent und von April bis De-
cember 1857 snpplirender Professor.
4) Carl Braun, Professor.
184
Semmelweis' Abhandlungen nnd Werk über das Kindbettfieber,
so wird die Sterblichkeit der ersten Abtheilung mit 400 Todten im
Jahre 1854 innerhalb 75 Jahren nur zweimal nbertroffen. im Jahre
1842 mit 518 Todten und im Jahre 1846 mit 459 Todten.'
Der deutlicheren Uebersicht des Gesundheitszustandes der im
Wiener Gebärhause verpflegten Wöchnerinnen wegen wollen wir die
Hauptzahlen nach den für das Wiener Gebärhaus wichtigsten Zeit-
abschnitten hier in einer Uebersichtstabelle zusammenstellen.
Tabelle Ir, IX1T.
Medicin in Wien ohne anatomische Grundlage.
Geburten 71,395, Todte 897, Mortaütäts-Percent l.,s.
Medicin in Wien mit anatomischer Grundlage.
Geburten 28,429, Todte 1509, Mortalitäts-Percent 5.S0.
Trennung des Gebarhauses in zwei Abtheilungen.
I. Abtheilnng. II- Abtheilung.
(Schüler und Schülerinnen an beiden Abtheilungeu in gleicher Anzahl vertheilt)
Geburten Voiti Mort-Prct. Geburten Todte M..rt.-Prct
88,060 1505 6.„ 13,097 731 5.w
I. A b t h e i 1 u n g.
(Klinik für Aerzte.)
Geburten Todte Mort-Prct
20,042 1989 9.„
Vor Einführung der Chlorwaschungen.
IL Abtheilnng.
(Klinik für Hebammen.)
Geburten Todte Mort-Prct.
IT, Till 691 3.,,
Nach Einführung der Chlorwaschungen.
II. Abtheilung.
{Klinik für Hebammen.)
Gebnrten Todte Mort.-Prct.
40,770 1248 3.oa
T Abtheilung.
(Klinik für Aerzte.)
Gebnrten Todte Mort.-Prct
47.938 1712 3.,,
Summe der I. und II. Abtheilung.
Geburten Todte Mort.-Prct. Geburten Todte
91,043 5206 5.,, 71,656 2670
Mort-Prct.
3-71
Summe aller 75 Jahre.
Gebnrten 262.523, Todte 10.282, Mortalitüts-Percent 3.0I.
39 Jahre Medicin in Wien ohne anatomische Grundlage.
Die Sterblichkeit war:
25 Jahre 0 Percent,
1 „ 1 „
In"* n
1 ,. 4 „
WiVhnerinnen 44838, Todte 273 = 0.flO Percent
12074, „ 185 = 1 H
^ „ 2111 = 2 ai „
,. 2062, ., 66 = 3.go ri
„ 3089, „ 154 = 4,„a „
38 Jahre
Wöchnerinnen 71395. Todte 897 = l.M Percent
186
Senuneliveis' Abhandlungen und Werk über das Kindbetttieber.
Klinik für Hebammen.
Die Sterblichkeit w,u :
1 Jahr 0 Pereent, Wöchnerinnen 3306, Todte 32 = O^o Percent
4
i
a
s
i
3
i
4
i
b
a
6
12 Jahre
14139,
7186,
3395,
307U,
6298,
B396,
224 = l.„_
170 = 2..,
221 = 3.0A
125 = 40-
366 = Ui
210 = G.IH
Wöchnerinnen 10770. TVdte 12-w — ;•>,.., lvir.-m
Dies« Tabelle muss jedem Unbefangenen die Ueberzeugung bei-
bringen, dass die Sterblichkeit unter den Wöchnerinnen des Wiener
Gebärhauses innerhalb 75 Jahren nicht durch atmosphärische Ein-
flüsse bedingt war, sondern dass es ein zersetzter thierisch-organischer
Stoff war, welcher, je nachdem er häufiger oder seltener den Indi-
viduen von aussen eingebracht wurde, die Sterblichkeitsschwankungen
hervorbrachte, wie selbe eben gegenwärtige Tabelle anschaulich
macht Und da die Gesetze der Natur in der ganzen Welt gleich
sind, so thue ich, gestützt auf diese Tabelle, den Ausspruch, dass es
nie atmospärisch-cosmisch-tellurische Einflüsse gegeben hat, welche
im Stande gewesen wären, das Kindbettfieber hervorzubringen, und
dass die endlose Reihe der Epidemien, wie solche in der medicinischen
Literatur aufgezahlt wird, lauter verhütbare Infectionstalle von aussen
waren, d. h. sämmtlich Erkrankungen dadurch entstanden, dass den
Individuen ein zersetzter thierisch-organischer Stoff von aussen ein-
gebracht wurde.
Dass die sogenannten Epidemien in den Gebärhäusern nicht durch
atmosphärische Einflüsse, sundern durch einen zersetzten thieriseh-
organischen Stoff, welcher den Individuen von aussen beigebracht
wurde, bedingt seien, beweiset der günstigere Gesundheitszustand der
in englischen Gebärhäusern verpflegten Wöchnerinnen, und der
günstigere Gesundheitszustand der Wöchnerinnen in den Gebärhäusern
derjenigen Länder, in welchen englische Ansichten vorherrschen, wie
in Irland und Schottland, in Vergleich mit dem schlechteren Gesund-
heitszustande der Wöchnerinnen in deutschen und französischen Gebär-
häusern.
Es ist kein Grund vorhanden zu der Annahme, dass die atmo-
sphärischen Einflüsse, welche in deutschen und franzosischen Gebär-
häusern die Wöchnerinneu in so grosser Anzahl dahinraffen, nicht
auch in England, Schottland und Irland sollten statthaben können.
In dem Unterschiede der atmosphärischen Einflüsse genannter
Länder kann demnach der Unterschied in dem Gesundheitszustande
der Wöchnerinnen nicht liegen. Aber die Ansichten englischer
Aerzte über die Entstehung des Kindbettfiebers sind wesentlich ver-
schieden von der Ansicht, welche französische und deutsche Aerzte
über denselben Gegenstand haben.
Die englischen Aerzte halten das Kindbettfieber für contagiös;
in Frankreich und Deutschland war immer die Ansicht vorherrschend,
dass das Kindbetuirliii nicht contagiös sei. Dass das Kindbettfieber
nicht contagiös sei, ist auch meine Ueberzeugung ; ich habe meine
Gründe schon angeführt, und werde in dieser Schrift noch einmal
Gelegenheit haben, auf denselben Gegenstand zurückzukommen.
Aber das Kindbettfieber ist von einer kranken Schwangeren,
Dil At'tiol. Begriff uu'l dk I'r-'pliylaxk des Kiiidletttieben. 187
Kreissendeu oder Wöchnerin auf gesunde Schwangere, Kreissende
und Wöchnerinnen durch Vermittlung eines zersetzten Stoffes, welchen
die kranke Schwangere. Kreidende und Wöchnerin erzeugt, über-
tragner; das Kindbettfieber ist demnach nicht von einer jeden
kranken Seluvangeren. Kreidenden odei' Wöchnerin auf gesunde über-
tragbar wahrend des Lebens, sondern nur von denjenigen Krauken,
welche einen zersetzten Stoff erzeugen. Nach dem Tode ist vou einer
jeden Puerpera-Leiche das Kindbettfieber übertragbar auf gesunde,
wenn die Leiche den nüthigen Fäulnissgrad erreicht hat.
Die Engländer, von der Ansicht ausgehend, dass das Bndbett-
rieber contagiös sei, besuchen eine gesunde Schwangere, Kreisst-mlr
oder Wöchnerin nicht, wenn sie früher eine kranke Schwangere,
Kreissende oder Wöchnerin besucht hatten, ohne sich früher die Hände
mit Chlor zu waschen, ohne die Kleider gewechselt zu haben, und
wenn die Zahl der Erkrankungen zunimmt, unternehmen selbe Reisen
oder geben für pinige Zeit die Praxis ganz auf. Die englischen
Aerzte gehen nach der Section einer Puerpera-Leiche zu keiner ge-
suudeu Sehwanireren, Kreissenden oder Wöchnerin, ohne sich früher
in Chlor gewaschen, ohne früher die Kleider gewechselt zu haben.
Die englischen Aerzte thun in allen jenen Fällen, in welchen die
kranke Schwangere, Kreissende oder Wöchnerin keinen zersetzten
Stoff erzeugt, etwas Ueberfliissiges, aber in allen Fällen, in welchen
die kranke Schwangere, Kreissende oder Wöchnerin einen zersetzten
snti erzeugt, zerstören die englischen Aerzte in der Absicht, ein
• Untugium zu zerstören, den zersetzten Stoff, welcher, wenn er auf
eine gesunde Schwangere, Kreissende oder Wöchnerin übertragen
worden wäre, das Kindbettfieber hervorgebracht haben würde.
Null der Section einer Puerpera-Leiche zerstören englische
Aerzte durch Chlorwaschungen, in der Absicht ein Contagium zu zer-
Btftren, den zersetzten Stoff, mit welchem die Puerpera-Leiche deren
Hände verunreinigt bat
[»mische und französische Aerzte, in der Ueberzeugung, dass das
Kindbettfieber nicht contagiös sei, und die Uebertragbarkeit mittelst
zersetzter Stoffe nicht kennend, besuchen nach Sectionen von Puerperal-
leichen und nach Besuchen kranker Schwangerer, Kreissender und
Wöchnerinnen, selbst wenn selbe einen zersetzten Stoff erzeugen,
ohne riet) früher mit Chlor gewaschen zu haben, gesunde Schwangere,
iaaende und Wöchnerinnen, und übertragen auf diese Weise den
zersetzten Stoff auf gesunde Schwangere, Kreissende und Wöch-
nerinnen, welcher zersetzte Stoff, wenn resorbirt, das Kindbettfieber
hervorbringt.
In englischen Gebärhäusern fallen daher alle Erkrankungen,
welche in deutschen und französischen Ci burhutsern von Puerperal-
1' h heu oder von kranken Schwangeren. Gebärenden und Wöchnerinnen
herrühren, weg. und daher der günstigere Gesundheitszustand der
Wöchnerinnen in Gebärhäusern. in welchen man das Kindbettfieber
für contagiös hält. Dass aber aus diesen Quellen der zersetzte Stoff
für zahlreiche Erkrankungen kommen kann, dafür lieferte < hiari
einen belehrenden Aufsatz im Wochen blatte der „Zeitschrift der k. k.
ellschaft der Aerzte zu Wien", erster Jahrgang, 19. Februar 1855.
Nr. 8:
188
Semmelweis' Abhandlungen nnd "Werk über das Kindltttfieber.
Winke zur Torben gung der Puerperal- Epidemie.
Von weiland Professor Chiari.
«Ich erlaube mir hier die Aufmerksamkeit auf einen Oegenstami
zu lenken, der, wie auch vielfach besprochen, dennoch vieler Auf-
klärungen bedarf. Es ist dies die Entstehung und Vorbeugung der
sogenannten Puerperal-Epidemien, ich sage sogenannten, da es con-
siatirt ist, dass derlei Erkrankungen nicht etwa zahlreicher gleich-
zeitig über einen grossen Distriet verbreitet vorkommen, sondern be-
kanntem] assen meist nur an Entbindungsanstalten, und auch da nicht
gleichmässig an den verschiedenen Abtheilungen derselben auftreten.
„Ich will hier nicht auf die verschiedenen Ansichten über die
Entstehungsursache dieser wirklich furchtbaren Krankheit zurück-
kommen, erlaube mir aber nur einige Beobachtungen über die Ver-
anlassung zu zahlreichen Erkrankungen von Wöchnerinnen zu geben.
die ich während meiner Amtswirkung in Prag machte.
„Vom 23. bis 27, Jänner 1853 wurde bei einer Erstgebärenden
eine den eben bestimmten Zeitraum anhaltende Verzögerung der Ge-
burt durch Verdickung des Muttermundes und nachträgliche Gan-
gräneseenz noch während der Geburt beobachtet. Nachdem vergebens
Bäder. Einspritzungen, Antiphlogose, Illusionen des knorpelharten
und fingerdick gewulsteten Muttermundes angewendet worden waren,
schritt man zur Verkleinerung des bereits durch den längeren Ge-
burtsact abgestorbenen Kindes, um die Geburt nach viertägiger Dauer
zu vollenden. Die Absonderung aus der Scheide war in den zwei
letzten Tagen bräunlich, missfärbig, höchst übelriechend. Die Wöch-
nerin erkrankte an heftiger Endometritis septica und erlag den
1, Februar dieser Krankheit. Von dem Tage an, wo diese Gebärende
auf dem Geburtszimmer war, erkrankten neun andere Gebärende, die
mit ihr zugleich auf dem Gebärzimmer lagen, und mit Ausnahme
einer einzigen starben sie alle. Von den letzten Tagen Jänners
schleppten sich die häufigen Erkrankungen bis in den Monat Mai hin,
worauf wieder bis October der günstigste Gesundheitszustand unter
den Wöchnerinnen herrschte.
»Hieraus glaubte ich mit Bestimmtheit zu entnehmen, dass in
diesem concreten Falle die Ursache der häufigeren Erkrankungen
von Uebertragung der gangränösen Stoffe von den kranken Gebärenden
auf die gesunden Individuen herrührte. Natürlich ist es, dass hierbei
die möglichste Vorsicht beobachtet wurde, um nicht durch die Unter-
suchung die deletären Stoffe zu übertragen; trotzdem aber ist beim
gleichzeitigen Aufenthalte einer solchen kranken und mehrerer gesunden
Gebärenden in einer und derselben nicht zu geräumigen Localität
durch allerlei Medien eine Uebertragung der deletären Stoffe anzu-
nehmen. Sind aber mehrere Erkrankungen eingetreten, so ist es be-
greiflich, dass auf dieselbe Weise an einer Anstalt, wo die Localitäten
für die grosse Frequenz der Geburten kaum ausreichen, auch die Fort-
dauer dieser Krankheit bedingt hat.
„Durch das bisher Gesagte will ich nicht etwa die Meinung aus-
sprechen, als ob alle sogenannten Puerperal-Epidemien auf diese Weise
entstehen müssten, jedoch glaube ich dadurch auf einen Umstand auf-
merksam zu machen, der oft au grösseren Entbindungsanstalten ein-
treten kann und wird.
Die Aetiologte, der Begriff und die l'iv.phvlaxlfl des Khidbetttiebers 1^9
.Als Inst urkenden Beweis dieser meiner Ansicht hatte ich leider
Gelegenheit eine zweite traurige Erfahrung- zu machen. Im October
1853 wurde wenige Tage vor meiner Rückkehr nach Prag nach einer
mehrwöchentlichen Ferialreise bei einer durch mehrere Tage kreissenden
Frau wegen Beckenenge die Perforation nöthig. Diese Wöchnerin
starb an Endometritis septica mit Verjauchung der Synchondruse. V 11
dieser Zeit waren wieder zahlreiche bösartige Erkrankungsfälle ein-
getreten, die erst Mitte November wieder aufhörten. Von da an bis
zu Ende meiner Amtsführung in Prag, nämlich bis Ende August des
laufenen Jahres, war ich so glücklich, an der dortigen Klinik
nicht mehr diese fürchterliche Krankheit zahlreicher zu beobachten.
„Durch diese zwei Beobachtungen wollte ich weiter nichts darge-
than haben, als dass man bei grösserer Aufmerksamkeit im Stande
die Entstehungsweise der zahlreichen Erkrankungen an den Gebär-
anstalten hin und wieder nachzuweisen.
,.l ebrigens wurde auf diese Entstehungsweise schon von Semmel-
weil lungedeutet, und auch an der hiesigen Klinik für Hebammen
wurde in du-sem Herbste eine ähnliche Beobachtung gemacht, wie mir
mein Freund, Dr. Späth, vertraulich mitteilte.
„Ich halte es für eine Gewissenssache, diese Beobachtungen zu
veröffentlichen, denn wenn ich auch nicht damit gesagt haben will,
dass darin die einzige Entstehungsweise dieser Seuchen liegt, so kann
doch die Beobachtung der dadurch entstandenen Rücksichten für die
Eintheilung und Einrichtung der Gebäranstalten grosser praktischer
Vortueil erlangt werden. In dieser Beziehung halte ich es für eine
dringende Notwendigkeit, in grösseren Gebäranstalten mehrere Geburts-
zimmer in Bereitschaft zu halten, um im oben eintretenden Falle die
verzögerten Geburten von den gewöhnlichen zu isoliren. Dass diese
Isolirting auch bei Ertheilung des Unterrichts beobachtet werden
muss. verstellt sich von selbst.
..Von der oben ausgesprochenen Ansicht ausgehend, dass nämlich
v n der Uebertragung der faulenden deletären Stoffe die Ausbreitung
der Wochenkranklieiten an grösseren Gebäranstalten abhängt, suchte
ii h aiuh nach Möglichkeit diese Ursache zu beseitigen, und traf des-
halb an der unter meiner Leitung stehenden Anstalt folgende Vor-
kohrungsmassregeln :
„1. Ich theilte den Unterricht derartig ein, dass die einzelnen Ge-
bärenden niemals von mehr als fünf Schülern untersucht wurden.
nachdem es einem jeden Zuhörer auferlegt worden war, mit Chlorkalk-
tng die Hände zu waschen.
„2. Damit die Uandidaten nicht leicht von anatomischen Arbeiten
zur Klinik kommen konnten, bestimmte ich für den Sommer und für
den Winter die Morgenstunde von 7 bis 9 für die Abhaltung der Klinik,
„3. Richtete ich mein Augenmerk auf sorgfältige Reinigung der
Wische, wobei auch bei der zweiten Epidemie die Einrichtung ge-
troffen wurde, dass die vor die Genitalien zu legenden Uonipressen
selbst ausser dem Hause gewaschen wurden.
„4. Sein leicht denkbar ersohien es mir ferner, dass beim Waschen
der Wöchnerinnen an den Geburtstheilen mit dem Schwämme, wenn
z. B. die eine an Puerperalgeschwüren litt, dieser Zustand auch auf
die anderen Wöchnerinnen übertragen werden kann. Deswegen traf
ich die Einrichtung, zur Reinigung der Geburtstheile bei den Wöchner-
innen keine Schwämme mehr, sondern nur Spritzen zu gebrauchen,
L90
' libandJnngen uncl Werk über das Kütitbettfiebtir.
denn während erstere mit den Geburtstheüen leicht inContact kommen,
ls1 dieses bei den letzteren nicht leicht möglich.
..;'). Suchte ich die schwerer Erkrankten aus der Gebäranstalt
zu entfernen, indem ich selbe ins Krankenhaus traneferirte. Diese
I wai jedoch auch andererseits durch Hange! an Kaum ge-
boten. Dass ee jedenfalls zweckmässig" ist. in physischer und moralischer
Beziehung die Anhäufung solcher Kranken in den Gebäranstalten zu
verhindern, muss Jedermann einleuchten.
jy Aus aerobes trtWgeeproclteneTi Ansicht geht nun ferner hervor,
liass bei Eintritt zahlreicherer Erkrankungen an einer Gebiiiui-iali
ein Wechsel der Legalitäten, so wie der ganzen Fournitur eines Spitals
ein vorzügliches Mittel genannt werden muss, um die Ausbreitung
der Krankheit zu hemmen.
„Daher schien es mir zweckmässig, bei Errichtung neuer der-
artiger \ nstalten die Baulichkeit so einzurichten, dass z. B. hier in
loco eine jede geburtshilfliche Klinik ein eigenes Gebäude hätte,
welches auch in Beziehung auf Wäsche von der andern Klinik gänz-
lich getrennt werden könnte,
„Indem ich bei Anwendung dieser Massregeln, so weit <i
Ausführung in meiner Macht lag, Gelegenheit hatte zu beobachten.
dass die häufigeren Puerperalkrankheiten nach ein bis zwei Monaten
wieder aufhörten, so glaube ich selbe dringend anempfehlen zu können,"
Aus diesen Beobachtungen Chi ari's ersieht der Leser, wie zahl-
reiche Erkrankungen der zersetzte Stoff, welcher von eiuer kranken
Gebärenden und Wöchnerin herrührt, erzeugen kann. Dass aber der
zersetzte Stoff, welchen kranke Gebärende und WÖchnerinueu erzeugen,
nicht die einzige Quelle der sogenannten Puerperal-Epidemie sei, gebt
aus dem hervor, was wir Seite 159 und 100 von den Quellen sagt-n.
aus welchen der zersetzte Stoff genommen wird, welcher alle bisher
beobachteten und vielleicht noch zu beobachtenden sogenannten Pner-
peral-Epidemieii hervorgebracht hat, oder vielleicht noch hervor-
bringen wird.
Dass in den Gebärhäusern, in wrelchen man das Kiiulbi 'tt lieber
für contagiös hält, und in der Absicht, ein Contagium zu zerstören,
durch Chiorwaschungen den zersetzten Stoff zerstört, welcher vou
kranken Schwangeren, Gebärenden, Wöchnerinnen und PiterperallHehen
mmen. sonst zahlreiche Erkrankungen hervorgerufen hätte, wirklich
ein besserer Gesundheitszustand der Wöchnerinnen zu beobachten sei,
geht aus einem Berichte hervor, welchen Prof. Dr. Levy ans Kopen-
hagen über die Gebärhäuser und den praktischen Unterrächt iü der
Geburtshilfe in London und Dublin in der vBiblioihek for haager*1
veröffentlicht Prof. G. A. Michaelis in Kiel hat eine deutsche
Uebersetzung dieses Berichtes in der „Neuen Zeitschrift für Geburts-
kunde", Bd. 27, Mit. :;, Seite 392T veröffentlicht.
ich kann mich nicht enthalten, die Vorrede des Uebersetzers zu
diesem Berichte wörtlich hier abdrucken zu lassen:
„Bei einer Reise, die ich vor Kurzem vollendete, hatte ich Gelegen*
beil, mich von der Treue der Darstellung des vorliegenden Berichtes
zu überzeugen; eine Ueberzengung, die auch jedem Leser schon
dem Fleisse und der Gründlichkeit der Darstellung sich aufdrängen muss.
..Der Hauptgesichtapnnlct hei der Untersuchung des Verfassers
war die Erforschung der Verhältnisse, unter welchen das Puerperal*
fieber erscheint, und die Angabe der Mittel, welche man zu dessen
Die Aetiologie, der Begriff nnd die Prophylaxis des Kindbetttiebers. 191
Besiegung: glücklich angewendet hat. Die englischen Anstalten bieten
in diesem Punkte vor allen die wichtigsten Resultate dar, denn sie
sind meistens von dieser Pest der Gebäiiiäuser zeitweise arg le-im-
gesucht worden, haben es aber in den letzten Decennien durch Gesund-
massregeln glücklich dahin gebracht, dass die Sterblichkeit der
Wöchnerinnen in allen Londoner und Dubliner Anstalten nur ein
•> nt eben übersteigt.
..Auf dem kontinente sind wir Ton so glücklichen Resultaten
leider noch weit entfernt. Mit Ausnahme einiger kleinerer bisher
verschonter Anstalten wüthet die Krankheit, wie öS scheint, mit dem
Alter der Anstalten immer häufiger und verderblicher. Sie bedroht
schon die Existenz der für das ("'(leihen der Wissenschaft und den
praktischen Unterricht so nothwendigen Geb&rhfinser. Leider ist dieser
1 all bei der unter meiner Leitung stehenden Anstalt eingetreten, und
heint. den Umständen nach, in Kopenhagen das Gleiche der Fall
zu sein, An beiden Orten wird man zu einem Neubau seine Zuflucht
nehmen müssen; und wenn die Regierung auch zu einem solchen dieses
Mal noch die nöthigen Mittel bewillig r«l ein abermaliges Miss-
liiicvn fast nothwendig die Aufhebung des Gebärhauses nach sich ziehen.
..Diese drohende Gefahr aber schwebt nicht allein über uns, sie
wird seinerzeit alle ähnlichen Anstalten erreichen, in denen die Her-
stellung eines besseren Gesundheitszustandes nicht gelingt.
..Mit fortschreitender Bildung und Humanität wird auch an Orten,
WO bisher die öffentliche Stimme sich gleichmütig gegen die furchtbare
Aufopferung von Menschenleben verhielt, sieh dieselbe einst mächtig
erheben, und ist dann ihres Sieges völlig gewiss: man wird die An-
Statten aufheben oder gesund machen müssen. Zum Heile und Ehre
der Wissenschaft aber ist. es zu wünschen, dass man es zu diesen)
Zwange nicht kommen lasse : dass man früher Hand aus Werk lege,
ehe die Volkswut li alles zerstörend über den Saufen wirft.
s von einer therapeutischen Behandlung; der einzelnen Krank-
heitsfälle die Tilgung dieser Pest nicht zu erwarten ist. brauche ich
dem in der Sache Erfahrenen nicht zu beweisen. Vielmehr ist dieses
um durch durchgreifende, streng befolgte Massregeln der Reinigung
und Ventilation u. s. w. zu erlangen, seheint aber nach den Erfahrungen
der Engländer auf diesem Wege auch sicher erreichbar zu sein
..Wir müssen uns unseren Collegen in England für dieses Beispiel
fruchtgekrönter Bemühungen, für diese uns gewährte Hoffnung einer
besseren Zukunft zum Hanke verpflichtet fühlen; wir können nichts
Besseres thun, als uns auch durch den Äugt Iher ihre trefflichen
Einrichtungen zu belehren.
„Mit der grössten Zuvorkommenheit wurden mir die Anstalten
igt, und mit einem solchen Führer, wie Professor Levy's Schrift,
wird man es möglich finden, selbst in sehr kurzer Zeit durch den
Augenschein zur vollständigen Kenntniss der englischen Einrichtung
zu gelang« n.
„Im vorigen Jahre hat man in Wien die glückliche Entdeckung
gemacht, dass durch eine Reinigung der Hände mit Chlor vor dem
Untersuchen die Krankheit in der Abtheilung des Gebärbauses, wo
sie bisher fürchterlich wüthete, in auffallender Weise beschrankt
wurde. In der Zeit der Anwendung dieses Mittels sank die Kahl
der Todten auf fast ' ,„ der sonst gewöhnlichen herab; ein äusserst
glänzendes Resultat.
192 Semmelweis1 Abhandlungeii und Werk über das Kindbettfielicr.
„Ohne Zweifel wird Dr. S e m m e 1 w e i s , dem wir diese Entdeckung
verdanken, das Nähere hierüber nächstens veröffentlichen ; und täuscht
nicht Alles, so eröffnet sich durch Anwendung dieses Mittels neben
den allgemeinen Desinfectionsmitteln eine glücklichere Zeit für unsere
Gebärhäuser, Ich verdanke die Kenntnis der Wiener Erfahrungen
der gütigen Mittheilung des Dr. Hermann Schwärt z aus Holstein,
dem ich hierfür meinen Dank öffentlich abzustatten nicht unter-
lassen kann.
„Kiel, den 17. April 1848."
Die Zahleiirapporte der Gebärhäuser in London sind nach Professor
Dr. Levy's Angaben folgende:
Tabelle Nr. XXT.
Tabelle über die Gebarenden in! Verstorbenen In Britlefc-Lrlng-in-üospital
in London von Errichtung1 dos Hospitals im November 1749 bis» zum
31. December 184«.
Jahreszahl
Gebirende ' Todte
Pere.-iit-
Antbeil
Sterblichkeit
1749
(vom Novem-
ber bis
31.Deceniher)
3
—
—
1750
175
8
1-7.
1751
337
12
■'■.:',
78 Todte auf 3292 = 1 auf
175-2
488
14
3.j8
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1753
884
10
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1764
321
12
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1768
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478
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1760
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1762
1763
397
414
7
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2.,,
94 Todte auf 4773 = 1 auf
ÖO'V»*
1764
886
7
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1770
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1771
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4
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1772 696
1773 627
4
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1Ü6 Todte auf 5637 = 1 auf
ö3"7i<*
1774 668
l.s
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1775 570
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3
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1777
602
6
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1778
572
11
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Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 193
Jahreszahl
Gebärende
Todte
Percent-
Antheü
Sterblichkeit
1779
1780
1781
1782
1783
1784
1785
1786
1787
1788
563
566
624
649
687
650
436
697
664
578
3
8
14
13
6
14
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9
9
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0.5,
1.«
2-,
2.,4
0.85
2..«
1,7
1M
1.5,
1-7,
91 Todte auf 5513 = 1 auf
60"/,i
1789
1790
1791
1792
1793
1794
1795
1796
1797
1798
699
622
621
610
590
581
612
627
619
566
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21 Todte auf 6047 = 1 auf
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1800
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1803
1804
1805
1806
1807
1808
521
417
401
358
366
343
328
323
321
324
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2
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16 Todte auf 3702 = 1 auf
231«/ie
1809
1810
1811
1812
1813
1814
1815
1816
1817
1818
310
329
346
320
373
311
349
321
329
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1
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12 Todte auf 3289 = 1 auf
2747,,
1819
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1821
1822
1823
1824
1825
1826
1827
1828
292
299
262
180
163
176
170
183
159
168
2
1
7
5
4
2
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3.88
3-o«
2.«
l.o»
3-7,
1-78
30 Todte auf 2052 = 1 auf
68'V.o
Semmelweis' gesammelte Werke.
13
194
Semmelweiü' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
Jahreszahl
Gebärende
Todte
Percent-
Antheil
Sterblichkeit
1829
156
4.M
1830
85
1-17
! 1831
142
o.„
1832
1833
117
122
Ö.»8
30 Todte auf 1178 = 1 auf
397,0
1834
113
3
2-e»
1836
106
3
2„
1836
89
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1837
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1838
142
5
3.5.
1839
104
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113
1
o.M
1841
1842
125
106
3
2.40
12 Todte auf 876 = 1 auf
73
1843
106
3
2-8.
1844
117
1
0-8»
1845
94
3
1846
111
1
0*o
In 98 Jahren
86337
490
1*4
In 12 Jahren starb keine von
39
21
10
12
1
2
1
0%
2i:
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6"
2862 Wöchnerinnen,
16692
8956 „
3029
3626
156
589
427
84 Todte
137
76
125
7
35
26
0.4t Percent
1.»
2«,
3.44
4.48
6*4
6..H,
In 98 Jahren
36337 Wöchnerinnen, 490 Todte = l.M Percent
Tabelle Ir. XX7I.
Queen-Charlotteg Lying-in-hogpital.
Jahreszahl
Gebärende
Gestorben
Percent-
Antheil
1828
1829
1830
1831
1832
1833
1834
1835
1836
1837
1838
1839
1840
1841
1842
265
221
236
207
217
130
161
214
169
215
202
204
199
218
212
10
6
6
4
2
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1
2
2
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1-18
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1.»«
1-50
1-87
0.„4
In 15 Jahren | 3070
52 j 1.6»
Die Aetiologie, der Begriff nnd die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 195
In 1 Jahr starb keine Ton 130 Wöchnerinnen,
4
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91
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1«
0%
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423
266
In Ifi Jahren
3070
3070 ISerhiierinnen,
7
Todte
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Percent
Tabelle Hr. XXTII.
111. The city of London Lvlng-in-hospital.
Jahr
Gebärende
Gestorben
Fen-ent-
Antheü
1827
317
1828
312
—
—
1829
377
—
—
1830
236
15
6.,»
Geschlossen
—
—
1831
363
5
1»
1832
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B
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1833
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0.10
1834
411
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o.„
1835
473
7
1.«
1836
437
8
L,
1837
522
7
1*4
1838
600
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1840
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1841
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2
o.«
1844
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4
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1845
382
6
1.M
1846
467
7
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1847
554
7
1«
1848
547
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4..,
1849
448
14
&14
1850
376
2
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In 24 Jabren
10868
154
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In 3 Jahren starben keine von 1006 Wöchnerinnen,
0%
1«
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3K7M
4353
600
446
547
236
22 Todte = 0.«, Percent
63 „ = 1„4 „
In 24 Jabren
10868 Wöchnerinnen, 154 Todte = 1.« Percent
Die letzten vier Jahre sind dem Werke Arneth's1) entnommen.
Vom Jahre 1848 sagt Arn et h: „Ich bedaure. nicht im Stande zu
sein, angeben zu können, wie die Sterblichkeit im Jahre 1848, das in
diesem Gebärhause viele Opfer forderte t in den anderen Anstalten
Londons sich verhielt."
') Ueber Geburtshilfe und Gynaecologie in Frankreich, Grosabritannicu und
Irland. Wien 1853.
13»
196
Semmelweis" Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber,
Nebenbei sei jedoch bemerkt, dass Mrs. Widgen, die eben so
kluge als erfahrene Hebamme der zu besprechenden Anstalt, eine im
Hause gemachte Section als Ausgangspunkt der Seuche bezeichnete,
ohne dass ich ihr eine solche Meinung in den Mund gelegt hätte.
Tabelle Hr. XXVIII.
IV. Tue general Ljlng-in-hoaplUl.
Jahr
Gebärende
Gestorben
Percent-
Antbeil
1829
1830
1881
1832
1884
1835
1836
1837
l.s:-:s
1839
1840
1841
1842
1843
1844
1845
18 u;
170
183
160
180
184
209
185
212
196
71
171
210
117
m
191
166
186
ans
7
3
2
2
6
7
14
0
4
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6
15
15
11
2
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In 18 Jahren
122
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In 3
Jahren
starb
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560
Wöchnerinnen,
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1%
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ii
= 26.7Ö
ti
In 18 Jahreu
3152 Wöchnerinnen, 122 Todte = 3„, Percent
Vom Gesundheitszustände der Wöchnerinnen dieses Gebärhauses
sagt Professor Dr. Levy Folgendes .
„Die hieraus hervorgehende Veränderung im Gesundheitszustande
des Hospitals in den letzten 379 Jahren ist zu merkwürdig, dass es
nicht interessiren sollte, etwas näher die Anstrengungen und Versuche
kennen zu lernen, die man vorher zu diesem Zwecke gemacht hat,
worüber in dem bekannten „Health of toicns eummismns first rcport,"
VoL I, pag. 117 — 21, eine authentische Aufklärung enthalten ist.
Man sieht hieraus, dass man bis 1838 sich mit den gewöhnlichen
Palliativmitteln gegen Hospitalsepidemien (Endemie. Anm. d, Verf.)
begnügte. Indem man nun aber den Blick über das Hospitalsgebäude
erweiterte, gewahrte man, dass in unmittelbarer Nähe des Gebäudes,
kaum 30 Fuss von der Mauer, sich offene Gräber von mehr als 1500
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbetttiebers. 197
l'u-> Ausdehnung vorfanden, die den Ablauf des angrenzenden Armen-
und stark bebauten »Stadtquartiers aufnahmen. Der Inhalt der Gräben
war stagnirend, und in Folge von anhaltender Gasentwicklung in be-
ständiger Ebullition.
..Nach manchen Schwierigkeiten und Debatten mit der Wasser-
leitungscommission glückte es endlich dem Hospitalsvorstande im Oc-
tober 1838, gegen Beisteuer zu den bedeutenden Kosten eine 644 Fuss
lange Strecke der Gräben gereinigt und überbaut zu erhalten, bei
welcher Gelegenheit aber der Missgriff begangen wurde, dass man die
ungeheure Monge des schwarzen stinkenden Schlammes, statt ihn
fortzuschaffen, über den anliegenden Grund ausbreitete, wodurch die
Ausdünstnngstiäche natürlich in der ersten Zeit sehr vergrößert
wurde. Als eine wahrscheinlich unmittelbare Wirkung hiervon glaubt
Dr. Rigby anführen zu können, dass innerhalb der ersten 24 Stunden
nach dieser unverantwortlichen Massregel sich zwei Fälle von Puer-
peralfieber im Hospitale zeigten, das in der letzten Zeit zuvor ganz
frei von der Krankheit gewesen war. Diese Arbeit blieb indess
ohne merkbare Einwirkung auf den späteren Gesundheitszustand des
Hospitals, weshalb man. da die Hospitalsärzte bisher durchweg über
die mangelhafte Ventilation der Zimmer geklagt hatten, im Anfange
des Jahres 1842 dem Dr. Reid seinen Wärme- und Ventilations-
apparat anlegen Hess.
..Wie früher schon erwähnt ist, zeigte sich die Wirkung des-
selben nicht sogleich, da das Kindbettfieber noch in den letzten Mo-
naten 1842 und im Anfange 1843 mehrere Opfer forderte. Der Grund
hiervon ist nach Dr. Rigby's Ueberzeugung allein in der übel-
wollenden Opposition zu suchen, welcher das neue Ventilationssystem
bei dem ganzen weiblichen Dienstpersonale der Anstalt begegnete,
das nur mit der grüssten Schwierigkeit und nicht immer davon ab-
zuhalten war, durch unzeitiges Schliessen oder Oeffnen der Klappen
alle Ventilation in den Zimmern zu hindern, weshalb er auch an-
nimmt, dass erst nach Wechslung eines Theiles dieses Personals und
Annahme von einigen zuverlässigen Candidaten zur Ueberwachnng
aller Vorschriften, die in Hinsicht der Ventilation gegeben waren, die
Wirkung des Apparates erkannt werden konnte, und zwar in solchem
Grade, dass er der verbesserten Ventilation allein die merkwürdige
\ "r ränderung in dem Gesundheitszustände des Hospitals zuschreibt,
die im Frühjahre 1843 eintrat.
„Unglücklicher Weise bleibt indess bei dieser Sache ein Zweifel
übrig, da in derselben Zeit sich etwas ereignete, dem man von
anderer Seite einen grossen Einfluss zuschrieb. Im Anfänge von 1843
war nämlich Dr. Reid darauf aufmerksam geworden, dass hin und
wieder sich eine übelriechende Flüssigkeit von dem Grunde des Keller-
gewölbes erhob, wo der Feuerherd der Zugschomsteine angebracht
war; und nach Untersuchung des Wassers kam man zu der Ueber-
zeugung, dass es von der nahen Abzugsrinne kommen musste. Des-
halb wurden alle Ablaufsrinnen des Hauses nachgesehen. Man fand
nun eine Hauptrinne mit einigen Stücken Holz so fest verstopft, dass
noch ein starker Verdacht herrscht, dass eher Bosheit als Zufall
Schuld daran sein mag; auch den ganz naheliegenden Theil des
Kellergrnndes fand man von allerlei riechenden Unreinigkeiten über-
Bpttlt und getränkt, ohne dass es begreiflicher Weise möglich war zu
bestimmen, wie lange dieser Znstand schon gedauert habe.
198
Sernmelweis' Aliliandlungeii und Werk über das Kiudbettfieber.
„Da die Entdeckung und Beseitigung* dieser miasmatischen Quelle
der Zeit nach zusammenfällt mit der strengeren Anwendung des
neuen Ventilationsapparates, so ist es natürlich, dass die Meinungen
abweichend und die Entscheidung zweifelhaft ist, welchem dieser
Momente man den wesentlichsten Antheil an dem später so günstigen
Gesundheitszustände des Hospitals zuschreiben soll. Dr. Rigby halt.
wie gesagt, auf die Ventilation, und sieht den andern Umstand als
weniger bedeutend an, indem er jede Spur einer Kellerfeuchtigkeit
ausser der an der Seite des Gebäudes liegenden Wölbung abläugnet.
wo die Entdeckung geschah, und dazu die Beschreibung des be-
treffenden Zustandes des Kellergrundes für sehr übertrieben hält.
Andere dagegen, welche die persönliche Behinderung des Veutilations-
systemes in der ersten Zeit nicht beachten, legen besonderes Gewicht
auf dieses Argument gegen die Ventilation, dass dieselbe fast ein
Jahr in Gebrauch gewesen wäre, ohne das epidemische (endemische,
Anm. d. Verf.) Auftreten des Fiebers zu verhindern. Hierzu lässt
sich noch hinzufügen, dass die andern früher genannten wohlgelegenen
Londoner Anstalten, ohne ein künstliches Ventilationssystem und selbst
bei minder günstigem Raumverhältnisse im Laufe des Jahres einen
im Ganzen sehr guten Gesundheitszustand bewahrt haben; aber über-
sehen darf es von anderer Seite nicht werden, dass, selbst wenn die
nächste und schlimmste Krankheitsquelle gestopft ist, sich doch noch
mehrere gleicher Art in der niedrigen und sumpfigen Umgebung des
Hospitals nachweisen lassen, wie die noch übrigen nicht femliegenden
übelriechenden Gräben, und dass demnach der Gesundheitszustand so
sehr verändert wurde. Legte man doch den letztgenannten un-
gunstigen Verhältnissen für die Katastrophe von 1842 eine solche
Bedeutung bei, dass der eben genannte Dr. Fergusson 1839 in
seiner bekannten Schrift über Kindbettfieber (pag. 104) sagt: ^Hin-
sichtlich des General-Lying-in-Hospital ist dessen Ungesundheit seiner
Lage fast unter der Fluthöhe zuzuschreiben, umgeben von einem
Netze von offenen Gräben von 1500 Fuss Ausdehnung, die alle l'n-
reinlichkeit vom Lambeth-District aufnehmen, und von denen einige
nicht 30 Fuss von der Mauer des Gebäudes abliegen."
Ob der Gesundheitszustand der Wöchnerinnen in diesem Gebär-
hause sich deshalb besserte, dass durch eine zweckmässig augebrachte
Ventilation die deletären Stoffe, welche sich früher bei schlechter
Ventilation entwickelten, sich nicht mehr entwickelten; oder ob sich
der Gesundheitszustand deshalb besserte, weil durch Reinigung und
Ueberbauung der Gräben keine deletären Stoffe mehr dem Gebärhause
zugeführt wurden, ist für unseren gegenwärtigen Zweck ziemlich
gleichgiltig; für uns ist es in beiden Fällen ein Beweis, dass die
grössere Sterblichkeit auch in diesem Gebärhause nicht durch atmo-
sphärisch-cosmiscli-telluhsche Einflüsse bedingt war, sondern dass die
grossere Sterblichkeit bedingt war durch Einbringung deletärer Stoffe.
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers.
Tabelle Ir. XXIX.
Gebärhäuser in Irland.
I. Dublin (Rotunda) Lying-in-Hospital.
199
Jahr
Gebarende
Gestorben
Percent-
Antheil
1767
66
1
1.8,
1758
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1759
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1760
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1762
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1763
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1764
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1766
533
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1.1t
1766
681
3
0.44
1767
664
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| 1768
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16
2.44
1769
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1770
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1771
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1772
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1773
694
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1775
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1777
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1778
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1779
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8
0.79
1780
919
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| 1781
1027
6
0.58
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0«,
1783
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1.JS
1784
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0.H7
| 1785
1292
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0.0,
1786
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8
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1787
1347
10
0,4
1788
1469
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1789
1435
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1790
1546
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1796
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1797
1712
13
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1798
1604
8
0.49
1799
1537
10
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1800
1837
18
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1801
1726
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1,4
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1985
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2028
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1804
1916
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1805
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1806
2406
23
0-5
1807
2611
12
0.4,
1808
2666
13
0.4,
1809
2889
21
o.„
1810
2854
29
1-,
1811
2561
24
o*,
200
Semmelweis' Abhandinngen und Werk über das Kindbettfieber.
Jahreszahl
Qebärende
Gestorben
Percent-
Antheil
1812
2676
43
1«.
1813
2484
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1814
2508
25
o.„
1815
3075
17
0.65
1816
3314
18
0.8«
1817
3473
32
o»,
1818
3539
66
1-68
1819
3197
94
2*4 I
1820
2458
70
2.,4
1821
2849
22
o.„
1822
2675
12
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1823
2584
59
2 ,8
| 1824
2446
20
0-81
1825
2740
26
0*4
1826
2440
81
3...
1827
2550
33
1.»
1828
2856
43
1-60
1829
2141
34
1*9
1830
2288
12
0-6,
1831
2176
12
0.R8
1832
2242
12
0-6,
1833
2138
12
0»«
1834
2024
34
tfll
1835
1902
34
1-78
1836
1810
36
1-.8
1837
1833
24
1,0
1838
2126
45
2.,,
1839
1951
25
1*.
1840
1621
26
1-70
1841
2003
23
1-14
1842
2171
21
0.9«
1843
2210
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o.M
1844
2288
14
0-6,
1845
1411
35
2*8
1846
2025
17
0-H,
1847
1703
47
2.75
1848
1816
35
1«
1849
2063
38
1.8«
In 98 Jahren
159749
1966
1.»
Die letzten fünf Jahre sind Arneth's Werk entnommen.
In 46 Jahren starb 0% von 84985 Wöchnerinnen,
„ 35 „ „ 1„ „ 52409
n 10 „ „ 2 „ 19234
„_2_ „ „_3JL „ 3121
In 93 Jahren
590 Todte = 0.69 Percent
790 „ = 1.50 »
484 „ =2.6, „
102 „ — 3...
159749 Wöchnerinnen, 1966 Todte = 1.,, Percent
Die Aetiologie, der Begriff and die Prophylaxis des Kindbetttiebers. 201
Tabelle Hr XXX.
Coomte Ljing-in-hoftpltal.
Uhr
Gebärende
Gestorben
Percent-
Antheil.
1833
1884
1635
1836
1837
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I83fl
1840
1841
1842
1843
1844
IS In
1846
413
432
430
613
426
501
306
429
511
427
347
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117
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3
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In 8 Jahren starb 0% von 3443 Wiiehnerinnen,
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96 , — L«
23 w = 2H14
In 14 Jahren
5957 Wöchnerinnen
71 Todte «* l.,„ Percent
Western Lying>in>bo$pltai.
Von diesem Gebärhause sagt Professor Dr. Levy Folgendes:
„Nach einem viel kleineren Masse und vorzüglich für den praktischen
Unterricht berechnet, wurde vor ungefähr 12 Jahren das seither so-
genannte Western Lying-in-hospital errichtet in einem kleinen Privat-
hanse auf Arrau-Quai. Die Anstalt, der Dr. Churchill vorsteht,
wird allein durch Wohlthätigkeit unterhalten, während die Studirenden
für den Unterricht zahlen und theils (5—6) im Hause wohnen, theils
(jetzt 7 — 8) ausser demselben. Die vier kleinen, ärmlich ausgestatteten
Bäume, jeder zu vier Betten, nimmt die Anstalt jährlich ungefähr
120 Gebärende auf, aber verpflegt ausserdem noch jährlich mit Hilfe
der Studirenden ungefähr 600 Gebärende in ihren Wohnungen. Der
Unterricht ist in ganz ähnlicher Weise organisirt wie im L'oombe-
Hospital, und die Gesundheitsresultate scheinen sehr günstig zu sein,
cia nach Churchiirs Berechnung von 3211 Gebärenden, die bis 1843
in und ausser der Anstalt von der Stiftung an verpflegt wurden, nur
i5 gestorben waren, also im Verhältnisse eine von 214 Wöchnerinnen
oder 0.4„ Percent; über das verschiedene Verhältniss in und ausser
<Xer Anstalt hatte man keine getrennte Angabe.
Die noch kleineren Anglesea- und Victoria-Stiftungen sind zu
"unbedeutend, um Anspruch auf weitere Aufmerksamkeit zu haben."
202
Scmmelweia' Abhandlangen nnd Werk über das Kindbettfieber.
Gebärhaus in Edinburg.
Von 1823 bis 1837 ereigneten sich in diesem Gebärhanse 2890
Geburten, davon sind am Kindbettfieber gestorben 36, d. i. 1.^ Percent,
Wir haben dem Leser acht in drei Ländern zerstreute Gebär-
häuser vorgeführt; in sieben davon übersteigt die Sterblichkeit eben
nur 1 Percent, im achten war sie 3 Percent, Für diese grössere
Sterblichkeit finden wir das aetiologische Moment nicht in atmo-
sphäriselien Einflüssen, sondern in den deletären Stoffen der Abzugs-
canäle, welche dieses Gebärhaus umgaben.
Worin liegt der Grund, dass die atmosphärischen Einflüsse die
Wöchnerinnen in den vereinigten drei Königreichen so auffallend
verschonen, welche in deutschen und französischen Gebärhäusern die
Wöchnerinnen in so grosser Anzahl dahinraffen?
Der Grund liegt darin, dass es keine atmosphärischen Einflüsse
sind, denen die Wöchnerinnen in deutschen und französischen Gebär-
häusern in so grosser Menge zum Opfer fallen; sondern dass es ein
zersetzter thierisch-organischer Stoff ist, welcher den Individuen von
aussen eingebracht wird, und die Sterblichkeit in den Gebärhäusern
der drei Königreiche und in deutschen und französischen Gebärhäusem
hervorbringt ; nur wird, vermöge der Verhältnisse der deutschen und
französischen Gebärhäuser, den Individuen in denselben viel häufiger
ein zersetzter Stoff von aussen eingebracht, und daher die grössere
Sterblichkeit. In den drei Königreichen wird den Individuen v<..u
aussen viel seltener ein zersetzter Stoff eingebracht, und daher ist die
Sterblichkeit viel geringer.
Die Engländer halten das Kindbettfieber für contagiös, gebrauchen
Chlonvasrhungeu und zerstören dadurch den zersetzten Stoff, welcher
von kranken Sehwangeren, Kreissenden, Wöchnerinnen und Puerperal-
leichen hergenommen wird, und welcher in deutschen und französi-
schen Gebärhäusern, wo er nicht zerstört wird, so zahlreiche Er-
krankungen veranlasst, wie uns Chiari gezeigt.
In deutschen und französischen Gebärhäusern wird der zersetzte
Stoff sehr häufig von Kranken und Leichen genommen, welche dem
Kindbettfieber fremd sind; deshalb, weil die deutschen und fran-
zösischen Gebärhäuser in der Regel in Verbindung stehen mit grossen
Krankenhäusern, daher die Schüler bald in der Todtenkammer, bald
im Gebärhause, bald auf einer chirurgischen, bald auf einer medi-
cinischen Abtheilung sich beschäftigen, und dadurch zum Träger der
zersetzten Stoffe werden, welche im Gebärhause so viel Unglück
stiften.
Die Gebärhäuser in den drei Königreichen sind sämmtlich selbst-
ständige Institute, und schon wegen der Entfernung von Kranken-
häusern ist der Schüler gezwungen, sich nur mit Geburtshilfe zu be-
schäftigen.
Wenn man den günstigeren Gesundheitszustand der Londoner
Gebärhäuser dem Umstände zuschreiben wollte, dass dort nie mehr
als zwei Schüler unterrichtet werden, so erlaube ich mir die Be-
merkung, dass ein Schüler denn doch kein atmosphärischer Einflnss
ist, und dass das Kindbettfieber, welches die mit zersetztem Stoffe
verunreinigten Hände der Schüler hervorbringen, demnach kein epi-
demisches Kindbettfieber ist.
Die Aettologie, der
Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 203
Tabelle Nr. XXXI.
tiebärhaus In
Dublin. Uebarbaiis in Wien.
Medicia in Wien ohne ana-
tomische Grundlage.
Jahr
0)
s
Ol
E
M
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13
1...
178*5
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Medicin in Wien mit
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Semmelweis' Abhandlangen und Werk Aber das Kiudbettfieber.
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2242
12
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3331
105
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Trennung des Gebärhause» in
zwei Abtheilungen.
I. Abtheilung: Klinik für
Schüler und Schülerinnen.
1833
2138
12
0.61
3737
UK 1 5.t9
1834
20B4
34
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1835
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1836
1810
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Unte,
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Einführung der Chlorwa.-
ungen im Mai 1847 an
der Abtheilung für Aerzle.
1847
1703
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Jahren
Im Wiener Gebärhause war die Sterblichkeit :
25 Jahr 0 Percent, Wöchnerinnen 44843, Todte 273 = 0.«, Percent
1
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4
5
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378 8 ,
484 = 3 M
438= 4.„
667 = Ö.U,
463 = 6.,,
856 = 7.„
518 = fc»
4511 = 1UA
518 = 15^
In 66 Jahren
nerinnen 163841, Todte 8224 = 4.0, Percent
Die Aetiologie, der Betriff und die Prophylaxis des KindbettfiebeiS. 205
Im Dubliner Gebärhauae war die Sterblichkeit:
In 35 Jahren 0 Percent, Wöchnerinnen 76427. Todte 540 = Ü.:ö Percent
22 „ 1 „ „ 46046, ,. 681 = l.„ „
8 „ 2 „ im ■■ 456 = 2.« „
1 tl 3 2440. . 81 = 3.„ „
In 66 Jahren
\Vü« hnerinnen 1411X13, Todte 1758 = 1.., Percent
Dass es nicht gleichgiltig ist, ob viele oder wenige Schüler mit
durch zersetzte Stoffe verunreinigten Händen untersuchen, ist ein-
leuchtend; aber es ist vollkommen gleichgütig, ob viele oder wenige
Schüler mit reinen Händen untersuchen. Dass es nicht auf die Zahl,
sondern auf die Keinheit der untersuchenden Hände ankomme, das
beweiset das Dubliner Gebärhaus, von welchem Levy sagt: „ . . . son-
dern man hat eine praktische Schule unterhalten, wo im Laufe der
Zeit mehrere Tausend junge Aerzte aus allen Theilen Englands prac-
tische Ausbildung in der Geburtshilfe gesucht haben; und man hat
endlich der Welt den vollständigen Beweis gegeben, dass es ein Aber-
glaube der Muthlosigkeit ist, wenn man mit Nichtachtung des Be-
dürfnisses des Unterrichtes und der Wissenschaft sagt : dass eine ab-
schreckende Tüdtlichkeit mit zu den unvermeidlichen Attributen
grösserer Gebäranstalten gehört."
Dass es nicht auf die Zahl, sondern auf die Reinheit, der unter-
suchenden Hände ankomme, beweist die erste Gebärklinik zu Wien,
■wo im Monate April 1847 ohne Chlorwaschungen bei 20 Schülern
von 312 Wöchnerinnen 57, d. i. 1S.2T Percent, starben, während im
Jahre 1848 mit Chlorwaschungen bei 42 Schülern von 3556 Wöch-
nerinnen 45, d. i. l.,j; Percent, starben.
Tm dem Leser recht deutlich den Unterschied in den Mortalitäts-
verhältnissen zwischen Gebärhäusern, m welchen den Individuen
selten, und jenen, in welchen denselben häufig ein zersetzter Stoff
von aussen eingebracht wird, vor Augen zu führen, wollen wir die
Zahlenrapporte von 66 Jahren des Dubliner und des Wiener Gebär-
hanses zusammenstellen, weil wir von mehr gleichen Jahren die
Rapporte nicht besitzen. Beide sind Unterrichtsanstalten für Aerzte.
I M' selbe Mortalitntsdifferenz treffen wir bei einem Vergleiche
des Dubliner Gebärhauses mit der Maternite in Paris, wie Tabelle
Nr, XXXII zeigt.
Dass die Sterblichkeit unter den Wöchnerinnen der Maternite
lange vor der Zeit, welche diese Tabelle repräsentii t, eine bedeutende
war, geht aus Oslander' s früher citirtem Werke hervor. Seite 51
sagt er: „Seit dem 9. December 1797 bis zum 31. Mai 1809 sind
17,308 Frauen entbunden. 2000 Entbundene zum wenigsten sind
schwer erkrankt und 700 gestorben und secirt; es starben mitbin
4.04 Pereent-Antheile.-'
Seite 242 sagt Oslander: „Die Unterleibsentzündung der Wöch-
nerinnen, das Uebel, welches gewöhnlich mit dem Namen Puerperal-
fieber bezeichnet wird, und welches in allen grossen und überfüllten
Gebärhäusern einheimisch zu sein pflegt, kommt auch in dem Gebär-
hause von Paris häufig vor. Die Krankheit wird besonders in den
Wintermonaten häufig beobachtet, und ob sie gleich eigentlich immer-
fort herrscht, so erinnert man sich doch mit Schrecken an die beiden
Jahre (zwischen 1803 und 1808), wo sie endemisch wüthete und eine
Menge von Wöchnerinnen dahinraffte."
206
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
Tabelle Nr. XXXII.
Muternite in Paris.
Gebärhaas ku Dublin.
Jahr
Geburten
Todte
Percent-
Antheil
Geburten
Todte
Percent-
Antheil
1828
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1829
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In 19 Jahren
58374
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4.,,
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In der Maternite zu Paris war die Sterblichkeit:
In 1 Jahr 1 Percent, Wöchnerinnen
4 .% Ä H t.
19 Jahre
2829.
Todte
45 = 1.M, Percent
12941,
342 = 2.ft4 „
15935,
558 =- 3.„
15472,
681 = 4„ „
5502,
309 = 5.fll
2907,
254 = 8.,, „
2788,
II
252 = 9.0,
Wöchnerinnen 58374, Todte 2441 = 4.1S Percent
Im Dubliaer Gebärhause war die Sterblichkeit:
6 Jahre 0 Percent, Wöchnerinnen 13157, Todte 79 = O.fl0 Percent
10 „ 1 „ „ 19857, „ 314 = U, „
3 ., 2 „ „ 5240, „ 127 = 2.M ,.
19 Jahre
Wöchnerinnen 38254, Todte 520 = l.,B Percent
Ich habe zwar nirgends mit Bestimmtheit die Mortalität unter
den Wöchnerinnen während dieser beiden Jahre erfahren können,
und die vorsichtigen Verfasser der Abhandlung über die Maternite L,i
sprechen nicht mit Bestimmtheit daAron, es erhellt aber aus Allem,
dass sie sehr gross gewesen sein muss, namentlich daraus, dass in
den fünf angeführten Jahren (wegen der zwei Jahre, in welchen die
*) „Mr»io'»-c sur l'haspice de la Maternite," Paris 1808. Die drei Verfasser
dieser Schrift sind siimnitlich bei den Bureaui des Hospitals angestellt, und werden
Ton der Administration wegen bewiesener Vorsicht in den Angaben gelobt.
l'ic Aeüolojrie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 207
rnterleibsentzündung herrschte) die Mortalität wie 1 zu 23 sich ver-
hielt, da sie zu anderen Zeiten nur wie 1 zu 32 sich verhalten soll.
Es starben in diesen fünf Jahren von 9645 Frauen 414 grösstenteils
an Unterleibsentzundung ; also 4.t9 Percent-Antheile.
Dieselbe Verschiedenheit in der Sterblichkeit finden wir bei einem
Vergleiche des Dubliner Gebärhauses mit Dnbois* Klinik, wie Tabelle
Nr. "XXXIII zeigt.
Tabelle Nr, XXXIII.
Dnbois' Klinik zu Paris. Gebarbans in Dublin.
Jahr
Geburten
Todte
Percent-
Autheil
Gebnrten
Todte
Perrent-
Antheil
1835
1836
1837
1388
1889
1840
1841
1842
1843
1844
1845
1846
1847
1848
264
242
358
516
439
582
596
830
730
903
901
1088
940
22
17
31
25
24
26
22
34
39
41
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In 14 Jahr«] 'J273
422
4.«
26770
404
1-ÄO
In Dnbois' Klinik war die Sterblichkeit:
2 Jahre 2 Percent, Wienerinnen 202«, Todte 55 = 27i Percent
1 3 „ „ 596, „ 22 = 3.0,1 „
6 „ 4 „ „ 4616. „ 212 = 4.» „
2 „ 5 „ „ 1169, „ 63 = 6.,, „
7 „ „ 242, „ 17 = 7« „
S . * .. 612, „ fi3 = 8.» .
In 14 Jahren
Wöchnerinneu 9273, Todte 422 = 4„R Percent
Im Dubliner Gebärhause war die Sterblichkeit:
4 Jahre 0 Percent. Wöchnerinnen 8694, Todte 74 = 0sli Percent
7 „ 1 „ n 12836, n 203 = 1» „
2 „ 5240, „ 127 = 2.» ,
Wienerinnen 26770, Todte 404 = 1.» „
Wenn wir die Rapporte von den vier Londoner und den zwei
Dubliner Gebärhäusern, von welchen wir selbe nach Jahren gesondert
besitzen, summiren, so gibt das folgende höchst wichtige Tabelle, In
262 Jahren wurden in diesen sechs Gebärhäusern verpflegt: 219,133
Wöchnerinnen, davon sind gestorben 2855, also l.so Percent. Die
Sterblichkeit verhielt sich wie Tabelle Nr. XXNIV zeigt.
208
Semmel weis' Abhandinngen und Werk über das Kindbettfieber.
Tabelle Sr. XXXJV.
In 19 Jahren ist keine Wöchnerin festorben von 4558
war die Sterblichkeit Ö Percent., Wöchn. lOSIfiöß, Todte 726 = Q+rf
„ „ „ l . „ 69533, „ 1048= I.M „
2 „ 24 289, „ 611 = 2.ft,„
n » » B « w «024. „ 270= 3.3rt.
4 m n lg», „ 50= 4.60„
» „ , 5 .- 669, n 35= B.Mfl
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12 „ „ 117, „ 1Ö = 12.S1-
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4
8
2
8
1
1
n
262
Jahre
Wöchnerinnen 219133, Todte 2855, l.„%
Dass die grosse Sterblichkeit in den Gebärhäusern nicht durch
atmosphärische Einflüsse bedingt sei, beweiset auch der Umstand,
dass in Städten, in weichen mehrere Gebärhäuser sich befinden, nicht
in allen gleichzeitig sich ein ungünstiger Gesundheitszustand der
Wöchnerinnen zeig-t ; was doch der Fall sein müsste, da mehrere
Gebärhäuser einer und derselben Stadt nicht gleichzeitig verschiedenen
atmosphärischen Einflüssen unterworfen sein können.
Um dies dem Leser klar zu machen, wollen wir die fünf un-
günstigsten Jahre der vier Londoner Gebärhäuser zusammenstellen.
Tabelle Hr. XXX7.
1838.
The general Lying-in-Hospital
Britiah-Lying-in-hospital
iJiieen-Charlottes Lying-in-hosriital
The city ol London Lying-in-nospita]
The general Lving-in-lioapital
Ri-iti.-di-Lying-in-hospitul
Queen-Charlottes Lying-in-hospital
The city of London Lying-in-ho$pital
Wöchnerinnen 71. Todte 19, Perceut 2G.7„
149 JV
808 * 5.
SOO, „ 13, „ 2.,
1841.
Wöchnerinnen 117, Todte 12, Percent 12„
125, „ 3, „ 2«0
218, „ 3, „ l.„
„ 636, „ 6, B 0.»,
1835.
The general Ly ing-in-hospkal
-ii-Lying-in-hosj)it.il
The city of London Lying-in-hospiral
Qneen-Charlottee Lying-in-hoapital
Wöchnerinnen 185, Todte 14. Percent 7.,7
r '08, n 3, ,. 2J;
478, „ 7. „ U
214, „ 1, ,
The general Lyhig-hi-hos|iital
Queen-Charlottes Lying-in-hospitftl
Thectty of London Lyiiig-in-hospital
Hiitisb-Lying-iu-hospiul
1840,
Wüeherinnen 210, Todte 15. Percent 7.,
199, ,3, » U»
m n e.
113, „ 1,
1842.
The general Lying-in-hospital
Queen-Charlottes Lying-in-hnspital
The city of London Lying-in-nospital
British-Lying-in-hospital
Wöchnerinnen 153, Todte 11, Percent T„
§12, „ 8j - ü,4
567, n 1.
106, „0, „ 0.
Die Afii.ilr.gie. d.M- Begriff urul ilit? Prophylaxis ries Kindbettfiebers. 209
ha
I
on Dubois' Klinik um) der MaterniM zu Paris sagt Arneth,
dass wählend seines Aufenthaltes zu Paris im Jahre 1850 die Klinik
der vielen Erkrankungen wegen auf kurze Zeit geschlossen wurde,
während in der sonst als ungesund übel berüchtigten Maternite keine
Kranke zu finden war.
Dass seihst verschiedene Abteilungen eines und desselben Gebär-
hauses roiistiint verschiedene Mortalitätsverhältnisse darbieten können.
ben wir in Wien und Strasaburg gesehen.
Dass die grosse Sterblichkeit in den Gebärhäusern nicht durch
atmosphärische Einflüsse bedingt sei, beweiset der Umstand, dass
nicht gleichzeitig die Wöchnerinneu der Ortsbevölkerung, in welchem
sich das vom Kindbettfieber heimgesuchte Gebärhaus befindet, vom
Eindbettfleber in ungewöhnlicher Anzahl befallen werden, obwohl
notwendigerweise das Gebärhaus und der Ort, in welchem sich das
Gebärhaus befindet, gleichzeitig nur denselben und nicht verschiedenen
atmosphärischen Einflüssen unterworfen sein können.
Daaa aber wirklich zur Zeit wo die Wöchnerinnen im Gebärhause
vom Kindbettfieber deeimirt werden, sich die \\ <u hnerinnen des be-
treffenden Ortes eines guten Gesundheitszustandes erfreuen, beweiset.
ja die Massregel des Schliessens der Gebärhäuser. Nachdem das
(jebärhaus geschlossen, hören ja die Geburten nicht auf, sie gehen
nur nicht im Gebärhause, sondern zerstreut im betreffenden Orte vor
sieh; und doch bleiben die zerstreut im Orte Entbundenen gesund,
welche dem atmosphärischen Einflüsse im Gebärhause desselben Ortes
erlegen wären.
Allerdings Sterben auch manchmal ausserhalb der Gebärhäuser
die Wöchnerinnen in grösserer Anzahl, aber diese grössere Sterblich-
keit ist nicht atmosphärischen Einflüssen zuzuschreiben, weil die
grössere Sterblichkeit ausserhalb der Gebärhäuser nicht immer gleich-
zeitig mit einer grösseren Sterblichkeit in den Gebarh&usern statt-
findet, und weil die Sterblichkeit in den Gehärhäusern oft eine Höhe
erreicht, wie solche ausserhalb der Gebärhäuser nicht vorkommt,
endlich weil eine .Sterblichkeit, ausserhalb der Gebärhäuser seltener
beobachtet wird, als innerhalb derselben.
Das Kindbettfieber, welches ausserhalb der GebSrhÄnser vorkommt
wie dasjenige, welches in den Gebarhäoseni wiithet, in allen
Fallen, keinen einzigen Fall ausgenommen, ein Kesorptionsfieber,
bedingt durch die Resorption eines zersetzten t.hierisch-urgamsdien
Stoffes. Dieser zersetzte thierisch-organische Stoß:* eutsteht in und
ausserhalb der I i. -bärliäuser in seltenen Fällen in dem ergriffenen
Individuum, und erzeugt das Kindbettfieber durch Selbstinfection.
In der überwiegend grössten Mehrzahl der Fälle wird aber in mxl
ausserhalb der Gebärhäuser der zersetzte thierisch-organische Stoff,
welcher resorbirt das Kindbettfieber hervorbringt, den Individuen
von aussen beigebracht, und das Kindbettfieber entsteht demnach in
und ausserhalb der Gebärhäuser durch Infection von aussen.
Die Quelle des zersetzten Stoffes, welcher das Kindbettfieber
ervorbringt, ist die Leiche; in und ausserhalb der Gebärhäuser
werden Sectionen gemacht von Aerzten, welche sich mit Geburtshilfe
beschält igen. Die Quelle des zersetzten Stoffes, welcher das Kind-
bett lieber hervorbringt, sind Kranke, deren Krankheiten einen zer-
setzten Stoff erzengeu; in und ausserhalb der Gebärhäuser werden
Kranke, welche einen zersetzten Stoff erzeugen, von Aerzten behandelt,
Semraelweis' gesammelte Werke. 1*
2I€
Semraelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
welche sich mit Geburtshilfe beschäftigen. Innerhalb und ausserhalb
der Gebärhäuser gersetzen sich bei nicht gehörig beobachteter Rein-
lichkeit die ]*hvsiii].iiri-;<h-lhitji isch-organischen Prodncte, und werden
so in und ausserhalb des Geh&fhMMI z« Quellen des zersetzten
Stoffes, welcher das Kindbettfieber erzeugt.
Der Träger des zersetzten Stoffes, welcher aus diesen drei
Quellen genommen wird, ist in und ausserhalb des Gebärhauses der
unters m In nde Finger, die operirende Hand. Spitalsärzte, welche sich
im Spitale mit Leichen oder mit zersetzten Producten der ver-
schiedensten Krankheiten ihre Hände verunreiniget haben, unter-
suchen und operiren auch ausserhalb des Spitales. Privatärzte, welche
sieh durch Sectionen oder mit zersetzten Producten der verschiedenen
Krankheiten ihre Hände verunreiniget haben, beschäftigen sich weh
mit Geburtshilfe.
Hebammen werden sehr häufig bei Kranken, deren Krankheiten
zersetzte Stoffe erzeugen, zum Zwecke der Reinigung verwendet,
z. B. bei verjauchendem Krebse der Gebärmutter zu Einspritzungen,
und dadurch werden sie zu Trägern des zersetzten Stoffes, welcher
ausserhalb des Gebärhauses das Kindbettfieber hervorbringt
Die Träger des zersetzten Stoffes können in und ausserhalb des
Gebärhauses sein: die Instrumente, Bettwäsche, die atmosphärische
Luft u. s. \v.; mit einem Worte: Träger des zersetzten Stoffes kann
in und ausserhalb des Gebärhauses al jenige sein, welches mit
einem zersetzten Stoffe verunreiniget ist, und mit den Genitalien der
Individuen in Berührung kommt,
Weil aber nicht immer gleichzeitig in und ausserhalb der Gebär-
häuser eine grosse Anzahl Individuen inficirt wird, darum ist nicht
immer gleichzeitig in und ausserhalb der Gebürhäuser eine gi
Sterblichkeit unter den Wöchnerinnen.
Weil Privatärzte seltener als Spitalärzte Gelegenheit haben, sich
ihre Hände mit zersetzten Stoffen zu verunreinigen, deshalb kommt
das Kindbettlieber ausserhalb des Gebärhauses seltener in grosse]
Anzahl vor. Und endlich, weil ein Privatarzt nie Gelegenheil hat.
sn viele Individuen in kurzer Zeit zu untersuchen, wie der Arzt in
einem grossen Gebärhause, deshalb kommt das Kindbettfieber ausser-
halb des Gebärhauses nie in so abschreckender Anzahl vor, als in
Gebärhäusern.
Der beschäftigtste Arzt dürfte nur einige geburtshilfliche !
täglich zu besorgen haben, während wir im Wiener Gebärhausa oft
30 bis 40 Geburten innerhalb 24 Stunden beobachteten, es ist daher
begreiflich, dass der mit zeisetzten Stoffen verunreinigt«- Hinge? des
Privatarztes das Kindbettfieber nicht in dieser Anzahl hervorbringt B
kann, als der Finger des Arztes, welcher in einem grossen Gebär-
liause beschäftiget ist. Dazukommt noch, dass ausserhalb des Gebär-
liauses die Individuen in der Regel nur von einem Arzte untersucht
werden, während im Geharhause die Individuen von mehreren, viele
r VOH vielen untersucht werden, und obwohl ein verum ein!
Finger hinreicht, eine grosse Anzahl Erkrankungen hervorzubringen,
so ist doch unter vielen untersuchenden Fingern leichter einer oder
der amlere unrein, als wenn blos ein Finger untersucht
Eine höchst lehrreiche Zusammenstellung englischer Erfahrungen
über die Erzeugung d«*s Kindbettfiebers ausserhalb des Gebärhai
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis de3 Kindbett-fiebera. 211
durch ( ebertragung zersetzter Stoffe hat Arneth in seinem Werke1)
Seite 334 veröffentlicht
.,Das Puerperalfieber ist eine so furchtbare Krankheit, dass es
uns im höchsten Grad«- interessiren miiss. was die englischen Aerzte
Im i dasselbe im Allgemeinen, und besonders über den in gewi
Hinsieht räthselhaften lTmstand desselben — seine Aetiologie —
denken, und wie sie ihre Kranken behandeln.
rDer vielerfahrene Roberton theilt die Frauen hinsichtlich
der Häufigkeit, in der sie zur Zeit, wo keine Epidemie vorhanden
von Puerperalkrankheiten befallen werden, in solche, die ihren
Haushalt einzig und allein besorgen, und in jene, die bedient werden.
Seinen Erfahrungen zufolge werden die ersteren viel seltener von
lienbettkraukheiten heimgesucht. In der gewerbefleissigen Stadt
Hulme von beiläufig 40000 Kin wohnern ist die Zahl jener Personen,
welche Diener halten, ungemein klein, das Arbeiterweil), welches die
bei weitem überwiegende Ziffer der weiblichen Bevölkerung ausmacht,
ewohnt. um l'iiiif Uhr Morgens aufzustehen, die älteren Kinder
zur Arbeit zu schicken, und sollte sie ihren Gatten nicht selbst in
die Fabrik begleiten, die Geschäfte ihres Haushaltes und die Pöege
ihrer Kinder zu besorgen, die sie vom frühen Morgen bis tief in die
Wacht keinen Augenblick ruhen hissen. Treffen die Kinder Krank-
heiten, so ist begreiflicherweise ihre Mühe um so grösser: die ganze
Z«ii der Schwangerschaft hindurch, ja wenn die ersten Perioden der
Gebort sich hinausziehen, auch wahrend derselben, steht sie denselben
hat feii so lange vor. bis die heftiger werdenden Geburtsschmerzen
sie zum Einhalten zwingen. Und trotz dieser Entbehrungen zählt
mau in Hulme. nach den amtlichen Erhebungen des Decenniums von
1839—1849 nur 1 von 196ty, Todesfällen auf Rechnung des Kindbett-
Hebers. Vier andere kleine .Städte der Nachbarschaft, deren Be-
ner einer viel wohlhabenderen (lasse angehören, hatten auf
S4 Todesfälle einen, der durch das Wochenbett bedingt war.
„Anders gestalten sich nun freilich die Verhältnisse zur Zeit
feiner Epidemie, wo die in kleinen Räumen mit zahlreichen anderen
Bewohnern zusammengedrängte arme Wöchnerin häufig erliegt,
■wahrend die Wohlhabende, die ein weites Gemach bewohnt, auf Rein-
lichkeit und sorgsame Pflege rechnen kann, viel grössere Hoffnung
rar öenesung hat. Die ungünstigeren Verhältnisse von beiden früher
genannten ('lassen der Gesellschaft vereinigen nach Ruber ton 's
Meinung wahrscheinlich die Weiber der Krämer und kleinen Handels-
leute, welche auf der einen Seite in übelgebauten "Wohnungen ihre
Taire anbringen, und auf der anderen Seite trotz besserer Erziehung»
"Verweichlichung und Liebhaberelen der höheren Classe nicht die
Vi n^heile gemessen, die. jenen ihre Wohlhabenheit gewährt
,. Kine grosse Reihe von Erfahrungen, ÜKfi man in England ge-
macht hat. und von denen wir die bedeutendsten kennen lernen
•wollen, spricht dafür, dass nach UebertragTing von gangnieneseirenden
faulen Stoffen im Allgemeinen und von Leiehentheilen insbesondere
auf die Gebärende Puerperalfieber entstand. Grösstentheila hat man
aber die Fälle, wie wir später hören werden, anders gedeutei.
i«i den aber den Gegenstand erschienenen Sehritten und
r Geburtshilfe nnd fiynaeeolopie in Frankreich, Gr. a-ibritaimien nnd
Irland 1853. bei Wilhelm Brau mü 11 er.
14"
212
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
Aufsätzen machte in England nichts mehr Aufsehen, als ein Journal-
artikel von Robert Storrs, der auch in dem von mir schon wieder-
holt In- nützten .lahresbertchte des K'piclisiH^istrat^is abgedruckt 18t
Storrs befragte schriftlich mehrere Collegen seiner Umgebung um
ihre Erfahrungen und Ansichten, und das Resultat dieser Umfrage
ungefähr folgendes: Reedal in Sheffield behandelte einen jungen
Mann, der an einer offenen Leistengescli willst und einer bösartigen,
rosenartigen Entzündung des Hodensackes und der Hinterbacken litt,
die täglich verbunden werden mnssten und endlich einen tÖdtlichen
\iiviraug nahmen. Die Schwester des jungen Mannes, die ihn pflegte,
bekam gleichfalls Rothlauf im Gesichte und am Kopfe, zu dem neb
Fieber mit typhösem Charakter gesellte, und die Arme binnen swei
Tagen wegraffte. Während Reedal nun den Patienten behandelte,
bekamen fünf Frauen, bei deren Entbindung er vom 26. October bis
3. November 1648 zugegen war, das Puerperalfieber und starben. Zu
den genannten Unglücklichen war er fast unmittelbar naeh der
Reinigung jener Wunden gegangen, während zwei Frauen, die gleich-
falls während des Geburtsgeschäftes seine Hilfe in Anspruch ge-
nommen hatten, zu denen ar aber erst einige Stunden nach jenein
gefahrbringenden Krankenbesuche gegangen war, ohne bedeutendere
Erkrankungen davonkamen. Nach dem Tode jener Frauen gab
Reedal seine Besuche bei dem jungen Manne auf, weil er sich für
den Verbreiter der Krankheiten ansehen musste. Seitdem hatte er
eben so wenig mehr einen Fall von Puerperalfieber in seiner Praxis.
als ihm dergleichen vor der Behandlung jenes Erysipelas vorge-
kommen waren.
„Herr Sleight in Hüll berichtet, dass er einen Kranken am
(gangraenescirenden?) Erysipelas behandelte, und Während seines Be-
Buehee bei demselben zu einem Geburtsfalle gerufen wurde, der sehr
leicht und regelmäUig verlief. Nichtsdestoweniger wurde die Frau
20 Stunden darnach vom Puerperalfieber ergriffen, und starb, nachdem
die Krankheit nur 18 Stunden gedauert hatte.
„Härder, gleichfalls in Hull wohnend, behandelte einen grossen
Abscess in du Lendengegend, und beiläufig um dieselbe Zeit einen
erysipelatöset] Abscess einer Brust. Zur selben Zeit starben viele
Schafe, Tauben und Kühe nach der Geburt. Hardey behandelte in
Monatsfrist 20 Geburtsfälle, sieben Frauen starben; alle diese Ge-
burten hatten einen regelmässigen Verlauf gehabt, auch war sonst
keine Ursache des unglücklichen Ausganges aufzufinden; Niemand
der Umgebung der Unglücklichen wurde übrigens von einer ähn-
lichen Krankheit befallen. Häufige Chlorinwaschungen und ein ganz
neuer Anzug hoben endlich die Weiterverpflanzung der Krankheit
auf. Einige jener Frauen, deren Wochenbett glücklich endete.
wurden übrigens nur wenige Stunden nach solchen von ihm über*
nominell, die tödtlieken Ausgang nach sich zogen.
..Im *-i Aerzte von Hull trafen bei der Section eines Mannes zu-
sammen, der an Gangraen nach einer Operation von Hernia JM
irrnta gestorben war. Alle berührten die Leichenteile. Einer von
ihnen wurde von dem Leichname weg zu einer Geburt gerufen. Diese
und noch einige rasch auf einander von ihm entbundene Frauen
starben am Puerperalfieber. Nicht viel besser erging es seinen beiden
Collegen, die in kürzester 1 um nach jener Leichenbesichtigung Fälle
von Kindbettfieber in ihrer Praxis beobachteten. — Der Zufall führte
Die Aetiologie, der Begriff uart die Prophylaxis des Kindbettüebere. 21$
sie nach einiger Zeit wieder zusammen, sie klagten sich gegenseitig
ihre Unglücksfälle, gaben ihre geburtshilfliche Praxis für einige Zeit
auf. und hatten nach dem Wiederantritte derselben keine Krankheits-
talle mehr zu beklagen.
..s. Allen in York verlor eine Keihe Patientinnen am Kindbett-
fieber — doch nur im ersten dieser Fälle war er im Stande, irgend
eine Verbindung mit Erysipelas herauszufinden. — Zwei Monate hin-
durch war in seiner Praxis kein Fall von Puerperalfieber mehr vor-
gekommen, als plötzlich wieder eine von seinem Assistenten geptleirte
Frau von dieser Krankheit befallen wurde; derselbe war damals mit
einer Jacke bekleidet gewesen, die er zuletzt zur Zeit der Nacht-
wache bei einer im Kindbettfieber weit vorgerückten Frau getragen
hatte. Der Mann der obenerwähnten Frau wurde gleichfalls von
Bauchfellentzündung befallen, die alle Merkmale des PuerperalnVI>< srs
an sich trug und tödtlich endete. Uebrigens war dies, so viel Allen
weiss, der einzige Fall von Uebertragung der Krankheit auf die Um-
gebung der Kranken, der sich in seiner Praxis ereignete.
„So weit reichen die schriftlichen Antworten jener C'ollegen. die
S t o rrs befragt hatte.
„Storrs führt nun in Folgendem seine eigenen Erfahrungen an,
die nach seiner Meinung durchgehends beweisen, dass die Krankheit
("omagiös sei, die nach ihrer überwiegenden Mehrheit zeigen, dass ihr
Ursprung in einem animalischen Gifte zn suchen sei, die nicht selten
bösartige Krankheiten bei Anderen hervorbrachten, und die alle die
Fruchtlosigkeit der ärztlichen Behandlung, und gerade deshalb die
äusserste Notwendigkeit von Vorbaunngsinitteln nachweisen.
rI. Am 8. Jänner 1841 leistete er Frau D. bei einer Geburt Bei-
stand. Am selben Tage war er auch bei Frau Richardson
beschäftigt, die an gangraenescirendem Rothlauf litt; beide
Frauen bedienten sich derselben Wärterin. Frau U. starb am
Puerperalfieber, und ihre Schwester bekam Typhus, nachdem sie
selbe geplh-gt hatte.
.II. Am 13. Jänner war Storrs bei der Geburt der Frau B. an-
wesend, auch sie starb. Einige Tage hierauf bekam ihre
Schwiegermutter Typhus, an dem auch sie starb. Die Wärterin,
die beide gepflegt hatte, bekam, wie ihr Sohn, gleichfalls den
Typhus, von dem sie sich jedoch erholte.
..IIL Gleichfalls am 13. Jänner war unser Berichterstatter bei dem
I Geburtsgeschäfte der Frau Par. zugegen, die gleichfalls starb.
Ihr Gatte war zur selben Zeit am Erysipel mit typhösen Fieber
erkrankt, von dem er sich jedoch erholte. Eine Freundin und
Nachbarin der Verstorbenen hatte Erysipelas, Pleuritis und Ab-
scess. doch genas sie; nicht so glücklich war ihre Wärterin, die
am Typhus starb.
rEine IV. und V. Kranke erholten sich und verursachten auch
bei Niemand andere Krankheiten.
.VI. Am 12. Februar eröffnete Storrs an der obengenannten Frau
I'irhardson einen Abscess und ward hierauf bei der drei
L) Meilen entfernt wohnenden Frau Pol. beschäftigt, die
ebenfalls >iarb. Ihre Seh wester hatte Herpes, Erysipelas mit
typhösen Krscheinungen, worauf ein ungeheurer Abscess in der
Brust folgte.
'
214
Setnuielweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbeltfieber.
„VII. Frau P. wurde nicht von Storrs entbunden. sondern nur von
von ihm besucht; Frau P. hatte das Kind der Frau Bt. auf der
Bahre gebettet, das einige Tage früher an den Gangraen des
Nabels gestorben war. Sforrs hatte der Frau Bt. in der
Zwischenzeit zwischen den drei zuerst geschilderten Krankheits-
fällen und in dem so eben beschriebenen, Beistand geleistet;
Frau P. starb und es folgte ihr bald ihr Kind, das am Brande
d»*s Nabels und der Geschlec-Mstheile zu Grunde ging.
..VI IL Frau W., die unter Stori V Leitnng entbunden wurde, nach-
dem er am vorhergehenden Morgen bei Frau Ricbardson
einen Abscess eröffnet hatte, starb,
..Storrs machte nun eine 14-tagige Reise, und hoffte si-h auf
diese Art gänzlich zu reinigen.
,,IX. Am 21. März Nachts war er bei der Geburt der Frau W. thätig,
nachdem er Morgens bei Frau Richardson abermals e
Abscess geöffnet hatte: Frau YV. starb.
,.X. Ein gleiches Schicksal hatte Frau Dk., die am 22. geboren hatte.
..Kniige Monate darauf, als das Gift schon etwas erschöpft
war, legte Storrs" Assistent an das Bein der Fran Richard-
son eine Binde an und entband am Tage darauf eine junge Frau,
sie wurde von heftiger Bauchfellentzündung befallen, man Hess
ihr zweimal zur Ader, — sie erholte sich. Bei ihr hatte die
Krankheit einen mehr stenischen Charakter.
-StOrri hofft ftircfa seinen Aufsatz, aus dem wir darum so
reichliche Anazüge geliefert haben, weil er den au den englischen
Ansichten ober die W.iterverbreitung des Puerperalfiebers Zweifelnden
überall entgegengehalten wird, bewiesen zu haben:
1. Dass das Puerperalfieber durch Berührung mittheilbar sei.
2. Dass dasselbe von einem thierischen Gifte, und zwar besonders
dem Rothlaufe ') und seinen Folgen, aber auch zuweilen vi in
Typhus herstamme,
3. Dass das Kindbetttieber ohne unterschied an der Umgebung
der Erkrankten, Rothlauf, Typhus, und beim männlichen
•blechte ein Fieber, das bisweilen ungemein dem Puerperal-
fieber gleicht, hervorbringe.
4. Dass im Ganzen die schnellste, sorgfältigste und vernünftigste
Behandlung ohne Erfolg bleibt.
..Besonders im Gefühle dieser letzten traurigen Erfahrung geht
Storrs1 Bericht dahin, ähnliches Missgeschick zu verhüten, zu
welchem Endzwecke er vorschlägt, dass Geburtsheller nie in demselben
l) Noch viel weiter gebt Nuiiueley (A treatüe on the Nature, <
Trcatutivt af Erytiptla*,* London 1849), wii aus folgenden Aeuaserungen hervor-
gehen wird ■
Pag. W, ..Ich werde die vorzüglichsten Gründe und Thateachen, die man zum
Beweise der Identität Kdtntff] de* Puerperalfiebers und des Rothlaufes anfahren
kann, unter be^timmre I 'unkte bringen."
Pag. 89. r Davon wenigstens bin ich überzeugt, dasa viele Fragen, die in der
Metürin ihndi allgemeine Uebereinstiuimuiig als abgemacht angetanen werden, keinee-
wegs auf festeren — wenn ja auf festen — Gründen ruhen, als die sind, die wir so
eben zum Beweise der Identität des Puerperalfiebers und des Rothlanfea angeführt
haben." — Bemerkt rnuss übrigens werden, dass in der Todteuliste für London vom
Jahre ' Personen eJj am Rotnlani verstorben aufgeführt werden.
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis de.* Kimlhettliebers. 215
Kleide Kreissende besuchen sollen, dessen sie sich bei ihren übrigen
Patienten bedienen; diese Vorsicht bezieht sich zunächst auf das
ObeikhiiJ. das notwendiger Weise nach Storrs' Ansieht :im meisten
zur ("ebertragung der kraukheitserzeugemlen Stoffe beitragen edus&
Sobald aber Rothlauf oder Typhus herrschen, W wäre dieselbe Vor-
sicht auch im Wochenbette zu befolgen.
„Nach was immer für einer Leichenöffnung, oder nach einer
ratäon an einem an Erysipel oder am Typhüfl erkrankten Individuum
soll der Chirurg so sorgfältig als nur möglieh seine I lande waschen
und seinen Anzog gänzlich ändern, bevor er zu irgend einer Geburt
geht; liiebei muss man ja die Handschuhe nicht ausser Acht lassen,
da ja Hände und Arme die das Gift zunächst übertragenden T heile
des Körpers sind.
„Sobald aber unglücklicherweise die Krankheit in eines Arztes
Praxis sich festgesetzt hat, so sollte er sich 2—3 Wochen gänzlich
\"it seinem Wohnort« entfernen, vollends seine Kleidung ändern.
ilie sorgfältigsten Waschungen vornehmen und jedweden Krankheits-
fall vermeiden, der die Quelle thierisehen Giftes sein könnte.
ine ähnliche Mittheilung, die Roberten marin, erregt«' un-
gemeines Aufsehen in England. Eine Hebamme, die im Kreise der
v«.n der Wohlthätigkeitsgesellselinft verwiegten Gebärenden und
Wöchnerinnen eine sehr ausgebreitete Praxis hatte, hatte das Unglück,
eine von ihr entbundene Frau am Puerperalfieber sterben zu Beben.
In dem darauffolgenden Monate (December 1830 1 war sie in weit
auseinander gelegenen Stadttheilen bei 30 Geburten thätig, H> von
diesen Wöchnerinnen wurden vom Puerperalfieber befallen und stai
Dieser umstand war um so auffallender, als beiläufig 3S0 Geburts-
vorflelen, die von derselben Gesellschaft nur durch Hebammen
besorgt wurden, und die, mit alleiniger Ausnahme der früher er-
wähnten, ohne alle Störungen im Wochenbette vorübergingen. Die
Aerzte der Anstalt drangen darauf, dass die Hebamme sieh aufs
Land begebe, und ihre Praxis Ciw einige Zeit aussetze; kurze Zeit
nach diesem Beschlüsse zeigte sich das Puerperalfieber au vielen
Punkten der Stall und in der Praxis von anderen Hebammen und
Aerzten. Bis Juni wüthete es in einer Ausdehnung und mit einer
Heftigkeit, die in Manchester kaum je vorgekommen war.
. K ober ton nimmt es nicht auf sich, zu erklären, auf welche
\rt die Uebertragung dir Krankheit in dem Falle der Hebamme
stattgefunden habe, will aber hierbei noch zweier Fälle erwähnen,
die im eh «-einer Ansicht beweisen, dass die Krankheit unmittelbar
von einer Kranken auf die andere übertragen wurde. Ein Arzt
führte bei einem armen, am Puerperalfieber leideuden Weibe den
leter ein, und wurde noch in derselben Nacht zu einer Frau ge-
rufen, um ihr Beistand bei ihrer Geburt zu leisten. „Am Morgen
des zweiten Tages darauf bekam die Frau Schüttelfrost und die
übrigen Zeichen der beginnenden Krankheit." — Ein anderer Arzt
wurde während einer Leichenöffnung an einer am Kindbettfieber
Verstorbenen zu einer Geburt geholt — 48 Stunden darauf ergriff
dieselbe Krankheit auch diese Fnm.
„Churchill1) berichtet uns, dass Campbell in Edinburg
anfangs nicht an die Contagiösität der Krankheit geglaubt, später
DiteaUB of Warna '■>) Fleettcood Churchill, 3. (dil. /'
21<i
Semmebveis1 Abhandlungen und Werk über das Kiuübettikber.
aber seine Alisicht geändert, und in einem Briefe an L. Lee die
nachfolgenden Beispiele erzählt habe.
„Er secirte im October 1821 eine nach Abortus am Puerperal-
fieber verstorbene Frau; er steckte hierauf die Geschlecht st heile in
den Sack und nahm sie zu einer Vorlesung mit. An demselben
Abende war er in denselben Kleidern bei der Geburt einer Frau zu-
gegen, die bald darauf starb.
..Am nächsten Morgen hatte Churchill eine ZangenoperatioD
cnrzuiiehinen, ohne dass er seine Kleidung geändert hätte. I eberdies
erkrankten in den nächsten Wochen noch viele der von ihm gepflegten
Wöchnerinnen T drei derselben starben. — Im Juni 1823 half er
mehreren seiner Schüler bei der Section einer Frau, die am Puerperal-
fieber gestorben war. In der von Allem entblössten ärmlichen
Wohnung konnte er seine Hände nicht mit der iinthigvn Sorgfalt
Waschen, und ging nach Hanse. Daselbst angelangt, fand er die
Nachricht, dass zwei Gebärende seine Hilfe begehrten; ohne weitere
Waschungen vorzunehmen und ohne die Kleider zu wechseln, eilte
er diese Frauen aufzusuchen, beide wurden von der Krankheit er-
griffen und starben. Dergleichen Fälle Hessen sich noch in viel
bedeutenderer Anzahl häufen.
„Es wird aber schon aus dem Angeführten nnd namentlich aus
dem der Praxis des Dr. Campbell Entnommenen klar hervorgehen,
dass die Engländer diese Uebert ragungen nicht in dem Sinne nehmen,
wie Semmel weis und Skoda sie verstanden wissen wollen, nämlich
nicht durch eine Uebertragung von putriden Stoffen auf die Geschlecht s-
theile der Frau, sondern durch die Uebertragung der Krankheit
tofft von einer Frau auf die andere.
„Dass dies die Auslegung sei, geht schon aus den gemachten
Mittheilungen hervor, wird aber besonders durch folgenden Ausspruch
C li u rc h i II 's klar dargethan: ,Nach aufmerksamer Prüfung der That-
saehen kann ich nicht zweifeln, dass die Krankheit durch Ansteckung
und Berührung weiter verbreitet wird, d. h. dass sie von einer am
Puerperalfieber Leidenden einer andern Person mitgetheiit werden
kann, die mit derselben in Berührung ist. oder in enger Nachbar-
schaft sich befindet.'
-Die Entscheidung der Frage, welche von beiden Auslegungen
als die richtige sieh herausstellt, i>t begreiflicherweise von grosser
praktischer Bedeutung; denn wenn die in England gewöhnliche Ansicht
der Dinge Geltung erlangt, so folgt daraus keineswegs das Verbott
sieh mit Leichen von Personen zu beschäftigen, die au anderen als
Pnerperalkrankheiten gestorben sind, während wir hinwieder keinen
Anstand nehmen, von einer kranken Wöchnerin zur andern zu gehen,
ohne Kleider gewechselt zu haben, wie man dies in England ZV tlum
vorschreibt, weil man die Lehre von der l'ebertragbarkeit der Krank-
heit so weit ausdehnt, dass man annimmt, ein gesunder Mensch (also
auch der Arzt), der von eine i am Wochenbette Erkrankten herkomme.
könne dieselbe Krankheit, ohne dass Berührung stattgefunden habe,
auf eine bis dahin gesunde Wöchnerin übertragen. Diese Fähigkeit
der Uebertragung scheint nach der dort üblichen Annahme für längere
Zeit möglich gedacht zu werden, weil nach den häufig von ene-l^
Schriftstellera aufgestellten Anordnungen ein Arzt, der so n
ist, in seiner Praxis mehrere puerperalkrauke Frai
längere Zeit hindurch aufhören soll, bei Geburten V
Die Actiologie, der Begriff nnd die Prophylaxis des Kindbettiiebers. 217
und ihm Wechsel seiner sämmtlichen Kleidungsstücke zur Pflicht gemacht
w\n\. Als Beweis dafür wird besonders angeführt, dass so häufig
einzelne Geburtshelfer oder Hebammen viele Fälle von Puerperalfieber
unter ihren Pflegebefohlenen zählen, während die übrigen Aerzte
nichts von dergleichen Vorkommnissen zu erzählen haben. Man
wird aber wohl zugeben müssen, dass dieser letztgenannte Umstand
sich viel ungezwungene! erklären l&sst, wenn man annimmt (was sich
in den meisten der oben mitgetheilten Fälle nachweisen liess), dass
diese Praktiker sich entweder mit Leichenöffnungen, oder was gleich-
viel gilt, mit anderen putreseirenden Stoffen, Eröffnung von Abscessen,
Reinigen und Verbinden von Wunden. Reinigen oder Untersuchungen
von Wöchnerinnen, Untersuchungen von Placenten u. dgl. beschäftigt
haben l). — Mehrere der obengenannten Aerzte haben durch die in
England gang und gäbe gewordenen Ansichten ihre geburtshilfliche
Praxis für einige Zeit aufgegeben, nachdem sie das Unglück hatten,
mehrere Frauen durch das Puerperalfieber zu verlieren. Der Umstand,
dass sie sogleich beim Wiederaufnehmen derselben nicht glücklicher
waren, scheint — nach einer mehrere Wochen betragenden Frist
ausser Zweifel zu setzen, dass die von ihnen beschuldigte rjnache
nicht mehr im Spiele sein konnte, und rüttelt stark an der Ueber-
zeugung, dass sie es früher war."
Kn ist auch meine Ueberzeugung, dass die oben angeführten Be-
schäftigungen der Aerzte das ursächliche Moment des nach diesen
Beschäftigungen beobachteten Puerperalfiebers gewesen sind; ich habe
ja deshalb diese haten hier angeführt, um dem Leser zu zeigen, dass
man sich auch ausserhalb des Gebärhauses mit Dingen beschäftiget,
in deren Folge das Puerperalfieber auch ausserhalb des Gebärhauses
entsteht.
Aber ich ziehe aus diesen Daten andere Schlüsse, als die eng-
lischen Aerzte.
Ich halte das Kindbettfieber für keine contagiöse Krankheit,
weil dasselbe nicht von einem jeden am Kindbettfieber erkrankten
Individuum auf ein gesundes übertragen werden kann, und weil ein
gesundes Individuum das Kindbettfieber von Kranken her bekommen
kann, welche selbst nicht am Kindbettfieber leiden.
Ein jeder Blatternkranke ist geeignet, bei einem gesunden In-
dividuum Blattern hervorzubringen, und ein gesundes Individuum kann
Blattern nur von einem Blatternkranken bekommen, von einem Gebär-
innrterkrebs her hat noch Niemand Blattern bekommen.
Nicht so verhält sich die Sache beim Kindbettfieber; wenn das
Kindbettfieber unter Formen verläuft, welche keine zersetzten Stoffe
erzeugen, so ist das Kindbettfieber von diesen Individuen auf ein ge-
sundes nicht übertragbar. Erzeugt aber das Kindbettfieber zersetzte
Stoffe, wie z, B. bei Endometritis septfsflj so ist das Kindbettfieber auf
gesunde allerdings übertragbar. Nach dem Tode ist von jeder Puer-
' Deiche das Kindbettfieber anf Gesunde übertragbar, bei der Leiche
< A. Martin, der Director der Hebamineuscuule in Wachen, halte die
mir mündlich mitzutbeilen. dass in den ersten .fahren meiner Wirksamkeit das
n— TDenlfleber häufige Opfer forderte, ohne dass ea möglich gewesen wäre, in der
i >ro| «reuen Anstalt die Veranlassung zu entdecken. Erst nach und
ichÜÄt, das» die Hebamnu-ii die Placenten in den in
»rfen. N.n h Abstellung dieses Uebelstandes wurde
•d günstiger.
218
Seminelweis' Abhandlungeu und Werk über das Kindbettfieber.
kommt nur der Fäulnissgrad in Betracht. Aber das Kindbettfieber
kommt von Krankheiten, welche selbst nicht Kindbettlieber sind,
gangraenöses Erv.-dpel, (hrcinoma nteri etc. bringen Kindbett lieber
hervor.
Eine jede Leiche, mag welch' immer eine Krankheit den Tod veran-
lasst halien. ist geeignet,, das Kindbettfieber hervorzubringen, wenn
die Leiche den nüthigen F&ulnissgrad erreicht hat
Eine contagiosa Krankheit wird durch einen Stoff fortgepflanzt
welchen nur die betreffende Krankheit erzeugt Caries hat noch nie
ein BlattiMiKonta^ium hervorgebracht. Das Puerperalfieber wird
durch einen Stoff fortgepflanzt, welcher das Product nicht des Kind-
bettfiebers allein, sondern auch das Product der heterogensten Krank»
heilen bildet.
Jede Leiche, mögen welche Krankheiten immer den Tod veranlasst
haben, erzeugt den Stoff, welcher das Kindbettlieber hervorbringt.
Daraus folgt das Verbot des Beschaftigens mit Leichen und mit
Kranken, deren Krankheiten einen zersetzten Stoff erzeugen, ohne
Rücksicht auf den Puerperalzustand.
Für mich ist es eine unumstössliche Wahrheit, dass der Thier-
arzt, welcher zugleich Geburtshelfer wäre, durch die von kranken
oder gefallenen Thieren hergenommenen zersetzten Stufte bei einer
\\ Sennerin das Kindbettfieber hervorbringen würde.
Das Kindbettfieber ist demnach keine eontagiöse Krankheit, aber
es ist eine auf ein gesundes Individuum übertragbare Krankheit ver-
mittels t. eines zersetzten Stoffes. Das Kindbettfieber steht zum Roth-
lauf und seinen Kolgen in keiner andern Beziehung, wie zu jeder
andern Krankheit, welche einen zersetzten Stoff erzeugt, das Kind-
bettlieber steht zum Kothlauf und seinen Folgen in derselben Be-
ziehung, wie zu jeder faulen Leiche. Wenn die englischen Aerzie
aussei dein Puerperalfieber selbst nur noch den Rothlauf und seine
Folgen als Quellen des zersetzten Stoffes, welcher das KindbettfkW-i
hervorbringt, anerkennen, so ziehen sie die Grenzen viel zu enge, wie
ja schon die oben angeführten Daten beweisen; es war ja nicht alles
Rothlauf, woher ier Btoff genommen wurde für die oben aufgezahlten
Fälle von Kindbettfieber.
Das Kimlbettfieber ist demnach dieselbe Krankheit, welche bei
Chirurgen, bei Anatomen, welche nach chirurgischen Operationen
entsteht, das Kindbeltfieber ist demnach dieselbe Krankheit . wenn
männlichen oder weiblichen Individuen ein zersetzter Stoff in
Kreislauf gebracht wird.
Durch die Epidermis oder durch eine dicke Schichte des Epithe-
lioms hindurch ist dieser zersetzte Stoff nicht resorbirbar. bei Chir-
urgen, bei Anatomen nnis.s eine Verletzung vorausgehen.
Kolletschka hat als tüchtiger pathologischer Anatom unzählige
Mal«* seine Hände mit zersetzten Stoffen verunreiniget gehabt und
blieb gesund, durch den Stich wurde die Resorption ermöglicht- wir
wissen welche Krankheit die Folge davon war.
Dia Resorptionsatelle kann jeder Punkt des Körpers sein, welcher
von Epidermis, von Epithelium entblösst wird.
Bei Schwangeren, Kreissenden, Wöchnerinnen haben wir eine
Stelle des Körpers, welche keine Epidermis , welche kein Epithelium
besitzt, und das ist die innere Fläche des Uterus; vom innern Mutter-
munde augefangen nach aufwärt«, das ist die Resorptionsstelle für
Dil- Ai-riulugie. der B'irriif nwl die Prophylaxis des Kindbettfiehers. 211.)
den zersetzten -Stoff, welcher das Kindbettfieber hervorbringt. Worden
durch die Geburt Verletzungen bedingt, so kann jede Stelle der Geni-
talien, ja jede Stelle des ganzen Körners, welche wund ist, zur Ke-
sorpt ionssteile werden.
Wir halini früher erwähnt, dass die äusseren Genitalien zweier
Wöchnerinnen im Schuljahre 18578 an der geburtshilflichen Klinik
zu Fest gangraenös wurden; eine dieser Wöchnerin zur Pflege n
tkeitt >- s< Jiiileiin hatte eine kleine Hautabschürfung- auf einem Finger,
in Folge einer Verletzung mit einer Nadel, sie bekam Lymphangoitis
mit Vereiterung der Axiilardrüsen und machte eine mehrere .Monate
dauernde schwere Krankheit durch.
Da nun die Individuen in den Gebärhäusern in der Regel aus>er-
halb der Genitalsphäre keine zur Resorption geeignete Stelle darbieten,
so muss notwendiger Weise der zersetzte Stoff, welcher die Eigen-
Behalt besitzt, das Kindbettfieber hervorzubringen, den Individuen in
die Genitalien eingebracht werden; da nun aber die Kleider des Ge-
burtshelfers nicht in die Genitalien der Individuen eingebracht werden,
BO ist die Sitte der Engländer, die Kleider zu wechseln, um das Kind-
bettfieber nicht durch die Kleider zu verschleppen, eine zwar unschäd-
liche, aber überflüssige Vorsicht. Ich und die Schüler haben im Jahre
1848 zu Wien unsere Kleider nach Beschäftigungen mit solchen Dingen,
welche die Eigenschaft besitzen, das Kindbettfieber hervorzubringen,
nicht ge« . wir haben nur unsere Hände der Einwirkung des
Chlors ausgesetzt, und haben im Jahre 1848 von 3550 Wöchnerinnen
nur 45, d. i. 1..,, Percent am Kindbettfieber verloren.
In den oben angeführten Fällen, wo der Geburtshelfer, ohne die
Kleider gewechselt zu haben, gesunde Kreissende besuchte, welche
dann am Kindbettfieber gestorben sind, waren gewiss Dient die
Kleider, sondern seine Hände die Träger des zersetzten Stoffes, welche,
weil sie nicht gewechselt werden konnten, desinficirt hätten wenlen
sollen. Wenn durch die. angeführten Beschäftigungen die Kleider mit
> tzten Stoffen verunreinigt wurden, so winden es die Hände ge-
wiss noch mehr, und mit diesen Händen wurde innerlich untersucht.
i>amit das Kindbettfieber entstehe, ist es CmuUHu mm tf\ut »<»t,
dass der zersetzte Stoff in die Genitalien eingebracht werde, und mit
von Benetzten Stoffen verunreinigten Händen können die Individuen
in- und ausserhalb der Geb;u Iiuumm- allen möglichen medicinisehen
l'nt ersuchungen, mit Ausnahme der Expforetoio obstörieia infmm unter-
würfen werden, ohne dadurch auch nur der geringsten Gefahr aus-
gesetzt zu Bein,
Daes die Epidermis die Resorption des zersetzten Stoffes ver-
hindere, beweist ja der 1 instand, dass der Geburtshelfer unbeschadet
seiner Gesundheit, den zersetzten Stoff Stunden und Tage laug an
Beiner Hand herumträgt, welcher Stoff durch die innere Untersuchung
mit der inneren Fläche des Uterus für Augenblicke in Berührung
gebracht, resorbirt wird, und dadurch das Kindbettfieber hervorbringt.
Die Hände der Anatomen sind ja oft stundenlaug in Berührung
mit faulen Leichen und bleiben gesund, wird aber die Epidermis
durcli Verletzung entfernt, so entsteht die Krankheit, welche wir bei
Kolletschka. welche wir bei der Schülerin gesehen.
Vermßge der Lage der Zimmer der ersten Gebärklinik wurde
die allgemeine Visite zweimal täglich in folgender Ordnung gehalten:
zuerst war Visite auf dem Kreissezimmer, dann wurde die Hälfte der
Semmel weh' Abhandlnugen und Werk über das Kindbettfieber.
gesunden Wüchnej innen besucht, dann wurde Visite in den Krank -n-
ziramern gemacht, und nun wurde die Visite mit der Besichtigung
der zweiten Hälfte der gesunden Wöchnerinnen geschlossen.
Wenn wir uns auch auf dem Krankenzimmer die Hände von
Seite der kranken Wöchnerinnen verunreinigten, so fühlten wir den
gesunden Wöchnerinnen der zweiten Hälfte, ohne uns früher in Chlor
gewaschen zu haben, den Puls, wir befühlten ausser! ich den Bauch,
mit einem Worte, wir machten alle nöthigen medicinischen Unter-
suchungen, mit Ausnahme der EaptoraHo obsteMaa mtenw, und wir
haben dadurch das Kindbettfieber nicht vervielfältigt, denn wir ver-
loren im Jahre 1848 von 3556 Wöchnerinnen nur 45, i, i l .... Percent
Das Kindbettfieber kann daher durch die äussere unverletzte
Oberfläche des Korpers nicht aufgenommen werden, es wird demnach
nicht uach Art der Blattern dadurch fortgepflanzt, dass die äussere
Oberfläche eines gesunden Individuums in den Dunstkreis eines
kranken Individuums kömmt.
Wenn aber die Exhalationen kranker Individuen mit der atmo-
sphärischen Luft in die Uterushöhle eindringen, dann entsteht aller-
dings das Kindbettfieber.
Wir haben uns früher dahin ausgesprochen, dass der Gebrauch
der Engländer, nach dem Besuche einer kranken Wöchnerin die
Kleider vor dem Besuche einer gesunden Wöchnerin zu wechseln,
eine zwar unschädliche, aber überflüssige Vorsicht sei, weil die Kleider,
welche mit einem zersetzten .Stoffe verunreinigt sind, nicht dorthin
kommen. WO die Resorption im normalen Zustande geschieht, nämlich
in die Uterushöhle, die Kleider könnten nur dadurch das Kindl
lieber hervorbringen, dass deren Exhalationen mit der atmosphärischen
Luft in die Gebärmutterhöhle dringen; in dem Grade dürften aber
die Kleider nicht leicht verunreinigt sein, um das besorgen zu müssen;
wir haben in Wien nie die Kleider gewechselt, und ich thiie es auch
jetzt nicht. Die Kleider könnten auch dadurch zur Entstehung des
lündbettfiebers Veranlassung geben, dass z. B. der Aermel des Rockes,
wenn er mit zersetzten Stoffen verunreinigt ist, bei der inneren
I mersuchung einer Wöchnerin mit den durch die Geburt verletzten
Genitalien in Berührung kommt; ein Ereigniss. welches gewiss nicht
täglich geschieht.
In diesem Sinne können allerdings auch die Kleider schädlich
werden, aber gewiss nicht in dem Sinne der Engländer, welche
glauben, das Puerperal-Contagium könne, so wie das Blattern-C'on-
tagium, mit den Kleidern zu einer gesunden Wöchnerin getragen
werden, welche es dann, wie das Blattern-Contagium. durch die
äussere Oberfläche ihres Körpers in sich aufnimmt, und dadurch eben-
falls vom Kindbettfieber befallen werden.
Im normalen Zustande ist nur die innere. Fläche des Uterus das
Atrium für das Puerperalfieber, durch Wundwerden kann jede stelle
des Körpers zum Atrium werden.
Wenn englische Aerzte das Unglück haben, mehrere Wöchnerinnen
am Kindbettfieber zu verlieren, so begnügen sieh selbe mit den Ohlor-
waschungen nicht, sondern sie setzen ihre geburtshilfliche Praxis für
einige Wochen aus, oder unternehmen eine mein wöchentliche Reisr.
um vom l'iierjtei.il-Contagium gänzlich gereinigt zu werden. Wir zer-
stören den zersetzten Stoff durch ChlorwasCflUDgen und halten diese
ifection für hinreichend.
Die Aetiologie, der BegTiff umt die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 221
Wir hatten in Wien im Monat April 1847 f>7 Wöchnerinnen von
312. also 1J\.,: Percent am Kindbettfieber verloren, im Mai 1847 36
Wöchnerinnen von 294, also 12.« Percent; wir haben Mitte Mai die
Chlorwaschungen eingeführt, mit welchem Erfolge ist dem Leser be-
kannt, ohne unsere oder der Schüler Verwendung im Gebärhause
unterbrochen zu haben.
Ich glaube hiermit den Unterschied zwischen meiner Ansicht vom
Kindbettfieber und der Ansicht englischer Aerzte, und über die
Weiterverbreitung der Krankheit hinreichend deutlich gegeben zu
haben.
[in Wiederholungen zu vermeiden, habe ich zur Erörterung dieser
Gegenstände diese .Stelle der Schrift gewählt, obwohl hier von andern
Dingen die Rede ist.
Wenn es froher räthselhaft war. wie eine epidemische Krankheit
KBCh auf traumatischem Wege hervorgebracht werden könne, so ist
es jetzt, nachdem wir wissen, dass das Puerperalfieber durch Re-
sorption eines zersetzten Stoffes entstehe, kein Räthsel mehr.
In Folge einer schweren Zangenoperation werden durch Quet-
schung Stellen der Genitalien necrotisch, diese nekrotischen Theile,
wenn resorbirt. erzengen das Kindbettfieber durch Selbstinfection.
Dass die grosse Sterblichkeit der Wöchnerinnen am Kindbett-
fieber nicht durch atmosphärische Einflüsse, sondern durch Einbringung
eines zerseuuu Stoffes von aussen bedingt sei. beweiset die geo-
graphische Verbreitung des Kindbettfiebers. Litzmann1! sagte
Seite 129 von der geographischen Verbreitung des Kindbettfiebers
Folgendes: „Die meisten der uns bekannten Epidemien sind auf das
mittlere Europa beschränkt. Die Notizen über außereuropäische Epi-
demien Bind sehr dürftig; es gehören dahin die Bemerkungen über
das Kindbettfieber in Philadelphia von Hodge, und in Jerusalem
vi>n Scholz. Im Allgemeinen scheinen die kälteren und feuchteren
Länder vorzugsweise heimgesucht, z. B. England, das noch mehr als
Frankreich dieser Plage unterworfen ist, eben so die Städte, die an
den L'feru grosser Flüsse liegen, z. B. Wien. Dagegen erkranken
z. Ii. in Sicilien, nach Brydone' s Berichten, die Frauen sehr selten
nach der Entbindung: Savary sagt in seinen Briefen über Egypten,
die Milclikrankheiten seien dort gänzlich unbekannt, und Dr. Sali es
versichert, während seines dreijährigen Aufenthaltes in Südamerika
daselbst kein Puerperalfieber gesehen zu haben. Doch sind diese An-
gaben zu unvollständig, um .Schlüsse darauf zu bauen. Wahrschein-
lich ist das Kindbettfieber über die ganze Erde verbreitet, und sein
nehl oder minder häufiges Vorkommen weniger von dem Klima, als
von dem Vorhandensein oder Fehlen grösserer Städte und namentlich
grösserer Entbindungsanstalten abhängig,"
Durchdrungen von der Ueberzeugung, dass das Kindbettfieber
durch die Resorption eines zersetzten Stoffes entstehe, inn rpretire
ich diese Aeusserungen Litzmanu's über die geographische Ver-
breitung des Kind bot tfiebers folgenderweise: Gewiss kömmt das
Kindbettfieber über die ganze Eide verbreitet in seltenen Fällen in
Folge von Selbstinfection vor. Gewiss kömmt das Kindbettfieber in
einzelnen Fällen über die ganze Erde verbreitet in Folge von In-
*) Das Kindbettfieber in nosologischer, geschichtlicher nnd therapeutischer Be-
ziehuug von Dr. C. F. Carl Li tz manu, Halle 1844.
Semraelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
fection von aussen dadurch vor. dass es über die ganze Erde ver-
breitet Kranke gibt, deren Krankheiten einen zersetzten Stoff er-
zeugen, und weil es über die ganze Erde verbreitet Medicinal-lruli-
viduen männlichen und weiblichen Geschlechtes gibt, welche sich mit
solchen Kranken und mit Schwangern, Kreissenden und Wöchnerinnen
beschäftigen.
Gewiss wurde «las K i n d b et t lieber in grosser Anzahl über die
ganze Erde verbreitet vorkommen, wenn über die ganze Erde ver-
breitet den Individuen in grosser Anzahl ein zersetzter Stoff von
aussen eingebracht würde. Das geschieht aber nur im mittleren
Europa. Im mittleren Europa ist Veranlassung zur Beschäftigung
mit zersetzten stuft. -n, ita mittleren Europa ist Gelegenheit in den
öebarhänsern vielen Individuen gleichzeitig den zersetzten »Stoff ein-
zubringen. Das Kindbettheber ist vorzüglich an grössere Städte des-
halb gebunden, weil die grossen Gebarh unser sich in grossen Städten
befinden, dass die Städte gelbst es nicht sind, welche das Kindbett-
fieber hervorbringen, beweiset ja der Umstand, dass man das Kind-
hettfieber in den (.-Jebärhänsern dadurch unterdrücken kann, dass man
n&ch Schliessung der Gebärhäuser die Individuen in der Stadt . m-
binden lässt.
Dass die PuerperaL-Epidemien in Wien nicht deshalb entstanden
sind, weil Wien an den Ufern eines grossen Flusses liegt, geht daraus
hervor, dass den furchtbaren Wiener Puerperal-Epidemien 25 Jahre
vorausgegangen sind, in welchen nicht eine Wöchnerin von hundert
im Gebärhanse starb; obwohl während dieser 25 Jahn- Wien an den
Ufern desselben grossen Flusses lag: durch die ßinfUhrnng der Chlor-
waschuugen ist die Donau nicht ausgetrocknet worden ; aber die
Epidemien haben aufgehört. Wenn die Donau die Epidemien in
Wien hervorgebracht hätte, wo liegt denn der Qrund, dass die Denan
das nur in Wies thut und nicht in allen Orten, die an seinen Ufern
liegen vom Ursprungs bis zur Mündung?
Wenn in Sicilien. in Egypten, in Südamerika das Kindbett lieber
Dicht vorkommt, so kommt es gewiss nicht deshalb nicht vor, weil in
Sicilien, in Egypten, in Südamerika Wassermangel herrscht, sondern
deshalb, weil in Sicilien, in Egypten. in Südamerika die Anatomie in
ihren Zweigen, und die anatomische Richtung der Medicin noch nicht
dir Triumphe gefeiert, welche den Stolz de* Wiener Schale und das
Unglück des Wiener Gehärhauses bilden.
Die veröffentlichten Rapporte der englischen Gebärhänser weisen
eine durchschnittliche Sterblichkeit von 1 Percent aus; die fian/üsi-
scli.-u ein«- von 4 Percent; es ist mithin unrichtig, wenn Li t/mann
sagt, dass Knglaad mehr als Frankreich der Plage des Kindbett-
tiebers unterworfen sei
Dass das Kindbettrieber nicht durch atmosphärische Eintl
sondern durch die Aufnahme eines zersetzten Stoffes entstehe, b» v
die Geschichte des Kindbettfiebers. Litzmann sagt in seiner Ge-
schichte des Kind bei .Hie.bers, in welcher alle Puerperal-Epideuiien bis
zum Jahre 1841 aufgezählt werden, Folgendes: „Soweit die ?or>
Hegenden historischen Docnmente ein Urteil gestatten, ist das Kind-
bettfieber ersi eine Krankheit der neueren '/.<■[{. Die von Hippo-
crates init.get heilten Krankheitsfalle, die man gewöhnlich als solche
in Anspruch nimmt, gehören nicht dahin. Es sind nur Beispiel'- dar
damals herrschenden biliösen Fieber, die sich bei den Wöchnerinnen
Die Aetiolog-ie, der Bejrriff und die Prophylaxis des Kindbetttiebers. 22&
nicht anders verhielten, als bei NichtWöchnerinnen und Männern, und
von Hippocrates selbst nirgends als besondere und eigentümliche
Krankheiten bezeichnet werden. Schmerzen im rechten HypociiondriniB,
gültiger Durchfall und galliges Erbrechen, Kopfschmerz mit Delirium
odei Sopor, Fieber mit mehr oder minder häufigen umegelmiissigcn
Frustanfällen bilden bei Allen die hervorstechenden Symptome; kaum
dass bei dien Wöchnerinnen die Störung in den Wocheneecretionen
■n unterschied begründet; denn nur bei dreien finden Wir eine
I riterdrückang der Lochien, und bei zweien derselben Schmerzen in
der Uteringegend erwähnt. Die wiederholten Fröste, von denen einige
der Kranken befallen wurden, haben in der neuesten Zeit Helm be-
stimmt, in der geschilderten Krankheit eine Metrophlebitis zu er-
blicken.
V Hein es ist mindestens zweifelhaft, ob man aus diesem ein-
zelnen Symptome mit solcher Sicherheit auf Phlebitis schliessen darf,
wenn die Diagnose nicht durch andere Zeichen unterstützt wird, und
namentlich der Bestätigung durch dieSeetion ermangelt, Auf Metro-
phlebitis kann es hier um so weniger bezogen werden, als <•<, uhge-
sehen von den ganz fehlenden, oder höchst unbedeutenden Krsehei-
igen eines Uterinleidens, auch bei Männern beobachtet wurde.
\ lib. III. sect, II. aeger ur. 5, sect. III. aetjer ur. 3.) Sollen die
Fröste daher von einer Venenentzündung abhängig gemacht werden,
su könnten wir nach den vorhandenen Erscheinungen den Sitz der-
selben hier nirgends anders, als im Gefässsystemc der Leber suchen.
(Hippocrates, Epidem. ///». I. sect. III aegra mr, -f, 5. tl\ Hb. III.
ira nr. 10, 11, /-■*. sect. III. aegrd ur. 9, 14.)
(Den ersten, wiewohl noch undeutlichen Spuren des Kindbett»
rs begegnen wir in der zweiten IFilfte des 17. Jahrhunderts im
Hütel-Dieu zu Paris. Pen erzählt., dass in dem gedachten Hospitale
die Sterblichkeit unter den Neuen tbundenen sehr gross gewesen sei,
und zwar zu gewissen Zeiten und in gewissen Jahresabschnitien
mehr, als in andern. Besonders verheerend zeigte sich das Jahr 1664
V. ou, der Arzt des Hospitals, schrieb den Grund dieser auffallenden
Sterblichkeit dem Umstände ZU, dass die Wochen/immer gerade über
dem Saale der Verwundeten lagen. Die Sterblichkeit der Wöch-
nerinnen stand im geraden Verbältnisse mit «1er Zahl der Verwundeten.
Durch feuchte, warme sowohl als kalte Witterung wurde sie
steigert, bei trockener änderte sie sich. Mit der Verlegung der
\\ '"»dinerinnen in den unteren Stock erlosch die Krankheit Die Be»
schreibnng derselben ist höchst mangelhaft, es wird nur gesagt, data
die Kranken bis zu ihrem Ende an Blutungen gelitten hätten, und
dass man bei der Section die Leichen voller Abseesse gefunden habe."
Noch genauere Aufschlüsse über das Höfel-Dieu und die Ursache
des daselbst herrschenden Kindbett nebers gibt uns Oslander in
seiner oben citirten Schrift. Seite 243 sagt er: „In dem merkwürdigen
Berichte, welchen Tenon im Jahre 1788 von den Hospitälern in
Paris der Regierung abstattete '). liest man Seite 241 u. f.. dass die
erleibsentziindung, .Ja ji afeu, wie der Verfasser die
Krankheit immer nennt, seit dem Jahre 1774 alle. Winter unter den
Wöchnerinnen des Hötel-Dieu gewüthet habe, und dass zu manchen
Zeiten von 12 Wöchnerinnen 7 von dieser furchtbaren Krankheit be-
1 Mrmvirr -irr ks hospilaux de P
224
Semmel weis' Abhtwdlumjen und Werk über das Kindbettfieber.
fallen worden seien. Um dies nicht auffallend zu finden, muss man
Wissen, in welchem bedauerungswiirdigen Zustande die Wöchnerinnen
und die Schwangeren sich damals im Hötel-Dieu befanden. In
niedrigen und schmalen Sälen der oberen Etage, die mit Betten über-
füllt waren, eingeschlossen, traf es sich nicht selten, dass drei Wöch-
itcTiuneii in einem vier Fuss breiten Bette nebeneinander zu liegen
kamen, denn im Jahre 1786 lagen in 67 nicht übermässig breiten
Betten 175 Schwanger« und Neuenfbnndene und 16 Aufwärterinuen.
Ueberdies befanden sich die Säle der Wöchnerinnen über and<
Krankensälen des Hötel-Dieu, und wenn auch die Verwundeten damals
schon nicht mehr wie ehemals ') unter den »Sälen der Wöchnerinnen
lagen, so darf mau doch annehmen, dass schon die Nähe der grossen
Krankensäle zur Verderbniss der Luft und zur Erzeugung gefähr-
licher Miasmen in den Sälen der Wöchnerinnen beigetragen
habe etc. etc."
Also die erste Kindbettneber-Epideniie, die man als solche an-
erkennt, ist nicht durch atmosphärische Einflüsse, sondern so wie ich
es lehre, entstanden, und wenn sich auch kein Historiograph gefunden,
der uns die Geheimnisse der übrigen unzähligen PuerperalepidemieiL
enthüllt, so liefert doch die Geschichte des Kindbetttiebers, wenige
Epidemien ausgenommen, die Nectionsbeftm.de der betreffenden Epi-
demien, und dadurch die Quelle, aus welcher die Epidemien ihre
Existenz gefristet. Ich habe nachgewiesen, aus welchen Verhält-
nissen die Epidemien des Wiener Gebärhauses, des Gebärhauses zu
St. Rochus und der geburtshilflichen Klinik in Pest entsprungen
sind. Durch diese Schrift aufmerksam gemacht, dürften die Geheim-
nisse der Epidemien so mancher Gebärhäuser enthüllt werden.
Die Geschichte der Puerperalheber-Epidemien des Wiener Gebär-
bauses liefert den Beweis, dass üe Häufigkeit und Bösartigkeit der
Epidemien im geraden Verhältnisse stand mit der Entwicklung und
Ausbildung der anatomischen Richtung der Medicin.
Boer trat im Jahre L789 sein Lehramt an. und erhielt im Jahre
1822 einen Nachfolger in Prof. Klein, nachdem Boer, der Refor-
mator di t Geburtshilfe, der Verfasser der natürlichen Geburtshilfe,
entmuthigt durch die damals für enorm gehaltene Sterblichk* n. sein
Lehramt frühzeitig verlassen? und doch hatte Boer 21 Jahre nicht
eine Wöehneriu von 100 verloren. 6 Jahre war die Sterblichkeit 1
von 100. 4 Jahre 2 von 100, 1 Jahr 3 und 1 Jahr 4 von 100.
In welch schreckenerregender Weise hat sich naoh dieser Zeit
selbst während der 12 Jahre nach Einführung der Chlorwast hungen
in Folge der anatomischen Richtung der Medicin die Sterblichkeit
gesteigert! Von 1822 angefangen bis inclusive 1858 war die Sterb-
lichkeit 1 Jahr 0 Percent. 3 Jahre 1 Percent, 6 Jahre 2 Percent,
4 Jahre 3 Percent, 6 Jahre 4 Percent, 4 Jahre 5 Percent, 3 Jahre
6 Percent, 4 Jahre 7 Percent, 5 Jahre 8 Percent, 1 Jahr 12 Percent.
Die «i« >< iiu-hte der Puerperal-Epidemien zeigt, dass die Epidemien
vorsuglieh ad (iebärhäu.ser gebunden sind: wenn demnach in Gebär-
hausem, welche sich in grosser Entfernung von einander befinden.
liou im Jahre 1664 leitete ein Arzt des Hötel-Dieu Nameus Lamoiquou,
die Häufigkeit und Gefahr di-s Kiudbetriiebers in diesem HuBpital von der Lage der
Wochensäle über denen der Verwundeten her; und Pen und Desault machten iia
Bemerkung, dass, seitdem die Verwendeten von da verlegt seien, die Krankheit
wenäc-i'i- btoflg rorkomme.
Dia \etiologie, der Betriff und die Prophylaxis» des Kindbettäebers. i'-J.'j
gleichzeitig das Kindbettfieber herrscht, z. B. in Paris und Wien, so
ist das nicht dadurch zu erklären, dass die atmoflpbärisch-coainlach-
tellurischen Einflüsse von Paris bis Wien reichen, sondern dadurch,
dass die Individuen im Pariser und Wiener Gebärhause gleichzeitig
iiilieirt werden. Wenn es wirklich atmosphärische Einflüsse wären,
welche von Paris bis Wien reichen, so winden ja nicht Mos die
Wöchnerinnen des Pariser und Wiener Gebärhauses erkranken,
sundern die Wöchnerinnen der zwischen Paris und Wien wohnenden
Bevölkerung müssten das gleiche Schicksal theilen; dem widerspricht
aber die Erfahrung, welche lehrt, dass selbst die Wöchnerinnen der
Stadt sich eines guten Gesundheitszustandes erfreuen, in dessen Gebar-
die Wöchnerinnen dem Kindbettfieber in grosser Anzahl zum
Opfer fallen.
Für unsern Zweck ist es vollkommen gleichgütig, ob die hei
Hippocrates angeführten Falte Kindbettfieber waren oder nicht. Bei
Hippocrates handelt es sich um wenige Fälle, und diese wenigen
Fälle konnten durch 8« ■lbstinlW-tion entstanden sein; oder wenn es
Fälle von Infection von aussen waren, so hat es ja auch zu Hippo-
crates' Zeiten Kranke gegeben, deren Krankheiten einen zersetzten
Stoff erzeugten, und es hat auch zu Hippocrates1 Zeiten Medicinal-
individuen männlichen und weiblichen Geschlechtes gegeben, welche
sich mit derartigen Kranken und gleichzeitig mit Schwangeren,
Kreissenden und Wöchnerinnen beschäftigten, wodurch die Infection
von aussen geschehen konnte. Uebrigens sagt Boer'j im zweiten
Bande Seite H von Bippocr&taa folgendes: „Man bewundert mit einer
An von Erstaunen und Verehrung, wenn man Puerperalfieber be-
bandelt, die daran Verstorbenen öffnet, und den Gang der Krank-
heiten und das im Cadaver Aufgefundene mit dem zusammenhält.
Was Hippocrates vor mehr als 2000 Jahren so treulich und treffend
davon angeführt hat.
..Wäre jedem Jahrhunderte anstatt so vieler Systemgelehrten nur
ein solcher beobachtender Arzt geworden, wie viel würde die Mensch-
heit und die Animalität überhaupt dabei gewonnen haben.
„Das „Buch von den Krankheiten der Weiber4* enthält vom 60.
bis fast zum Paragraph SH) eine historische I U Schreibung nach allen
jenen Formen, unter welchen meistens Puerperalfieber in sporadischen
Fällen vorzukommen pflegt; und im „Buche von herrschenden Volks-
krankheiten" sind einige Beobachtungen darüber, wie es epidemisch
vorkömmt, so genau und meisterhaft autgezeichnet, wie sie es nicht
richtiger sein könnten, wären sie erst gestern am Krankenbette und
Oefthungstische aufgenommen worden etc. etc."
Mt im aus dem Erfolge der Chlorwaschungen geschöpfte Ueber-
zeugung, dass es nie ein durch atmosphärische Einflüsse bedingtes
Kindbettfieber gegeben, dass folgerecht die endlose Reihe der Puerperal-
Epidemien, wie solche in der medicinischen Literatur aufgezählt wird,
lauter verhütbare Infectionsfälle von aussen waren, wurde durch die
Leetüre der Geschichte des Kindbettfiebers volkommen bestätigt.
Wir wollen nun alle Gründe in Kürze recapituliren, welche mir
die Ueberzeugung aufgedrungen haben, dass es keine BtmoBphftrisCtt-
cosmisch-tellurischen Einflüsse gebe, welche geeignet wären, das Kimi-
*) Dr. Lucas Johann Boer: „ Abhandlungen and Versuche zur Begründung
einer nenen, einfachen und uaturgemässeu Geburtshilfe." Wien 1810.
^lncoelweis" gesammelte Werke. 13
226
Semmelweie* Abhandlungen nnd Werk über daa KindbettfieLer.
bettfieber hervorzubringen, und dass es deren nie gegeben. \\ ir
wollen in Kürze die Gründe recapituliren, welche mir die üeber-
zeugung aufgedrungen haben, dass die grosse Sterblichkeit, welche
man epidemischen Einflüssen zuschrieb, bedingt sei nnd \\;n durch
die Aufnahme eines zersetzten Stoffes in den Kreislauf der Individuen,
und dass, die Fälle von Selbstinfectiou ausgenommen, dieser zersetzte
Stoff den Individuen von aussen eingebracht werde. Dass demnach
die endlose Reihe, der sogenannten Epidemien, wie solche in der medi-
cinischen Literatur angeführt werden, lauter verhütbare luföctaons-
fälle von aussen waren.
Der wichtigste Grund ist, dass es mir an drei Anstalten gelungen
ist, durch Zerstörung des beschuldigten zersetzten Stoffes das Kind-
bettfleber auf eine im Vergleiche mit früher geringe Zahl zu be-
schränken, welches offenbar nicht gelungen wäre, würde das Kind-
bettheber durch atmosphärische Einflüsse bedingt gewesen sein.
Wenn es mit dem Begriffe des atmosphärischen Kindbettfiebers
nicht recht im Einklänge war. dass das Kindbettfieber in grosser
Anzahl zu jeder Jahreszeit vorgekommen ist, und auch zu jeder
Jahreszeit wieder nicht; dass es in grosser Anzahl in jedem Klima
vorgekommen und nicht vorgekommen; so ist, sobald man weiss, dass
das Kindbettfieber durch Infection von aussen entstehe, die Sache
sehr klar.
In jeder Jahreszeit, in jedem Klima können die Individuen von
aussen inficirt werden und auch nicht.
Wenn es durch atmosphärische Einflüsse nicht zu erklären ist.
warum Gebärhäuser durch eine lange Reihe von Jahren vom
nannten epidemischen Kindbettfieber verschont sind, während 9ie
später durch eine lange Reihe von Jahren alljährlich vom sogenannten
epidemischen Kindbettfieber heimgesucht werden, so ist die Erklärung
nicht schwierig, sobald man weiss, dass zur Zeit des günstigen Ge-
sundheitszustandes den Bewohnern des Gebärhauses selten zersetzte
Stoffe von aussen eingebracht wurden, während sich später die Ver-
hältnisse derart änderten, dass die Einbringung des zersetzten Stoffes
ungewöhnlich häufig geschehen. Wenn es durch atmosphärische Ein-
flüsse nicht zu erklären ist, wie es denn komme, dass ein Gebärliau>.
welches durch lange Jahre alljährlich regelmässig vom sogenannten
epidemischen Kindbettfieber heimgesucht war, nun wieder jahrelang
von demselben verschont bleibt, so ist die Sache sehr klar, nachdem
man weiss, dass sich die Verhältnisse des Gebärhauses derart ändern
können, dass den Individuen nur selten, wahrend früher häufig ein
zersetzter Stoff eingebracht wurde; diese Verhältnisse können sich
dadurch ändern, dass seltener die Hände der Untersuchenden verun-
reiniget werden, oder dass die untersuchenden Hände gereiniget werden.
wenn durch atmosphärische Einflüsse der differente Gesundheits-
zustand zweier Abteilungen einer und derselben Anstalt nicht erklärt
werden kann, so ist der differente Gesundheitszustand sehr begreif-
lich, wenn man weiss, dass an einer Abtheilung selten, während auf
der andern häufig den Individuen ein zersetzter Stoff von aussen
eingebracht wird.
Wenn es durch atmosphärische Einflüsse nicht erklärt werden
kann, wie es denn komme, dass die Wöchnerinnen in der Stadt
gesund sind, während die Wöchnerinnen im Gebärhause derselben
Stadt vom epidemischen Kindbett lieber dahingerafft werden, und wie
Die Aetiologie, der Begriff and die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 227
es denn komme, dass man die zu Entbindenden dadurch rettet, dass
man durch Schliessen des Gebärhauses sie zwingt, in der Stadt zu
entbinden, dessen Gebärhaus in Folge atmosphärischer Einflüsse einen
schlechten Gesundheitszustand darbot; so ist alles wohl erklärt, wenn
man weiss, dass vermöge der Verhältnisse in der Stadt seltener, in
den Gebärhäusern viel häufiger den Individuen ein zersetzter Stoff
von aussen beigebracht wird. Wenn es durch atmosphärische Einflüsse
nicht erklärt werden kann, wie es denn komme, dass mehrere Gebär-
häuser einer und derselben Stadt einen differenten Gesundheitszustand
gleichzeitig haben können, so ist die Sache sehr klar, da man nun
weiss, dass das Kindbettfieber durch Einbringung zersetzter Stoffe
entstehe; in den verschiedenen Gebärhäusern einer und derselben
Stadt wird den Individuen in verschiedener Ausdehnung der zersetzte
•Stoff von aussen eingebracht.
Wir haben gesehen, dass an der ersten Gebärklinik zu Wien
die Sterblichkeit durch sechs Jahre dreimal so gross war, als an der
zweiten Gebärklinik, obwohl beide Abtheilungen nur durch ein
gemeinschaftliches Vorzimmer getrennt waren. In Strassburg waren
/ vri Abtheilungen durch ein Zimmer getrennt, welches die Betten
der Hebammen-Schülerinnen enthielt, und beide hatten ebenfalls eine
auffallende differente Sterblichkeit.
In der Maternite wüthete das Kindbettfieber schon Ende des
vorigen Jahrhunderts, in Wien begann es erst mit dem Jahre 1823,
in Dublin war innerhalb 98 Jahren nur in zwei Jahren die Sterblich-
keit drei Percent; in sieben Gebärhäusern in England, Irland und
Schottland war die Sterblichkeit durchschnittlich nur ein Percent.
Wie kann die Lehre des epidemischen Kindbettfiebers, in welcher
es heisst, dass die atmosphärischen Einflüsse, welche das Kindbett-
hVber hervorbringen, sich über ganze Länderstrecken verbreiten, ja
über den ganzen Continent, so zwar, dass, über den ganzen Continent
verbreitet, in Folge atmosphärischer Einflüsse gleichzeitig das Kind-
bettfieber herrsche, wie kann diese Lehre mit den angeführten Daten
über das Vorkommen des Kindbetttiebers in Einklang gebracht werden?
Was hat die atmosphärischen Einflüsse, welche schon Ende des
verflossenen Jahrhunderts in Paris unter den Wöchnerinnen der
Maternite wütheten, bis zum Jahre 1823 verhindert, sich bis nach
Wien zu erstrecken, welches Hinderniss wurde mit dem Jahre 1823
von den atmosphärischen Einflüssen überwunden, da selbes sich von
da ab noch fürchterlicher in Wien zeigte als in Paris? Wie kommt
es, dass die atmosphärischen Einflüsse, welche endlich sich bis Wien
erstrecken konnten, dass diese atmosphärischen Einflüsse England,
Schottland und Irland schon so abgeschwächt erreichten, dass es ihnen
nicht möglich war, dort ihre volle Energie wie zu Paris und Wien
zu entwickeln?
Welches Bewandtnis« hat es mit dem gemeinschaftlichen Vorzimmer
der beiden Wiener Kliniken, welches die zweite Abtheilung vor Ein-
flüssen, die sich über Länderstrecken ausbreiten, mit solchem Erfolge
i-e schützte?
Worin liegt der Grund, dass das Zimmer zu Strassburg, welches
die Betten der Schülerinnen enthielt, dasselbe leistete?
Wie kann man Individuen vor Einflüssen, die sich über ganze
Länderstrecken ausbreiten, durch Schliessen der Gebärhäuser schützen ?
Sobald man weiss, dass das Kindbettfieber durch Einbringung
15*
228
üielweis' Abhandlungen und Werk über du« Kindbettfieber.
eines zersetzten Stoffes von aussen entstehe, ist die Erklärung leicht
gegeben. In der Maternite. zu Paris wurden schon Ende des vorigen
Jahrhunderts vermöge des Unterrichtss\ -steins den Individuen zersetzte
Stoffe eingeführt, in Wien begann es mit • n 1823, von da
ab wurden gleichzeitig in Wien und Paris den Individuen zersetzte
Stoffe eingebracht, in England, Schottland und Irland geschah dies
aus Gründen, welche wir oben sehr weitläufig auseinandergesetzt
haben, nie in dieser Ausdehnung und daher der bessere Gesundheits-
zustand, Die für eine Abtheilung schützende Kraft des Wiener Vor-
zimmers und des Strassburger Zimmers mit den Betten der Schülerinnen
bestand darin, dass au einer Seite dieser Zimmer den Individuen
häufig, an der andern aber seltener ein zersetzter Stoff von aussen
eingebracht wurdi^. Durch das Schlicssen der Gebärhäuser werden
die Individuen dadurch gl rettet, dass ihnen, wenn selbe ausserhalb
des Gebärhauses entbinden, seltener zersetzte Stoffe eingebracht
werden, als es der Fall gewesen wäre, falls sie im Gebärhause ge-
boren hätten.
Nicht atmosphärische Einflüsse sind es, welche, über ganze
Länderstrecken verbreitet, das Kiudbettfieber hervorbringen, sondern
über ganze Länderstrecken verbreitet werden den Individuen von
aussen zersetzte Stoffe eingebracht, und deshalb kommt über ganze
Landerstrecken verbreitet das Kiudbettfieber vor.
Zur Ehre der Geburtshelfer will ich glauben, dass noch nie einer
diese weltbekannten Daten mit der Lehre vom epidemischen Kind-
bl it lieber in Einklang zu bringen versuchte, denn ich kuin nicht
glauben, dass Jemand, dem es mit der Wahrheit ernst ist, länger an
die Lehre des epidemischen Kindbettftebers glauben kann, als bis zu
dem Augenblicke, in welchem ihm die Disharmonie der Lehre mit den
Daten, klar wird. Derjenige, der trotz dieser Daten noch an das
epidemische Kiudbettfieber zu glauben vorgibt, der hat nicht den
Muth, die Wahrheit zu gestehen, weil er fühlt, das mit der Aner-
kennung dieser Wahrheit das Bekenntnis* einer grossen Schuld ab-
gelegt wird. Nachdem nun einmal der Thatbestand nicht geändert,
werden kann, so wird durch Verlftugnung der Wahrheit die Schuld
noch vergrössert Derjenige, welcher trotz dieser Daten noch an das
epidemische Kindbettiieber wirklich glaubt, der hat keine Ueber-
zeugung, der hat keine Begriffe, der trägt nur eingelernte Worte in
seinem Gedächtnisse herum,
Die Lehre des epidemischen Kindbettfiebers erklärt das Unbe-
kannte wieder mit etwas l.'n bekanntem. Es starben Viele, man
wusste nicht warum, man erklärte es wieder mit inibekannten atmo-
sphärischen Einflüssen, man konnte keine bestimmten atmosphärischen
Einflüsse angeben, weil das Kiudbettfieber zu jeder Jahreszeit und
in jedem Klima vorkommt und nicht vorkommt.
Das sind meine Gründe, ich wün im Interesse der Mensch-
heit, dass alle Betheiligten aus Senseiben die Ueberzengung schöpfen
mögen, welche ich daraus geschöpft
Die Gründe, welche von meinen Gegnern zur Begründung der
atmosphärischen Einflüsse angeführt wurden, und welche hiermit
ihre Wiederlegung noch nicht gefunden, werden, um Wiederholungen
zu vermeiden, ihre Würdigung finden bei Beurtheilung dieser Gegner.
Endemische Ursachen des Kindbcttftebers.
Die Üeberfüllung der Gebärhäuser ist nur bedingungsweise ein
endemisches Moment des Kindbetttiebers, indem in einem überfüllten
Qebarhause es schwieriger ist, den nöthigen Grad von Reinlichkeit
zu erhalten; indem in einem überfüllten Gebärhause es schwieriger
ist, diejenigen Individuen, welche für andere gefährlich sind, voll-
kommen zu isoliren; dadurch kann die Üeberfüllung Veranlassung
geben zur Erzeugung eines zersetzten Stoffe«, dadurch kann die.
Üeberfüllung Veranlassung werden zur Uebertragnng des zersetzten
Stoffes auf andere Individuen. Aber wenn trotz der Üeberfüllung der
nöthige Grad der Reinlichkeit beobachtet wird, so dass sich kein zer-
setzter .Stoff erzeugen kann, wenn trotz der l'eberfüllung die gefähr-
lichen Individuen von den übrigen hinreichend isolirt werden, oder
wenn gerade zur Zeit der Üeberfüllung keine gefährlichen Individuen
sich im überfüllten Gebärhause befinden, und dadurch die Ueber-
t mgung zersetzter Stoffe auf gesunde Individuen verhütet wird;
unter solchen Voraussetzungen ist es für die im Gebärhause Ver-
pflegten vollkommen gleichgiltig, ob das Gebärhaus überfüllt ist
oder nicht.
Wir haben schon früher mittelst zehn Tabellen (4— 13) bewiesen,
iler günstigere oder ungünstigere Gesundheitszustand der an der
ersten Gebärklinik zu Wien verpflegten Wöchnerinnen nicht im
geraden Verhältnisse zur Üeberfüllung der Klinik stand; wenn wir
mm zu dem Zeiträume, welchen wir bei diesen zehn Tabellen be-
nutzten, noch die 21 Monate, während welcher die Chlorwaschungen
unter meiner Leitung daselbst gemacht wurden, hinzufügen, so zeigt
es sich noch entschiedener, dass der günstigere oder ungünstigere Ge-
sundheitszustand der Wöchnerinnen der ersten Gebärklinik nicht vom
Grade der Üeberfüllung abhing, indem bei überfüllten] Gebärhause
der Gesundheitszustand der Wöchnerinnen ein günstiger und ein un-
günstiger war, und indem bei nicht überfülltem Gebärhause der Ge-
sundheitszustand der Wöchnerinnen ebenfalls ein günstiger und ein
ungünstiger war.
Uli unerfülltem Gebärhause kann mit reinen Händen untersucht
werden, und der Gesundheitszustand der Wöchnerinneu wird trotz der
i •i>erfüllnng ein günstiger sein. Bei überftilltem Gebärhause kann
mit verunreinigten Händen untersucht werden, und was unreine Hände
verschuldet, glaubt man der Üeberfüllung zuschreiben zu müssen.
Bei nicht überfiilltem Gebärhanse kann mit reinen Händen unter-
230 Semmelweia' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
Bucht werden, und der Gesundheitszustand wird ein günstiger sein,
und der Nichtüberfullung schreibt man ein Verdienst zu. welches ihr
nicht gebührt; und bei nichtüberfüUtem Gebärhause kann mit un-
reinen Händen untersucht werden, und der Gesundheitszustand wird
bei nichtüberfülltem Gebärhause ein schlechter sein.
In der nun folgenden Tabelle werden wir die Monate vom 1. Jänner
1841 angefangen bis exclusive 1. März 1849, also 97 Monate, be-
nutzen, da der December des Jahres 1841 fehlt.
Im Jahre 1848 starb im Monate März von 276 und im Monate
August von 261 Wöchnerinnen keine.
Die fünf ungünstigsten Monate innerhalb dieser 97 waren solche,
in welchen weniger Wöchnerinnen verpflegt wurden, als in den zwei
günstigsten innerhalb dieser 97 Monate.
Tabelle Hr. IUFI.
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Innerhalb dieser 97 Monate war ein Monat die Anzahl der Wöch-
nerinnen dieselbe und 62 Monate eine geringere. Die Sterblichkeit
verhielt sich bei geringerer Ueberfullung wie Tabelle Nr. XXX VII zeigt.
Tabelle Nr. XIXVI1
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1848
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Wie wir aber nicht blos den Grad der Ueberfiillung, sondern
gleichzeitig die Jahreszeit berücksichtigen, so zeigt sich, dass auch
in derselben Jahreszeit, bei gleicher oder geringerer Ueberfüllung,
auffallend grössere Sterblichkeit vorgekommen sei, wie Tabelle
Nr. XXXYTTI zeigt.
Tabelle Mr. XXXY1II
März.
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Die grösste Ueberfiillung innerhalb dieser 97 Monate war im
Jänner 1849 mit 403 Wöchnerinnen, davon sind gestorben 9 Wöch-
nerinnen, also 2.aa Percent
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In 67 Monaten innerhalb
der 97,
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grosser bei einer geringeren Anzahl von Wöchnerinnen, also bei einer
geringeren Ueberfüllungr, als
bei der grossten Anzahl von Woch-
nerinnen, also bei der
grösst
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Tabelle Nr. XXXIX zeigt
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Februar
1841
189
18
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164
Die Äeiiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 233
Wöchnerin. Todte Mort-Prct. Gebrt. wenig. Tode mehr
December . . .
1842
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75
164
66
September . . .
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October . , .
1841
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December . . .
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September . . .
1842
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1842
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November . . .
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April ....
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1841
19Q
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213
7
Wenn wir aber die relative .Sterblichkeit berücksichtigen, so war,
niii Herzii/.iehnng der früheren Tabelle, die relative Sterblichkeit in
77 Monaten innerhalb 97 bei einer geringeren Anzahl von "Wöch-
nerinnen, also bei einer geringeren UeberfüÜung grösser, als bei der
grössten Anzahl Wöchnerinnen, also bei der grössten Ueberfüllung im
Monate Jänner 1849, wie Tabelle Nr. XL zeigt.
Tabelle Kr. XL.
Wöchnerinnen
Todte
Mortalit.-Prct.
Geburten weniger
Jänner . .
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November .
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October . .
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December .
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Jani . . .
1847
368
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Ott - -
1845
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October . .
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Juni . . .
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Juli . . .
1813
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1844
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9
**■
197
Juni . . .
1843
196
8
4.w
207
Wahrend ohne Chlorwaschungen innerhalb 76 Monaten die rela-
tive Sterblichkeit in 24 Monaten bei einer geringeren Ueberfiillung
grosser war, als bei der grössten Ueberfiillung im Monat Jänner 1846
(Tabelle Nr. IV und V, Seite 107 und 108) und in 51 Monaten bei einer
geringeren Ueberfiillung auch eine geringere Sterblichkeit herrschte,
wurde durch Einfuhrung der Chlorwaschungen die Ueberfiillung zu
einer noch unbedeutenderen Rolle herabgedrückt, indem innerhalb
97 Monaten in 77 davon die relative Sterblichkeit bei einer geringeren
Ueberfiillung grösser war, als bei der grössten Ueberfiillung im Jänner
1849, und nur in 19 Monaten bei einer geringeren Ueberfiillung auch
eine geringere relative Sterblichkeit zu beobachten war.
Die 19 Monate, in welchen eine geringere relative Sterblichkeit
bei einer geringeren Ueberfiillung zu beobachten war, sind folgende.
.siehe Tabelle Nr. XLI.
Tabelle Nr. XLI.
Jänner -
December
Mal . .
1849
1848
1848
Geburten Todte Mort.-Prct. Geburt, wenig. Todte wenig.
403
373
313
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1-1*
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30
90
234
Semmelweii' Abbändlangen und Werk über das Kindbettfieber.
Geburten
Todte Mort.-Prct. Geburt, weniß
, Todte wenig;.
Februar
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1847 312
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September
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Juli . .
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1847 264
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August .
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1841 255
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7
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Juli , .
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August .
1841 322
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6
September
1841 213
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190
5
August .
1843 193
3 1 „
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6
Juli . .
1843 191
1 O.r..
212
8
Wen
n wir
aber nicht blos den Grad der UeberfuUung,
sondern
zugleich
die Jahreszeit berücksichtigen, so ze
gt sich, dass
mit Aus-
nähme d<
ir beiden Monate März und April, . in
den übrigen zehn Mo-
naten des
i Jahres die grösste
absolute Sterblichkeit nicht gleichzeitig
mit der grössten UeberfuUung stattfand, wie Tabelle Nr.
XLII zeigt.
Tabelle Ir. ILI1
Jänner.
1849 Gebui
t. 403.
Todte 9. Prct.-Anth. 2.Mi Geburt.
wenig. —
Todte mebr -
1846 „
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„ 36
1847
311,
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1844
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Februar.
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1849 Gebui
t. 389,
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Anta. 3^, Geburt.
wenig. —
Todte mebr -
1842 „
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1846 „
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1845 „
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1846 Gebui
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1848 Gebt
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Todte 3, Prct
-Anth. 0.«
1842
310
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„ 3.„, Geburt
wenig. 3,
Todte i
1846
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1847
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1844
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n 5-»>, n
n 73,
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Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis de« Kindbettfiebers. 235
Juni.
1846 Geburt. 280, Todte 20, Prct.-Anth. 7.14
1846 „ 266, „ 27, 10.15, Geburt, wenig. 14, Todte mehr 7
Juli.
1848 Geburt. 269, Todte 1, Prct.-Anth. 0.„,
1846 „ 262, „ 33, r „ 13.10,
IUI - IS* ■ £ - - 1-
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1841 „ 190, „ 16, „ „ 8.„,
13.,0, Geburt, wenig. 17, Todte mehr 32
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15
August.
1844 Geburt. 269, Todte 17, Prct-Anth. 6.„
1846 „ 216, „ 39, . „ „ 18^,, Geburt, wenig. 63, Todte mehr 22
1842 . 216, „ 56, „ „ 26^,, „ „ 53, „ „ 38
September.
1848 Geburt. 312, Todte 3, Prct.-Anth. 0.9,
1846
1847
1846
1842
1843
1841
271,
262,
237,
223,
221,
213,
39,
at
4,
14.,,, Geburt, wenig. 41, Todte mehr 36
5.»», n „ 60, „ . 9
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2
1
October.
1848 Geburt 299, Todte 7, Prct.-Antheil
42,
1845
1847
1846
1843
1844
1842
1841
283,
278,
264,
250,
248,
242,
236,
11,
38,
44,
26,
2,4,
14.g4, Geburt, wenig.
3-»5, n n
14.»», n f,
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16, Todte mehr 36
21,
45,
49,
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63,
4
31
37
1
64
19
1848 Geburt. 310, Todte 9,
1846 „ 297, „ 32,
1846 „ 265, „ 29,
1843 „ 262, „ 18,
1847 n 246, „ 11,
1844 „ 246, „ 27,
1841 „ 236, . 63,
1842 „ 209, „ 48,
November.
Prct.-Antheil 2.90,
n 10-77,
n 10^«,
n r. J-14,
n n il'0*»
n » fj"55'
» n 22.96,
Geburt, wenig. 13, Todte mehr 23
46,
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64,
66,
75,
101,
20
9
2
18
44
39
December.
1848 Geburt. 273, Todte
1846 „ 298, „
1847 „ 273, „
1846 „ 267, „
1844 „ 266, „
1842 „ 239, „
1843 „ 236, „
5, Prct.-Antheil
16, „ „
£: : *
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5.„, Geburt, wenig. 75, Todte mehr 11
2-»,,
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117,
134,
137,
3
23
22
70
14
Wenn wir aber die Ueberfüllung und die Jahreszeit berück-
sichtigen, so zeigt sich, dass die grösste relative Sterblichkeit sich
nie ereignete zur Zeit der grössten Ueberfüllung; es zeigt sich, dass
236
Semmelweil' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
in sechs Monaten die kleinste relative Sterblichkeit sich gerade zur
Zeit der grössten Ueberflillnng zutrug, wie Tabelle XLIT zeigt
1849
1846
1847
1842
1845
1848
1843
1841
1844
Geburten 403,
; SS:
n 303,
„ 283,
» 272,
n 254,
n 244,
Tabelle Ir. XLIIL
Jänner.
Todte 9, PercentrAntheil 2.„,
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10,
64,
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37,
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. 131
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1849
1842
1846
1845
1843
1844
1841
Geburten 389,
. 311,
. 293,
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263,
. 257,
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Februar.
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n 13, „ „ 0.„,
» 42, „ „ lO-Mi
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Geburten weniger 78
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1846
1844
Geburten 311,
. 276,
März.
Todte 48, Percent-Antheil 15 «,
47,
17.os> Geburten weniger 35
1847
1846
1848
1842
1846
1845
1847
1843
1844
1845
1846
1848
1846
1847
1845
1842
1844
1843
1841
Geburten 312,
n 253,
Geburten 313,
310,
305,
296,
294,
246,
240,
Geburten 280,
, 266,
Geburten 269.
■ »
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» 245,
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April.
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Mai.
V
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Geburten
weniger
59
Todte
3,
Percent-Antheil
o.M,
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Geburten
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3
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n
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n
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17
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n
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n
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14,
n
Juni.
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Percent-Antheil
7.,4,
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n
Juli.
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Geburten
weniger
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Todte
1,
Percent-Antheil
o.„,
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Geburten
weniger
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20.,,,
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1844
1846
1842
Geburten 269.
216.
216!
August.
Todte 17. Percent-Antheil 6.„,
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- 5o, 25.4.,
Geburten weniger 53
53
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 237
September.
1848
Geburten 312,
Todte
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Percent-Antbeil
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Geburten
weniger
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1847
n
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71
71
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1844
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1-tti
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25,
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71
10-55,
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n
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Geburten 299,
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71
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1846
n
254,
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38,
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n
14.,,,
n
7)
45
1843
71
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71
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71
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71
3.JJ,
71
77
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71
77
63
November.
1848
Geburten 310,
Todte
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Percent-Antheil
2.»o,
1846
n
297,
71
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77
10.„,
Gebarten
weniger
13
1845
71
265,
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29,
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10.»*,
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45
1843
n
252,
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7-, 4,
75
71
58
1847
71
246,
71
11,
71
n
4-47,
71
71
64
1844
71
245,
n
27,
n
71
ll-oo,
7»
71
65
1842
ü
235,
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53,
71
71
22-55,
J1
77
76
1841
209,
77
48,
n
71
22.9e,
71
71
101
December.
1848
Geburten 373,
Todfe
i 5,
Percent-Antheil
1,4,
1846
n
298,
77
18,
71
77
Ö.37,
Gebarten
weniger
75
1847
n
273,
77
8,
71
71
2.93,
77
71
100
1845
i)
267,
77
28,
n
71
IO.4,,
7)
7)
106
1844
n
256,
77
27,
71
71
IO.55,
71
71
117
1842
239,
H
75,
71
77
31.SH,
77
71
134
1843
n
236,
77
19,
71
71
8.05,
77
71
137
Wenn wir die gleichnamigen Monate nach dem Grade der vor-
gekommenen Ueberfüllung an einander reihen, so zeigt sich, der
allmäligen Abnahme der Ueberfüllung entsprechend, keine allmälige
Abnahme in der Sterblichkeit, wie Tabelle Nr. XLIII zeigt.
Tabelle Hr. XLIII.
Jänner.
1849
Geburten 403,
Todte
> 9,
Percent-Antheil
2.3J,
1846
71
336,
77
45,
77
71
13.„,
1847
71
311,
7)
10,
71
71
3-ti,
1842
71
307,
71
64,
71
71
20.„,
1845
77
303,
71
23,
71
71
7-50,
1848
71
283,
71
10,
71
7j
3-5»,
1843
71
272,
71
52
71
71
19.„,
1841
71
254,
71
37,
71
71
14.40,
1844
71
244,
n
37,
77
77
16-ie.
Geburten weniger 67
92
96
„ 100
" JS
„ 131
n 149
„ 169
238
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
1849
1847
1842
1846
1848
1846
1843
1844
1841
Geburten 389.
n 312,
» 311,
. 293,
* 291,
" *3
* 263.
■ ffi«
n 239,
Febroar.
Todte 12, Percent-Antheil 3.M,
äs6;
1:
11;
at
l-M»
12.,,,
18-0«,
6-n,
15.«,,
11«,
» •RS ■
Geborten weniger 77
78
» »96
„ ,98
„ 126
„ 132
150
1846
1847
1845
1841
1844
1848
1843
1842
Geburten 311,
305,
292,
277,
276,
276,
266,
264,
Todte 48,
" 13'
„ 47,
» 3
" X-
» 27,
März.
Percent-Antheil 15.«,
II ,» "••0>
,» » *-45i
» »» *'»»1
)l ,1 «"*•'
» ,» 0^,0,
» »> 7»**°'
Geborten weniger
6
19
34
35
35
45
47
1847
1848
1843
1846
1841
1846
1842
1844
Geborten 312,
305,
286,
260,
255,
253,
242,
208,
Todte 67,
I, 11,
„ 4,
» S»
" 2»
,, 36,
April.
Percent-Antheil 18.t7,
,t ,, 0.6j,
>» «, 11-mi
l> II 4.,a,
), ,1 1-57|
», ,» 18.«7,
»» >, ir) '
• • II « '•10.
Geborten weniger
7
27
52
57
59
70
104
Hai.
1848 Geborten 313, Todte 3, Percent-Antheil 0.Mf
1842 „ 310, „ 10, „ „ 3.„,
1846 „ 306, „ 41, „ „ 13.^,
1845 ;, 2%, ;; is ,; ; c,
1847 „ 294, „ 36, „ „ 12.t4,
1841 ,, 265, „ 2, „ ., 0.„,
J843 „ 246, „ 15, „ „ 6.10,
1844 „ 240, „ 14, „ „ 5.M,
Gebarten weniger
3
8
17
19
58
67
73
Joni.
1846 Geborten 280, Todte 20, Percent-Antheil 7.M,
JSE » SS' " *$ • " S-
1847 „ 268, „ 6, „ „ 2.„.
}846 ., 266, „ 27, „ „ 10,ft)
1848 „ 264, „ 3, „ „ l.„,
1844 „ 224, „ 6, „ „ 2.,7,
1841 „ 200, „ 10, „ „ 5
1843 „ 19b, „ 8, „ „ 4.0«,
Geborten weniger
7
12
14
16
66
80
84
Joli.
1848 Geborten 269, Todte 1, Percent-Antheil 0„,
1846 „ 262, „ 33, „ „ 13.10,
1847 „ 250, „ 3, „ „ l.,0,
1846 „ 245, „ 16, „ „ 6.,,,
1842 „ 231, „ 48, „ „ 20.,,,
1844 „ 206, „ 9, „ „ 4.J7,
1843 „ 191, „ 1, „ „ 0.M|
1841 „ 190, „ 16, „ „ 8.4„
Geborten weniger
17
19
24
88
63
78
79
Die Aetielogie, der Begriff and die Prophylaxis des EJndbettnebers. 239
18+4
1847
1848
1845
1841
1846
1842
1843
August
Geburten 269, Todte 17, Percent-Antheil 6.,,,
264,
261.
251,
222,
216,
216.
193.
o5;
39,
1;
3«,
1«,
18<*,
25.«.,
1*.,
Geburten
weniger
5
rj
8
I,
18
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47
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53
•1
53
76
1848
1846
1847
1844
1845
1842
1843
1841
Geborten 312,
271,
262.
,. 245,
237.
223.
221,
213.
September.
Todte 3. Percent-Antheil 0.*.
39.
12.
3.
25,
41,
ö,
4.
5-n,
1-tt,
10.».
18.,».
l-»7f
Geborten weniger 41
., 50
., 67
75
' 2?
91
„ 99
October.
1848 Geburten 299, Todte 7. Percent-Antheil 2.M.
1845 ., 283. ., 42, ., ., 14^.
1847 .. 278; ;. 11. ,. ,. 3^
1846 ,. 254, M 38. ,. ,. 14«.
1843 250, 44 17.«..
1844 248. 8. 2„:
1842 „ 242. 71. ., .. 29.„.
1841 236. 26. 11..».
Geburten weniger 16
., 21
45
49
'., '.. 51
57
63
184S
1846
1845
1843
1847
1844
1841
1842
Geburten 310.
297.
265!
„ 252,
246.
245.
235.
209.
Todte 9.
n 32.
., 29.
„ 18.
., ",
.. 27.
.. 53,
48.
November.
Percent-Antheil
2^.
10.„,
10«.
7-i«.
4«,
11h».
22.„,
22«.
Geburten weniger 13
45
58
64
65
75
101
December.
1848 Geburten 373 Todte 5, Percent-Antheil 1«.
1846 , 298. 16, r „ 5.17,
1847 r 273. , 8, „ . 2«.
1845 267. „ 28. „ _ 10«.
1844 , 256, „ 27, „ 1 10«.
1842 . 239. 75, . „ 31«.
1843 236, 19, . . 8«.
Geburten weniger 75
100
- 106
„ 117
, 134
137
Wenn wir nach der absoluten Sterblichkeit die gleichnamigen
Monate aneinanderreihen, so zeigt sich, der allmäligen Abnahme der
absoluten Sterblichkeit entsprechend, keine entsprechende allmälige
Abnahme in dem Grade der Ueberfullnng. wie Tabelle Nr. XTJX zeigt
240
Semmelweis' Abhandlangen and Werk über das Kindbettfieber.
Tabelle Ir. XL1T.
Jänner.
1842 Todte64. Pct.-Anth. 20.84, Geburt. 307
1843 „ 62! „ „ 19.„, „ 272
1846 „ 45, B „ 13.,9, „ 336
1844 „ 37, „ „ 15.18, „ 244
1841 „ 37, „ „ 14.M, „ 254
1846 „ 23, „ r 7.M, „ 303
1847 „ 10, „ „ 3*,, „ 311
1848 „ 10, „ „ 3M, „ 283
1849 „ 9, „ „ 2.„, „ 403
Februar.
1846 Todte 53, Pct.-Anth. 18^,H, Geburt. 293
1843 „ 42, „ „ lö*«, „ 263
1842 „ 38, „ „ 12.,,, „ 311
1844 „ 29, „ „ ll.„, „ 257
1841 „ 18, „ „ 7.Ä9, „ 239
1846 „ 13, „ „ 5.17, „ 274
1849 „ 12, „ „ 3.0H, „ 389
1847 „ 6, „ „ 1.92, „ 312
1848 „ 2, „ „ 0.0,. „ 291
März.
1846 Todte 48, Pct.-Anth. 15.„, Geburt. 311
1844 „ 47, „ „ 17k,s, „ 276
1843 „ 33, „ „ 12.40, „ 266
1842 „ 27, „ „ 10.„, „ 264
1845 „ 13, r „ 4.w, „ 292
1841 „ 12, „ „ 4.„, „ 260
1847 „ 11, „ „ 3.w, „ 305
1848 „ 0, „ „ 0.00, „ 276
April.
1847 Todteö7, Pct.-Anth. 18.2„ Geburt. 312
1846 „ 48, „ r 18.97, „ 253
JüJ - 2?' » - 17-"' » **
1843 „ 34, „ „ U.W| „ 285
1842 „ 26, „ „ 10.74, „ 242
1845 „ 11, „ „ 4.23, „ 260
1841 „ 4, „ „ l.„, „ 255
1848 „ 2, „ „ 0.aSl „ 305
Hai.
1846 Todte 41, Pct.-Anth. 13.4*, Geburt. 305
1847 „ 36, „ r 12.24, „ 294
1843 „ 15, „ „ 6.10l „ 246
}8f* r, JJf n n Ö.,„ „ 240
1845 „ 13, „ „ 4.so, „ 296
1842 „ 10, „ „ 3.„, „ 310
1848 n 3, m r 0.M, „ 313
1841 „ 2, „ r 0.7H. „ 255
Juni.
1846 Todte 27, Pct.-Anth. 10., », Geburt. 266
1845 „ 20, „ „ 7.M. „ 280
1842 » 18, „ r 6^«, „ 272
1841 „ 10, „ „ 5.oo, n 200
1843 „ 8, „ „ 3.03, „ 296
1844 „ 6, „ „ 2,,T, „ 224
1847 „ 6, „ „ 2,,v „ 268
1848 „ 3, , - 0V9. „ 313
Juli.
1842 Todte 48, Pct.-Anth. 20.„, Geburt. 231
}£? ■ & ■ - lb« ■ **
18fl , }6, ■ . 8.M, . 190
1845 n 15, „ „ 6„. „ 245
1844 „ 9, „ „ 4.,7, „ 206
1847 „ 3, „ , l.„, „ 250
1843 „ 1, „ „ 0.M, „ 191
1848 „ 1, „ „ 0.„, „ 269
August.
1842 Todte 65, Pct.-Anth. 25.4«, Geburt 216
18*6 „ 39, „ „ 18.0«, n 216
1844 „ 17, „ „ 6.„, „ 269
1845 „ 9, „ „ 3.M, „ 261
1847 „ 5, „ n 1.89, „ 264
J843 „ 3, „ „ 1M, „ 193
1841 „ 3, „ „ l.Mf n 222
1848 „ 0, „ „ Ooo, n 261
September.
1842 Todte 41, Pct.-Anth. 18.„, Geburt. 223
1846 „ 39, „ „ 14.„, „ 271
1846 „ 25, „ „ 10.5,, B 237
1847 „ 12, n „ 6.„ „ 262
1843 „ 5, „ „ 2„, „ 221
1841 „ 4, „ „ l.„, „ 213
1844 „ 3, „ „ l.„, „ 245
1848 „ 3, „ „ 0.99, „ 312
October.
1842 Todte 71, Pct.-Anth. 29.,,, Geburt. 242
1843 „ 44, „ r 17^, „ 260
1845 „ 42, „ n 14.»4, „ 238
1846 n 38, „ „ 14.,,, „ 264
1841 „ 26, „ , ll^, „ 236
1847 „ 11, „ n 3.9ft, „ 278
1844 „ 8, „ „ 3.„, „ 248
1848 „ 7, „ „ 2.,4, „ 299
November.
1841 Todte 63, Pct.-Anth. 22«», Geburt. 236
1842 „ 48, „ „ 22^,, n 209
1846 „ 32, „ „ 10.„, n 297
1845 „ 29, „ „ 10.44, „ 266
1844 „ 27, „ „ ll.,*,, „ 246
1843 „ 18, „ „ 7.14, B 262
1847 „ 11,, „ 4.47, „ 246
1848 „ 9, „ „ 2.M, „ 310
December.
1842 Todte 75, Pct.-Anth. 31 .,9, Geburt. 239
1845 „ 28, „ „ 10.4„ „ 267
1844 „ 27, „ „ 10.,», n 266
1843 „ 19, „ „ 8,», „ 236
1846 „ 16, „ „ 5.37, „ 298
1847 „ 8, „ „ 2.9„ m 273
1848 „ 5, „ B l.,4, „ 273
Die Aetiologie, der Begriff and die Prophylaxis des Kindbettfiebere. 241
Wenn wir die einzelnen Monate derselben Jahreszeit nach der
vorgekommenen relativen Sterblichkeit aneinanderreihen, so zeigt sich,
der allmäligen Abnahme der relativen Sterblichkeit entsprechend,
keine entsprechende Abnahme im Grade der Ueberfiillung, wie Tabelle
Nr. XLV zeigt.
Tabelle Nr. XIX
Jänner.
1842 Pct.-Anth. 20.84, Todte64, Geburt. 307
1843
1844
1841
1846
1846
1848
1847
1849
19-u,
16.«,
14m,
13.»,
7-ftOr
3-M,
3-Sli
2-2S,
52,
37,
37,
45,
23,
10,
10,
9,
272
244
254
336
303
283
311
403
Februar.
1846 Pct.-Anth. 18 .*», Todte 53, Geburt. 293
1843
1842
1844
1841
1845
1849
1847
1848
15.po,
12.2,,
11.«,
7..,,,
3"'
1-M,
0«H,
42,
38,
29,
18,
13,
12,
6,
2,
263
311
257
239
274
389
312
291
Juni.
7-14,
, 20,
|l
280
6-80,
, 18,
fj
273
5-oo,
, io,
11
200
4-oh,
, 8,
11
196
2-67,
, 6,
224
2-3»,
, 6,
(J
268
1.1*
, 3,
II
264
1846 Pct.-Anth. 10., », Todte 27, Geburt 266
1845 „
1842 „
1841 „
1843 „
1844 „
1847 „
1848 „
Juli.
1842 Pct.- Anth. 20.79, Todte 48. Geburt. 231
1846 .,
1841 ;,
1845 „
1844 „
1847 ..
1843 „
1848 .,
13.,o,
. 33,
, 252
8.«,
, 16,
„ 190
6.12,
, 15.
, 245
4.37-
. 9,
„ 206
1-20,
. 3,
., 250
0-52,
, 1,
„ 191
0.37-
, 1,
., 269
März.
1844 Pct.-Anth. 17.0S, Todte 47, Geburt. 276
August.
1842 Pct.-Anth. 25.46, Todte 55, Geburt. 216
1846 „
|1
15. w,
17
48,
311
1846
u
ii
18-0,.
11
39,
. 216
1843 „
n
12.4«,
11
33,
II
266
1844
IT
ii
6-32,
17,
, 269
1842 „
II
10.33,
11
27,
11
264
1845
11
ii
3.w.
M
9,
, 251
1845 .,
ii
4.«,
13,
11
292
1847
ii
I.N.,
JI
5,
. 264
1841 ;,
•i
4-33,
11
12,
Ii
277
1843
„
1-M.
II
3,
, 193
1847 .,
ji
3-60,
1*
11,
ii
305
1841
11
ii
1-M,
11
3,
, 223
1848 ;,
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o,
11
276
1848
*1
»
000,
M
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261
April.
September.
1846 Pct.
-Anth. I8.97,
Todte 48, Geburt. 253
1842 Pct.
-Anth. 18.„,
Todte41,Geburt.223
1847 „
11
18.27,
n
57,
n
312
1846
11
||
14.,o,
1 1
39,
. 271
1844 „
n
17-30,
II
36,
ii
208
1845
11
11
l?.,»,
i*
25,
i 237
1843 ..
fi
ll-i.3,
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Wenn wir alle 97 Monate nach der Anzahl der vorgekommenen
Geburten, also nach dem Grade der Ueberfüllung, aneinanderreihen,
so zeigt sich, der allmäligen Abnahme der Ueberfüllung entsprechend,
keine allmälige Abnahme der Sterblichkeit, wie Tabelle Nr. XLVI zeigt.
Tabelle Hr. XLVI.
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158
158
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161
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164
164
166
167
167
168
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179
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182
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187
190
194
195
197
203
207
210
212
213
Wenn wir alle 97 Monate nach der absoluten Sterblichkeit
aneinanderreihen, so zeigt sich, der allmäliiren Abnahme der absoluten
Sterblichkeit entsprechend, keine allmalige Abnahme in der Anzahl
der Geburten, oder mit andern Worten, es zeigt sich keine entsprechende
allmalige Abnahme in dem Grade der Ueberfüllung, wie Tabelle
Nr. XLVII zeigt.
Tabelle Hr. XLVII.
December 1842 Todte 75, Percent-Antheil 31.3R,
October 1842 „ 71,
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Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
August 1842
November 1841
Februar 1846
Janner 1843
November 1842
Juli 1842
April 1846
Mftrz 1846
März 1844
Jänner 1846
October 1843
Februar 1843
October 1845
September 1842
Mai 1846
August 1846
September 1846
October 1846
Februar 1842
Jänner 1844
Jänner 1841
April 1844
Mai 1847
April 1843
Juli 1846
März 1843
November 1846
Februar 1844
November 1845
December 1845
December 1844
November 1844
März 1842
Juni 1846
October 1841
April 1842
September 1845
Jänner 1845
Juni .......... 1845
December 1843
Februar 1841
November 1843
Juni 1842
August 1844
Juli 1841
December 1846
Juli 1845
Mai 1843
Mai 1844
Februar 1845
März 1847
Mai 1845
März 1841
September 1847
Februar 1849
März 1847
October 1847
April 1845
November 1847
Juni 1841
Mai 1842
Jänner 1847
Jänner 1848
Juli 1*44
August 1845
November 1848
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October 1844 „ 8, .,
December 1847 „ 8, „
October 1848 „ 7, „
Juni 1844 „ 6,
Februar 1847 „ 6,
Juni 1847 „ 6,
September 1843 „ 5, „
August 1847 „ 6, „
December 1848 „ 6, „
September 1841 ., 4, „
April 1841 „ 4, „
August 1843 „ 3, „
August 1841 „ 3,
September 1844 „ 3, .,
Juli 1847 ., 3,
Mai 1848 „ 3,
Juni 1848 „ 3, ,.
September 1848 ,, 3,
Mai 1841 „ 2, .,
Februar 1848 „ 2, „
April 1848 „ 2,
Juli 1843 „ 1,
Juli 1848 „ 1, „
März 1848 „ — ,
August 1848 „ -,
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Geburten 403
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248
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2.«,
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2.«,
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o.Ml
,, 191
0.»i?
„ 269
„ 276
0.oo,
261
Wenn wir die 97 Monate nach der relativen Sterblichkeit
aneinanderreihen, so zeigt sich, der Abnahme der relativen Sterblich-
keit entsprechend, keine entsprechende Abnahme in der Anzahl der
Geburten oder keine entsprechende Abnahme im Grade der Ueber-
füllung, wie Tabelle Nr. XL VIII zeigt.
Tabelle Hr. XLTIII.
December 1842
October 1842
August 1842
November 1842
November 1841
Jänner 1842
Juli 1842
Jänner 1843
April 1846
September 1842
April 1847
Februar 1846
August 1846
October 1843
April '. 1844
März 1844
Februar 1843
März 1846
Jänner 1844
October 1846
October 1845
Jänner 1841
September 1846
Mai 1846
Jänner 1846
Juli 1846
März 1843
Percent-Antheil 31.S8,
Todte 75,
Geburten 239
„ 29.,Sl
„ 71,
242
„ 25.M,
,, So-
216
., 48,
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„ 22.5R,
„ 53,
235
„ 20 84,
„ 64,
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20.„,
„ 48,
231
„ 19.U,
„ 52,
272
„ 18..7,
„ 48,
253
„ 18.S8,
„ 41,
228
„ 18.*7,
„ 57,
312
„ 53,
293
„ 39,
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„ 17-.0,
,, 44,
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„ 36
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„ 17-os,
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., 42,
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„ 13-44,
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„ 45,
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„ 33,
252
1}
„ 12-40,
„ 33,
M
266
246
Semmelweis' Abhandlungen und Werk Über das Kindbettfieber.
Mai 1847
Februar 1842
April 1843
Februar 1844
November 1844
October 1841
November 1845
November 1846
April 1842
September 1845
December 1844
December 1845
März 1842
Juni 1846
Juli 1841
December 1843
Jänner 1845
Februar 1841
Juni 1845
November 1843
Juni 1842
August 1844
Juli 1845
Mai 1843
Mai 1844
December 1846
September 1847
Februar 1845
Juni 1841
Märe 1845
November 1847
Mai 1845
Juli 1844
April 1845
März 1841
Juni 1843
October 1847
März 1847
August 1845
Jänner 1848
Mai 1842
October 1844
Jänner 1847
Februar 1849
December 1847
November 1848
Juni 1844
Juni 1847
October 1848
September 1843
Jänner 1849
Februar 1847
August 1847
September 1841
April 1841
August 1843
August 1841
December 1848
September 1844
Juü 1847
Juni 1848
Mai 1848
September 1848
Mai 1841
Februar 1848
April 1848
Percent- Antheil 12.24,
Todte 36. Geburten 294
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März 1XJ« .. .. ". 0, 27H
tagost 1848 .. .. 000, M 0, 961
Wenn wir die Jahresrapporte der 26 Jahre des Bestehens der
ersten riebürklmik, uämlich vom Jahre 1833 bis inclusive 1858, in
Bezug- auf (ebei-füllung prüfen, so zeigt sich, dass in 13 Jahren die
absolute Sterblichkeit bei einer geringeren Ueberfüllung grösser wiyr,
als bei der grössten Ueberfüllung im Jahre 1852 mit 4471 Geburten,
Tabelle Nr. XLIX zeigt.
Tabelle Mr. XLIX.
Jahr
Geburten
Todte
Prct.-Amhl.
1471,
181,
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Geburt, wenig.
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1884
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7.,,,
1814,
24
Wenn wir aber die relative Sterblichkeit berücksichtigen, so war
dieselbe innerhalb 16 Jahren grösser bei einer geringeren Ueber-
füllung, als bei der grössten Ueberfüllung im Jahre 1852, wie Tabelle
Nr, XLIX und L zeigt.
Tabelle Nr. L.
1852 Geburten 4471, Todte 181, Percent-Antheil 4.04,
1847 „ 3490, „ 176, „ „ b«t, Geburten weniger Bfil
2781. „ 151 5,, „ „ (880
1835 „ 9678, „ 143, „ „ im
In neun Jahren war bei einer geringeren Ueberfüllung auch eine
geringere Sterblichkeit, aber das Jahr 1838 ausgenommen, fallen die
übrigen acht Jahre in die Zeit nach Einführung der Chlorwaschungen,
wie Tabelle Nr. LI zeigt.
Tabelle Hr. LI.
Jahr
Geburten
Todte
Pret.-AiiTlil.
4471.
181,
Geburt. w*:ntg.
Todte w
1853
4221.
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1857
4220.
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4203.
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1851
4194,
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277,
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1856
3985.
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3868,
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1838
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91,
o.ot,
1484,
90
248
Stmmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
Wenn wir die einzelnen Jahre je nach dem Grade der Vor-
gekommenen Ueberfüllung aneinanderreihen, so zeigt sich, der Abnahme
der Ueberfüllnng entaprediend, keine allmllige Abnahme der 8t
liebkeit, wie Tabelle Nr. LH zeig-t.
Tabelle Nr
LH.
1852
Gebarten
4471,
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Percent-Anthei
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Wenn wir die einzelnen Jahre nach der absoluten Sterblichkeit
aneinanderreihen, so zeigt sich, der Abnahme der absoluten Sterblich-
keit entsprechend, keine Abnahme im Grade der Ueberfüllung, wie
Tabelle Nr. LIII zeigt.
Tabelle Nr. LIII.
1842Todte518.l,ct
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55
1«.
0
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Wenn wir die einzelnen Jahre nach der relativen Sterblichkeit
aneinanderreihen, so zeigt sich keine der Abnahme der relativen
»Sterblichkeit entsprechende Abnahme der Ueberfüllung, wie Tabelle
Nr. LIV zeigt.
Die Aetiologie, der Begriff niid die Prophylaxis des Kittdbettfieben. 249
Tabelle Nr LIT.
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3556
An der zweiten Gebürklinik ereignete sich die grösste Ueber-
fiilhing während der 26 Jahre ihres Bestehens im Jahre 1858. I!s
winden in diesem Jahre verpflegt 4179 Wöchnerinnen, davon starben
80, also 1 ..,;! Percent, in 20 Jahren war die absolute Sterblichkeit
grösser bei einer geringeren Ueberfüllung, wie Tabelle Nr. LV zeigt.
Tabelle Hr. LT.
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Geburten
Todte
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4179,
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u,
Gehurt en weniger
Tadte mehr
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1846
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1848
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1836
1070.
131,
8509,
71
Wenn wir aber die relative Sterblichkeit berücksichtigen, so w.u
dieselbe in 23 Jahren bei einer Liviingeren Ueberfüllung grösser, ;ils
bei der grössten Ueberfüllung im Jahre 1858, wie Tabelle Xr. LY
und LVI zeigt.
Tabelle Hr.
LTI.
Gehnrten
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Todte 60,
Percem-Aiithi'il l.ia,
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Nur in zwei Jahren war bei einer geringeren Ueberfüllung auch
eine geringere Sterblichkeit, als bei der grössten Ueberfüllung im
Jahre 1858, und zwar:
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1858 Geburten 4179.
Todte 60,
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1847 „ 8306,
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Gebarten weniger 873
1848 „ 8819,
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960
Wenn wir die einzelnen Jahre je nach dem vorgekommenen
Grade der Ueberfülliing der
zweiten Gebärklinik aneinanderreihen, so
zeigt sich keine der
Abnahme der reberfüllnng entsprechende
Abnalnni'
der Sterblichkeit, wie Tabelle Nr. LVII zeigt
Tabelle Hr. L?II.
18B8 Geburten 41 TU.
Todte 60.
Percent-Anfhei
1-4»
1857 „ B796,
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2.,,. Geburten weniger '■
1846 „ 8764,
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1863 „ 3480,
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Wenn wir die
einzelnen Jahre der zweiten Gebärklinik nach d.-r
absoluten Sterblichkeit aneinanderreihen, so
zeigt sich keine
der Ab-
nähme der absoluten Sterblichkeit entsprechende Abnahme im Grade
der Ueberfüllung. wie Tabelle Nr. LVJIl zeigt.
Tabelle Hr- LVItt.
IHM Todte 210, 1'ct.-Ath. Bo,, Gehurt 8896
1869 Todte 87, Pot-AtJuBt», Gebart 3371
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1888 „
Bj pi ii 2.,b,
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Auch der allmälig abnehmenden relativ
en Sterblichkeit entspricht
keilte aUm&Kge Abnahme in
der l'eberlüllung, wie Tabelle
Nr. LIX
zeigt.
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 251
Tabelle Hr. UX
1834 Pct-Ath. 8.W, Todte 150, Geburt. 1744 i 1841 Pct.
-Ath. 3.w,
Todte 86, Geburt. 2442
1836 „
, 7-h«, ,
, 131,
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1846 „
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1847 .,
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„ 32, ,
. 3306
Die grösste Ueberfüllung des Wiener Grebärhauses, als Ganzes
genommen, ereignete sich innerhalb der 75 Jahre ihres Bestehens im
Jahre 1858. Verpflegt wurden in diesem Jahre 8382 Wöchnerinnen,
davon sind gestorben 146 = 1^4 Percent, also in 28 Jahren war die
absolute Sterblichkeit bei einer geringeren Ueberfüllung eine grössere,
wie Tabelle Nr. LX zeigt.
rabelle Hr. LX.
Jahr
Geburten
Todte
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1858
8382,
146,
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1854
7789,
610,
7.«,
1853
7701,
161,
2.0»,
1851
7589,
196,
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7027,
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6995,
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6756,
313,
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1855
6597,
372,
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1844
6244,
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1842
6024,
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1843
5914,
457,
7-7.,
1841
5454,
330,
6-05i
1840
5166,
328,
6-**,
1839
4992,
248,
4.96,
1838
4560,
179,
3-0«,
1837
4363,
375.
8-5»!
1834
4218,
355.
8-41,
1836
4144,
331,
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1835
4040,
227,
5-5. ,
1833
3907,
205,
5-i5.
1831
3353,
222,
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1819
3089,
154,
4 <».,
1823
2872,
214,
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1825
2594,
229,
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1826
2359,
192,
8-1*,
Geburt, wenig.
Todte mehr
367,
61
551,
227
593,
464
681,
15
793,
50
1153,
44
1343,
64
1355,
421
1387,
135
1626,
167
1785,
226
2138,
190
2358,
584
2468,
311
2928,
184
3216,
186.
3390,
102
3822,
33
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229
4164,
209
4238.
185
4342,
81
4475,
59
5029,
76
5293,
8
5510,
68
5788,
83
6023,
46
Wenn wir aber die relative Sterblichkeit berücksichtigen, so war
dieselbe in 43 Jahren bei einer geringeren Ueberfüllung grösser als
bei der grössten Ueberfüllung im Jahre 1858, wie Tabelle Nr. LX
und LXI zeigt.
252
SemtnelweiB" Abhandlungen nnd Werk Ober das Kindbettfieber.
Tabelle Hr.
LXI.
1858
Geburten 8382,
Todte 146,
Percent-Antheil 1.74,
1850
n
7006,
II
128,
ii
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Geburten
weniger
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II
II
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Wenn wir die 75 Jahre des Bestehens des Wiener Gebärhauses
ungetrennt in zwei Abtheilungen nach dem Grade der Ueberfüllung
aneinanderreihen, so zeigt sich keine Uebereinstimmung zwischen
Ueberfüllung und Sterblichkeit, wie Tabelle Nr. LXII zeigt.
Tabelle Ir.
LXII.
1858
Geburten 8382,
Todte 146,
Percent-Antheil 1.54,
1857
71
8015,
n
207,
71
71
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Geburten
wenigei
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n
7789,
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Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 253
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Wenn wir die 75 Jahre des Wiener Gebärhauses nach der ab-
soluten Sterblichkeit aneinanderreihen, so zeigt sich kein Zusammen-
hang zwischen Ueberfüllung und absoluter Sterblichkeit, wie Tabelle
Nr. LXHI zeigt.
Tabelle Hr. Ulli.
1842 Todte 730, Pct.
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Wenn wir (He einzeitteu Jahre na<-h der relativen Sterblichkeit
aneinanderreihen, so zeigt sich keine Uebereinstiminung
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Ueberfüllung und relativer Sterblichkeit, wie Tabelle Nr. LXIV
zeigt.
Tabelle Hr. LXIV.
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EHj tattolegi&i .Im Umgriff und Hfl Prophylaxis des Kimlbelttiehers. 255
Als wir die bisher giltige Aetiologie des Kindbettfiebers in inrei
Anwendung zur Erklärung des Plus der Sterblichkeit an der ersten
lirliiiiklinik im Vergleiche zur zweiten einer Prüfung unterzogen,
haben wir das PnerperaL-Miaama nicht erwähnt, weil an der ersten
ßebärklhrfk nie das Paerperal-Miaama zur Erklärung der Sterblich-
keit zu Hilfe genommen wurde. Hier, wo ich mir die üifgabe gestellt,
die bisher giltige Aetiologie ohne Rücksicht auf die erste Gebärklinik
einer Benrtheilung zu unterwerfen, ist es nöthig, meine Ansicht über
das Puerperal -Miasma auszusprechen.
Wenn in einem Zimmer mehren- oder viele gesunde Wöchnerinnen
mir ihren Säuglingen sich befinden, so wird die atmosphärische Luft
des Wochenzimmers mit den Exhnlatiouen der vermehrten Maut-
thätigkeit. der Milchsecretion, des Lochialliusses etc. etc. vermengt,
und wenn diese Exlmhitionen nicht durch Ventilation rechtzeitig aus
dem W tu -henzimmer entfernt werden, gehen selbe einen Zersetzungs-
arocess ein; die nun so eine Zersetzung eingegangenen Eskalationen
bringen, wenn seihe mit der atmosphärischen Luft des Wochenzimmers
in die Genitalien der Wöchnerinnen eindringen, das Kindbettrieber
hei •vor.
Wenn in einem Zimmer eine oder mehrere kranke Wöchnerinnen
unter gesunden Wöchnerinnen sich befinden, und wenn die Krank-
heiten, ob Puerperalfieber oder eine andere Krankheit, sergi
Stoffe exhaliren, so werden diese exhalirten zersetzten Stoffe, wenn
selbe mit der atmosphärischen Luft des Wochenzimmers in die Geni-
Lauen der gesunden Wöchnerinnen eindringen, bei denselben Aas
Kindhetttiebei erzeugen.
Wenn man das unter Puerperal- Miasma versteht, so bin ich
damit einverstanden. Alles darüber hinaus unter Puerperal M ia-nt;»
Verstandene existirt nicht.
Um die Zersetzung der oben angefahrten physiologischen Eskala-
tionen ZU verhüten, genügt die Ventilation durch He Auen der Fenster.
Um die. Erkrankung der gesunden Wöchnerinnen durch die
Eskalationen zersetzter Stoffe kranker Wöchnerinnen zu verhüten.
müssen die kranken von den gesunden Wöchnerinnen gesondert werden.
Wir haben zahlreiche Tabellen eunstruirt zum Beweise, dass der
Lndheitsznatand der Wöchnerinnen unabhängig sei vom Grade der
Leberfüllung eines Gebarhauses; diese Tabellen sind ebenso viele
Beweise gegen die Ansicht über die Entstehung des Puerperal-Miasmas.
welche glaubt, dass die Entstehung des Puerperal-Miasmas in einem
ni.tliw Midigen ursächlichen Zusammenhange mit der Anzahl der v<»i-
handenen Wöchnerinnen stehe.
Abs Beweis, dass es kein Puerperal-Muisina gebe, welches sich
notwendigerweise beim Vorhandensein einer gewissen Anzahl von
Wöchnerinnen entwickeln müsse, diene noch der Umstand, dass es
mir gelungen ist, die Sterblichkeit an der ersten Gebaiklinik auffalle ml
zu beschränken, ohne dass Vorkehrungen getroffen norden wann.
geeignet das Puerperal-Miasma der Wochensdmmer zn zerstören.
i»i< Prophylaxis des Kindbettfiebers waren <hl<>i Waschungen der
Hände, welche im Kreissezimmer geübt wurden.
Da das Puerperalfieber kein Contagium, und ein Miasma nur im
oben angedeuteten Sinne erzeugt, und da das Puerperalfieber durch
die äussere unverletzte Oberfläche nicht aufgenommen werden kann,
so folgt daraus, dass das Puerperalfieber nicht geeignet istT die
n in iuel weis* Abhandlungen »ml Werk über da* KindtK-utieber.
Idealitäten eines Gebärhau.ses so zu inhciieu. dass den gesund auf-
genommenen Individuen schon durch die Locaiitäten das Kinderl-
ieber eingeimpft werden würde.
Es dürfte wenige Räume gehen, in welehen mein Wöchnerinnen
•restorhen sind, als im Krankenzimmer der ersten Gebärklinik, und
doch wurde dieses Zimmer,, nachdem in Folge der Chlorwaschongen
,i it zu Zeit das Krankenzimmer überflüssig- wurde, als Wochen-
Zimmer benützt, ohne dass der Stubenboden wäre aufgerissen worden,
ohne dass die Wände wären abgekratzt worden, um die Betten
wurden gewechselt, und doch blieben die in diesem Zimmer v"er-
pflegten tresund.
Ein« Lucalilät könnte nur dann das Kindhetttieher hervorbringen,
wenn selbe in dem Grade mit zersetzten Stoffen verunreinigt w
die Kxhalationen der zcisetztpn Stoffe mit der atmosphärischen
Luft vermengt in die Genitalien der Individuen dringen würden; ein
in dt iu rinde verunreinigtes Gebärhauslocal dürfte aber nicht vor-
kommen. Zu solchen Localitäten gehören die Sectionssäle.
Die Furcht ist kein ätiologisches Moment des Kindbett.fiebers.
weil die Furcht den Individuen weder von aussen einen zersetzten
Stoff einbringt, noch in Folge der Furcht ein zersetzter Stoff in den
Individuen entsteht \\ ir haben schon früher erwähnt, dass die Furcht
den Beginn der Sterblichkeit an der ersten Gebärklinik nicht erklärt,
weil ja die Furcht die Folge der schon herrschenden Sterblichkeit
nur: ebenso wenig warm wir in der Lage den Individuen vor ihrer
Aufnahme die Furcht eu benehmen, zur Zeit, als der Gesundheits-
zustand der ersten Gebärklinik sich besserte. Sie kamen mit der-
selben Furcht, und doch kam das Kindbettfieber nicht so zahlreich
?or. Wenn die Furcht ein ätiologisches Moment des Kindhettiiebers
wäre, so müsste ja das Kindbettfieber ausserhalb der Öeb&rhaoser
ebenso zahlreich vorkommen, wie innerhalb der Gebarhäuser; denn
von Furcht sind ja nicht blus diejenigen, welche im (lebarhaflfla
gebären, BOndern auch diejenigen, welche ausserhalb des Gebärliauses
entbinden, geplagt.
Jeder beschäftigte Geburtshelfer macht täglich die Erfahrung,
dass nicht blos Erst-, sondern auch Oftgeschwängerte die ganze
Schwangerschafl hindurch von dem Gedanken gequält werden,
gie diesmal die Geburt nicht überstehen werden, dass sie diesmal die
Gebort mit ihrem Lehen bezahlen werden. In beinahe allen Lehr-
büchern der Geburtshilfe ist zu lesen, dase die Todi-sfurrln vurzüirlich
regen Ende der Schwaogerechaft den Schwangeren das Leben v< i -
bittert, und doch haben viele Gelegenheit sich zehn-, zwölfmal vor
dem Tode zu fürchten, weil die zehn-, zwölfmalige Todesfurcht bei
ihnen kein tödtliühe« iMierjieraltieber hervorgebracht bat
Dadurch, dass die im Gehärhause. Gebärenden lauter ledige, der
trostlosesten Bevölkerung entnommene Mädchen seien, weide
der Schwangerschaft durch schwere Arbeit ihr Brot verdienen, dein
Elende und der Noth preisgegeben, unter dem Einflüsse deprimirender
Gemüthsatfecte. überhaupt ein liederliches, unmoralisch' s Leben führen,
wird den Individuen weder ein zersetzter Stoff von Aussen eingebr
noch entsteh! in Folge dessen ein zersetzter Stoff innerhalb dieser
Individuen; diese QmstAnde sind demnach keine ätiologischen Momenie
■ {>■■■ !\iiidbetttiebers.
Abgesehen davon, dass fliese Schilderung gewiss nicht auf Alle.
Die Uttebffte, iler Begriff «ml üe fapkjfllil des Kindbettfiebera, 257
»,v<?li he iu Gebärhäusern entbinden, seine Anwendung findet, müsste
ja, wenn die.se Umstände das Kindbettfieber hervorbringen würden,
die Sterblichkeit ausseihalb des Gebärhauses ebenso gross sein, als
innerhalb der Gebärhäuser, da ja nicht Alle, welche ausserhalb des
Gebärhauses entbinden, züchtige glückliche Frauen sind, welche im
Wohlleben ihre Tage hinbringen.
Das verletzte Schamgefühl der Individuen, welche im Gebärhause
in Gegenwart der Männer entbinden, ist kein ätiologisches Moment
des Kindbett fiebers. weil durch das verletzte Schamgefühl weder von
Aussen den Individuen ein zersetzter Stoff eingebracht wird, noch
entsteht in Folge des verletzten Schamgefühls ein zersetzter Stoff in
den Individuen.
Wahrlich, es zeugt von der Gedankenlosigkeit, mit welcher die
Aetiologie des Kindbettfiebers behandelt wurde, wenn man den Indi-
viduen, welche früher als so verworfen geschildert wurden, nun wieder
eine Zartheit des Schamgefühls zugesprochen findet, wie es in den
hohen und höchsten Kreisen nicht vorkömmt, die Geburten gehen in
den hohen und höchsten Kreisen in Gegenwart von Aerzten vor sich,
und doch sterben die Entbundenen dieser Kreise nicht in dieser
Anzahl an Kindbettfieber in Folge des verletzten Schamgefühls, wie
die so verworfen geschilderte Bevölkerung der Gebärhäuser. Die
überwiegend grösste Mehrzahl der Geburten geht unter dem Beistande,
den eine Hebamme vermöge des gegenwärtigen Unterrichtssystems
leisten kann, glücklich für Mutter und Kind vorüber, nur in seltenen
Fällen ist eine Hilfe nöthig, welche nur der Geburtshelfer leisten kann.
Ks ist in vielen Ländern Sitte, den Geburtshelfer nur zu diesen
seltenen Fällen zu rufen. Da aber die Hilfe, welche nur der Geburts-
helfer leisten kann, in der Regel innerhalb kurzer Zeit geleistet
werden nmss. soll der Erlolg ein glücklicher sein, so geschieht es
häufig, dass der Geburtshelfer, wenn er erst dann gerufen wird, wenn
die Gefahr schon vorhanden ist, zu spät kömmt und desshalb nicht
mehr das leisten kann, was er geleistet hätte, wäre er rechtzeitig bei
der Gebärenden anwesend gewesen.
Auf diese Erfahrung stützt sich das Bestreben der Geburtshelfer,
hilfsbedürftige Publicum dahin aufzuklären, zu jeder Geburt den
Geburtshelfer rufen zu lassen, damit er, falls eine Gefahr eintrete,
rechtzeitig die Hilfe leisten könne.
Wenn aber das verletzte Schamgefühl ein ätiologisches Moment
des Kindbettfiebers wäre, so Messe das nichts anders, als, um Einzelne
vor Gefahren zu schützen. Alle den Gefahren des Kindbett fiebers aus-
zusetzen.
Die männliche Geburtshilfe müsste verboten werden, wenn das ver-
letzte Schamgefühl ein ätiologisches Moment des Kindbettfiebers wäre.
Die Coneeption, die Schwangerschaft, die Hyperinose, die Hydro-
ämie, die Plethora, die Individualität, Diätfehler, Erkältung sind
keine ätiologischen Momente des Kindbettfiebers, weil durch alle diese
Umstände weder den Individuen von Aussen ein zersetzter Stoff
eingebracht wird, noch entsteht in Folge dieser Umstände ein zer-
setzter Stoff in den Individuen
17
Semmelweis' gesammelte Werke.
258
SemmeliveiY Abhandlungen und Werk über «las Kindbett fieber.
Wenn diese Umstände ätiologische Momente des Kindbettfiebi m
wären, so könnte die. geographische Verbreitung des Kindbettfiebers
nicht auf das mittlere Europa beschränkt sein, und die Geschichte
des Kindbettfiebers könnte nicht das Kiiulhetth'eber als eine Krank-
heit der neueren Zeit documentiren.
Aetiologisehe Momente des Kindbettfiebers sind alle jene Momente,
welche den Individuen entweder einen zersetzten thierisch-organischen
Stoff von Aussen einbringen, oder welche in den Individuen einen
solchen .Stoff entstehen machen.
Die Momente, welche den Individuen von Aussen einen zersetzten
Stoff beibringen, und das Kindbettfieber daher durch Infection von
Aussen erzeugen, sind folgende:
Dass die Vorstände der Gebärhäuser und deren Hil&firsfte zur
eigenen und zur Belehrung ihrer Schüler sich mit Dingen beschäftigen.
welche ihre Hände mit zersetzten Stoffen verunreinigen; wenn der
Vorstand einer chirurgischen Abtheilung zugleich einer geburts-
hilflichen Abtheil ung vorsteht: wenn eine gyi.inecologj.sche und
geburtshilfliche. Abtheilung unter einem Vorstande vereinigt sinii ;
dass die Schiller der praktischen Geburtshilfe den pathologischen
und gerichtlichen Sectionen, so wie den Sectionen der im Gebär-
hause Verstorbenen beiwohnen; dass sie chirurgische und medi-
cinische Abtheilungen besuchen; dass sie Operationscurse an der
Leiche aus der Chirurgie. Oculistik nehmen; dass sie mikroskopische
<urse mitmachen, in welchen verschiedene zersetzte Stoffe untersucht
werden; dass sie den ("ursen über pathologische Anatomie beiwohnen;
dass ihnen der fungiiende Assistent Unterricht ertheilt in geburts-
hilflichen Operationen am Cadaver; dass Assistenten und .Schüler
Sectionen machen: dass Vorstände der Gebärhäuser und deren Hilfs-
ärzte Kranke behandeln, deren Krankheiten zersetzte Stoffe erzeugen;
das kranke Kreissende mit den gesunden in einem gemeinschaftlichen
Kreisszimmer entbinden: dass kranke Wöchnerinnen mit gesunden in
einem gemeinschaftlichen Wochenzimmer verpflegt werden; dass von
denselben Individuen, z. B. den Instituts-Madamen bei kranken
Wöchnerinnen Einspritzungen gemacht werden, von welchen auch eine
grosse Anzahl gesunder untersucht wird; dass viele Gegenstände, als
da sind: Schwämme, Instrumente, Leibschüsseln etc. bei Gesunden
und Kranken verwendet werden; dass die Wäsche und Bettgeräthe
nicht immer den nöthigen Grad der Reinlichkeit darbieten; dass die
Luft in Räumlichkeiten des Gebärhauses mit zersetzten Stoffen ge-
schwängert sein kann, entweder dadurch, dass die Exhalationen de]1
Wöchnerinnen nicht durch Ventilation abgeführt werden, oder dass
den Räumlichkeiten des Gebärhauses zersetzte Stoffe zugeführt
werden aus dem Krankenhause, aus der naheliegenden Todtenkammer.
aas den Abzugscanälen; ausserhalb des Gebärhauses wird durch
dieselben Momente das Kindbettfieber hervorgebracht, indem auch
ausserhalb der Gebärhäuser die Medicinal-Individueu männlichen und
weiblichen Geschlechtes sich mit zersetzten Stoffen ihre Hände ver-
unreinigen; auch ausserhalb der Gebärhäuser wird nicht immer die
nöthige Reinlichkeit derjenigen Gegenstände beobachtet, welche dem
Gebrauche der Individuell dienen etc. etc. Das sind die ätiologischen
Momente, denen wir noch viele hinzufügen könnten, wenn es nicht
überflüssig wäre, da ja aus dem Gesagten es sich von selbst ergibt,
dass hieher Alles gehöre, was den Individuen einen zersetzten Stoff
Die Aettologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kiudbetüiebers. 2Ö9
von Aussen einbringt, welche die Verheerungen unter den Wöchne-
rinnen hervorrufen, welche Verheerungen fälschlich atmosphärischen
Einflüssen zugeschrieben wurden.
Was die ätiologischen Momente des Kindbettfiebers anbelangt,
welche in den Individuen einen zersetzten Stoff entstehen machen,
und daher das Kindbettfieber durch Selbstinfection erzeugen, so sind
es folgende:
Zersetzung des normalen Lochialflusses in Folge längerer, durch
welche Ursache immer bedingte Zurückhaltung, Zurückbleiben der
Placenta, oder Placenta und Eihantreste, Zurückbleibung von Blut-
gerinnungen in der Gebärmutterhöhle nach Blutungen, Quetschungen
der Genitalien in Folge verzögerter Austreibungsperiode, oder in
Folge von Operationen necrosirende Mittelfleischrisse.
Ob es ausser diesen Ursachen der Selbstinfection noch mehrere
andere gebe, das muss erst eine länger fortgesetzte Beobachtung
lehren, bis jetzt waren meine Beobachtungen in dieser Hinsicht dadurch
getrübt, daas die drei Abt heillingen, an welchen ich meine Beob-
achtungen gemacht, solche waren, an welchen es nicht möglich war,
alle Infectionsfälle von Aussen zu verhüten. Die Zahl der Ursachen
der Selbstinfectionen dürfte jedenfalls gering sein, da in Wien im
Jahre 1797 von 2012 und im Jahre 1798 von 2046 Wöchnerinnen nur
jährlich je 5 Wöchnerinnen, also 1 von 400 starben.
17*
Prophylaxis dos Kiiidbottftobers.
Da die alleinige Ursache des Kindbettfiebers, nämlich ein zer-
setzter thieriseh-organischer Stoff, den Individuen entweder von Aussen
eingebracht wird, oder da dieser Stoff auch in den Individuen ent-
stehen kann, so besteht die Aufgabe der Prophylaxis des Kindbett-
fiebers darin, die Einbringung zersetzter Stoffe von Aussen zu verhüten,
die Entstehung zersetzter Stoffe in den Individuen hintanzuhalten,
und endlich die wirklich entstandenen zersetzten Stoffe so schnell wie
möglich aus dem Organismus zu entfernen, um wo möglich deren
Resorption, und dadurch den Ausbruch des Kindbettfiebers zu verhüten.
Der Träger» mittelst welchem am häufigsten ein zersetzter Stoff
den Individuen von Aussen eingebracht wird, ist der untersuchende
Finger.
Da es bei einer grossen Anzahl von Schülern sicherer ist, den
Finger nicht zu verunreinigen, als den verunreinigten wieder zu
reinigen, so wende ich mich an sämmtliche Regierungen mit der Bitte
um die Erlassung eines Gesetzes, welches jedem im Gebirh&use Be-
schäftigten für die Dauer seiner Beschäftigung verbietet, sich mit
Dingen zu beschäftigen, welche geeignet sind, seine Hände mit zer-
setzten Stoffen zu verunreinigen.
Die unabweisbare Notwendigkeit eines solchen Gesetzes machte
mir die Erfahrung klar, dass es mir trotz aller Energie nicht gelungen
ist. an der I. Gebärklinik zu Wien die Fälle von Kindbettfieber auf
die Fälle von Selbstinfection zu beschränken.
Wenn man bedenkt, dass der Semester iür praktische Geburts-
hilfe nicht für alle Schüler am selben Tage beginnt, wo dann alle
gleichzeitig mit ihren Pflichten bekannt gemacht werden können,
sondern dass in die praktische Geburtshilfe täglich Schüler ein- und
austreten, und da man nicht täglich dasselbe sagen kann, es leicht
vorkommen mag, dass mancher erst nach vielen Tagen gewann wild;
wenn man bedenkt, dass die 42 Schüler der I. Gebärkliuik den ^rössten
Theil des Tages in der Todtenkammer bei den pathologischen und
gerichtlichen Sectionen, auf den Abtheilungen des Krankenhauses, in
den verschiedensten Operation»- und andern Cursen verbringen, wo-
durch die Hand nicht nur mit zersetzten Stoffen verunreinigt, sondern
förmlich getränkt wird, und wenn es nicht unwahrscheinlich ist. dass
manche dieser so mit zersetzten Stoffen getränkte Hände nicht lauge
genug der Wirkung des Chlorkalkes ausgesetzt werden, um völlig
desinficirt zu werden; wenn man alle diese Umstände bedenkt, so
Die Aetiotogie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbetttiebers. 261
rauss es begreiflich sein, dass an der I Gebärklinik immer noch Fälle
von Infection von Aussen vorgekommen sind.
Diesem Uebelstande kann nur das oben angedeutete Gesetz ab-
heilen. Aber dieses Gesetz hätte noch andere heilsame Folgen.
Ich werde später Gelegenheit haben, sehr zahlreiche Professoren der
Geburtshilfe anzuführen, welche gegen meine Lehre geschrieben,
folglich auch ihren Schülern gegenüber gegen meine Lehre gesprochen
haben. Ein Thor, der nun glaubt, dass die so irrebelehrten Schüler
sich so gewissenhaft desinfieiren werden, als es nöthig ist. Und
wenn dann der Tod reiche Beute hält, so wird die Erfolglosigkeit
der Chlorwasehungen als Reweis des epidemischen Ursprunges des
Kindbettfiebers benutz!
Diesem verderblichen Gebahren. wodurch nicht nur in den Gebär-
hüusern so viele Menschenleben frühzeitig zerstört werden, sondern
wodurch noch Generationen irregeleiteter Aerzte ins praktische Leben
hinansgeschickt werden, deren Infectionsfälle dann wieder als Beweise
des epidemischen Kindbettfiebers auch ausserhalb der Gebärhäuser
benutzt werden» diesem verderblichen Gebahren kann nur durch ein
solches Gesetz ein Ende gemacht werden, anf welches wir früher
hingedeutet haben. Wenn in Folge dieses Gesetzes die Schüler in
den Gebärhäusern reine Hände haben werden, dann wird auch der
feurigste Vortrag für die epidemischen Einflüsse keine Epidemie
hervorzubringen im Stande sein ; während ohne dieses Gesetz bei mit
zersetzt rn Stoffen verunreinigten Händen, durch solche Vorträge die
Vorsicht des Schülers eingeschläfert, und dadurch das Kindbettfieber
vervielfältigt wird. Wir beschwören daher sämmtliche Regierungen
um die Erlassnng eines solchen Gesetzes,' damit nicht fernerhin das
gebärende Geschlecht mehr als deriniiit werde, damit nicht fernerhin
schon der noch ungebornen Frucht der Todeskeim eingeimpft werde,
und zwar gerade von denjenigen, welche zu deren Erhaltung be-
rufen sind.
Ein solches Gesetz ist der anderweitigen medizinischen Aus-
bildung nicht hinderlich, weil der praktischen Geburtshilfe nur eine
verhältnismässig kurze Zeit gewidmet wird. Ein solches Gesetz
Würde aber den praktisch-geburtshilflichen Unterricht wesentlich
fördern, da es dann nicht mehr so wie jetzt geschehen würde, dass
die belehrendsten Fälle sich ereignen, während die Schüler ander-
weitig beschäftigt sind.
Es ist überall Sitte, dem praktisch-geburtshilflichen Unterrichte
einen theoretischen vorauszuschicken. Mit diesem theoretischen Unter-
richte müssten die Operationsübungen an Leichen verbunden sein,
den Sectionen der im Gebärhause Verstorbenen müssten die Schüler
der theoretischen Vorlesungen beigezogen werden, damit die Schüler
schon vor ihrer Aufnahme in das Gebärhaus mit der pathologischen
Anatomie des Kindbett Aebers, mit den geburtshilflichen Operationen
an der Leiche vertraut werden, um solche Beschäftigungen während
ihres Aufenthaltes im Gebärhause entbehren zn können.
Innen ein solches Gesetz wird zwar die ergiebigste, aber es
werden nicht alle Quellen gestopft, aus welchen »1er die Hand ver-
unreinigende zersetzte Stoff genommen wird, weil ja im Gebärhause
>.t -II ist durch 8elbstinfection das Kindbettfieber entstehen kann, welches
unter der Form einer Endometritis septica verlaufend, den die Hand
verunreinigenden Stoff liefert, es werden ja auch Kreissende auf-
262
Semmehreiä' Abhandlungen und Werk über da» Kindbettfieber.
genommen, welche an. einen zersetzten Stoff erzeugenden Krankheiten
leiden.
Die Notwendigkeit, die Hand zu desinficiren, wird daher immer
bleiben, und um dieses Ziel vollkommen zu erreichen, ist es nöthig,
die Hand, bevor ein zersetzter Stoff berührt wird, gut zu bedien,
damit der zersetzt« Stoff nicht in die Poren der Hand eindringen
könne; nach einer solchen Beschäftigung muss die Hand mit .Seife
gewaschen, und dann der Einwirkung eines chemischen Agens aus-
gesetzt werden, welches geeignet ist, den nicht entfernten zersetzten
Stuft zu zerstören; wir bedienen uns des Chlorkalkes, und waschen
uns so lange, bis die Hand schlüpfrig wird.
Eine so behandelte Hand ist vollkommen desinficirt, Träger der
zersetzten Stoffe ist übrigens nicht blos der untersuchende Finger,
sondern alle Gegenstände, welche mit zersetzten Stoffen verunreinigt
sind, und mit den Genitalien der Individuen in Berührung kommen .
diese Gegenstände müssen daher vor ihrer Inberührungbringung mit
den Genitalien desinficirt, oder ausser Verwendung gesetzt werden ;
hieher gehören Instrumente, Bettwäsche, Schwämme, Leibschusseln
etc. etc.
Da der Träger der zersetzten Stoffe auch die atmosphärische
Luft sein kann, so sind die Gebärhäuser an Orten zu erbauen, wo
ihnen von Aussen durch die atmosphärische Luft keine zersetzten
Stoffe zugeführt werden können. Gebärhäuser sollen daher nicht
Bestandteile grosser Krankenhäuser sein, und damit die atmosphärische
Luft in den Räumen des Gebärhauses nicht zum Träger des zer-
setzten Stoffes werde, müssen die Exhalationen der Individuen vor
ihrer Zersetzung aus den Räumen des Gebärhauses durch Ventilation
entfernt werden. Nebstdem ist es ein Erfordernis* der Prophylaxis
des Kindbettfiebers, dass jedes Gebärhaus mehrere abgesonderte Räume
besitze, um in denselben diejenigen Individuen, welche zersetzte
Stoffe exhaliren, oder deren Krankheiten zersetzte Stoffe erzeugen,
vollkommen von den gesunden gesondert verpflegen zu können.
Unter der Voraussetzung der Absonderung kranker Individuen ist
das Zellensystem kein Erforderniss der Prophylaxis des Kindbettfiebers,
und es ist vollkommen gleichgiltig, wie viele gesunde Wöchnerinnen
in einem Zimmer verpflegt werden, wenn die Zahl der Wöchnerinnen
nur im richtigen Verhältnisse zur Grösse des Zimmers steht. Wir
haben an der I, Geburtsklinik 32 Wöchnerinnen gleichzeitig in einem
Zimmer verpflegt.
Eben so ist es kein Erforderniss der Prophylaxis des Kindbett-
fiebers, mehrere kleine statt eines grossen Gebärhauses zu errichten.
Es ist allerdings wahr, dass die absolute Sterblichkeit in einem
kleinen Gebärhause nicht so gross sein kann als in einem grossen
iiil»iiihause; z. B. Kiwisch berichtet, dass an der geburtshilflichen
Klinik zu Würzburg von 102 in einem Jahre verpflegten Wöchnerinnen
27 gestorben seien. Das ungünstigste Jahr für das Wiener Gebär-
haus war während der 75 Jahre seines Bestehens das Jahr 1842;
es starben nämlich, das Gebärhaus als Ganzes genommen, von 6024
Wöchnerinnen 780. oder wenn wir blos die I. Abtheüung berück-
sichtigen, so starben an der I. Abtheilung im Jahre 1842 von 3287
Worin ini ii ntn öl 8 Wöchnerinnen. Welch ein ungeheurer Unterschied
in der absoluten Sterblichkeit zwischen dem kleinen Würzburger und
dem grossen Wiener Gebärhause! und doch war die relative Mterb-
Die Aetiologie, der Begriff mit] ilie Prophylaxis §M KiiiillieM.tn-r.prs. 263
lichkeit im kleinen Würzburger Gebärbause bedeutend großer, als
im grüssten Gebärhause der Welt während seines ungünstigsten
Jahres, denn in Würzburg starben 2t>.4;. in Wien aber, das < irbür-
hnux als Ganzes genommen, 12.(1 ; die I. Abtheilung aber allein ge-
nommen 15.,s Percent-Antbeile Wöchnerinnen, und es ist die Erklärung,
warum in kleinen Oebärhänsern die relative Sterblichkeit grösser ist
als in grossen Gebärhäuserii, leicht gegeben. In kleinen Gehärhäusern
ist lins Lehrmaterial karg zugemessen, es wird daher ein jeder Fall
benützt, und wenn nun mit unreinen Händen untersucht wird, weiden
von wenigen verpflegten Individuen viele infieirt; in Wien ist uns
Lehrmaterial in solchem Ueberfluss vorhanden, dass hunderte und
hunderte von Individuen nicht zum Unterrichte verwendet, also nicht
inrii in werden, und diese nicht zum Unterrichte verwendeten Indivi-
duen verbessern die relative Sterblichkeit.
Was die Prophylaxis der Selbstinfectionsfälle anbelangt, so muss,
damit kein zersetzter Stoff in den Individuen entstehe, die Austreibung s
periode, wenn selbe so zögernd verläuft, iaaa Quetschungen der
Genitalien zu besorgen stehen, rechtzeitig mittelst der entsprechenden
Operation beendet werden ; die Operation selbst niuss so schonend wie
möglich gemacht werden, damit in Folge der Operation nicht das
entstehe, was man mit der Operation verhüten wollte; aus diesem
Grande sind z. ß. bei Zungenoperationen, die Rotationen und die
l'Tidelbewegungen verwerflich, wegen der Quetschungen, welche not-
wendigerweise durch diese Bewegungen den Genitalien zugefügt werden.
Die Placenta, Placenta- und Eihautreste mimen vor ihrem Ueber»
gange in Fäulniss aus dem Organismus entfernt werden, mehrere
Munden nach gestillten GebäimutterbJutnngen müssen Injectionen
gemacht werden, um die etwa zurückgebliebenen Blutcoagula zu ent-
fernen, denn zurückgehalten gehen selbe in Fäulniss über, und liefern
dadurch den Stört' für die Selbstinfection; man verhüte Mitteltieisch-
risse, weil dadurch nicht nur eine resorbirende Fläche, sondern zu-
gleich der zu resorbirende Stoff geschaffen wird. Ist aber wirklich
zersetzter .Stoff in den Individuen entstanden, so muss derselbe
doreh Reinlichkeit und Injectionen aus den Individuen entfernt werden,
um wo möglich dessen Resorption zu verhüten.
In wie weit dieselben Verhältnisse auch ausserhalb der Gebär-
er vorkommen, muss natürlich auch ausserhalb der Gebärhänser
dieselbe Prophylaxis beobachtet werden, und damit die Prophylaxis
defl Kindbetttiebers auch ausserhalb der Gebärhäuser beobachtet weide,
muss in den Kid, in die Amtsinstruction der Medicinat-Individuen
männlichen und weiblichen Geschlechtes bei Gelegenheit ihrer Diplo-
mirunsr auch das aufgenommen werden, dass sie schwüren, alles das
auf das gewissenhafteste zu befolgen, was die Prophylaxis des Kind-
bettfiebers vorschreibt.
Wer diese Prophylaxis beobachtet, wird die Freude erleben, nicht.
von Zeit, zu Zeit eine jede dritte oder eine jede vierte Wöchnerin
am Kindbettfieber zu verlieren, sondern vielleicht erst eine von vier-
hundert, gewiss aber nicht eine von hundert
Correspomlenzen und Stimmen in der Literatur
für und gegen meine Lehre.
Wenn wir mit gegenwärtiger Schritt keinen anderen Zweck ver-
folgen würden, als den, unsere Lehre unerschütterlich zu begründen,
und den traurigen Irrthum der Lehre vom epidemischen Kindbett-
fieher recht klar zu machen, wenn wir nur diesen Zweck verfolgen
würden, so kn unten wir füglich diese Schrift hier schliessen. denn
wir haben nichts mehr unserer Lehre hinzuzufügen, um selbe uner-
schütterlicher zu machen, so wie wir nichts mehr zu sagen haben,
um die Unhaltbarkeit der Lehre vom epidemischen Kindbettfieber
noch klarer zu machen.
Das allem kann aber der Zweck der gegenwärtigen Schrift Dickt
sein, denn meine Lehre ist nicht dazu da, fest begründet in Biblio-
theken unter Statu) zu vermodern, sondern seine Mission ist : im prak-
tischen Leben segensreich zu wirken. Meine Leine ist dazu da, DD
von den Lehrern der Medicin verbreitet zu werden, damit das Medi-
cmal-Personal bis hinab zum letzten Dorfcliirurgen, bis zur letzten
Dorfhebamme darnach handle, meine Lehre ist dazu da. um den
Schrecken aus den Gebärhäusern zu verbannen, und um dem Gatten
die Gattin, dem Kinde die Mutter zu erhalten.
Der Geburtstag meiner Lehre füllt in die zweite Hälfte Mai des
Jahres 1847. Wenn wir uns nun nach 12 Jahren die Frage stellen,
hat diese Lehre seine Mission erfüllt, so lautet, die Antwort sehr
betrübend. Ks ist zwar wahr, dass meine Lehre so weitläufig wie
dieses Mal noch nicht erörtert wurde, aber «las Wesen der Lehre ist
veröffentlicht worden, nämlich: es ist eine bekannte Thatsache. dass
Verletzungen bei Sectionen Pyaemie nach sich ziehen können, und
da der Leichenbefund bei an Pyaemie Verstorbenen identisch ist mit
dem Leichenbefunde von am Kindbettfieber Verstorbenen, so ist. das
Kmdbettfieber dieselbe Krankheit; wenn es dieselbe Krankheit ist,
so muss sie dieselbe Ursache haben, dieselbe Ursache ist unzweifel-
haft am häufigsten an den Händen der Aerzte vortindig; wenn nun
noch ihii'h die Entfernung dieser Ursache die Wirkung auch ver-
schwindet, so ist die Sache keinem Zweifel mehr unterworfen.
So weit war die Sache von Anbeginn veröft'ent licht, und man
BOllte im Vorhinein glauben, dass für Männer der Wissenschaft, deren
Lebenszweck Rettung von Menschenleben ist, solche Andeutungen ge-
nügen werden, um zu ernstem Nachdenken aufzuiordem, besonders
Wh es sich um eine Krankheit handelt, von welcher Alle einstimmig
Die Aeiiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 265
nor mit Entsetzen sprechen: man sollte glauben, dass bei dir Klar-
heit der «Sache selbe einstimmig für klar erklärt, und darnach ce-
ll and elt werde.
I>ie Erfahrung hat. uns anders gelehrt; die überaus gross te An-
zahl von raedicinischen Hörsälen wiederhallt noch immer von Vor-
tragen über epidemisches Kindbettfieber, und von Philippiken gegen
meine Lehre, dadurch werden fort und fort (Generationen neuer In-
ferioren ins praktische Leben gesendet, und es ist nicht abzusehen,
wann der letzte Dorfchirurg und die letzte Dorfhebamme das letzte
Mal inficiren weiden.
hie medicinische Literatur der letzten zwölf Jahre strotzt noch
immer von Berichten über beobachtete Puerperal-Epidemien, und in
Wien, an der Geburtsstätte meiner Lehre, sind im Jahre 1854 wieder
400 Wöchnerinnen dem Kindbettti« ?in -r erlegen; in den erschienenen
in (diebischen Werken wird entweder nieine Lehre ignorirt oder an-
gegriffen, die medicinische Facultät zu Würzburg hat eine im Jahre
1 erschienene Monographie über die Pathologie des Kindbettfiebers,
in welcher meine Lehre verworfen wird, mit einem Preise gekrönt,
und wir werden Gelegenheit haben, Vorstände von Gebärhäusem an-
zuführen, welche meine Lehre mit Erfolg beobachten, und dieselbe
dennoch bekämpfen, den Erfolg anderen Umständen zuschreibend.
Die Indignation über die Grösse dieses Scandals hat in meine wider-
strebende Hand die Feder gedrückt. Ich würde glauben ein Ver-
brechen zu begehen, wenn ich noch länger schweigend der Zeit und
der unbefangenen Prüfung die praktische Verbreitung meiner Lehre
überlassen würde.
Wenn wir uns um die Ursachen umsehen, welche es machen, dass
M [inner der Wissenschaft sich so hartnäckig der Wahrheit wider-
setzen, dass Männer, deren Lebenszweck ist, Menschenleben zu reiten.
so hartnäckig einer Lehre anhängen, welche ihre Pflegebefohlenen
zum Tode verurtheilt, und diejenige, welche selbe zu retten lehrt,
angreifen, so werden wir deren sehr viele finden; wir wollen alle jene
Ursachen, welche das von uns erbetene Gesetz in ihren Wirkungen
paralysirt nicht einmal erwähnen, weil deren Aufzählung ohne diese*
Gesetz gewiss keine Besserung erzielen, im Gegentheil nur Leiden-
Schäften erregen winde, mit diesem Gesetze werden die Folgen dieser
I i sachen schwinden, auch ohne selbe aufgezählt zu haben.
Zwei Ursachen sind aber, welche der praktischen Verbreitung
meiner Lehre hinderlich sind, die wir nennen wollen, weil wir in der
Lage sind, dagegen etwas zu tliun.
Die eine ist die für reine Wahrheitsliebe zeugende Gewohnheit
meiner Gegner, in ihren Angriffen sich immer nur wieder auf Gegnei
zu berufen, ja Cm*] Braun geht in der Verleugnung1 der Wahrheit so
weit, dass er in seinem Lehrbuche der Geburtshilfe, 8. Ü»2l sagt.: „In
Deutschland, Frankreich und England wurde diese Hypothese der
cadaYeivM ii Infection bis auf die neueste Zeit fast einstimmig ver-
werft
Nicht alle sind mit der Literatur in ihrem ganzen Umfange \ei
traut; wird ein weniger mit der Literatur Vertrauter durch solche
ieitsserungen aufgefordert, über die Sache nachzudenken, und dieselbe
zu befolgen? Gewiss nicht.
Wir wollt i! daher, obwohl uns das Sprichwort „proprin laue
sordet" wohl bekannt, ist, dennoch hier alles zusammenstellen, was zu
2ßß SeniraelweiB' Abhandlungen nnd Werk über das Kindbettfieber.
Gunsten meiner Lehre gesagt wurde, um die Folgen der Verschwiegen-
heit meiner Gegner zu paralysiren. Wir lassen uns den Vorwurf des
Eigenlobes gerne gefallen, überzeugt, dass wir dadurch viele zum
ernsten unparteiischen Nachdenken anregen und bekehren werden.
Die zweite Ursache, welche der praktischen Anwendung meiner Lehre
hinderlich ist, sind die vielen Einwendungen, die man dagegen er-
hoben hat, und ich gestehe, dass es mir begreiflich ist, dass Vielen
diese Einwendungen imponiren. und es geholt wirklich die Begeisterung
liir die Sache dazu, wie ich sie besitze, und das Vertrautsein mit der
Sache, wie ich es bin, um immer zu merken, wo der Irrthum steckt,
d< r sich als Wahrheit repräsentirt ; sowie wir alles das, was zu unseren
Gunsten gesagt wurde, hier zusammenstellen werden, mit noch grösserer
.■. issenhaftigkeit. werden wir alles anführen, was gegen uns gesagt
wurde, wir werden aber die Antwort nicht sehuldiir bleiben, obwohl
wir wissen, dass wir dadurch das ■Odium so zahlreicher Fachgeuossen
auf uns laden. Wir werden uns trösten mit dem Bewusstsein. dass
unsere Erwiederung nicht Zweck, sondern nur ein nicht zu umgehendes
Mittel ist, um Gott weiss wie viele Aerzte der Wahrheit zuzuführen,
welche zum Nachtheile der Menschheit durch die Sirenenklänge meiner
Gegner im Intliuin erhalten werden.
Wir wollen nun das Lob, welches wir geerntet, und den Tadel,
den wir davongetragen, so weit thunlich in chronologischer Ordnung
aufzählen.
Die erste Veröffentlichung unternahm die Redaktion der Zeit-
schrift der k. k. Gesellschaft der Aerzte zu Wien,1) Redacteur
Dr. Ferdinand Hebra, mit folgenden zwei Aufsätzen:
Höchst wichtige Erfahrungen über die Aetiologie der in Gebär-
anstalteu epidemischen Kiudbettfieber.
DieRedaction dieser Zeitschrift fühlt sich verpflichtet, die folgenden,
von Hrn. Dr. Semmelweis, Assistenten an der ersten geburtshilflichen
Klinik des hiesigen k. k. allgemeinen Krankenhauses gemachten Be-
obachtungen in Hinsicht der Aetiologie der, beinahe in allen Gebär-
anstalten herrschenden Puerperalfieber hiermit dem ärztlichen Publicum
mitzutheilen.
Herr Dr. Nemmelweis, der sich bereits über fünf Jahre im k. k.
Krankenhause befindet, sowohl am Secirtische als auch am Kranken-
bette in den verschiedenen Zweigen der Heilkunde sich gründlich
unterrichtete, und endlich während der letzten zwei Jahre seine
i < «teile Thätigkeit dem Fache der Geburtshilfe zuwendete, machte
es sich zur Aufgabe, nach der Ursache zu forschen, welche dem so
verheerenden, epidemisch verlaufenden Puerperalprocesse zu Grunde
liege. Auf diesem Gebiete wurde nun nichts ungeprüft gelassen, und
Alles, was nur irgend einen schädlichen Einfluss hätte ausüben können,
wurde sorgfältig entfernt.
Durch den täglichen Besuch der hiesigen pathologisch-anatomi-
schen Anstalt hatte nun Dr. Semmelweis den schädlichen Einfluss
kennen gelernt, welcher durch jauchige und faulige Flüssigkeiten auf
selbst unverletzte Körpertheile der mit Leichensectiunen sich be-
m ljjtftigenden Individuen ausgeübt wird. Diese Beobachtung erweckte
') Zeitschrift der fc. k. Gesellschaft der Aerzte EU Wies, 18*8L 4. Jahrgang,
II. Band. Seite 242. nnd 6. Jahrgang, I. Band, S. 64.
Die Aetiologie. der Begriff nnd die Prophylaxis des Kiu<lf>< ittfiabtfB. 267
in ihm den Gedanken, das» vielleicht in Gebäranstalten von den Ge-
burtshelfern selbst den Schwangeren und Kreissenden der furchtbare
Puerperalprocess eingeimpft werde, und dass er in den meisten Fällen
its anderes, als eine Leicheninfertil m sei.
Um diese Ansicht zu erproben, wurde auf dem Kreisszimmer der
ten geburtshilflichen Klinik die Anordnung getroffen, dass Jeder,
der eine Schwangere untersuchen wollte, zuvor seine Hände in einer
wasserigen Chlorkalk-Lösnng (Chloratis calcis unc. 1, Aquae firatanae
üb. duas) waschen inusste. Der Erfolg war ein überraschend gün-
stiger; denn während in den Monaten April und Mai, wo diese Mass-
regel noch nicht gehandhabt wurde, auf 100 Geburten noch über
18 Todte kamen, verhielt sich in den folgenden Monaten bis inclusive
26, November die Anzahl der Tod ten zu den Geburten wie 47 zu
if»47. d. h. es starben von 100 2, ,.
Durch diese Thatsache wäre vielleicht auch das Problem gelöst,
warum die Hebammen-Schulen ein so günstiges MoitalitiUs- Verhält-
nis im Vergleiche zu den Bildungsanstalten lin Geburtshelfer herrscht,
mit Ausnahme der Maternite in Paris, wo — wie bekannt — die
Seetionen von Hebammen vorgenommen werden.
Drei besondere Erfahrungen dürften vielleicht diese so eben aus-
gesprochene Ueberzeugung noch weiter bestätigen, ja sogar den Um-
fang derselben noch erweitern. Dr. Semmelweis glaubt nämlich nach-
weisen zu können, dass:
1. durch vernachlässigtes Waschen einiger mit Anatomie sich be-
schäftigender Schüler im Monate September mehrere Opfer ge-
fallen sind; dass
2. im Monate ( Jetober durch häutige Untersuchung einer, an ver-
jauchendem Medullarsarcom des Uterus leidenden Kreissenden,
wonach die "Wasch ungeu nicht beobachtet winden; sowie
endlich
3. durch ein am Unterschenkel einer Wöchnerin vorhandenes, ein
jauchiges Secret lieferndes Geschwür mehrere von dem mit
dieser gleichzeitig Entbundenen infleirt wurden.
Also auch die Uebertragung jauchiger Exsudate aus lebenden
Organismen kann die veranlassende Ursache zum Puerperal processe
abgeben.
Indem wir diese Erfahrungen der Oeffentlichkeit übergeben,
stellen wir an die Vorsteher aammtlicher Gebäranstalten, von denen
sein ui einige durch Herrn Dr. Semmel weis selbst mit diesen höchst
wichtigen Beobachtungen bekannt gemacht wurden, das Ansuchen,
das Ihrige zur Bestätigung oder Widerlegung derselben beizutragen!"
Der zweite Aufsatz lautet:
Fortsetzung der Erfahrungen über die Aetiologie der in Gebär-
anstalten epidemischen Puerperalfieber.
..Im Decemberhefte 1847 dieses Journals wurde von Seite der
Redaction desselben die höchst wichtige Erfahrung veröffentlicht, die
Ben Di Semmelweis, Assistent an der ersten geburtshilflichen Klinik,
in Hinsicht auf die Aetiologie des in Gebärhäusern vorkommend t n
epidemischen Puerperalfieber gemacht hat.
268 Senunelweis1 Abhandlungen und Werk über das Kimlbettfi^W.
Diese Erfahrung besteht 'nämlich (wie es den Lesern unserer
Zeitschrift noch erinnerlich sein wird) darin, dass Wöchnerinnen
hauptsächlich dann erkranken, wenn sie von Aerzten. die ihre Hände
durch Untersuchungen an Leichen verunreinigt, und selbe nur auf
gewöhnliche Weise gewaschen hattenr untersucht (touchirti wurden;
während entweder keine oder nur geringe Erkrankungsfälle statt-
fanden, wenn der Untersuchende seine Hände früher in einer wässe-
rigen Chlorkalk-Lösung gewaschen hatte.
Diese so höchst wichtige, der Jenner'schen Kuhpockenimpfung
windig an die Seite zu stellende Entdeckung, hat nicht nur seither
im hiesigen Gebärhanse ihre vollständige Bestätigung erhalten, '1
sondern es haben sirh auch ans dem fernen Auslände beifällige
Stimmen erhoben, welche die Richtigkeit der Semmelweis'schen Theorie
beglaubigen. Eingelangte Briefe, und zwar aus Kiel vim Michaelis,
und aus Amsterdam von Tilauus sind est welchen ich diese be-
stätigenden Mittheilungen entnehme.
Um jedoch dieser Entdeckung ihre volle Giltigkeit zu gewinnen,
werden hiermit alle Vorsteher geburtshilflicher Anstalten freundlich-!
ersucht. Versuche anzustellen, und die bestätigenden oder wider-
legenden Resultate an die Redaction dieser Zeitschrift einzusenden!1*
Dr. Carl Haller, damals Primararzt und provisorischer Directum*-
Adjunct, sagt in seinem „Aerztlichen Bericht über das k. k. allge-
meine Krankenhaus in Wien und die damit verbundenen Anstalten:
die k. k. Gebär-. Irren- und Findelanstalt im Solarjahr 1848 V) nach-
dem er die Rapporte der beiden Abtheilungen gegeben, Folgendes:
„Das Sterblichkeitsverhältniss auf den beiden grossen Gratisab-
theilungen der Gebäranstalt ist fast ein gleiches, und muss in jeder
Beziehung ein befriedigendes genannt werden.
Seit Jahren bestand jedoch eine bedenkliche Verschiedenheit.
Die unter Leitung des Professors Klein befindliche I. Gebärklinik,
welcher ausschliesslich alle männlichen Schüler zugewiesen sind, hatte
eine auffallend grosse Sterblichkeit gegen Professor Bartsch' Schule,
an der sämratliche Hebammen den Unterricht erhalten.
Die Gründe dieser höchst beunruhigenden Erscheinung konnten
nie mit Sicherheit ermittelt werden. Das grosse Verdienst ihrer Ent-
deckung gebührt dem emeritirten Assistenten der I. Gebärklinik,
Dr. Seinmelweis. Von der Vermuthung geleitet, dass die zahlreichen
Erkrankungen und Todesfälle unter den Wöchnerinnen der I. Gebär-
klitiik vielleicht zum grossen Theile in einer Einbringung von Leichen-
gift durch das Toiiehiren der gleichzeitig in der Nectionskammer be-
schäftigten Studierenden und Geburtsärzte bedingt sein könnte, und
1 Inilmi im Monate December 1847 auf 278 Geburten 8, iin Jänner 1848 auf
888 Geborten 10, im Monate Februar auf 291 Geburten BTodeeflÜte kamen, mul im
Monate März; kein«' \Vi>hnerin starb, sowie sich auch gegenwärtig keine einzige
T'HerjK'rnlikraiike im Gebärhause befindet. Wilhrend der zehn Monate, wo da«
Waschen mit Chlorkalk vor jeder Untersuchung- vorgenommen wird, Kind demnach
von 2*570 Entbuudeneu Mos 67 gestorben, eine Zahl, die früher öfters in einem
Monate überstiegen wurde
*) Zeitschrift der k. k. GeeollMbftft der Aerzte in Wien. 5. Jahrgang, 2. Band,
Seite ä3T».
Die Aetiologie, der Begriff and die Prophylaxis des Kindhetttieber*. 209
dieses durch die bisher übliche Reinigung mit Seifenwasser nicht mit
vollkommener Sicherheit hinangehalten wurde, liess er im Mai d. J.
1847 mit Zustimmung Professor Kleins jeden die Gebäranstalt be-
tretenden Arzt und Schüler vor jeder ersten Untersuchung einer Ge-
barenden oder Wöchnerin die Hände sorgfältig mit Chlorkalk-Lösung
reinigen, und diese Reinigung nach jeder Untersuchung einer nur im
geringsten Giade kranken Wöchnerin wiederholen. Die consequente
Durchführung dieser Massregel hatte schon in den ersten Monaten
überraschende Erfolge.
Die Zahl der Todesfalle verminderte sich bereits im Jahre 1^47
bei fast gleicher Anzahl der Geburten um 283, und sank von 11.., °/0
auf 5.0, °/rt; im Verlauf vom Jahre 1848 aber, wo diese Reinigung
durch alle Monate beharrlich und methodisch fortgesetzt wurde,
stellte sich das Sterblichkeit- Verh<niss dem auf der IL Gebärklinik
gleich, ja zufällig noch um 0., °/„ günstiger.
Seit der verminderten Erkrankung und Sterblichkeit der Mütter
ist auch für die Lebenserhaltung der Neugebornen entsprechender
gesorgt worden, und auch hier nahm die Sterblichkeit in merkbarem
ui ade ab ]).
Die überzeugenden Beweise für die Richtigkeit dieser Schluss-
folge kann der Leser aus einem vergleichenden Blicke der nach-
folgenden Tabelle schöpfen, in welcher die Geburts- und Todesfälle
der drei Abtheilungen des Gebärhanses in den letzten zehn Jahren
neben einander gestellt sind, und überdies bemerkt werden muss,
dass die Sterblichkeit nur eine approximativ richtige ist, indem bei
Überhauduehmenden Puerperal-Epidemien an der I. Gebärklinik aus
Sanitäts- und Humanitäts-Rücksichten eine nicht unbedeutende Anzahl
erkrankter Wöchnerinnen aus dem Gebärhause auf einzelne Ab-
theilungen des Krankenhauses transferirt wurden, und als dort ver-
storben aus der Rechnung entfielen.*4
Nun folgt die Tabelle, welche in dieser Schrift unter Nr. I,
Seite 100 sich befindet. Haller sagt ferner: „Und was dem unbefangenen
Prüfer dieser Zahlen unabweisbar sich aufdrängt, das haben directe
Versuche an Thieren (Einspritzungen von Eiter und Jauche in die
Scheide von eben entbundenen Kaninchen), welche von den Doctoren
Semmel weis und Lautner vor Kurzem angestellt wurden, und nach
vollem Abschlüsse veröffentlicht werden sollen, ausser allem Zweifel
gestellt.
Die Bedeutung dieser Erfahrung für die Gebäranstalten, für die.
Spitäler überhaupt, insbesondere die chirurgischen Kraukensäle, ist
eine so unermessliche. dass sie der ernstesten Beachtung aller Männer
der Wissenschaft würdig erscheint, und der gerechten Anerkennung
der hohen Staatsverwaltung gewiss sein dai
Obwohl die Redaction der Zeitschrift der Gesellschaft der Aerzte
am Schlüsse beider Artikel eine Aufforderung an die Vorstände der
Gebärhäuser richtete, das Ihrige zur Bestätigung oder Widerlegung
') Die Sterblichkeit der Neugebcrnen vermindert' rieb, weil selbe von ilinn
Müttern die BrateQtiniaclrang nicht mehr mitgetheüt erhielten.
270
Semnielweis' Abhacdlungen und Werk über das Kindbettfieber.
beizutragen, so hielt ich es doch nicht für überflüssig, die Vorstände
vieler Gebärhäuser auch brieflich zu verständigen, und habe daher
entweder selbst, oder dnrch Freunde vielen Vorständen von Gebär-
hausern geschrieben oder schreiben lassen. Mehrere dieser Briefe
sind nicht beantwortet worden, die erste Antwort kam, und zwar un-
glaublich schnei], wie man sagt, mit timgehender Post aus Edinburg
von Simpson. Dr. Arneth, mein Freund und ('ollere an der II Al>-
theilung, hat, der englischen Sprache mehr nuehtig als ich. Sinin <*>w
geschrieben, und ich bedaure, diesen Brief hier nicht mittheilen zu
können, weil er nach Arneth's mündlicher Versicherung, im Verlaufe
der vielen Jahre, die seither verflossen sind, verloren gegangen ist
Dieser Brief war mit Schmähungen angefüllt; Simpson sagte, dass er
auch ohne den Brief gewusst hat, in welch bek lagen swerthem Zu-
stande die Geburshilfe sich in Deutschland und namentlich in Wien
befinde; er wisse gewiss, dass die Ursache der grossen Sterblichkeit
nur in der grenzenlosen Verwahrlosung liege, der die Wöchnerinnen
ausgesetzt seien: so Verden /.. B. gesunde Wöchnerinnen in Betten
gelegt, wo eben eine andere gestorben, ohne dass auch nur das Bett-
zeug gewechselt würde.
Unser Brief beweist auch, dass uns die englische geburtshilfliche
Literatur ganz unbekannt sei, denn wenn wir die englische Literatur
kennen würden, würden wir wissen, dass die Engländer das Kindbett-
fieber längst für eine contagiöse Krankheit halten, und zu deren
Verhütung Chlorwaschungen anwenden.
Durch diesen Brief fühlten wir uns nicht veranlass!, die Cor-
respondenz mit Prof. Simpson fortzusetzen; unsere Leser verweisen
wir aber auf Seite 217 dieser Schrift wo wir weitläufig die wesent-
lichen Unterschiede zwischen der Ansicht englischer Aerzte und
meiner, auseinandersetzten.
Dass Simpson nur in Folge einer Uebereilung meine Ansicht über
die Entstehung des Kindbettnebers mit der Ansicht, englischer Aerzte
für identisch halten konnte, geht aus einer (.'orrespondenz hervor,
welche ich mit Med. Doctor F. H. C Kouth in London führte.
Dr. Routh besuchte als Schüler der I. Gebärklinik zu Wien
während meiner Assistenz, und das was er gesehen, überzeugte ihn
von der Richtigkeit meiner Lehre. Er reiste mit dem Vorsatze in
sein Vaterland zurück, meine Lehre dort zu verbreiten, und ich er-
hielt den ersten Brief dd. 23. Jänner 1849 London folgenden In-
haltes:
„Cumitiis in ultimis septimanis Novembris (1848) convocatis, illio
discursus, in quo tuam inventionem enunciavi reddens tibi, ut voluit
justitia, maximam gloriam, praelectus fuit. Enim vero possnni dicere.
tut um discursum optime exceptum fuisse, et multi inter socios doc-
tissimos attestaverunt argumentum convincens fuisse. Inter hos prae-
cipue Webster, Copeland et Murphy, viri et doctores clarissimi, optime
locuti sunt. In Lancetto Novembris 1848 possis omnia de hac con-
troversia contingentia legere.
l redisne novos casus, qui in bospitio ex tempore mei abitus ad-
missi sunt, opinionem tuam confirmant?
Febris ne puerperalis rarior est quam antea? Si morbus sie
periculosus in cubilibus obstetrieiis non adsit ut ante, certe eflectns
magni momenti denuo firmatus, In Praga quoque, ubi febris puer-
Die Aetiologie, der Begriff «n«l die Prophylaxis des Kindbeittiebere. 271
peralis tum frequenter obvenire solebat, eisdem causis conseeuta fuit
ingenerari !" ")
Dorset-Square, London, 21. Mai 1*49.
„Meas aunntationes de tna iuventione in libellulo imblieavi." ')
Dorset-Square, London, 3. December 1849.
.. Jam inventionis tuae iama ac veritas in existimatione publica
acntst jt, ei iniei mimes medieorum societates quam res est maxime
utüis, percipiunt et agnoscunt, nee vero etiam temere, narn magna est
veritas, et praevalebit
Murphy, Professor der Geburtshilfe früher zu Dublin, jetzt zu
London, hat in „The Dublin Quarterly Journal of Medical Science"
August 1857, einen längeren Artikel veröffentlicht, in welchem er
den oben erwähnten Vortrag Routh's bespricht, und sich den in
diesem Vortrage ausgesprochenen Ansichten iinschliesst.*)
Selbffl siiinisi.ii ' hat die Ansicht, dass das Kindbettfieber eine
coutagiose Krankheit sei, aulgegeben.
Er hält jetzt das Kindbettfieber identisch mit dem chirurgischen
Fieber und sagt: ..Beim Kindbettfieber und beim chirurgischen Fieber
ist das Fieber nicht die Ursache der begleitenden Entzündungen,
noch sind die Entzündungen die Ursache des begleitenden Fiebere.
sondern das Fieber sowohl als die Entzündungen sind die Folgen
einer gemeinschaftlichen Ursache, nämlich des ursprünglichen Blut-
verderbnisses. Was aber das Blut verderbe, dies genügend zu be-
antworten, bleibt der späteren Zeit einer mehr ausgebildeten patho-
logischen Anatomie, Histologie und Chemie vorbehalten."
Nun, diese Aufgabe ist schon gelöst, denn das was die Blutver-
ilribniss als gemeinschaftliche Ursache des begleitenden Fiebers und
der begleitenden Entzündungen beim Kindbettfieber und beim chirurgi-
schen Fieber hervorbringt, das ist ein resorbierter zersetzter thierisch-
organischer Stoff.
M In den Versammlungen englischer Aerzte, die in den U-uim Wudien No-
vembera (1848) stattgefunden haben, habe ich einen Vortrag gehalten, in welchem
ich deine Entdeckung verkündete, Dir, wie es die Gerechtigkeit verlangt, deu
grünsten Ruhm bereitend. Ich kann sagen, dass mein Vortrag gut aufgenommen
wurde, und dass viele der gelehrtesten Mitglieder bezeugten, dass die Gründe über-
zeugend seieu. Unter diesen vorzüglich Webater, Copeland und Murphy; diese
Männer und berühmten Aerzte haben das Beste gesprochen. Im Novemberhefte des
Laiu'f-tto ist alles über diese Verhandlung zn lesen.
Glaubst Du, dass die Fälle, welche nach meinem Abgange vorgekommen sind,
auch deine Meinung bestätigen? Ist das Kindbett lieber seltener als früher?
W'i'im diese gefährliche Krankheit in den geburtshilflichen Zimmern uiclit
mehr so ist wie früher, so ist dieser bedeutungsvolle Erfolg bestätigend. Auch in
Prag, wo das Kindbettheber so häufig vorkommt, ist es denselben erzeugenden Ur-
«a'-hen zuzuschreiben.
") Meine Aufzeichnungen über deine Entdeckung habe ich in einem Blichelchen
veröffentlicht: On the Cannes of the Endemie Puerperal Fever of Vieuna. By C. Jl
F. Kmith M. D. London, 1849, Separat- Abdruck aus den ., Med ico- Chic urgical Trans-
artions" Vol. XXXII.
■) Per Ruf und die Wahrheit deiner Entdeckung verbreitet sich immer mehr
in der allgemeinen Meinung, und alle Gesellschaften der Aerzte sehen es ein und
erkennen es an, wie nützlich dieselbe ist, und das geschieht nicht unbesonnen, denn
gross ist die Wahrheit, und sie wird überwiegend wurden.
*) Separat-Abdrnck : „What is Puerperal Fever?" A ijuestion proposed to tli'1
epidemiological Society. London. Bv Edward William Murphy A. M. M. D. Dublin. 1ÖÖ7.
6> Edinb. Monthlv Journal, November 1850.
272
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbett lieber.
Die zweite Antwort kam vom Professor Michaelis aus Kiel.
Dr. Schwarz, Michaelis Schüler, war Ende d. J. 1847 auf dem
praktisch-geburtshilflichen Curse an der I. Gebarklinik, und schrieb
an Michaelis die in Wien gemachten Beobachtungen, worauf als Ant-
wort folgender Brief einlief:
Herrn Dr. Heim Schwarz in Wien.
„Ihr Brief vom 21. December 1847 hat mein höchstes Interesse
erregt. Ich war wieder in der grössten Noth. Unsere Anstalt war
in Folge des Puerperalfiebers vom 1. Juli bis 1. November geschlossen.
Die drei zuerst wieder Aufgenommenen erkrankten, eine starb und
zwei wurden nur eben gerettet. Wir wollten also die Anstatt schon
wieder schliessen. Indessen besserte sich der Gesundheitszustand
wieder; zwei neu Erkrankte wurden leicht geheilt, nur eine starb
noch im Februar. Seitdem sind alle gesund. Ihre Mittheilungvn gaben
mir zuerst wieder einigen Muth; der Beweis der Wirksamkeit der
< hlorwaschungen, so weit er in Wien geführt ist. ist schon aus der
grossen Anzahl von Bedeutung. Ich führte sie sogleich in der Anstalt
ein, und Niemand, ( 'andidaten noch Hebammen, dürfen seitdem unter-
suchen, ohne dass sie sich mit Chlor gewaschen haben. Auch gebraucht
es schon eine Hebamme in der Stadt, die mehrere Frauen entband,
die später am Puerperalfieber litten.
Nach Kopenhagen habe ich Abschrift Ihres Briefes geschickt.
Aus eigener Erfahrung, die so gering ist. dem grossen Wiener Ex-
periment gegenüber sprechen zu wullen, würde anmassend sein.
Dennoch kann ich nicht unterlassen, Ihnen einiges mitzutheilen,
dt sst'ii Zusammenhang man in kleinerer Weise gerade leichter über-
sehen kann.
Seit vorigen Sommer, wo meine Cousine am Puerperalfieber starb,
die ich nach der Geburt untersuchte, zn einer Zeit, wo ich Puerperal -
kranke (nun folgt ein nicht zu lesendes langes Wortl secirt hatte,
war ich überzeugt von der Uebertragung. Es liel mir dann noch ein,
dass schon einige Monate früher eine Frau in der Stadt, zu der mich
Dr. Freund gerufen, ebenfalls am Puerperalfieber gestorben war. Ich
verweigerte daher meinen Beistand bei der Geburt vier Wochen lang.
Eine Gebärende, der ich helfen sollte, mnsste deshalb einen andern
Arzt rufen: es war ProlapSUS funiculi umbilicalis; er reponirte; der
Arzt secirte viel, anatomisirte täglich; die Entbuudene erkrankte am
Puerperalfieber, wurde gerettet, aber hat eine Exsudatmassa am Uterus,
Die Hebamme, welche hier Beistand leistete, hat wenigstens noch zwei
vielleicht drei Fälle von Puerperalfieber in der Stadt gehabt. So viel
von der Fortpflanzung des Fiebers.
Was die Sicherung durch Chlorwaschnngen anbelangt, so kann ich
sie als sehr kräftig empfehlen, da die Hände den ("ieruch tagelang,
ungeachtet wiederholten Waschens, bewahren, was bei Chlorwasser
nicht der Fall ist. Seit Einführung dieser Waschungen ist mir
bei keiner von mir oder meinen Eleven Entbundenen auch der
gelindeste Grad ftefl Haben wieder vorgekommen, jenen einen Fall
im Februar ausgenommen , bei dem indess, wie ich vermuthe, ein
schlecht gereinigter Catheter gebraucht wurde, und der isolirt blieb.
Nach dem schlimmen Antiingr aber im November erwartete ich die.
bösartigste Epidemie. Uebrigens beschränkt sich meine Erfahrung
auf etwa 30 Fälle, da wir nur wenig Schwangere aufnehmen. Ich
Die Aetiologie. der Begriff und die Prophylaxis des Kiudliettfiebers. 273
danke Ihnen für Ihn* Mittheilung deshalb vom ganzen Herzen; sie
hat vielleicht schon unsere Anstalt vom Untergänge gerettet; nnd ein
neues Hospital zu erwerben in diesen fetten, wäre vielleicht unmög-
lich gewesen. Ich bitte Sie, mich dem Dr. Semmel weis zu empfehlen,
and auch in diesem sinne zu danken, er hat vielleicht einen grossen
Fund gethan.
Sie wissen, dass das Puerperalfieber bei uns eigentlich eist seit
1834 eingezogen ist. Dies ist aber auch ungefähr die Zeit, seitdem
ich mich des Unterrichtes thätiger angenommen habe, und namentlich
das Touchiren der Candidaten regelmässiger eingeführt ist. Auch
diese Sache lässt sich also in Zusammenhang bringen."
Kiel, den 18. März 1848.
Im Kieler Gebärhause hat sich unsere Ansicht über die Ent-
stehung des Kindbettfiebers glänzend bewährt; man mache nicht die
Kleinheit der Anstalt geltend, denn wenn das Kieler Gebärhaus gross
genug war, um wegen Puerperal-Epidemie gesperrt werden zu müssen,
so ist es auch gross genug, um beim Ausbleiben der Epidemie als
Beweis gelten zu können.
Als später wieder ein Schüler Michaelis nach Wien kam, und
wir uns bei selbem um .Michaelis erkundigten, erfuhren wir zu unserem
Entsetzen, dass Michaelis zu den Todten zähle. Die Erfahrungen, die
er gemacht, bestätigten ihn immer mehr in der Ueberzeugung , dass
er den Tod seiner Cousine, von welcher er in seinem Briefe spricht,
verschuldet, deshalb in tiefe Melancholie versunken, liess er sich bei
Hamburg von einem dahinbrausenden Train zermalmen. Ich habe hier
deshalb das unglückliche Ende Michaelis erzählt, um seiner Gewissen-
haftigkeit hier ein Monument zu setzen. Wir werden leider Gelegen-
heit haben, dem Leser Geburtshelfer vorzuführen, denen man etwas
von der Gewissenhaftigkeit wünschen möchte, was Michaelis davon zu
viel hatte.
Friede seiner Asche!
Nachdem ich den Entschluss gefasst, nochmals vor die Oeffent-
lichkeit zu treten, hielt ich es für zweckmässig, mich brieflich bei
Michaelis Nachfolger, bei Prof. Litzmann anzufragen, was er an der
Anstalt beobachtet, an welcher Michaelis bestätigende Erfahrungen
gemacht. Als Antwort erhielt ich folgendes Schreiben:
Kiel, den 25. September 1858.
„Von einer Reise zurückgekehrt, finde ich Ihren Brief vor, und
beeile mich, denselben noch in der Kürze zu beantworten. Während
der zehn Jahre, dass ich Vorsteher der hiesigen Gebäranstalt bin,
habe ich nach Kräften jede Gelegenheit zu einer Infection der Wöchne-
rinnen durch Leichengift zu vermeiden gesucht, mich nebst meinem
Assistenten von jeder unmittelbaren Beteiligung bei Sectionen lern
gehalten, und die Studierenden die bekannten Yorsichtsmassregeln
beobachten lassen. Ich bin in der That bezüglich des Puerperalfiebers
glücklicher gewesen als mein Vorgänger und habe wenige Opfer zu
In klagen gehabt.
I >en Hauptgrund dieses günstigen Verhältnisses suche ich jedoch
in der Vorsicht, mit der ich jede Ueberfüllung der Anstalt mit Wöchne-
semmelwei«' gesammelte Werke. 18
274
Semmelweis' Abhandlungen nn<l Werk Über das Kindbettfieber.
i innen zu verhüten bemüht gewesen bin. Die Anstalt zählt acht oder
eigentlich nur sieben Einzelzimmer für Wöchnerinnen. Der Regel
nach hat jede Wöchnerin die. ersten 5 — 7 Tage ihr Zimmer für sichT
welches ihr auch als Geburtszimmer gedient hat, erst in der zweiten
Woche des Puerperismus werden zwei Wöchnerinnen in ein Zimmer
gelegt. Die Erfahrung hat gezeigt, dass, wenn die Zahl der Wöchne-
rinnen eine Zeit lang sich über zehn erhob, so dass schon in den
ersten Tagen des Wochenbettes zwei Wöchnerinnen zusammengelegt
werden mussten, und die benutzten Zimmer ohne ausreichende Lüftung
sofort wieder belegt wurden, sofort das Kindbettfieber sich zeigte.
Ich habe daher die Aufnahme so weit zu beschränken gesucht, dass
namentlich in den Wintermonaten die Zahl der Wöchnerinnen nicht
auf längere Zeit über zehn stieg, habe im Nothfalle die Gebärenden
in Privatlocalitäten, die ich in der Nähe der Anstalt gemiethet- h
verlegt, und dort ihr Wochenbett abhalten lassen, und bin zu Letztere!
Massregel immer dann geschritten, wenn Fälle von Kindbettfieber in
der Anstalt auftraten. Diese Vorsicht hatte Michaelis nicht beobachtet,
die Zahl der jährlich vorkommenden Geburten betrug unter seiner
Direction 160—190, während ich sie nie über 150 habe steigen lassen.
Freilich bin ich ungeachtet aller Vorsicht nicht von kleineren Epi-
oder Endemien verschont geblieben, und habe auch zweimal zu einer
zeitweisen Schliessung der Anstalt flüchten müssen. Die zur Zeit
solcher Endemien in Privatlocalitäten verlegten Gebärenden blieben
mit Ausnahme eines Falles, der durch Kindbettfieber tödtlich endete,
während des Wochenbettes sämmtlich gesund, oder erkrankten höchstens
in einem leichteren Grade. Bemerken will ich übrigens noch, Oase
bisweilen das Kindheit lieber sich zuerst in der Stadt oder Umgegend
zeigte, und erst darnach in der Anstalt auftrat, oder dass selbst diese
ganz verschont blieb."
Prof. Litzmann constatirt. in diesem Briefe die Beobachtung von
Massregeln gegen die lnfection. Er constatirt einen günstigen 6e-
sundheitszustand der Wöchnerinnen, glaubt aber das dem Umstände
zuschreiben zu müssen, dass er Vorsorge gegen die Ueberfiillung des
Gebärhauses getroffen. Wir theilen diese Ansicht nicht, indem wir
dafür halten, dass ohne die Massregeln gegen die lnfection die Ver-
hütung der Ueberfüllung erfolglos geblieben wäre. Als Michaelia,
nai hdem das Gebärhaus durch vier Monate geschlossen war, es wieder
eröffnete, erkrankten die drei Angekommenen, obwohl das Gebärhaus
gewiss gelüftet und mit drei Individuen gewiss nicht überfüllt war.
Litzmann legt dem Umstände grosses Gewicht bei, dass er mir
150 Wöchnerinnen in einein Jahre verpflegte, während Michaelia
deren 100—190 verpflegte; Kiwisch verpflegte in einem Jahre. 102
Wöchnerinnen und davon starben 26.47%, in Wien wurden 1822
3066 Wöchnerinnen verpflegt, davon starben 0^4ü/o, Litzmami will
nur eine Wöchnerin in einem Zimmer verpflegen, au der I. Gebar-
klinik wurden 32 Wöchnerinnen in einem Zimmer verpflegt, und
Während der Beaufsichtigung der Chlorwasehungen durch mich hatten
wir zwei Monate gar keine Todte, während die fünf ungünstigsten
Monate vor den rnlorwaschungen solche waren, wo die Anzahl der
verpflegten Wöchnerinnen eine geringe w ar, also das Gebärhaus ge-
ringer überfüllt war als in den zwei Monaten, wo wir gar keine
Todte hatten. Welche Bedeutung die Ueberfüllung hat. haben wir
durch zahlreiche Tabellen gezeigt.
Die Aetiulogie. der Betriff und die Prophylaxis des Kindbetttiebers. 27")
Wir erlauben daher mit Recht die Behauptung autstellen zu
können, dass der zehn, jährige günstige Gesundheitszustand der Wöchne-
rinnen des Kieler Gebärhauses den Massregeln gegen die Infection
zuzuschreiben sei.
Michaelis titeilte in seinem Briefe mit, dass er eine \l>s.
•It-s Briefes vun Dr. Schwarz n;n -h Kopenhagen gesendet; ich wendete
daher brieflich an Prof. Levy mit der Bitte, mir mitzutheilen,
was er innerhalb der zehn Jahre, die seitdem verflossen, für Be-
obachtungen gemacht habe; und erhielt folgende Antwort:
Kopenhagen, 31. Mai 1858.
„Ihren wvrthen Brief, worin Sie mich freundlichst dazu auffordern.
meine Erfahrungen über Dura Ansichten von der Entstehung und
Verhütung des Puerperalfiebers, als Antwort auf ein vor zehn Jahren
mir durch den verstorbenen Professor Michaelis in Kiel mitgetheiltes
Schreiben Unten zuzustellen, habe ieh die Ehre gehabt, richtig ZD
empfangen, und rechne ich auf gütige Nachsicht, wenn einige Wochen
vergangen sind, bevor die Beantwortung derselben hat stattfinden
können.
Bevor ich aber auf die mir vorgelegte Frage eingehe, sei es mir
erlaubt. Ihre Vorstellung von meiner bisherigen Schweigsamkeit in
dieser Beziehung zu berichtigen. Kur/ nachdem ich nämlich durch
Professor lilch&elis Ihr interessantes Schreiben vom 21. December 1847
erhalten hatte, veröffentlichte ich es in dänischer L'ebersetzung in
unseren damaligen ..Hospitals-Mittheilungeir, eine Zeitschrift, woran
ich selbst als Mitredacteur thätigen Antheil nahm, unter Hinzufügung
einiger kritischer Betrachtungen, auf welche, als auf meine Antwort,
ich den Prof. Michaelis gelegentlich hinwies. Sieher hatte er die
Absicht, Ihnen eine Uebersetzung meiner Bemerkungen mit zut heilen,
und ich gestehe» dass ich in dem Glauben bisher gelebt habe, dasa
TOT seinem Tode geschehen wäre. Da ich aber jetzt das (^egen-
theil erfahre, erlaube ich mir zur eigenen Rechtfertigung als Beilage
dieser Zeilen eine Uebersetzung meiner damaligen Bemerkungen zu-
zustellen, woraus meine Zweifel und ßedenklichkeiten. wie sie sich
mir gleich aufdrängten, und noch zum Theil fortbestehen, offen her-
vorgehen weiden.
Meine eigenen Erfahrungen haben den hiesigen Verhältnissen
nach nur beschränkter Art sein können. Die Schüler, die den halb-
jährigen clinischen C'ursus in unserer Anstalt durchzumachen ver-
pflichtet sind, sind nicht länger Studenten, aber schon examinirte
Aerzte, die im Laufe des ersten Jahres nach absei virtrm Amtsexamen
zur Olinik der Anstalt admittirt werden. Diese haben folglich mit
anatomischen Sech Übungen nichts mehr zu thun, und diejenigen unter
ihnen, die zur selben Zeit den Candidateudienst in den Mildem Hospi-
tälern besorgen, sind dazu angehalten, w&hrend des Aceouchements-
cttrsus an den Leichenöffnungen in den Spitälern keinen thätigen An-
theil zu nehmen. In der Gebäranstalt selbst werden, wie in meinen
Bemerkungen hervorgehoben wird, schon seit mehr als zehn Jahren
in der Kegel keine Pilerperitlleichen vun den Aer/.ten oder Clinisten
der Anstalt secirt, wogegen wir uns fremder Hilfe dazu bedienen.
Nur in den wenigen Ausnah msfällen, wo die Todesursache nicht puer-
18*
'_'"(» .-^iiiiiiKltvei.*' Abliaii'Lluiiijeu und Werk über das Kindbett Ji'
peraler Natur ist. obduciren wir ^rlli>t . mit der Vorsicht doch, äsuBfl
der Obducent nicht gerne am selben Tage die Exploration der
bärenden vornimmt. In einer anderen Richtung aber haben wir
reichliche Gelegenheit gehabt, Erfahrungen zu Bammeln, indem alle
Kinderleichen sowohl der Gebar- als der Pflegeanstalt liier obdu-
cirt werden.
Derlei Sectionen kommen daher 3 — 4 mal wöchentlich vor, und
werden fast alle vom Reservearzt der Anstalt gemacht, ohne dass
andere Präcautionen als die gewöhnlichen Reinlichkeitsrücksichten
dabei beobachtet werden. Obgleich derselbe an der Exploration dar
• ;>-i>ai< iiilt-ri. und den operativen Geburten häufig bethätigt ist. haben
wir doch nie zur Verdächtigung dieser Sectionen den geringsten
Anlass gefunden, Chlorwaschungen sind hier im Lauft' der Jahre
nur in äusserst seltenen Ausnahmsfallen, wo man es mit sehr fauligen
und übelriechenden Präparaten zu thun hatte, angewendet wurden.
Indem ich Ihnen, mein verehrtester Herr College, nachstehende
Blätter zuschicke, werden Sie es nicht vergessen, dass der Inhalt ein
vi zehn Jahren geschriebener Journalartikel ist, der also nur die
wissenschaftliche Frage, in keiner Beziehung aber die Persönlichkeit
vor Augen gehabt hat. Sie werden es ferner gütigst bedenken, dass
der Autor Däne ist. und dalier auf schonende Beurtheilnng und mög-
liche Berichtigung des siyles wohl rechnen darf, wenn diese Blätter
verött entlieht werden sollten, was ich Ihnen gerne gestatte, wenn nur
nieine Bemerkungen, meine Erfahrungen vorangeschickt werden, in-
soferne sie der Veröffentlichung überhaupt werth sind.
König!. Gebaranstalt in Kopenhagen, 31/5 1868,*
— Zu diesem Briefe habe ich Folgendes hinzuzufügen: Chlor-
waschungen sind allerdings überflüssig, wenn man die Hände rein
erhält. Sectionen von Kindesleichen sind desshalb minder gefährlich,
weil selbe nach eingetretenem Tode früher gemacht werden als bei
Erwachsenen, es hat sich daher bei Kindesleichen noch nicht der ge-
hörige Grad der Fiiuluiss eingestellt,
Hospitals-Mittheilungen. 1. Band 1848, pag. 204—211.
„I. Mit oller Achtung und Anerkennung des verdienstlichen
Streben», dass sich in den Untersuchungen des Dr. Semmelweis kund-
gibt, glaube ich die durch, dieselben bei mir hervorgerufenen Be-
trachtungen und Zweifel um so weniger zurückhalten zu dürfen, als
ich mich durch den mir zugestellten Brief zur Mittlieilung desselben
aufgefordert fühle.
Vor allem mag es zu bedauern sein, dass weder die Beobach-
tungen selbst, noch die darauf gegründete Ansicht mit der Klarheit
und Präcision hervortreten, die in einer so wichtigen ätiologischen
Angelegenheit zu wünschen wäre. Denn ungeachtet es sowohl aus
den apriorischen Voraussetzungen als aus den angefügten Thatsuchen
selbst hervorzugehen scheint, dass die präsumirte Leicheninfection,
der Annahme nach, stattfinden kann, und stattgefunden hat. ohne
Berücksichtigung, ob der InfectionsstofF aus Puerperal- oder anderen
Leichen herrühre, so würde doch eine strenge Untersuchung absolut
fordern, dass diese Verschiedenheit der Infectionsquellen nicht allein
beachtet, sondern auch eine Sonderung der angestellten Beobachtungen
zu Grunde gelegt wäre. In wissenschaftlicher Beziehung, und nament-
lich für die Contagiositätsfrage des Puerperalfiebers müsste es näm-
Difl Aettologie, der Begriff nnd «lie Prophylaxis des Kinrlhetttibljers. 277
Iicli von grosser Bedeutung sein zu wissen, ob die pr.'isumirte l.eiihen-
infectiOD nur cadaverischen Puerperalstott'eii oder allen radaverischen
Effluvien ttberhftupt anzurechnen sei. und allenfalls ob die durch
Leicheninfection hervorgerufenen Puerperalkranklieiten sich d
identischen oder verschiedenen Formen manifestirten. je nach der
Verschiedenheit der cadaverischen Infektionsquelle. Es wird nämlich
einleuchtend sein, dass, so lange nur von ruerperalleichen die Rede
ist. sich die Frage mich auf dem Gebiete, uh auch an der äusserst hi
Grenze, der Contagiosität. beschränkt, da es sich doch um das Product
oder Residuum einer bestimmten Krankheit handelt, das durch lieber-
fiilirung auf eine dazu besonders disponirte Person dieselbe Krankheit
veranlassen zu können angenommen wird, wogegen in den Fällen,
wo der hifeetionsstotf von allen andern Leichen herrühren mag, jeder
Gedanke von spezifischem ('ontagium aufgegeben werden niuss, nnd
statt dessen die Infection der Blutmasse, insoferne eine solche statt-
findet, mit der von vielen Experimentatoren an Thieren durch directe
Einführung putrider animalischer Stoffe in dem Organismus hervor-
gerufenen ßlutinfection zusammengestellt werden muss. Dass hier-
durch ein Zustand hervorgebracht werden kann, der mit der puer-
peralen Pyaemie viele Aehnliehkeit hat, ist unzweifelhaft; aber nicht
weniger fest steht die Erfahrung, dass das Puerperalfieber unter
mehreren anderen Formen sich manifestirt, und eben deshalb wäre
es wanschenswerth gewesen, dass die Untersuchung mit weniger In-
difterentismus über die Frage um die verschiedene Quelle, Natur nnd
Wirkung der cadaverischen Infectionsstoffe hinweggegangen wäre.11
Auf diesen ersten Punkt können wir Folgendes antworten: Wir
haben den Brief weder selbst geschrieben, noch vor seiner Absendung
gelesen, glauben aber, dass er so gar undeutlich nicht gewesen sein
mag, weil Michaelis sich vollkommen orientirt.
Jede Leiche ohne Rücksicht auf die Krankheit, welche den Tod
veranlasst, ist geeignet, das Kindbettneber hervorzurufen; es ist mit-
hin das Kindbettheber keine contagiüse Krankheit, sondern das Kind-
bettfieber ist eine Pyaemie, wie selbe Experimentatoren an Thieren
auch hervorbringen, und obwohl es gewiss ist, dass das Puerperal-
fieber auch unter mehreren andern Formen sich manifestirt, so ist es
doch gewiss, dass diese Fälle auf dieselbe Art entstehen, wie die
Falle von Pyaemie. Die Puerperalfieber-Fornien. welche man ins-
besondere Pyaemie nennt, sind seltener, als die Fälle von Puerperal-
fiebern, die unter anderen Formen verlaufen: an der 1. Gebärklinik
BQhwankte die Sterblichkeit (siehe Tab. Nr. 1.. Seite 100), innerhalb
sechs Jahren zwischen 237 und 518 Todten, durch die Chlorwaschunjren
wind.' im Jahre 1848 die Sterblichkeit auf 45 Todte herabgedrückt,
die 198 und 473 Todesfälle mehr waren gewiss nicht alle durch diese
Form bedingt, welche man Pyaemie nennt, BOndem durch manche
andere Formen, und dt ich wurden selbe durch die Chlorwaschungen
auch verhütet, als Beweis, dass sie dieselbe Ursache hatten; warum
ab. r der zersetzte, resorbirte Stoff einmal die Form, welche insbe-
sondere Pyaemie genannt wird, ein anderesmal aber eine andere Form
erzeugt, das wissen wir nicht.
Vielleicht liegt der Grund in den verschiedenen Fäulnissgraden
ersetzten Stoffes, vielleicht in der verschiedenen Reactionsfähig-
keit des Organismus.
Wenn Prof Lew fernere sagt, da das Puerperalfieber manchmal
278
Seininelweis* Abhandlungen und Werk über cUs Kindbett lieber.
unter der Form auftritt, die man Pyaemie nennt, und manchmal
unter anderen Formen, so wäre es wünschenswerth gewesen, dass die
Untersuchung mit weniger Indifterentismus über die Frage um die
verschiedene Quelle, Natur und Wirkung der cadaverisirten Infeetions-
stotfe hinweggegangen wäre: so heisst das nichts anderes als ver-
langen, es mögen directe Versuche an Menschen gemacht werden, um
auf alle diese Fragen antworten zu kämen. Wir wollen li<
weniger wissen, aber unsere Wöchnerinnen gesund erhalten.
Und wenn Jemanden der Vorwurf des Indifterentismus gemacht
werden soll, so bin ich nicht derjenige, der ihn verdient, sondern
meine Herren Collegen, denn gewiss ein Jeder hat ein oder mehrere
Facta beobachtet, die mit der Lehre vom epidemischen KindbetthVber
nicht in Einklang zu bringen sind, und aus Indifterentismus sind sie
trotzdem bei der Lehre vom epidemischen Kiudbettfieber geblieben.
anstatt nachzudenken, um den Widerspruch zu lösen.
„IL Die quantitative Begräuzung der speciflschen Contagien ist
unberechenbar: es ist möglich, dass schon ein einzelnes Atom unter
günstigen Bedingungen zur Fortpflanzung des Krankheitsproc«
wodurch es producirt worden, genügt; ja in Contagiosa ätsfragen lässt
sich a priori kaum irgend einer Möglichkeit ein gewisser Grad von
Berechtigung absprechen. Hätte daher Dr. Semmelweis vom Stand
punkte der Contagiosität seine Ansicht von der Leicheninfection auf
Puerperalleichen allein beschränkt, würde ich um so weniger zur Ver-
neinung geneigt sein, als ich selbst, ohne übrigens < 'ontagionist zu
sein, aber allein aus scrupulöser Berücksichtigung der contagionisti-
schen Möglichkeiten schon in mehreren Jahren darauf geachtet haben,
dass keiner der Aerzte der hiesigen Anstalt am selben Tage, da er
an der Obduetion einer Puerperalleiche thätigen Antheil genommen
hat, mit irgend einer Gebärenden in Berührung gekommen ist. Wozu
sich doch gleich die Bemerkung anschliessen mag, dass ich dabei
weniger die Ueberführung eines palpablen Ansteckungsstoffes durch
die Exploration, als die mögliche Einwirkung des den Händen, Haaren
und Kleidern anhangenden Leichendunstes vor Augen gehabt habe.
— Aber, wie schon bemerkt, das specilische Contagium scheint dein
Dr. Semmelweis von geringer Bedeutung zu sein, ja es wird seinerseits
si. wenig beachtet, dass in seinem Aufsatze von der directen Ueberführung
der Krankheit von Kranken auf naheliegende gesunde Wöchnerinnen
gar nicht die Rede ist. Ihm ist es nur zu thon, in der allgemeinen
Leicheninfection ohne Rücksicht auf die dem Tode vorausgegangene
Krankheit. Und in solche]- Auffassung, gestehe ich, scheint Bi
Ansieht mir nicht die Probabilität für sich zu gewinnen. Denn ab-
gesehen von der ohne Zweifel etwas übertriebenen Vorstellung FOD
der Absorptionsfähigkeit des gesunden Muttermundes, die in den
Wirkungen der auf denselben angebrachten Arzneistoffe kaum ihre
Bestätigung findet, scheinen doch alle mit Ueberführung putrider
Stoffe in den Organismus angestellten Versuche darzutluin, dass die
dadurch hervorgebrachten Wirkungen sowohl in Schnelligkeit als In-
tensität von quantitativen Verhältnissen abhängig sind, und dasa
namentlich die schnell tödtende putride Infectiou, selbst durch dii
Einbringung der putriden Stoffe in die Blutmasse, doch mehr als
homoeopatische Dosen der Giftstoffe erforderlich macht
höher wird man doch, aus Achtung für den Heinli«^'
Wiener Studirenden, den in einen Nag el '
Die AetioLogie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers.
steckungsstoff, oder die Ausdünstung der bald nach anatomischen
Arbeiten zur Expiration an Gebärenden verwandten Finger nicht
anschlagen können.'
Auf diesen zweiten Punkt haben wir zu erwiedern, dass wir das
Kindbett lieber für keine contagiöse Krankheit halten, dass wir aller-
dings eine allgemeine Infection mittelst eines zersetzten Stoffes nach-
gewiesen haben, und dieser zersetzte Stoff kann nun auch von Leichen
genommen werden.
Der Leser, welcher diese Schrift aufmerksam gelesen hat. wird
sich selbst antworten können; ich will hier nur bemerken, dass, wenn
das Kindbettfieber eine contagiöse Krankheit wäre, so müssteu die
Massregeln gegen die Verbreitung des Kindbettfiebers vorzüglich in
den Wochenzimmern getroffen werdeu, weil die Individuen auf dem
Kreissezimmer in der Kegel noch gesund sind, und erst in dem
Wochenzimmer erkranken; wir haben aber unsere Massregeln vor-
züglich auf dem Kreissezimmer getroffen, mit welchem Erfolge ist
bekannt, obwohl wir auf dem Kreissezimmer das Contagiuni unmög-
lich zerstören konnten,, was die später im Wochenzimmer Erkrankten
erst erzeugt haben.
Dass der gesunde Muttermund nicht resorbirtT behaupten wir
auch ; wir finden im normalen Zustande die Stelle, wo die Resorption
geschieht, in der. in Folge der Schwangerschaft von Schleimhaut ent-
blössten inneren Fläche der Gebärmut tri.
Um das materielle Quantum des zersetzten Stoffes zu bestimmen,
welches uüthig ist, um das Kindbettfieber hervorzurufen, nvussten
directe Versuche gemacht werden; wir ziehen es vor, in diesem
Punkte in Unwissenheit zu bleiben, und begnügen uns mit der Kenut-
niss, dass so viel, als nach der gewöhnlichen Art des Waschens an
den Händen kleben bleibt, wenn auch vielleicht nur in Gestalt einer
putriden Luft, hinreicht das Kindbettlieber hervorzurufen, und dass
das wirklich so ist, können wir dadurch beweisen, dass wir nichts
anderes gethan, als eben nur den an der Hand nach der gewöhnlichen
Art des Waschens restirend bleibenden zersetzten Stoff zerstört haben,
und haben dadurch die Sterblichkeit der I. Abtheiluug, welche inner-
halb 6 Jahren zwischen 237 und 518 Todten schwankte, im Jahre
1 848 auf 45 Todte beschränkt
„HL Um seine einmal gefasste Ansicht zu prüfen, verordnete
Dr. Semmelweis die Chlorwaschungen natürlicherweise in der Absicht,
jede Spur von cadaverischen Kesiduen an den Fingern zu vertilgen.
Würde aber das Experiment nicht viel einfacher und sicherer ge-
wesen sein, wenn man sich darüber geeinigt hätte, wenigstens für
Zeitdauer des Versuches, sich von allen anatomischen oder anatom-
pathologischen Arbeiten fern zu halten, wozu man sogar die Studirenden
tin Im 2— 3 monatlichen Cursus im Gebärhause billigerweise ver-
pachten könnte. Im hiesigen Gebärhause sind wir, ohne irgend etwas
Experimentelles damit zu bezwecken, allein aus Scrtipulositätsrihk-
sii'hteii auf contagionistisehe Möglichkeiten schon vor mehr als einem
Jahre soweit gegangen, dass vorschriftsweise keiner der Aerzte. Heb-
ammen oder Wärterinnen der Anstalt mit einer obducirten Puerperal-
leiche in nähere Berührung kömmt; und ohne zu wiesen, welchen
Autheil dieses Präcautionsmittel unter mehreren anderen au dem
l ten Gesundheitszustand der Anstalt gehabt haben mag. bin
:ch der Meinung, dass es fortgesetzt werden mag, so dass wir iu Ob-
280
.Semmelweis' Abhandlungen nnd Werk über das Kindbettfieber.
ductionsfallen auf den wohlwollenden Beistand auswärtiger Collegen
rechnen müssen. "
Hierauf haben wir zu erwiedem, dass es uns auch zweckmässiger
scheint, die Hände nicht m verunreinigen, als die verunreinigten wieder
zu reinigen. Auf dieser Ueherzengung beruht ja die Bitte um (tag
früher erwähnte Gesetz, welches wir an sämmtliche Regieningen ge-
richtet. Aber in der untergeordneten Stellung eines Assistenten, in
der ich damals war, konnte ich wohl nicht als Gesetzgeber auftreten,
nnd dass eine Appellation damals an diejenigen, die es hätten biingen
können, erfolglos geblieben wäre, kann der Leser daraus entnehmen,
das.« ja selbst die Conunission des Wiener Profi&sorra-Collegiom,
welche in dieser Angelegenheit ernannt war, ihn- Thätjgkeit nicht
beginnen durfte. Und wenn Prof. Levy sagt, dass er nicht weiss,
welchen Antheil an dem verbesserten Gesundheitszustand dieses Prä-
< autionsmittel unter mehreren anderen hatte, so können wir ihm als
tfasBBtab zur Reurtheilung den Antheil anführen, den dieses Prae-
cautionsmittel für sich allein auf die Verbesserung des Gesundheits-
zustandes des Wiener Gebärhauses hatte; die Sterblichkeit wurde
durch dieses Präeautionsinittel allein auf 45 Todte unter 3556 Wöch-
nerinnen im Jahre 1848 herabgedrückt, während ohne dieses Prä-
cautionsmittel die Sterblichkeit binnen 6 Jahren bei einer nicht
(litiv-renten Anzahl von Wöchnerinnen zwischen 237 und 518 schwankte,
und doch hatten wir dieses Präcautionsmittel in einer unvull-
kommeneren Form angewendet als Professor Levy, indem derselbe
die Hände nicht verunreinigen Hess, wir das aber nicht verhindern
konnten, und uns daher auf das Desinficiren so vieler Schüler ver-
lassen mussten, und wir haben an einer Stelle dieses Buches schon
weitläufig nachgewiesen, dass darin die Schuld liegt, dass wir nicht
noch weniger Todte hatten.
.. I V. Jedoch — wird man sagen — scheinen die Resultate des
Versuches, trotz aller Bedenklichkeiten dagegen, die Ansicht des
Dr. Semmelweis zu bestätigen, „Scheinen", bleibt die Antwort, aber
wenigstens auch nicht mehr; jeder nämlich, der durch eine längere
Reihe von Jahren dazu Gelegenheit gehabt hat, das periodische Steigen
und Fallen der Kränklichkeit in Gebäranstalten zu beobachten, wird
ohne Zweifel eingestehen müssen, dass uns zur Würdigung der ge-
wonnenen Resultate wesentlich darüber Aufschluss mangelt, ob nicht
auch in früheren Jahren die Anstalt ebenso günstige Perioden gehabt
hat, als in den letzten sieben Monaten, wozu eine genaue statistische
Mittheilung über die monatlichen Krankheits- und Todesfälle er-
forderlich wäre. Dieser Mangel bleibt nm so fühlbarer, wenn man
sich erinnert, dass vor ungefähr drei Jahren der Professor Klein in
den medicinischen Jahrbüchern der k. k. österreichischen Staaten,
Jänner 1845, einen ofticiellen Bericht über die Wirksamkeit der Ge-
bärklinik in den sieben Jahren (1836 — 1843) geliefert hat, wonach
das Sterbeverhältniss 1:15, wenn auch traurig genug, doch über 100%
besser sich stellt, als das Sterbeverhältniss, womit die Resultate der
Chlorwaschnngsperiode am nächsten verglichen worden sind. Möglich,
ja sogar wahrscheinlich ist es, dass dieser Unterschied weniger von
einem constant bessern Gesundheitszustand, als von einzelnen be-
sonders günstigen Perioden herrührt, aber eben deshalb wäre es, beim
Mangel genauer statistischer Mittheilungen, denkbar, dass auch die
Resultate der letzten sieben Monate, zum Theil wenigstens, von
Die Aetiologie. der Begriff und die PropLylaxis des Kindbettfiebers. 281
periodischen Zufälligkeiten abhängen könnten, zum Theil vielleicht
von der eben durch das Experiment hervorgerufenen strengem Be-
rücksichtigung der Reinlichkeit im Allgemeinen.*'
Diesen Punkt hat die Zeit widerlegt es handelt sich jet/t nicht
mehr um sieben Monate, sondern um mehr als zwölf Jahre. Professor
Levy stellt an den Brief eines Schülers Anforderungen, wie sie nur
an ein vollständiges Werk gestellt werden können.
Ich glaube, der aufmerksame Leser dieser Schrift wird die Lösung
aller Zweifel finden, die Professor Levy angeregt, insbesondere wird
ersieh nicht zu beklagen haben über Mangel an genaueren statistischen
Mittheilungen. Wir köunen Professor Levy versichern, dass die
Reinlichkeit im allgemeinen an der I. Gebärklinik vor den Chlor-
waschungen in dem Grade geübt wurde, wie es nach Einführung der
Clilurwaschungen im höheren nicht mehr möglich war, wir haben
durch Einführung der Chlorwaschungen nur speciell die Reinigung
der Hände bezweckt, und wenn Professor Levy glaubt, dass durch
Reinlichkeit Puerperalfieber verhindert wird, so sagt er ja das was
wir durch diese Schrift zur Anerkennung bringen wollen; wir wollen
ja mit dieser Schrift die Ueberzeugnng allgemein verbreiten, dass der
Gegensatz von Reinlichkeit das erzeugt bei Wöchnerinnen, was man
bisher epidemischen Einflüssen zugeschrieben hat.
„V. Wenn die Resultate des Experimentes für eine Zeit, wie im
September und October, weniger den Erwartungen entsprochen haben,
meint Dr. Semnielweis die Ursache davon nachweisen zu können,
theils in Vernachlässigung der Chlorwaschungen seitens der Studiren-
den. theils in Infection der Gebärenden durch ichoröse Geschwür-
secrete aus noch lebenden Organismen, in einem Falle nämlich von
einer mit Marksehwamra der Gebärmutter, in einem anderen Falle
von einer mit unreinem Geschwüre des Schienbeins beladenen Wöchnerin ;
so dass hiedurch seine ursprüngliche Ansicht nicht bloss eine Be-
stätigung, sondern einen unendlich weitern Gesichtskreis gewonnen
hat. indem allerlei ichoröse Secrete noch lebender Organismen da-
runter einzurechnen sein werden. Läugnen lässt sieh's aber nicht,
dass die in dieser Hinsicht citirten Erfahrungen allzu flüchtig skizzirt
sind, als dass die Kritik einen Schluss aus ihnen gestatten möchte.
Namentlich uuisste es von Wichtigkeit sein zu wissen, ob die Wöchne-
rinnen mit Markschwamm der Gebärmutter, den ichorösen Geschwüren
des Schienbeins zur selben Zeit vielleicht am Puerperalfieber erkrankt
waren, da in solchem Falle die Puerperal-Contagionisten das speci-
fische Gontaginm der präsumirten ichorösen Infection entgegen stellen
würden. Im entgegengesetzten Falle würde die erstgenannte Patientin
der Infectionsansicht offenbar sehr zuwider sein, während es die
zweite betreffend unerklärlich bleibt, in welchem näheren Verhältnisse
die ichorösen Geschwüre mit der Yaginalexploration der andern Ge-
bärenden als mit der Exploration der Patientin selbst gestanden
haben möchte.
Hinzufügen kann ich. dass wir im biedgen Gebärhause so hftuÜg
peinig chronisch ichoröse FnssgeschAvüre bei Gebärenden angetroffen
haben, ohne irgend eine inficirende Wirkung davon bemerkt zu haben,
weder auf die Patientinnen selbst, noch auf andere Wöchnerinnen.
Und wenn Dr. Semnielweis großes Gewicht auf den seiner Meinung
nach viel günstigeren Gesundheitszustand der Gebäranstalten legt, die
ichlieÄlich für den Hebammenunterricht, als derjenigen, die für
Semuielweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbetttieber.
den ärztlichen Unterricht bestimmt sind, so möchte er doch be-
denken, dass ichoröse Secrete lebender Organismen in gleichem Masse
in beiderlei Anstalten vorkommen, und dass. wenn die Infection N
leicht geschähe, wie er es anzunehmen scheint, sich in einer so
grossen Anstalt wie die Hebammenabtheilung in Wien, sehr oft, ob
nicht zu jeder Zeit, eine oder andere Kranke ünden würde, die als
Infectionsquelle hinreichen würde, um den übrigens sehr merklichen
Unterschied der sanitären Verhältnisse beider Abtheilungen der Wiener
Anstalt zu verringern oder ganz auszugleichen."
Die beiden kranken Kreissenden litten nicht am Kindbetttieber.
die mit dem verjaucheuden Mednllarkrebse der Gebärmutter starb
an den Folgen des Krebses, die mit dem cariösen Geschwüre wurde
nach überstandenem Wochenbette entlassen.
Vau Losung der übrigen Zweifel in Bezug auf diese beiden Fälle
wolle der Leser Seite 133 und 134 dieser Schrift nachlesen, Seite 133.
Zeile 13 beginnend.
Der Leser erinnert sich, dass wir drei Quellen angenommen
haben, aus welchen der zersetzte Stoff kommt, welcher das Puerperal-
fieber erzengt Nämlich jede Leiche, jeder Kranke, welcher einen
zersetzten Stoff erzeugt, und alle thieiisch-organischen physiologischen
Gebilde, wenn selbe in Fäulniss übergegangen sind.
In Gebärhäusern, welche dem Unterrichte für Aerzte bestimmt
sind, wird der zersetzte Stoff von den Leichen hergenommen, von den
Kranken, welche sich im Gebärhause befinden, und wenn die Reinlich-
keit nicht beobachtet wird, können sich physiologische Producte, wie
Blut, in den Leintüchern zersetzen, und dadurch das Puerperalfieber
hervorrufen.
In Gebäihänsern, welche dem Unterrichte für Hebammen be-
stimmt sind, fällt die erste Infectionsquelle weg, und das ist die Ur-
sache des günstigeren Gesundheitszustandes in Hebammen-Abtheilungen,
denn wenn um h in Hebammenschulen ichoröse Secrete vorkommen,
so können doch die ichorösen Secrete der Hebaramen-Abtheilung nicht
so viele Individuen inliciren, wie auf der Aerzte-Abtheilung die icho-
rösen Secrete unter Beihilfe der zersetzten Stoffe, hergenommen von
den Leichen, uud wenn daher au der Hebammeuschule zu Wien viel-
leicht zu jeder Zeit eine Kranke zu finden war, welche als Infections-
quelle diente, so war diese Quelle doch nicht geeignet, den merklichen
Unterschied der sanitären Verhältnisse beider Abteilungen zu ver-
ringern, oder ganz auszugleichen, weil ja solche Individuen sich Mtob
auf der Aerzte-Abtheilung befanden, und dazu noch die zersetzten
Stulle, hergenommen von den Leichen.
Doch Zahlen werden jeden Zweifel beheben. Wir wollen die.
lahresrapporte beider Abteilungen seit ihrem Bestehen bis zur Ein-
führung der ('hlonvast hangen als Beleg anführen.
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 283
Tabelle Hr. LXT.
Schüler und Schülerinnen an beiden Abtheilungen in gleicher Anzahl
vertheilt.
1833
1834
1835
1836
1837
1838
1839
1840
I. Abtheilung.
Geburten 3737, Todte 197, Percent-Antheil 5*9
2667,
, 205,
, 7-76
2573,
143,
i 5.S5
2677,
, 200,
, 7.«
2766,
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, 151,
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, 6.M
IL Abtheilung.
1833 Geburten 353, Todte 8, Percent-Antheil 2.M
1834
1835
1836
1837
1838
1839
1840
„ 1744,
, 150,
„ 1682,
, 84,
„ 1670,
, 131,
1784,
, 124,
„ 1779,
, 88,
, 2010,
, 91,
2073,
55,
J» •
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, 731,
» >
8-ao
4.M
7.1,4
6-«*
4.94
4.6i
_2e<L
5.JV8
Durch eine allerhöchste EntSchliessung vom 10. October 1840
wurden sämmtliche Schüler der L. und sämmtliche Schülerinnen der
IT. Abtheilung zugewiesen.
I.
Abtheilung.
Klinik füi
Aerzte.
1841
Geburten 3036,
Todte 237, Percent-Antheil 7.80
1842
3287,
ji
518,
1 j> 15.7R
1843
3060,
274,
» ii 8.9ft
1844
„ 3157,
»i
260,
t .» 8.2j
1845
3492,
»j
241,
1 II " »0
1846
4010,
459,
I 11 11-44
„ 20042,
Jt
1989,
1 j» "-8S
II.
Abth
eilung.
Klinik für Hebammen.
1841
Geburten 2442,
Todtf
86, Per
cent-Antheil 3.52
1842
2659,
ji
202,
• >i 7.88
1843
2739,
JT
164,
• n 5.9H
1844
2956,
68,
• »» 2.jo
1845
„ 3241,
•7
66,
» ii 2.0.1
1846
3764,
105,
.» 2.7I»
„ 27791,
II
691,
„ 3.s„
Aus dieser Tabelle ersieht der Leser, dass die Sterblichkeit an
beiden Abtheilungen gleich war, so lange Schüler und Schülerinnen
an beiden Abtheilungen in gleicher Anzahl vertheilt waren, das heisst,
an beiden Abtheilungen wurde aus drei Quellen inficirt, der bedeu-
tende Unterschied zwischen beiden Abtheilungen beginnt erst mit der
Zuweisung sämmtlicher Schüler der I. Abtheilung, und sämmtlicher
Schülerinnen der II. Abtheilung, oder mit anderen Worten, bei den
Semmelweis" Abhandlungen und Werk über das Kindhettiieher.
Hebammen wnrde die eine Quelle gestopft, nämlich die vom Cadaver,
während selbe an der I. Abtheilung noch reichlicher iloss.
Damit ist aber nicht gesagt, dass der Gesundheitszustand der
Hebammen-Abtheilungen im allgemeinen ein günstiger ist. Der Leser
erinnert sich, dass wir als gelindesten Massstab an ein Gebärhaus.
die Anforderung stellen, dass nicht eine von 100 Wöchnerinnen sterbe;
wie weil nun die Hebaminen-Ahtlieiluiig in Wien davon entfernt ist.
I eben die angeführte Tabelle.
Schliesslich sagt Professor Levy: „Dieses sind die Betrachtungen,
die sich mir beim Nachdenken über Dr. Semmelweis* Versuche aufge-
drängt haben, und die ich bis Weiteres nur als Motive meines rar*
Läufigen Unheils anfgefasst wünsche, welches darauf ausgeht, dass seine
Ansichten rächt klar genug, seine Erfahrungen nicht sicher genug
scheinen, um aus ihnen wissenschaftlich begründete Resultate abzu-
leiten."
Es bleibt uns nichts anderes übrig, als Herrn Prof. Lew das
fleiesige Studium dieser Schrift zu empfehlen, und wir zweifeln nicht,
dass auch er zur Ueberzeugung gelangen wird, dass ich an Stelle des
kolossalen Unsinns, welchen man bisher über die Entstehung des
Kindbetttiebers gelehrt, ein auf sichere Erfahrungen gestütztes, klares,
wissenschaftliches Gebäude aulgeführt habe, dem nichts mehr als eine
allgemeine Verbreitung fehlt, um die segensvolle Vocation, zu der
selbe gerufen ist, auch zu erfüllen.
Bevor wir in der f'orrespondenz mit Professor Levy fortfahren,
wird es zweckmässig sein, einen Brief von Professor Dietl in Krakau
zu veröffentlichen; in einer Angelegenheit, welche wir später berühren
werden, wendeten wir uns an Professor Dietl, um die nöthigen Anf-
schlOsse zu erlangen; Professor Dietl hat, nachdem er die erbetenen
Aufschlüsse ertheüt, noch manches andere geschrieben, und das wollen
wir liier eben veröffentlichen. Prof. Dietl schreibt:
„Allenthalben auf meinen Reisen machte ich die Bemerkung, dass
man Ihre Ansichten über die Genese des Puerperalfiebers in der Ein-
richtung der Gebäranstalten würdigte, und sowohl Kranke als Aerzte
sorgfältig sonderte, namentlich letzteren keine Gemeinschaft mit
Leichen gestattete, wie in Kopenhagen. Mit welchem Erfolge kann
ich freilich jetzt nicht berichten.
Unmittelbare Anfragen an die ärztlichen Vorstande dieser An-
stalten dürften Ihnen wohl manche erwünschte Aufschlüsse verschaffen.
Im Ganzen hört man jetzt wohl weniger von diesen verheerenden
Pnerperal-Epidemien.
Vielleicht liegt die Ursache in Beobachtung jener Einrichtungen,
die sich auf Ihre Erfahrung basiren . ohne dass man es sich selbst
und der Öffentlichkeit gegenüber eingestehen will.
Eine Reise um die Welt wäre die Erforschung des Wahren wohl
werth."
Krakau, 28/4. 1858.
Kehren wir nun wieder zu Professor Levy zurück.
Ich antwortete Professor Levy, indem ich trachtete, die Zweifel.
welche er erhoben, aufzuklären, bemerkte aber schliesslich, dass es mir
Die Aetiologie, der Betriff und die Prophylaxis de» Eiftdbettfiatoea. 285
wichtiger sei zu wisseu, was er jetzt, nach zehnjährigen Beobachtungen
für wahr halte, als zu wissen, was er vor zehn Jahren für Zweifel
gehegt .
Und da ich nach geraumer Zeit keine Antwort erhielt, sehrieb
ich nochmals.
In diesem Briefe sagte ich. dass es mir bekannt sei. dass das
Kopenhagener Gebärhaus früher in dem Grade vom Kindbettfieber
heimgesucht war, dass dessen Existenz bedroht war. (Siehe Seite 14)1,
Zeile 8.) Ich schrieb Levy, was Professor Dietl über das Kopeu-
hagener Gebärhaus mir schrieb. Ich schrieb ferners. was Professor
Braun über das Kopenhagener Gebärhaiis sagt.
Professor Braun sagt nämlich: „Da dieses das treulichste und
merkwürdigste neu erbaute Gebärhaus ist. in welchem Alles auf-
geboten wurde, um den Puerperalfieber-Epideniien Einhalt zu thun,
80 erlauben wir uns, eine kurze .Skizze zu entwerfen, mit der Be-
merkung, dass in diesem neuen Gebäude noch keine Puerperalfieber-
Epidemie unter Levj's Leitung aufgetreten sein soll", und knüpfte
daran die Bemerkung, ob er glaube, dass der verbesserte Gesundheit:-
zustand dem Umstände zugeschrieben werden könne, dass meine An-
sicht iiber die Entstehung des Kindbett riebers bei der Massnahme zur
Verhütung des Kindbettfiebers massgebend war.
Darauf erhielt ich folgende Antwort:
Kopenhagen, 21. September 1858.
rgestern erhielt ich Ihr werthes Schreiben vom 16. d. M., und
Ihre dringliche Zumuthung macht es mir zur Pflicht, die Beantwortung
schon heute folgen zu lassen.
Erstens muss ich aber referiren, dass ich kein Schreiben von
Ihnen als Antwort auf mein Schreiben vom Mai d. J. erhalten habe,
so dass ich erst durch Ihren vorgestrigen Brie! erfahre, dass mein
Schreiben richtig empfangen worden ist Mit diesem Bewusstsetn
muss ich aber gestehen, dass es mir nicht recht klar ist, wie Sie. die
Frage mir jetzt stellen können, „ob in Folge Ihrer Ansicht über die
Genese des Puerperalfiebers die Veränderungen im Gebärhause zu
Kopenhagen getroffen worden sind, und mit welchem Erfolge." Ihre
Ansicht über die Genese des Puerperalfiebers hauptsächlich durch
Leicheninfection würde, selbst wenn sie uns damals bekannt gewesen
wäre, auf den Umbau und die hygienische Reorganisation unserer
Gcbäranstalt keinen Emfluss gehabt haben können, wie ich überhaupt
nicht einsehe , welchen Einfluss sie auf die Einrichtung irgend
einer Anstalt haben könnte.
Als Vorsichtsmassregel mag es in die Geschäftsordnung der
Anstalt angenommen sein, dass man sich vor Übertragung cada-
verischer Stoffe auf Gebärende durch die Exploration recht hüte;
aber auf weitere Einrichtungen der Anstalt kann ich keinen Einfluss
davon fassen.
Wie ich selbst Ihre Ansicht aufgefasst habe, glaube ich deutlich
genug ausgesprochen zu haben. Und haben Sie meinem Schreiben
Aufmerksamkeit genug geschenkt, werden Sie sich erinnern, dass wir
aus Achtung vor contagionistischen Scrupulositäten schon lange, bevor
Ihre Ansichten zum Vorschein kamen, uns vor Puerperal-Leichenin-
fection zu schützen gesucht haben.
Dass wir später aus Achtung vor Ihrer Ansicht auch in Be~
286 Semmelweis" Abhandlungen nnd Werk über das Kindbettfieber.
Ziehung »Bf nichtpuerperale Sectionen vorsichtiger als früher geworlrrr
sind, mag sein, diese werden dennoch aber von uns selbst vorgenommen,
wahrend wir zu Sectionen von am Puerperalfieber Verstorbenen uns
fremder Hilfe bedienen.
Welchen Antheil solche Vorsichtsmassregeln an dem verbesserten
I i. -siindheitszustande der Anstalt gehabt haben mögen, lässt sh'h ja
gar nicht berechnen, wenn zur seihen Zeit höchst wichtige Verände-
rungen in baulicher und administrativer Richtung vorgenommen
worden sind."'
Welcher Unparteiische erinnert sich nicht bei Lesung dieses
Briefes an Prof. Dietl. welcher sagt: „Im Ganzen hört man jetzt
wohl weniger von diesen verheerenden Puerperalepidemien. vielleicht
liegt die Ursache in Beobachtung jener Einrichtungen, die sich auf
llii.- Erfahrungen basiren, ohne dass man es sich selbst und der
Öffentlichkeit gegenüber eingestehen will."
Wenn Professor Levy sagt, dass es sich gar nicht berechnen
lasse, welchen Antheil an dem verbesserten Gesundheitszustände diese
Voratcbtamassregeln gehabt haben, weil gleichzeitig höchst wichtige
bauliche und administrative Veränderungen vorgenommen wurden, so
ist doch gewiss, dass durch bauliche und administrative Verändern ml« n
des Kopenhagener «iebärhauses die atmosphärisch-cosroisch-tellurisclu 11
Verhältnisse der Stadt Kopenhagen nicht geändert wurden, dass daher
die frühere grosse Sterblichkeit der Wöchnerinnen im Kopenhagener
Gebärhause nicht durch atmosphärische Einflüsse bedingt war, das
heisst. dass es keine Epidemie war.
Und wenn in Folge von Massregeln, welche bezwecken, den In-
dividuen von Aussen keine zersetzten Stoffe einzubringen, der Ge-
sundheitszustand eines Geb&rhausea sich bessert, n ist das ein Beweis
für die Richtigkeit meiner Lehre über die Entstehung und Verhütung
des Kindbettfiebers.
C. B. Tilamis". in Amsterdam, Brief lautet fulgendenmi9sen :
„Ich rechne es mir zur Pflicht, im Interesse der Wissens-
Ihnen meine Ansichten auf Erfahrung gegründet, über die Ursachen
des epidemischen Verhaltens der Puerperalfieber in Geharanstalteu
nicht vorzuenthalten, während ich Ihre, durch Dr. Stendrichs an mich
gerichtete Frage beantworte.
Ich habe zwanzig Jahre lang, welche ich Vorstand von der hie-
sigen Anstalt war. diese Sache aufs genaueste geprüft, und keinen
A&1&8S gefunden, von der Meinung abzuweichen, welche hier Bf
lange vor mir gehegt wurde, dass die Verbreitung und Andauer
dieser Krankheit unter den Wöchnerinnen, wenn solche einmal aus
epidemischen atmosphärischen Verhältnissen, wozu vorzüglich dieCou-
Btitntio annua im Winter und Frühjahre bei häufig abwechselnder
Witterung gehört, hat angefangen, auf Rechnung der entschiedenen
ContagiosH&t zu stellen ist.
Einestheils ist meine Ueberzeugung gegründet auf den öftere
deutlich nachweisbaren Ursprung der Krankheit von einem schon
während der Geburt kranken Individuum, bisweilen schon krank in
der Anstalt aufgenommen, das in kurzem unterlag, und ihre Ueber-
tragung auf gesunde, welche zugleich oder bald nachher entbunden
waren, und Blei in der Atmosphäre der ersten Kranken befunden
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des KindbeUtiebers 287
hatten, noch ehe die ominöse Krankheit diagnostieirt war. Andern-
the-ils zeigte sich öfters das baldige Ende der Epidemie, wenn die
Geburten einige Tage an Anzahl abnahmen oder gänzlich ausblieben,
und die Kranken konnten isolirt werden, so das* ihre Pflege Per-
sonen überlassen wurde, welche sieh von folgenden Geburten und von
neuen Wöchnerinnen aufs genaueste enthielten.
Ba vorsteht sich, dass für solche Erfahrungen eine relativ kJeiiie
Anstalt <in der unseren kommen im Durchschnitte 400 Geburten im
Jahre vor) allein geeignet ist, und das erklärt aneh. wenn Loh nicht
irre, warum die entgegengesetzte Ansicht sich so lange in grossen
Anstalten aufrecht erhalten hat, obgleich die Erklürum: durch Mit-
theilung eines Contagiums weder in Theorie noch in Analogie etwas
gegen sich hat. Am auffallendsten ist doch die Analogie mit dem
Eiterungsfieber und der Eiteratmosphäre. welche in mit chirurgischen
Kranken belegten Sälen die frisch Verwundeten bedroht, lud eine
Neuentbundene ist doch gewiss, selbst in physiologischem Zustand a,
eine frisch Verwundete.
Was Ihre Meinung vom Leichencontagium als Ursache der Krank-
heit anbelangt, so stimme ich dieser ans meiner innersten Ueber-
zeugung bei. In früheren Jahren habe ich in einzelnen Fällen diesen
Ursprung so nachgewiesen, dass ich seitdem die rigorosesten Mass»
regeln getroffen habe, um diesem Unglücke vorzubeugen.
Der Assistent und die Studierenden, welche Totich irübungen
machen und Geburten beiwohnen, müssen sich gänzlich von ana-
tomischen Geschäften enthalten. Die Sectionen von am Puerperal-
fieber Gestorbenen werden von Individuen der medicinischen oder
chirurgischen Abtheilung, oder von anderen Studierenden gemacht,
höchstens ist es solchen, die in den ersten Tagen nicht an der Keine
sind, erlaubt diesen beizuwohnen und die Resultate zu sehen, aber
streng verboten, die Hände hiebei zu verunreinigen. Es ist meine
Ueberzeugun<r. dass wir die uns anvertraute Menschheit nicht an die
Wissbegierde, welche auch seiner Zeit früher oder später kann be-
iigt werden, opfern dürfen.
Dass die Nachtheile durch sorgfältige Reinigung mit Chlorkalk-
lösung gemindert werden können, will ich zugeben (wir wenden immer
diese an, sowohl in der Anstalt für die Wärterinnen der Kranken,
als am Serirtisch), aber gänzlich zu lieben durch diese Vorsorge sind
sie nicht.
Wir kennen die Natur der Leichengifte nicht, und können nicht
wissen, ob es destruirt wird durch unsere üesinfectionsinittel. Für
diess spricht jedenfalls die Erfahrung nicht, wenn wir beachten, dass
weder Puerperalfieber noch Eiterungsfieber oder Spital brand-Effluvien
durch Reinigung von Zimmern und Beräueherung mit Chlordämpfen
getilgt werden, wenn nicht sogleich die inficirten Räume während
langer Zeit verlassen und einem ununterbrochenen Luftstrome aus-
gesetzt werden.
Es freut mich, zum Schlüsse hiebei mitzutheilen. dass in diesem
Winter, liuchdem ich das Schreiben vom Herrn Dr. Stendrichs er-
halten habe, die Gesundheit der Wöchnerinnen in unserer Anstalt
im Ganzen günstig war, so dass wir blos einzelne Fälle von spo-
radischem Fieber erlebt haben. Anf 133 Geburten von November
bis Februar sind zwei gestorben. Im Decembermonat drohte die
Krankheit beim Anfange der Winterkälte epidemisch aufzutreten, da
2ss
Semmel weis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
fünf Neuentbnndene innerhalb drei Tagen heftig angegriffen wurden,
aber alle wurden durch eine energische antiphlogistische Behandlung
glücklich gerettet. Seitdem ist nie Witterung hier sechs Wochen
lang beständig geblieben, und hat sich später kein Frost wieder ein-
gestellt. Eine solche nicht oft abwechselnde Beschaffenheit der
Witterung ist in unserer Gegend eine Ausnahme, besonders im Früh-
jahre. Im vorigen Jahre kamen von Jänner bis April zwölf Sterbe-
falle vor, von Mai bis September kein einziger und im October »weL
Die Geburten waren in den letzten Monaten ziemlich gleich-
massig vert heilt so dass keine Ueberfüllung stattgefunden hat, und
der Wechsel der Locale, welche in den letzten Jahren auf meine
dringende Instanz so ausgebreitet, sind, dass sie in gewöhnlichen
Zeiten nur zur Hälfte belegt sind, regelmässig stattgefunden hat.
Ich sehliesse mit dem Wunsche, dass Ihre Bemühungen im In-
teresse der Menschheit einen kräftigen Stoss mögen geben an dem
verderblichen Unglauben an Oontagiosität dieser Krankheit und Schäd-
lichkeit des Leichengiftes, das noch vor kurzem seinen Vertreter ge-
funden hat in dem sonst so tüchtigen Kiwisch von Rotteram dessen
Versicherung, dass er gleich nach Sectionen sowohl Kreissende als
Entbundene häufig besorgte, gewiss schauderhaft klingt, gleichzeitig
Unerfahrene zur verwegenen Nachlässigkeit treibend. Leider bleiben
noch eine Menge schädlicher Einflüsse, welche bei der allgemeinen
Disposition der Wöchnerinnen die Krankheit hervorrufen können,
ausser unserem Bereich, und wird also keiner dem Glauben Grund"
geben, als wäre bei unseren Ansichten die Ausrottung derselben eine
leichte Sache."
Amsterdam 9. März 1848.
Professor Skoda hielt in der Academie der Wissenschaften zu
Wien einen Vortrag „Ueber die von Dr. Semmelweis entdeckte wahre
Ursache der in der Wiener Gebäranstalt ungewöhnlich häufig vor
kommenden Erkrankungen der Wöchnerinnen und des Mittels zur
Verminderung dieser Erkrankungen bis auf die gewöhnliche Zahl."
Die kaiserliche Academie der Wissenschaften Hess diesen Vortrag in
ihre Sitzungsberichte aufnehmen, und aus dem Octoberhefte des Jahr-
ganges 1849 der Sitzungsberichte noch einen besonderen Abdruck
anfertigen. Gleichzeitig wurden mir und Professor Brücke, wirk-
lichem Academiemitgliede, je eine Anweisung auf 100 fl. CM. zuge-
stellt zur Fortsetzung der Versuche an Thieren.
Professor Brücke berichtet in der Sitzung der mathemat
naturwissenschaftlichen Classe, gehalten am 31. October 1850, Fol-
gendes : l)
„Im vorigen Herbste hat mich die geehrte Classe, über Antrag
des W. M. Herrn Skoda, aufgefordert, mit Herrn Dr. Ignaz Semmel-
weis, in Rücksicht auf die von demselben aufgestellte Ansicht über
die Entstehung der Puerperalfieber Versuche an Thieren anzustellen,
und zu dem Ende jedem von uns eine Anweisung von 100 fl. CM.
übermittelt. Herr Dr. Semmelweis hat sich nun im Frühling und
Sommer diesen Versuchen mit grossem Eifer und grosser Gewissen-
') Sitzungsbericht der Tiiatliematisch-aaturwissenschaftlichen Classe. Jahrgang
1850, II. Band. III. Heft, yag. 291.
Die Aetäologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettflebers. 289
liaftigkeit unterzogen, und die Obduction der Thiere gemeinschaftlich
mit mir vorgenommen. Dieselben haben aber bis jetzt nur zwei-
deutige Resultate geliefert, und es hat sich für mich die Ueber-
zeugung herausgestellt, dass Versuche an Thieren nicht das geeignete
Mittel sind, um die Zweifel über diesen hochwichtigen und für Jeden,
in dessen Augen das Menschenleben noch einigen Werth hat, so
höchstinteressanten Gegenstand zu heben, sondern dass dies nur ge-
schehen kann durch .Sammlung von ähnlichen Erfahrungen, wie sie
Herr Dr. Semmel weis an hiesiger Gebäranstalt in einer für jeden
Menschenfreund so erfreulichen Weise machte.
In Anbetracht dessen gebe ich, nach Uebereinkunft mit Herrn
Dr. Semmelweis, der in diesen Tagen Wien verlassen hat. um seinen
Wohnsitz in Peetb aufzuschlagen, der kaiserlichen Academie der
Wissenschaften hiermit die mir unterm 31. October 1849 zugestellte
Anweisung auf 100 fl. CM. zurück."
Ich habe ähnliche Erfahrungen wie im Wiener Gebärhause seit-
dem an zwei anderen Anstalten gemacht, ich habe in dieser Schrift
ähnliche Erfahrungen Anderer zusammengestellt, und glaube in Folge
der vollgiltigen Beweiskraft dieser Erfahrungen heute Versuche an
Thieren für überflüssig erklären zu können.
Professor Skoda sagte in seinem Tortrage: „Eine gegründete
Aussicht, die Sache recht bald ins Klare zu bringen, lag in dem Um-
stände, dass in der Prager Gebäranstalt die Erkrankungen! von Zeit
zu Zeit gleichfalls sehr zahlreich waren, und allem Anschein nach
dieselbe Ursache hatten als in Wien. Ich forderte also zur Ein-
führung der Chlorwaschungen in der Prager Gebäranstalt auf.
Bei den in Folge dieser Aufforderung an der Prager Lehranstalt
gepflogenen Verhandlungen behielt jedoch die Ansicht, dass die
l'ini pt i uhrki ankiiiiiren durch epidemische Einflüsse bedingt sind, die
Oberhand, und man scheint die Chlorwaschungen bisher entweder gar
nicht, oder nicht mit Ernst in Anwendung gebracht zu haben !
Scanzoni und Se.yfert haben sich in Folge dieser Aeusserung
Skoda's veranlasst gefühlt, eine Rechtfertigung zu veröffentlichen.1)
Nachdem die Erfolge der Chlor Waschungen uns nicht mehr zweifeln
Hessen, welches die Ursache des Kindbetthebers sei, fassten wir tu
unserem Streben, das Menschengeschlecht so schnell wie möglich und
einen so {rossen Theil desselben als nur immer möglich dieser Wohl?
that theilhaftig zu machen, den Entschluss uns auch brieflich nach
Prag zu wenden, obwohl die Redaction der Zeitschrift der k. k. Ge-
sellschaft der Aerzte die Sache schon veröffentlicht hatte, weil wir
wnssten, dass das Prager Gebärhaus, wie das Wiener, vom Kindbett-
fieber stark heimgesucht sei, und konnte denn die Sache anders sein?
ist doch die raedicinische Schule in Prag so gut eine anatomische wie
die Wiener. Und hat sich die Sache in Prag, wie zu erwarten war,
auch bewährt, so konnte es nicht mehr lange dauern, und das
Mens.« dfcBBg eschlecht ist einer Geissei los geworden, welche es nur zu
lange schon gequiilt.
Da aber mit der Anerkennung dieser Wahrheit zugleich das Be-
kenntniss einer früher unbewusst begangenen Schuld verbunden ist,
so glaubten wir die Sache einem anerkannten Namen anvertrauen zu
1 Viertdjabrauohrift für die practiscbe Heilkunde, hemtttetgtlMII voü der
niedicinischen Facultät zu Prag. Siebenter Jahrgang 1850, 2. Band
BmNMlweiä' ^namtiiftltt Werke. 19
290
SemmelweiB' Abhandlungen nnil Werk über das Kitnibeitüeber.
müssen, welcher sicli wieder nicht an die unmittelbar Betheiligten
zu wenden habe. Daher hat Skoda an Nadherny. an einen Mann
geschrieben, dessen Verdienste um die Hebung der medicinischen
ultät zu Prag uns Bürge waren, dass er sich der Sache an-
nehmen werde.
Nadherny hat Skoda's Brief, nachdem er ihn in Prag erfolglos
mitgetheilt, an seinen Schwiegersohn, den Professor Hofrat.h Kiwißch,
nach Würzburg gesendet und Ki wisch ist in Folge dieses Bri
wie er selbst öffentlich in einem Aufsatze, den wir später beurtheilen
werden, erzählt, zweimal nach Wien gekommen, um sich mit mir in
dieser Angelegenheit zu besprechen.
Doch hören wir was Scanzoni sagt. Scanzoni sagt: „Professor
Skoda entwickelt in dem gedachten Vortrage zuerst die Thatsachen
und Schlüsse, aus deren Combination die Entdeckung des Dr. Semmel-
weis hervorgegangen ist. Dieser Theil des Vortrages bietet übrigens
zu wenig Neues, als dass wir es für nöthig hielten, ihn hier weiter
auseinanderzusetzen, denn dem grössten Theile des ärztlichen Publieums
dürfte es bekannt sein, dass die Erkrankungen und Sterbelalle der
allgemeinen Annahme zu Folge in Gebärhäusern viel häutiger sind,
als ausserhalb derselben."
Die Thatsachen sind allerdings nicht neu. nur die Schlüsse, die
ich aus alten Thatsachen ziehe, sind neu; nachdem es Thatsache ist.
dass in Gebärhäusern die Erkrankungen nnd Sterbefälle viel häufiger
sind, als ausserhalb derselben, so ziehe ich aus dieser alten Thatsache
den neuen Schluss, dass die zahlreicheren Erkrankungen und Sterbe-
fälle im Gebärhause nicht durch atmosphärische Einflüsse bedingt
sein können, weil die Wöchnerinnen im Gebärhause und die Wöchne-
rinnen ausserhalb des Gebärhauses denselben atmosphärischen Ein-
flüssen ausgesetzt sind, folglich in gleicher Anzahl erkranken und
sterben raiissten. Und wenn Scanzoni und die Legion der Epidemiker
trotz dieser Thatsachen das Kindbettfieber durch atmosphärische
Einflüsse entstehen lassen, so beweist das nur. dass ihnen der Wider-
spruch zwischen der Lehre und den Thatsachen wegen Mangel an
Nachdenken noch nicht zum klaren Bewusstsein gekommen ist. oder
wenn selbe ja den Widerspruch erkannt haben, sind selbe dennoch
bei dem accreditirten Irrthume des epidemischen Puerperalfiebers ge-
blieben, weil selbe nichts Besseres an deren Stelle zu setzen ver-
mochten.
Scanzoni sagt: „Skoda macht ferner auf das Erkrankungs- und
Mortalitätsverhältniss der beiden Gebärkliniken des Wiener Kranken-
hauses aufmerksam, woraus man entnimmt, dass die Zahl der Tu
fälle auf der für die Aerzte bestimmten Klinik bis Juni 18-47 constaut,
im Jahre 1846 sogar um das fünffache grösser und innerhalb sechs
Jahren durchschnittlich dreimal so gross war, als auf der zum Unter-
richt für Hebammen bestimmten Abtheilung."
Der Leser erinnert sich, welche neue Schlüsse ich aus dieser alten
Thatsache gezogen: diese alte Thatsache lieferte mir sämmtliche Hilfs-
mittel für meinen Feldzug gegen die bisher giltige Aetiologie des Kind-
bettfiebers, diese alte Thatsache zeigt, dass, wenn in dem durch die
Tabelle 1 repräsentirten Zeiträume drei Wöchnerinnen an der I, Ge-
linik starben, die transferirten gar nicht gerechnet, man wohl für
die beiden andern das ätiologische Moment für das Kindbettfieber in
der bisher gütigen Aetiolosrie finden konnte. Diese alte Thatsache
Die Aetiologie. der Begriff nnd die Prophj-Jaxis des Kindbettfiebers. 291
überzeugte mich, das> <js aussei1 der bisher gütigen Aetiologie des
Kiiidbettfiebers noch eine andere geben müsse; ich habe die noch un-
bekannte Aetiologie gesucht und habe selbe gefunden.
Roanzoni sagt ferner: Dr. Semmehveis kam nun bei der Kenntniss
der Thatsache, dass durch die Einwirkung faulender thierischer Sub-
stanzen auf das Blut Pyamie hervorgerufen werde, auf den Gedanken,
dBSS den häufigen Erkrankungen der Wöchnerinnen in Gebärhäusevn
die Uebertragung von derartigen Substanzen auf die Geburtstheil<- m
Grunde liegen köuue, und hielt eine solche Infection dadurch ermög-
licht, dass seinen und den Händen der Schüler derartige deletäre
Stoffe von den häufig kurz zuvor gemachten Leichenuntersuchungen
ankleben und bei der Exploration auf die Genitalien der Individuen
übertragen werden. Zu Gunsten dieser Ansicht sprach das bedeutend
günstigere Erkrankungsverhältniss auf der Abtheilung für Hebammen,
welche sich nie mit Leichenuntersuchungen beschäftigen, und der
Umstand, dass die Erkrankungen zunahmen, wenn der Assistent und
die Schüler die Sectionslocalitäten häufiger besuchten.
Dm die Richtigkeit seiner Ansicht zu erproben, traf Dr. Semmel-
weis gegen Ende Mai 1847 die Verfügung, dass Jedermann vor jeder
1 nt^rsuchnng einer Schwangern. Gebärenden oder Wöchnerin die
Hände mit Chlorwasser waschen musste. Auf diese Anordnung er-
krankten die Wöchnerinnen auf der für die LStudirenden bestimmten
Abtheilung plötzlich nicht zahlreicher, als auf der Abtheilung für
Hebammen. Und gewiss, wenn durch eine Massregel, welche nichts
Anderes leisten kann , als den an den Händen klebenden zersetzten
Stoff zu zerstören, an einer Abtheilung die Sterblichkeit auf 45 Todte
unter 8556 Wöchnerinnen herabgedrückt werden kann, an welcher
früher durch sechs Jahre die Sterblichkeit bei einer geringeren Zahl
von Wöchnerinnen, ein Jahr ausgenommen, zwischen 237 und 518
l'< mIihi schwankt (siehe Tabelle I, Seite 100). so ist unzweifelhaft
bewiesen, dass der zersetzte Stoff die Ursache der grossen Sterb-
lichkeit war. Im Jahre 1841 starben 192, im Jahre. 1845 starben
196, im Jahre 1844 starben 215. im Jahre 1843 starben 229, im Jahre
1846 starben 414, im Jahre 1842 starben 463 Wöchnerinnen mehr
als im Jahre 1848. wo das ganze Jahr hindurch die thlorwaschungen
durch mich beaufsichtiget wurden.
Scanzoni sagt: Nach dieser historischen Entwicklung und Dar-
stellung der von Dr. Semmelweis gemachten Entdeckung geht Prof.
Skoda zu den Massnahmen über, welche nöthig scheinen, die Ent-
deckung des Dr. Semmelweis ausser Zweifel zu setzen. Zu diesen
Massnahmen gehört auch der Brief, den Skoda an Nadherny gerichtet.
Scanzoni sagt: Prof. Skoda behauptet, zur Einführung der Chlor-
waschungen in der Prager Gebäranstalt aufgefordert zu haben, doch
geschah dies, so viel uns bekannt ist, weder von seiner noch von
Seite des Dr. Semmelweis auf eine der Wichtigkeit des Gegenstandes
entsprechende Weise, wenigstens erhielten wir die Nachricht über die
von Dr. Semmelweis empfohlene Massregel immer nur auf indirectem
Wege durch Aerzte, welche ihr Weg zufällig von Wien nach Prag
fahrte. Eine directe briefliche Aufforderung von Seite der genannten
beiden Aerzte ist, so viel uns bekannt wnrde, an die Vorsteher der
Prager Gebäranstalt nie ergangen.
Der Leser wird wissen, was er Yon dieser Darstellung Scanzoni's
19«
292
Seuimelweis' Abhandlungen und Werk über das Kiudbettlieber.
halten soll, wenn er selbe mit dem zusammenhält, W&l wir über di
Gegenstand gesagt
Dem Ausspruche Skodas: .Man Boheint die r|il«uwaschungen
bisher entweder gar nicht, oder nicht mit Ernst in Anwendung ge-
bracht zu haben", stellt Scanzoni die Hehauntmiir gegenüber, dass
kurz iirsrh dam Bekanntwerden der in der Wiener «.ebäianstiilt ge-
machten Erfahrungen auch in Prag die Chlorwas« Illingen rin^efiihi t
und ihre sorgfältige Vornahme von Seite der Schiller auf das eifrigste
überwacht wurde, was jene bestätigen können, welche zu jener Zeit
die Prager Klinik besucht.
Und um das Gerücht zu widerlegen, welches sich nach Scanzonifl
Angabe in Wien verbreitete, dass gerade während der Zeit seiner
Assistenz das Mortalitätsverhältniss ein auffallend ungünstiges war.
welches ungünstige Mortalitätsverhältniss besagtes Gerücht dem Um-
stand zuschrieb, dass Scanzoni die von Dr. Semmel weis empfohlenen
Chlorwaschungen unterlasse.
Im !m - Gerücht zu widerlegen, veröffentlicht Scanzoni die
.Monat-Rapporte des Prager Gebärhauses vom 1. Mai 1847 bis
81. August 1848. also die Rapporte von In Monaten, innerhalb welcher
nur während vier und einem halben Monate die Chlurwaschungen
geübt wurde n.
Aus diesen Rapporten geht hervor, dass innerhalb dieser lö Mo-
'L Wöchnerinnen verpflegt wurden, wovon 45 gestorben sind,
also lWfl. während sich auf der Wiener I. geburtshilflichen Klinik
in den Monaten Juni 1847 bis April 1848. während welchen Monaten
die ( 'hlorwaschungen unter meiner Beaufsichtigung ununterbrochen
geübt wurden, ein Mortalitätsverhältniss von 2,5% herausstellte, es
tat daher -las sterblichkeitsverhältniss der im Prager Gebärhause be-
handelten Wöchnerinnen um 0.0"„ günstiger, obwohl während zehn
und einem halben Monate keine Chlorwaschungen gemacht wurden,
als auf der Wiener geburtshilflichen Klinik, wo ununterbrochen die
Olllorwaschungen durch mich beaufsichtigt winden.
Scanzoni erzählt ferners, dass von den ins Krankenhaus traus-
ferirten Wöchnerinnen noch 41 gestorben seien, gibt man nun diese
41 zu den im Gebärhause verstorbenen 45 hinzu, so ergibt .sich ein
Sterblichkeitsverhältniss von 86 Todten unter 2721 Wöchnerinneu.
d. i. 3./,,,
Damit nun. fährt Scanzoni fort, auch hier ein Vergleich zwischen
den Resultaten der Wiener und Prager Gebäranstalt durchgeführt
werden könne, so wäre es sehr wünschenswert li. wenn von »Seite der
ersteren Anstalt auch veröffentlicht würde, ob und wie viele Wöch-
nerinnen auf die übrigen Abtheilungen des Krankenhauses transtVriit
wurden. Aber selbst in dem Falle, dass in Wien gar keine Trans-
ferirungen stattgefunden hätten, was nicht angenommen werden kann,
da Prof. Skoda selbst erwähnt, dass die erkrankten Wöchnerinnen
zuweilen von der Gebäranstalt in das Krankenhaus übertragen wurden,
bo bleibt unser Mortalitätsverhältniss nur um 0,a°„ ungünstiger als
jenes der Wiener Klinik, ein Unterschied, welcher gewiss in den
Augen eines jeden Unbefangenen viel zu unbedeutend erscheinen
wird, als dass er zu Vorwürfen für unsere Anstalt, zu Verdächtigungen
und Beschuldigungen der daselbst angestellten Aerzte berechtigen
könnt"'.
Hierauf können wir Scanzoni versichern, dass die Trausferirungeu,
Die Ätiologie, der Begnül und die Prnphjlaus d»- ttftebwf. _".».",
von welchen Skoda erzählt, in die Zeit vor Einführung der Chlor-
Waschungen fallen. Skoda fuhrt ja diese Transitoirungen als Ben
dass die Sterblichkeit an der L Gebärklinik vor Einführung der
Chlorwaschnngen noch bedeutender war, als die Rapport« »eigen,
weil von Zeit zu Zeit massenhafte' Traiisferirnitg&n vorgenommen
wurden, wodurch d:\s Sterbliehkeitsverhältniss intch dem Rapporte
günstiger tat, als es in der Wirklichkeit war; nach Einführung der
Chlorwaschuntren wurden nur einzelne wenige Individuen, welche
wegen ihres Zustande* für die übrigen zu gefährlich waren, trans-
fenrt, und Scanzoni kann überzeugt sein, dass ich bald entlarvt
worden wäre, falls ich nur Verminderung der Todesfälle an der I. Ge-
bffrklinik die kranken Wöchnerinnen fortgeschickt hatte, und wenn
ich dann die verminderten Todesfälle den rhlorwaschuugen zuge-
schrieben hätte.
t'ni den Leset oben .Massstab an die Hand zu a-ehen. zur Be-
mtheilung der von Scanzoni veröffentlichten Rapporte, vollen wir
einiges Hierhergehörige recapituliren.
Der Leser erinnert sich, dass wir die Frage, wenn durch ge-
tn diene Uasaregefal alle Fälle von Infeetion von aussen verhütet
werden, wie viele Wöchnerinnen werden immer noch in Folge, von
nnverhiitbarer Selbstinfection sterben? dahin beantworteten, dass uns
in diesem Punkte unsere eigenen Erfahrungen keinen sicheren A.UB-
h gestatten, dass wir aber glauben, die ßapporte des Wiener
Gebärhauses aus der Zeit, wo die Medicin in Wien noch der anato-
mischen Grundlage entbehrte, seien geeignet, über diesen Punkt Aut-
schlnss zu ertheilen. In diesen 39 .Tahren kommen 2"> Jahre vor,
wahrend welchen nicht eine. Wöchnerin von 100 Wöchnerinnen starb.
sieh- Tabelle Nr. XVII, 8. 135 u. Tabelle Nr. XXIV. s, lsr.i
Es starb nämlich während 2 Jahren eine von 400 Wöchnerinnen,
während 2 Jahren starb eine von 300 Wöchnerinnen, während B Jahren
starb eine von 200 Wöclmeriniien und während 13 Jahren starb Dient
eine von 100 Wöchnerinnen.
Wir stellen daher keine strenge Anforderung an ein Ue.bärhaus,
wenn wir von selbem fordern, dass von den in demselben verpflegten
Wöchnerinnen nicht eine von 100 sterbe.
Wenn nun aus den durch Scanzoni veröffentlichten Kapporten
hervorgeht, dass im Prager Gebärhause während der angeführten
In Monate 3., "„ Wöchnerinnen am Kindbettfieber starben, so ist da-
durch bewiesen, dass im Frager Gebärhause Infectionsfälle von aussen
vorgekommen sind, und wenn Scanzoni sagt, dass zur selben Zeil in
Wien trotz der Chlorwaschungen eine ähnliche Sterblichkeit vorkam,
so müssen wir den Leser daran erinnern, dass wir damals allerdings
trotz den f blorwaschungen zahlreiche Infectionsfälle von aussen hatten,
weil wir damals noch so unbewandert waren, dass wir uns nach der
Untersuchung eines Medullarkrebses der Gebärmutter nicht die Hände
in I hlor wuschen, wir sonderten nicht die Kranken mit dem oariöseu
Knie, und damals hatten wir uns auch über Schüler zu beklagen,
weihe die Cfolorwasehnngen nicht strenge genug beobachteten. Im
Wiener Gebärhause, in welchem, während die Median der anatomischen
Grundlage entbehrte, innerhalb 39 .fahren 25 Jahre nicht eine Wöch-
nerin von 100 starb, 7 Jahre 1 Wöchnerin von 100, & Jahre 2 Wöch-
nerinnen von 100. 1 Jahr 3 und 1 Jahr 4 Wöchnerinnen von 100
starben, steigerte sich die Sterblichkeit in Folge der anatomischen
2U4
Semuiehveis Abhaudlungen niid Werk über das Kindbettfieber.
Richtung der Median iu dem Grade, dass die Sterblichkeit des Ge-
barhauses als Ganzes genommen im Jahre die Höhe von 12 "„ er-
reichte, die J. Gebärkltiiä für sieh genommen, die Höhe von II
und die Monate der I. Geb&rklinik genommen bis zur Höhe von 3] "„.
Die medicinisi-.he Schule zu Prag ist wie die Wiener eine
tmnisihe: wenn in Wien die anatomische Richtung der Mediein M
viel Unglück über das Wiener Geb&rbaus brachte, s.» dmub dasselbe
in Prag, da die Gesetze der Katar in Wien und in Prag dieselben
sind, auch geschehen sein, der natürliche Schluss ist daher. •'
Prager GebärhauB traurigere Zeiten gesehen haben muss, als wahrend
der 15 Monate, von welchen uns Scanzoni die Rapporte mittheilt
Das Prager Gebarhaue ist, sowie das Wiener, iu eine Klinik für
Aerzte und in eine Klinik für Hebammen eingetheilt. und gewiss
wurden wir iu Prag «hisseliie Factum zur Beobachtung bekommen
haben, welches wir in Wien und Strassburg beobachteten, nämlich
dass in zwei Abtheilungen einer und derselben Anstalt ein auffallend
«lilferenter Gesundheitsznstand, und zwar m Ungunsten der Klinik
für Aerzte herrsehe, wenn nicht durch regelmässig vorgenommene
Transferirungen «1er Unterschied ausgeglichen worden W&re.
Für unsere. Behauptung, dass das Prager Gebärhaus traurigere
Zeiten gesehen haben müsse, als die 15 Monate waren, von welchen
uns Scanzoni die Rapporte mittheilt, benöthigeu wir keinen an«!
Beweis, als den, dass es im Wiener Gebärhause auch so war.
Znm (Teberfloss erzählt uns Scanzoni in seinem Lehrbuche dar
Geburtshilfe, was für grossartige Erfahrungen er im Prager Gel
banse in Bezug auf die Zahl der beobachteten Kindbetttieberfälle
gemacht, Erfahrungen, welche nur gemacht werden können in einem
Gebärhause, welches, sowie das Wiener, unbarmherzig vom Kindbett -
fieber heimgesucht wird.
Doch bevor wir zu Sranzoni's «rrossartigen Erfahrungen über-
gehen, ist es nüthig, seine Eintheilung der Entzündungen, wie solche
nach der Meinung Scanzoni's im Wochenbette vorkommen, einer Be-
in theilung zu unterwerfen.
Scanzoni theilt die puerperalen Entzündungen ein in solche,
welche ohne Blutentmischung verlaufen, und diese Entzündungen
dienen den Namen Puerperalfieber nach Scanzoni nicht, können aber.
wenn im Verlaufe der Krankheit eine Resorption der Ent/.ündungs-
producte Stattfindet, zum Puerperalfieber dadurch werden, das.-* in
Folge der resorbirten Entzündungsproducte eine Blutentmischung ein-
tritt. Hierher gehört Euilometritis, die Metritis, die Metrophlebitü
puerperalis. die Metrolyrouhangoitis. die Peritonitis pnerperalis, die
peritonäale Oophoritis, die parenchymatöse Oophoritis, die puerperale
Entzündung der Puben. «li« Colpitis puerperalis und in solche Ent-
zündungen, Welchen eine IJlutentmischung vorausgeht. Diese Fälle
sind das eigentliche Puerperalfieber, hierher gehört die Hyperinose,
die Pyaemie und die Blutdissolutiou der Wöchnerinnen.
Und obgleich sowohl am Krankenbette, als auch am SectJona-
tische Fälle beobachtet werden, welche zwar unter die Hyperinosis,
andere, die man unter die Pyaemie, und andere, die man unter die
Blutdissolutiou. und wieder andere, die man unter keine der drei ge-
nannten Formen subsumiren kann, beobachtet, welche dann nach
zoni unter die Entzündungen zu zählen sind, die nicht Puerperal-
fieber sind, so ist es doch gewiss, dass alle diese Formen Resorptions-
Die Äetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfieberä, 295
r
oder nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauche Puerperalfieber sind,
weil alle diese Formen in Folge der Resorption eines zersetzt . i-
Sfcoffea entstehen; warum aber der resorbirte zersetzte .Stoff einmal
die Form, welche man Hyperinose, ein andermal die. welche man
Pyaemie, einmal die, welche man Blutdissolution, und einmal wieder
Formen, welche unter die genannten nicht subsumirt werden können,
erzeuget, das wissen wir. wie wir schon einmal erklärten, als wir
Prof Levy's Zweifel aufklärten, nicht. Vielleicht hangt das von
grösseren oder geringeren Fäulnissgraden des resorbirten Stoffes, viel-
leicht von der Reactionsfähigkeit des Organismus, vielleicht von
anderen Umständen ab. Wir wissen nur gewiss, dass in allen diesen
Fällen ein zersetzter Stoff resoibirt wird, welcher das Blut manchmal
augenscheinlich, manchmal auf eine für unsere Sinne nicht erkenn-
bare Weise entmischt und dass in Folge der Blutentmäseliung die
Entzündungen eintreten. Und dass auch in jenen Fällen, wo eine
augenscheinliche Blutentmischung fehlt, und welche deshalb von
Scanzoni nicht als Puerperalfieber anerkannt werden, wirklich ein
zersetzter Stoff resoibirt wird, ist dadurch bewiesen, dass auch dies«-
alle durch Chlorwaschiingen verhütet werden können.
Im Jahre 1841 starben 192, im Jahre 1845 starben 196, im
Jahre 1844 starben 215, im Jahre 1843 starben 229, im Jahre 1846
starben 414, im Jahre 1842 starben 463 Wöchnerinnen mehr als im
Jahre 1848, wo die Chlorwaschungen geübt wurden, und doch waren
gewiss diese 1709 mehr todte Wöchnerinnen in 6 Jahren nicht lauter
Fälle von Hyperinose, von Pyaemie, von Blutdissolution, sondern es
waren gewiss die grössere Zahl der Fälle solche, wo eine augen-
scheinliche Blutentmischung nicht beobachtet werden konnte, und
doch sind selbe durch die Chlorwaschungen verhütet worden, als Be-
weis, dass auch diese Fälle in Folge der Resorption eines zersetzten
Stoffes entstanden sind, dass selbe folglich Resorptions- oder Puer-
ralhebertalle waren.
Der Leser wolle nicht ungeduldig werden, weil ich immer und
immer wieder auf den verbesserten Gesundheitszustand der I. Gebär-
klinik zurückkomme, der Erfolg der Chlorwaschungen ist aber eben
der p'els, an dem meine Gegner zerschellen.
Nachdem wir durch den Erfolg der Chlorwaschungen bewiesen
haben, dass die Entzündungen im Wochenbette, welche Scanzoni
nicht als Puerperalfieber anerkennen will, den Wochen nach identisch
seien mit jenen, welche Scanzoni als Puerperalfieber anerkennt,
wollen wir zu den grossartigen Erfahrungen, welche Scanzoni in
Prag in Bezug auf die Zahl der beobachteten Puerperalfieberfälle
gemacht, zurückkehren,
Scanzoni spricht in einem Gesuche, welches er unterm 29. März
1849 an das böhmische Landesgubernium gerichtet, von seiner mehr
als fünfjährigen Dienstleistung in den Krankenanstalten Prags. N>>-
uinber 1850 begann seine Wirksamkeit als Lehrer in Würzburg,
folglich hat S.an/oui sieben Jahre in den Krankenanstalten Prags
gedient. Wie viele Geburten sich in Prag während diesen sieben
Jahren ereigneten, weiss ich wohl nicht, wenn wir aber zwölf von
den fünfzehn durch Scanzoni veröffentlichten Monaten als Basis an-
nehmen, so ist, da vom 1. Juni 1847 bis letzten Mai 1848 sich 2210
Gebarten ereigneten, anzunehmen, dass sich in diesen 7 Jahren 15.470
Geburten zutrugen.
296
Semmel weis1 Auhnudluiigeu und Werk Über da» Kimlbettneber.
Wann wir nun die Forderung, dass nicht eine Wöchnerin von
100 Wöchnei innen am Kindbetttit ibi r sterbe, auch an das Prager Ge-
b;irliaiis Hellten, .so gibt das während 7 Jahren beiläufig: 150 Todte.
lud dass diese Forderung berechtiget ist, können wir dadurch be-
weisen, dass wir diese Forderung trotz ungünstiger Verhältnisse
während 7 .Monate im Jahre 1848 an der ersten Gebärklinik zu Wien,
während <i Jahren im St Kochusspital zu Pest und während
Jahre* an der geburtshilflichen Klinik zu Pest erfüllten. In Wien
stürben zur Zeit als die Medicin noch der anatomischen Grundlage
entbeli ite. innerhalb 25 Jahren von 44.838 Wöchnerinnen 273,
nicht eine von 100 (siehe Tabelle Nr. XXV. Seite 1U2) und innerhalb
262 Jahre, von welchen wir die Kapporte von 4 Londoner und
2 Dubliner Gebärhäusern besitzen, kommen 19 Jahre, in welchen ran
455h Wöchnerinnen keine einzige starb, und wahrend 105 Jahren
st Milien von 109.656 Wöchnerinnen 72i*. also ebenfalls nicht eine von
100 (siehe Seite 207. Zeile ß von unten).
Wenn nun Scanzoni an einer Anstalt, an welcher innerhalb
7 Janren nur 150 Todesfälle in Folge von Puerperalfieber entstanden.
durch Selbstinfection vorkommen konnten, falls alle InfectionsflÜle
von aussen verhütet worden wären, so grossartige Erfahrungen machen
konnte in Bezug auf die Zahl der beobachteten Pnerperalfieberfälle,
dasa Scanzoni,1) obwohl er die Entzündungen im Wochenbette»! viele
Formen zersplittert, dennoch von einer einzigen, nämlich von dir
Endometritis sagen kann, er habe in der Prager Gebäranstalt
legenheit gehabt, hunderte von au Endometritis leidenden Wöchne-
rinnen zu behandeln, und zwar erfolglos, denn Scanzoni sagt er habe
sich überzeugt, dass die Aufgabe des Arztes bei der Behandlung- des
fraglichen Leidens nur in der Bekämpfung der quälendsten und
fahrdrohendsten Symptome besteht (siehe 1. Auflage, Band III., Seite 380,
II. Auflage, Band IL, Seite 948) —
Wenn Scanzoni bei der Metritis sagen konnte, er habe hunderten
von Sectionen verstorbener Wöchnerinnen beigewohnt (siehe I. Auflage,
Band III., Seite 382, II. Auflage, Band IL, Seite 950 1 -
Wenn Scanzoni es an einer anderen Stelle nochmals wiederholt.
dass er hunderten von Sectionen am Puerperalfieber Verstorbener
beiwohnte (siehe L Auflage, Band HL, Seite 464 und II. Auflage,
Hand IL, Seite 1010} —
Wenn Scanzoni uns erzählen kann, ,,dass im Verlaufe einer
Epidemie einzelne stürmische, kaltfeuchte Tage einen das httufigere
und intensivere Auftreten von Krankheiten unverkennbar begünstigen-
den Einfluss ausüben, so dass nicht selten alle in einer Geb&ranstalt
an einem bestimmten Tage Entbundenen puerperal erkranken, wie
wir dies im Monat October 1846 in der Prager Gebäranstalt be-
obachteten, wo wir an einem Tage 13 Erkrankungen zählten11
(L AnHage, Band III.. Seite 462, IL Auflage, Band IL, Seite 1009) —
Wenn Scanzoni so grossartige Erfahrungen machen kennte
entnimmt daraus der trauernde Menschenfreund, welch eine entsetz-
liche Verschwendung an Menschenleben auch im Prager Gebärhause
stattgefunden, und das sind nur die .Mütter, und WO ist gril
Legion der Kinder, die dureh ihre. Mütter inficirt, kaum geboren, an
derselben Blutentmiscbuiig sterben mussten.
l.-lirbuch der Geburtshilfe, Wien.
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindlettüebers. 297
Einen geringen Trost findet der Menschenfreund in dein Um-
stände, dass, obwohl die kleinst mOgb'che Sterblichkeit niehl erreich!
winde, es docli in den 15 Monaten, deren Rapporte nns Seanzoni
mittheilt, besser ging, als vor dieser Zeit, denn selbst bei einer
Sterblichkeit, wie sie Seanzoni während dieser 15 Monate dnsweiset,
sind so srrossartige Erfahrungen nicht zu macheu. abgesehen davon,
dass Seanzoni während der 7 Jahre seiner Dienstleistung in den
Prager Krankenanstalten immer nur einen Theil der vorgenommenen
Puerpnalfieberfälle beobachten konnte; so lange er Assistent war.
sind seiner Beobachtung alle jene Fälle entgangen, welche er auf
andere Abteilungen transferirt, und während er Vorstand der gyiuie-
cologisehen Abtheilung war, konnte er nur die Fälle beobachten,
welche auf diese Abtheilung transferirt wurden.
Und wie denn nicht, es führte ja zufällig viele Aerzte ihr Weg
von Wien nach Prag, welche dort die von Dr. Semmt lwei> em-
pfohlenen Massregeln zur Verhütung des Puerperal riebers erzählten,
und dadurch die das Prager Gebärhaus Besuchenden vorsichtiger
machten.
Und wer erinnert sich nicht bei dieser Veranlassung an Dietl's
Ausspruch.
Im Ganzen hört man jetzt wohl weniger von diesen verheerenden
Pnerperalepidemien, vielleicht liegt die Ursache in Beobachtung jener
Einrichtungen, die sich auf ihre Erfahrungen basiren — — ohne
dass man et sich selbst und der Oeffentlichkeit gegenüber einge-
stehen will.
Seanzoni sagt: „Was nun den in der Prager Gebäranstalt be-
obachteten Erfolg der Chlorwaschungen anbelangt, so ist zu erwähnen,
8*88 dieselben im Monate März 1848. wo das Puerperalfieber häufiger
und bOeartiger auftrat, zum ersten Male angeordnet und beharrlich
während der zweiten Hälfte des Monates März, sowie auch in dem
ganzen nachfolgenden Monate April durchgeführt wurden.
Da sich aber, ohngeachtet wir auch in dieser Periode die Sections-
h« alitäten nur äusserst selten besuchten, die Zahl der Erkrankungen
durchaus nicht minderte, so wurden die Ohlorwa» drangen des Ex-
perimentes wegen auf einig« Zeil ausgesetzt und was diese mit der
-ten Sorgfalt vorgenommenen und überwachten Waschungen triebt
veini.-ehten, das vollbrachte ein günstiger Genius epidemicus : die Er-
krankungen minderten sich plötzlich, so dass wir im Monate Mai auf
205 Wöchnerinnen nur einen Todesfall zählten, während in den Ho
naten März und April, wo mit Chlorkalk gewaschen wurde, auf 406
Entbundene zufällig 31 Todte kamen.
Nachdem wir uns uun die Ueberzeugung verschafft hatten, dass
diese Massregel nicht im Stande sei, den einmal ausgebrochenen
häufigen Erkrankungen der Wöchnerinnen Einhalt zu thun, lag es
uns ob. zu erforschen, ob sie vielleicht zureiche, das Auftreten solcher
Pnerperalepidemien im Gebarhause hintanzuhalten. Die Waschungen
winden daher Anfangs -luni neuerdings eingeleitet, und ohne dass
od eine Ursache nachweisbar gewesen wäre, erkrankten im
.luni 21. im .luli 9, im August 26; von den ersten starben 9, von
den zweiten 2, von den dritten 8. Wie sich diese auffallende.
Seh wankung in der Zahl der Erkrankungen erklären Hesse, wenn den
' hlorwaschungen wirklich ein so grosser Eintluss zukäme, und die
Häutigkeit der Erkrankungen nur durch die bei der Untersuchung:
298
Scniiiielweis' Abhandlungen und Werk über das Kindljettfielur
stattfindende Leicheninfection bedingt wäre, vermögen wir. jede8 An-
haltspunktes entbehrend, nicht anzugeben. ■
Obwohl wir unsere Bewunderung dem durchdringenden Scharf-
sinne Scanzoui's. welcher ihm wegen des Experimentes die Chlor-
waschungen aussetzen Hess, nicht versagen können, denn ein allt un-
gesunder Menschenverstand hatte sich mit der Zeit vom Tage des
Eröffnen« des Prager Gebärhauses bis zum Tage der Einführung der
Chlorwaschnngen daselbst begnügt, als derjenigen Zeit, in welcher
im Prager i-Sebärliause Experimente ohne Chlorwasehuugen gemacht
wurden, in welcher Hinsicht wir Scanzmii in Bezuu" atit" das Wiener
inliärhaus das fleissige Studium unserer XXIV. auf Seite L84 abge-
druckten Tabelle empfehlen. So können wir uns doch nicht verhehlen,
dass seine Gewissenhaftigkeit durch dieses Experiment in einem
weniger günstigen Licht erscheint: denn Sra nzoni war ja damals, als
er dies scharfsinnige Experiment machte, noch nicht vollkommen über-
zeugt, dass die chlorwasehuugen nicht geeignet seien, das Kindbett-
fieber zu verhüten, diese Ueberzeugung befestigte sich bei ihm ja ei st
dadurch, dass trotz des Aussetzens der Chlorwaschungen die Sterblich-
keit sich minderte, und dass trotz den neuerdings vorgenommenen
< 'hlorwaschungen sich die. Sterblichkeit wieder steigerte.
Wie aber, wenn sich möglicherweise meine Ansicht doch be-
stätigt hätte, und wenn in Folge der Aussetzung der Chlor Waschungen
eine grössere Sterblichkeit eingetreten wäre? Ist es gewissenhaft,
solche Experimente zu machen V
Der Leser erinnert sich, dass wir im April 1847 57, im Mai
36 Todte an der I. Gebärklinik zu Wien hatten.
Bütte Kai beiläufig führten wir die Chlorwaschungen ein. und
darauf verminderte sich die Sterblichkeit auf 6 Todte im .Tuni. auf
3 im .luli, auf 5 im August, aber im September steigerte sich die
Sterblichkeit wieder auf 12» im October auf 11. im November auf 11
und im December auf 8 Todte. Aus dieser, trotz den (hlorwaschungen
gesteigerten Sterblichkeit zogen wir nicht den Schluss, dass die
Chlorwaschungen erfolglos seien, sondern die gesteigerte Sterblichkeit
erregte in uns den Verdacht, dass vielleicht trotz den Chlorwast Innigen
den Individuen zersetzte Stoffe eingebracht werden, und eine deshalb
angestellte Untersuchung zeigte, dass einige Schüler die Chlor-
waschungen vernachlässigten, wir erkannten, dass wir nach der L'nter-
suchung einer mit Krebs der Gebärmutter behafteten Kreissenden die
Hände nicht in Chlorkalk wuschen, so wie wir das Individuum mit
dem cariösen Knie nicht von den übrigen sonderten, was ja dem
Leser schon bekannte Dinge sind; wir haben die Chlorwaschung< n
deshalb nicht nur nicht aufgegeben, im Gegentheil, wir haben selbe
noch strenger geübt, und haben dadurch im .fahre 1848 das glück-
liche Resultat erzielt, dass wir während 7 Monaten nicht eine
Wöchnerin von 100 verloren, und wir wären vielleicht im .fahre 184Ü
und 1850 mich glücklicher gewesen, wenn man uns nicht trotz unseren
Bitten die Gelegenheit entzogen hätte, auch während dieser zwei
Jahre die ('hlorwaschungen an der L Gebärklinik zu leiten.
Auf die Erfahrungen, die. ich in Pest gemacht, und auf die Er-
fahrungen Anderer, die anzuführen ich schon Gelegenheit hatte,
wollen wir hier nur hindeuten.
Scaiizoni hat daher stark gefehlt, dass er nach nicht ganz sechs«
monatlichem unglücklichen Experimeutiren den voreiligen Schluss /<>-.
Die Aetiologie, 4er Begriff uud <lie Prophylaxis fei KiinlVittu-liere. 299
den Chlorwaschungen komme kein so grosser Ehifluss zu, und die
Häufigkeit der Erkrankungen sei nicht bedingt durch die bei der
Untersuchung stattfindende Leicheninfection.
Der Leser liest ja eben die gewichtigen Gründe, welche Scanzoni
gegen mich anführt» er hat gewiss diese gewichtigen Gründe
■ n Schülern nicht verheimlicht, und bei dem Umstände hätte
Scanzoni auf den Gedanken kommen können, nachdem es ihm nicht ge-
lungen ist, tue Sterblichkeit so plötzlich wie iu Wien zu vermindern,
und nachdem trotz neuerdings angewandter Chlorwaschungen die
Sterblichkeit sich wieder steigerte, dass vielleicht gerade diese ge-
wichtigen Gründe die Schüler verhindern sich so gewissenhaft zu
wuschen als es nöthig ist, was ja Hin so wahrscheinlicher ist, da sich
ja sogar unter meinen Schülern solche fanden, obwohl ich so ein-
dringlich die Chlorwaschungen ihnen empfahl.
Es wäre daher viel gewissenhafter gewesen des Experimentes
wegen, nicht die Clilorwaselningeii, sondern das Aufzählen so unwider-
leglicher Gründe gegen die Ohlorwasr Innigen auszusetzen.
Scanzoni hat noch in andern Hinsichten gefehlt, wofür er aber
nicht verantwortlich gemacht werden kann, weil die Entschuldigung
des Nichtwissens ihm zur Seite steht.
Scanzoni nämlich kennt von den drei Quellen, aus welchen der
das Kindbettfieber erzeugende zersetzte Stoß" genommen wird, nur die
• ine. nämlich die Leiche, und dies bezüglich sagt Scanzoni : Wir, wo-
runter er wahrscheinlich auch seine Schüler versteht, haben in dieser
Ivriode die Sectiouslocalitäten nur äusserst selten besucht. Die gro&M
Quelle des zersetzten Stoffes, nämlich alle Kranken, deren Krankheiten
einen zersetzten Stoß' erzeugen, war ihm wenigstens damals unbekannt.
und es ist möglicherweise im Prager Gebärhause das geschehen, was
uns im Wiener Gebärhause durch den Krebs der Gebärmutter, durch
das cariöse Knie geschah, als auch wir noch nicht wussten. dass der
zersetzte Stoff auch von Krauken kommen könne, und wenn Scanzoni
damals glaubte, dass der zersetzte Stoff nur von der Leiche komme,
so hat er gewiss die Tnstituts-Oberhebanime sammt dem übrigen Wart-
personale, da selbe mit Leichen nichts zu thun haben, nicht angehalten.
die Chlorwaschungen zu üben, er hat vielleicht nicht strenge genug
die Utensilien, welche bei Kranken benützt wurden, von den Gesunden
fern gehalten, und dadurch die Erfolge der Chlorwaschungen beein-
trächtigt
Endlich konnte ja der zersetzte Stoff' auch aus der dritten Quelle
genommen werden; ich habe ja dem Leser an betreffender Stelle er-
zählt, dass trotz meiner Wachsamkeit es während zweier Jahre an
der Fester geburtshilflichen Klinik geschehen ist, dass wir Infections-
fälle von aussen hatten, in Folge unreiner Bettwäsche und Wäscher
und Wärterinnen, die ihre Schuldigkeit nicht thun. kann es ja auch
in Prag geben.
Wenn ich nun an Scanzoni's Stelle wäre, und er an mein«), könnte
ich ihm nicht mit voller Wahrheit sagen, dass ich die Chlorwaschungen
mit Ernst in Gebrauch gezogen habe, deshalb wäre doch der Schluss,
iaaa das Kindbetttieber nicht durch Resorption eines zersetzten Stoffes
entstehe, ein falscher.
Und wenn Scanzoni sagt, dass er keine Anhaltspunkte habe, um
diese auffallende Schwankung in der Zahl der Erkrankungen zu er-
klären, wenn den Chlorwaschungen wirklich ein so grosser Einfluss
.".IM,
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindtietttieber
zukäme, und die Häufigkeit der Erkranknngen nur durch die bei der
I'nieTsin-hnng- stattfindende Leicheninfection bedingt wäre, wenn Scan-
zoni das fragt, so können wir ihm ohne Zaudern ilas ernste Studium
dieser Schrift empfehlen, zur Gewinnung solcher Anhaltspunkte: ich
glaube aber, Scanzoni wäre in gr&SSerer Verlegenheit, wenn wir iü<
an ihn richten würden, uns als Gegendienst zu sagen, wo man
denn eine Belehrung über eine Aetiologie des Kindbettfiebers findet,
welche lehrt, dass im Monate .März und April von 406 Wöchnerinnen
31 zufällig gesteiften sind, und dass dieses zufällige Sterben im
Monat Kai durch einen günstigeren Genius epidemicns auf Kineo
Todesfall reducirt wurde, und dass, ohne dass irgend eine Ursache
nachweisbar gewesen wäre, im Juni wieder 9, im Juli 2 und im August
B starben.
Wenn Scanzoni, wärend ersieh gegen Skoda's Vorwurf, die Chlor-
wasrhungen nicht mit Ernst vorgenommen zu haben, vertheidiget,
uns ein so sinnloses Geschwätz Bbir die Aetiologie des Kindbetttiebeis
auftischt, so ntUBfl der Leser gleich mir zur Ueberzengung gelangen,
iaaa Skoda zu milde geurtheift.
Wenn das Präger Gebärhaus eingestürzt und diese Individuen
erschlagen worden wären, so hätte Scanzoni die Ursache dieser
Todesfälle ermitteln können, aber ob der zersetzte Stoff auf eine oder
die andere Weise den Individuen in grösserer oder geringerer Aus-
dehnung eingebracht werde, wodurch nicht nur die Erkrankungen,
sondern auch ob viele oder wenige, das heisst die Schwankungen der
Erkrankungen abhängig sind, das ist eine für scanzoni nicht nach-
weisbare Ursache, sowie er keine Anhaltspunkte hat, um diese
Schwankungen zu erklären.
Scanzoni sagl ferner: „Nicht unerwähnt können wir es übrigens
lassen, dass auf die Prager Gebäranstalt die von Dr, Senimelweis auf-
gestellte, von Prof. Skoda verflochtene Hypothese schon deshalb keine
Anwendung finden könne, weil daselbel euiestheOa nur äusserst wenige
Mütter nach der Entbindung, während welcher di< zur Aufnahme de-
letärer Stoffe disponirenden Verletzungen der Genitalien entstehen,
untersucht werden, anderentheils die im Gebärhaus praktieirenden
Srhiiler nur ausnahmsweise, oft im Verlaufe von mehreren Tagen gar
nicht mit Leichen in Berührung kommen, was gewiss jeder mit den
Verhältnissen unserer Anstalt Vertraute bestätigen wird."
Der Leser hat gesehen, dass bisher Scanzoni immer von einer
Entdeckung gesprochen, und dass er den Thatsachen und Schlüssen,
auf welche diese Entdeckung basirt, keinen andern Vorwurf machte,
als den. dass selbe nicht neu seien; dass die Thatsachen nicht wahr,
oder dass die Schlüsse irrig seien, hat Scanzoni nirgends nachgewiesen.
Nur das letzte Resultat dieser Thatsachen und Schlüsse, nämlich dSBS
das Kindbettfieber durch die Resorption eines zersetzten Stoffes ent-
stehe, hat Scanzoni durch die Experimente, die er in Prag gemacht,
nicht bestätiget gefunden; seine Experimente haben dargethan, dass
im Monate März und April 1848 im Prager Gebärhanse '51 Wöch-
nerinnen zufällig gestorben seien, dass dieses zufällige Sterben im
Mai durch einen günstigeren Genius epidemicus auf Eine Todte be-
BChrankt wurde, und dass im Juni, Juli und August. 16 Wöchnerinnen
ohne irgend eine nachweisbare Ursache verschieden seien.
Deshalb nennt er nun meine Entdeckung eine Hypothese. Wir
bleiben dabei, dass wir eine Entdeckung gemacht, und glauben den
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiehers. 301
Grund, warum uusere in Wien gemachte Entdeckung in Prag MT
Hypothese degradirt wurde, darin zu finden, dass Scanzoni über die
wesentlichsten Punkte dieser Entdeckung nicht aufgeklart ist, wir haben
schon nachgewiesen, dass Scanzoni von den drei (Quellen des zer-
setzten Stoffes nur eine kennt; und selbst mit dieser scheint er nicht
ganz im Reinen zu sein, denn er sagt, dass seine Schüler oft im Ver-
laute von mehreren Tagen nichl mit Leichen in Berührung kommen.
Ein jeder Schiller bleibt 2 Monate auf dem praktisch-geburtshilflichen
Oorse; i" Wien sind 42 Schüler, wie viele in Prag seien, wissen wir
nicht, nehmen aber willkürlich an. es seien deren 20; wenn diese
20 Schüler nur wöchentlich einmal mit einer Leiche in Berührung
kommen, so gibt das 100 Berührungen für _' Monate "ml 960
1 Jahr, hinreichend, um die grossartigen Erfahrungen Scanzoui's in
Bezug auf die Anzahl der beobachteten Puerperaltiebei lulle im Präger
Gebarhause zu erklären, und hinreichend, um 51 Wöchnerinnen zu-
fällig mit 19 ohne nachweisbare Ursache sterben zu lassen, bei
schlecht beaufsichtigten Chlorwaschungen.
Und wenn Scanzoni sagt, dass diese Hypothese auf das Prager
Gebärh&tLS auch deshalb keine Anwendung linden könne, weil daselbst
nur äusseret wenige Mütter nach der Entbindung, während welcher
die zur Aufnahme deletärer Stoffe disponirenden Verletzungen der
Italien entstehen, so können wir Scanzoni versichern, dass auch
in Wien äusserst wenige Mütter nach der Entbindung untersucht
werden, aber durch diesen Ausspruch hat Scanzoni bewiesen, dass er
im Irrt h um ist über die Stelle, wo der zersetzte Stoff resoibirt wird,
und über die Zeit, wann der zersetzte Stoff resoibirt wird.
Die Stelle, wo der zersetzte Stoff resorbirt wird, ist die innere
Fläche des Uterus vom inneren Muttermunde nach aufwärts, wo der
Uterus in Folge der Schwangerschaft die Schleimhaut verloren;
durch Verletzungen kann allerdings eine jede Stelle des Körpers,
folglich auch eine jede Stelle der Genitalien zur Resorptionsstelle
werden: die Zeit der Resorption ist die Schwangerschaft, wenn die
innere Fläche des Uterus zngängig ist, während der Geburt wird
durch die Untersuchung am häufigsten in der Eröffnungsperiode in-
ficirt, in der Austreibmigsperiode kann keine Infection stattfinden,
weil durch den vorrückenden Kindestheil die resurbirende innere
Fläche des Uterus unzugängig gemacht wird, in der Nachgeburts-
periode und im Wochenbette kann die Infection an der inneren Fläche
des Uterus oder an den durch die Geburt verletzten Punkten der
Genitalien geschehen, in der Nachgeburtsperiode und im Wochenbette
jresehieht aber die Infection seltener durch die Untersuchung, weil in
diesen Perioden seltener untersucht wird, in der Nachgeburtsperiode
und im Wochenbette geschieht die Infection öfters dadurch, dass die
Wundstellen der verletzten Genitalien mit Gegenständen in Be-
rührung kommen, welche mit zersetzten Stoffen verunreiniget sind;
hierher gehören: unreine Bettwäsche, Schwimme, Leibschüsseln etc. etc.,
oder die Infection geschieht in diesen Perioden dadurch, dass die mit
zersetzten Stoffen geschwängerte atmosphärische Luft in die Geni-
talien der Individuen eindringt.
Scanzoni sagt: „Professor Skoda hielt es für seine Pflicht, das
Wiener medicinische Professoren-Collegium auf die Wichtigkeit der
von Dr. Semmelweis gemachten Entdeckung aufmerksam zu machen
302
melweis* Abhandlungen und Werk über das Kindbett lieber.
nnd dasselbe aufzufordern, eine Kommission zu ernennen, welche fol-
lM-n zu lösen hätte:
a) Ks wäre eine Tabelle anzufertigen, auf welcher, so weit die
Daten reichen, die Zahl der Entbundenen und Gestorbenen von Monat
zu Monat anzugeben wäre, nnd ein Verzeichniss der Assistenten nnd
Ntudirenden in der Reihenfolge, in welcher dieselben an der Obiir-
anstall gedient und prakticirt hatten. Es sollten diejenigen Assistenten
und st mutenden herrorgesucht werden, welche sich mit Leichenunter-
anchnngen befaast haben, — und aus diesem Verzeichnisse wollte
Skoda ersehen, ob die Zahl der Erkrankungen in der GebSranstail
mit der Verwendung der Assistenten und Studirenden in der Sections-
kämm er im Zusammenhange stehe.
b) Ks wären die sogenannten Gassengeburten auszuheben, weil,
wenn die Ansieht des Dr. Semmel weis richtig ist, die auf der Gasse
Entbundenen, welche, wenn sie in die Gebäranstalt gelangen, nur in
dringenden Fälleu untersucht werden, weniger Erkrankungen dar-
bieten müssen.
c) Es wäre durch eingeholte Berichte zu constatiren, ob in allen
Anstalten, worin Infection durch Leichengift nicht angenommen
werden kann, die Sterblichkeit geringer ist.
'/; Endlich wären Versuche an Thieren vorzunehmen.
Der Antrag wurde vom Professoren-Collegium mit sehr gr
Majorität angenommen, und sogleich die Commission ernannt; allein
das Ministerium entschied über einen Protest des Professors der Ge-
burtshilfe, dass die cummissionelle Verhandlung nicht stattfinden dürfe.
In Folge dieser Entscheidung forderte Professor Skoda den Dr. Semmel-
weis auf, die Versuche, all Thieren selbst vorzunehmen."
Aus dem Umstände, dass in Folge einer Entscheidung des
Ministeriums über einen Protest des Professors der Geburtshilfe die
commission eile Verhandlung nicht stattfinden durfte, in Verbindung
mit der mir verweigerten zweijährigen Dienstesverlängerung, ersieht
der Leser, mit welchen Schwierigkeiten ich zu kämpfen hatte bei
meinem Streben, die Wahrheit meiner Ansicht zur Geltung zubringen,
um dadurch das Menschengeschlecht von einer so entsetzlichen Gel
wie es das Kindbettfieber ist. zw befreien. Warum insbesondere der
Professor der Geburtshilfe Protest eingelegt, ist nicht recht einzu-
sehen: die ganze Welt hatte nicht üble Lust, ihm die Schuld der
grossen Sterblichkeil zuzuschieben, durch diese Erhebungen hätte sich
aber unter anderen auch da gezeigt, dass, so wie er die Schuld der
grossen Sterblichkeit nicht trage, dass es eben so wenig ein Verdienst
lür die an der II. Abtheilung Bediensteten war. dass an dieser Ab-
theilung weniger starben.
So wit früher Ncanzoni den Daten, welche ich gegen die Lehre
des epidemischen Kindbettfiebers anführte, keinen anderen Vorwurf
machen konnte, als den, dass selbe nicht neu seien, so weiss er and
nichts einzuwenden gegen die Daten, welche das Wiener medicinische
Professorencollegium erheben sollte zur Bestätigung meiner Ansicht
nur die Experimente an Thieren erklärt er für werthlos.
Wir haben daher keinen Grund für die Beweiskraft dieser Daten
hier abermals einzustehen, da wir an den betreuenden Stellen Ü
Schrift deren Werth hinreichend würdigten.
' Siehe Tabelle Nr. XV IL Seite 135 und Tabelle Nr. XXIV.
Seite 184. und wenn auch in diesen Tabellen die Namen der firngi
Pie Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindlk'ü fiebern. 303
den Aerzte fehlen, so ist doch die Richtung1 bekannt, in welcher in
den einzelnen Zeiträumen gewirkt wurde, und die diesen Richtungen
entsprechende Sterblichkeit ersichtlich.
ad b) Siehe Seite 124, Zeile 28 und Seite 139, Zeile 29.
ad e) siehe Seite 172. Zeile 28.
Wir haben die Experimente an Thieren an einer anderen Stelle
dieser Schrift heute bei der vollgültigen Beweiskraft zahlreicher ande-
rer Gründe für üliertliissig erklärt, glauben uns aber dadurch nicht
der Pflicht entbunden, selbe gegen die Vorwürfe, welche ihnen Scanzoni
macht, zu vertheidigen.
Scanzoni sagt. Professor Skoda veröffentlicht 9 von diesen Ver-
suchen, aus welchen er jedoch keinen anderen Schlnss ziehen könne,
als dass faulende thieräsche Stoffe, wenn sie in die Genitalien eines
Thieres, welches kurz zuvor geworfen hat, in verhältnissmassig grosser
(Quantität zu wiederholten Malen und im flüssigen Zustande einge-
bracht werden, eine tödtliche Pyämie hervorzurufen vermögen.
8« anzoni leuchte aber nicht ein, wie dieses Resultat der Versuche
als Beweis dienen könnte, dass die häufigen Erkrankungen der
W.vhnerinnen der I. Gebärklinik durch Leicheninfection bedingt seien.
Wir haben gesehen, dass bei Kolletschka, wie bei vielen Anderen,
eine Lymphangoitis, Phlebitis, Peritonitis, Pleuritis etc. etc. dadurch
entstand, dass ihm Cadavertheile in den Kreislauf gebracht wurden,
und da der anatomische Befund bei Kolletschka und bei an Puer-
dleber Verstorbenen der-selb«.- ist, so vermutheten wir beim Puer-
peralfieber dieselbe erzeugende Ursache ; das Vorhandensein dieser Ur-
lache war nicht schwer au den Händen der Untersuchenden nachzu-
en; wenn nun in Folge getroffener Massregeln, welche bezwecken,
die das Kindbettfieber erzeugenden Stoffe zu zerstören, die Sterblich-
keit, welche früher innerhalb 6 Jahren zwischen 237 und 518 schwankte,
auf 45 herabgedrückt wird und wenn, da man nicht wieder mit ver-
unreinigten Händen untersuchen kann, um den Beweis der dadurch
gesteigerten Sterblichkeit zu liefern, sondern, wenn dasselbe durch Ex-
perimente an Thieren geschieht, und da 45 bedeutend weniger ist, als
237 oder gar 518, so ist dadurch bewiesen, dass der an der Hand
klebende zersetzte Stoff, welcher in Wien, weil die Schüler sich am
häufigsten mit Leichen beschäftigen, am häufigsten von der Leiche
herrührte, das häufige Erkranken der Wöchnerinnen der I. Gebär-
klinik veranlasste, und wenn das Scanzoni nicht einleuchtet, so liegt
die Ursache dieses Nichteinleuchtens wo anders, als in der Unklarheit
der Sache. Und wenn Scanzoni gar die Existenz des zersetzten
Stoffes an dem untersuchenden Finger bezweifelt» so müssen wir ihm
wieder den Erfolg der t lilurwaschuugen, als den Fels, an dem meine
Gegner zerschellen, entgegenhalten; wir haben nämlich an der I. Ge-
biii'klinik zu Wien von unseren übrigen, und den Erfahrungen Anderer
gar nicht zu sprechen . weiter gar keine andere Massregel getroffen,
;il> den durch den Geruchssinn an der Hand anwesend constatirten
zersetzten Stoff mittelst Chlorwaschungen zerstört, und haben dadurch
die Sterblichkeit, welche früher innerhalb 6 Jahren zwischen 237
und 51 S Todten schwankte, im Jahre 1848 auf 45 Todte herabgedrinkt,
als Beweis, dass der zersetzte Stoff nicht nur an der Hand anwesend,
sondern auch die Ursache des Puerperalfiebers gewesen sei. Denn
wäre die Sterblichkeit innerhalb dieser sechs Jahre durch epidemische
Einflüsse bedingt gewesen, so hätten wir den an der Hand klebenden
:m
S.'intiit-Kveii- .-\ liliandlungen und Werk über das Kimll.i'tr lieber.
i/ii ii Statt wohl durch I 'hlorwaschuiigen zerstören, aber dadurch
die Sterblichkeit Dicht vermindern können.
In Belner I »ppoaition gegen die \ 'ersuche an Thieren sagt Seanseni:
l >ir deletären Stoffe, wenn sie ja an den Fingern der Untersuchenden
haften, weiden nie in so grosser Menge eingeführt, als es bei den
Experimenten geschah; das ist wohl wahr, aber auf die Menge kommt
es gewiss nicht an; wenn auch viel eingebracht wird, so wird von
dem Vieleingebrachten gewiss nur wenig resorliirt . uud die Thiere.
pflegt «-n. wenn selbe nach gemachter Einspritzung wieder freigelassen
winden, das eingespritzte wieder auszupressen, so dass gewiss nur
einzelne Atome zurückblieben: uns ist keine Methode bekannt, durch
welche es gelingen winde, eine so geringe Menge deletärer Stoffe,
welche gar nicht sichtbar, sondern nur durch den lieruchssinn erkenn-
bar ist, so kleinen Tbierea, wie Kaninchen, beizubringen.
VY'-nii Nranzoiii sagt, dass deletäre Stoffe den Individuen nicht
so oft eingebracht werden, als es bei den Experimenten geschah, so
ist das ein Irrthum.
Der Leser erinnert sich, dass wir uns das Factum, dass K' reissende
mit verzögerter Eroffnungsperiode beinahe ausnahmslos sämmtlich an
Puerperalfieber starben, nicht 'erklären konnten, so lange wir nicht
die w.ihie Drsache des Puerperalfiebers kannten; dass aber die Er-
klärung diese« Facturus keinen Schwierigkeiten unterlag, sobald wir
wussten, dass das Puerperalfieber auch durch die Resorption des zer-
setzten Stoffes entstehe, welcher an den Händen der Untersuchenden
klebt
Wenn eine Kreisende wegen verzögerter Eröll'nungsperiode z. B.
drei Tage auf dem Kreissezimmer zubrachte, da machte selbe sechs
allgemeine Visiten mit. während jeder Visite wurde selbe mindestens
von Q Schülern untersucht, das gibt 30 Untersuchungen, ungerechnet
die vielen Uutersuchuniren. denen selbe in der Zwischenzeit unter-
warfen wurde. Wir viel, von den 30 untersuchenden Fingern waren
mit. zersetzten Stoffen verunreinigt? gewiss mehr als einer. Dazu
kommt UOCh, dass vermöge des anatomischen Baues der weiblichen
tlechtstheile beim Menschen und bei Thieren die Infectiou beim
menschlichen Weibe leichter geschieht, als bei Thieren. weil beim
menschlichen Weibe die Stelle, wo im normalen Zustande die Resorp-
tion geschieht, nämlich die innere Fläche des Uterus, welche in Folge
dar Schwangerschaft der Schleimhaut verlustig ging, leicht erreichbar
ist. während bei Thieren die Schwangerschaft in den Uterushoriiern
vor sich geht, die Uterushörner aber münden unter einem geraden
Winkel mittelst einer warzenförmigen Hervorragung in die Gebär-
inutterhöhle. wodurch die totale Unmöglichkeit bedingt ist, den zer-
setzten Stoff an die Stelle zu bringen, wo die Bedingungen für die
Resorption am günstigsten sind. Die eingespritzte Hasse gelangt bei
so kleinen Thieren. bei Kaninchen in die Scheide, vielleicht zufällig
in die Gebärmutterhöhle. gewiss aber nicht in die Uterushörner. wo
die Resorption am leichtesten gelingen würde. Daraus ist es zu er-
klären, warum bei Thieren wiederholt zersetzte Stoffe eingebracht
weiden müssen, bis die Iufection gelingt, während beim menschlichen
Weibe wohl auch oft wiederholt zersetzte Stoffe eingebracht werden,
dass aber beim menschlichen Weibe bei gehöriger Disposition vielleicht
schon ein einmaliges Ein In insren zersetzter Stoffe hinreichen mag, eine
l ofection hervorzubringen.
Die Aetiolog-ie, der Begriff und die Prophylaxis dm KiudUetUiebera. 305
Scanzoni sagt: „Geschehen die Untersuchungen der Kreissenden
in der Rege] nur vor der Entbindung, folglich zu einer Zeit, wo die
beschuld igten Verletzungen der ßenitalien noch nicht Platz gegriffen
hatten und Dr. Semmelweis hat es gänzlich unterlassen, die zu den
Experimenten gebrauchten deletären Stoffe schon vor dem Wurfe in
die Genitaben der von ihm benutzten Kaninchen einzubringen, was
jedenfalls hätte geschehen sollen, um eine Analogie mit dem Vor-
gange in den Gebäranstalten zu erzielen". Scanzoni beweist mit
m seinem Einwurf nur wieder, dass er im Int lmm ist über die
Stelle, wo der zersetzte Stoff resorbirt wird, und über die Zeit, wann
der zersetzte Stoff reeorbirt wird. Wenn wir es gänzlich unterlassen
haben, die deletären Stoffe den Kaninchen schon vor dem Wurfe
einzubringen, so geschah es, weil man mit 9 Versuchen nicht Alles
erschöpfen kann, und es handelte sich nur um die Thatsui-he. ob ein-
gebrachte deletare Stoffe bei Thieren denselben Process hervorrufen,
den man bei Wöchnerinnen beob&cbtet, und es ist gewiss mehr Ana-
logie zwischen einem Kaninchen, welches jüngst geworfen, dem man
deletare Stoffe einbringt, und zwischen einer Kreissenden, welche im
«ieli.ü hause inficiri wird, als zwischen derselben Kreissenden und einem
Anatomen, der sich bei der Section, oder einem Chirurgen, der sich
bei einer Operation verletzt; und doch trotz dieser geringeren Analogie
hege ich die unerschütterliche Ueberzeugung, dass der Anatom, der
Chirurg und die Kreissende in Folge derselben Ursache an derselben
Krankheit erkranken und sterben.
nzoni sagt: „Eben so können wir uns mit Professur Skoda
durchaus nicht einverstanden erklaren, wenn er das Puerperalfieber als
identisch mit Pyaemie betrachtet. Diese seine Ansicht soll in nächster
Zeit von anderer Seite ihre Widerlegung finden, weshalb wir es nicht
für nütliig halten, hier weiter in diesen Gegenstand einzugehen, um
80 mein-, als Professor Skoda unterlassen hat, numerisch nachzuweisen,
data sich das Puerperalfieber in der Mehrzahl der Falle wirklich als
Pyaemie charakterisirt. So lauge dies aber nicht geschehen ist, so
lange ist auch in Beziehung auf die Ermittlung der Ursache der
häufigen Erkrankungen der Wöchnerinnen die Erfahrung ohne Werth,
daaa die Injection deletärer Stoffe in die Vagina Pyaemie hervor-
zurufen vermöge, eine Erfahrung, welche nebenbei gesagt, zu ihrer
Itaürung nicht erst der vom Professor Skoda so hoch angeschlagenen
Versuche des Dr. Semmelweis bedurft, hätte.-4
Jeder Fall von Kindbettfieber, keinen einzigen Fall ausgenommen,
ist eine Pyaemie in dem Sinne, dass in jedem Kindbettfieberfall ein
letzter Stoff resorbirt wird, der resorbirte zersetzte Stoff entmischt
das Blut, und in seltenen Fällen wird die Pyaemie schon in diesem
Stadium tödtlich, in der Mehrzahl der Fälle aber bilden sich aus dem
entmischten Blute Exsudationen. Der Leser erinnert sich, dass wir
dadurch die wahre Ursache des Puerperalfiebers entdeckt, dass wir
gefunden haben, dass der Leichenbefund bei Kolletschka identisch war
mit dem Leichenbefunde der Wöchnerinnen. Die Ursache der Krank-
bei Kolletschka war ein zersetzter Stoff, deuselben zersetzten
«Stoff* fanden wir au den Händen der Untersuchenden ; Kolletsclika
wurde er mit dem Messer, den Individuen im Gebärhause wird er in
der Mehrzahl der Fälle mit dem untersuchenden Finger eingebracht,
dunh Zerstörung des zersetzten Stoffes wurde die Krankheit seltener.
Uns war das Puerperalfieber in Folge dieser Erfahrungen keine Krank-
Semmelweiü' gesammelte Werke. 20
306
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
heit, welche nur Wöchnerinnen zukomme, uns war das Puerperalfieber
dieselbe Krankheit, welche überall dort vorkommt, wo ein zersetzter
.Stoff resörbirt wird.
Und wenn auch das Puerperalfieber noch nicht allgemein als
Pyaemie in dem Sinne, wie wir gezeigt, anerkannt wird, so bricht
sich doch bei Pyaemien, die ausserhalb des I'uerperismus vorkommen,
die Ansicht Bahn, dass unter Pyaemie ein resorbirt-zersetzter Stoff
zu verstehen sei. welcher resorbirte zersetzte Stoff das Blut entmischt,
und das entmischte Blut macht wieder die Exsudat ionen. Die Zelt,
von welcher Scanzoni erwartete, dass sie Skoda's Aufriebt widerlegen
werde, hat daher seineu Erwartungen nicht entsprochen.
Freilich in dem Sinne, in welchem Scanzoni die Pyaemie der
W linerinnen in seinem Lehrbuche der Geburtshilfe meint, in diesem
sinne sind nur die Minderzahl der Puerperalfieberfälle Pyaemien, wir
haben aber schon gezeigt, dass Scanzoni deshalb eine so fehlerhafte,
durch und durch werthlnse Eintheilung der Entzündungen im Wochen-
bette gegeben, weil ihm das Wesen des Kindbettfiebers eine terra
incognita ist.
Wh können Scanzoni numerisch nachweisen, dass nicht nur in
der Mehrzahl der Fälle, sondern in allen Fällen das Puerperalfieber
eine Pyaemie sei in unserem Sinne.
An der I. Gebärklinik zu Wien starben im Jahre 1841 192. im
Jahre 1845 starben 196, im Jahre 1844 starben 215, im Jahre 1843
starben 229, im Jahre 1846 starben 414, im Jahre 1842 starben 463
Wöchnerinnen mehr als im Jahre 1848 und diese. 1709 mehr todte
Wöchnerinnen waren lauter Fälle von Pyaemien, in dem Sinne. d&BS
bei denselben die Resorption eines zersetzten Stoffes geschah mit den
daraus resultirenden Folgen, und selbst die 45 Todesfälle vom Jahre
L848 waren Fälle von Pyaemien, indem wir schon gezeigt, dass es
uns nicht gelungen ist, alle Fülle von Infection von aussen zu ver-
hüten, und in den Fällen, wo kein zersetzter Stoff von aussen einge-
bracht wurde, entstand er im ergriffenen Individuum selbst, wurde
resörbirt, und brachte eine Pyaemie in unserem Sinne hervor.
Naehdem wir nun numerisch nachgewiesen, dass nicht nur die
Mehrzahl . sondern alle Fälle von Kindbettfieber, Fälle von Pyaemie
in unserem Sinne seien, so wiederholen wir mit Recht unsere Behaup-
tung, dass in Beziehung auf die Ermittlung der Ursache der häufigen
Erkrankungen der Wöchnerinnen die Erfahrung von hohem Werth
ist, dass die Infection deletärer Stoffe in die Vagina Pyaemie her-
vorzurufen vermöge.
Scanzoni sagt: „Gibt es übrigens einen Punkt, rücksichtlich dessen
wir ganz Professor Skoda'a Ansicht theilen. so ist es der, dass noch
weiter und vielfältig abgeänderte Versuche an Thieren vorgenommen
werden müssen. Dass dies unsere vollste Ueberzeugung ist, dafür
möge der Umstand sprechen, dass wir im März des verflossenen Jahre*.
also zur Zeit, in welcher Dr. Semmelweis seine Experimente begann,
die dringende Bitte an ein hohes böhmisches Landesguberninm stellten,
es möge dafür Sorge tragen, dass durch vielfache und mit der nöthigen
["insiclii angestellte Versuche an Thieren das über die Entstehungs-
weise der im Geb;n Imusr zeitweilig auftretendem Puerperalfieber-Ende-
mien Bchwebende Dunkel einigermassen aufgehellt werde, und damit
sich jeder überzeuge, wie sehr uns dieser Gegenstand am Herzen liegt,
lassen wir unser diesfälliges Gesuch hiemit wörtlich folgen."
Die Aetiologäe, der Begriff und die Propbjlaxii <ies Kiiulbettfiebers. 307
Der Leser erinnert sich, dass Scanzoni die Gründe, welche Skoda
gegen die Lehre Tom epidemischen Kindbett fieber angeführt, und die
Gründe, welche Skoda für meine Ansicht über die Entstehung des
Kindbett fiebers aufgezählt, unangefochten gelassen hat. nur den Ver-
suchen an Thieren hat er die Beweiskraft abgesprochen; jetzt auf
einmal zu unserem Erstaunen sagt er, dass er nur in einem Punkte
mit Skoda übereinstimmt, nämlich darin, dass die so werthlosen Ver-
suche an Thieren fortgesetzt werden müssen, und dass er selbst viel-
fache mit der nöthigen Umsicht angestellte Versuche an Thieren
machen wird, Ein solches Gebahren ist nur denjenigen eigen, deren
Rechthaberei höher als die Wahrheit steht,
lud wenn Scanzoui noch von dem Dunkel spricht, welches die
zeitweilig auftretenden Puerperalfieber-Endemien in Gebärhäusern
umgibt, so liefert er dadurch den Beweis, dass es ihm an jedem Ver-
v|;m<lnisse für die von Skoda angeführten Gründe fehlt, von denen er
zwar nachträglich sagt, dass er mit selben nicht übereinstimme, ohne
uns jedoch die Gründe anzugeben, warum er nicht übereinstimme.
nachdem Scanzoni es verschmäht, von uns zu lernen, wollen wir
nun die Art und Weise, wie er das Dunkel der Puerperalendemien
MUtzukliiren strebt, einer Beurtheilung unterziehen. Dazu wird es
nöthig sein, ein Gesuch ScanzonFs an das böhmische Landesgubernium
mitzutheilen.
..Hohes k. k. Landesgubernium! Bei dem häufigen und bösartigen
Auftreten des Kindbettfiebers in der Prager k. k. Gebäranstalt er-
scheint die Beantwortung der Frage, wie dem heftigeren Ausbruch
dieser Krankheit vorgebeugt werden könnte, als ein Desiderat jedes
menschenfrettudlichen Arztes und die Humanität hat ein gegründetes
Recht, von einer hohen Landesregierung zu fordern, dass alle, zur
Lösung dieser für das Wohl der Menschheit so hochwichtigen Frage
geeignet scheinenden Wege eingeschlagen, und kein Mittel unbenutzt
assen werde, das Wesen dieser furchtbaren und dabei noch immer
r ithselhaften Krankheit zu erforschen.
„Der ehrfurchtsvoll Gefertigte hat aber während seiner mehr als
"»jährigen Dienstleistung in den Krankenanstalten Prags die Ueber-
zeugung gewonnen, dass alle in dieser Periode und auch schon früher
ordneten Maaaregein, das Wesen der besagten Krankheit näher
zu ergründen, den angestrebten Zweck gänzlich verfehlten, weshalb
er. mit dem objectiven Auftreten dieser Krankheit innig vertraut, als
Mitglied der am 28. 1. M. im k. k. Gebärhause abgehaltenen Unter-
suchungscommission es wagt, einem hohen k. k. Landesgubernium
die ihm zur Feststellung der Natur der Krankheit am geeignetsten
scheinenden Massregeln zur hohen Genehmigung ergebenst zu unter-
breiten.
Jiie praktische Durchführung derselben erscheint um so dring-
licher, als den Prager k. k. Kranken anstalten, und somit mittelbar
auch einem hohen k. k. Landesgubernium bereits hierorts wie auch
anderwärts der Vorwurf gemacht wurde, dass sich dieselben bei den
so zahlreich erfolgenden Erkrankungen und Sterbefällen im Gebärhause
gänzlich indolent verhalten, und keine durchgreifenderen Versuche
anstellen, ein helleres Licht über die Wesenheit und Entstehungsweise
dieser so bösartigen Krankheit zu verbreiten.
„Da es sich aber zunächst darum handelt, mit Bestimmtheit zu
ergründen, ob dem so häufig in- und extensiv heftigen Auftreten des
20*
308
uehveis' Abkatiri langen und Werk üljer H&t Kiudbettfieber.
Puerperalfiebers in der Gebäransialt ein blos epidemischer, in kos-
mischen und tellurischen Verhältnissen begründeter oder ein mias-
matischer Einfluss zu Grunde liegt, welcher durch die Zusammen-
hüufung mehrerer Schwängern, Krausenden und Wöchnerinnen bedingt
ist, oder ob sich endlich die Krankheit durch ein eigenes • '"iitagium,
durch eine Infection weiter fortpflanze, so scheint dem ehrfurchtsvoll
Gefertigtes zur L08UDg «lieser Frage folgender Weg als der passendste
..1 Möge vor Allem eine Commission von Aerzten niedergeeetzl
werden, welche wenigstens durch ein ganzes Jahr nach einem zuvor
entworfenen Plane die Entstehungsanlässe des Puerpe i alriebers in-
uml ausserhalb der Gebäranstalt strenge prüft Wünschenswert h wäre
es hiebe! , wenn die Mitglieder dieser Commission durch freie Wahl
aus der Mitte Einer löbl. mediciuischen Facultät zu Prag hervoi
wodurch das Resultat ihrer Untersuchungen als der Ausspruch der
von einer gelehrten Körperschaft gewählten Vertrauensmänner be~
iiadiii'i werden könnte, und so an Glaubwürdigkeit und überzeugen-
der Kraft gegenüber dem ärztlichen und nichtärztlichen Publicum ge-
winnen niiisste.
.1' Wäre das Erkrankungs- und Mortalitätsverhältniss der wahrend
derselben Zeit in der Stadt, ausserhalb des Gebärhauses entbundenen
Frauen zu erforschen, weshalb sämmtliche angestellte und Privatärzte
Prag's anzuweisen wären, gleichwie bei andern epidemisch auftreten-
den Krankheiten dem Bezirksvorstande die entsprechende Meldung
zu thun. und diesem Kapporte eine kurze Kranken- und Geburt
schichte mit besonderer Rücksicht auf die Causalmomente der Er-
krankung beizufügen,
„3. Zur Beantwortung der Frage, ob der Fortpflanzung und
Weiterverbreitung der Krankheit eine Infection zu Grunde liegt, wären
Versuche an weiblichen neu entbundenen Thieren (Kaninchen, Hunden,
Katzen, Kühen) anzustellen, von welchen man einzelne theils in des
mit Puerperalkranken belegten Sälen, ja sogar in deren Betten unter-
bringen, theils durch lnjectionen verschiedener, von Puerperen ge-
lieferten Secrete (Lochien. Blut, Kiter) in die Genitalien, oder durch
Einimpfung derselben der Wirkung des deletären Stoffes aussetzen
könnte. Nach der Ansicht des ehrfurchtsvoll Gefertigten haben nur
Beleihe vorurtheilsfrei und öffentlich vorgenommene Experimente be-
weisende Kraft, und sonderbar erscheint es, dass dieser so nahe liegende
Gegenstand bis jetzt noch von keiner Seite angeregt wurde.
„Da die Durchführung dieser Vorschläge keinen besonderen
Schwierigkeiten unterliegt, und sich gewiss jeder Arzt mit Vergnügen
zur Losung dieser so wichtigen und interessanten Streitfrage bereit
zeigen durfte, so sieht siel Gefertigter, wenn vom theoretischen
Standpunkte kein Einwurf gegen die empfohlenen Massregeln erhoben
wnden kann, genöthiget, auf die praktische Durchführung derselben
um so mehr zu dringen, als wenn die besagte Krankheit wirklich
contagiös wäre, sänuntliche Gebärhäuser als wahre, vom Staate unter-
haltene Mörderhöhlen betrachtet werden müssen. Stellt sich aber
das i'in i peralrieber als nicht contagiös dar, wie es dem ehrfurchtsvoll
Gefertigten mehr als wahrscheinlich ist. wird vielmehr der Einfluss
kosmischer und tel Iuris« her Verhältnisse als < 'ausalmoment sicher
gestellt, so entledigt sich eine hohe k. k. Landesregierung aller jener
Vorwürfe, welche mittelbar auch ihr wegen der Aufrechthalttuig der
Gebaranstalti o manchen Seiten gemacht werden; fest überzeugt
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis ik« Bindbetotfiebexs. B09
ist aber Gefertigter, möge das Untersuchungsresiiltat wie immer aus-
fallen, dfl£8 sieh ein hohes k. k. Landesyiibernimn und die von ilini
niedergesetzte ärztliche Ooinniission durch Lösung einer so hochwich-
tigen Frage ein unsterbliches Verdienst um die Menschheit und um
Wissenschaft erwerben werde.
.
Prag, am 29, März 1849.
l»r. Scaazoni m. p.*
Aus diesi'in < '«suche ersehen wir, dass ich die Wahrheit In
als ich sagte, das Präger Uebärhaus müsse traurige Zeiten gesehen
haben, als die 15 Monate waren, von welchen uns Scanzoni die
parte luittheilte. denn eine Sterblichkeit, welche nicht ein Percent
>r ist, ;ils diejenige war, welche wir zur selben Zeit in Wien
durch Chiorwaschungen erzielten, ist keine solche, von welcher man
.so Spricht, wie es ScanZOnJ ilmt.
Aus diesem (besuche ersehen wir. dass Scanzoni s Programm un-
vollständig ist. Scanzoni will nämlich ermitteln, ob das Puerperal-
fieber epidemisch ist, &b miasmatisch, ob oentagiei oder ob es durch
Inte.'tioii entstehe. Scanzoni hat uns ja durch mehr scharfsinnige als
gewissenhafte Kxperimcnte bewiesen, dass im Monate März und April
31 Wöchnerinnen zufällig am Puerperalfieber gestorben seien,
und dass in den Monaten Juni, Juli und August 1848 lü Wöchnerinnen
ohne nachweisbare Ursache am Puerperalfieber starben; und ich glaube,
Oaas ätiologische Momente des Iviudbettfiebers, an welchen innerhalb
9 Monaten 31 und Innerhalb 3 Monaten 19 Wöchnerinnen starben,
sei, ii wichtig genug, um in ein Programm aufgenommen zu werden,
welches sich die Aufgabe stellt, die veranlassende Ursache des Kind-
bettriebers /.u erforschen; es hätte daher im Programme noch Baissen
müssen: Endlich ist zu erforschen, wann das Puerperalfieber zufällig
i. um) unter welchen Verhältnissen die Ursache des tödtenden
Kindbettfiebera gar nicht nachweisbar ist.
Dieses Gesuch beweiset, ilass ich die \\ ahrheit gesagt, als ich
behauptete, Scanzoni sei <-s weniges um die Wahrheit als um Recht-
haberei zu thun; denn anstatt, unserer Entdeckung, dass das Kintl-
bettfieber in jedem Falle durch Infection entstehe, dass dalier jedes
Kindbettfieber ein Resorptionsfieber sei, zu aeeeptiren, will er selbst
die Geheimnisse des Kindbett fiebere erforschen, und um das zu erreichen,
sehlagl er dieselben Wege, nur etwas unzweckmässiger ein. welche
vir gewandelt, von welchen er aber nachträglich gesagt, dass er nicht
standen ist.
Skoda hat vom Wiener medicinischen Professoren -CJollegiuffl
nicht verlangt, dass es die Eatstehungsanlasse des l'u jjieralhebers
in- und ausserhalb der I h 1 i;i taust alt Strenge prüfe. 8ko4fl 1 1 : 1 1 dem
Wiener Professoren-Collegium nur die Aufgabe gestellt, Daten zu
sammeln, und wenn die Commission, welche durch freie Wahl aus der
Mitte des Prager medicinischen Profeßsoren-Colleginms hervorgegangen
wäre, bei strenger Prüfung der Entstehungsanlässe des Kindbett liebere
i hätte :
Das Kindbettfieber entsteht dadurch, dass in einzelnen Fällen
ein zersetzter Stotf in den erkrankten Individuen entsteht in der
wiegend grössten -Mehrzahl der Fälle entsteht aber das Kindbett-
fieber dadurch, dass den Individuen mittelst des untersuchenden Fingers,
mittelst der operirenden Hand, mittelst unreiner Utensilien, als da
310
Semmelweis' Abkaudluiigeu und Werk über das Kindbettfieber.
sind Schwämme, Leintücher etc. etc. etc., zersetzte Stoffe eingebracht
werden, so hätte die Commission nur das gesagt, was ich früher schon
bewiesen, hätte selbe aber etwas anderes gesagt, so hätte es nicht
das Wahre gesagt; und wenn Scanzoni glaubt, der Ausspruch einer
solchen Kommission hätte überzeugende Kraft gehabt, so muß ich bei
aller Achtung für die Glieder des Piager medicinischen Pndessoren-
Collegiums gegen eine solche Zumuthung verwahren; überzeugende
Kraft hat nur die Wahrheit, und eine medicinische Facultät hat nur
überzeugende Kraft, wenn selbe die Wahrheit lehrt und alle medici-
nischen Facultaten der Welt zusammengenommen haben für mich
keine überzeugende Kraft, iusofeme selbe Irrthümer lehren, was ich
ja mit dieser Schrift beweise, denn ich sage allen medicinischen
Facultaten der Welt, ihr lehrt Irrthum. wenn ihr etwas anderes lehrt,
als dass das Puerperalfieber in allen Fällen ein Resorptionsfieber aei
Was speeiell die Prager medicinische Facultät anbelangt, so theilt.
so viel ich weiss, nur ein Mitglied desselben meine Ueberzeugung,
und das ist Prof. Jaksch, das frühere Mitglied dieser Facultät rlam-
mernjk hat gegen mich geschrieben, Prof. Seyfert, gegenwärtig Profei
der Geburtshilfe für Aerzte, hat schon als Assistent gegen micb
schrieben, Prof. Streng, gegenwärtig Professor der Geburtshilfe für
Hebammen, hat sich in seinem Bericht über die Ergebnisse seiner
Klinik als Epidemiker der Welt vorgefahrt. Wir werden es nicht
versäumen, die Ansichten dieser Gegner zu betrachten.
s< .'anzoni glaubt seine Aufgabe, nämlich Erforschung der wahren
Ursache des Puerperalfiebers, auch dadurch v.w lesen, dass er säiuiut-
lichen angestellten und Privatärzten Prag's den Auftrag ertheüt, die
Ursache des von ihnen in ihrer Privat-Praxis behandelten Puerperal-
fiebers den Bezirksvorständen zu melden: Scanzoni setzt also voraus,
dass die angestellten und die Privatärzte Prag's mehr wissen über die
Aetiologie des Kindbettfiebers als er selbst, denn wenn man gerade
nicht scherzen will, fragt man in der Regel nur solche um Rath, bei
denen man ein besseres Wissen voraussetzt. Ich inuss gestehen, dass
ich diese Ansicht Scanzonis nicht theile, ich glaube vielmehr, dass
die angestellten und Privatärzte Prag's das berichtet hätten, was
selbe in der Schule gelernt. Sie hätten nämlich berichtet, so un-
viele sind in Folge des Genius epidemicus erkrankt und gestorben.
die Frau N. N. ist am Puerperalfieber erkrankt, weil sie zu frühe das
Bett verlassen, Frau N. N. ist erkrankt weil sie eiuen Diaetfehler
begangen, Frau N. N. ist erkrankt, weil sie zu viele Visiten empfangen
etc. etc. Von Dingen, die beim Puerperalfieber keine Rücksicht ver-
dienen, haben selbe in der Schule natürlich nichts gehört, weil in der
Schule die Zeit mit heilsameren Dingen zugebracht wird.
Die angestellten und Privatärzte Prag's hätten es daher in ihre
Berichte nicht aufgenommen, dass die Hebamme der Frau, welche zu
viele Visiten empfangen, zur selben gerufen wurde, als sie eben nach
Hause kam von einer kranken Wöchnerin, der sie wegen Endometritis
septica Injectionen gemacht; bei der Frau, welche einen Diaetfehler
begangen, hätte man als überflüssig nicht erwähnt, dass der gerufene
("iebnrtshelfer eine halbe Stunde früher bei einer anderen Frau durcb
Untersuchung einen versuchenden Medullarkrebs der Gebärmn
diagnostkirte ; bei der Frau, welche zn früh das Bett ve
man als überflüssig nicht erwähnt, dass ihr Geburt1
einem seiner übrigen Kranken eiuen gangraenosa
Die Aetiologie, der Begriff und die Piopfyüudi des Kiudbettfiebers. 311
Ich glaube daher mit Recht bezweifelt zu haben, dass es Scanzoni
Dicht gelingen wird, aus dem Berichte der angestellten und der
Privatärzte Prags die wahre Ursache des Kindbettfiebers zu ent-
nehmen, ist es ja Scanzoni nicht einmal gelungen, aus dem Vortrage
Skoda's, der doch die nicht zum Puerperalfieber gehörigen Dinge er-
wähnt, die wahre Ursache des Puerperalfiebers herauszulesen.
Der Leser erinnert sich, dass Scanzoni unseren Versuchen an
Thieren auch den Vorwurf machte, dass wir es gänzlich unterlassen,
die deletären Stoffe den Kaninchen schon vor dem Wurfe in die
Genitalien zu bringen, und er stellt uns nun Versuche an weiblichen
neu entbundenen Thieren in Aussicht, welche übrigens nie gemacht
wurden, was ich aufrichtig bedauere, denn ich hätte gewiss erfahrent
wie Scanzoni eine so geringe Menge von deletären Stoffen, in welcher
dieselben an der Hand vorkommen, an welcher selbe, wie bekannt,
nicht gesehen, sondern nur durch den Geruchssinn erkannt werden,
wie Scanzoni eine so geringe Menge den Thieren eingespritzt hätte,
mehr hätte er gewiss nicht genommen, denn dass wir mehr einge-
spritzt, maoh.1 er uns ja zum Vorwurfe. Den wiederholten Ein-
spritzungen einer nicht sichtbaren Menge von deletären Stoffen wider-
setzen wir uns nicht, weil wir nachgewiesen, dass den Individuen
auch wiederholt nicht sichtbare Mengen deletärer Stoffe eingebracht
werden.
Aber wenn auch in Folge dieser Einspritzungen bei Thieren
Pvaemie entsteht, so hat doch diese Erfahrung in Beziehung auf die
Ermittlung der Ursache der häufigen Erkrankungen der Wöchnerinnen
keinen Werth, weil Skoda nicht nachgewiesen, dass sich das Puer-
peralfieber in der Mehrzahl der Fälle wirklich als Pyaemie charak-
lert. Und wenn Scanzoni diese deletären Stoffe nur von Puerperen
nehmen will (Lochien, Blut, Eiter), so werden die Contagionisten
sagen, Seanzonfs Versuche sind überflüssig, denn dass das Puerperal-
fieber contagiüs sei, wissen wir schon hinge.
Scanzoni will von den Thieren (Kanincheu, Hunden, Katzen,
Kühen) einzelne in den mit Puerperalkranken belegten Sälen, ja sogar
in deren Betten unterbringen ; da man in Sälen und Betten Puerperal-
kranker nur dadurch das Puerperalfieber bekommen kann, dass ent-
weder die atmosphärische mit zersetzten Stoffen geschwängerte Luft
in dh Gabärmutterh&hle eindringt, oder dass die durch die Geburt
verletzten äusseren Genitalien mit zersetzten Stoffen des puerperalen
Bettes in Berührung kommen: so würden die zu diesen Versuchen
verwendeten Thiere, da die äussern Genitalien durch den Wurf nicht
verletzt werden, und da die atmosphärische Luft nicht bis ins Uterus-
hoi n dringen kannT wenn ihnen nichts anderes zustossen würde, wahr-
scheinlich den Experimentator überleben.
Und wenn Scanzoni sagt, dass die Erfahrung, dass die Injection
deletärer Stoffe Pyaeinie erzeuge, zu ihrer ( 'onstatirung nicht erst der
v.mi Prof. Skoda so hoch angeschlagenen Versuche des Dr. Semmel weis
benöthigte. uud wenn er von seinen Versuchen sagt, dass nur solche
vorurtheilsfrei und öffentlich vorgenommene Experimente beweisende
Kratt besässen, und dass es sonderbar scheine, dass dieser so nahe
ade Gegenstand bis jetzt noch von keiner Seite angeregt wurde,
schlagender, als es selbst seinem bittersten Feinde
<s er Rechthaber« der Wahrheit vorzieht.
enn es sich bei Durchführung der von ihm vor-
312
ueUveis" Ahlmuilliinwen und Werk über das Kindbetttipher.
presch lagenen Hassregeln herausstellen sollte, dass das Puerperalfieber
cOBtagiöe Bei, so sind sämmtliche vom Staate unterhalt ene 'iebär-
hftnser wahre M örd erhöh len ; Scanzoni hat hiermit ein zwar wahr« .■>.
aber entsetzliches Wort ausgesprochen.
Scanzoni sagt zwar schon vor Durchführung der von ilini \ i-
geschlagenen Massiegeln, dass es ihm mehr als wahrscheinlich scheine,
dass das Puerperalfieber nicht eontagiG« sei, dass es vielmehr durch
cosmisch-tellurische Einflüsse bedingt sei. dass mithin die Verheerungen
des Puerperalfiebers ein unverhfitbares Unglück seien, für welches
Niemand verantwortlich gemacht werden könne, aber Scanzoni hat
hiebei ganz vergessen, dass er in seinem Programme auch die Fragen
gestellt: Ist das Kindbettheber miasmatischen Ursprungs? oder
steht das Kindbettheber auch durch Infection?
Das Kindbettfieber ist nicht miasmatischen Ursprungs, aber das
Kindbettfieber entsteht durch Infection, folglich ist das Kindbettfieber
eine verliütbare Krankheit, und fhr die Verheerungen des Kindbett-
fiebers ist derjenige verantwortlich, der diese \ erheernngen nicht
verhütet Dass das Kindbettfieber eine verliütbare Krankheit ftfti,
habe ich durch Verminderung des Kindbettfiebers an der L Gebär-
klinik zu Wien schon im Jahre 1847 bewiesen; um diese Ueberzeug
zur allgemeinen zumachen, veröffentliche ich ja gegenwärtige Seh
und wenn Scanzoni noch im .lahre 1849 meiner Lehn;, dass das Kind-
in ttfieber eine verhütbare Krankheit sei, opponirt, so stellt er sich
in die Reihe jener Strafbaren, welche verhindern, dass die Gebär-
häuser endlich aufhören mögen wahre Mürderliöhlen zu sein.
Eine geringe Entschuldigung, dass Scanzoni unbewusst über sich
selbst ein so fatales Urtheil gesprochen, liegt in seiner freilich sei
verschuldeten Unwissenheit über die Entstehung des Kindbettfiebers.
und ich, der ich von dem Momente, als ich erkannt, dass das Puer-
peralfieber eine verhütbare Krankheit sei, alles gethaur was in meiner
Fähigkeit lag, um die Zahl der Kindbettlieberfälle zu vermindern,
ich habe es nicht gewagt, die Gebärhäuser bei ihrem grauslichen
wahren Namen zu nennen, ich habe nur gesagt, dass die endlose
Reihe der Puerperalepidemien, wie solche in der medicinischen Lite«
ratnr angeführt werden, lauter verliütbare Infectinnsfälle von aussen
waren, und Scanzoni, welcher das Seinige gethan, um es zu verhindern,
data die Gebärhäuser aufhören mögen wahre Mürderlinhlen zu sein.
spricht im unwissenden Leichtsinn ein so urässlicLe» W&ti aus,
welches ihn selbst in so hohem Grade anklagt. Und wenn Scanzoni
sagt, dass sich ein hohes k. k. Landesgubernium und die von ihm
niedergesetzte ärztliche Commission durch die Lösung einer so hoch-
wichtigen Kraue ein unsterbliches Verdienst um die Menschheit und
um die Wissenschaft erwerben werde, so nehmen wir, da die durch
ein k. k. Landesgubernium niedergesetzte ärztliche Commission diese
hoch wichtige Frage nicht gelöst hat, dieses Verdienst, jede Bescheidenheit.
warum, haben wir schon motivirt, bei Seite setzend, für uns in An-
spruch, weil wir diese hochwichtige Frage gelöst haben, wie gegen-
wärtige Schrift beweist, und überlassen es der Mit- und Nachwelt
zu bestimmen, was sieh Scanzoni durch seine Opposition gegen meine
Lahre erworben.
Endlich sagt Sianz.nii. dass unterm 20. Juli 1849 die Erlaubnis»
zur Vornahme der Versuche an Thiereu von Seite des k. k Lamles-
guheriiiums anlangte, und dass er gleich die Versuche in Angriff ge-
Die Aetii>li>irii\ der BeßTiff und die Propl i S Kindbettliebers. 313
•
,
1.»
nommen hätte, aber Professor Jungmann sprach die Ansicht aus, der
sich auch die Krankenhausdirection anschloss. dass die Versuche HB
Tliieren zur Zeit einer Epidemie im Gebfifhaue vorgenommen werden
sollen, und dadurch wurde diesen Versuchen sehen im vorhinein jeder
Werth den hartnäckigen Epidemikern gegenüber genommen, Carl Braun
z. B, würde über solche Versuche mitleidig lächeln und Baffen: ihr
habt gut den Tbieren zersetzte Stoffe einzuspritzen, nicht diese zer-
setzten Stoffe, sondern die epidemischen Einflüsse, welche im Gebar-
banss wüthen, tödten auch die Thiere. Wia? haben unsere Versuche
zu einer Zeit gemacht, wo im Wiener Gebärhause keine Epidemie
herrschte,
Scanzoni erhielt daher erst am 4, Februar 1850. wahrscheinlich
eil damals eiue Epidemie im Präger Gteb&rh&ose henachte, den
Aul trag und die Bevollmächtigung, die Versuche an Thiereu vor-
nehmen zu dürfen, aber seine Hoffnung, dass er bald in den Stand
gesetzt sein werde, die Resultate dieser Versuche zu veröffentlichen,
ging nicht in Erfüllung, denn wir leben im Jahre 1859 und die .Re-
sultate dieser Versuche sind noch nicht veröffentlicht worden.
Das Resnme der Scanzonischen Opposition gegen meine Lehre ist
aber, dass er die Gründe, welche wir gegen die Lehre des epide-
mischen Kindbettfiebers, und die Gründe, welche wir für unsere Leine
augeführt, unangefochten gelassen, er zahlt seihe auf, um selbe dann
zu ignoriren. Meine Grunde gegen die Lehre des epidemischen Kind-
bettflebers und die Lehre des epidemischen Kindbettfiebers können
aber unmöglich beide gleichzeitig wahr sein, wir halten unsere Gründe
tVu wahr und halten die Lehre vom epidemischen Kindbettfleber für
einen gefährlichen Irrthum, und da Scanzoni es unterlasset! hat, das
Gegentheil zu beweisen, so bleiben wir bei unserer l'ebei 'zeugung.
Scanzoni hat eben so wenig bewiesen, dass unsere Gründe für
unsere Lehre falsch seien, folglich bleiben wir auch bei der Lehre.
welche wir auf diese Gründe aufgebaut haben.
Nur das Argument, welches wir den Versuchen an Thieren ent-
nommen, hat er angefochten, Scanzoni hat sich aber gleich selbst da-
durch widerlegt, dass er selbst zwar solche Versuche nicht vorge-
nommen, aber wenigstens vorzunehmen versprochen hat und zwar auf
ine Weise, deren Mangel wir nachgewiesen.
Selbst das hochwichtige Factum der Verminderung des Kindbett-
fiebers an der I. Gebärklinik zu Wien bezweifelt er nicht, glaubt
aber nicht denselben Erfolg an der Prager Klinik beobachtet zu
haben: wir haben aber nachgewiesen, dass das Kindbettfieber auch in
Prag seltener als früher geworden, und wenn Scanzoni nicht einen
vollkommenen Erfolg erzielte, so haben wir gezeigt, dass Scanzoni
iel zu wenig Kenntnisse über die wichtigsten Punkte unserer Lehre
atte. um alle Missgriffe vermeiden zu können, welche die Erreichung
eines vollkommenen Erfolges vereitelten.
lud wenn Scanzoni die Prager ( oniniissiim einen anderen Weg
traten Hess, um zur Wahrheit zu gelangen, als den. der der Wiener
mmission vorgeseichnet wurde, m sind aasere Zweifel ftber die
weefemtssigkeit üesrs Weges dadurch gerechtfertigt, dass die Prager
ommission anf diesem Wege noch im Jahre 1860 die Wahrheit nicht
fanden hat, för welche wir mit dieser Schrift, einstehen.
Wir glauben daher nur die Wahrheit zu sagen, wenn wir he-
314
Seniinelweis' Abliandlungea und Werk über du* Kindbett fi eher.
haupteu, dass Scanzoni's Opposition unsere Lehre unerschüttert ge-
lassen.
Wir wollen nun die Gegenprobe machen und wollen sehen, ob
der überlieferte Unsinn, den man bisher Aetiologie des Kindbett hebt -i >
nannte, und welchen Scanzoni in beiden Auflagen seines Lehrbuches
der Geburtshilfe ruminirt, ob der unseren Angriffen widerstehen wird,
oder aber einem Kartenhause ähnlieh zusammenstürzen wird.
Zuerst stossen wir auf die fehlerhafte Eintheiluug der Ent-
zündungen im Wochenbette, welche Scanzoni deshalb von früheren
Schriftstellern abgeschrieben, weil auch ihm das Wesen des Puerperal-
fiebers unbekannt ist. Wir haben durch den Erfolg der Chlor-
Waschungen bewiesen, dass auch die Entzündungen im Wocheuhen. ,
welche Scanzoni nicht als Puerperalfieber anerkennen will, in Folge
der Resorption eines zersetztem Stoffes entstehen, folglich genuines
Puerperalfieber sind, weil wir auch diese Fälle durch ChlorwaschUDgen
verhütet. Mit demselben Factum können wir die ganze Aetioi
der Entzündungen im Wochenbette, welche nicht Puerperalfieber Bind,
über den Haufen werfen, denn würden diese Entzündungen in jenen
aetiiili'gisrhen Momenten begründet sein, welche Scanzoni für die-
selben in Anspruch nimmt, so könnten diese Entzündungen durch
< hlorwaschungen nicht verhütet werden, denn durch Chlorwaschungen
kann zwar dasjenige Kindbettfiebei verhütet werden, welches in Folge
der Resorption eines zersetzten Stoffes entsteht, aber die Wirksam-
keit derjenigen aetiologischen Momente, denen Scanzoni diese Ent-
zündungen zuschreibt, kann durch Chlorwaschungen nicht eingeschränkt
werden. Unter anderen aetiologischen Momenten dieser Entzündungen
glaubt Scanzoni vorzüglich das Trauma der Geburt beschuldigen zu
müssen, so zwar, dass er diese Entzündungen auch traumatische nennt.
Wie kann das Trauma der Geburt durch Chlorwaschungen der Hände
unschädlich gemacht weiden?
Um aber zu keinem Missverständnisse Veranlassung zu geben,
ist es nöthig, Einiges zu recapituliren. was wir von den aetiologischen
Momenten für das Kindbett ftebei sagten, welches durch Selbstinfect in
entsteht.
Wir haben gesagt: wird den Individuen ein Trauma beigebracht.
entweder durch die verzögerte Austreibungsperiode, oder durch eine
Operation, so können Theile der Genitalien in Folge der Quetschung
neerosiren, hiemit ist ein deletärer Stoff gegeben, welcher, wenn er
resorbirt wird, das Puerperalfieber durch Selbstinfect ion hervorbringl
wir haben gesagt, es können Üecidua-Placentareste, Blutcoagula in
der Gebärmutterhöhle zurückbleiben, welche durch ihren Uebergang
in Fäulniss den deletären Stoff liefern, welcher, wenn resorbirt, das
Kindbett tieber durch Selbstinfection hervorbringt; das erste ist die
Resorption des zersetzten Stoffes, das zweite ist die Blutentmiseliung
und das dritte sind die Exsudationen; das aber geschieht, wie wir
schon gezeigt, wenn es oft geschieht, nicht einmal bei hundert Wöch-
nerinnen; und diese Lehre ist eine ganz andere, als die Lehre
Scanzoni's. wh kiter glaubt, dass das Trauma, die faulen Decidua-
Placent.areste. die faulen Hlutcoagula eine örtliche Entzündung er-
zeugen, welche dann allerdings in eigentliches Puerperalfieber über-
leben könne dadurch, dass die Producte der örtlichen Entzündung
resorbirt werden, bei Scanzoni ist daher das erste die örtliche Ent-
zündung, und bei dieser kann es auch bleiben, oder als zweites wird
Die Aetiotogie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbetttiebeirs. 315
das Product örtlicher Entzündung resorbirt, das resorbirte Product
der örtlichen Entzündung- erzeugt eine Bluteiitmisehung, und mm
folgen aus dem entmischten Blute neue Exsudationen, und solche
Fälle habe er im Prager (4ebärhaus blos von der Endometritis hunderte
beobachtet.
Da wir aber bewiesen, dass man diese hundert« vun örtlichen
Entzündungen verhüten kann, so ist damit zugleich bewiesen, dass
diese hunderte von Entzündungen auch durch Resorption eines zer-
setzten Stoffes entstehen.
Nun wollen wir zur Aetiologie des eigentlichen Puerperalfiebers
Scauzoni's übergehen. Scanzoni sagt: „Wennsich Kiwisch dahin aus-
spricht, dass der puerperale Zustand des Weilies als die erste not-
wendige Bedingung für die Entstehung des Puerperalfiebers zu be-
trachten sei, so wird ihm gewiss Niemand beistimmen, der Gelegen-
heit gehabt hat, ausgedehntere Erfahrungen und Beobachtungen über
diesen Gegenstand zu sammeln."
Der Leser weiss, dass wir im Jahre 1847 bewiesen, dass das
Kindbettfieber eine verhütbare Krankheit sei, dass daher derjenige
Im die Verheerungen des Kindbetttiebers verantwortlich ist, welcher
diese Verheerungen nach dem Jahre 1847 nicht verhütete.
Scanzoni brüstet sich noch im Jahre 1853 mit ausgedehnteren
Erfahrungen über das Kindbettfieber, als sie selbst Kiwisch gemacht,
Er bat also alles das, was bis zum Jahre 1853 zu Gunsten meiner
Lehre über die Entstehung des Kindbettliebers erschien, mit so wenig
Veiständniss gelesen, dass er nicht einmal ahnt, welch ein Urtheil er
über sich selbst fällt, wenn er sich noch im Jahre 1853 mit aus-
gedehnteren Erfahrungen brüstet.
Wir stimmen mit Scanzoni überein, wenn er gegen Kiwisch be-
hauptet, dass der puerperale Zustand des Weibes nicht die erste noth-
wendige Bedingung für die Entstehung des Puerperalfieb wir
theilen aber seine Ansicht nicht, wenn er behauptet, die eigentliche
prädisponirende Ursache des Puerperalfiebers sei die eigenthümliche
Blutmischung der Schwangeren.
Dass der puerperale Zustand des Weibes nicht die erste noth-
wemlige Bedingung für die Entstehung des Kindbettfiebers sei, geht
nicht nur daraus hervor, wie Scanzoni richtig bemerkt, dass das
Puerperalfieber schon während der Geburt, ja schon während der
Schwangerschaft nicht nur beginnt, sondern sogar tödten kann; — den
* irstei Kaiserschnitt in mortua habe ich an einem in der Schwanger-
schaft an Puerperalfieber verstorbenen Individuum gemacht, — sondern
auch daraus, dass wir die Krankheit, welche wir Puerperalfieber
nennen, nämlich die Krankheit, welche in Folge der Resorption eines
di lftiii-en Stoffes entsteht, auch bei Individuen entstehen sehen,
welche mit dem puerperalen Zustande des Weibes nicht die geringste
Aehnlichkeit habe; der Anatom, der Chirurg, die an <-hininh.schen
Abtlieilungen operirten männlichen und weiblichen Individuen be-
finden sich nicht im puerperalen Zustande, und doch erkranken selbe,
wenn bei ihnen ein deletärer Stoff resorbirt wird, an derselben
Krankheit.
Dass aber Scanzoni auch nicht das Wahre sagt, wenn er die
eigenthümliche Blutmischung der Schwangeren als die eigentliche
prädiaponirendfi Ursache des Kindbettfiebers angibt, können wir unter
vielen Gründen mit zwei hinreichend beweisen. Dämlich, wenn dem
316
Semmel weis" Abhandlungen und Werk über dus Kiu'lliettfieber.
so wäre, so könnte das Puerperalfieber durch Chlor Waschungen der
Bände nicht vermindert werden, denn es ist nicht einzusehen, wie
Chlorwaschnngen der Hände die eigenthümliche Blutmischung der
Schwangeren ändern sollten; nicht die eiireiitliiimliche Blutmischung.
wie selbe den Schwangeren im physiologischen Zustande zukommt.
wird durch Chlor Waschungen verändert, sondern durch Zerstörung
der deletären Stoffe mittelst Chlorwaschungen wird die
mischung verhütet, entstanden wäre, falls zersetzte Stoffe
resorbirt worden wären. Und eben so wenig-, als sich dir Anatom,
ilti Chirurg, die chirurgischen Operirten im Piierperalzttstande be-
iluden, eben so wenig haben selbe eine den Schwangeren ähnliche
Blutmischung.
Die eigentliche prädisponirende Ursache des Kindbettfiebers ist
alles das. was eine resorbirende Fläche für den zu resorbirenden
deletären Stoff" schafft.
Sieher gehört die Schwangerschaft, aber nichl wegen der eigen-
thüm liehen Blutmischung der Schwangeren, sondern deshalb, weil
durch die Schwangerschaft die innere Fläche der Gebärmutter der
Schleimhaut verlustig wird, und dadurch eine resorbirende Fläche
tin den zu resorbirenden deletären Stoff geschaffen wird; hieher ge-
hört das schlechte Unterstützen des Mittel tleisches. wodurch in 1
des Kittelfleischrisses eine resorbirende Fläche geschaffen wird, hieher
gehört der Stich bei Anatomen und Chirurgen, hieher gehört die
durch eine Operation gebildete Wundfläche etc. etc. etc.
Tanzoni geht nun zur Aetiologie des Kindbettfiebers über und
sagt, vor allem Andern komme das epidemische Auftreten des Kind-
bettfiebers in Betracht, und um zu beweisen, dass das Puerperalfieber
auch epidemischen Ursprungs sein könne, beruft er sich auf die
schichte des Puerperalfiebers, welche lehre, dass das Puerperalfieber
zu gewissen Zeiten in grösserer oder geringerer geographischer Aus-
breitung vorkomme. Wenn Scanzoni sich auf die Geschichte des
Puerperalfiebers beruft, um zu beweisen, dass das Puerperalfieber
epidemischen Ursprungs sei, so entnehmen wir daraus, dass Scanzoni
entweder nie eine Geschichte des Puerperalfiebers gelesen, oder wenn
er eine gelesen, so hat er selbe mit demselben Verständnisse gelesen,
mit welchem er alles das, was zu Gunsten unserer Lehre bis zum
Jahre 1853 erschien, gelesen oder nicht gelesen hat.
Die Geschichte des Puerperalfiebers stellt im Gegent heile fest,
dass das Puerperalfieber vorzüglich an Sebarhanser gebunden suä,
und dass es nie in solcher Ausdehnung ausserhalb der Gebärhäuser
vorkomme, wie innerhalb der Gebärhäuser: das Puerperalfieber kommt
innerhalb des Gebärhauses wohl nicht in dieser Ausdehnung vor,
urie innerhalb der Gebarbauser, aber das Kindbettfieber kommt auch
ausserhalb der Gteb&rhäuser von Zeit zu Zeit in grösserer Ausdehnung
vi. als es gewöhnlich ausserhalb des Gebärhauses vorzukommen
pflegt, aber die Aerzte und Hebammen, welche in geographischer
Verbreitung ihre Thatigkeit entfalten, sind bis zum Jahre 1847 in
Unwissenheit über die Entstehung des Kindbettfiebers von den ge-
burtshilflichen Lehranstalten Infi praktische Leben gesendet wurden,
und i>t >s da zu wundern, dass selbe in ihrer Unwissenheit Ver-
heerungen unter den Wöchnerinnen in geographischer Verbreitung
anrichteten?
\\ 'an die grossere Sterblichkeit der Wöchnerinnen an Puerperal-
M-rie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbetifiebers. 317
lieber innerhalb und ausserhalb der Gebärhäuser durch epidemische
Einflüsse beding, so müsste die grössere Sterblichkeit innerhalb und
ausserhalb der Gebärhäuser immer gleichzeitig und immer iu gleicher
Ausdehnung vorkommen, weil die Wöchnerinnen innerhalb der Ge-
härhiiuser und ausserhalb der Gebärhäuser nur denselben und nicht
verschiede neu cosmiscli-tellurischeu Einflüssen unterworfen sein können.
Aber innerhalb und ausserhalb der Gebiirhauser wird nicht immer
gleichzeitig inlicirt. und daher geschieht es. dass ausserhalb der Ge-
D&rh&user, wo gerade damals nicht inticirt wird, die Wöchnerinnen
sich eines guten Gesundheitszustandes erfreuen, während die Wöchne-
rinnen des Gebftrhauses, wo inticirt wird, vom Kindbettfieber deeimirt
werden; winl aber im Gebärhause nicht inticirt, zur Seit all ausser-
halb der Gebärhäuser inlicirt wird, so geschieht, das Umgekehrte,
nämlich die Wöchnerinnen des Gebärhauses sind gesund, während die
Wöchnerinnen ausserhalb des Gebärhauses dein Kiiidbettfieber er-
liegen. Wird gleichzeitig in und ausserhalb der Gebärhäuser inri< irt.
so sterben innerhalb und ausserhalb der Gebärhäuser die Wöchne-
rinnen gleichzeitig am Kindbettfieber in grösserer Anzahl, da aber
innerhalb der Gebärhäuser häufiger Gelegenheit geboten ist, die Gegen-
stände, welche mit den Genitalien der Individuen in Berührung kommen,
zu verunreinigen, so erklärt das. warum in den Gebärhäusern häufiger
ein ungünstiger Gesundheitsznstand unter den Wöchnerinnen herrsche,
als ausserhalb der Gebärhäuser, und ist einmal ein Gegenstand,
welcher innerhalb und ausserhalb der Gebärhäuser mit den Genitalien
der Individuen in Berührung gebracht wird, mit deletärcn Stoffen
verunreinigt, so kann dieser mit zersetzten Stoffen verunreinigte
Gegenstand ausserhalb der Gebärhäuser weniger Individuen inficiren,
als derselbe Gegenstand im Gteb&rhanse innVirt haben würde, weil
ausserhalb der Gebärhäuser nie Gelegenheit ist, dem verunreinigten
Gegenstand mit den Genitalien so vieler Individuen in Berührung zu
bringen, als dazu im Gebarhanse Gelegenheit geboten ist, und daraus
igt zu erklären, warum ausserhalb der Gebärhäuser das Puerperal-
fieber nie in dieser Ausdehnung vorkommt, als es in den Gebärhätisern
vorzukommen pflegt. Wir haben es zwar schon gesagt, aber wir
finden es nicht überflüssig, es nochmals zu wiederholen, dass, wenn
in zwei Gebärhäusern, welche in grosser Entfernung von einander
liegen, die Wöchnerinnen gleichzeitig an Puerperalfieber in grosser
Anzahl sterben, selbe deshalb sterben, weil selbe gleichzeitig inticirt
werden, dass es kein atmosphärisch-eosniisch-tellurischer Eiufluss ist,
welcher in solcher geographischer Verbreitung vorhanden ist; dass er
zwei in grosser Entfernung liegende Gebärhäuser gleichzeitig trifft,
geht daraus hervor, dass die Wöchnerinnen der dazwischenliegenden
Bevölkerung sich eines guten Gesundheitsznstandes erfreuen: ja nicht
die Wöchnerinnen der dazwischenliegenden Bevölkerung allein er-
freuen sich eines guten Gesundheitszustandes, sondern seihst die
Wöchnerinnen der Stadt, in welcher sich das vom Kindbettfieber
leimgesuchte Gebärhaus befindet, denn 111:111 kann bekanntlich das
Kindbettfieber im Gebärhause dadurch unterdrücken, dass man das
Gebär haoa schliesst, und die Individuen zerstreut in der Stadt ent-
binden Jässt. also der atmosphärische Einfluss. welcher gleichzeitig
zwei entfernt liegende Gebärhäuser erreicht, reicht nicht bis zu den
Umgebungen des Gtebätfeanses; Hess Massregel nützt dadurch, d
der Unterricht in Folge dieser Massregel aufhört, folglich das Unter-
318
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
suchen der Schüler aufhört, welche sieh behufs ihrer anderweitigen
nicdicinischen Ausbildung sehr häutig ihre Hände mit zersetzten
Stoffen verunreinigen.
Wenn die grosse .Sterblichkeit in- und ausserhalb der Gebär-
häuser durch atmosphärische Einflüsse bedingt wäre, so wäre das
Kindbettfteber eine unverhütbare Krankheit, dass aber das Puerperal-
fieber verhütbar sei, habe ich schon im Jahre 1847 bewiesen, und
um diese Ueberzeugung zur allgemeinen zu machen, veröffentliche
ich ja gegenwärtige Schrift.
Leider, sagt Scanzoni, haben aber die Untersuchungen, diese
atmosphärischen, tellurischen und cosmischen Verhältnisse näher
kennen zu lernen, bis jetzt zu keinem positiven Resultat geführt;
natürlich, was nicht exisiirt. kann man nicht kennen lernen, denn in
allen Jahreszeiten, in den verschiedensten Klimat.en. unter allen Arten
von Witterungsverhältnissen wurden Pnerperalepidemien beobachtet.
und wie denn nicht, denn in allen Jahreszeiten, in den verschiedensten
Kliniaten und unter allen Arten Witteruiigsverhältnissen kann inficirt
und dadurch eine sogenannte Puerperalepidemie hervorgerufen werden ;
und wenn Scanzoni sagt, unser ganzes Wissen über diesen Gegenstand
beschränkt sich darauf, dass derartige Epidemien häufiger und bös-
axtiger in den Winter- als in den Sommermonaten auftreten, dass
•■in« (Während des Winters herrschende Epidemie mit dem Eintreten
der wärmeren Jahreszeit nicht selten plötzlich aufhöre, so ist. die
Beobachtung dieser Facta sehr richtig, und die Erklärung die» n
b liegl in dem Umstände, dass der Winter die Zeit des Fleisses
für die Schüler ist, während mit beginnender warmer Jahreszeit die
Landpartien beginnen, und dem entsprechend der Fleiss der Schüler
nachlässt, und demjenigen, der nicht glauben will, dass nur die Art
der Beschäftigungen der das Gebärhaus Besuchenden, wie solche
durch die Jahreszeil bedingt wird, die Ursache dieser Facta sei, der
alsu glaubt, dass der Winter als solcher die grosse Sterblichkeit ver-
anlasse, dann fragen wir, wie es denn komme, dass an der I. Gebär-
ktinik zu Wien im October 2, im November 2, im December 1. im
Jänner 2, im Februar 0 Percent. und im März gar keine Wöchnerin
gestorben ist? Während im April 18, im Mai 13, im Juni 10, im
Juli 20, im August 25, im September 18 Percent Wöchnerinnen starben
(siebe Tabelle XIX. Seite 171); dann bitten wir um die Erklärung,
wie denn der schädliche Einnuss des Winters durch Chlorwaschungen
der Hände gemildert werden könne, da wir in Folge der Cbfer-
wa.scliungen durch mehrere Winter keine epidemischen Puerperal-
fieber hatten,
Wir fragen ihn: hat es in Wien durch 25 Jahre, in London und
Dublin durch 124 Jahre keinen Winter gegeben, weil in Wien durch
25 Jahre nicht eine Wöchnerin von 100 Wöchnerinnen starb, weil in
des sechs zu London und Dublin befindlichen Gebärhänsern während
LG keine Wöchnerin starb, und während 105 Jahren nicht eine
Wöchnerin von 100 Wöchnerinnen starb.
Wenn Scanzoni glaubt, dass stürmische, kaltfeuchte Taue du
häufigere und intensivere Auftreten des Kindbettfiebers begünstigen,
und wenn er als Beweis hiefür das Factum anführt, dass nicht selten
alle in einer (-iebäraiistalt an einem bestimmten Tage Entbundenen
puerperal erkranken, so glauben wir an den schädlichen Einfluss
Btünnischer, kAltfeuchter Tage nicht, sind vielmehr der l'eberzeugung,
Die Aetiologie, der Begriff nud die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 319
U
dass alle an einem bestimmten Tage Entbundenen, welche puerperal
erkranken, inficirt wurden, und dass dem so sei, ist dadurch bewiesen,
dass man durch Chlorwaschungen das Erkranken aller an einem Tage
Entbundenen verhindern kann, trotz stürmischer, kaltfeuchter Tage,
und es wird wohl Niemand glauben, dass es in Wien durch 25 Jahre
und in London und Dublin durch 124 Jahre keine stürmischen, kalt-
feuchten Tage gegeben habe, weil während dieser Zeit in diesen Qe-
bärhäusern die Sterblichkeit so klein war, dass die Erkrankungen
gewiss nur sehr vereinzelt vorkommen konnten. Wenn Scanzoni auf-
merksamer beobachtet hätte, so hätte er gewiss gefunden, dass das-
selbe Factum sich auch an Tagen niederholt hat, wo man über
stürmische, kalt feuchte Witterung sich nicht zu beklagen hatte.
Wir haben dieses Factum unter der Benennung des reihenweisen
Erkrankens abgehandelt, der Leser wolle dies bezüglich Seite 126,
Zeile 23 und Seite 139, Zeile 6 von unten nachlesen.
Scanzoni sagt: der epidemische Einfluss gebe sich nicht nur in
der Zahl der Erkrankungen, sondern auch in der Art der Erkrankungen
kund, so zwar, dass in manchen Epidemien alle Fälle den Charakter
der Hyperinose, in andern die Charaktere der Pyaemie und in andern
die Charaktere der Blntdissolution tragen, ja selbst in den Locali-
>a! innen zeige sich der epidemische Einfluss. indem zu gewisser Zeit
die Lymphangoitis, zu einer anderen die Phlebitis etc. etc. den eon-
stanten Sectiunsbefund abgeben ; alle diese angeführten Umstände
lassen nach Scanzoni keinen Zweifel übrig, dass gewisse, uns freilich
ihrer Wesenheit nach nicht bekannte atmosphärische Einflüsse eines
der beachtenswerthesten Causalmomente des Puerperalfiebers darstellen.
Was Scanzoni über die Formen des Puerperalfiebers hier sagt,
ann man zwar in vielen Lehrbüchern der Geburtshilfe lesen, aber
in der Natur nicht beobachten; wir haben leider vor dem Jahre 1847
auch (Telegenheit gehabt, zahlreichen Sectionen von Puerperen bei-
zuwohnen, wir sind speciell auf die Formen, unter welchen sich das
Puerperalfieber am Sectionstische darstellt, auch deshalb aufmerksam
gewesen, weil sich damals an der pathologisch-anatomischen Anstalt
ein sonst ausgezeichneter Assistent befand, welcher aus der Be-
v.halfenheit der in Puerperalleichen vorgefundenen Krankheits-
producte die Prognose stellen wollte, ob die Epidemie sich im Beginnt'
befinde, ob in der Acme oder im Stadium des Nachlassens, ob die
Epidemie Rezidiven inachen werde etc. etc. etc. Seine Prognosen gingen
natürlich nie in Erfüllung, und wir hatten auch deshalb jeden Glauben
für diese Prognosen vollkommen verloren, weil wir, um uns zu über-
zeugen, ob denn wirklich je nach dem Stadium der Epidemie nur
gewisse Formen vorkommen, wie besagter Assistent meinte, durch
längere Zeit alle verstorbenen Wöchnerinnen secirt, und da hat es
sich gezeigt, dass an Tagen, an welchen leider Gelegenheit war,
mehrere, ja viele Puerperalleichen zu seciren, sich die Formen vor-
fanden, welche den Beginn der Epidemie, welche der Acme, welche
dem Nachlassstadium zukommen, und BS hat auch nicht an Formen
gefehlt, welche eine Recidivi- der Epidemie anzeigen sollten; eine
konstant wählend einer Epidemie vorherrschend vorkommende Form
haben wir nie beobachtet, und nachdem wir endlich erforscht, welches
wahre Ursache des Kindbettfiebers sei, landen wir es ganz be-
greiflich, dass es nicht gelungen ist, von Folgen auf eine Ursache
320
Bemmelweis' A.bhudlaqgwi uu<l WVrk über das Kimlbeitfieber.
einen Schluß zu zielten, weiche Ursachen diese Folgen nicht hervor-
gerufen.
lud wenn Sranzmii noch im .Tahre 1853 in den versrhiedenen
Formen, unter welcheu das Puerperalfieber vorkommt, die keinem
Zweifel unterliegende Wirkung atun^pliärischer Einflüsse erkennt
können wir durch eine einfache Bemerkung beweisen, dass Scanzoni
in einem strafbarem gefährlichen Irrthume befangen ist, denn unter
den 170ÜI innerhalb sechs Jahre melir als im Jahre 1848 an der
1. <;. bärklinik verstorbenen Wöchnerinnen befanden sich gewiss zahl-
reiche solche Formen, in denen Scanzoni die Wirkung atmosphärischer
Einflüsse nicht verkennen kann, und doch haben wir selbe verhütet,
und Scanzoni hat fünf Jahre Zeit gehabt, über dieses Resultat nach-
zudenken.
Wenn Scanzoni dadurch beweisen will, dass die atmosphärischen
Einflüsse nicht immer erst im Puerperio ihre Wirkung entfalten, da
das Puerperalfieber schon in der Schwangerschaft entstehe, da
während einer Epidemie häutig äusserst träge und schwache oder
krampfhaft anssergewohulich schmerzhafte Wehen beobachtet werden
mit daraus resultirendem langsamen Geburtsverlaufe; da während
einer Epidemie, während und nach der Geburt häufiger Metrorrhagien
auttreten, da die Kinder jener Mütter, welche später am Puerperal-
fieber erkranken, oft unter den Erscheinungen einer rasch verlaufenden
Bluterkrankung ebenfalls zu Grunde gehen; so sind die Tliatsa« In u
allerdings ganz richtig beobachtet) aber die Erklärung, dass di
Unheil durch atmosphärische Einflüsse bedingt sei, ist irrig.
Nicht atmosphärische Einflüsse sind es, welche dieses Unheil an-
stiften, sondern der resoi bitte zersetzte Stoff verschuldet das alles.
Der zersetzte Stoff kann schon in der Schwangerschaft resorbirt
werden, und erzeugt dann in der Schwangerschaft schon das Puer-
peralfieber.
Wird der zersetzte Stoff schon in der Schwangerschaft resorbirt
oder verzögert sich die Geburt, nachdem während der Geburt der
zersetzte Stoff resorbirt wurde, ist mithin die Geburt noch nicht
vollendet zum* Zeit als bei der Kreissi ulm die Bluteutmisehung in
Folge der Resorption des zersetzten Stoffes eintritt, so wirkt das >■>
entmischte Blut paralysirend auf den Uterus, und dadurch ist die Be-
dingung zu äusserst trägen und schwachen, oder krampfhaften und
außergewöhnlich schmerzhaften Wehen mit daraus resultirendem lang-
samen Gebnrtsverlaufe, zu Blutungen gegeben. Ist das Kind zur Zeit
als bei der Mutter die Blutentmischung in Folge der Resorption des
zersetzten Stoffes eintritt, mittelst der Placeuta noch in Verbindung,
so wird dein Kinde die Blutenlmischung von Seite der Mutter mi
theilt, und es sterben beide an derselben Krankheit. Dass sich die
Sache so verhalte, wie wir es sagen, ist dadurch bewiesen, dass all
das Unheil durch Chlorwaschungen verhütet werden kann. In Bezug
auf die Blutentmisclmng der Kinder wolle der Leser Seite 122 Zei
und Seite 137, Zeile 21 bis Seite 139 nachlesen.
"Wenn Scanzoni auch die faul-todtgebornen Kinder hieher zählt,
so ist das abermals ein hrthura; es sind allerdings alle Mütter ohne
Ausnahme, deren Kinder an einer Blutentmischung erkrankten, auch
am Puerperalfieber erkrankt, und wie denn nicht, wurde ja die Blut-
entmischung nie selbstständig im Kinde erzeugt, die Blutentmischung"
wird ja immer dem Kinde durch die schon kranke Mutter mitgetheilt,
au
>
z
be
Die Aetiologie, der Begriff und die I'nplivlaxis des Kindbett (ielieis. 321
die tägliche Erfahrung lehrt aber, dass faul-todte Kinder von den
gesündesten Kreissenden geboren werden, welche auch Im Wochen-
bette gesund bleiben, als Beweis, dass der Tod dieser Kinder nicht
durch das mittelst des zersetzten Stoffes entmischte Blut der Mutter
bedingt war, sondern in Folge anderer Ursachen eintrat. Gewiss,
wenn in der Schwangerschaft schon die Resorption eines zersetzten
Sri lies geschieht, und sich in Folge dessen das Blut der Mutter ent-
mischt, welches entmischte Blut das Kind in der .Schwangerschaft
tüdtet, so kann die Schwangerschaft unmöglich so lange noch bestehen.
bis das Kind in Fäulniss übergeht, dann entweder wird die .Schwangere
als Schwangere sterben, bevor das Kind in Fäulniss übergegangen
oder die Schwangerschaft wird durch die Geburt unterbrochen, was
das Gewöhnliche ist, bevor das Kind in Fäulniss übergegangen ist.
So wie es nicht begreiflich wäre, dass eine Mutter, welche ihr Kind
durch Blutentmischung schon vor so langer Zeit getödtet hat. voll-
kommen gesund die Geburt und das Wochenbett überstehen könne.
Damit ist aber nicht gesagt, dass eine solche Mutter nicht auch in
Folge einer Infection erkranken könne.
Und dass faul-todtgeborene Kinder und an Blutdissolution Bter-
bende Kinder nicht an derselben Krankheit sterben, ist auch dadurch
bewiesen, dass die Zahl der Todesfälle an Blutdissolution durch Chlor-
waschungen vermindert werden könne, während auf die Verminderung
der Zahl fanl-todtgeborner Kinder die t 'hlorwaschungen keinen Ein-
tluss üben.
Nachdem wir gezeigt, dass alles das. was Scanzoni als Beweis
für die Existenz der epidemischen Einflüsse vorgebracht, einzelne
Facta ausgenommen, alles Uebrige Irrthiim und Täuschung ist, wollen
wir zur Beurtheilung der übrigen aetiotogischen Momente des Kind-
bettfiebers schreiten, wie solche Scanzoni als Kindbettfieber erzeugend
anführt
Von der Individulität sagt Scanzoni Folgendes: „Während des
errschens einer Epidemie komme die durch die Individualität be-
dingte Krankheitsanlage weniger in Betracht, während einer Epidemie
schütze kein Alter, keine Körperconstitutioii, keine Art von Lebens-
verhältnissen, und sehr häufig erkranken gerade die gesündesten,
jüngsten, kräftigsten und blühendsten Frauen an dieser bösartigen,
heimtückischen und mörderischen Krankheit."
Der aufmerksame lieser dieser Schrift weiss, dass das Wesen
einer Puerperalfieber-Epidemie darin bestehe, dass vielen Individuen
ein zersetzter Stoff auf eine oder die andere Weise von aussen ein-
gebracht werde, und ein zersetzter Stoff ist ein so furchtbares Gift,
dass davor allerdings keine Individualität Schutz gewähren kann.
Ausser einer Epidemie aber, meint Scanzoni. erkranken leichter
an Puerperalfieber sehwäcliliehe. srhlerht genährte, während der
Schwangerschaft dem Elende und der Notli ausgesetzte und unter
dem Einflüsse deprimirender Geroüthsaft'ecte lebende Frauen; wir sind
der Ueberzeugung, dass durch alle diese Umstände den Individuen
weder von aussen ein zersetzter Stoff eingebracht wird, noch entsteht
Folge dieser Umstände ein zersetzter Stoff in den Individuen.
umstände sind daher keine aetiologischeu Momente des Kind-
etthebers. Auf wie viele von den im Jahre 1S48 an der I. Gebiu-
klinik verpflegten 3556 Wöchnerinnen passte diese Beschreibung
BtnuMhrelB' gesammelte Wej 21
322
Semmel weis' Abhandlungen nnd Werk über «las Kindbettfieber.
Scanzoni's, und doch haben wir nur 45 Wöchnerinnen am Puerperal-
fieber verloren.
Im Wiener Gebärhause wurden während der 25 .laln e. wo nicht Eine
von 100 Wöchnerinnen starb, 44.838 Individuen verpflegt, davon Btarben
in den vier Londoner und den zwei Dubliner Gebärhäuseru starb
während 19 Jahren von 4558 YVni hnerinnen keine, und während 105
fahren starben von 109.656 verpflegten Individuen 762. Wie ungeheuer
mag die Zahl derjenigen unter diesen 159.052 Individuen gewesen
sein, auf welche die Beschreibung Scanzoni's passt, und könnte die
Sterblichkeit auf 999 Todte beschränkt geblieben sein, wenn diese
Umstände aetiologische Momente des Kindbettfiebers wären.
Leichter erkranken am Puerperalfieber nach Scanzoni auch solche
Individuen, welche schon während der Schwangerschaft an einer
Krankheit leiden, welche mit einer den verschiedenen Puerperalfieber-
formen analogen Blutmischung einherschreiten : hieher gehören Frauen,
welche mit Pneumonien. Pleuritiden, mit Entzündungen des Pericardiums,
mit acutem Rheumatismus ins Puerperium kommen.
Wenn Scanzoni glaubt, dass bei den genannten Entzündungen
eine analoge Blutmixehiing wie beim Puerperal lieber si< h vorfinde, so
beweiset das nur wieder, dass er noch im Jahre 1853 nicht weiss,
worin das Wesen des Puerperalfiebers bestehe: bei Anatomen. !•
Chirurgen, bei Operirten an chirurgischen Abteilungen, bei Neu-
geborneu, die an Pyaeniie sterben, findet sich eine identische Blnt-
mischiuiir wie beim Puerperalfieber, aber nicht bei des von Scanzoai
genannten Kut Zündungen. Im GegentheiL, diese Entzündungen schützen
die Individuen vor dem Puerperalfieber dadurch, dass selbe aus
Humanitätsrücksichten nicht zum unterrichte benützt, folglich nicht
inficirt werden. Und wenn Scanzoni beobachtet hat, dass eine m
vorgeschrittene Lungentuberculose Schutz gewähre gegen das Puer-
peralfieber, weil er hunderten von Sectiunen von an Puerperalfieber
Verstorbenen beigewoliut. ohne darunter ein einziges Mal eine weiter
fortgeschrittene Lungentuberculose zu treffen, so liegt der Grund ein-
i,i« ii darin, dass diese Individuen nicht zum Unterrichte benützt, folg-
lieh nicht inficirt werden. Wenn Scanzoni sagt, das Puerperalfieber
trete bei Anaemischen. Hydropischen . an einem acuten Exant
[Mattem-, Masern-, Scharlach.-) Leidenden, bei Typhösen oder v
butischen seltenerauf, so liegt der Grund wieder nur darin, dass der-
artige Individuen nicht zum Unterrichte benützt, folglich nicht inficirt
werden, und wenn Scanzoni dasselbe nicht auch bei den von ihm *-re-
nanuten Entzündungen beobachtet hat, so hat er eben schlecht be-
obachtet, was uns nicht überrascht; Scanzoni hat ja so viele Wöchne-
rinnen sterben sehen, hat vom Jahre 1847 bis zum Jahre 1853 Zeit
zum Nachdenken und Gelegenheit gehabt, vieles zu Gunsten meiner
Lehre Erschienenes zu lesen, und das Alles war nicht hinreichend,
ihn die Beobachtung machen zu lassen, dass das Puerperalfieber nicht
epidemischen Ursprungs sei.
Die von Scanzoni genannten Krankheiten, mit einem Worte alle
schweren Krankheiten, schützen die Individuen vor Puerperalfieber
dadurch, wodurch die Gassengeburten und die vorzeitigen Geburten
die Individuen an der I. Gebärklinik vor Puerperalfieber Behüteten,
nämlich die Gassengeburten wurden zum Unterrichte nicht verwendet,
weil an ihnen nichts mehr zu lernen war, und die vorzeitigen
borten durften zum Unterrichte nicht verwendet werden, um wo
Die Aetiologie, der Begriff und die Propliykzü dea Kindbettfiebers. 323
möglich die vorzeitige Geburt noch aufzuhalten, die Gassengeburten
und 4ie vorzeitigen Geburten wurden daher nicht inficirt (siehe Seite
125, Zeile 21 und .Seite 139. Zeile 29).
Schwere Krankheiten schützen daher vor Puerperalfieber dadurch,
die Humanität verbietet, solche Iudividuen zum Unterrichte zu
beofttzen, sie werden daher nicht inficirt, damit ist aber nicht ge
selbe das Puerperalfieber nicht bekommen könnten, falls selbe
einer [nfection ausgesetzt würden.
Kine Ausnahme macht nur die Eclainpsie, weil Eclamptisehe
wiederholt untersucht werden, um den Zeitpunkt zur Beschleunigung
der Geburt rechtzeitig zu erspähen, und an der I. Gebärklüiik starben
vor Einführung der Chlorwaschungen beinahe alle Ecl am p tischen, bei
welchen die Anfälle aufhörten, im Wochenbette am Puerperalfieber,
nach Einführung der Ohhirwasehnngen war Jas Puerperalfieber nach
Eclampsien eine »Seltenheit.
Wir stimmen mit Scanzoni überein, wenn er die lange Dauer
der Geburt für ein aetiologisches Moment des Kindbettfiebers hält,
wir stimmen aber nicht überein mit der Ansicht, wie er das Puer-
peralfieber bei verzögerten Geburten entstehen lii
Vor allem muss unterschieden werden, ob sich die Kn'itfnnugs-
oder ob sich die Anstreibungsperiode verzögert.
Verzögert sich die Erntfuungsperiode. so bleibt der Verzögerung
entsprechend die innere resorbirende Fläche der < ö-barmutter längere
Zeit zugängig, und es ist begreiflich, dass ein solches Individuum
der Gefahr einer Infection von aussen mehr ausgesetzt ist, als ein
anderes, dessen resorbirende innere Fläche des Uterns wegen raschem
Vi rlauf der Eröttitungsperiode nur kurze Zeit zugäugig ist.
Verzögert sieh die Geburt, nach geschehener [nfection noch so
lange, dass die secuudäre Blntentmisehung früher eintritt, als die
Trennung des Kindes von der Mutter durch die Geburt, so participirt
«Im-; Kind von der Infection (siehe Seite 121-123, Zeile 34 und »Sehe
137 139. Zeile 21).
Verzögert sich aber die Austreibungsperiode, so kann zwar keine
Infection von aussen geschehen, weil der vorliegende Kindestheil die
innere resorbirende Fläche des l'teius unzugängig macht, aber die
verzögerte Austreibungsperiode kann zur Entstehung des Kind)
liebers durch Selbstiufection dadurch Veranlassung geben, dass dureli
di n lungere Zeit dauernden Druck theilvveises Necrosiren der zer-
gnetsehten Weichtheüe eintritt, und hiemit ist der zersetzte Stoff
gegeben, welcher, wenn resorbirt, das Puerperalfieber hervorbringt.
Eine auf diese Weise erkrankte Mutter kann ihr Kind nicht
inficiren, weil das Kind durch die Geburt früher von der Mutter
trennt wird, als bei der Mutter die secuudäre Blutentmischung eintritt.
Die Erzeugung des zersetzten Stoffes kann unter solchen Ver-
hältnissen auch dadurch unterstützt werden, dass bei solchen Fällen
noch eine oder die andere operative Hilfeleistung nothwendig wird
Was die i Gefährlichkeit anbelangt, so ist die verzögerte Eröltnungs-
periode ungemein gefährlicher, weil bei gegebener Gelegenheit Alle,
bei welchen eine verzögerte Eröffnungsperiode stattfindet, inficirt
werden können.
Die verzögerte AußtreibungBperiode, und die dadurch bedingten
Operationen sind minder gefährlich, der Leser weiss ja, dass war In
'gelte Austreibungsperiode und die dadurch bedingten Operationen
21*
324
Semmclweis' Abhandlungen mi>l W UM Ettndbettfiebef,
unter die aetiologiechen Momente dos Kindbettflebers, entstanden
durch Selhstinfecr.ion, aufgenommen, und der Leser weiss auch, d&flfi
alle aetiologischen Momente der Selbst inJütfai zusammengenommen
nicht eise Wöchnerin von 100 Wöchnerinnen tödten.
Wenn daher Scanzoni eine Tabelle 8impson's veröffentlicht, aus
welcher hervorgeht, dass die Sterblichkeit der Mütter im geraden
Verhältnisse mit der l>auer der «iehurtsarbeit zunimmt, so hat dies«'
Tabelle den Wert h nicht, den selbe haben wiml.-. wenn darauf Rück-
sieht genommen worden wäre, welche Geburtspertode sich verzögert.
Und wenn Scanzoni glaubt, dass die Ursache der «Gefährlichkeit ver-
muten in dein freilich unbekannten Einflüsse des Gebär-
actes auf das Nervensystem und mittelbar auf das Blut lieg-e, go
können wir beweisen, dass nicht das Nervensystem, sondern ein zer-
setzter Stofl* auf das Blut wirke, weil unter den 3556 an der I. Gebar-
klinik im .Jahre 1848 vorgekommenen Geburten Gott weiss wie viele
zögernd verliefen, und wir haben nur 4ö Wöchnerinnen am Puerperal-
fieber verloren, weil bei der Häufigkeit des Vorkommens verzögerter
Geburten es nicht hätte geschehen können, wenn das Nervensystem
und nicht der zersetzte Stoff auf das Blut wirken würde, dass von
den schon oft erwähnten 159.052 Wöchnerinnen nur 999 gestorben
wären, d. i, 0,„a Perc. Antheil oder von 159.211 999 erat Eine.
Bei der Häufigkeit, in welcher verzögerte Geburten in der ganzen
Welt vorkommen, hätte es nicht geschehen können, wenn das Nerven-
system und nicht der zersetzte Stoff auf das Blut wirken würde, dass
das Puerperalfieber auf das mittlere Europa beschränkt geblieben
wäre; endlich halle bei der Häufigkeit des Vorkommens verzögerter
Geburten zu allen Zeiten die Geschichte des Puerperalfiebers nicht
nachweisen können, wenn das Nervensystem und nicht der zersetzte
Stoff auf das Blut wirken würde, dass das Puerperalfieber in der
Häufigkeit, wie wir selbes gegenwärtig beobachten, erst seit
siebenzehnten Jahrhundert vorkomme.
Aller Orten und zu allen Zeiten ist das Kindbettfieber in seltenen
Füllen durch Selbst infeetion in Folge verzögerter Austreibungsperi öde
entstanden 5 aber in unbeschränkter Anzahl werden die Individuen in
Folge verzögerter Eröffnimgsperiode nur im mittleren Kuropa und
erst seit dem siebenzehnten Jahrhunderte von aussen inficirt.
Wenn Scanzoni die traumatische Reizung in Auschlag bringt,
welche mit einer verzögerten Austreibungsperiode und mit operativen
Hilfeleistungen verbunden ist, so stimmen wir mit ihm überein.
glauben aber nicht, dass diese Umstände zuerst eine örtliche Ent-
zündung hervorrufen, und dass dann das Puerperalfieber dadurch
entstehe, dass die Producte dir örtlichen Entzündung durch Resorption
•bis Blut entmischen. Diese Umstände erzeugen das Puerperalfieber
dadurch, dass in ihrem Gefolge ein zersetzter Stoff entstellt, welcher
resorbirt wird, das Blut entmischt, und als drittes entstehen erst die
BntzQndnngfsprodnete.
Auch darin stimmen wir mit Scanzoni überein, dass der wr-
rte <;<'hurtsverlauf auch manchmal Folge des schon vorhandenen
Puerperalfiebers sein könne, denn geschieht die Blutentmiscliung in
Folge des resorbirten zersetzten stoiles schon vor der Ausschliessung
des Kindes, so wirkt das so entmischte Blut paralysirend auf den
Uterus, und dem entsprechend muss sich die Geburt verzögern.
Durch Gemütlisaftecte wird den Individuen weilet ein zersetzter
Die Atitiologfe, «ler Begriff iiml die lVo[ihyl;i\is lies Kiudbettfiebers. 325
ort aQ8§Gffli eingebracht, noch entstehl in Folge von Gemi'uhs-
affecten ein zersetzter Stoff in den Individuen. Gemäthsaffecte sind
demnach keine aeti< »logischen Momente des Kindbettfiebers. Soanzoni
sagt: ..Jedem beschäftigten Arzte werden aus leiner Praxis
Beobachtungen zu Gebote stehen, ans welchen er die Ueberzeugung
schöpfen Dtuss. dass der Gesundheitszustand einer Wöchnerin nicht
leicht durch eine andere auf sie einwirkende Schädlichkeit mehr
droht wird, als durch einen heftigen, aufregenden oder deprimireudeu
I lenrüthsaitect."
Ich bin auch ein beschäftigter Arzt, ich beobachte auch, dass
Hiebt nur Krsl-, sondern auch wiederholt Gebärende von depriniireiideii
Gemüthsafi'ecten, vorzüglich von Todesfurcht gegen Ende der Schwanger-
schaft geplagt werden, aber das Puerperalfieber beobachte Loh bei
den meiner ärztlichen Vorsorge anvertrauten Individuen so selten im
Vergleich zur Häufigkeit der Gemüthsaft'ecte, dass ich vernünftiger
Weise keinen Zusammenhang annehmen kann zwischen dem seltenen
Puerperalfieber und den häufigen Gemtithsafl'ecten.
Wenn Scanzoni durch flelssiges Studium dieser Schrift endlich
erkennen wird, was die wahre Ursache des Puerperalfiebers ist. so
wird er gewiss selbst erschrecken über die Grösse der' Gefahr, welcher
er die der 1'nVge seiner Schüler und Schülerinnen anvertrauten Indi-
viduen dadurch aussetzte, dass er seine Schüler und Schülerinnen als
so crasse Ignoranten über die Entstehung des Kindbettfiebers ins
praktische Leben gesendet, and das geschah ja bis zum Jahre 1847
an allen geburtshilflichen Lehranstalten.
Li es bei solchen Verhältnissen zu wundern, dass auch BOlche
inüiiir werden, bei welchen ein Gternftthsaffecl stattgefunden?
Scanzoni sagt ferner: „Wir für unseren Theil fürchten, gestützt
auf wiederholte Erfahrungen in dieser Beziehung, nichts so sein, als
wenn eiiH- Wöchnerin plötzlich einem heftigen Schrecken, Ansei oder
Kummer anagesetzt wird, denn es gibt vielleicht keine Lebensphase,
in welcher derartige Aftecte nachtheiliger wirken, als das Puerperium.
Wir könnten eine ansehnliche Zahl genau beobachteter Fälle
namhaft machen, in welchen es keinem Zweifel unterliegt, dass eine
solche Gemüthsaufregnng die wesentliche Ursache der puerperalen
Erkrankung darstellt, und zwar geschieht das gewöhnlich in der
Weise, dass gleich nach der Einwirkung jener Schädlichkeit ein hef-
tiger Schüttelfrost eintritt, die Physiognomie sich eigenthttmlich ent-
stellt, unter raschem Tollapsus der Kräfte alle Erscheinungen einer
rapidverlaufenden Llutdissnlutinn auftreten. Besonders zu furchten
sind aber die genannten Gemütsbewegungen dann, wenn sie sine
bereits erkrankte Wöchnerin befallen, denu hier ist mehr als unter
allen anderen Umstanden der Eintritt einer lethaleu Blntentmisehnng
zu gewärtigen."
Si nnzoni hat, sich uns schon zu oft als schlechter Beobsr
zeigt, als dass wir seine Beobachtung Aber den orsachlichen Zusammen-
hang zwischen Gernftthsaffectior und Puerperalfieber für wahr halten
nten, wir <u\>\ vielmehr der Ueberzeugung, dass in der ansehnlichen
Zahl von Fällen eine Infection entweder von ihm selbst, oder von
jemanden Anderen gemacht wurde, und dass in der Zwischenzeit
zwischen der Infecticn und dem Ausbruche des Kindbettfiebers noch
eine Genrftthsaffection hinzutrat, wo aber das Puerperalfieber auch
ausgebrochen wäre, wenn kein ßemuthsaffecl hinzugetreten wäre: nmi
32K
Alihaii'üuucxMi uuil Werk Über das Kindbettfii
da der Gemütsaffeet in Bezug auf die Zeit dem Resorptious- oder
dem Ausbruchstadium näher liegen kann, so yeschieht es auch, dass
gleich nach stattgehabtem Gemüthsaffect ein Schüttelfrost etc. Bfce,
eintritt. Wenn Scanzoni nicht ein gar so schlechter Beobachter
wirft, so könnte er ja nicht glauben, dass eine Wöchnerin am Puer-
peralfieber erkranken könne ohne Blutentmischung, und dass erst durch
Hinzutritt eines Gemüt hsafi'ectes der Eintritt einer lethalen Blut-
entmischung zu gewärtigen sei.
Wir klagen den zersetzten Stoff als diejenige Ursache an, welche
das l'uet'V'eralnVlier hervorbringt, und dieser Stoff bringt ja bei
Mannern. bei Frauen, welche nicht Schwangere, nicht Kreissende,
nicht Wöchnerinnen sind, dieselbe Krankheit hervor. Wenn Geinütlis-
affecte so eine fruchtbare Schädlichkeit sind, wie Scanzoni glaubt. »•
fragen wir. warum bringen denn Gemüthsaifecte bei Männern, bei
Frauen, welche nicht Schwangere, nicht Kreissende, nicht Wöchnerinnen
sind, nicht auch dieselbe Krankheit hervor; nachdem es aber Factum
ist. dass Gemüthsaffecte bei Männern und bei Frauen, welche nicht
im Puerperio sind, keine Pyaemie hervorrufen, so wolle uns Seanzoni
erklären, in welchen Verhältnissen es liege, dass im Puerperio der
schädliche Eintluss von Gemüthsaffecten derart modificirt werde, dass
er bei Wöchnerinnen Pyaemie hervorzubringen im Stande ist
Aufs Puerperium oder auf die den Schwangeren eigeuthümliche
Blutmischung kann Scanzuni sich nicht berufen, denn wir haben
schon bewiesen, dass in diesem Verhältnisse die praedisponirende Ur-
sache des Puerperalfiebers nicht liege, wir haben bewiesen, dass die
praedisponirende Ursache des Puerperalfiebers eine resorbirende Fläche
sei; wie verhalten sich nun Gemüt hsatt'ecte zur resorbirenden Fläche V
Mittelst Zahlen können wir zwar nicht beweisen, dass das Puer-
peralfieber ausserhalb der Gebärhäuser nicht durch Gemilthsatt'ecte her-
vorgerufen werde, weil uns über das ausserhalb der Gebärhäuser vor-
kommende Puerperalfieber keine Zahlen zur Disposition stehen. Aber
Scanzoni hält, wie es die <'onsequenz mit sich bringt, Gemnthsaflf< < te
auch für einen aetiologischen Moment des Kindbetthebers, weh lies in
Gebärhäusern vorkommt; er glaubt in Gemüthsaffecten eine der Ur-
sachen gefunden zu haben, welche es machen, dass die Sterblichkeit an
der I. Gebärklinik zu Wien grösser ist, als an der II. Gebärkütiik.
Nun dass dem nicht so sei, dass Gemüthsaifecte an der I. GeLn
klinik kein Puerperalfieber hervorgebracht haben . das können wo-
durch Zahlen beweisen, und von der I, Gebärklinik wird dann der
Schluss auf die übrigen Gebärhäuser, so wie auf das Puerperalfieber,
welches ausserhalb der Gebärhäuser vorkommt, erlaubt sein.
Vor allem ist es daher nothwendig. die Jahresrapporte der beiden
Wiener Kliuiken seit ihrem Bestehen hier raitzutheilen.
Das Wiener Gebärhaus wurde im Jahre 1833 in zwei Abteilungen
getrennt, und Schüler und Schülerinnen wurden beiden Abtheilan
in gleicher Anzahl behufs des geburtshilflichen Unterrichtes zuge-
wiesen. Die Sterblichkeit verhielt sich auf beiden Abtheilungen wie
nachfolgende Tabelle zeigt
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kind betriebe«. 327
I. Abtheilrtnß-.
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Summa „ 130Ü5.
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Durch eine allerhöchste Entschliessung rom 10. October 1840
wurden sämmtliche Schüler der I. und sämmtliche Schülerinnen der
Ii. Abteilung zugewiesen
Die Sterblichkeit verhielt sich wie folgt:
I. Abtheilung.
Klinik für Aerzte.
Im Jal
Geburten 8088. Todte 237,
M. P. 7.,0
ff
., 1842
3287;
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II. Abtheilung-.
Klinik für Hebammen
Im Jai
Geburten 2442, Todt
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M. P. 3 .„
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3241.
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„ 3754. „
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n 17791, n
«v.u.
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Mitte Mai
1847 wur
den die Chlorwaschungen auf der Klinik für
Aerzte eingefü
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Sterblichkeit verhielt sich folgender Weise:
I. Abtheilung.
Klinik für Atizt •
Im Jal
Geburten 3490. Todt
B 176,
M. P. 5,„
tl
- 1848
„ 3556,
45,
n !
ff
r 1849
3858,
103,
r *-«w
M
„ 1860
* 3745. „
74,
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n
.. 1851
4194,
75.
T 1-711
w
„ 1882
„ 4471, „
181.
r 4.04
ft
„ 1853
■ 4221, „
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„ 4393, „
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H
„ 1858
* 4203, .
86,
* 2.04
Summa 48938,
1712,
3.B7
Summa aller 2ß Jährt
Geburten 91.046, Todte 5206,
M. P.
5-7,
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über (loa Kindbettfieber.
IL Abtheil
u n g.
Klinik für 1h Gammen.
Im Jahre
1047
Gebnrten 3306,
Todte
39,
M. P.
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4171'.
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Snmma
40760.
1248.
Summa aller 26 Jahre:
Geburten 71646, Todte 2660, M. P. 3.,,.
Der Leser weiss, dass es unsere Ueberzeugung ist, dass alle
Fälle von Kindbettheber, keinen einzigen Fall ausgenommen, dadurch
entstellen, dass ein zersetzter Stoff resorbirt wird; um diese Ueber-
■/j mgnng zur allgemeinen zu machen, veröffentlichen wir diese Sei u
Der zersetzte Stoff, welcher das Kindbett lieber hervorbringt, ent-
steht aber entweder im erkrankten Individuum selbst, und diese
Fälle nennen wir die Selbstinfection, und diese Fälle können nicht
immer verhütet werden, und diese Fälle von Selbstinfection werden
vorkommen, so lange das menschliche Weib gebären wird.
Aber diese Fälle sind so selten, dass in Folge von Selbstinfection
nicht eine Wöchnerin von 100 Wöchnerinnen stirbt.
Oder der zersetzte Stoff wird den Individuen von aussen einge-
bracht, und von aussen her können die Individuen in unbeschränkter
Zahl inficirt werden, die Infection von aussen kann aber durch ent-
sprechende Massregelu verhütet werden.
Wenn wür nun mit dieser nnserer Ueberzeugung die Rapporte
der beiden Kliniken während der 26 Jahre ihres Bestehens prüfen.
su zeigt si'h, dass nur im Jahre 1847 an der Hebammenschule blos
Selbst infectionsfälle vurgi ki mimen sind, weil blos im Jahre 1847 Dicht
rin<- Wöchnerin von 100 Wöchnerinnen an der Hebammenschiile starb.
Während in den übrigen Jahren an beiden Abtheilungen lnfec.tioiis-
fälle von aussen in grösserer oder geringerer Ausdehnung vorgekommen
sind. So z. B. wurden während der acht Jahre, wo Schüler und
Schülerinnen an beiden Abtheilungen in gleicher Anzahl vertheilt
waren, au der I. Abtheilnug 23.066 Wöchnerinnen verpflegt, davon
sind gestorben 1505, und obwohl wir an der l 'eberzenguug. das.-» in
Folge von Selbstinfection nicht Eine von 100 Wöchnerinnen starb,
festhalten, so nehmen wir blos der leichteren Berechnung wegen an,
dass in Folge von Selbstinfection Eine von 100 Wöchnerinnen stirbt.
Es sind demnach, diese Basis angenommen, von den 23.006 verpflegten
Wöchnerinnen 230 in Folge von Selbstinfection und 1275 in Folge
von Infection von aussen gestorben. In demselben Zeitraum worden
an der II. Abtheilung 13.095 Wöchnerinnen verpflegt; von 731 ver-
benen Wöchnerinnen starben 130 in Folge von Selbstinfection und
601 in Folge von Infection von aussen. Während der sechs Jahre,
■wo die I. Abtheilung Klinik für Aerzte war, und keine Chlor-
Die AirtioloL'ie, der Begriff nnd die Prophylaxis «Irs Kindbett fiebere. 929
Waschungen geübt wurden, wurden daselbst verpflegt 20,042 Wöch-
nerinnen: von den 1989 verstorbenen Wöchnerinnen starben 200 in
Folg«- von Selbstinfection, und 1789 in Folge von [niection von aussen.
Während desselben Zeitraumes starben an der HebammenabtheiluiiL;
vuii 17.791 Wöchnerinnen 091. und zwar 177 in Folge von Selbst-
rion und 514 in Folge von Infection von aussen. In den zwölf
Jahren nach Einführung der Chlorwa schunden starben an der Klinik
i n Aerzte von 47.93* \\ >« linerinnen 1712, und zwar 479 in Folge
von Selbstinfection und 1283 in Folge von Infection von aussen. In
demselben Zeiträume starben an der Klinik für Hebammen vmii
4i» .700 Wöchnerinnen 1248. nnd zwar 407 in Folge von Selbstinfection
und 841 in Folge von Infection von aussen, Es starben mithin von
den an der I. Abtheilung während der 26 Jahre ihres Bestehens
91.046 verpflegten Wöchnerinnen 5206. und zwar 910 in Folge von
Selbstinfection und 4296 in Folge von Infection von aussen. In dimi-
selben Zeitraum starben von den an der IL Abtheilung 71.646 ver-
pflegten Wöchnerinnen 2660, und zwar 71(5 in Folge von Selbst-
infection und 1944 in Folge von Infection von aussen.
Es wurden mithin an beiden Ahthoilungen Während der 26 Jahre
ihres Bestehens 162.692 Wöchnerinnen verpflegt, davon sind gestorben
7866. und zwar 1626 in Folge von Selbstinfertil m und 6240 in Folge
FOD Infection von aussen. Lud in dieser Zahl fehlen die Transferirten,
uud wie gross mag die Zahl der Kinder gewesen sein, welche durch
ihre Mütter inncirt, ebenfalls an Blutdissolution starben?
Wahrlich, meiner Hand würde die Feder entgleiten bei Constatirung
eines so immensen rngliiekes, welches in dem kurzen Zeiträume von
26 Jahren in einem einzigen <ieli;ii hause sich zugetragen, wenn mir
nicht die Ueberzengung Kraft geben würde, dass in Folge dieser
ift früher oder später dieses Unglück aufhören wird.
Der Leser kann der eben yegebenen Tabelle entnehmen, dass die
Sterblichkeit an beiden Abteilungen während der 8 Jahre, in welchen
an beiden AhTheilungen Schüler und Schülerinnen in gleicher Zahl
unterrichtet wurden, nicht wesentlich verschieden war. auf der f. Ab-
theilung; starben nämlich 6,-fl P.-Antheil und an der IL Abtheilung
P.-Antheil, es ist daher die Sterblichkeit an der I. Abtheilung
nur nm 0,M P.-Antheil grosser gewesen, während der Jahre 1834,
1836 und 1838 war aber die relative Sterblichkeit auf der II. Ab-
teilung sogar grösser als in denselben Jahren an der I. Abtheiliing.
Während der sechs Jahre, während welcher die 1. AbtheHnng
Klinik für Aerzte war, ohne Chlorwaschuugen, war die Sterblichkeit
au dieser Abtlieiliinir '.».,,,_, P.-Antheil. während Alf der Hebammen-
abtheilung in demselben Zeit räume die Sterbliehkeil 3«. P.-Antheil
betrag. Es war mithin in diesem Zeiträume die Sterblichkeit an der
Klinik für Aerzte, die Transferirten ungerechnet, um 6.-., P.-Antheil
grösser, als aal der Hebanmienabtheilung. In den zwölf Jahren nach
Kinfülirung der <1ilonvas< dnnigen war die Sterblichkeit an der Klinik
tiu Aerzte '■>..,- P.-Antheil, und in demselben Zeiträume war die
Sterblichkeit an der Abtheilung für Hebammen 3,0? P.-Antheil. Es
war mithin in diesen zwölf Jahren die Sterblichkeit an der Klinik
für Aerzte nur um 0«, P.-Antheil grösser, als an der Abtheilung für
Hebammen, aber im Jahre 1851 and 1862 war die absolute Sterblich-
keit an der Klinik für Hebammen grösser, als in denselben Jahren
au der Klinik lür Aerzte; und in den Jahren 1848, 1851. 1852, 1855
330
Semmeiwels' Abhandinnejen and Werk über das Kindbettfieber.
un<l 1856 war die relative Sterblichkeit an der HebammenabtheiluuL'
grösser als in denselben Jahren an der Klinik für Aerzte.
Die Erklärung, warum in den acht Jahren, wahrend welcher
Schüler und Schülerinnen an beiden Abt Heilungen vertheilt waren,
die Sterblichkeit an beiden Abtheilungen nicht, wesentlich verschieden
war. ja die relative .Sterblichkeit zwischen beiden Abtheilungen sogar
schwankte : die Erklärung, warum in den sechs Jahren, in welchen
die Schüler nach dem Geschlechte ohne Chlorwaschungen getrennt
waren* an der Klinik für Aerzte die Sterblichkeit constant im Jahre
1846 sogar mehr als fünfmal und innerhalb der sechs Jahre durch-
schnittlich mehr als dreimal so gross war. als in der Hebammen-
abtheilung; die Erklärung, warum in den zwölf Jahren nach Ein-
führung der Chlorwaschungen die Sterblichkeit wieder an beiden Ab-
theilungen nicht wesentlich verschieden war, ja sogar die absolute und
relative Sterblichkeit zwischen beiden Abtheilungen schwankte. Diese
Erklärung ist sehr leicht gegeben: der Leser weiss, dass es drei
Quellen gibt, aus welchen der zersetzte Stoff genommen wird, welcher
den Individuen von aussen eingebracht, das Kindbettfieber hervorbringt.
So lange Schüler und Schülerinnen au beiden Abtheilungen vertheilt
w:iren. wurden an beiden Abtheilnngen aus allen drei Quellen inticiit.
Es konnte daher kein wesentlicher Unterschied in der Grösse der
Sterblichkeit der beiden Abtheilungen sein, und je nachdem an einer
Abtheiluntr mehr oder weniger inficirt wurden, schwankte die relative
'Sterblichkeit zwischen beiden Abtheilungen.
Der Grund, warum in diesem Zeiträume nicht auch die absolute
Sterblichkeit zwischen beiden Abtheilungen schwankte, liegt darin,
dass in diesem Zeiträume jährlich im Durchschnitte 1246 Wöchnerinnen
an der I. Abtheilung mehr verpflegt wurden; es wurden mithin an
der I. Abtheilung jährlich beinahe zweimal so viele Wöchnerinnen als
an der II. Abtheilung verpflegt, und bei gleicher Infeetionsmöglichkeit
muss nothwendig die absolute Sterblichkeit an derjenigen Abtheilung
grösser sein, au welcher für die Infection eine grössere Anzahl von
Individuen zur Disposition steht.
Durch Zuweisung sä lnmtlicher Schüler der I. Abtheilung floss der
zersetzte Stoff, welcher seine Quelle in der Leiche hat, au der Klinik
für Aerzte reichlicher als früher, während er an der Klinik für
Hebammen zum Theile versiegte, und daher die vermindert« Sterb-
lichkeit an der Klinik für Hebammen um 2,,,, P.-Antheil, und die
ling der Sterblichkeit an der Klinik für Aerzte um 3.,« P.-An-
theil; die Durchschnittszahl der alljährlich mehr an der Klinik für
Aerzte verpflegten Wöchnerinnen beträgt in diesem Zeiträume 375.
In den zwölf Jahren nach Einführung der Chlorwaschungen
minderte sich die Sterblichkeit an der Klinik für Aerzte um 6,ss P.-
Antheil und an der Klinik für Hebammen um 0LS P.-Antheil, und
je nachdem an der einen oder der anderen Abtheilung die Infeethms
fälle von aussen strenger oder minder streng verhütet wurden,
schwankte in diesem Zeiträume die absolute und relative Sterblich-
keit zwischen beiden Abtheilaugen, die Durchschnittszahl der mehr
an der Klinik für Aerzte in diesem Zeiträume jährlich verpflegten
Wöchnerinnen beträgt 598. Der Leser sieht, dass die glückliche Zeit
des Wiener Gebärhauses, wo innerhalb 25 Jahren nicht eine Wöch-
nerin von 100 Wöchnerinnen starb, durch die Einführung der Chlor-
waschungen nicht, wiedergekehrt ist. l'nd diese glückliche Zeit wir!
Die Aetiologie, <ler Begriff und die PnpfylttU des Kindbettliebera. 331
im Wiener (ieli.iiliau.se und iü allen Gebärhäusern, WO ähnliche Ver-
hältnisse herrschen, in so lauge nicht wiederkehren, bis nicht du ran
mir erbetene Gesetz durch die Regierungen in Kraft tritt dass es
iedem ein Gebärhaus Besuchenden bei strafe der Ausschliessung
geradezu verboten wird, sich wahrend der Zeit seines Studiums im
Gebärhause mit Dingen zu beschäftigen, welche geeignet sind, eine
Infection hervorzurufen.
Mir wird der Leser gewiss glauben, dass ich gethau, was nur
immer möglich war. um alle Fälle von Infection von aussen zu ver-
hüten, und es ist mir nicht gelungen, denn ich verlor im Jahre 1848,
wo das ganze Jahr hindurch von mir die Chlorwaschungen so streng
wie nur möglirli beaufsichtiget wurden, von 3556 Wöchnerinnen 4.Y
folglich sind selbst die nicht wahre Basis angenommen, dass eine
Wöchnerin von 100 Wöchnerinnen in Folge von unverhütbarer Selbst-
infection stirbt, noch immer 10 Fälle in Folge verhütbarer Infection
von aussen vorgekommen. Im Jahre 1847, wo Mitte Mai die Chlor-
Waschungen eingeführt wurden, starben von den 3490 an der Klinik
für Aerzte verpflegten Wöchnerinnen 176. und zwar 34 in Folge von
fielbfttinfection und 142 in Folge von Infection von aussen.
Und dass nach mir. obwohl <li<- Sterblichkeit sich um 6.SÖ P.-An-
theil minderte, doch sehr zahlreiche verhütbare lnfectionsfälle von
aussen vorgekommen sind, findet seine Erklärung darin, dass alle an
beiden Abtheilungen officiell fungirenden Aerzte Gegner meiner Ueber-
zeugung waren, und sind.
.Mein Nachfolger in der Assistenz, Carl Braun, hat gegen mich
geschrieben, während seiner fünfjährigen Assistenz in den Jahren
1849 — 1853 wurden an der Klinik für Aerzte 20,48!» Wöchnerinnen
verpflegt, davon sind gestorben 527, also 204 in Folge unverhUtbarer
Selbst infection und 323 in Folge verhütbarer Infection von aussen.
Im Jahre 1858. in welchem Carl Braun als Professor an der
Klinik für Aerzte zu fnngiren begann, wurden 4203 Wöchnerinnen
verpflegt, davon starben 86, also 42 in Folge von Selbstinfection und
44 in Folge von verhütbarer Infection von aussen.
Gustav Braun. Carl Braun's Bruder und Nachfolger in der
Assistenz, hat zwar seine Stimme öffentlich noch nicht erhoben, aber
die 400 Todten im Jahre 1854 verkünden lauter als eine Stentorstimme,
welch ein tüchtiger Epidemiker er ist. 0 Michaelis 1 0 Michaelis!!!
In den vier Jahren 1854—1857, in welchen Gustav Braun an
der Klinik für Aerzte als Assistent und als supplirender Professor
fungirte. wurden 16.197 Wöchnerinnen verpflegt, davon sind gestorben
«^78. und zwar 161 in Folge von Selbstinfeetion und 717 in Folge
von verhütbarer Infection von aussen.
Was die Hebammenklinik anbelangt, so wurden die Chlor-
waschungen, so lange ich als Assistent fungirte. dort nicht eingeführt ;
aus einer Stelle in Carl Braun's Oppositionsschrift gegen mich geht
hervor, dass nach mir die ChlorwuM-hungen auch dorr eingeführt
winden, mit welcher Gewissenhaftigkeit aber die Chlorwaschungen an
der Hebammenschule in Anwendung gezogen wurden, geht daraus
hervor, dass sich die Sterblichkeit in den letzten zwölf Jahren nur
um 0-, P.-Antheil minderte.
Und zwar ganz natürlich, die Aerzte der Hebammensrhule
konnten unmöglich von den Aerzten der I. Klinik lernen, wie man
das Puerperalfieber verhindern kann, denn die Aerzte der Hebammen-
332 Semmelweis* Abhamlluutren and Werk über clits* Kiudbettiieber.
dieser Unterschied dadurch be-
der aus der Quelle, welehe dei
sechs Jahren an der I. Klinik
schule haben ja durch sechs Jahre bewiesen, dass sie das Puerperal-
fieber zu verhüten besser verstehen, als die Aerzte der 1. Klinik.
denn sie haben durch sechs Jahre eine dreimal kleinere Sil JrbÜCfl-
keit gehabt
Die eben gegebene Tabelle zeigt, dass an den beiden Abtheilungen
wahrend der 26 Jahre ihres Nebeneinunderbeatehens durch 80 Jahre
die Sterblichkeit an beiden Abteilungen gleich war. und zwar war
die Sterblichkeit an beiden Abtheilungen durch acht Jahre gleich
gross und dnreh zwölf Jahre gleich klein, und nur durch sechs Jahre
war i in greller Unterschied in der Sterblichkeit zu Ungunsten der
I. Klinik, Wir haben gezeigt, dass
dingt war, dass der zersetzte Stoff,
Cadaver darstellt, Häesst, in diesen
durch Zuweisung sämmtlicher Schüler reichlicher geflossen ist, als an
der II. Klinik, dass demnach das Plus der Sterblichkeit an der
[, Klinik im Vergleich zur II. Klinik in diesen sechs Jahren in den
Cadavertfteüen zu suchen ist, mit welchem die Hände der an li
I. Abtheilung Untersuchenden verunreiniget waren.
Nachdem ich den Leser mit der Thatsache bekannt gemacht
habe, dass das Plus der Sterblichkeit an der I. Klinik während sechs
Jahren im Vergleiche zur IL in den ("adavertheilen begründet war,
mit welchen die Hände der an der L Klinik Uiitersuclu.-nd»-n verun-
reiniget werden, wollen wir wieder zu Scanzoni zurückkehren. Scao-
zonisagt: „Nicht umhin Rönnen wir hier darauf aufmerksam machen,
dass ein Grund der so häufigen und bösartigen Erkrankungen der In
grösseren Gebaranstalteu verpflegten Wöchnerinnen wohl auch in der
Angst und Besorgniss zu suchen ist, mit welcher sie ein Haus be-
treten, von dem es ihnen bekannt ist, dass es alljährlich ein grosses
( iiiiringent an Todten stellt.
So wurde uns mehrseitig versichert, dass im Wiener Gebärhause,
wo die Aufnahme in den beiden Abheilungen von 24 zu 21 Stunden
wechselt, die Schwangeren nnd Kreissenden, we es nur halbwegs an-
ging, sich ni«-ht früher zur Aufnahme meldeten, als bis die Stunde
für die Aufnahme in die /.weite, zum Unterrichte für die Hebammen
bestimmte Abtheilung schlug, zum Theile vielleicht deshalb, um sich
dem auf der I. Abtheilunir den Studirenden ertheilten Unterrichte zu
unterziehen, mehr aber wohl aus dem Grunde, weil es allgemein be-
kannt ist. dass der öeeundheitezustand der in dieser letztgenannten
Abtheilung verpflegt en Wöchnerinnen im Allgemeinen ein ungleich
ungünstigerer ist. Erlauben es aber die Umstände nicht, die ersehnte
Stunde abzuwarten, so kann man sich denken, mit welchen Gefühlen,
mit welcher Angst die Kreissende die Anstalt betritt, und berib-k-
sichtigt man noch. dftfiS sie kaum angelangt, sich zum Untersuchung -
und Beobachtnngsobjecte einer grüsseren. nicht immer mit dem gr&ssten
Zartgefühle vorgehenden Anzahl männlicher Individuen hergeben
muss, so wird man uns wühl keine Ungereimtheit vorwerfen, wenn
wir in diesem Umstände, eine der Ursachen gefunden zu haben
glauben, welche die nicht zu läuguende Differenz in den Mortaliräts-
verhältnisseii der angeführten zwea Gratisabtheilungen bedingt!!- Scan-
zoni hat allerdings, eine Ungereimtheit behauptet, wenn er in \\^r
Furcht der Individuen eine der Ursachen fand, «reiche das Plus der
Sterblichkeit an der I. Gebärklinik im Vergleich zur IL hervorgebracht
haben, die eben gegebene Tabelle hat etwas Anderes gelehrt, die
I>ie Aotiolüjfie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettüebon. 333
Individuen haben sich allerdings vor der I. Klinik gefürchtet, wie wir
dies selbst in dieser Schrift Seite 117, Zeile 10 von unten erzählten.
Aber in Folge der Furcht ist kein einziges Individuum am Puerperal-
fieber gestorben. Die Je rem i ade, die Scauzoni über die I. Klinik in Wien
anstimmt, passf Wort für Wort auch auf die Klinik für Aerzte in
Prag, und wenn das Prager Gebärhans keine solche Tabelle aufzu-
weisen hat. wie wir unter Tabelle Nr. I. Seite 100, wob dem Wiener
Gebärhaus veröffentlichten, so liegt der Grund nicht darin, dass in
Klinik für Aerzte zu Prag nicht bedeutend zahlreichere Tod» .'stalle
vorgekommen wären, als an der Klinik für Hebammen, und zwar be-
dingt dadurch, dass an der Klinik für Aerzte zu Prag aus der Quelle,
welche der Cadaver darstellt, häufigere Infectionen geübt wurden, als
aus derselben Quelle an der Klinik der Hebammen, sondern der
Grund liegt, wie wir schon einmal nachgewiesen, in den an der Klinik
für Aerzte zu Prag regelmässig vorgenommenen Tran sferirun gen er-
krankter Wöchnerinnen, wodurch der diflerente Gesundheitszustand
der beiden Kliniken, und zwar zu Ungunsten der Klinik für Aerzte
nicht in die Erscheinung treten konnte.
Wer wagt es zu leugnen, dass dieselben Ursachen in Wien, in
Strassburg und Prag nicht dieselben Folgen hatten in Prag, welche
Folgen selbe in Wien und Strassburg hatten?
In der Aufzählung der aetiologischen Momente des Kindberttiebers
fortfahrend sagt Scanzoni: ..Von vielen Seiten werden Diätfehler, wie
z. B. Erkältungen, der Genuss schwer verdaulicher Speisen, erhitzender
Getränke U. S. w., als hervorragende Ursachen der puerperalen Er-
krankungen angesehen. Wir wollen die Möglichkeit einer derartigen
Entstehungsweise des Puerperalfiebers keineswegs in Abrede stellen;
doch ist der EinHuss der genannten Schädlichkeiten gewiss nur ein
untergeordneter
Wir läuguen auch die Möglichkeit, dass Puerperalfieber in Folge
dieser Schädlichkeiten entstehen könne, weil durch diese Schädlich-
keiten den Individuen weder ein zersetzter Stoff von aussen eingebracht
wird, noch entsteht in Folge dieser Schädlichkeiten ein zersetztet
Stoff in den Individuen.
Schliesslich, sagt Scanzoni. ,.wollen wir noch die Ansichten be-
leuchten, welche über die Ursache des so unverhältnissmässig häutigen
und bösartigen Auftretens der Puerperalfieber in Gebäranstalt in
herrschen,"
Bevor wir jedoch zu diesen Ansichten tibergehen, dürfte es zweck-
mässig sein, hier meine Ansicht über diesen Gegenstand auszusprechen,
und zu diesem Zwecke bitte ich den Leser, sich recht deutlich zu
gegenwärtige it. was im Wiener Gebärhnnse vor Einführung der
("hlurwaschungen geschah: dort befanden sich 4*2 Schüler, welche sich
vermöge des Systems, nachdem sie zu Aerzten erzogen wurden, die
Hände sehr häutig mit zersetzten Stoffen verunreinigen musstec. und
weil sie von Niemanden gewarnt wurden, so untersuchten sie auch mit
von zersetzten Stuften riechenden Händen die 10 bis 30 Individuen,
welche ihnen täglich im Gebärhause als Kelehrungsobjecte zur Dis-
position standen, und da ausserhalb der liebärhäuser nie Gelegenheit
ist, sich sn regelm&asig die Hände mit zersetzten Stoffen zu verun-
reinigen, und wenn die Hand ausserhalb der Gebärhäuser mit z.r
setzten Stoffen verunreiniget wird, so hat doch diese Hand ausserhalb
des Gebärhauses keine Gelegenheit, nacheinander 10 bis 30 Individuen
:;84
SemraelweiB' Abhandinngen und Werk über das Kindbettfieber.
zu unrei-suchen. Und wenn nun der Leser vom Wiener Gebärhause
einen Schluss auf die übrigen Gebärhäuser, in welchen ähnliche Ver-
hältnisse herrschen, macht, so hat der Leser die Ursache des so ver-
bUtttisamlBaig häutigen und bösartigen Auftretens des Puerperalfiebers
in Gebäranstalten.
äcanzoni glaubt, die Ursache des so verhältnismässig häufigen
und bösartigen Auftretens des Puerperalfiebers in Gcbaranstalten sei
im Puerperalmiasma begründet. Wir haben an der betreuenden
.stelle dieser .Schritt erklärt, dass allerdings ein zersetzter Stoff in
der atmosphärischen Luft des Wochenzimmers schweben kann, und
dass dadurch das Puerperalfieber entstehen könne, wenn die so yer-
iinivinigte Luft in die iTtdiürmntterhöhle eindringt, haben aber zu-
gleich behauptet, dass es ein Puerperalmiasma in dein Sinne, wie es
bisher genommen wurde, nicht existire, und haben als überzeugenden
Beweis den Erfolg der Chlorwaschungen angefahrt; denn Chlor-
waschungen der Hände im Kreissezimmer geübt, hätten erfolglos
bleiben müssen, wenn i\as Puerperalfieber durch ein Miasma bedingt
gewesen wäre, welches siel in dem Wochenzimmer entwickelt Wir
haben sehr zahlreiche Tabellen censt ririrt. um zw beweisen, »lass die
Ceberfüllnng eines Gebärhauses nicht im iirsäehlh dien Zusammenhange
stehe mit den sich in demselben (icbärhause ereigneten Todesfällen,
uiiii glauben mit Recht, dass dieselben Tabellen sogleich beweisen,
dass die Ansicht falsch ist. welche glaubt, dass sich ein Puerperalmiasma
beim Vorhandensein einer gewissen Anzahl von Wöchnerinnen entwickeln
müsse, lud um nicht Wasser in die Donau 7.n tragen, wollen wir
nur auf das eine Factum hindeuten, dass die fünf ungfmstigten Monate
innerhalb 97 Monaten ander I. Gtebärklinik solche waren, wo weniger
Wöchnerinnen ferpflegt wurden, als in den zwei günstigsten Monaten
rhalb dieser 97 Monate, wo an der 1. Gebärklinik gar keine
Wöchnerin starb (siehe Tabelle XXXVI. Seite 230). Dieses Factum
gibt der Gefährlichkeit der Leberfullwig und der Existenz des Pner-
peralmiasiiiiis den Todesstuss.
Zum Ueberfluss wollen wir die Gründe, welche Scanzoni für die
Existenz des Puerperaliniasina.s aufzählt, widerlegen. Für die Kxistmz
des ruci|irialuiiastnas spricht nach Scanzoni der Umstand, „da«
häranstalt ungewöhnlich häufige Erkranknngen vorkommen,
während die in derselben Stadt und der Umgebung entbundenen
Frauen sieh eines guten Gesundheitszustandes erfreuen." Der I
weiss, dass die Irsache dieser Erscheinung darin liegt, dass in- und
ausserhalb der Gehäi diauser nicht immer gleichzeitig inficirt wird,
„dass die abnorme Häufigkeit der Erkrankungen sehr oft mit einer
allzugrossen Fe b erfüll mag der Wochenziinmer zusammenfällt" Auch
li.i überfüllten! Gebärhause wird inficirt. ^Dass sie vorzüglich in
den Wintermonaten beobachtet wird, wo die Erneuerung der Luft in
den Krankensälen aof grössere Schwierigkeiten at&asi.* Weil in
Winter die Schüler sich mehr mit Dingen beschäftigen, welche ihre
EFände mit zersetzten Stoffen verunreinigen, als im Sommer, und es
wurde sicii der Main- lohnen, die Schwierigkeiten, welche der Er-
neuerung der Luft in den Krankensälen entgegenstehen, zu über-
winden, wenn das die Ursache so zahlreicher Erkrankungen ist.
„J)aa gerade nur die tu gewissen Zimmern befindlichen Wöchnerinnen
erkranken." Wenn 15 oder 20 Individuen nacheinander auf dem
Kreissezimmer inficirt werden, so füllen diese Individuen schon ein
Die Ätiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 335
Wochen zimmer aus, in welchem selbe dann erkranken. Und wenn
Scanzoni endlich sagt, dass an mehreren Orten durch das Beziehen
eines neuen, - ranmigen, zweckmässig eingerichteten Hauses, durch
t-ine sorgfältige Ueberwachung der Pflege der ~\\ öchnerinnen, und der
Reinhaltung des Zimmers und der verschiedenen Utensilien ein
günstigerer Gesundheitszustand erzielt wurde, so sind wir mit ihm
-tlir einverstanden, vorausgesetzt, dass Scanzoni zu den rein zu
haltenden Utensilien auch den untersuchenden Finger zählt, wo nicht,
so glauben wir, dass in dem neuen Gebäude das Puerperalfieber fort-
untlien wird, wie uns das vom Strassburger Gebärhaus bekannt ist.
Wenn Scanzoni sagt, dass der Hospitalbrand, der Typhus, die
Dysenterie durch Miasma entstehen, folglich anch das Puerperalfieber,
weil eine verhältnissmässig grosse Anzahl, meist der armen (lasse
aii-i li Uiger, die Reinhaltung ihres Körpers in der Regel vernach-
lässigender Frauen im Wochenzimmer untergebracht sind, in welchem
die Luft durch die ununterbrochene Secretion der Lochien, durch die
daselbst stattfindenden rOxcre.tionen der Mütter und Kinder verun-
reiniget wird, so lassen wir uns in keine Erörterung über die Ent-
stehung des Hospitalbrandes, des Typhus und der I »y.senterie ein.
glauben aber, dass diese Umstände kein Puerperalmiasma erzeugen,
weil alle diese Imstande an der I. Gebarklinik zu Wien im Jahre 1848
vorhanden waren, und sich doch kein Puerperalmiasma entwickelt
bat) denn wir verloren nur 45 Wöchnerinnen.
Wenn Scanzoni aber sagt, äaee sich in dem Zimmer eine oder
mehrere bereits erkrankte Wöchnerinnen befinden können, welche
durch den oft unterbrochenen Ausflnss jauchiger, übelriechender
Secrete ans den Genitalien die Luft verunreinigen, so Bind wir mit
ihm vollkommen einverstanden, wenn er glaubt, dass dadurch bei den
Gesunden das Puerperalfieber erzeugt werden könne, nur glauben wir
nicht, dass ein so entstandenes Puerperalfieber miasmatischen Ur-
sprungs sei.
Natürlich, sagt Scanzoni, steigern sich diese Nachtheile mit der
Menge der in einem Zimmer untergebrachten Kranken, und wir
kennen kein widersinnigeres, ja straf würdigeres Gebahren, als wenn
Verstände von fiehäranstalten eigene Gemächer zur Aufnahme der
erkrankten Wöchnerinnen bestimmen, wo sie an einander gehäuft, den
Einwirkungen einer wahrhaft verpesteten Luft ausgesetzt sind.
Wir kennen Vorstande von Gebäranstalten, welche ein wider-
sinnigeres, ja strafwürdigeres Gebahren beobachten, und das sind jene
Versande von Gebäranstalten, zu welchen auch Scanzoni zählt, die
durch ihre widersinnige, ja strafwürdige Opposition gegen meine Lehre
sich in die Notwendigkeit setzen, viele kranke Wöchnerinnen unter-
bringen zu müssen, während bei Beobachtung meiner Lehre die Räume
zur Unterbringung kranker Wöchnerinnen bestimmt, sehr wenig be-
völkert sein würden.
Scanzoni sagt am Schlüsse seiner Abhandlung über die Ätiologie
des Kindbettfiebers: „Aus dem Gesagten geht hervor, dass wir den
miasmatischen EinHuss iiir denjenigen halten, welcher in Gebär-
anstaltea seine mörderische Kraft so häufig entfaltet, wobei wir jedoch
besonders hervorheben müssen, dass auch hier atmosphärische oder
anders ausgedrückt epidemische Einwirkungen nicht gelängnet werden
können, wofür wir nur in Kürze anführen wollen, oasfl die häufigen
Erkrankungen in Gebailiausern nicht selten mit ausserhalb derselben
336
SemmelweLs' Abhandlungen und Werk \iber das Kindbettti--
umsehenden Puerperalepideuiieu zusammenfallen, der letzteren ent-
sprechend zu- und abnehmet)) und wie wir dies wiederholt beobachteten,
nicht selten mit dem Eintritte eines plötzlichen Witterungswechsels
'Min sonstiger atmosphärischen Veränderungen bei sonst gleichge-
bliebenen localen Verhältnissen ebenso plötzlich aufhören!! Die
mörderische Kraft in Qebäranstalten finden wir nicht wie scanzoni
im Puerperalmiasma. sondern im zersetzten Stoff, und dass dem so
ist, können wir dadurch beweisen, dass wir selbst, von den Er-
fahrungen Anderer gar nicht zu sprechen, an drei Anstalten diese
mörderische Kraft getroffen haben, nicht durch Massregeln, gerichtel
gegen das Puerperalmiasma. sondern durch Hassregeln, gerichtet
gegen den zersetzten .Stoff. Wenn Scanzoni die mörderische Kraft in
den Gebäranstalten im Puerperalmiasma begründet findet, so stempelt
er sich selbst und alle Vorstände, in deren Gebäranstalten data J'm 1-
Imiasma seine mörderische Kraft entfaltet, zu Verbrechern, denn
es wäre ihre heiligste Pflicht gewesen, die Entwicklung des Puer-
peralmiasmas zu verhindern, oder das trotzdem entwickelte Miasma
wieder zu zerstören. Die ßebärhäuser sind wahre vom Staate unter-
haltene Mörderhöhlen nicht nur dann, wenn das Puerperalfieber con-
tagiös ist, die Gebärhäuser sind wahre vom Staate unterhaltene
Mörderhöhlen auch dann, wenn das Puerperalfieber miasmatischen Ei-
sprunges ist. wenn das Puerperalfieber durch Infection entsteht. Wir
sind der l/eberzeugung, dass das Puerperalfieber nie anders, als durch
Infection entsteht, dieser Ueberzeugung entsprechend, tluin wir seit
1847 alles was in unseren Fähigkeiten liegt, um die Gebärhäuser auf-
hören zu machen, wahre .YL"u -derhühleu zu sein. Und wenn Scanzoni
im Puerperalmiasma die mörderische Kraft in den Gebärhäusern be-
gründet findet, und trotzdem mit keiner Silbe erwähnt, wie man die
Entwicklung des Puerperalmiasmas verhindern, oder wie man das
entwickelte Puerperalmiasma zerstören soll, so zeigt das nur von der
Gedankenlosigkeit, mit welcher Scanzoni über Dinge schreibt, die i r
nicht versteht.
Wem) Scanzoni dadurch, dass den häufigen Erkrankungen in Ge-
biirhäusern manchmal eine Epidemie ausserhalb der Gebärhäuser ent-
Bpriehtj den Beweis führen will, dass nebst dem Puerperalmiasma
auch etwas Epidemisches unterläuft, so theilen wir diese Ausloht
nicht, und erklären vielmehr die zahlreichen Erkrankungen in- und
ausserhalb der Gebärhäuser dadurch, dass die Individuen in- und
ausserhalb der ßebärhäuser gleichzeitig inficirt werden.
Wenn Scanzoni sogar wiederholt beobachtet haben will, dass die
Epidemien in- und ausserhalb des Gebärhauses entsprechend ab- und zu-
nehmen, so begreifen wir nicht, wie eine solche Beobachtung möglich
ist, da doch gewiss Niemand Scanzoni Zahlen-Rapporte über das ausser-
halb des Gebärhauses vorkommende Kindbettfieber eingesendet hat,
und endlich glaubt Scanzoni auch das als Beweis anführen zu können.
dass nebst dem Miasma auch etwas Epidemisches bei Puerperal-
Epidemien im Spiele sei. das bei Eintritt eines plötzlichen Witterungs-
wechsels oder sonstiger atmosphärischer Veränderungen, das beisst,
wenn der kalte Winter aufhört und mit dem Frühjahr die Landpartien
der Studenten beginnen, dass bei sonst gleichgebliebenen localen Ver-
hältnissen die Epidemie aufhört, dass wegen geänderter Jahreszeit die
mit zersetzten Stoffen verunreinigten Hände seltener werden, ist
natürlich ein keiner Beachtung weither Gegenstand.
Die Aetiologie. der Begriff und die Prophylaxis des Kindbetttieber*. 337
Die Frage, ob das Puerperalfieber eine contagiöse Krankheit sei
oder nicht, beantwortet Scanzoni mit Neifi. und mit diesem Nein sind
wir einverstanden, Scanzoni sagt: „Alle ttie Gründe, welche die Vn -
theidiger der Contagiosität des Puerperalfiebers zu Gunsten ihrer An-
lt vorbrachten, sind entweder nicht nachgewiesen, oder sie sprechen
nur für die Existenz einer miasmatischen oder epidemischen Ent-
stehungsweise dieser Krankheit, oder lassen endlich auch noch die
Annahme zu, dass ein deletärer Stotf: Eiter, Jauche, u. 8. w. von
einer kranken Wöchnerin in den Organismus einer gesunden einge-
bracht wurde, lind so eine allgemeine Bluterkrankung hervorrief, wo
jedoch gewiss Niemaud von einem eigentlichen Contagium wird
sprechen können."
Wh halieu nachgewiesen, dass das Puerperalfieber weder mias-
matischen noch epidemischen Ursprunges sei, sondern dass es in allen
Fällen durch die Resorption eines deletäreu Stolfes entstehe, und zu
den Quellen, woher der deletäre Stoff genommen wird, gehören aller-
dings auch Wöchnerinnen, welche einen deletären Btolf erzeugen.
Scanzoni sagt: „Was die letztgenannte Art der Entstehungsweise
des Puerperalfiebers, nämlich die eiterige oder jauchige Infection des
Blutes durch in den Organismus eingebrachte deletäre Stoffe, anbe-
langt, so haben in neuester Zeit Semmel weis und Skoda die Aufmerk-
samkeit des ärztlichen Publicums auf diesen Gegenstand gelenkt,
indem sie behaupteten, dass das so ungünstige SterMscnkeitsverhältniss
auf der ersten geburtshilflichen Klinik zu Wihi nur durch den 1 3m-
I bedingt sei, dass die daselbst prakticirenden Aerzte sich kurz
wir den Untersuchungen der Schwangeren und Kreissenden in der
Leichenkammer aufhalten, und so zur rehert.ru gung verschiedener,
ihren Händen anklebender deletärer Stoffe in die Genitalien der
Untersuchten Veranlassung geben. Wir waren der Erste, der die
Richtung dieser Behauptung in Zweifel zog. uns schlossi.-n sich .später.
wenigstens in den wesentlichsten Punkten. Sfl(j fei t. Kiwisch. Lumpe
und Zipfl an, und auch in Paris fand die von Arneth in der Akademie
publicirte Entdeckung von Semmelweis keinen Beifall. Es wurde uns
zu weit führen, hier alle (Münde geltend zu machen, welche der An-
sicht des letztgenannten Arztes entgegentreten, und wir begnügen uns
daher, mit Hinweisung auf die betreuende Literatur blos zu bemerken.
dass wir die Möglichkeit einer derartigen fnfeetion lin einzelne Fälle
nicht in Abrede stellen wollen, dass man aber jedenfalls zu weit ge-
gangen ist. wenn man die Häufigkeit und Bösartigkeit der puerperalen
Erkrankungen in Gebärunstalteii einzig und allein auf diesem Wege
piklaren zu können glaubte."
Wahrlich, es erregt mein ganzes Mitleid, wenn ich sehe, wie
Boanzoni in seiner selbstverschuldeten Unwissenheit sich ganz naiv
noch im Jahre 1853 auf eine Schrift beruft, in welcher er gegen
meine Lehre über die Entstehung und Verhütung des Kindbettfiebers
ankämpft, in der er aber die Hebärhänser nur deshalb von dem Vor-
wurfe, dass >;imnitlirlie «iebärhäuser wahre, vom Staate unterhaltene
Mörderhöhleii seien, freispricht, weil es ihm mehr als wahrscheinlich
ist, dass die Sterblichkeit durch kosmische und tellurische Verh<n
bedingt wird. Wir haben aber schon im Jahre 1847 bewiesen, dass
alle Fälle von Puerperalfieber durch Infectiou entstehen, dass demnach
das Puerperalfieber eine verhütbare Krankheit sei. Im diese Wahr-
heit zur allgemeinen zu madben, veröffentlichen wir gegenwärtige
BraUMlWtia' genammelte Werls«. 22
338
Semmel weis" Abhandlungen an<l Werk über das Kindbettli-
Schrift, und wenn Scanzoni dieser Lehre noch im Jahre 1*53 Opposition
macht, so stellt er Bicl selbst in die Reihe jener schwer Belasteten,
welche es durch ihre Opposition dahin gebracht haben, dass nach
Verlauf \«>n dreizehn Jahren erst so wenige Gebärhänser aufgehüit
haben, wahre Mörderholden zu sein.
Und wie eifersüchtig: Srnnzt.ni auf das Verdienst ist, der Erste ge-
wesen zu sein, der sich meiner Lehre über die Verhütung des Puerperal-
fiebers widersetzt, geht daraus hei vor, dass er selbst Seyfert unter
denjenigen anführt, welche sich ihm später angeschlossen, obwohl
Scanzoni und Seyfert in einer gemeinschaftlichen Publication mir
entgegengetreten sind, wie dies im 26. Bande der Prager Viertel];
schritt 7M lesen.
' Jen iss, es wird eine Zeit kommen, wo Scanzoni, gelinde gesprochen,
es wenigstens bedauern wird, dass es ihm nicht möglich ist. das
Factum aus dem Gedächtnisse 'I>t Menschen zu verwischen, dass et
der Ebnete war, welcher sich meiner Lehre über die Verhütung des
Puerperalfiebers widersetzt.
Gewiss, Scanzoni wird nie und nimmermehr einen Ehrenplatz in
der Geschichte des Puerperalfiebers einnehmen, und zwar nicht des-
halb, weil er mir opponirt, sondern deshalb, weil er mir so opponirt,
wie er eben opponirt hat. Wir haben schon einigemale Gelegenheit
gehabt, den Leser darauf aufmerksam zu machen, dass Scanzoni mit
seiner Opposition nicht die Wahrheit gesucht, sondern dass ier Zweck
seiner Opposition der war, immer selbst Recht zu haben, und dass es
ihm nicht darauf ankam, die Wahrheit, zu verläugnen. um diesen
Zweck zn erreichen; eine solche \\ ahrheitsverläuguung hat er sich
eben zu Schulden kommen lassen.
Scanzoni sagt, Lumpe und Zipfl haben sich seiner Ansicht an-
geschlossen. Die Sache verhalt sich so: Ich habe in der k. k. QeseU-
schalt der Aerzte zu Wien in der allgemeinen Versammlung, gehalten
am 15. Mai 1850, einen Vortrag über meine Ansicht über die Ent-
stehung und Verhütung des Kindbettnebeis gehalten, worüber sich
eine Discuasion entspann, welche sich in der allgemeinen Versammlung
vom 18. Juni fortgesetzt und in der allgemeinen Sitzung vom 15. Juli 1850
geendet wurde. Bei dieser Discussion sprachen sich allerdings Lumpe
und Zipfl gegen mich aus, aber Chiari, Arneth. Helm und Harne be-
kannten sieh zu meiner Ueberzengung, und Dr. Herzfelder, erster
Secretär dieser Gesellschaft, sagt in seinem Berichte über die. Leis-
tungen der k. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien wahrend des
Jahres 1850 Folgendes:
..Angelangt bei der allgemeinen Pathologie, begegnen wir hier
vor Allem der, wie es scheint, auch praktisch gelungenen Lösung
einer der grössten Aufgaoen in der Median, es ist dies die Entstehungs-
tirsache der bisher so verheerend gewesenen Puerperal-Epidemien durch
I'i Srmnielweis; seiner Ansicht nach wird das Wochenbettfieber nur
durch die Aufsaugung fanler organischer Stoffe in das Blut der Mutter
erzeugt, und diese Stoffe, ohne deren Selbstentwicklnng im eigenen
»er von Pkicenta-Resten und anderen Bedingungen hei völlig zu
läugnen, von aussen, und zwar zum grössten Theile von in Zersetzung
begriffenen Leichen her, in den mütterlichen Organismus durch die
Geburtshelfer selbst eingeführt, weswegen Dr. Semmelweis den Letz-
teren die fleissige Waschung vor jeder Entbindung' mit Chlorkalk-
lösuugen angeordnet hat, und hiedurch so glücklich war, die weitete
I'ie Aeüologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettrieljers. 339
Entwicklung1 stärkerer Epidemien bisher hintanzuhalten. Gegen die
so gegebene Entstellungsweise der Krankheit fanden sieh kräftige und
ehren werthe Gegner in den Doctoren Zipfl und Lumpe, welche aus
statistischen Daten mehr den miasmatischen Ursprung des Uebels
vindicirt wissen wollten, in den Aufklärungen jedoch des Dr. Semtnel-
weis ebenso wie die Doctoren Scanzoni und Seyfert zu Prag eine hin-
reichende Widerlegung fanden, so dass die in Bezeichneter Weise auf-
gefaa&te Krankheltsidee, welche auch an den Doctoren Arueth, Cbiari
and dem provis. Director Helm, sowie viun tierärztlichen Standpunkte
aus in Prof. Hayne ihre wärmsten Vertheidiger fand, als wahrer
Triumph medicinischer Forschung angesehen werden kann."
Wenn Scanzoni diesen Verhandlungen weiter nichts entnommen,
als dass sich Lumpe und Zip 11 ihm angeschlossen , so hat er wieder
einmal die Wahrheit verläugnet, weil sie geeignet war, ihm Unrecht
zu geben, und Scanzoni gefährdet durch solche Verläusrnnng der Wahr-
heit das Leben zahlreicher an diesem Streite, nicht Beteiligter. Denn
wie viele Aerzte mag es geben, welche nur bei Scanzoni Belehrung
ober das Kindbettfieber suchen; wahrlich, der .Menschenfreund muss
zittern für das Leben derjenigen, welches den Händen so Getäuschter
riTivtj traut wird. Eine solche Opposition wird gewiss in der Geschichte
Puerperalfiebers verzeichnet werden. Wir werden auf Seyfert,
Lumpe, Zipfl und die Akademie in Paris später zurückkommen. Üeber
Verhandlung in der Gesellschaft der Aerzte wolle der Leser den
2. Band des 6. Jahrganges, und beide Bände des 7. Jahrganges der
Zeitschrift dieser Gesellschaft nachlesen.
Wir bleiben trotz Scanzoni bei unserer Ueberzeugung, dass alle
Fälle von Puerperalfieber, keinen einzigen Fall ausgenommen, welche
»in standen sind seit das menschliche Weib gebärt, dadurch entstanden
sind, dass in seltenen Fällen in den Individuen ein zersetzter Stoft'
entstanden ist, und dass in der überwiegend gröesten Zahl von Puer-
peral he ber-Fällen den Individuen ein zersetzter Stoff von aussen ein-
gebracht worden. Wir bleiben bei unserer Ueberzeugung, dass in
seltenen Fällen das Puerperalfieber durch Entstehung eines zersetzten
Stoffes in den Individuen entstehen wird, so lange das menschliche
Weib gebären wird.
Ob aber das Puerperalfieber, welches durch Einbringung eines
zersetzten Stoffes von aussen entsteht, aufhören wird, oder in welcher
Ausdehnung das so entstandene Puerperalfieber vorkommen wird, das
hängt davon ab, ob meine Lehre über die Verhütung des Puerperalfiebers
eine allgemeine praktische Anwendung finden wird, oder ob selbe
nur in grösserer oder geringerer Ausdehnung Beobachtung finden wird.
Als Beweis für die Ewigkeit dieser Wahrheit führen wir unsere
gegenwärtige Schrift an.
Wenn Scanzoni sagt, dass er die Möglichkeit einer derartigen
Infection für einzelne Fälle nicht in Abrede stellen wolle, so ist er
wieder in einem Irrtlvume befangen, welcher uns schon nicht mehr
überrascht, denn die In itiiinier drängen sich bei Scanzoni zu sehr, als
dass uns ein neuer noch überraschen könnte, und um Scanzoni diesen
seinen neuen Irrthum selbst einsehen zu lernen, wollen wir Um Hin-
auf ein einziges Factum aufmerksam machen. Im Jahre 1841 starben
an der I. Klinik zu Wien 237 Wöchnerinnen am Kindbettfieber, im
Jahre 1845 starben 241. im Jahre 1844 starben 200. im Jahre 1843
starben 274, im Jahre 184H starben 459. im Jahre 1842 starben 518
22*
340
> •niiiielweia1 Abhandlungen und Werk über «las Kindliettfieber.
Wöchnerinnen am Kindbett fieber. Im Jahre 1848 haben wir den zer-
setzten 8toff, welcher die Infeetion bedingt, durch Chlorwaschangen
zerstört, und dadurch haben wir die Infectkmsfalle auf 45 beschränkt.
Ist das Kindbettfieber durch Infeetion entstanden, an der I. Klinik zu
Wien nur in einzelnen Fällen vorgekommen? Ist aus dem. was an
der I. Klinik zu Wien geschehen, nicht erlaubt zu sehliesseu auf das.
was in der Vergangenheit geschehen ist. und auf das. was in der
Zukunft geschehen wird?
Uebrigens für Scanzoni ist es immerhin ein Fortechritt, dass ei
die Möglichkeit einer derartigen Iufeotion für einzelne Fälle nicht in
Abrede stellen will. Hiermit srind wir am Ende der Scanzonis* shen
Aetiologie des Kindbetttiebers angelangt, und der Leser liat gesehen,
wie schlecht die Scauzonische Aetiologie. unsere Kritik vertrage, es hat
sich herausgestellt, dass ausgenommen einige Facta, die übrigens schon
vor Scanzoni beobachtet wurden, und ausgenommen die einzelnen Fälle,
wo Scanzoni eine Infeetion nicht in Abrede stellen will, «las Debrige
alles Irrthum und Täuschung ist, und es wäre ein Glück für das
gebärende Geschlecht, wenn es ansser der Scanzonischen nicht noch
eine andere Aetiologie des Kindbettfiebers geben würde. Denn ge-
wiss in Folge epidemischer Einflus.se ist noch nie eine Wöchnerin
am Kindbettfieber gestorben, in Folge der Individualität ist noch nie
eine Wöchnerin am Kindbettfieber gestorben, in Folge der laugen
Geburtsdauer sind /war viele Mütter und Kinder schon am Kindbett-
lieber gestorben, aber im Sinne Scauzonfs ist noch nie eine Mutter
oder ein Kind am Kindbettfieber gestorben, weil noch nie das Nerven-
system in Folge langer Geburtsdauer auf das Blut entmischend ein-
gewirkt hat, in Folge von G emüth saften i n ist noch nie eine Wöchnerin
am Kindbettfieber gestorben, in Folge Diätfehler ist noch nie
WOchnerin am Kindbettfieber gestorben, in Folge von Puerperal-
miasma ist noch nie eine Wöchnerin am Puerperalfieber gestorben,
weil das Puerperalmiasma im Sinne Scanzoni's nicht existiil.
■n Sie uns doch endlich um Gotteswillen. Herr Hofrath. WM
war denn das aetiologische Moment des Kindbettfiebers, an dein so
viele hundert Wöchneriunen im Prager Gebärhause gestorben sind.
deren Seitionen beizuwohnen Sie daselbst (Telegenheit hatten? Der
Leser erinnert sich, dass 8canzoni durch seine so genialen als ge-
wissenhaften Experimente, welche er im Prager Gebärhanse mit den
< 'hlorwaschungen anstellte, zwei wichtige aetiologische Momente des
Kindbetttiebers entdeckte, nämlich den Zufall; im Monate Miirz und
April 1848 wurde ermittelt, dass 31 Wöchnerinnen zufällig starben,
und im .liini. Juli und August 184S wurde i imittelt, dass 19 Wöchne-
rinnen ohne irgend eine nachweisbare Ursache starben; wenn iahet
diese vielen hundert \\ öchnerinneu. deren Sectionen Scanzoni beizu-
wohnen Gelegenheit hatte, zum Theil zufällig, zum Theile aber ohne
irgend eine nachweisbare Ursache gestorben sind, und wenn dadun h
der Vorwurf, den ick der Scanzonischen Aetiologie mache, dass in
Folge seiner Aetiologie die Wöchnerinnen nicht massenhaft am Puer-
peralfieber sterben können, widerlegt ist , so trägt au diesem meinen
Errthume nur die Geheimnisstliuerei Scanzoui's Schuld, welche ihn
verhinderte, mir und der übrigen Welt in Beiner Aetiologie über dieee
beiden von ihm entdeckten so hochwichtigen netiologischen Momente
des Kindbettfiebers nähere Belehrung zukommen zu lassen.
Im Jahre 1847 habe ich die Entdeckung gemacht, dass das
Die Aetiologie, der Betriff und die Prophylaxis des Kiiulkttfiebers. 341
Puerperalfieber durch ImWtion entstehe. Im Jahre 1850 erklärte
Scanzoni im 2»5. Bande der Prager Yierteljahi schritt meine Ent-
deckuntr für eine Hypothese. Im Jahre 1852 Bagft Scanzoni in der
I. Auflage seines Lehrbuches der Geburtshilfe, dass er die Möglichkeit
einer derartigen Infeetion für einzelne Fälle nicht in AJbrede stellen
wolle. In der II. Auflage seines Lehrbuches der Geburtshilfe, welche
1853 erschien, bleibt er dabei, die Möglichkeit einer derartigen In-
feetion für einzelne Fälle nicht zu läugnen.
Im Jahre 1854 erschienen Kiwiseh's klinische Vorträge über
spet'ielle Pathologie und Therapie der Krankheiten des weiblichen Ge-
Bchlechte«, in vierter Auflage, besorgt und durch Znsätze vermehrt
von Scanzoni. Bei der Prophylaxis des kindbetttieber sagt Kiwisch
unter Anderem auch Folgendes: „Zudem ist in jenen Anstalten, wo
die Möglichkeit irgend einer Infeetion der Gebärenden und Wöch-
nerinnen durch zersetzte animalische Stoffe (Leichengift, Wundsecrete,
zersetzte Wochenbett effluvien) geboten ist. deren Einfinss mit aller
Sorgfalt hintanznhalten, und es dürften sich zu diesem Zwecke die
von den Engländern und Dr. Semmelweis in Gebrauch gezogenen
Chlorwaschungen und Räucherungen empfehlen u.
Obwohl dieser Ausspruch Kiwisch's nur auf die Infectionsfälle
von aussen, welche in Gebärhänsei n vorkommen, Rücksicht nimmt,
iend die Selbst infectionsfälle in den Gebärhäusero und das Puer-
peralfieber ausserhalb der Gebärhätiser nicht inbegriffen sind in diesem
Ausspruche Kiwiseh's. und obwohl alle Infectionsfälle von aussen in
Geb&ro&nsem blos durch t'hloi Waschungen und Raucherungen nicht
verhütet werden können, so überholt dieser Ausspruch Kiwiseh's doch
Scanzoni's Ansicht, welcher eine solche Infeetion nur für einzelne
Fälle nicht in Abrede stellen will, um ein Bedeutendes, und nachdem
Scanzoni dennoch diesem Ausspruche Kiwisch/s sich in einer Zusatz-
annierkung nicht widersetzt, wie er es bei andern Gegenständen, über
welche er ein«- von Kiwisch ditferente Ansicht hatte, that, so zogen
wir aus dieser unterlassenen Opposition den für uns erfreulichen
s.hluss. dass Scanzoni ach zu unserer Ansicht bekehrt, und da wir
voraussetzten, dass Scanzoni sich gewiss nur in Folge Qherzengender
Beobachtungen zu unserer Ansicht, welche v.r so lange bekämpft, be-
kehrt haben konnte, so warteten wir mit Sehnsucht auf das Erscheinen
einer Brochüre, oder wenigstens eines Artikels, allenfalls in den „Bei-
tragen zur Geburt skunde und Gynaecologie", in welcher er der medi-
zinischen Welt seine geänderte Leberzeugung mit den überzeugenden
Beobachtungen niittheilt; aber nachdem ein Jahr verflossen, und das
zweite, und das dritte und vierte, nnd Scanzoni sich noch immer nicht
den in- licinischen Publicum als medicinischen Konsseau darstellte,
invanden mit jedem Jahre natürlich unsere Hoffnungen immer
mehr, und das fünfte Jahr war bestimmt, uns Gewissheit zu bringen,
welch Illusionen wir uns hingegeben.
eii Ende des Jahres 1859 erschien eine Schrift unter dem
Titel: -Historisch-kritische Darstellung der Pathologie des Kindbett-
titlirr.s, vnii den ältesten Zeiten bis auf die unsere." Von Dr. H.
Silberschmidt. lud diese Schrift wurde von der med. Facnltät zu
Würzburg mit einem Preise gekrönt. Der Autor dieser Schrift spri cht
sieh treten meine Ansicht über die Entstehung des Kindbettfiebers
ans. und da diese Schrift dennoch von eiuer Corporation, deren Mit-
glied Scanzoni ist. welchem gewiss in dieser Angelegenheit ein enr>
342
Seiamelwei- JUtirtndluBgen und Werk über das Kindbettiieter.
Bcheidender Einfiass gegönnt war. mit einem Preise gekrönt wurde,
so ist es mehr als gewiss, dass es unsererseits Illnsion war. wenn wir
hofften, dass Seanzoni sich zu unserer Ueberz eu g 1111? bekehrt, weil er
die für uns günstige Aeusserung Kiwiseh'x nicht angegriffen.
Ja, diese Schrift erwähnt nicht einmal die einzelnen Fa 11h. in
welchen selbst s mizoni eine derartige Infection nicht in Allrede
stellen will.
Doch hören wir, was Dr. .Silberschmidt sagt. Er sagt: „Skoda
und Seminelweis glaubten, die nächste Ursache des Puerperalfiebers
sei Leichengift." Als«, schon der erste Satz beweist, dass Dr. Silber-
schmidt sich «-in Unheil über meine Ansicht anmasst. die er gar
nicht aufgefasst. Die nächste Ursache des Puerperalfiebers ist ein zer-
setzter thierisch-organischer Stoff, und eine von den drei (Quellen,
aus welchen dieser Stoff genominen wird, ist allerdings die Leiche,
und da vermöge der Verhältnisse der zersetzte Stoff an der I. Gebär -
klinik zu Wien häufiger aus der Leiche als aus den zwei anderen
Quellen genommen wurde, so war an der I. Geburtsklinik ZU v
vorzüglich das Leichengift die Ursache der grossen Sterblichkeit, tffid
special] in den sechs Jahren, wo die I. Klinik blos für Aerzte. bestimmt
war ohne Chlor waechungen, war das Plus der Sterblichkeil der 1.
Klinik im Vergleiche zur II. Klinik ausschliesslich durch Leichengift
bedingt. Im Gebärhause des St. Rochnsspitals in Pest war die grosse
Sterblichkeit der Wöchnerinnen durch zersetzte Stoffe der chirurgischen
Abtheilung dadurch bedingt, dass ein chirurgischer Primarius zugleich
geburtshilflicher Primarius war. die Sterblichkeit dieses Gebärhnuses
war demnach durch den zersetzten Stoff bedingt, der aus der Quell«-
fliesst, welche die Kranken, deren Krankheiten zersetzte Stoffe er-
zeugen, darstellen. Die grosse» Sterblichkeit der beiden Jahre an
dei Pester geburtshilflichen Klinik war bedingt durch den /.ersetzten
Stoff, welcher aus der dritten Quelle rliesst. Der zersetzte Stoff für
zwei Epidemien im Prager Gebärhaus unter Chiari kam von zw. i
Kreissenden, deren Genitalien während der Geburt wegen Mi9sver-
hältniss gangruenös wurden. Und der zersetzte Stoff für die erste
Epidemie, welche die Geschichte des Puerperalfiebers als solches an-
erkennt, kam von Verwundeten.
Und dass dem so sei, das glaube weder ich. noch Professor Skoda,
solidem das wissen wir, das ist meine und Skoda's Ueberzeugung,
und wenn Herr Dr. Silberschmidt einer Ueberzeugung fähig ist» wenn
er nicht blos schriftstellert auf Bestellung, wenn sich gerade Jemand
lobhudeln lassen will, so empfehlen wir ihm das grüi Studium
dieser Schrift, und ich bin überzeugt, dass er zur selben Deberzeugung
gelangen wird.
It. Silin ixliniidt sagt; „Skodn und Semmelweis glauben, dass
das Leichengift von den Aerzteu. die kurze Zeit vorher Sectionen
gemacht hatten, bei der Untersuchung in den Organismus der
Gebärenden eingeführt werde." Herr Silberschmidt hat nicht be-
wiesen, dass dem Dicht so sei
Dr. Silberschmidt sagt.: „Zu dieser Meinung brachte sie die
Beobachtung, dass auf der zur Untersuchung Fftr die studierenden
bestimmten Abtheilung das Kindbettfieber viel mörderischer auftrat,
als auf der für die Hebammen eingerichteten.0 Dr. Silbersehmidi
nicht bewiesen, dass die Sterblichkeit an der Aerzteabtheilnng nicht
grösser war. als an der Hebammenabtheilung, Dr. Silberschmidt hat
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Ki&dttittfteben. 343
n
17
s
In
nicht bewiesen, dass durch Zerstörung de* zersetzten Stoffes, reicher
an der Hebammensehule nicht, wohl aber an der Schule für Aerzte
anwesend war. die Sterblichkeit sich an der Schule für Aerzte sieht
mindei 1 1 ■..
Dr. Silbersehmidt hat nicht bewiesen, dass deletäre thierisehe
toffe in Wnnden gebracht, keine Pyaemie verursachen.
Dr. Silbersr.hmiilt lia» dicht bewiesen, dass (Jhlorwaschung-en zur
Verhütung der uns beschäftigenden Allrrtion ungeeignet seien; und
wenn Dr. Silbersehmidt den Erfolg, mit welchem ich die Chlor*
Waschungen an der I. öebarklinik leitete, verschweigt, und dafür die
Erfolglosigkeit der Chlorwaschungen, \\\<- selbe Scanzoni in Prag
beobachtet, anführt, sii thut er das, was so mancher nndere meiner
Gegner auch thut, er verschweigt einfach die Wahrheit, damit selbe
ihm nicht Unrecht geben könne
Was die Erfolglosigkeit der Chlorwaschuugen anbelangt, wie
solche Scanzoni beobachtete, so haben wir schon im Verlaufe dieser
Beurtheilung Scanzoni's nachgewiesen, dass nach Einführung der Ohlor-
hungen in Wien sich <!ic Sterblichkeit auch in Prag minderte,
dadurch, data die das Prager Gebärhaus Besuchenden durch Aerzte,
deren Weg selbe von Wien zufällig nach Prag führte, erfahren, was
Di. Semmelweis für Massregeln empfehle, um das Puerperalfieber zu
vermindern, wodurch auch die Prager vorsichtiger wurden. Wenn es
aber «Scanzoni nicht gelungen ist. die Infectionsfälle auf die Falle
on Selbstinfection zu beschränken, so haben wir die Ursache davon
n dem Umstände gefunden, dass Scanzoni über die wichtigsten Lehr-
sätze meiner Lehre in Unwissenheit befangen ist, wodurch natürlich
der Erfolg ein unvollkommener sein musste, und den sechs Monaten,
in welchen Scanzoni wegen Mangel der nötbigen Vorkenntnisse
unglücklich experimentirt, stelle ich die zwölf Jahre der I. Gebär-
klinik nach Einführung der Uhlorwaschungen gegenüber, in welchen
sich die Sterblichkeit um tk8r, P.-Antheil minderte, trotz dem, dass
immer Gegner meiner Lehre dort fungirten, die sechs Jahre das
EtochUBSpital, wo die Sterblichkeit nicht I i'-Aiitheil betrug, die Er-
fahrungen des Primarius Dr. Bednar im Findelhause zu Wien, der
Folge der Chlorwaschungen die Sepsis des Blutes der Neugeborneu
seltener werden sah, die vier Jahre der Pester geburtshilflichen
Klinik, die Gebärhauser zu Kiel, zu Kopenhagen. Und weun ich nun
nach zwölf Jahren noch immer nicht sagen kann, das Puerperal Heber
ist in Folge meiner Lehre über die Entstehung und Verhütung dieser
Krankheit aus sämmtlichen Gebärhäusern und aus der Privatpraxis
)>\< auf die Fälle von Selbstinfection verschwunden, so liegt der
Grand nicht darin, dass das durch die Beobachtung meiner Lehre
über die Verhütung des Kindbettfiebers nicht zu erreichen ist. sondern
darin, dass die Professoren der Geburtshilfe, einzelne ausgenommi-n.
noch immer Irrthümer über die Aetiologie des Kindbett fiebers lehren,
und dadurch verschulden, dass die so irrebelehrten Schüler und
s« hülerinnen inn- und ausserhalb der Gebärhauser noch immer so
sahireiche Infectionsfälle hervorrufen. Bin Grund liegt auch in der
Unredlichkeit der Schriftsteller, welche gegen mich geschrieben, und
welche nicht, so, wie wir es in dieser Schrift thun. alles anführen.
WM tär uns, was gegen uns geschrieben wurde, sondern welche den
löblichen Usus beobachten, alles zu ignoriren, was für uns geschrieben
wurde, und nur das anführen, was gegen uns geschrieben wurde.
;44
Semmflweii' Abhandlungen und Werk über du KindbetrfieW.
wodurch der Leser, welcher mit der Literatur weniger vertrau!
irregeführt werden muss. Hieher gebärt auch Dr. .Silberschmidt,
welcher die ganze Literatur über Puerperalfieber durchstöbert und
nichts gefunden hat, was für meine Lehre spricht, und wir doch so
manches aus der Literatur uns günstiges in dieser Schrift zusammen-
■n konnten.
Was die beiden Gegner Kiwisch und Seyfert anbelangt die
Sflberachmidt anführt, so werden wir an einer anderen Stelle dieser
tft Gelegenheit haben, ihre Zweifel zu widerlegen, nur wollen wir
bemerken, dass Silberschmidt diese Schrift nicht als denkender Forscher,
sondern als »Schreibmaschine zusammengetragen hat, denn hätte er
ata denkender Forscher Seite 6. Zeile 10 Folgendes niedergeschrieben:
..Es ist aber dessen ungeachtet sehr wafarBcbemliefi, dass das Puerperal-
fieber zu jener Zeit und selbst im Mittelalter nicht so häufig vor-
komme, als in der neueren und neuesten Zeit, woran vielleicht die
Errichtung von Entbindungsanstalten keine kleine Schuld ti;
Hätte, wie gesagt, Dr. Silberschmidt dies als denkender Forscher
niedergeschrieben, so hätte er sich nicht Seite 118 auf Kiwiach'a
Autorität hin auf Puerperalepidemien berufen, welche sich über ganze
Land erstrecken ausbreiten.
BchlieaaUch proclamirt Dr. Silberschmidt als befriedigendes
Resultat der Bemühungen so vieler Jahrhunderte die Pathologie des
Puerperalfiebers zu erforschen, Scanzonis Hyperinose der Wöchnerinnen,
die Pyaemie der Wöchnerinnen und die Blutdissolution der Wöchnerinnen.
Der Leser erinnert sich, daßfl wir im Verlaufe unserer Beurtheilung
Bcanzeni'fl numerisch nachgewiesen haben, dass die Entzündungen
im Wochenbettt, welche Scauzoni nicht zum Puerperalfieber zählt,
dass diese Entzündungen mit eben dem Kerbte Puerperalfieber sind.
wie die Hyperinose, die Pyaemie und die Blutdissolution, weil die Ent-
zündungen im Wochenbette, welche Scanzoni nicht zum Puerperal-
fieber zählt, gerade so wie die Hyperinose, die Pyaemie und die
Blutdissolution durch die Resorption eines zersetzten Stoffes entstellen.
Scanzoni zersplittert die Entzündungen, welche nicht Puerperalfieber
sind, in zahlreiche Formen, und eine einzige Form, namentlich die
Endometritis, will er in hunderten von Fällen beobachtet haben.
Wenn daher hunderte von Puerperalfieberfällen nicht, in dieScanzoiiisrhe
Pathologie des Puerperalfiebers gehören, so hat der Leser einen Begriff
von der Vollkommenheit der Scanzoniscben Pathologie des Puerperal-
fiebers, und um den Unsinn coniplet zu machen, sagt Scanzoni in
seinem Lehrbuche der Geburtshilfe. I. Autlage, Band o. Seite 470,
und IL Auflage, Band 2, Seite 1014, was die Symptomatologie der
örtlichen Affectionen des Puerperalfiebers, die Complicationen, den
Einfluss der verschiedenen Blutanomalien auf die Idealen Proo
äie Prognose und die Therapie des Puerperalfiebers anbelangt, so
wolle sich über diese Gegenstände der Leser dort Belehrung suchen,
wo er von Dingen gesprochen, welche nicht Puerperalfieber sind.
Dämlich bei den Entzündungen im Wochenbette, welche nicht Puerperal-
fieber sind.
Die medicinische Fae.ultät zu Würzburg hat sich demnach blamirt,
dass sie der Schrift des Dr. Silberschmidt einen Preis zugesprochen,
welche als das nun plus ultra der Pathologie des Puerperalfiebers die
Scanzonische Pathologie proclamirt. von der die überwiegend grössere
Mehrzahl der Puerperal ti eberfalle ausgeschlossen ist, und welche dem
Die Aetiologie, der Begriff and die Prophylaxis des Kindbettliebers. 345
wahren Schlnsssteine aller Forschungen über die Pathologie des
Puerperalfiebers, nämlich meiner Pathologie des Puerperalfiebers, feind-
lich entgegengetreten ist.
Es wird Urnen, Herr Hofrath, noch frisch im Gedächtniss sein,
dass ich bei Beurtheilung der Tabellen, mittelst weicher ich bewiesen
habe, dass im Wiener Gebärhause nicht eine einzige Wöchnerin an
Gemüthsatteeten gestorben seir gleichzeitig zur Kenntnis* der traurigen
Thatsachen gelangt bin, dass ungerechnet der Transferirten, unge-
rechnet der Kinder, und der leichteren Berechnung wegen eine zu
386 Zahl der Selbst infection annehmend . noch immer 6240
\\ öchnerinnen innerhalb 26 Jahren an den beiden Abteilungen des
Wiener Gebärhauses in Folge von Infection von aussen gestorben
sind, oder mit anderen Worten, diese 6240 Wöchnerinnen sind am
Puerperalfieber gestorben, welches hätte verhütet werden können.
Und ich bin überzeugt, dass, wenn man die innerhalb 26 Jahren an
beiden Abtheilungen durch sämmtliche geburtshilfliche Hilfeleistungen
Geretteteu durch eine Zahl ausdrücken könne, dass sich diese Zahl
der Zahl von 6240 gegenüber recht bescheiden ausnehmen würde,
sie wissen ja. Herr Hofrath, dass ich mir vorgenommen, mich selbst
zu loben, weil es meine Gegner nicht thun ; in meinem Selbstlobe
gehe ich so weit, zu behaupten, dass, die Kuhpockenimpfung Jenner's
ausgenommen , es in der gesammten Medicin nichts Drittes gibt,
welches geeignet wäre, durch Verhütung einer Krankheit so zahl-
reiche Menschenleben zu retten, als meine Lehre über die Verhütung
des Kindbetttiebers. Und der lange Zeitraum vom Jahre 1847 bis
zum Jahre 1860 hat nicht hingereicht. Sie. Herr Hofrath. der Sie für
den ersten Geburtshelfer Deutschlands gelten, ob mit Recht oder
nicht, will ich nicht untersuchen, es genügt zu wissen, dass das
geglaubt wird, zur Erkennung und Anerkennung dieser ewigen Wahr-
heit zu bringt n.
Denn eine Corporation, in \vi !• li.r Sic. Herr Hofrath. in dieser
Angelegenheit gewiss entscheidenden Eiufluss geübt, hat Ende des
Jahres 1859 eine Schrift mit einem Preise gekrönt, welche in stupider
Weise gegen die von mir entdeckte ewige Wahrheit ankämpft.
Um vielleicht der beleidigten Menschheit zu nützen, will ich
Ihnen, Herr Hofrath. einen Spiegel vorhalten, in welchem Sie sich
beschauen können, vielleicht erschrecken Sie vor sich seilst, wenn
Sie sich in Ihrer wahren Gestalt schauen und bessern sich.
Joseph Steiner, ein Candidat der Chirurgie und mein Schüler in
den theoretischen Vorträgen der Geburtshilfe, schrieb mir unter ddo.
Pest, den 30. März 1858 folgenden Brief:
„Euer Hochwohlgeborew Herr Professor!
„Durchdrungen von der Wahrheit Ihrer Vorträge über Puerperal-
fieber, welche ich zu besuchen im Laufe des \Viutersemest<rs das
Klink hatte, fühle ich mich veranlasst. Muihninssungen hier anzu-
führen, in wiefern« es möglich ist, dass auch an der Gratzer Gebär-
anstalt Infectionen aller Art stattfinden konnten.
..Als ich in Gratz das erste Jahr Chirurgie hörte, war im allge-
meinen Krankenhause ein Gasthaus, welches die Verpflegung der
Kranken versah, und auch der Sammelplatz aller Stmlirenden war;
später aber ging die Leitung der Küche in die der barmherzigen
Schwestern aber, und das Gasthaus wurde entfernt. Die Studirenden
346
Seramelweis' Abbaudhmgeu und Werk über -las Ktodbettfletar
mussten dalier den Sectionssaal als den Ort ihrer Zusammenkunft
wählen, der Sectionssaal war somit jener Ort. wo sich < "ollegen trafen,
und wo sie gemeinschaftlich die Zeit abwarteten, um zu den verschie-
denen Vorlesungen zu gehen. Nachmittags müssen die Studirenden
des I. Jahrganges seciren. für welche das Seciren obligat ist, die
Studirenden der anderen Jahrgänge hingegen und die Rigomsanten
sollten der Verordnung gemäss auch praeparjren, doch kommen diese
nur. um den Anfängern zu zeigen, wie sie zu praepariren haben; die
Rigorosanten sind daher fieissige Besucher des Sectionss;<a>-. und
unterlassen es auch nicht, die Anfänger in allen Zweigen der Ana-
tomie zu unterweisen, bis sie von der Zeit abberufen, die einen sich
tili das Rigorosum vorbereiten, die andern aber ihre Inspection im
Gebärliause fortsetzen. Was die letzteren betrifft, so waren diese
stets die fleissigsten Besucher des Sectionssaales, indem das Gebär-
haus nur durch eine Strasse vom Krankenhaus getrennt ist; bb
den Inspection irenden daher nicht zu verargen, wenn sie anstatt
*24 Stunden nacheinander im Gtebftl hause zu bleiben, in diu Sections-
saal kommen, um hier eine Zerstreuung zu finden, oder (und was sehr
oft geschah) ein armer Rigorosant Inspection hatte, WO er sich auf
lange Zeit vi. m «iebüthause nicht entfernen durfte, daher in den
Sectionssaal kam, um sich hier Geld aufzutreiben, um dann ein Nacht-
mahl u. s. w. zu haben, worauf er sich dann entfernte, um seine In-
spection fortzusetzen. Doch musste er sich um das erhaltene Geld
früher verdient machen, und zwar dadurch, das.-- er irgend einem
Studirenden sein Praeparat verfertigen half. Sehr oft geschah es.
dass mein Bruder, welcher damals practische Geburtshilfe stndirt<
mir in den Sectionssaal kam, um mit mir Anatomie an der Leiche /u
studiren, oder er half mir das Praeparat, welches ich zur bestimmten
Zeit abgeben musste. verfertigen, worauf er sich entfernte, um N
Inspection fortzusetzen, Ich erinnere mich mit meinem Kruder einmal
ins Gebärhaus gegangen zu sein, er legte Hut und Stock weg, und
untersuchte eine Kreissende; ich fragte ihn. warum er sich früher
die Hand mit Fett eingeschmiert habe? Damit die Hand schlüpfrig
werde, gab er mir zur Autwort. Ich bin überzeugt, dass, würde ich
gesehen haben, dass mein Bruder sich mit einer Flüssigkeit seine
Hand gewaschen hätte (was nichts anders gewesen wäre als eine
CMorkalklosung), ich eben SO neugierig gewesen wäre, zu wissen, wa-
das fiii eine Flüssigkeit sei; da ich aber das nicht bemerkte, so be-
durfte es auch keiner Frage meinerseits, es musste nur eine Nach-
lässigkeit von meinem Binder gewesen sein, welche Nachlässig
aber die Folge einer völligen Unwissenheit über die Entstehung des
Puerperalfiebers Ist, welche Nachlässigkeit aber allen Gratzer Kigoro-
santen zugemuthet werden darf, die wieder in einer anderweitigen
l i sache zu suchen wäre. Es ist somit ein solcher Rigurusant
r gesagt ein solch fleissiger Besucher des Sectionssaales ein
höchst gefährliches Individuum für die Wöchnerinnen, denn sie be-
werkstelligen jene Communi ;ni"H zwischen Gebärhaus und Sectimi
ja ich möchte sagen zwischen letzterem und den inneren Geschlechta-
theilen der Wöchnerinnen derart, als sie nur zwischen zwei Zimmern
sein kann, die eine gemeinschaftliche Thnre haben, und wahrhaftig
die Wöchnerinnen würden im Secii-saale keiner solchen Gefahr
gesetzt sein, als sie es im Gebärhause selbst sind, denn der önter-
suchende würde sich gewiss scheuen eine Gebärende mit jener Hand
I'ie Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbetttiebers. 347
untersuchen, welche früher nasse, blutige Muskelschichten geordnet
hat. er Würde sich dabei gewiss die Hände früher reinigen: da aber
die Wöchnerinnen unglücklicher Weise im Gebärhause sein müssen,
und nicht im Sectionssaale, daher ein solcher Rigorosant sich vom
Sectionssaal entfernen muss, um seine Inspectkm fortzusetzen. BO
trocknet die Hand an der Luft, oder sie wird dadurch trocken, äaSB
er sie einige Mal in die Tasche gesteckt hat, bis er ins üebärhaus
kommt, und untersucht dann ebenfalls mit jener Nachlässigkeit, wie
mein Bruder. Dabei es mir auch jetzt nicht mehr r&thselbaft ist,
warum bei einer stattgehabten Untersuchung der Ken- Stadt physicus
v..n Grats ausrief: Die Ci'barhauser sind wahre Mordanstalten. Ich
fragte hierauf den Schuldiener, was das zu bedeuten habe. Kr ant-
wortete mir, als handelte es sich um die geringste Sache von der
Welt: ,.N<> jo, es liegen halt wieder a paar Wöchnerinnen auf der
Pritschen drin. wie die Löwen." Es sind zwar nur Muthmasaungen,
die ich hier angeführt, aus welchen aber hervorgeht, das.s man voll-
kommen berechtiget ist zu sagen, das Puerperalfieber ist die Folge
einer Resorption.
„Und nun erlauben Sie mir. Euer Hocliwohlgeboren Herr Pro-
fessor, die Bitte hinzufügen zu dürfen, es zu entschuldigen, data ich
s<i frei war, Sie mit diesem meinem Schreiben belastiget zu haben,
aber die Wahrheit Ihrer Vorträge weckten diese Muthmassungen in
mir, und ich konnte nicht umhin, Sie, Werthester Herr Professor, da-
von zu be na citri chtigeu.
..Ich verbleibe mit Achtung Ihr stets dankbarer Schüler."
Sie sehen, Herr Hofrath. dass einige Wochen dauernde theoretische
Vorträge über die Entstehung und Verhütung des Kindbettfiebers
hingereicht haben, diesen Candidaten der Chirurgie in dem Grade auf-
zuklaren, dass er gleich eine vollkommen gelungene Anwendung des
eben Gelernten machen konnte, und für Sie. Herr Hofrath, der Sie
für den ersten Geburtshelfer Deutschlands gelten, waren beinahe 13
Jahre nicht hinreichend, .Sie von den einmal einstudirteii Inthümern
zu befreien.
Freilich ist der gewaltige Unterschied, welcher zwischen Ihnen,
Bferr Hofrath, und zwischen diesem Candidaten der Chirurgie besteht,
nicht zu übersehen, dieser Candidat der Chirurgie kommt in die Schule
mit dem Bewusstsein, dass er über die Aetiologie und die Prophylaxis
9e& Kindbettfiebers nichts weiss. Ihnen. Herr Hofrath. fehlt wie natür-
lich dieses Bewusstsein. und deshalb sind Sie so schwer zu belehren.
Und wenn ich mir in meiner Phantasie vergegenwärtige, was
denn geschehen wäre, wenn das Schicksal diesen Candidaten der
Chirurgie in Ihre Stellung, Herr Hofrath. gebracht hätte, so glaube
ich, dass die Gauen Deutschlands weniger wiederhallen winden vom
Stöhnen der an Kindbettfieber sterbenden Wöchnerinnen, erzeugt, durch
Ihre Schüler und .Schülerinnen, die Nie aus der Prager und Würzburger
geburtshilflichen Lehranstalt als so kolossale Ignoranten über die Ent-
stehung und Verhütung des Kindbettfiebers in's praktische Leben ge-
sendet haben. Als Schriftsteller würde er den überlieferten Unsinn.
den man bisher die Aetiologie des Puerperalfiebers nannte, nicht so
gläubig nachgeschrieben haben, er würde daher Aer/.ie. welche in
seinen Schriften Belehrung über Puerperalfieber suchen, nicht in ihrem
gefahrlichen Irrthume zum Verderben ihrer Pflegebefohlenen bestärkt
haben, er würde als Schriftsteller so hartnackig an meiner Seite ge-
348 Semmel weis' Abhandlungen und Werk urier «Jas K in< Ibott rieber.
kämpft haben, als Sie es gegen mich thiin, als Mitglied der medici-
ihm lun Facultät zu Würzburg hätte er die Krönung der Dr. Silber-
schmidt'schen Schrift verhindert, und was Sie. Herr Hofrath als prak-
tischer Arzt an der Menschheit gefrevelt, darüber kann ich nickte
berichten, denn das schweigt in der Stille des Grabes. Ihre lebens-
rettende Thütigkeit als Kliniker zu Prag hat der trauernde Menschen-
freund erkannt, in den hunderten von verstorbenen Wöchnerinneu,
deren Sectionen Sie im Prager Gebärliause beizuwohnen Gelegenheit
hatten.
Und je länger ich über Ihre 'Wirksamkeit als Kliniker zu Würz-
bnig1) nachdenke, desto möglicher scheint es mir, das* ihn Opposition
n mich nicht so sehr aus Ihrer Unwissenheit über die Entstehung
und Verhütung des Kiuclbettfiebers. als vielmehr aus bösem Willen
entspringt, denn Sie haben. Herr Hoi'rath, von den in der Würzburger
Klinik innerhalb serh.s Jahren 163H verpflegten Wöchnerinnen nur
20 am Kindbettfieber verloren, also sind innerhalb sechs .lalnen. die-
selbe Basis für die Selbstinfectionsfälle angenommen wie im Wiener
Gebärhause, nur vier Infectionsfälle von aussen vorgekommen, ein
Resultat, welches meiner gelungensten Leistung nahe kommt . <1- im
ich habe innerhalb sechs .Jahren im Gebärhause des St. Rochns-
spitales zu Pest von 933 Wöchnerinnen icht am Kindbettfieber ver-
loren, und darunter war ein Fall eine Infection von aussen.
Kiwisch hat an der Würzburger Klinik in einem .lahre. in welchem
sagt er nicht, von 102 Wöchnerinnen 27 am Puerperalfieber verloren,
es Stellt daher Ibre Sterblichkeit zur Sterblichkeit Kiwisch's wie 20
Todte zu 432 Todten.
Und als Kliniker zu Prag haben Sie innerhalb der 15 Monate,
von welchen 8ie uns die Rapporte mittheilen, noch 59 Fälle von In-
fection von aussen gehabt.
Herr Hofrath sind der Welt Rechenschaft schuldig, wie >
kommt, dass Sie durch sechs Jahre einen so günstigen Gesundheits-
zustand der Wöchnerinnen hatten, an derselben Anstalt, an welcher
Kiwisch eine grössere Sterblichkeit hatte, als selbe je an der L Ge-
bfi] klinik zu Wien vorgekommen. Kiwisch hatte 26 Percent Sterblich-
keit. An der I. Gebärklinik war die Sterblichkeit in .Jahren nie über
15 Percent.
Ich habe der Welt mitgetheilt, dass ich die 15 Percent Sterblich-
keit der I. Gebärklinik auf ein Percent dun h Zerstörung des be-
schuldigten faulen Stoffes herabgedrückt habe. Was haben Sie gethan,
Herr Hofrath?
Haben die 1639 in sechs .lalnen in Würzburg verpflegten Wochne-
rinnen nicht die den Schwangeren eigenthümlkhe Blutmischung ge-
habt, welche selbe zum Puerperalfieber disponirt hätte?
Kit der günstige Genius epidemicus. welcher im Prager Gebär-
hause nach Aussetzung der Chlorwaschungen nur ein Monat dauerte,
in Wüizburg durch sechs Jahre geherrscht?
Hat es durch sechs Jahre in Würzburg keinen Winter, keine
stürmischen, kaltfeuchten Tage gegeben?
Hat es unter den 1639 in Würzburg verpflegten Wöchnerinnen
l) Beiträge znr Geburtsknmle nu<\ GruMCOlogie. Herausgegeben von Dr. T, W.
von SttnBOHi Wttraburg IßW, QI Band
Die Aetiologie, der Begriff irad die Prophylaxis des Kindbettfieber.*. 349
;
keine Individualitäten gegeben, welche zum Puerperalfieber dispo-
nirten?
Waren unter den 1639 Individuen keine schwächlichen, schlecht
genährten, während der Schwangerschaft dem Elende und der Noth
ausgesetzten, unter dem Einflüsse denrimirender Geraüthsuffecte lebende
rauen ?
Gab es in diesen sechs Jahren keine verzierten Geborten?
Waren nur vier Individuen unter diesen 1639 heftigen, aufregen-
den oder deprimirenden Gemiithsaffccten ausgesetzt?
Waren diese 1639 Individuen jeden Schamgefühles baar? oder
dienten selbe nicht zum Untersuchung^- oder Beobachtungsobjecte ?
Tutersuchen die Würzburger männliche Individuen mit grösserem
Zartgefühle?
Haben diese Wöchnerinnen keine Diätfehler begangen? Was
haben Herr Hofrath gethan. dass das Puerperalmiasma seine mörde-
rische Kraft im Würzburger Gebärhause nicht entfalten konnte?
Wie haben Herr Hofrath die zwei von Ihnen entdeckten aetio-
logischeu Momente des Kindbettfiebers unschädlich gemacht ? Warum
ist keine Wöchnerin zufällig? warum ist keine Wöchnerin ohne irgend
einer nachweisbaren Ursache gestorben?
Oder mit anderen Worten, fehlte im Würzburger Gebärhause Ehre
Aetiologie des Kindbetthebers, welche Ihnen im Prager Gebärhause
Gelegenheit verschaffte, hnnderten von Sectionen verstorbener Wöchne-
rinnen beizuwohnen?
Oder sind Herr Hofrath seit der Zeit, als Sie eine solche Infection
in einzelnen Fällen nicht mehr in Abrede stellen wollen, privative
i in so glücklicher Beobachter meiner Lehren und nur öö'entlich mein
Gegner?
Chlorwaschungen haben Herr Hofrath wahrscheinlich nicht machen
lassen, sagen Sie uns doch, Herr Hofrath, unter welcher Maske haben
Sie denn meine Lehren in das Würzburger Gebarhaus eingeschmuggelt,
damit es Ihre Aetiologie. welche Ihnen im Präger Gebärhause Gelegen-
heit verschaffte, hunderten von Sectionen verstorbener Wöchnerinnen
beizuwohnen, unschädlich mache? Haben Sie, Herr Hofrath, einen
solchen Abscheu vor der Wahrheit, daaa Sie die Dr. silberschmidt'sche
Schrift mit einem Preise krönten, obwohl Dr. Silberschmidt Ihren,
die Wahrheit meiner Lehre beweisenden sechsjährigen günstigen Er-
folg in Würzburg verschwieg, und sich lieber auf Ihre Experimente
in Prag berief, welche das Unwahre meiner Lehre beweisen sollten?
Oder Leben Herr Hofrath in der Ueberzeugung, dass Sie nur
nizen, wenn es rings um sie finster ist? und haben Sie deshalb als
.schwarzen Xebel, welcher die Strahlen der erhellenden Sonne nicht
durchlässt, die Dr. Siibersehmidt'sche Schrift in die Welt gesendet?
Bauen Sie Ihre Grösse, Herr Hofrath. auf «lie Verdammung derer, die
bei Ihnen Belehrung suchen, dann bauen Sie Ihre Grösse auf die
Leichen jener unglücklichen Wöchnerin nen, welche von denen, die Sie
verdummt hüben, in den Tod gestossen werden.
Sollte auch die menschliche Gerechtigkeit einem solchen unheil-
sHiwangereu Gebahren gegenüber sich indolent verhalten, der gött-
lichen Gerechtigkeit werden Sie Herr Hofrath nicht entgehen.
360
Semmel weis' Abhandlungen und Werk Über fl.is K im! bett lieber.
Bin anderes Mitglied «1er medicinischen Facultät zu Würzburg
ist Heinrich Bamberger, Professor der medicinischen Klinik daselbst. ')
Der Leser weiss, dass wir das Puerperalfieber für ein Resorptions-
fieber halten; das erste ist die Resorption eines zersetzten Stoffes.
«las zweite ist die Blutentmischnng, und das dritte sind die F.x-
suilationen.
Heinrich Bambergs glaubt, dass wir folgende Ansicht über die
Entstehung des Kindbett liebers haben; das eist»- ist eine Endometritis,
das zweite ist die Resorption der Producte der Endometritis,
dritte ist die Bluteiitmischung, und das vierte sind neue Exsudationen ;
so dachten wir uns nie die Entstehung des Kindbettfiebers, und wir
unterschreiben alle Gründe, welche Bamberger gegen ein so ent-
standenes Puerperalfieber anführt.
Wir haben ja numerisch nachgewiesen, dass Scanzoni im Irrthume
ist. wenn er glaubt, dass es Entzündungen im Wochenbette gibt,
welche nicht Puerperalfieber sind, und dass diese Entzündungen erst
später zum Puerperalfieber werden, wenn die resorbirten Producte
der Entzündungen eine Bluten tmisehung hervorrufen.
Wollen wir wieder nach Prag zurück kehren, und zwar zuerst zu
Josef Hiimernik. '■' als einem Mitglieds jener Commiseion, welcher
Scanzoni im Jahre 1849 die Aufgabe gestellt hat. diese rathselhafte
Kmnkheit zu erforschen, und wie | rundlich diese Kommission forscht»
entnimmt der Leser daraus, dass diese ( 'ommission im Jahre 1860 die
Lösung dieses Räthsels der Welt noch immer nicht mitgetheilt hat;
mir darin begründet sein kann, dass die Forschungen noch nicht
beendet sind.
Nachdem Hamernik es beklagt, dass unser Wissen über Aetiologie
so mangelhaft sei. Bfltgl er Seile Ml Folgendes: „Soll irgend eine so-
genannte Veranlassung als Ursache einer vorhandenen Krankheit be-
trachtet werden können, so missen jedesmal die folgenden Fragen
bejahend beantwortet werden: Hat diese Veranlassung immer dieselben
Folgen? kann man auf dem Wege des Versuches die genannte Krank-
heit auf diese Weise jedesmal hervorrufen? können in denjenigen
Killen, wo auf diese Veranlassung die genannte Kranheit nicht her-
vorgerufen wird, die jedesmaligen Ursachen des misslungeuen
Baches angegeben werden ?u
Wollen wir nun sehen, ob unsere Aetiologie des Kiubettfiebers
den Anforderungen Kamernik's entspricht. Die erste Forderung ist
unbegründet, der Leser weiss, dass wir Kaninchen zersetzte Stoffs
eingespritzt, und dass einige in Folge dessen an Pyaemie zu Grunde
gegangen sind, und einige nicht.
war der zersetzte Stoff nicht die Ursache der Pyaemie bei den
zu Grunde gegangenen Kaninchen, weil er nicht bei allen Kaninchen
mie hervorgerufen hat?
Die zweite Forderung haben wir erfüllt, wir haben auf dem
Wege des Experimentes bei Kaninchen das Puerperalfieber hei vor-
gebracht.
Im Klinik 8—1-2. 1*50.
*) Die Cholera epidemica, Prag 1850.
Die Aetiologie. der Begriff nnd die Prophylaxis des Kiudbettfieliers. 351
Die dritte Forderung haben wir nicht erfüllt, denn wir können
nicht die Ursachen angeben, warum bei einigen Kaninchen keine
. lemie eingetreten ist; dafür haben wir aber eine Forderung erfüllt,
reiche Hamernik gar nicht gestellt, welche aber meine Aetiologie
des Kindbettfiebers zur beglückenden, ewig wahren Aetiologie macht,
nämlich wir haben durch Unschädlichmachung der von uns be-
schuldigten Veranlassung diese Krankheit vermindert. Und obwohl
unsere Aetiologie mehr geleistet, als Hamernik von einer Aetiologie
fordert, um selbe für wahr halten zu können, sagt er dennoch
Seite 265 Folgendes: ..Die Angabe, dass das Wochenbettfieber durch
I '-liertragung von Leichentheilen aus Wöchnerinnen bei den Lnter-
snchungen derselben erzeugt werde, ist dun haus irrthümlicli, ist
durchaus willkürlich.*'
„Denn die Woehenbettfieber-Epidemieu sind in der ärztlichen
fahrung viel älter, als die Leichenöffnungen. ,s
Welch erasse Ignoranz spricht in dieser Angelegenheit mit! Die
Geschichte des Kindbett fiebers lehrt, dass das Puerperalfieber erst
seit der zweiten Hälfte des siebenzehnten Jahrhunderts in grosserer
Zähl vorkomme.
Seite _>•'* sagt Er: ..Das Absperren von Ländereien, von Be-
zirken, die. Cordotie, die l imtumazanstalten und ähnliche Einrichtungen,
stammen aus Zeiten, in welchen die Aerzte nicht einmal so weit
waren, um zur Zeit einer herrschenden Epidemie die epidemischen
Erkrankungen von anderen gleichzeitig vorkommenden zu unterscheiden ;
sie waren der Ansicht, dass zur Zeit einer Epidemie so ziemlich alle
Erkrankungen der Epidemie angehören. Ja man kann sogar noch
zweifeln, ob unter den damaligen VerhHltnh*en jemals eine Epidemie
vorhanden war, so oft eine solche als vorhanden angegeben wurde:
auch zur Feststellung der Thatsache einer vorhandenen Epidemie
sind nicht selten solche Kenntnisse nothwendig, wie sie vor noch
nii-lit gar langer Zeit nicht zu den gewöhnlichen gehörten l*
ti'-ire n waitige Schrift hat den Zweck zu beweisen, dass es keine
Puerperal epidemie gibt, wenn daher die .Mehrzahl der Aerzte heute
noch von Puerperalepidemien sprechen, so ist damit bewiesen, dass
selbst heute noch die Mehrzahl der Aerzte nicht die Kenntnisse
lial.eii. welche nothwendig sind, um das Nichtvorhandensein einer
Puerperalepidemie zu erkennen; welchen Werth können daher die
Beobachtungen über Puerperalepidemien haben, welche, wie Hamernik
meint, gemacht wurden zu Zeiten, die Elter sind, als die Sectionen.
„Sie waren von Jeher «1er Schrecken der Mütter, auch zu Zeiten
und in Ländern. WO man an Leielienötln Linien noch gar nicht gedacht
hat." Es i-t wirklich zu bedauern, dass Harniernik. welcher so viel
Talent für die Geschichte der Sfedicin verrate, sich noe.h nicht die
Aufgabe gestellt hat, diesem Zweige speciell seine Talente zuzu-
wenden.
Vorläufig bleiben wir dabei, dass zu Zeiten und in Landern, wo
die von uns beschuldigte Aetiologie nicht thätig ist, das Kindbett -
tieber, einzelne Fälle ausgenommen, nicht vorkommt.
„Wir wollen nur anführen, dass die Furcht, vor dem Wochenbett-
aber nirgends so gross ist. wie in England und Kussland, was an
ld für sich auf grosse und mörderische Epidemien hinweiset, welche
die Bevölkerung und Aerzte so entsetzen. In England und Russland
wurden jedoch durch lange Zeiträume keine Leichenöffnungen vorge-
352 Sriiüi^luvis .Uii.uirllnuc'Mi imil Work ül.er das Kinrll
nommen, und insbesondere wird in England keine Leiche einer Puer-
pera geöffnet."
Dass es ein Irrtlium ist. wenn man glaubt, dass England vorzugs-
weise vom Kindbett lieber heimgesucht sei. haben die von uns ver-
öffentlichten Rapporte englischer Gebärhauser bewieselt; wir haben
Mich die Erklärung gegeben, warum die Sterblichkeit am Kindbett-
lieber in England eine so geringe sei. und wenn sich trotz der ge-
ringeren .Sterblichkeit englische Aerzt-e mehr ?or Kindbettfieber
fürchten, als die Aerzte anderswo, so ist das nur ein Beweis, dass die
englischen Aerzte gewissenhafter sind, als die Aerzte anderswo.
I iid dass sich die Bevölkerung auch anderswo über das Kind-
fieber entsetzt, das hat ja Scanzom speciell von \\ rien so ergreifend
geschildert.
Wie sich das Kindben tu >ber in Russland verhält, weiss ich nicht,
Hamernik würde mir daher einen grossen Dienst erweisen, wenn er
die Quellen angeben wollte, ans welchen er seine Kenntnisse aber
das Vorkommen des Kindbettflebers in Kussland geschöpft.
DaflS er speciell über das Kindbettfieber in England sein genau
unterrichtet ist. beweiset ja die Bemerkung, dass in England keine
Leiche einer Wöchnerin geöffnet wird.
„Ueberdies beweisen die Umstände, dass die Wöchnerinnen nach
der Entbindung in der Regel nicht untersucht werden."' Die Infection
kann schon während der .Schwangerschaft geschehen, und geschieht
am häufigsten während der Geburt.
..Dass Wöchnerinnen, welche weder im Verlaufe ihrer Gravidität
noch vor oder während, oder nach der Entbindung nntersncht worden
sind (wie dies bei den meisten (lassengeburten der Fall ist), eben so
gut am Wochenbettfieber erkranken, wie Andere.*
Wir haben bewiesen, dass die Individuen, welche nicht untersucht
werden, wohin die Gassengeburten, die vorzeitigen Geburten und alle
Schwer erkrankten Kivissenden gehören, gerade dadurch, dass selbe
nicht untersucht weiden, vor dem Puerperalfieber geschützt sind.
..Dass das Wochenbettfieber epidemisch vorkömmt (die spora-
dischen seltenen Erkrankungen können hier nicht besprochen werden |
(1. i. nur durch eine gewisse Zeit beobachtet wird, während in Wien
und Prag die Leichenöffnungen täglich vorgenommen werden." Aber
die Schüler des Gebärhauses wohnen nur durch eine gewisse Zeit
und nicht täglich den Leichenöffnungen bei.
nDass das Wochenbettfieber auf dem Lande und in anderen
Städten* wo keine Leichenöffnungen gemacht werden, gleichfalls /u
bestimmten Zeiten vorkömmt, ist mehr als hinreichend: dass die VVochen-
bettfieber-Epidemien auf keine Weise von einer Uebertragung von
Leichentheilen (Semmelweis. Skoda) abgeleitet werden können
Das Wochenbettfieber kömmt allerdings auch auf dem Lande und
in Städten vor, in welchen keine Sectionen gemacht werden, aber
überall kommen Kranke vor, deren Krankheiten einen zersetzten Stoff
erzeugen, und überall gibt es Medicinalpersonen mannlichen und weib-
lichen Geschlechts, welche sich mit Geburtshilfe und mit derartigen
Kranken beschäftigen, und welche aus Unwissenheit Infectionen her-
vorrufen.
pli Hamernik w;ir Mitglied der Commission, von welchen
Scanzoni Folgendes sagte: „Wünschenswert.! wäre es hiebei, wenn
die Mitglieder dieser Commission durch freie Wahl aus der Mitte einer
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindhefttiebers. ,:.",;>
löblichen mediciniseben Facultät zu Prag hervorgingen, wodurch das
Resultat ihrer Untersuchungen als der Aussprach der von einer ge-
lehrten Körperschaft gewühlter Vertrauensmänner betrachtet werden
könnte, und so an Glaubwürdigkeit und überzeugender Kraft gegen-
über dem ärztlichen und nicht ärztlichen Publicum gewinnen nrQJ
<h protestire feierlichst.
Bevor wir zu Bernard Seyfert übergehen, willen wit einiges vom
reiherrn Gustav Liebig mittheilen, weil wir seiner Autorität Seyfert
gegenüber benöthigen.
Liebig sagt im achtzehnten Briefe seiner chemischen Briefe
State 312 Folgendes: ,. Es ist Thatsache, dass Leichen auf anatomischen
Theatern häufig in einem Zustand der Zersetzung übergehen, der sich
dem Blute im lebenden Körper mittheilt. Die kleinste Verwundung
mit Messern, die zur Seetlon gedient haben, bringt einen oft lebens-
gefährlichen Zustand hervor (Fälle, in denen Pereonen dieser furcht-
baren Vergiftung zum Opfer fallen, sind nicht selten, so noch vor
kurzem Dr. Kolletschka in Wien, Dr. Bender in Frankfurt a. M._).
Der von Magendie beobachteten Thatsache, dass in Fäulniss be-
griffenes Blut. Gehirnsubstanz, Galle, faulender Eiter etc., auf frische
Wunden gelegt, Erbrechen. Mattigkeit und nach längerer oder kürzerer
Zeit den Tod bewirken, ist bis jetzt nicht widersprochen worden»"
Im dritten Anhange zu dieser Stelle sagt Liebig, nachdem er einen
kurzen Auszug aus Skoda's Vortrag in der kaiserlichen Academie. zu
Wien gegeben, Seite 714. Folgendes: „Aus diesem Vortrage ergibt
■>icli nebenbei, wie gering die Anerkennung gewesen ist. welche diese
grosse, praktisch-wichtige Entdeckung ausserhalb der Academie ge-
funden hat. Gewiss werden sich noch mehrere Ursachen des Kind-
betttiebers namhaft machen lassen, dass aber die von Dr. Semmelweis
mit allem Scharfsinn eines vorurtheilireien Forschers in der Gebär-
anstalt zu Wien ermittelte Ursache eine derselben ist, daran kann
wohl kein Unbefangener zweifeln." Die alleinige Ursache des Kind-
bettfiebers ist ein zersetzte]- Stoff, der Quellen des zersetzten Stoffes
bt es drei, eine derselben ist die Leiche.
Nachdem Liebig diese mir günstige Bemerkung in der zweiten
läge Beiner chemischen Briefe wegliess, erlaubte ich mir deshalb.
mich brieflich anzufragen, und benützte zugleich die Gelegenheit, ob*
wohl nicht ohne Furcht, eine Antwort voll Verwunderung über die
Naivität meiner I rage zu erhalten. Liebig's Ansicht über die Desin-
t'ec tion.skraft des Chlorkalkes zu erfahren. Hierauf verpflichtete mich
Liebig mit folgender Antwort:
München, 2L März 1859.
Euer Wohlgeboren !
Beehre ich mich auf Ihr Schreiben zu erwiedern, dass die Hin-
weglassung Ihrer Beobachtung über das Kindbettfieber aus dar neuen
Auflage meiner chemischen Briefe nicht den Grund hat, dass ich die
Wichtigkeit Ihrer Erfahrung nicht wie früher anerkenne, sondern
weil sie jetzt so bekanut und verbreitet ist, dass ihre Beibehaltung
in meinem Buche zwecklos erscheint; in einem eigentlichen Zusammen-
hange damit steht sie nicht. Es ist dies mit anderen Nachträgen
ebenfalls geschehen.
S>niiiielw«is" gesammelte Werke. 23
354
Semme]w<-is, Abhandlungen °nd Werk über «las Kimtl.eiTtleber,
Der Chlorkalk besitzt unzweifelhaft eine desinficirende Eigenschaft.
Ergebenst hochachtungsvoll der Ihrige
I nstav Liebig.
Bernhardt Seyfert
hat ergänzende Bemerkungen zu dem früher benrtheilten Aufsatze
Sranzoni's geliefert.
Der Leser erinnert sieh, dass Scanzoni die Absicht hatte, während
einer herrschenden Puerperalepidemie im Gebärhause Versuche an
Thieren zu machen; der Leser erinnert sich, dass wir die Ansicht aus-
gesprochen, dass Versuche an Thieren während einer Epidemie den
hartnäckigen Epidemikeni gegenüber ihren Werth verlieren, wvil
Selbe sagen werden, nicht die Injectionen, sondern die epidemischen
Einflüsse haben die Thiere und die Wöchnerinnen getödtet.
Seyfert macht es gerade umgekehrt. Er sagt: „Im Monate
October 1849 erkrankte und starb von 186 Entbundenen gar keine,
uns schien dies der günstigste Augenblick zu sein, dem Werth der
('hlonvaRi.'hunjren nrTs volle Licht zu stellen*"
Seyfert hat sieh durch diesen Ausspruch entweder ein so voll-
giltiges Testimonium Paupertatis mentis, oder ein so vollgilt iges Zeng-
nias seines bösen Willens selbst ausgestellt, dass wir ihn füglich mit
Stillschweigen zu übergehen berechtiget wären. Aber Seyfert i>T
gegenwärtig Professor der Geburtshilfe an der Klinik für Aetzte zu
Prag; es überläuft mich eiskalt bei der Erinnerung an die grossartigen
Erfahrungen über die Menge der an dieser Klinik von Scanzoni be-
obachteten Puerperallieberfälle ; Seyfert ist der Mann, dieselben Er-
fahrungen zu machen.
Im Angesicht einer solchen entsetzlichen Möglichkeit wollen wir
uns keine Fflichtvertressenheit zu Schulden kommen lassen, wir fühlen
die Verantwortlichkeit, welche uns treffen würde, falls wir die Auf-
gabe, die uns das Schicksat gestellt, nicht zu erfüllen trachten würden.
Gegen den bösen Willen Seyfert's können wir wohl nicht an-
kämpfen, wir können uns nur bemühen, ihn zu belehren.
Seyfert theilr die Rapporte von lö Monaten mit. in welchem
Zeiträume 3056 Geburten und 105 Todesfälle sich ereigneten, und
fragt dann, ob diese 105 Todesfälle ausser dem Bereiche der Leichen-
infection liegen, und wenn dem so sei, so müsse für diese 105 F
noch eine andere Potenz erfunden werden.
Der Leser weiss, dass für alle Fälle von Puerperalfieber die
Potenz erfunden ist, nämlich: die Potenz für alle Puerperalfieberfälle
ist ein zersetzter Stoff. Dieser zersetzte Stoff entsteht, der leichteren
Berechnung wegen angenommen, einmal in hundert Wöchnerinnen.
von den 3056 verpflegten Wöchnerinnen sind dennoch 30 Wöchnerinnen
"leshall) gestorben, weil sich in ihnen ein zersetzter Stuft' entwickelt
hat. 7") Wöchnerinnen sind aber deshalb gestorben, weil ihnen der
zersetzte Stoff von aussen eingebracht, wurde, und eine der drei Quellen,
aus welchen der zersetzte Stoff genommen wird, welcher den Individuen
von aussen beigebracht, das Puerperalfieber hervorbringt, ist aller-
dings der « 'adaver.
Der Leset rieht, dass 75 Wöchnerinnen gestorben sind, welche
hätten gerettet werden können, und diese Zahl ist gewiss in der
Wirkliebkeil übertreffen worden, da Seyfert die Transterirten dieser
!>fe Aetinlogie. der Kegriff und die Prophylaxis des Kirirlhettritlters. 355
t Monate verschweigt, und wie viele Kinder mögen in dieser Periode
von ihren Müttern inficirt worden sein.
Angesichts dieser Thatsache sagt Seyfert: „Wir haben auch so
viel Verstand und Herz, als dass wir einen Gegenstand von so hoher
Wichtigkeit hartnäckig von uns gewiesen hätten , einen Gegenstand,
von dem wir wussten, dass auf denselben in Wien ein so grosses Ge-
wicht gelegt wurde, und wegen dessen wir, wenn er sich bewährt
« . mit Recht hätten zur Verantwortung gezogen werden müssen II
Seyfert sagt, dass im Monate Februar 1849 in der Stadt Trag
eine bedeutende Puerperalepidemie geherrscht habe, während der Ge-
sundheitszustand der Wöchnerinnen des Gebärhauses in diesem Monate
ein günstiger war, Das Factum, dass im Februar die Sterblichkeit
unter den Wöchnerinnen der Stadt Prag eine grosse war, will ich als
wahr gelten lassen, ich kann es aber nicht gelten hissen, wenn Seyfert
das eine Epidemie nennt.
Die im Prager Gebärhause im Monate Februar Entbundenen sind
ja gewiss zum grossen Tlieil eist unmittelbar vor der Geburt aus der
Stadt in\s Gebärhaiis gegangen, warum sind denn selbe gesund ge-
blieben, wenn selbe vor ihrer Aufnahme den epidemischen Einflüssen
der Stadt, ausgesetzt gewesen waren? Wenn aber im Monate Februar
nur solche Individuen geboren haben, welche schon im Jänner als
Schwangere aufgenommen wurden, so ist ihr besserer Gesundheits-
zustand wieder nicht begreiflich, da ja das Prager Gebärhaus und
die Stadt Prag denselben epidemischen Einflüssen unterworfen sein
müssen,
Aber die Erklärung liegt darin, dass im Monate Februar in der
Stadt mehr inficirt wurde, als im Prager Gebärhause, und wie denn
nicht, sind doch die Aerzte und die Hebammen, welche in Prag die
geburtshilfliche Praxis ausüben, in dieselbe Schule gegangen, in die
Sran/oui und SevltrT gingen, und wenn Scanzoni und Seyfert, die
doch s<i ausgezeichnete Schüler waren, ä&SS sie Professoren der Ge-
burtshilfe wurden, in dieser Schule, wie wir gesehen, nicht gelernt
haben, wie das Puerperalfieber entsteht und wie es verhütet werden
kann: wie kann man solche Kenntnisse bei praktischen Aerzten oder
gar bei Hebammen voraussetzen?
Seyfert sagt : er habe von der Art und Weise, wie durch Leichen-
gitt (zersetzte Stoffe) das Puerperalfieber eingeimpft werde, k*-ine
Vorstellung, denn 1. gehöre dazu eine wunde Stelle, diese Wunde
nxislire aber in der Scheide nicht (die resorbirende Fläche ist im
Normalzustände die innere Fläche des Uterus). II, der zu übertragende
Stuft. Seyfert hält es aber für übertrieben, anzunehmen, dass durch
Waschen mit Wasser und Seife der faule Stoff nicht gänzlich entfernt
werde.
Dies«- Aensaemng zeigt für grosses Beobachtungstalcnt. Nebst-
dem spricht Seyfert dem Chlorkalke jede desinficireiule Eigenschaft
ab. Es kömmt mir mehr als lächerlich vor. mich Seyfert 2-egeniiber
auf Liebig's Autorität in Bezog auf die desinficirende Eigenschaft des
Chlorkalkes berufeu zu sollen. Ich habe die desinflcirende Eigenschaft
«lrs Chlorkalks nicht entdeckt, ich habe aus dieser Eigenschaft nur
Nutzen gezogen, und glaube, wenn der Chlorkalk nie etwas anderes
geleistet hätte, als ftas, was ex an der I. Gebärklinik zu Wien leistete,
SO war*' dadurch allein seine desinticireude Eigenschaft hinreichend
bewiesen,
28»
356
Si'inntr-U.-U' AlihandlüDgeu und Werk Über das Kindbei
III. Dieser eingebrachte Stoff nuiss eine locale Entzündung, von
da durch Eiterbildung in den Lvmphgefässen und Venen- Pyaemie
hei vni l»i iiiffen. Xie haben wir bei einer Seetion eines solchen Proeesa
im Rereiche derjenigen Theiie der Genitalien gesehen, welche vor
der Geburt mit dem Finger erreichbar sind. (Wir haben schon zu
oft iTHsa^t, wie das Puerperalfieber entstellt, als dass es uttthig wäre.
es iHH'lunals zu Silben).
Endlich sagt Seyfert wenn dem so wäre, so müsste .ja auf der
Franenabtheilung Pyaemie viel häufiger sein, als im Gebärhaus, denn
auf Frauenabtheilungen kommen wunde Stellen in der Scheide und
dem Muttermunde viel häufiger vor, ihm sei aber kein einziger Fall
bekannt, wo auf diese Art Pyaemie auf der Frauenabtheilung ein-
geimpft worden wäre.
Was die Pyaemien auf Frauenabtheilungen anbelangt so habe
ich darüber keine Erfahrungen. Ich habe, wie ich schon einmal erzählt,
nie eine gynaecologische Abtheilung besucht, ich habe meine ß
irischen Studien in der Todtenkammer gemacht, ich habe .hu* h
ti Jahre selbst eine gynaecologische Abtheilung geleitet, jedoch zu
einer Zeit, wo ich schon wusste, was zu thun, um keine Veranlassung
zu Infectionen zu geben, bin aber überzeugt, dass die. innere Fläche
der Gebärmntter. und die Gebärmutter während der Schwangerschaft,
während der Geburt während des Wochenbettes geeigneter ist zur
irption, als die wunden Stellen, und der Uterus im nicht puer-
1" ralen Zustande, dass demnach die Infection im Gebärhause leichte!
gelingt, als auf einer Franenabtheilung; wenn Seyfert sagt, er habe
nie eine Infection auf der Frauenabtheilung beobachtet, so beweiset
ja das nur, dass er ein schlechter Beobachter ist er sajrt ja dasselbe
vom Gebärhause, und wir haben ihm ja doch 75 Infectionsfälle vou
Aussen innerhalb 15 Monaten nachgewiesen.
Dadurch, dass ein Blinder die Farben nicht sieht, ist ja die Nicht
existenz der Farben nicht bewiesen.
Als ich Schüler der praktischen Geburtshilfe an der I. Klinik zu
Wien war, war Chiari Assistent: in seinen Vorträgen über Puerperal-
fieber sagte er. dass die epidemischen Einflüsse manchmal so basaltig
seien, dass selbst nicht im Pu crperulzustande befindliche Individuen
vom Puerperalfieber ergriffen würden. Als Beweis führte er eine
Kranke an, welche an fibrösen Gebärmutterpolypen leidend, in die
Gebärklinik aufgenommen wurde, und vor der Operation starb, die
Seetion wies die pathologisch-anatomischen Befände des Kindbettfiel
nach. Nachdem die Erfolge der Chlorwaschungen gezeigt, wie das
Puerperalfieber entsteht, machte Chiari selbst mich nochmals auf diesen
Fall aufmerksam, mit der Bemerkung, jetzt wisse er, dass dieses
Individuum so gut wie die Wöchnerinnen durch einen zersetzten Stoff
infieirt wurde.
lud wie beklagenswert]] auch die ingynaecologischenAbtheilunges
verpflegten Individuen sind, dass verkünden die Berichte ober die
Leistungen der gynaecologischeu Abtheilungen, und um beim Gebär-
mutterpulv|irn eu bleiben, wie oft sterben solche Individuen an Pyaemie
vor der Operation, wie oft sterben solche Individuen an Pyaemie selbst
nach Excisionen; ich habe durch sechs Jahre eine gyn isehe
Abt Heilung geleitet, ich nehme während der fünf Jahre, seit leh
Professor bin, alle mit Gebärmutterpolypen sich meldenden Kranken
Die Aerihlogie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbetttiebers. 357
auf, ii h habe in der Privatpraxis oft Gelegenheit, Gebärmutterpolypen
ED Operiren, ich habe diese namhafte Zahl Polypen, einen einzigen
ausgenommen, alle durch die Excision entfernt, ich habe nicht nur
keinen einzigen Todesfall zu beklagen, ich habe selbst nicht eine einzige
bedentendere Erkrankung nach der Kxoisioii j obwohl darunter
auch Polypen waren mit handtellerbreitera Stiele, und diesen günstigen
Erfolg schreibe ich nnr dem Umstände zu, dass ich mit. reinen Händen
operire.
Nachdem wir so Seyfert belehrt, und nachdem ihm diese Schrift
als Beweis gelten miiss. dass sich meine anaichl oberere Entstehung
und Verhütung des Kindbettuebers bewährt hat, so hotten wir, dass
Seyfert so viel Verstand und Herz haben wird, um einen Gegenstand
von so hoher Wichtigkeit nicht hartnäckig von sieh zu weisen, weil
ar mit Recht für die Verheerungen, welche dadurch unter den. seiner
Pflege anvertrauten Wöchnerinnen entstehen wurden, verantwortlich
L'-iii.-ii-in verdau müsste.
De mortuis nihil, nisi beue; kann sich nur auf die moralischen
Eigenschaften des Verstorbenen beziehen.
Die wissenschaftliche Thätigkeit des Verstorbenen ist dem Ur-
i heile der folgenden Generationen so gut unterworfen, als selbe dem
Urtheile der Zeitgenossen unterworfen war. Es würde traurig mit
der Wahrheit stehen, wenn der Irrthum durch den Tod desjenigen
welcher den Irrthum gelehrt, zur Wahrheit gestempelt würde.
Dies vorausgeschickt, wollen wir zur ßeurtheilung Kiwisch's
übergehen.
Ki wisch v. Rotternu ') bespricht Skodas Vortrag in der Academie
der Wissenschaften zu Wien über meine Ansicht über die Entstehung
und Verhütung des Kindbettfiebers, und erklärt, mit Skoda's An-
schannngsweise nicht einverstanden zu sein, welcher von einer neuen
Entdeckung spreche; die Behauptung, dass das Puerperalfieber aus
Infection zersetzter, animalischer Stoffe, und namentlich auch durch
Leichengift hervorgerufen werde, ist eine seit vielen Jahren und von
vielen Seiten aufgestellte und lebhaft vertheidigte, iiikI es wäre diese
Ansicht schon lange durchgedrungen, wenn es den betreffenden Aerzten
gelungen wäre, für dieselbe schlagendere Beweise zu liefern. Für
Dr. Semraelweis erübrigte demnach nur die Aufgabe für die Wiener
Gebäi anstalt den Beweis zu liefern, dass in derselben die Veranlassung
Zur Heftigkeit der Krankheit zunächst aus der Uebertragung von
deletären. animalen Stoffen auf die gebärenden Wöchnerinnen hervor-
gehe. l>ass er sich diesfalls mit BO grosser Ausdauer, und wie es
scheint, mit so viel Erfolg bemühte, kann ihm als grosses Verdienst
von Niemand streitig gemacht werden.
Es ist allerdings richtig, dass englische Aerzte vor mir die Be-
obachtung gemacht haben, dass zersetzte, animalische st« iffe das Puer-
peralfieber hervorzubringen geeignet seien. Aber in wie beschränkter
Weise englische Aerzte dies gelten Hessen, und waten wesentlicher
Unterschied zwischen meiner und der Ansicht englischer Aerzte über
Zeitschrift der tc. k. Gesell*' ln.tr Irr Aertze zu Wien. 6. Jahrcang, 1. Band.
Seite 300.
oöS
semmdweia' Abhandlungen und Werk Dlver Aas Kindbettfiebei.
Entstellung des Kindbettfiebers herrsche, das haben wir von
Seite 210 bis Seite 221 weitläufig erörtert.
Dan aber Kiwisch selbst in der beschränkten Weise der Eng-
länder diese Wahrheit nicht erkannt, das hat. er schlagend bewic-
Ki wisch hat in seinen Referaten für die Canstattisi \u m Jahres-
berichte der Jahre 1842, 1843, 1844, 1845 dieselben Beobachtungen
englischer Aerzte initgetheilt, welche auch wir nach Arneth initge-
theilt haben.
Das Referat des Jahres 1842 schliesst Kiwisch ohne jede Be-
merkung. Wäre sich Kiwiseh bewusst gewesen, welch' segensreiche
Wahrheit in diesen Erfahrungen enthalten ist, hätte er nicht unwill-
kürlich rreiulenäusserungen gethan, dass es endlich gelungen, das ge-
bfirende lieschledit von ihrer grössteu Geisel zu befreien?
I >;is Heferat ?om Jahre 1*43 schliesst Kiwisch mit folgender
Bemerkung: „Nach des lief. Ansicht bedürfen die Behauptungen des
Verf. wohl noch einer genaueren Nach Weisung und mehrseitiger Be-
richtigung."
Das Referat vom Jahre 1844 schliesst Kiwisch mit folgender
Bemerkung: „Ref. erlaubt sich bezüglich dieser Mittheihingen \m
Elkington keine Bemerkungen, da ihm nicht bekannt ist, in wie i
sie vollkommen verlässlich sind."
Zum Referat« für das Jahr 1845 macht er folgende Bemerkung:
. Ki f.' Ks muss jedenfalls auffallen, dass derartige Beobachtungen.
von englischen Aerzten so häufig initgetheilt werden, auf dem Con-
tinente im Verhältniss sehr selten und von einzelnen sehr erfahrenen
Aerzten gar nicht gemacht werden. So muss Ref. anführen, dasf
ihm, ohngeachtet er seit mehreren .Jahren dieser Untersuchung viel
Sorgfalt zugewendet hat. bei gebotener reichlicher Gelegenheit nie
möglich wurde, Erfahrungen, die für jene Behauptungen nur halb-
wegs entscheidend gewesen wären, zu sammeln. So häufig derselbe
nach vorgenommenen Sectionen von an septischem Puerperalfieber
Verstorbenen sich ohne angewandte besondere Vorsicht zu Ent-
bindungen und zu Wöchnerinnen begeben musste, so konnte er doch
in keinem einzigen Falle wahrnehmen, dass dies für die Wöchnerinnen
von irgend einem bemerkbaren Nachtheile gewesen wäre. Nie konnte
er den Ursprung des Puerperalfiebers durch Infectiou von einem gan-
graenHsen Erysipel entdecken, und ebensowenig in den Gebäranstalten,
in welchen er functionirte, jemals eine Erkrankung einer Nicht wfich-
nerin wahrnehmen, die man nur mit 'Wahrscheinlichkeit durch ein
Puerperalfieber veranlasst hätte ansehen können.
Die nähere Deutung dieser abweichenden Erfahrungen und An-
sichten dürfte vielleicht die Zukunft bieten."
Die Deutung dieser abweichenden Erfahrungen und Ansichten
dürfte folgende Anekdote geben.
Ea wollte einmal ein Engländer, ein Franzose und ein Deutscher
sich die Idee des Löwen verschaffen.
Was Unit der Engländer? er Unternimmt eine Hei.se nach Afrika
und holt sich dort die Idee des Löwen, der Franzose geht in den
Pflanzen garten, um sich dort die Idee des Löwen zu holen, was thut
der Deutsche? der Dentsche sperrt sich in seine Studierstube ein,
setzt sieh an den Schreibtisch, und construirt aus sich heraus die
Idee des Löwen. Hirngespinnsie vei iinstern in dem Grade den Blick,
dass die Wirklichkeil nicht gesehen wird. Hie höchste Sterblichkeil
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettrteliers. 359
an der I. Gebärklinik zu Wien war im Jahre lö%. Kiwiscli rechnet
mir es als grosses Verdienst an, dass ich diese durch Infection be-
dingte Sterblichkeit reducirt habe; er hatte in Würzburg eine Sterb-
lichkeit vnii 26°/,, lind sagt dennoch, dass er häutig nach Neetionen
von an septischem Puerperalfieber Verstorbenen zu Entbindungen ging,
ohaa in einem einzigen Falle einen Nachtheil beobachtet zu haben.
An Nachtheilen hat es nicht gefehlt, wie die 26°/,, Sterblichkeit be-
weiset, aber an der Fähigkeit den Xachtheil zu erkennen, hat es ge-
fehlt. Und dass Kiwiscli keine Ahnung hatte von der heilbringenden
Wahrheit, welche in den Beobachtungen englischer Aerzte liegt, die
er in den Canstattischen Jahresberichten von 1842 — 45 veröffentlichte,
geht unzweifelhaft auch daraus hervor, dass noch in der 1854 durch
Scanzoni unverändert besorgten Aisgabe seiner klinischen Vorträge
die Thatsache, dass das Puerperalfieber auf die Praxis eines Ar/t. >
oder einer Hebamme beschränkt bleibt, dadurch erklärt wird, dass
das eben die beschäftigsten Aerzte und Hebammen sind, als ob es
möglich wäre, in der Privatpraxis bo viele Wöchnerinnen gleichzeitig
zu behandelu, dass selbst mehrere Todesfälle nur Fälle von Selbst-
infection sein könnten. Wenn ein Arzt oder eine Hebamme z. B. in
kurzer Zeit nur 4 Wöchnerinnen am Kindbettfieber verlieren, war es
ihnen möglich, in dieser Zeit 400 Wöchnerinnen in der Privatpraxis
zu behandeln?
In demselben Aufsätze^ in welchem er es mir als grosses Ver-
dienst anrechnet, dass ich durch Verhütung der Infection die Sterb-
lichkeit auf der I. Gebärklinik verminderte, in demselben Aufsatze
sagt er, dass er keine Rücksicht nimmt, ob Beine Schüler aus der
naheliegenden Todtenkammer kommen oder nicht. Wenn Kiwiscli es
auch nicht gesagt hätte, dass er auf diesen Umstand keine Rücksicht
nimmt bo würden wir es doch wissen, dass dem so sei, denn eine
260/„ .Sterblichkeit kann sich nur in einem solchen Gebärhaiist er-
eignen, in welchem keine Rücksicht genommen wird, ob die Unter-
suchenden aus der Todtenkammer kommen oder nicht.
Wie spurlos die Beobachtungen englischer Aerzte an Kiwiscli
vorübergegangen, geht auch daraus hervor, dass in seinen 1854 er-
schienenen klinischen Vorträgen das Kindbettfieber als eine Krank-
heit miasmatischen Ursprungs definirt wird; und dass er sich seiner
eigenen Lehre nicht klar bewusst war. geht daraus hervor, dass W
vergessen hat zu lehren, wie die Entwicklung des Miasmas zu ver-
hindern sei, und wie das schon entwickelte Miasma zu zerstören sei
Kiwisch war sich nicht bewusst, dass eine miasmatische Krankheil
eine verhütbare Krankheit sei.
\\ BS Kiwiscli zu Gunsten der früher giltigen Aetiologie, und zu
Ungunsten meiner Aetiologie gesagt hat, das zu widerlegen ist über-
flüssig, weil wir nur Wiederholungen geben könnten dessen, was wir
schon gesagt, und wer diese Schritt aufmerksam gelesen, wird sich
selbst zurechtfinden. Nur zwei Punkte sind es, die wir nochmals be-
leiKiitiii wollen, weil I>r. Silberschmidt sich darauf beruft. Dr. JSilber-
Mlmiidt sagt: „Ebensowenig Hessen sich, wie Kiwiscli bemerkt, die
aber ganze Länderstrecken ausgebreiteten Epidemien durch das Ein-
bringen von Leichengift erklären. Der genannte Autor beobachtete
selbst viele Puerperalheberkranke auf dem Lande und in der Stadt,
wo dieÖeburt ganz normal, und nie eine derartige Einwirkung voran-
gegangen war."
360
Semmelweis' Alibari(itiin£en und Werk über das Kindbettfieber.
Kiwisch war zweimal blos deshalb in Wien, um sich mit mir in
dieser Angelegenheit zu besprechen, und dennoch spricht er immer
nur von der Leiche: über ganze Lftnderfltrecken gibt es verbreitet
Kranke, deren Krankheiten einen zersetzten Stoß* erzeugen, und über
ganze Länderstrecken verbreitet gibt es Aerzte und Hebami i
welche sich mit. solchen Krauken, und mit Schwängern. Kreissenden
und Wöchnerinnen beschäftigen, und die über ganze Länderstrecken
verbreiteten Aerzte und Hebammen haben in der Schule nicht gelernt,
wie das Puerperalfieber entsteht, und wie es verhütet werden kann,
und deshalb kommt das Puerperalfieber über ganze Landet strecken
verbreitet vor.
Dr. Silberschmidt beruft sich auf die Behauptung Kiwisch's,
welcher sagt: „dass er keine Rücksicht nehme, ob die Studirenden vi n
der naheliegenden Todtenkammer kommen oder nicht, und trotzdem
war der Gesundheitszustand der Wöchnerinnen in den letzten '1 vjt Jahren
ein sehr befriedigender, wogegen am Schlüsse des Jahres 1846, wo
zufällig wegen seiner Abwesenheit kein klinischer Besuch stattge-
funden, und von Seite des anwesenden Assistenten keine Sectionen
gemacht wurden, das Puerperalfieber plötzlich auf die fürchterlichste
Weise auftauchte, und ungeachtet aller vorskbtsmassregeln im folgenden
Jahre erst dann vollkommen erlosch, als die warme Jahreszeit weiter
vorgeschritten war, wo doch die klinischen Untersuchungen von ihm
in gewöhnlicher Weise fortgesetzt wurden."
Ich habe bewiesen, dass in Wien das Puerperalfieber in der
grössten Mehrzahl der Fälle durch Einbringung eines zersetzten
Stoffes von Aussen entstanden ist. Nachdem die Gesetze der Natur
in der ganzen Welt dieselben sind, so wird wohl das Puerperalfieber
in Würzburg ebenso entstehen wie in Wien, und dass in Würzburg
wirklich das Puerperalfieber nicht durch unverhütbare atmosphärische
Einflüsse entstanden ist, das hat ja Scanzoni bewiesen, denn Scanzoni
hat in 6 Jahren von 1639 Wöchnerinnen nur 20 am Kindbettfieber
verloren. E)ie Sterblichkeit Scanzoni's steht daher zur Sterblichkeit
Kiwischs, wie wir schon früher nachgewiesen, wie 20 Todte zn
432 Todten.
Schliesslich erlauben wir uns noch folgende Betrachtungen über
I n . Bfiberschmidfa Opposition gegen meine Lehre über die Entstehung
des Kindbettfiebers. Um die Unrichtigkeit meiner Ansicht zu be-
weisen, beruft sich Dr. Silberschmidt auf die Erfolglosigkeit der
Chlorwaschungen, wie solche Scanzoni in Prag beobachtete; diese Be-
obachtungen umfassen fünf und einen halben Monat.
Dr. Silberschmidt ignorirt den sechsjährigen Erfolg, den Scanzoni
in Würzburg wahrscheinlich nicht durch Chlorwaschungen, jedenfalls
aber mittelst meiner, ich weiss nicht unter welcher Form beobachteten
Lehre erzielte.
Dax was für S.anzoni als Verdienst gelten könnte, das ignorirt
Dr. Silberschniidt, den Fehler aber, den Scanzoni begangen, den ent-
reisst er der Vergessenheit; ist es nicht ein Fehler, wo nicht mehr,
wenn Scanzoni. indem es Biet handelt, zu bestimmen, ob das Puer-
peralfieber durch atmospn&risoae Einflüsse oder durch Resorption
eines zersetzten Stoffes entstehe, durch Experimente mit Chlor-
waseliungen herausbringt, dass die Wöchnerinnen zufällig und QDH0
nachweisbare Ursache am Puerperalfieber sterben.
Dr. Silberschmidt beruft sich auf gegenteilige Beobachtung«-!!.
CO
Die Äetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kiml bei t lieber & ;:!i,]
e Kiwis« -li an der Würzburger Klinik gemacht; obwohl Kiwiscli'«.
Beobachtungen durch den sechsjährigen Erfolg Scanzoni's wider-
legt sind.
Obwohl Dr. Silberschmidt Scanzoni's Verdienste verschweigt, und
dafür seine Fehler der Welt wieder in's Gedächtniss ruft. Würde doch
die Schritt Silherschmidt's mit einem Preise vnn einer Körperschaft
gekrönt, deren Mitglied Scaiizoni ist. Die Erklärung dieser Erschei-
nung ist sehr leicht.
Silberschmidt musste ja zeigen, dass meine Ansiciit über die Ent-
stehung des Kindbettfiebers eine irrige sei.
I'- nn ist meine Ansicht über die Entstehung des Kindbettfiebers
wahr, so ist die Scanzonische Pathologie des Kindbettfiebers .in
lossaler Unsinn, wie wir das au der betreffenden Stelle bewiesen.
Diese. Pathologie musste aber der Welt als die Blüthe der Be-
mühungen der Jahrhunderte dargeboten werden, und was diesem Vor-
haften im Wege steht, findet keine Gnade, selbst die Wahrheit Dicht
eine solche Opposition nur aus einer gewissenlosen Unredlichkeit
entspringen kann, wird dem unbefangenen Leser einleuchten; Du
lieber Gott, wann wird das Puerperalfieber aufhören über ganze
Länderstreeken verbreitet vorzukommen, wenn durch solch eine ge-
wissenlose unredliche Opposition die über Länderstreeken verbreiteten
Medicinal-Iudividuen verdummt werden ?
Die meditiuäsche Facultiit. zu Würz bürg kann sich bei Scanzoni
bedanken, dass er sie so aufs Eis geführt,
Dr. Hermann Lebert, Professor in Breslau.
Wir würden Lebert nicht anführen, da er zu unbedeutend als
Opponent ist, als dass es sich der Mühe lohnen würde, ihn zu berück-
sichtigen; aber Lebert ist ein Beleg dafür, dass Ki wisch nicht das
Recht hat, zu behaupten, er habe schon 1842 gewusst, dass das Puer-
dfleber so entstehe, wie ich es erst 1847 lehre, denn Lebert sein
Schüler weiss noch 1859 nicht, wie das Puerperalfieber entsteht.
Lebert definirt das Kindbettfieber noch 1859 folgender Weise: „Das
Puerperalfieber ist eine fieberhafte, den 'Wöchnerinnen eigen thimiliche
Krankheit, welche miasmatischen Ursprungs, zuletzt ein Blutleiden
setzt, das nach seiner verschiedenen Eigenthümlichkeit mannigfache
örtliche (meist entzündliehe) Erscheinungen hervorruft, welchen jedoch
das gemeinschaftliche Merkmal zukommt, dass sie sich im Krankheit s-
beginne vorzugsweise im Gebärorgane localisiren, und selten gleich-
zeitig, ineist erst später, in jenen Gebilden des übrigen Organismus
auftreten, welche mir der zunächst ergriffenen Parthle aar Gebärmutter
organisch verbunden oder anatomisch-analog sind." Und über das,
was Kiwisch schon im Jahre L842 gewusst haben will, über meine
Lehre nämlich, spricht sich Lebert folgenderweise aus: „Ob directe
Inoculation durch Leichengift der an diesem Uebel Verstorbenen statt-
finden könne, wie dies Semm« hveis förmlich zu einem System erhoben
hat. ist zweifelhaft; jedenfalls wäre auch dieses nur eine der vielen
Möglichkeiten der lebert Tagung;11 Wann Lebert in die Sache nicht
rig eingeweiht ist, so wäre es besser gewesen, zu schweigen, als
sich ein L'rtheil anzumessen; oder wnsste Lebert. dass die Sterblich-
keit der I. Klinik, welche bis 518 Todte im Jahre stieg, durch Ver-
hütung der directen Inoculation bis auf 46 Todte im Jahre 1848
herabged rückt winde, und hall es dennoch für zweifelhaft, ob das
362 Semmelweis' Abhandlungen «ud Werk über das Eiiidbetttieber,
Puerperalfieber durch directe Inoculation entstelle, so hat er seinem
Scharfsinn kein glänzendes Zeugniss ausgestellt
Als Schüler Kiwisch's bekennt sich Lebert durch folgenden Aus-
spruch: „Nach dem Beispiel Kiwisch's. welchem wir weitaus die reich-
hakigsten, besten und gründlichsten Arbeiten über diesen Gegenstand
verdanken, werden wir zuerst das Puerperalfieber, welches man vielleicht
besser als puerperale Intoxication bezeichnen würde, beschreiben, und
dann seine wichtigsten Localisationen nacheinander durchnehmen.
Mehrfach werden wir uns hiebei auch auf die im vorigen Jahre
(1858) vor der Pariser medicinischen Academie stattgehabte Discussion
fili'-r diesen Gegenstand stützen, bemerken aber hier im Allgemeinen.
dass dieselbe eigentlich wenig Neues zu Tage gefordert hat, dass die
jetzt bereits über 12 Jahre alte Beschreibung von Kiwiseh in seinen
klinischen Vorträgen noch immer weit über Allem dem steht, was
in dem Schlussberichte über diese Discussion von Guerard mitgetheilt
worden ist. und dass wir namentlich in jener Discussion eigentlich
sowohl neue Gesichtspunkte, als neue Beobachtungen, so wie auch
chemische und experimental-pathologische Versuchsreihen ganz ver-
missen. Wir fügen hinzu, dass der Ausspruch, in Bezug auf das
Allgemeinleiden von Seiten der Academie, am Ende doch nur eine
von besseren Pathologen längst angenommene Thatsache best*
und dass der Vorschlag, alle grosseren Gebäranstalten zu schliessen,
offenbar eine jener voreiligen und leichtfertigen Inspirationen des
Augenblickes zu sein scheint, welche lebhaft an das banale Sprich-
wort „das Kind mit dem Bade ausschütten" erinnert. Mit einem
Worte, es war dies wieder ein Mal ein Tournier schöner Im-
provisationen, aber wohl kaum eine Quelle wahrer Belehrung."
I< h hoffe, class meine Schüler, wenn selbe über PuerperaMebei
schreiben, eine andere Definition dieser Krankheit geben werden,
als Lebert gegeben, ich hoffe, dass selbe Kiwisch's Arbeiten Ober
diese Krankheit nicht mehr für die weitaus reichhaltigsten, besten
und gründlichsten halten werden, so wie es zu erwarten steht, dass
selbe mit Lebert's Urtbeil über die Discussion dieser Krankheit in
der Academie der Medicin in Paris einverstanden sein werden.
in der allgemeinen Versammlung der k. k. Gesellschaft der Aerzte,
gehalten den 15. Mai 18B0. hielt ich einen Vortrag filier meine Ansieht
über die Entstehung des SKjndbettfiebers, über welchen Vortrag sieb
eins Discussion entspann, welche in den allgemeinen! Versammlungen
vom 18. Juni und 15. Juli 1850 fortgesetzt wurde. An diese!
Discussion betheiligte sich zuerst Dr. Zipfl als Gegner meiner Ansicht
Dr. Zipfl war Assistent in den Jahren 1842 und 1843 an der
Klinik für Hebammen, in dieser Zeit war ich Aspirant für die
Assistenz an der Klinik nir Aerzte und machte Morgens meine
gynaecologischen Studien au den weiblichen Leichen in der Todten-
Kammer; I>r. Zipfl sah ich ungemein häufig zur selben Zeit die
Seetionen der an der Kebammenkliiiik veistorbenen Wöchnerinnen
machen.
Als ich später einmal mit Dr. Zipfl zusammentraf, v.w einer Zeit,
1 Zeitschrift der k. k. (■e-rll>cliaft 'kr Aerzte in Wien. VI. Juli
II. Band, VII. .lahrjjang, I. Bund.
Dlfl Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis deg Kindbetirtebers. 363
wo die Erfolge der (hlorwaschnngeti schun bekannt waren, gratulirte
er mir und versicherte mir, dass auch ihm dir Sache dunkel vi
hwebt sei; dass er die Sache nicht klar ertä>st. liege nur darin,
dass die Facta auf der Hebammenklinik nicht so schlagend seien,
als an der Klinik für Aerzte; wäre er an der Klinik rar Aeizte
Assistent gewesen, wo die Facta so überzeugend seien, er und
gewiss dieselbe Deberwugung ausgesprochen haben.
Durch solche Aeusserungen ermuthigt, erlaubte ich mir die Be-
merkung, dass ich überzeugt sei, dass die Sectionen. welche ich ihn
machen sah, die Ursache seien, dass während seiner Assistenz die
Sterblichkeit an der Hebammenklinik die grosste war (siehe Tabelle I
Seite 100). Gleichzeitig appellirte ich an seine Wahrheitsliebe, mit der
Bitte, mir zu gestatten, dieses Factum im Zusammenhange mit seinem
Namen benützen zu dürfen, was Dr. Zipfl bereitwilligst zugestand,
mit der Bemerkung, dass es keine Schande sei, ein Verehrer der
pathologischen Anatomie zu sein.
Ich war nicht wenig überrascht, als Dr. Zi{ih\ nachdem ich von
seiner Erlaubniss in meinem Tortrage Gebrauch gemacht hatte, stell
mir als Gegner gegenüber stellte, und sich auch deshalb besehwerte,
dass ich seinen Namen mit einer so Sterblichkeit in ursäch-
lichen Zusammenhang bringe.
Um zu beweisen, dass die von ihm gemachten Sectionen nicht
die Ursache des an der Hebammenklinik beobachteten Puerperal-
fiebers waren, hat Dr. Zipft alle im Jahre 1842 unter seinem Namen
protocollirten Sectionen ausgehoben, es sind deren 4L diese Sectionen
mit den Geburtsprotocollen verglichen, und dadurch gefunden, dass
eine grosse Zahl Verstorbener nicht an den Tagen geboren, wo er
ionen gemacht, dass von jenen Entbundenen, welche kurze Zeit
nach gemachten protocollirten Sectionen geboren, gerade die wenigsten
erkrankten, während die am spätesten nach den protocollirren
Sectionen (24 bis 36 Stunden) Entbundenen am häutigsten starben.
Ich habe Dr. Zipfl so häutig Sectionen machen sehen, dass ich
überzeugt bin, dass von den 202 im Jahre 1842 an der Hebammen-
klinik verstorbenen Wöchnerinnen nur sehr wenige unsecirt geblieben
sind. Wenn nur 41 Sectionen protocollirt sind, so ist das darin ge-
legen, dass die grösste Anzahl der Sectionen von Puerperal leichen
wegen dem gleichbleibenden Secdonsbefunde nicht protocollirt werden.
Die Wöchnerinnen, welche an Tagen geboren, wo keine Section
protocollirt ist, sind von unprotoeollirten Sectionen her inficirt worden,
und wenn Dr. Zipfl sagt, dass gerade jene Individuen, welche un-
mittelbar na. h protocollirten Sectionen geboren, gesund geblieben, und
jene, welch«- später geboren, erkrankten und starben, so sagt er Btwaa,
was meine Lehre bestätiget; die, welche unmittelbar nach proto-
collirten Sectionen geboren, waren bei der Untersuchung nach ge-
machter Section schon in der Anstreibungsperiode, und konnten des-
halb wegen der Unzagangigkeit der resorbirenden inneren Flache der
irmntt.r nicht infieirt werden, wahrend jene Individuen, welche
BBftter geboren, bei der Untersuchung nach der protocollirten Section
in der Eröflnnngsperiode sich befanden, und daher wegen Zugängig-
keit der resorbirenden inneren Fläche des Uterus inticirt worden.
Obwohl Dr. Zipfl die Wahrheit meiner Ansicht angreift) nimmt
er doch die Priorität tili sich und für Fergusson in Anspruch, der-
selbe Dr. Zipfl, welcher so viele Sectionen gemacht, sich nicht des-
:;tu
Bemnelweig' Abhundlungen tinrl Werk über du Kindbett lieber.
iiififin. und deshalb von den innerhalb zwei Jahren 5398 Wöchnerinnen
366 Wßchneriimen, also 313 oder beinahe jeden zweiten Tag eine
Wöchnerin in Folge verhttt barer Infectinn vnn Aussen verloren bat»
die Kinder nicht gerechnet
Welch' eine Strafe ist gross genug für solch' ein Verbrechen ?
Docli ich will jede Strafe von Dr. Zipfl dadurch abwenden, dass
ich beweise, dass er zur Zeit, als er beinahe jeden zweiten Tag eine
Wöchnerin, die hatte gerettet werden können, verlor, ungerechnet die
geopferte!) Kinder, in tiefster Unwissenheit über die Entstellung des
Kindbettfiebers lebte.
1'eiLjiisson sagt, Gaspard und Ouvelhier haben zersetzte Stoffe
Thieren in das <Telässsvstefll gespritzt, daduich sind bei Thieren die-
selben Entzündungen entstanden, welclie wir hei Wöchnerinnen finden.
Beide Experimentatoren haben das Gefässsj'stein der Thiere mechanisch
verletzt durch Einbringung von Holzstückchen in das Gefässsystem,
es entstand derselbe Process. Beide diese Schädlichkeiten, sagt
Fergusson. finden wir bei den Wöchnerinnen, und deshalb entsteht
bei denselben dieselbe Krankheit.
Durch Trennung der Placenta werden viele Gefasse zerrissen,
während der Heilung der Wunde, welclie die Placentastelh- des Uterus
darstellt, kann das Wundsecret eine jauchige Beschaffenheit annehmen.
und dadurch das Puerperalfieber hervorrufen; nach FergUSSOU sind
demnach alle Fälle von Puerperalfieber Selbstinfectiousfülle. nach mir
entsteht das Puerperalfieber in der überwiegend grössten Mehrzahl
der Fälle durch Infection von Aussen. Im Ja lue 1846 sind an der
Klinik für Aerzte zu Wien 518 Wöchnerinnen gestorben, im Jahre
1848 starben 45; sind im Jahre 1848 die zersetzten Stoffe zerstört
worden, welche von aussen eingebracht wurden? oder die zersetzten
Stoffe, welche sich an der Placentastelle bildeten?
Wann daher Dr. Zipfl Fergnsson'fi und meine Lehre für identisch
halt. BÖ Weiss er ebensowenig was Fei Glisson, im« di WSS ich lehre.
Prof. Hayne ') spricht seine Verwunderung aus, dass sogar über
die Priorität ein Streit entstehen kann, indem die nun für die Genesis
des Wochenbettfiebers beim Menschen als neu aufgestellte Erklärungs-
weise von ihm bereits im J. 1830 in seinen tierärztlichen Schriften
für das dem Wesen nach gleiche Fieber der Rinder veröffentlicht
worden s.i.
Prof. Hayne sagt Seite 618 Folgendes: ..Da allenthalben Local-
Aftectionen nur in Folge nn m dianisch-chemisch und dynamisch ver-
letzend wirkender Einflüsse stattfinden, so wird dieses auch bei den
Wuritieber der Fall sein, daher kaun denn auch ein schweres, lang
dauerndes, bei sehr angestrengter Natur, insbesondere aber roher,
vereiliger und unpassender Knnsthilfe vorsichgehendes Werfen, die
dabei vorkommenden zufälligen oder absichtlichen Verletzungen, die
übermässigen Anhäufungen des Futters in den Mägen und Gedärmen,
des Harns in der Blase, der Genuas reizender verdorbener Nahrung
oder der Gebrauch erhitzender, mituntei speeifisch auf die Geschlechts-
und Harnwerkzeuge wirkender. ßcharfer, balsamischer, heftig reizender
'] Handlmrb über die besondere KrftnkheStfierbenntniss und HeUungslehre der
sporadischen und »6achenftrtigeB Kraiiklmun der nutzbaren Han-tbiere v««n Antun
H»vne. Wien. 184t.
Die A' äer Betriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers, 365
Mittel, vor allem aber die unterdrückte Bautausdünstung in Felge
«U-r Verkühlungen einer nasskalten Witterung, r'iittemrrg. Localitat u. s.w.
Ungeachtet meistens irgend einer der obigen Widrigen Hintb
der Entstehung des Leidens die Schuld trägt, so bann doch auch
_er Fall eintreten, dass keine Schädlichkeit, welcher entschieden «las
Erkranken zugeschrieben werden könnte, gefunden1 wird, daher denn
auch so ein Ergebnis« zur Annahme entweder eines Miasma oder
i ontaginm berechtigen dürfte, in welchem Falle auch da» Leiden
seuehennrti«" um .><> eher vorkommen kann, als gemeinschaftlich zu
gleicher Zeit das Werfen erfolgt, die betreffenden Thiere gleichförmig
disponirt, und denselben Anfeindungen ausgesetzt sind. Indessen muas
jedoch auch bemerkt weiden, dass solche Ergebnisse, welche für die
Ansteckung sprechen würden, hei den Thieren. sowie hei den Kind-
1m Herinnen in den F'ntbindungsanstalten der Fall ist, vielleicht darum
nicht vorkommen, ata nirgends so wie in diesen das Gebären unaus-
gesetzt Stattfindet, auch im Falle sich ein Contagium entwickelt, durch
das übliche häufige untersuchen dei Qefeurtstheüe (was bei den Thieren
nicht geschieh! i vielleicht eine Uebertragung von einem Kranken auf
den anderen zwar gesunden, aber äusserst empfindlichen und leichter
verletzbaren Uterus erfolgen dürfte."
Seile 612 sagt Prof. flayne. ..dass das Folien-. Kälber- u. s. f.
Fieber gleich dem Purperalfieber ist, darf wohl kaum erinnert werden;
man hat jedoch, wie bereits erwähnt wurde, noch keine Erfahrung
gemacht welche für eine ( ontagiosität sprechen würde, somit auch
in veterinar-polizeilicher Hinsicht nichts anzuführen und nur hinzu-
zufügen ist dass dort, wo das Leiden seuchenartig erscheinen sollte,
jeder Art Verkühlung und Ueberfütterung aasgewichen werden mus>.
eine Vorsicht, die um so unverlasslicher ist. als jene sowohl bei
Menschen, als auch bei den Thieren als das. meistens das Leiden
Veranlassende, im Rufe steht, üb wohl mitunter auch etwas miasmatisch
Wirkendes in der Luft zu sein scheint, das zu entfernen und un-
schädlich zu machen, meist ausser dem Bereiche der menschlichen
Kräfte liegt."
Der Leser wird selbst benrtlieileii. ob Prof. Harne schon im
Jahr 1830 das Puerperalfieber bei Thieren so entstehen liess. Wie ich
es im Jahre L847 beim Menseben entstehen lehrte,
Als zweiter Gegner betheiligte sich Dr. Lumpe.
Dr. Lumpe 'i sagt: „Wenn man bedenkt wie s.it dem ersten
Auftreten von Puerpera IIb bn- Epidemien die Beobachter aller Zeitoll
sich die Kopfe zerbrochen, um die Ursache derselben aufzufinden, und
ihre Entstehung zu verhüten, sc mnss uns die Semmelweis'sche
Theorie geradezu wie das Ki des < olunibus erscheinen. Ich gestehe,
dass ich selbst anfangs hocherfreut war, als ich von den glücklichen
Resultaten der Chlorwaschungen holte, und es ist es mit mir gewiss
Jeder gewesen, der das l'nglück hatte. Zeuge zu sein, wie so viele
in jugendlicher Frische erblühende, kraftige Individuen der rer-
li-i enden Seuche eben so schnell zum Opfer fielen, als manche ent-
nervte, gebrechliehe Jammergestalt. Allein da ich während meiner
zweijährigen Assistentenzeit an der 1. (iebärklinik BO ungeheure
Schwankungen der Erkrankungs- und St ei befalle beobachtet habe,
J) Zeitschrift der k. k. Gesellschaft der Aerzte. VI. Jahrgang, 2. Ban.I, Seite 392,
366
nielweis1 Abhandlungen und Werk über das Kiudln miik-
musste wohl mancher gerecht«' Zweifel gegen die beliebte Entstehungt-
nnd Yerhiitungsart in mir erwachen. Je schärfer ich diese Zweifel
ins Auge fasste, desto deutlicher standen sie Üfl logische Widersprüche
vor mir, gegen welche die pia desideria der Humanität auf dem
Felde der exacten Wissenschaften nicht Stand zu halten vermögen.*
Ich bin ganz mit Dr. Lumpe einvei-standen, wenn er sagt. dftSB
meine Theorie ihm* das Ei des Columbus zu sein scheine. Ich selbst
habe oft und oft meine Verwunderung nicht darüber ausgesprochen,
data der grolle Widerspruch zwischen den täglichen Henbachtungen
und der Lehre mir meine gegenwärtige Ueberzeugung aufgedrungen
hat. sondern darüber, dass dieses nicht schon lange vor mir ge-
schehen sei.
Wenn aber Lumpe sagt, dass die pia desideria der Humanität
vor der Logik und der exacten Wissenschaft nicht Stand ha
bin ich anderer Meinung.
Wahrend der zweijährigen Dienstzeit des Dr. Lumpe vom
September 1K40 bis September 1K42 ereigneten sich an der I. Klinik
6663 Schürten, in welcher Zahl die Schürten vom December 1841
nicht inbegriffen sind, weil mir die Rapporte dieses .Monates verii
gingen. Davon starben ß82 Wöchnerinnen, es starben mithin 606
Wöchnerinnen in Folge verhiitbarer Infection von aussen oder mit
anderen Worten, in diesen 2B Monaten starb, ungerechnet der
Transf erirten , ungerechnet der dnreh die Mutter inficirten Kinder,
beinahe täglich eine Wöchnerin, die hätte gerettet werden können;
es ist ein I (esiderium der Humanität, dass eine solche, grauenerregend»'
Verschweiiilunir von Menschenleben anfhöre. Wir erfüllen mit dieser
Schrill »Urses Desiderium der Humanität, wir haben in dieser Schrift
eine logische, exaete Wissenschafi über die Entstehung and Verb&tuog
des Kindbettfiebers aufgebaut: was Lumpe Logik nennt, ist k«
Logik, und was Lampe exaete Wissenschaft nennt, ist ein Conglomerat
ran Irrthümern.
Lumpe sagt, er war hoch erfreut, als er von den glücklichen
Resultaten der < 'hlnrwaschungen liürte. aber er habe einige Zweifel,
und anstatt durch Studien diese Zweifel zu lösen, hält er s<
Zweifel für wahr, and das unzweifelhafte Factum des Erfolges dei
i'hlorwaschungeii für falsch, den Erfolg dem Zufalle zuschreibend.
ist Logik, das ist exaete Wissenschall nach Lumpe, und di
Logik, dieser exacten Wissenschaft müssen die pia desideria der
Humanität weichen, und in alle Ewigkeit muss an einer einzigen
geburtshilflichen Lehranstalt dieser Logik und dieser exacten Wis
schafi beinahe täglich eine Wöchnerin zum Opfer fallen.
Die Monatsrapporte von Dr. Lumpes Dienstzeit in den Jahren 1841
und 1842 findet der Leser Seite 100, Tabelle Nr. III, die Rapporte
lern .lahre 1840 folgen hier:
im Banal September, Öeburten 270. Todte 88, lt. P. ll.M
„ «'-'t •, „ 21Ö. BS, „ 29.,«,
Nv.nilMr 2\G, ,. 42, „ 14. M
Decembei Sil, ,. 4s. „ ■
Dr. Lumpe sagt: „Wenn das Leichengift die Ursache einer Krauk-
heif ist, 90 rnusa noth wendig die Wirkung desselben (da man logischer
Weise keine speeifische Disposition dafür annehmen kann) in einem
directen Verhältnisse zu dieser Ursache stehen, also je häufiger das
Leichengift durch den untersuchenden Pinger etc auf Wöchnerinnen
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbett fiebere. 367
•
G
:
übertragen wird, desto häufiger müssen die Erkrankungen und Sterbe-
fälle sein und umgekehrt."
leb bin mit Lumpe einverstanden, wenn er BOgt, dass. je häufiger
as Leichengift eingebracht wird, desto häufiger die Erkrankungen
und umgekehrt. Aber die Behauptung, dass es keine speeifische
Disposition für das Leichengift gebe, ist wieder eine exacte Lumpe-
sche Wissenschaft. Die tägliche Erfahrung lehrt, dass nicht immer
nach Verletzungen bei Sectionen Pyaemie folgt, sowie nicht alle
Kaninchen, denen wir zersetzte Stoffe einspritzten, an Pyaemie zu
i runde gingen.
Dr. Lumpe sagt: „Sehen wir nun, wie sich die Thataachen mit
dieser Forderung der unerbittlichen Logik vertragen. Lumpe Sagt,
wahrend seiner Dienstzeit sei ein solcher Unterschied zwischen dem
Maximo und Minimo der Sterblichkeit vorgekommen, dass man dabei
an alles andere, als an eine gemeinsame sich gleichbleibende Ursache
denken könne."
Die gemeinsame Ursache aller Puerperalfiebertilli . welche je
aren, und welche noch entstehen werden, ist allerdings ein zersetzter
thierisch-organischer Stoff, wenn aber Dr. Lumpe behauptet, dass der
zersetzte Stoff eine gleichbleibende Ursache sei, das heisst, dass die
im Gebärhause Beschäftigten immer im gleichen Grade mit zersetzten
Stoßen verunreiniget sind, dass demzufolge die Sterblichkeit keine
Schwankungen erleiden, sondern immer eine gleiche sein müsste.
ist das eine Behanptung, die alle Merkmale der Lunipe'sclien exaeten
Wissenschaft an sich trägt.
Daaa das Puerperalfieber wirklich nur im Verhältnisse zur Ein-
bringung zersetzter Stoffe von Aussen entstehe, haben wir weitläufig
genug durch fast vier Druckbögen hindurch in dieser Schrift, nämlich
on Seite 167 bis Seite 228, bewiesen
Dr. Lumpe sagt: „Stellen wir nun damit das Maximum der
Sterblichkeit beim Gebrauch der Chlorwaschungen zusammen — es
starben im März 1*49 20 Wöchnerinnen ') — so können wir, wenn
Semmel weis' Theorie wahr ist, nur die über dieses Maximum hinaus-
gehenden, nach logischen Gesetzen als Vergiftungsfälle gelten lassen,
und wir werden in consequenter Schlussfolge zu der Behauptung ge-
drängt, dass ein Gift, welches so intensiv ist. dass die geringst«
materielle, kaum nachweisbare Menge die gesundeste Wöchnerin zu
todten vermag, sich durch lange Zeit mild, wie Mandelmilch verhall.
dann wieder wie verheerender Pesthauch durch die Wochenzimmer
streift. Denn vom Februar 1841 bis inclusive September 1841. also
durch volle acht Monate, dann vom Mai bis inclusive Juli 1842 blieb
die Zahl der Sterbefälle immer und — mit Ausnahme zweier .Monate —
sogar sehr weit unter 20."
Es zeugt von exaeter Wissens, liaft, wenn Lumpe nur die absolute
Sterblichkeit berücksichtigt Kiwiseh hatte 27 Todte. im Wiener Ge-
bärhause starben 730 Wöchnerinnen; folglich zweifelt Dr. Lumpe
nicht, dass Kiwisch einen günstigeren Gesundheitszustand hatte, als
das Wiener Gebärhaus.
', It. Sein im-] weis erklärt zwar, dass, wie mau ihm sagte, zur Zeit dieser
grossen Sterblichkeit die Chlürwaschimgen nachlässig gemacht wurden; ob und »rie-
fen! dies richtig sei, darüber muss Dr. Braun, in Senes I Monat
i'.iiu, zur eigenen Rechtfertigung genauen Lutkinifl geben, ieh kann auf ei» bl
"ii dit keine Rücksicht, nehmen.
StailBelw'eis' Aliliuiullii 1 Werk Über dM Kiiiill»'t1lii-l'iM.
Grundfalsch. Kiwisch verpflegte 102 Wöchnerinnen, folglich hatte
er 2<i"11 Sterblichkeit, im Wiener Gebärhause wurden im Jahre L84S
verpflegt 0024 Wöchnerinnen, folglich starben iL' " „ Wöchnerini
die Sterblichkeit war da Ihm im Wiener Gebärhau-e bei 780 Todten
am 14 "„ günstiger als bei öwieoh mit 27 Todten.
Im M8rz 1S4'.i wurden verpflegt 406 Wöchnerinnen, davon starben
20, d. i. 4..,.> ",,. l>ie wahre exaete Wissensehalt furdert, dass nicht
1 Wöchnerin von 100 Wöchnerinnen am Ivindbettfieber sterbe, wenn
daher von 40<5 Wöchnerinnen 20 am Kindbettfieber gestorben sin«:
sind wenigstens 17 Wöchnerinnen gestorben, welche hätten gere
werden können. Wenn wir diese Forderung der wahren Wissenschaft
über die Entstehung' des Kindbettfiebers an die Leistungen Lun
stellen, so zeigt sich, dass nur einmal, im Hai LB41. nicht eine Wöch-
nerin vun mo Wöchnerinnen starb, dass in den übrigen Monaten mehr
weniger in dem Krade infieirt wurde, dass durchschnittlich beinahe
täglich eine WOchnerin starb, welche hätte gerettet werden können.
Der Leser weiss, dass an der I. Gebärklinik von Zeit zu Zeil massen-
hafte Transferirungen erkrankter Wöchnerinnen vorgenommen wurden.
Die Einsichtnahme der Acten über diese Transferirungen wurde ver-
weigert : wenn es mir gestattet gewesen wäre, von diesen Acten Kenntnis«
zu nehmen, so könnte ich vielleicht der unerbittlichen Lumpe'schen Logik
und der Lumpe 'sehen exaeten Wissenschaft sagen, gerade in den Monaten
wo sieh das Leichengift so milde wie Mandelmilch verhalten, wurden so
und so viele hundert erkrankte Wöchnerinnen ins Krankenhans b
ferirt Dass während Lumpes Dienstzeit massenhafte Transferirungen
vorgenommen wurden, ist Thataache; eine Sterblichkeit wo beinahe
eine Wöchnerin täglich stirbt, die hätte gerettet werden können, ist
zu entsetzlich, als dass selbe nicht zu Massregeln hätte Veranlassung
geben sollen, nur weiss ich nicht die Monate, in welchen die Trans-
ferirungen geschahen; die Acten existiren noch, und der Leser kann
überzeugt sein. dass. falls die Acten gegen mich sprechen sollten,
deren Veröffentlichung nicht auf sich warten lassen wird, unterbleibt
die Yeiötieiitlii hiuiü. so kann der Leser sicher sein, dass selbe für
mich zeugen.
Di. Lurape sagt: „Suchen wir noch die weiteren Consequenzen.
die sich aus dem Anpassen der angeregten Erklärungsart auf fest-
gestellte, unläugbare und — ich brauche wohl nicht hinzuzufügen —
mit gewissenhafter Treue zum Beweise benutzte Thatsachen ergeben.'*
Dr. Lumpe gibt nun eine Tabelle, aus welcher hervorgeht, dass,
je seltener die Gelegenheit war, die Hände zu verunreinigen, desto
grösser war die Sterblichkeit, und je häutiger die Gelegenheit war,
die Hände zu verunreinigen, desto geringer war die Sterblichkeit;
und sagt: „Wir waren somit in der Beweisführung ad absurdum ge-
kommen.*
Die festgestellte, uuläugbaie, mit gewissenhafter Treue zum Be-
weise benutzte Thatsaehe. welche hei dieser Tabelle als Basis dient.
ist die Annahme, dass die Bchfiler nur bei den geburtshilflichen Cursen
mit Hebungen an Leichen Gelegenheit haben, sich die Hände zu ver-
unreinigen; wie gänzlich falsch diese Annahme sei. ist ja selbst Lump,.
bekannt, denn ei sagt in demselben Aufsatze, dass die Candidaten
zur Morgenvisite directS aus der Leiclieiikammer von den Sectionen
kommen, Lumpes Onrse bestanden in sechswöche&tlichen theoretischen
Die Äetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 3ß9
Vorträgen, welche durch je einstündige Hebungen am Cadaver in den
letzten 3 Tagen geschlossen wurden.
Lumpe sagt, die grösste Sterblichkeit war im October 1840, es
starben von l'1 » Wöchnerinnen 63, und er habe in diesem Monate
keinen Curs mit Uebungen an Leichen gehabt, während der acht
Monate aber, binnen welchen nicht 20 Wöchnerinnen starben, habe er
ein bis zwei Uebungen am Cadaver gehabt, ja im Mai 1842 habe er
4 Cnrse gehabt und doch nur 10 Wöchnerinneu verloren, während im
Jänner 1842 in einem Curse 64 Wöchnerinnen starben.
Wenn Lumpe auch im October 1840 keinen Curs mit Uebungen
an Leichen hatte, so kamen doch die Schüler von den Ferien mit
frischem Eifer, besuchten die Sectionen. gingen direct, wie Lumpe
selbst sagt, aus der Leichenkammer von deu .Sectionen zur Visite ins
Gebärhaus; das dauert so lange, bis in Folge der wärmeren Jahreszeit
der Aufenthalt sowohl in der Todtenkanuner als im Gebärhause un-
angenehm wird, da lässt der Fleiss bedeutend nach, und nur Folge
i|.- I-'].'isM-s der Schüler in der kälteren .Jahreszeit ist die grosse
Sterblichkeit in der kälteren .Jahreszeit, und Folge des verminderten
Fleiss« s ist die geringere Sterblichkeit während der wärmeren Jahres-
zeit, Die geburtshilflichen I urse mit Uebungen an Leichen in der
wärmeren Jahreszeit — in welche die Cnrse bei gleichzeitiger geringer
Sterblichkeit fallen — werden nach der Nachmittagsvisite gehalten,
und sind deshalb minder gefährlich, weil die Schüler nach vollendeter
Tagesarbeit sich zerstreuen, und erst kommenden Tags wieder das
Gebärhaus besuchen.
Lumpe sagt, der grössten Gefahr einer Infection sind besonders
die künstlichen Geburten ausgesetzt, wegen der häutigen Unter-
st» hnngen. denen selbe unterworfen sind, und doch war in den 8
Monaten die Zahl der Todesfälle viel kleiner, als die Zahl der künst-
lichen Geburten. Natürlich, weil diese 8 Monate in die warme Jahres-
zeit fallen, wo mit reineren Händen untersucht wird. Hätte. Lumpe
die künstlichen Geburten der Wintermonate excerpirt, so hätte es sieh
igt, dass die Sterblichkeit nach künstlichen Geburten eine sehr
grosse sei.
Dr. Lumpe sagtr „Wenn die Folgen eines Giftes bei der nach-
gewiesenen Wirklichkeit der Uebertragung durch volle 8 Monate nicht
zur Aeasserung kommen, so existirt kein vernünftiger Grund gegen
die Annahme, dass dies auch mehrere Jahre hindmvh der Fall sein
kann. Die Chlorwaschungen werden seit 3 .fahren gemacht."
Wir haben nachgewiesen, dass nur im Mai 1841 das Leichengift
nach den Gebärhausrapporten sich nicht geäussert hat, wir halten es
.ilier für möglich, dass vielleicht gerade im Mai 1841 60 bis 80 er-
krankte Wöchnerinnen ins Krankenhaus trausferirt wurden. Wir leben
jetzt im Jahre 1860, folglich sind es nicht mehr blos 3, sondern 13
Jahre, und das zufällige Aufhören der Sterblichkeit hat sich an mehreren
Orten wiederholt.
Mit der Theorie des Puerperalfiebers geht es wie mit allen
Theorien, sagt Lumpe ; z, B. die Physiker erklärten die Erscheinungen
Lichtes früher mit der Enianationstheorie, und jetzt mit der
Vibrationstheorie, wer bürgt dafür, dass auch diese die richtige ist?"
Das Lieht thut. was es thun soll, unbekümmert um die Erklärungen
der Physiker, aber das Puerperalfieber ist von der Erklärung der
Lerzte sehr abhängig.
Senimrlwi'is" gesammelte Werke. -*
370
Semmel weis' Abhandlungen and Werk über das Kindbettfieber.
Dr. Lumpe erklärte sich die Entstehung: des Puerperalfiebers
durch epidemische Einflüsse und schickte beinahe taglich ein»- todte
Wöchnerin in die Leichenkammer; ich erklärte mir die Entstehung
des Puerperalfiebers durch die Einbringung- zersetzter Stoffe von aussen,
und habe im Jahre 1848 45 todte Wöchnerinnen in die Leichen-
karomer geschickt, und unter diesen 45 Wöchnerinnen beklage ich
wenigstens 10. die noch hätten gerettet werden können, wenn ich
nicht mit ungünstigen Verhältnissen hätte kämpfen müssen.
Wenn es sich bei gleichbleibender Sterblichkeit blos um eine
andere Erklärung handeln würde, dann würde ich meine Zeit besser
zu verwenden wissen, als mich mit den Irrthümern und dem bösen
Willen meiner Gegner herumzubalgen.
Dr. Lumpe sagt: „Einen schlagenden Beweisgrund für seine An-
sicht glaubt Semmelweis in dem Umstände zu sehen, dass auf der
I. Klinik die Sterblichkeit auffallend grösser ist als auf der IL, ob-
wohl die Verhältnisse auf beiden gleich sind. Semmelweis ignorirt
hier offenbar einen Lbmstand, der mir von hoher Wichtigkeit »eheint.
Ete ist folgender: Da auf der I. Klinik durch 4 Tage der Worin-, und
/war zweimal aufeinanderfolgend, auf der II. nur durch 3 Tage die
Aufnahme stattfindet, so ist eine vollkommene Lüftung der Wochen-
zimmer auf der I. Klinik höchst selten im Jahre möglich, während
auf der IL regelmässig durchgeführt wird.*1
Ich habe diesen Umstand nicht erwähnt, weil er in Bezug auf
die Sterblichkeit der I. Klinik vollkommen gleichgiltig ist: nur eine
so exaete Wissenschaft, wie sie Lumpe eigen ist, kann diesem Um-
stände eine hohe Wichtigkeit beilegen, und wenn Lumpe wirklich
überzeugt ist. dass er dieses Umstandes wegen beinahe täglich eine
todte Wöchnerin in die Leichenkammer gesendet, ungerechnet der
Transferirten. ungerechnet der durch die Mütter inficirten Kinder, so
frage ich ihn, wie wird er das Verbrechen verantworten, welches er
dadurch begangen, dass er die so leichte Hilfe, die Abschaffung dieses
Umstandes nämlich, nicht einmal in Vorschlag gebracht hat?
Doch der Leser wolle sich beruhigen, bei Lumpe kann von keinem
Verbrechen, es kann nur immer von seiner exaeten Wissenschaft die
Rede Bein, denn die Lumpe'sche Assistenz fällt in die Zeit vor dem
entdeckten puerperalen Columbus-Ei.
Die exaete Wissenschaft Lumpe's hält: Aufnahme haben, und:
nicht lüften köuneu, für gleichbedeutend, deshalb wird auch in
häusern. welche nicht vier Tage die Woche, sondern täglich Aufnahme
haben, nie gelüftet; doch bleiben wir bei den Wiener Abtheilun
Ich finge, welche Abtheilung hat mehr lüften könuen, die IL. welche
wöchentlich 3 Aufnahmetage hatte, und doch sehr oft die Aufnahme
wegen UeberftUlung- nicht übernehmen konnte, oder selbe wieder vh
der gesetzlichen Zeit abgeben musste? oder die I., welche, obwohl
selbe 4 Tage Aufnahme hatte, immer noch Raum genug hatte, die
Aufnahme zu behalten, oder wieder zu übermessen, wenn selbe auf
der IL Aotheilung hätte statthaben sollen?
Die Wöchnerinnen der I. Abtheilung erhielten den 7. oder 8. Tag
Sin anderes Zimmer; ich war 5 Jahre an der I. Klinik, und in
5 Jahren ist es auch nicht einmal geschehen, dass die Wochenzimimi
mit neuen Wöchnerinnen belegt worden wären, ohne dass nii
wenigstens einen Tag gelüftet worden wäre, nicht zu erwähnen die
Beobachtung der übrigen Heinliohkeitsrücksichten.
Die Aetiolog-ie, der Begriff und die Prophylaxis fa Kfadböttfifiberk
Die beiden Abtheilungeu des Wiener Gebärhauses bestehen seit
1833 nebeneinander, bis zum Jahre 1859 bestanden selbe demnach
durch 26 Jahre nebeneinander, durch alle 26 Jahre hatte die I. 4
und die II. 3 Tage wöchentlich Aufnahme, während der ersten 8 Jahre
war die durchschnittliche Sterblichkeit der L 6..,, % die der IL 5,S8,
jährlich wurden durchschnittlich an der I. 1246 Wöchnerinnen mehr
verpflegt. Die folgenden 6 Jahre war die Sterblichkeit der L 9„„
der II. 3,ag, das plus der verpflegten Wöchnerinnen an der 1. betrog
376. Die letzten 12 Jahre war die .Sterblichkeit der I. 3,ft; %, der
IL 3.06 °/n das P'ns der verpflegten Wöchnerinnen der L betrug 598.
Kinn wohl die unerbittliche Lumpe'sche Logik und die exacte
Lumpe'sche Wissenschaft den Grund angeben, warum der vierte Anf-
nahmetag mit nur 37fi plus Wöchiieriim.-n in sechs Jiihren eine
dreimal so grosse Sterblichkeit an der I. Klinik hervorgebracht hat,
nachdem derselbe vierte Tag durch 20 Jahre bei 1246 und 598 plus
Wöchnerinnen keinen Unterschied in der Sterblichkeit der beiden Ab-
theilungeu hervorgebracht? Die wahre Logik und die wahre exacte
Wisseiischafl über die Kutstehunir und Verhütung des Kindbett riebers
ist in der Lage diesen Grund anzugeben.
\\ iihrend der ersten 8 Jahre waren an beiden Abtheilungeu
Schüler und Schülerinnen in gleicher Anzahl vertheilt. daher wurde
an beiden Abteilungen aus allen Quellen inttcirt, daher eine gleiche
Sterblichkeit. In den folgenden 6 Jahren hörten die lnfectionen vom
iver her auf der IL Abtheiltnig zum grossen Theile auf. auf der
I. floßfl diese Quelle reichlicher durch Zuweisung aller Schüler der I.
und aller Schülerinnen der IL Abtheilung, und daher die Differenz
in der Sterblichkeit; in den folgenden zwölf Jahren wurde durch Chlor*
drang der Unterschied der Sterblichkeit aufgehoben.
hi. Lumpe sagt: „.Schliesslich muss ich nur noch gegen die Be-
hauptung, duss Ins Puerperalfieber ausser dem Gelmi hause nicht
epidemisch vorkommt, einige ernste Einwendungen machen. Ich kann
ans meiner Praxis eine hinreichende Anzahl von Fällen aufzählen
«und gewiss können es Viele mit min, wo die Erkrankung sowohl als
der rapide Verlauf und die unaufhaltsame Tödtliebkeit die grösste
Heimlichkeit, ja volle Identität mit jenen Fällen darbieten, die während
einer verheerenden Spitulemlemk vorkommen." Ich glaube es Lumpe
ftufa Wort, dass er eine hinreichende Anzahl von Puerperalfieber-
ÄUen in seiner Privatpraxis hatte, wir haben ja gesehen, dass Lumpe
als Assistent beinahe täglich eine Todte geliefert, und im Jahre 1850,
nachdem im Jahre 1847 das puerperale Üohimbus-Ei entdeckt wurde,
findet er, dass die pia desideria der Hiinnuiitat der unerbittlichen
Logik und der exacten Wissenschaft gegenüber nicht Stand halten,
ein i lebnrtshelfer mit solcher exacten Wissenschaft muss einer hin«
i eichenden Zahl Wöchnerinnen anstatt Rettung Verderben bringen.
Falls Lumpe verbesserlich ist, wird eine Zeit kommen, wo er,
wenn auch nicht der Welt, doch sich selbst wird gestehen müssen:
Semmelweis hat Recht, wieselten im Vergleiche mit früher beobachte
ich jetzt das Puerperalfieber.
Nachdem Dr. Lumpe gesagt dass das Leichengift durch 8 Monate
kein 8fft war. und dass es dann wieder eines war, wofür es in der
Ranzen Natur keine Analogie gebe, nachdem er nachgewiesen, dass
die Sterblichkeit desto grosser war. je geringer die Gelegenheit zur
Verunreinigung der Hände war, und dass die Sterblichkeit desto
24*
372 Semmel weis' Abhandlungen und Werk über das KindhettfieWr.
kleiner war. je grösser die Möglichkeit zur Verunreinig hol»; der Hände,
Nachdem er nachgewiesen, dass gerade die am häufigst untersuchten
am seltensten sterben, zieht er den Schluss. dass er meine Lehre ad
absurdum gebracht, uud dass er in alle Ewigkeit behaupten wird,
dass der mit Leichengift imprägnirte untersuchende Finger nicht ler
eigentliche Faden sei, an dem die Infectionskrystalle anschienen.
Nachdem Lumpe ilas alles klar bewiesen, sagt er Folgendes: „Wenn
ich durch alles bisher Gesagte die Infection durch Leichengift, als
einzigen und wahren Erzeuger des Puerperalfiebers, widerlegte, so
kann ich doch die Chlorwaschungen nicht für überflüssig erklären;
denn wenn unter den vielen zur Erzeugung der Puerperalfieber
concurrirenden Factoren nur der kleinste dadurch für immer vertilgt
wird, so bleibt das Verdienst der ersten Einführung noch g)
genug. Ob dies aber wirklich der Fall ist, darüber muss erst eine
spätere Zukunft entscheiden.
Bis dahin, glaube ich. sollen wir — warten und W8 sehen."
Der Leser sieht die unerbittliche Lumpe'sche Logik in ihrer
Blflthe, es ist ein grosses Verdienst, etwas Absurdes behauptet zu
haben; Lumpe wird in alle Ewigkeit behaupten, dass der unter«
suchende Finger nicht das Puerperalfieber erzeugt, aber darüber
wird die Zukunft entscheiden, die Zukunft: nach der Ewigkeit? l'nd
wie klein der, das Kindbettfieber erzengende Factor ist, welcher durch
Cnlorwaschnngen zerstört wird, ersieht der Leser daraus, daea den
übrigen vielen zur Erzeugung des Puerperalfiebers concnrrirenden
Lumpe'schen Factoren es nicht einmal gelingt, eine Wöchnerin von
100 Wöchnerinnen zu tCdten.
Dr. Lumpe setzte seinem Aufsätze «las Motto: „Der Wahrheit
eine Gtasae" vor; das Motto wäre mehr im Einklänge mit dem Auf-
satze, wenn es hiesse:
,.Der Doppelzüngigkeit eine Gasse.*1
Als Anhänger meiner Ansieht beteiligten sieh an der Discu
Dr. Chiari, Dr. Helm, Dr. Arneth, Prof. Rokitansky.
Dr. Chiari, emeritirter Assistent der 1. Klinik, sagt: Die .Sterb-
lichkeit der I. Klinik ist von den Verhältnissen abhängig, wie solche
von Dr. Semmel weis näher bezeichnet worden sind.
Der prov. Director des allgemeinen Krankenhauses, Dr. Prof.
Helm, ebenfalls emeritirter Assistent der L Klinik, tritt zuerst jenen
gegenüber, welche mir die Priorität streitig machen wollen, und jenen,
welche meine Ansicht für ganz nngegründet halten, legt er die
Frage zur Beantwortung vor. woher es denn komme, dass Beil
3 Jahren, seit Einführung der Chlorwaschungen, die sonst ungewöhn-
liehe Häufigkeit der Puerperalfieber, die sogenannten Epidemien uf-
■reliüit haben.
Zu Ende erklärt Dr. Helm jeden einzelnen Arzt, sowie jede ärzt-
liche Corporation dem Dr. Semmelweis für seine Entdeckung zu grossem
Danke verpflichtet
Dr. Ameth, Assistent der Tl. Klink, findet den Unterschied in
der Sterblichkeit der beiden Abtheilungen begründet in dem Leichen
gift, welches an der I. Klinik mehr als an der IL Klinik vorhanden Bei
Als directen Beweis für die Richtigkeit meiner Ausicht, den Einige
von mir verlangen, der aber nicht gegeben werden kann und darfj
Die Aetiologie, der Begriff nnd die Prophylaxis de« Kintlbettfiebers. 37H
glaubt Dr. Arneth den Fall von Carcinoma uteri auffahren zu müssen
(siehe Seite 133, Zeile 13).
Zum Schlüsse erklärt sieh Dr. Arneth gleichfalls dahin, dass man
dem Dr. Semmel weis allein Dank schulden k<'inne, da er nicht nur
eine neue Idee zu Tage, sondern eben so dieselbe, was die Hauptsache
ist, zur folgenreichen Anwendung und Geltung gebracht habe.
Präses Professor Rokitansky fasst nun die Hauptmomente der
Discussion zusammen, und weist auf den unbestreitbaren Nutzen der
Chlorkalkwaschungen hin, der selbst von dem Gegner der Semmelweis'
sehen Ansichten zugegeben wird.
Dr. Arneth hielt in der Academie der Meüein zu Paris einen
Vortrag über meine Ansichten von der Entstehung und Verhütung
des Kindbetttiebers; in Folge dieses Vortrages wurde eine Prüfungs-
commission ernannt, welche es aber, wie mir Dr. Arneth mündlich
mittheilte, unterlassen hat. ihn von dem Resultate der Prüfung zu
verständigen, und als Dr. Arneth sich brieflich au den Präsidenten
der Prüfungscommission wendete, wurde sein Schreiben unbeantwortet
gelassen.
Der Name des Präsidenten der Prlifungscommission ist mir ent-
fallen, weder mir noch Dr. Arneth ist ein Ürtheil dieser Commission
zu Gesichte gekommen. Scanzoni sagt in seinem Lehrbuche: „und
auch in Paris fand die von Arneth in der Academie pnblicirte Ent-
deckung von Semmehveis keinen Beifall," ohne die (Quelle zu nennen.
Carl Braun sagt: „Die Academie der Mediän in Paris1) sprach
unter Orfila's Vorsitz im Jahre 1851 sich mit grösster Entschiedenheit
gegen die Theorie der cadaverösi n Jnfection aus. nnd machte darauf
aufmerksam, dass in der Maternite und in der Klinik der Facultät
bei den Wöchnerinnen in Paris genau dieselben Verhältnisse sich
finden wie in den beiden Geburtskliniken in Wien, dass in beiden
sehr heftige Puerperal fieber- Epidemien vorkommen, und dass dem
Chlorkalk alle Eigenschaften abzusprechen seien, die cadaverösen
Molecüle zu zerstören."
Ob sich dieses ürtheil der Academie auf Arneth's Vortrag bezieht»
oder ob auch ohne Arneth's Anregung meine Ansicht beurtheilt wurde,
weiss ich nicht, da es mir selbst im Wege des Buchhandels nicht
gelang, mir die betreffende Quelle zu verschaffen; nur das weiss ich
gewiss, dass Arneth mir nicht Orfila als Präsidenten der Prüfungs-
commiaston nannte.
Der Leser erinnert sich, dass wir Seite 175 etc. bewiesen, dass
das Unterrichtssystem für die Hebammen der Maternite zu Paris so
beschaffen sei, dass sich dort die Hebammen die Hände so häufig mit
zersetzten Stoffen verunreinigen, wie anderswo nur die Aerzte, und
(lein entsprechend die Sterblichkeit der Maternite eben so gross
sei. wie in Dnbois' Klinik, wo Aerzte gebildet werden. In Wien
haben die Hebammenschitlerinnen nicht nur mit Leichen nichts zu
ttjiin. sie kommen nicht einmal mit den kranken Wöchnerinnen in
x) Gazette des Höpitanx, Nr. 3, ö Jauvier 1851 S.'-ancea des Acadlmies'i.
374
melweisT Abhandlungen und Werk über das Kindbetttieber.
Berührung, denn der Visite im Krankenzimmer der Hebammenab-
theilung zu Wien dürfen die Schülerinnen nicht beiwohnen, der Visite
des Professors bei den Kranken wohnt nur der Assistent und die In-
st itutsmadame bei, und diesem Umstände ist der bessere Qesnndheits-
zustand der Wöchnerinnen der Hebammenabtheilung im Vergleich zu
dem schlechtem Gesundheitszustande der Wöchnerinnen der I, Gebär-
kliuik während des durch Tabelle Nr. I repräsentirten Zeitraumes
zuzuschreiben gewesen. Die Academie der Medicin zu Paris ist daher
im Inthum, wenn sie glaubt, dass die Verhältnisse der Pariser und
der Wiener Hebammensehule dieselben seien. In Bezug auf das Puer-
peralfieber sind die Verhältnisse beider Schulen wesentlich verschieden,
und daher der wesentlich verschiedene Gesundheitszustand beider
Schulen.
In Dubois7 Kliuik und an der I. Klinik in Wien sind die Ver-
hältnisse in Bezug auf das Puerperalfieber identisch, und deshalb eine
ideutische Sterblichkeit,
Dass der Chlorkalk die cadaverösen Molecüle nicht zu zerstören
im Stande ist, darüber haben wir leider im Jahre 1847 und 1H4<* an
der I. Gebärklinik zu Wien die ersten traurigen Erfahrungen gemacht.
Die Academie der Medicin zu Paris1) hat im Jahre 1858 in ihren
Sitzungen vom 23. Februar bis G. Juli das Puerperalfieber abermals
zum Gegenstande einer Discussion gemacht, aber das dürre Stroh,
was dabei zu Tage gefördert wurde, wollen wir unged roschen lassen,
Körner sind nicht herauszuklopfen; wir begnügen uns einen Ausspruch
Dubois' anzuführen, wollen aber früher Dubois* wissenschaftliche
Stellung erwähnen, wie selbe uns von Arneth, Seite 67, geschildert
wird, „In der Geburtshilfe stellen Frankreichs Gelehrte eigentlich
keine Republik dar. ein Einziger scheint zu herrschen. Ihm senken
sieb alle Fahnen. Seine Ansicht wünscht man bei allen neu auf-
tauchenden Erscheinungen zu wissen. Männer, die selbst so viel ge-
leistet, verkünden, ihre Arbeiten seien die Frucht seiner Lehren, und
Stellen seinen Namen hin. wo sie meinen eine besonders kühne, gegen
das französische Herkommen verstossende Ansicht geäussert zu haben.
Selbst in der Academie lauscht man athemlos seiner Worte; durch
ihn gewinnen dem Auslande entlehnte, seinen Landsleuten bisher
widerstrebende Lehren in der Geburtshilfe das französische Bii :
recht"
Hören wir nun, wie Dubois. das summum forum obstetricium in
Frankreich, meine Ansicht heurtheilt. Er sagt: „Auch die in Deutsch-
land und England so lebhaft attfjgßnommens Theorie von Semmelweis,
dass die Cebertragmig durch Blut, Ausflüsse der Kranken, ja durch
jeden in Verwesung begriffenen Stoff geschehen könne, bat sich nicht
als richtig bewährt, und ist wahrscheinlich schon an derselben Schule
vergessen, von wo sie ausging. Damit soll nun freilich durchaus nicht
gesagt sein. dass man deshalb die sorgfaltigen Vorsichtsmassregeln
nicht nöthig habe, sondern nur. dass die contagiosa Eigenschaft weder
so constant. noch SO tlüitig. noch so beharrlieh ist. als es nach den
zahlreichen Berichten geglaubt werden mttsste. Ware sie wirklich
so. so müsste das ganze Personal der Gebärhäuser um jeden Preis in
strengster </uarantaine gehalten werden, das Publicum wäre sonst
») Monatsschrift tiir Ueburtsknnde 1858. Octoberheft.
■
Die Aetiulogie, der Begriff uml die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 375
fortwährend in der grössten Gefahr. Man sei es deshalb dem Pub-
licum gegenüber schuldig, die übertriebenen Annahmen auf ihre wahre
Bedeutung zurückzuführen. Bei einer grossen Zahl von Frauen be-
stehen schon tot der Entbindung Zustände, welche für die Eutwicke-
lung des Puerperalfiebers günstig sind, wie man dies häufig in der
Privatpraxis und in Gebärhäusern erkennen kann. Im Letzteren
kommen oft schwangere oder gebärende Frauen mit deutlich ausge-
sprochenen Zeichen des Puerperalfiebers, welche sich dann meist sehr
heftig ausbilden."
Das sagt Dubois im Jahre 18Ö8. Arnetli sagt von Dubois im
Jahre 1850, Seite 52: „Dubois erlebte einen Fall, wo ein ihm be-
freundeter Arzt, der ein kleines Gebärhaus in der Provinz leitete,
nach einer vorgenommenen Section, wie ihm ausser allen Zweifel ge-
setzt schien, zwei Frauen ansteckte und sterben sah. Seitdem lässt
Dubois zum Behufe der Touchirübungen (in seiner Klinik) gegen Ent-
gelt Weiber aus der Stadt kommen, um zu verhindern, dass die baldigst
zur Geburt Gehenden untersucht werden."
Und von diesem gewissenlosen Menschen wird die franzüsisrhe
Geburtshttlfe beherrscht.
Arme Menschheit, wem vertraust du dein Leben an?
Meine Lehre ist an der Schule, von wo sie ausging, noch nicht
vergessen, und damit selbe auch in Zukunft nicht vergessen werde.
dafür wird gegenwärtige Schrift sorgen. Meine Lehre wird an der
Schule, von wo sie ausging, nur verleumdet, aber meine Lehre rächt
sieh wie alles Edle an ihren Verleumdern dadurch, dass sie die Sterb-
lichkeit dieser Schule, die früher trotz massenhaften Transferirungen
".. ,,. "0 betrug, durch zwölf Jahre ohne massenhafte Transferirungeii
auf 3.-, "„ herabdruckte, folglich um 6.2,°n minderte; dass meine Lehre
nicht noch mehr geleistet, das haben eben ihre Verleumder zu verant-
worten. Und diese Rache giebt mir die Waffe in die Hand, dass ich
meinen Gegnern an der Schule, von wo sie ausging, zurufen kann:
eure eigene verminderte Sterblichkeit ist eure schlagendste Wider-
legung.
'■
Joseph Hermann Schmidt, Prof. der Geburtshilfe zu Berlin, sagt
n einem Aufsatze:1) „Die geburtshilflich -klinischen Institute der
königlichen Charite" Seite 498 Folgendes: „So kann doch nicht be-
stritten werden, dass eine regelmässige Geburt, zumal bei einer Erst-
gebärenden, oft ein recht langweiliger Process ist, und dass es ein
übermenschliches Ansinnen an junge Männer sein würde, wenn jeder
zu einer solchen Geburt gehörige von der ersten losenden Eihauls-
wehe bis zur vollendeten Ausschliessung der Nachgeburt im Kreisse-
zimmer verweilen sollte. Sehr bequem zu statten kommt daher in
dieser Beziehung der Umstand, dass die Gebäranstalt mit mehreren
anderen klinischen Instituten unter einem Dache liegt. Die Studirenden
der Geburtshilfe gehen daher abwechselnd in eine medicinisehe oder
chirurgische, oder in eine der Specialkliniken, und kehren in den
wischenpausen derselben zui ück» inn sich von etwaigen Fortschritten
') Annalen des Charit«- Krankenhauses zu Berlin I. Jahrgang. •!. Heft.
Eerlto, 1850.
376
Semmel weia* Abhandlungen und Werk über das Kindbettn
zu überzeugen, oder anch sie gehen ins Leiebenbaus. um sich schnell
rufen zu lassen, wenn wesentliche Veränderungen eintreten.
fit gehen IM Leichenhaus.**
Alterniren zwischen beiden Polen des Lebens, zwischen
der Wiege und der Bahre, führt mich zu einer Episode; ich meine
dfc in öffentlichen Blättern vielfach besprochene Seninn-1
Wahrnehmung und Vermnthung,
Von meinem lieben Freunde und Collegen. Hm. Professor Brücke
in Wien, erhalte ich in dieser Angelegenheit folgenden Brief, den ich
um sei mehr wörtlich mittheile. als Herr Brücke, wie die ganze Welt
weiss, kein leichtgläubiger Mensch, sondern ein gründlicher exacter
Forscher ist, und sein Interesse für die Sache eine neue Aufforderung
bilden muss, diese wichtige Angelegenheit nicht mit Hume'schem
Scepticismns zurückzuweisen.
„In der hiesägen Gebäranstalt (Wien) sind durch eine Reihe vn
Jahren sein- viele Wöchnerinnen am Puerperalfieber zu Grunde m»
gangen, und zwar nur auf der Abtheilung, welche von den Studirenden
besucht wurde, während die Sterblichkeit an! der Lehrabtheilung der
Hehammen gering war. Dieser grossen Sterblichkeit hat der Dr. Semmel-
weis dadurch Einhalt gethan, dass er keinen Studirenden während
und nach der Geburt zum Touchiren zuliess, ehe er sich mit einer
Lösung von untercblorichtsaurem Natron gewaschen baue. Er glaubt
deshalb, dass viele Puerperalfieber dadurch erzeugt wurden sind, dass
die Studirenden, nachdem sie Leichenöffnungen vorgenommen hatteu,
mit nicht sorgfältig gereinigten Hunden touchirten.
In der That ist es auffallend, dass sich die grosse Sterblichkeit
erst eingefunden hat, seitdem hier mit Eifer pathologische Anatomie
getrieben wird, und dass sie auf der zweiten Abtheilung des Qebir-
hauses aufgehört hat, seitdem diese ausschliesslich für den Unterricht
vi m Hebammen, die keine Leichenöffnungen vornehmen, bestimmt ist
ES hat mir nun die Academie der Wissenschaften anfge tragen, mich
näher um diesen Gegenstand zu kümmern, und ich erlaube mir des-
halb, im Interesse der Wissenschaft und der Humanität au Sie die
Frage zu stellen, ob sich in Ihrer Anstalt oder in der vom Herrn
Geli. Rath Prof. Busch irgend welche Erscheinungen gezeigt haben,
Welche geeignet sind, die Ansicht des Dr. Semmelweis zu unterstützen.'
Zu meinem Bedauern habe ich Herrn Brücke nicht viel mehr
bringen können, als meinen Glauben an die Möglichkeit
I'ie einzige directe Thatsache, die ich nach hiesigen Erfahrungen1 I
bringen konnte, war jene oben bemerkte auffallende Antithese bei
meinen früheren und jetzigen geburtshilflichen Operationen und jenen
Erfolgen.*)
\l Bei meiner knrzlichen Anwesenheit im Bade Lippsp ringe erzählte mir mein
Paderborner Amtsnachfolger. Herr Dr. Everken, dass in seiner Gebäranstalt du
Wochenbettfieber gerade zn einer Zeit geherrscht babe, als er im Krankeubanse be-
sonders hantige Gelegenheit zu Sectionen gehabt und ohne damals die Serunielweis'Bcae
Erfahrung zu kennen, keinen Anstand genommen habt, oft unmittelbar nach den-
selben die Tonchirübongen der Hebammenschölerinnen an Schwangeren an"!
hurenden zn leiten. Aach er glaube an die Möglichkeit. Natürlich habe er später
solche Unmittelbarkeit vermieden, anch die unterchlorichtsnure Natronaufltfsung nicht
vergessen.
9i Ais ich ans meiner früheren westphälischea Privatpraxis in meinen jt-r
Wirkungskreis versetzt wnrde, bemerkte ich bald einen seltsamen Gegensau zwischen
der Leichtigkeit geburtshilflicher Operationen und den Erfolgen dort und hier. Die
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbett hebers. 377
Man konnte auf den ersten Blick sagen, Jene weatpfaUischen
^andfrauen der Privatpraxi.s haben vor den Berlinerinnen des Hospitals
den Vorzug gehabt, dass niemals Leichenmiasma in ihre lebendige
Vagina gekommen sei. während hier die Zeigefinger der tonchirendeu
Studiosen solches aus dem Leichenhause mitgebracht haben. Aber
näher betrachtet stellt sich dieser Hypothese die einfache Frage
gegenüber, warum denn die vielen normal Entbundenen Verhältnisse
massig so selten von Metritis septica u. dgl. befallen werden, da sie
doch eben so häufig von Stttdirenden untersucht sind? Dieserhnlb
glaube ich doch, dass die Nosokomial- Atmosphäre der Wochenzimmer
und nicht die (adaver des Leichenhauses auf unseren Vorwürfen
hängen bleiben wird, wenn nach auffallend leichten Wendungen
anderen Tages Metritis oder Peritonitis sich einstellt. Der relative
Gegensatz der Hebammen und Geburtshelfer hat zwar auch hier stets
bestanden, aber bis zum Jahre 1846 nicht in bestimmter räumlicher
Srlieidiuig; auf einen Unterschied in den Sterblkhkeitsverhältnissen
beider Abtheilungen ist wohl überdies nicht so genau geachtet, weil
man erst durch «Semmelweis auf diese Fährte gekommen ist. Dieser
hat die Probe an Kaninchen gemacht, an Menschen wird man sie
nicht machen dürfen, und eben deshalb sind nachträgliche directe
Mühewaltung eines klinischen Lehrers der Geburtshilfe lässt sich mit der viel
BtPwewn eines beschäftigten Geburtshelfers de» platten Landes gar nicht vergleichen.
Wurde ich früher ans meiner Vaterstadt in ein benachbartes Dorf gerufen, so war
von einer sogenannten ..Zeit der Wald11 zur Wendung niemals die Rede. Nur die
reo und jüngeren Hebammen erkannten die fehlerhaften Kindeslagen vor dem
nsprunge, alle alteren behaupteten, dies «ei erst nach dem Blasenspmnge
BBglich. um] früh genug. Mit dem Wasserabflüsse war nun der Arm hervor-
getrieben; die Hebamme forderte den Geburtshelfer, aber — die erfahrenen
Nachbnrfrauen muaten es besser. Stundenlang wurde jetzt versucht, was Frauen-
kräfte vermögen; endlich begreift man. dass das Kind beim hervorgezogenen Arme
nicht zu «langen «U. Nim entschied sich .1er „Rath dpr Alten" für den Geburts-
helfer: der Bote hin. der Geburtshelfer zurück gebrauchte abermals .stunden, und
nicht selten war eine stundenlange Arbeit nötbig. um die Wandung auf die Füsse
in dem eng um das Kind zusammengeschnürten Uterus zu Stande Ell bring«!. Das
Kind war natürlich todt; der Tod der Mutter wurde erwartet, Tags darauf erschien
der Ehemann, um — das völlige Wohlsein der Letzteren zu melden, und wenige
Wi.rlieii später ilie Wöchnerin selber, um freundlichst zu danken! — Wer sollte da
nicht glauben, dass der Uterus ein maltraitables Organ sei. und noch ferner fragen
^mulierem fortem quis iuveniet?" Hit meinen zarten Berlinerinnen geht es umge-
kehrt. Jene seltenen Falle abgerechnet, welche im Momente des Gebarens hergefahren
kommen, oder bei denen die Wendung uns Gtd>Ur^be4WhlennigUtJÄttpiJndeo o
ist, habe ich bei allen Wendungen die sogenannte „Zeit der Wahl", richtiger die
Wahl der Zeit. Die fehlerhafte Kiiuleslage wird oft schon während der Schwanger-
si liüit mit boher Wahrscheinlichkeit, immer im zweiten Geburtszeitmiim mit (iewisa-
heit djagnosticirt Der zur Grosse eines Silbergroscheus geöffnete Muttermund IHsst
durah die erschlafften Eihäute im wehenfreien Zeiträume den vorliegenden Ellen-
bogen, die vorliegende Schulter u. s. w. wahrnehmen; nun weiss man genug. Man
bleibt zu Hanse, geht ab und zu, erwartet geduldig nicht den Blasensprung, sondern
die springfertige Blase, um dir- Wendung nach der IicIriirycVehcn Methode vorzu-
nehmen. Koramt der natürliche Blasenspmng dieser Absicht znvor, so ist dies auch
kein Unglück, man idt zu Hause und das Wendungslager im Voraus fertig. Die
Wmdu&g selbst ist eine wahre Bagatelle, einige Znhörer sehen nach der l'br, in
einer, zwei, bis du Minuten sind beide Füsse an d;i.s Tjil"' -i,. die Ex-
pulsion des Kindes wird der Natur üherlasseu. auch sie folirt, ohne Beschwerde, die
Nachgeburt desgleichen; die Entbundene dankt und befindet sich vortrefflich. An-
deren Tags bat sie — anhaltende LHIiscliiin-r/.en, verträgt den Fingerdruck nicht,
sie fängt an zu brechen, bekommt Ammoninm carbonicnm und 30 Blütegel. wird in
die Sehälein'sche oder Wolff'sche Klinik verlegt, und dort au der exquisitesten
Metritis, Peritonitis n, 8. w, weiter behandelt. Hier, wo der Uterus nicht im ge-
ringsten mahraitirt ist, glaube ich an eine „Nosocomial-Atmosphäre-'.
Semraelweis' Abhandluiisjeu and Werk über das Kiudbetttieber.
Erfahrungen im möglich, zumal Semmel weis selbst mit der hypotheti-
schen Aetiologie und zugleich die ziemlich sichere Prophylaxis im
unterchlorichtsaureu Natron gebracht hat. Jeder kann, wird und
muss sich durch dieses desinnViren. wenn et in den Eingeweiden der
Leichen gearbeitet hat, bevor er seine Hand in die Eingeweide der
Lebendigen führt. Diese billige Forderung wird forthin jede geburts-
hilfliche Klinik an ihre Zöglinge machen, und ihnen die Gelegenheit
dazu in den eigenen Waschtischen erleichtern.
Wie gesagt, ich glaube an die Möglichkeit, und die Wiener Er-
fahrungen sind für mich vollkommen genügend, Vorsicht zu empfehlen;
die eigenen verlange ich nicht.
Üs mag dieser Weg immerbin einer von den vielen sein, welcher
zum Wochenbettfieber führt, der alleinige ist es gewiss nicht"
Hierauf haben wir Folgendes zu erwiedern: Wenn Prof. Schmidt
deshalb nicht glauben will, dass das Leichenmiasma des Zeigen1 n:
des touchiremlen .Studiosus der Berlinerin das Puerperalfiebei
weil derselbe Finger den normal Entbundenen nicht auch das Kind-
ItHtitieber bringt, so können wir unser Staunen über solch eint
hauptung nicht unterdrücken. Prof Schmidt sagt Seite 491 : „Seit
mir die ärztliche Leitung der GebÄraustalt vom September 1844 an-
vertraut wurde, bis inclusive Mai 1850. sind von 2631 Wöchnerinnen
überhaupt 442 auf andere Stationen verlegt, 7 sind in den ersten
5 Tagen nach der Geburt. 6 sind nach längerer Zeit in der Gebär-
anstalt selbst gestorben. Und eben in dem Imstande, dass jede
Wöchnerin verlegt wird, sobald sie verdächtig zu werden anfängt,
scheint mir ein Grund zu liegen, weshalb dieser grosse Würgengel
der Gebäranstalten in der 1 liarite selten vorkommt.*
Prof. Schmidt schickt von 2631 Wöchnerinnen 442 auf andere
Stationen, und trotz dem Unglücke so vieler hundert Wöchnerinnen
macht Prof. Schmidt nicht einmal die Erfahrung, dass auch normal
Entbundene häufig am Puerperalfieber erkranken.
Der Leser weiss, dass in Folge unverhütbarer Selbstinfection nicht
eine Wöchnerin von 100 Wöchnerinnen stirbt, folglich konnten von
2631 Wocherinueii höchstens 25 in Folge von Selbstinfection sterben.
In d«r ßebirangtalt selbst sind 13 Wöchnerinnen gestorben, wie
viele mögen von den 442 an anderen Stationen gestorben sein?
Der Tod so vieler Wöchnerinnen war nicht geeignet, Prof. Schmidt
die Erfahrung machen zu lassen, dass der Würgengel der Gebär-
anstalten auch in der Charite nur zu reichliche Beute halt.
Unser Staunen steigert sich noch durch die Behauptung Prof.
Schmidt's. dass die Nosoeomial-Atmosphäre der Wochenziraraer, und
nicht die Uadaver des Leichenhauses auf unseren Vorwürfen hängen
bleiben, wenn nach auffallend leichten Wendungen anderen Tags
Metritis oder Peritonitis sich einstellt ; als ob die normal Entbnndeiien.
die doch nacli Schmidt 's Annahme so Betten an Puerperalfieber
kranken, nirlir auch den Einflüssen der iSosoconiial-Atmosphäre ans*
'jVM'i/t waren?
Nach solchen Prämissen ist es begreiflich . dass man erst durch
mich in Berlin erfahren hat, dass an der Aerzte- Abtheilung mehr als
<ui der Hebammen-Abtheilung sterben.
Prof. Schmidt sagt nämlich : „Der relative Gegensatz der He-
bammen und Geburtshelfer hat zwar auch hier stets bestanden, aber
bis zum .Talne isii> nicht bj bestimmter räumlicher Scheidung; auf
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 3?9
einen Unterschied in den Sterblichkeits Verhältnissen beider Abthei-
lungen ist wohl überdies nicht so genau geachtet worden, weil man
erst durch Semmel weis auf diese Fährte gekommen ist."
Wenn daher Prof. Schmidt Prof. Brücke keine eigenen, meine
Ansicht bestätigenden Erfahrungen bringen konnte, so lag das nicht
darin, dass Schmidt keine Gelegenheit hatte. Erfahrungen zu machen,
sondern darin, dass Schmidt nicht die Fälligkeit besitzt, Erfahrungen
zu machen.
Prof, Schmidt schreibt im Jahre 1850: ,,.Teder kann, wird und
muss sich durch dieses (Chlorkalk) desinficiren. wenn er in den Ein-
geweiden der Leichen gearbeitet hat, bevor er seine Hand in die Ein-
a -«-weide der Lebendigen führt. Diese billige Forderung wird forthin
jede geburtshilfliche Klinik an ihre Zöglinge machen, und ihnen die
Gelegenheit dazu in den eigenen Waschtischen erleichtern, wie gesagt,
ich glaube an die Möglichkeit, und die Wiener Erfahrungen sind für
mich vollkommen genügend, Vorsicht zu empfehlen, die eigenen ver-
lange ich nicht." Wie vorsichtig Prof. Schmidt wurde, und wie er
wirklich eigene Erfahrungen, die er nicht verlangt, auch nicht ge-
macht, geht aus einer Sitzung der Gesellschaft für Geburtshilfe in
Berlin gehalten am 9. Mai 1H5H, hervor'), es heisst nämlich: ,.Herr
Virchow tlieilte der Gesellschaft die Resultate seiner Studien über die
in der Charite vorgekommenen Puerperalerkrankungen mit. Die Be-
obachtungen umfassen den Zeitraum vom Herbste 1856 an bis jetzt.
In diesen 18 Monaten kamen 83 Todesfälle im Puerperium vor, von
denen jedoch ein nicht geringer Theil der Section entzogen wurde.
Wenn es auch nicht schwer ist. ein gruppen weises Auftreten der Er-
krankungen festzustellen, so kann man doch nicht von begränzten
Epidemien sprechen, da leider die Charite im Verlaufe der genannten
Zeit fast beständig einzelne Fälle von Puerperalfieber aufzuweisen
hatte, und jeder Monat sein (Ymtingent an Todesfällen lieferte. In-
dess zeichnen sich die beiden Wintersemester durch grossere Zahlen
von Todten aus. und unter diesen namentlich der Winter 1857—1858,
wo der November mit 20 Todesfällen als der gefährlichste Monat der
Höhe der Epidemie zu entsprechen scheint.''
20 Todte entsprechen einer Anzahl von 2000 Geburten, wie viele
Geburten im November 1857 sieh in der Charite ereigneten, weiss ich
wohl nicht, ich weiss nur, dass die Grösse der Sterblichkeit in dem-
selben Verhältnisse sich steigert, in welchem sich die wirklich statt-
gehabten Geburten im Monate November von der Zahl 2000 entfernen.
Eine solche entsetzliche Verschwendung an Menschenleben ereignet sich
in Berlin, nachdem schon zehn Jahre früher in Wien gelehrt wurde, wie
das Puerperal lieber zu beschränken sei. l'nd Prof. Schmidt hat keine Er-
fahrungen gemacht, und verlangt keine eigenen Erfahrungen zumachen.
Beate 523 sagt Prof. Schmidt : „Ehe ich sterbe, hoffe ich noch ein
Langes und Breites über meine geburtshilflichen Fehler zu schreiben;
an glücklichen Geburtsgeschichten ist. kein Mangel.*' Ich hoffe Profi
Schmidt wird sich nicht blos auf seine geburtshilflichen Fehler in
Bezug auf die Geburt beschränken, ich erwarte, dass er auch seine
folgenschwangern Fehler in Bezug auf das Puerperalfieber der Welt
preisgeben wird, um durch sein gutes Beispiel, welches er dadurch
Mniiat.-wlirifi für QeburtikiiiKle und ^»nenkwiiikheiteii Berlin 1W5H.
XI. Band. 6. Heft,
380
Semmelweis' Ahhandhiug-en und Werk über das Kiadbettfieber.
anderen Geburtshelfern geben wird, an der Menschheit wieder gut zu
machen, was er an derselben gesimdigct.
Ich habe mich brieflich an Dr. Everken gewendet mit der An-
frage, ob er. seit er solche Unmittelbarkeit vermieden, auch die
iinicv« iii.nirhtsaure Natronlßsnng nicht vergessen habe, ob er seit
dieser Zeit das Puerperalfieber seltener beobachtet, und erhielt folgende
Antwort :
V e r e h r I e aier He r r C m 1 1 e ga!
Die durch den Geh. Med. Rath Dr. Schmidt an angegebener
stelle damals veröffentlichte Aeusserung über den Ausbruch des Puer-
peralfiebers in dem meiner Leitung ubergebenen Gebärbause beruht
auf Thatsacheu, deren ursächliches Verhältniss wenn auch nicht die
Gewissheit, wenigstens doch mehr als die Möglichkeit zum Grande hat.
Wiederholt kamen einzelne Fälle von Puerperalfieber tot, als
Baue Verbreitung desselben über mehrere Wöchnerinnen stattfand: Leb
muss gestehen, dass mit dem Ausbrechen der Krankheit ein Umstand
sich vereinigt hatte, der durch Ihre Mittheilung als ursächliches
Moiueni dargestellt wurde. Von Zeit zu Zeit hatte ich in dem
Leichenhause des Hospitals dem das Gebarhans adhaerirte Leichen
secirt. Es konnte mir nicht einfallen, diesen Umstand als alleinige
Ursache aufzustellen, aber es musste mich veranlassen, nach Leichen-
I1U1 ei snebungen keine Verrichtungen an Schwangeren. Gebärenden
und Wöchnerinnen vorzunehmen. Es kamen keine Puerperalfieber
ferner vor, ich muss aber hinzufügen, dass kurze Zeit darauf, als ein
Umsichgreifen der Krankheit stattgefunden hatte, das Gebärhaus von
dem Krankenhause getrennt wurde, dass seit diese]- Zeit ein spora-
disches Vorkommen seihst nicht beobachtet wurde. —
Sie werden mir zugeben, vereintester Herr College, dass die Ent-
scheidung schwer ist, dass vielleicht nirgends der Schluss mehr täusch!
posi li"r, ergo propter hoc, als in der Mediein.
Ich habe nichts dagegen einzuwenden, wenn sie von den ver-
stehenden Mittheilungen jeglichen Gebrauch machen.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Ihr ergebenster
Paderborn den 17.2. 1858. D. Everken,
I'irector des künigl. Uebammeiimfititutes.
Ich Stehe nicht an das Paderborner königl. Hebammeninstitut zu
jenen Gehiirhäiisern zu zählen, in welchen sieh meine Lehre bewährt
hat, und bin meinem vereintesten Oollegen selir dankbar für den
guten Rath, den er mir schliesslich ertheilt, nur kann ich für diesmal
keinen Gebrauch davon machen, denn ich bleibe dabei, post Be-
schaftignngen mit zersetzten Steven, aryo propter Beschäftigungen mit
zersetzten Stoffen viele Puerperalfieber, posi Einführung der Chlor-
Waschungen wenig Puerperal rieber, ergo propter Einführung der Chlor-
wasch nagen wenig Puerperalfieber.
Aber in dei Zukunft wird dies« ßath meines verehrtesten Collegen
immer die Bichtschnur meiner Schlüsse sein, um gegen Täuschungen
geschützt zu sein.
Di« Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 381
Rudolf Virchow sagt in seinen „gesammelten Abhandlungen zur
wissenschaftlichen Mediein," Frankfurt a. M. 1856, Seite 7.;?, Folgendes:
Naturforsehimg kennt keinerlei Schreckbilder, als den Kerl, der
sspeculirt.'- ßoer hat dieselbe Wahrheit folgenderweise formulirt:
.Ware jedem Jahrhundert anstatt so vieler Systemgelehrter nur ein
solcher beobachtender Arzt (Hippokrates) geworden, wie viel würde
die Menschheit und die Anitmilität überhaupt gewonnen haben."
Boer, der Verfasser der sieben Bücher über natürliche Geburts-
hilfe, hatte ein Recht so zu sprechen.
Aber Virchow. der wegen seiner vielen Spekulationen selbst ein
Schreckensbild für die Xaturlorschung ist, Virchow, der ein so schlechter
Beobachter ist, dass er als pathologischer Anatom selbst im Jahre 1858
noch immer nicht die Sj-mptome eines Kesorptionstiebers in dem Leichen-
befunde der am Kindbettfieber verstorbenen Wöchnerinnen erkennt.
Virchow hat kein Recht so zu sprechen, ausgenommen, Virchow hat
«einem Humor entsprechend in einem Augenblicke jovialer Aufrichtig-
keit sich selbst characterisiren wollen.
In dieser Schrift müssen wir uns natürhch nur auf die Bpecnla-
tionen beschränken, welcher sich Virchow in Bezug auf das Puerperal-
fieber schuldig machte.
Der Ausspruch Virehuws, die Xaturfurschnng kennt keinerlei
Sclueckbilder, als „den Kerl, der speculirt!4i steht mitten unter Specu-
lationen ; er steht nämlich in einer Einleitung zu einer längeren Reihe
von Mittheilungen über Puerperaleikrankungen. welche Virchow liefern
wollte, aber nicht geliefert hat; in welcher Einleitung von der Men-
struation, ('onception, von der Schwangerschaft, als von Dingen ge-
sprochen wird, welche in einem ursächlichen Zusammenhange mit dem
Puerperalfieber stehen.
Der Anatom, der Chirurg, der chirurgisch Operirte, der neugeborne
Säugling, ob Knabe oder Mädchen, welcher an Puerperalfieber oder
Pyaemie in meinem Sinne stirbt, hat nie menatroirt hat nie concipirt,
noch war er schwanger, und stirbt doch an derselben Krankheit, an
welcher die Wöchnerinnen sterben, und nieine Lehre, welche das Puer-
peralfieber auf nicht eine todte Wöchnerin unter 100 Wöchnerinnen
zu beschränken lehrt, basirt nicht auf der Kunst, die .Menstruation.
die I onception und die Schwangerschaft aufhören zu machen.
Die Schwangerschaft liefert für das Puerperalfieber nichts als
die resorbirende Fläche, aber beim Anatomen, beim Chirurgen, beim
chirurgisch Operirten, beim neugebornen Knaben oder Mädchen hat
die Schwangerschaft keine resorbirende Fläche gebildet, und das Puer-
peral lieber entsteht dennoch; bei Wöchnerinnen bringt die resorbirende
Flache kein Puerperalfieber hervor, wenn diese Fläche nicht mit einem
zersetzten Stoff verunreinigt wird, und wie unwesentlich die innere
resorbirende Fläche des Uterus für die Entstehung des Kindbettnehera
sei, geht daraus hervor, dass die geringste Verletzung an welch immer
einer Stelle des männlichen und weiblichen Körpers dasselbe leistet.
Virchow sagt : ..Für das Vorkommen von Puerperallieber-Epidemien
sind wesentlich zwei Umstände reu Interesse: die Witterungszustande
und die gleichzeitigen Erkrankungen. In ersterer Be&ehung scheint
es, dass die grösste Menge der Epidemien in den Wintermonaten vor-
gekommen ist.
Zu den gleichzeitigen Erkrankungen gehören nebst acuteu Exan-
382
Semmelweit' Abhüiullnngen und Werk ftbw daa Kindbettfieber,
themen hauptsächlich ausgedehnte erysipelatöse, croupöxe, jauchige und
eiterige Entzündungen.
Es jst ganz richtig, dass die grösste Menge der Epidemien in
den Wintermonaten vorgekommen ist, aber nicht wegen der Witteruugs-
zustände des Winters, sondern weil der Winter vorzüglich die Zeit
für die Beschäftigungen mit zersetzten Stuften ist. Als Beweis dass
die Witterungszustände keinen Einfluss auf die Hervorbringung des
kindbettüebers tlben, diäten Tabelle Nr. II, Seite 104 und Tabelle Nr.
MX. Seite 171 dieser Schrift.
Es ist eben so richtig, dass mit acuten Exanthemen, mit aus-
gedehnten erysipelatösen, croupösen, jauchigen, eitrigen Entzündu
gleichseitig Puerperalfieber vorkommt, und die Ursache dieses gleich-
zeitigen Vorkommens ist, dass derartige Kranke von Äerzten and
Hebammen behandelt und gepflegt werden, welche Aerzte und Heb-
ammen auch Schwangere. Kreissende und Wöchnerinnen behandeln
und pflegen.
Sollten die zwei citirten Tabellen Virchow nicht überzeugen, so
ert heilen wir ihm den Rath, er möge sich bei seinem Minister lies
Unterricht.es dahin verwenden, dass der geburtshilfliche Unterricht
für so viele Winter unterdrückt werden möge, als nöthig sind, um
Virchow durch das Gesundbleiben der Wöchnerinnen im Winter zu
überzeugen, dass die Witterungszustände des Winters nicht dasjeni^'
ist. welches die Kindbetthebci -Epidemien hervorbringt; den Einwurf
dass der geburtshilfliche Unterricht nicht unterdrückt werden dürfe,
kann ich nicht gelten lassen, denn ein geburtshilflicher Unterricht,
welcher so beschatten ist, dass Yiivliuw die Beobachtung marin n
könnte, obwohl wir ihn beim Puerperalfieber als schlechten Beobachter
kennen Lernten, dass die grusele Menge der Epidemien in den Wii
monaten vorkomme, dass mit. erysipelatösen. cnmpösen, jauchigen und
eitrigen Entzündungen gleichzeitig Puerperalfieber-Epidemien vor-
kommen: ein geburtshilflicher Unterricht^ welcher so beschauen
dass Virchow im Jahre 1858 einen Vortrag halten konnte in der Ge-
sellschaft fiir Geburtshilfe in Berlin über Puerperaltieber-Epidemien* ohne
dass sich auch nur eine einzige Stimme dagegen erhoben hätte, ein
solcher geburtshilflicher Unterricht ist so grundschlecht, dass er
unterdrückt werden muss. wenn er dadurch geläutert werden kann.
Wie soll denn der geburtshilfliche Unterricht nicht schlecht sein
in Berlin, wenn Professor Schmidt an Nusoconiialluft glaubt?
Professor CredÄ ') ist Epidemiker. und zur Bestätigung seiner
Lein e schickte er im Wintersemester 185-1 — 55 von 33t> Wöchnerinnen
58 in andere Stationen, um dort zu sterben; seine Uebersiedelnng
nach Leipzig hat in seinen Ansichten nichts geändert, in Leipzig
starben in drei Jahren von 594 Wöchnerinnen 20.
Busch's Nachfolger. Professor E. Martin.*) hat mir durch seinen
Vortrag, gehalten am 9. November 1858 in der Gesellschaft fiir 0e-
burtshilfe in Berlin „über Mutten Ohrenentzündung und Erguss des
eiterigen Secretes in die Bauchhöhle als eine Ursache der Bauchfell-
entzündung bei Wöchnerinnen'', die UeberzengURg verschafft, dass die
puerperale Sonne, welche in Wien im Jahre 1847 aufgegangen, seinen
noch nicht erleuchtet hat.
■i Animk'ii dea Charitö- Krankenhauses. 8. Jahrgang1. 1. Hefr
Muii-xlir.i! : ii I nl.urtskunde. 1. Band, 1. Heft, 18öy.
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettiiebers. 383
Die puerperalen Thrombosen (Seite 597).
Die puerperale Thrombose existirt im physiologischen Zustande
nur in den Öpeculationen Virchow's, aber nicht im Uterus der Wöch-
neriimen; im pathologischen Zustande existirt allerdings die Puer-
peralthromhose als Product des durch den resorbirten zersetzten Stoff
entmischten Blutes, im pathologischen Zustande ist die puerperale
Thrombose eine Localisation des durch den resorbirten zersetzten
Stoff entmischten Blutes, wie alle übrigen Localisationen. als da sind
die Peritonitis, die Endometritis etc. etc. etc.
Virchow glaubt, dass die Contractionen des Uterus nach pel"
Placenta nicht hinreichend seien, eine Blutung1 zu verhindern, und
(Lose eine physiologische puerperale Thrombose den vollständigen Ver-
schloss der Gefässe bewirkt. Die Contractionen des Uterus nach ge-
löster Placenta sind für sich allein vollkommen genügend, jede Blutung
dadurch zu verhindern, dass durch die Contractionen des Uterus nicht
nur das Rohr der Gefässe verengert wird, sondern zugleich wird durch
Verkürzung der Längenachse des Uterus die Strecke verkürzt, welche
die Gefässe durchlaufen, dadurch wird der Verlauf der Gefässe ein
mehr geschlängelter, dadurch ist eine Einstülpung der Gefttsswand in das
Gefässrohr bedingt- und die so entstandenen Klappen bewirken den
vollständigen Verschluss der Gefässe. Das geschieht im Momente der
Oontnwtion; bis zur Gerinnung des Blutes von so hoher Temperatur,
in einer so hohen Temperatur würden sich die Wöchnerinnen alle
verbluten.
Dass die puerperale Thrombose im physiologischen Zustande nirl.it
existirt, das beweisen die Sectionen. obwohl Virchow, um das Gegen-
theil zu beweisen, sich auch auf Sectionen beruft: es wird sich ja
zeigen, wer schlecht gesehen. Stirbt eine W.xlnimu nicht in Folge
von Puerperalfieber, so findet man nie eine Thrombose im Uterus,
stirbt eine Wöchnerin an Puerperalfieber, so kann sich im Uterus ein»-
Thrombose als Product des durch den resorbirten zersetzten Stoff ent-
aschten Blutes vorfinden, oder auch nicht, und findet sich wirklich
eine Thrombose vor, so sind doch so viele Gefässe thrombenfrei, dass
au.- diesen thrombenfreien Gefässen eine Verblutung hätte eintreten
müssen.
Da die puerperale Thrombose im physiologischen Zustande i
existirt, so kann auch die physiologisch-pnerperale Thrombose nicht
Veranlassung zum Puerperalfieber dadurch werden, dass die physio-
logische Thrombuse unter gewissen Bedingungen zu Eiter zerfällt,
und dadurch das Puerperalfieber hervorruft.
Dass auf diese Weise das Puerperalfieber nicht entsteht ist da-
durch bewiesen, dass meine Lehre, welche das Puerperalfieber auf
nicht eine todte Wöchnerin unter 100 Wöchnerinnen beschränken
leint, nicht auf Massregeln basirt ist, welche geeignet sind, die Bildung
der physiologischen Thrombose oder das Zerfallen der physiologischen
Thrombose zu Eiter zu verhindern.
Um zu beweisen, dass die physiologische Thrombose zum Puer-
peralfieber führt, sagt Virchow: ,,Je besser der Uterus contrahirt ist,
desto günstige!- sind die Verhältnisse für die Uteringelasse und um-
gekehrt : die Gefahr ist immer etwas grösser, wenn die Contraction
unvollständig ist. Die besten Beobachter sind darüber einig, dass bei
Uterinphlebitis der Uterus gewöhnlich in einem vergiösserten Zu-
stande verharrt."
m
N; in mel weis" Alihaiidlutlgeu und Werk über das Kimlbettfieljer.
Es ist allerdings richtig, dass bei Uterinphlebitis der Uterus in
einem vergrßsaerten Zustande verharrt, aber das Verharren in eineni
verdrossenen Zustande ist nicht die Ursache der Uterinphlebitis, sondern
umgekehrt, die Uterinphlebitis ist Ursache, d&sfl der Uterus in einem
vergrösserten Znstande, verharrt, so wie die Wöchnerin nicht deshalb
eine Peritonitis hat, weil sie einen Meteonsmus hat. sondern die
Wöchnerin hat einen Meteorismus weil sie eine Peritonitis hat.
Dass die schlechte Contraction des Uterus nicht zur physiologischen
Thrombose, und diese wieder zum Puerperalfieber führe, sondern dass
die schlechte Contraction des Uterus Folge der vorhandenen Uterin-
phlebitis >ei, und diese wieder die Localisation des durch den reaoT*
n zersetzten Stoff entmischten Blutes sei, ist dadurch bewiesen,
dass diese Uterinphlebitis durch Chlorwaschungen der Hände verhütet
werden kann ; durch ( "hlorwaschungen der Hände kann der zersetzte
Stoff zerstört werden, welcher in die Genitalien gebracht das I
peralfieber hervorgebracht hätte; wie wird durch Chlorwaschungeu
dei Hände die Bildung der physiologischen Thrombose verhindert?
wie wird durch UhUn-waschungen der Hände die Metamorphose des
physiologischen Thrombus verhindert, welche zum Puerperalfieber
l'ühi t ?
Welch hochkomische Dinge zu Tage gefördert werden, wenn
Mehrere über einen Gegenstand, den sie nicht verstehen, ein Unheil
fällen; dazu habe ich eben Gelegenheit, ein Beispiel anzuführen.
Der Leser weiss, dass Virchow der Ansicht ist, je schlechter die
Gontraction des Uterus und der Gefässe, welche den Uterus umgeben,
desto grosser die Gefahr der Bildung einer physiologischen Thrombose
und des Deberganges der Thrombose in Puerperalfieber und umge-
kehrt. Um nun eine gute Contraction hervorzurufen, dazu gehört,
wie Virchow sagt: „aller Wahrscheinlichkeit nach ein besonderer
Nerveneinfluss, und es dürfte insbesondere das Eintreten einer recht-
zeitigen Lartation, zumal das Milchfieber, in dieser Beziehung einen
grossen Einthlss haben, während alle paralysirenden und schwächenden
Einflüsse, wie sie schon für die ('ontraction des Uterus selbst sehr
nachtheilig wirken, auch die Gefäss Verengerung beeinträchti
Sollte es sich nicht auf diese Weise erklären, dass gerade bei heim-
lich Gebärenden, bei denen eine so grosse Aufregung des Nerven-
apparates stattfindet, so selten gefährliche Zufälle eintreten, wahrend
wir sie bei schwächlichen Frauen trotz der besten Pflege und noch
mehr in überfüllten Gebäranstalten unter miasmatischen Einflüssen
so oft. erfolgen sehen."
Virchow glaubt also, dass die Lactation und eine grosse Auf-
regung des Nervenapparates das Puerperalfieber verhüte,
Ki wisch sagt: ,.In Bezug auf die Milchsecretion machte ich die
Erfahrung, dass nichtsäugende Wöchnerinnen während der Epidemie
weniger zahlreich ergriffen wurden, als die Säugenden. So war in der
Prager Gebäranstalt die Anzahl der Erkrankten auf der Abtheilung
für Zahlende, wo keine Kntbuudene nährt, im Verhältnisse zu jener
auf der Abtheilung für Sängende immer eine geringere.'4
nzoni findet gerade in der Nerveuaufregnng die Ursache der
grosseren Sterblichkeit an Bildungsanstalten für Geburtshelfer im Ver-
gleiche zu ßildiin^sanstalten für Hebammen. Und Prof. Braun ist mit
Seanzoni einer Ueberzengung.
Die heimlich Gebärenden und die Zahlenden zu Prag sind seltener
Die Aetiologie, der Begriff und die l'rophylaxis des Kindbettfiebers, 385
erkrankt, weil selbe nicht dem Unterrichte gewidmet, folglich nicht
inficirt wurden; an Bildimgsanstalten für Geburtshelfer wird häufiger
infiiirt als au Bildung;saiist alten der Hebammen, und deshalb der un-
günstigere Gesundheitszustand der ersteren.
Die nach dem Jahre 1N47 erschienenen Schritten über Puerperal-
r haben mich je nachdem glücklich gemacht, wenn ich erfuhr,
dass dort und dort sich meine Ansicht bewährt, mein Glück wurde
getrübt, wenn ich wahrnahm, dass trotz des Erfolges die Sache doch
angezweifelt wurde, es erregte meine Indignation, wenn ich sah, wie
sich Unfähigkeit, Unredlichkeit, Gewissenlosigkeit breit machte, lange
Todtenlisten erpressten mir tiefe Seufzer: aber diese Schriften hatten
das Angenehme, dass selbe auch mitunter meine Lachmuskeln mehr
in Thätigkeit setzten, als selbst eine Nestroy'sche Posse.
Virchow schickt nicht blos auf eigene Faust Irrthümer in die
Welt; Virchow leiht auch die Autorität seines Namens fremden Irr-
thüniern. Virchow hat. die Irrthümer, in welchen Prof. Veit in Rostock
in Bezug auf das Puerperalfieber lebt, dadurch zu den seinigen ge-
macht, dass er »"ine Abhandlung desselben über Puerperalfieber in
sein Handbuch der speziellen Pathologie und Theorie aufgenommen
hat. in welcher Abhandlung für die epidemische und gegen meine
Lehre über die Entstellung des Puerperalfiebers gekämpft wird. Ich
kann hier nicht abermals die Lehre vom epidemisch, u Kindbettfieber
widerlegen, so wie ich hier nicht abermals meine Lehre begründen
kann, denn ich miisste gegenwärtige Schrift hier nochmals abschreiben:
wir begnügen uns daher mit einer einfachen Appellation an diese
Schrift, dass die Wahrheit auf meiner und der Irrthnm auf Virchou-
Veifa Seite stehe.
Nur den Ausspruch Veit's: „dass die Mortalit&tscurse des Wiener
Gebärhauses ein erschreckendes Beispiel liefern," weise ich mit der
ganzen Indignation, deren ich fähig bin, zurück. Die Sterblichkeit
Wiener Gebärhauses \v;tr nicht erschreckender als an allen anderen
Anstalten, in «eichen ähnliche Verhältnisse herrschten, und für ein
Unglück, welches aus allgemeiner Unwissenheit entspringt, kann
Niemand verantwortlich gemacht werden. Aber die erschreckende
Sterblichkeit des Wiener Gebärhauses hat zur Entdeckung der Lehre
geführt, wie das Puerperalfieber auf nicht eine todte Wöchnerin unter
LOO Wöchnerinnen zu beschränken sei. während eine ebenso erschreckende
Idichkeit andererorts keine andere Folge hatte, als die Füllung
des Leicheuhauses. Mit welchem Hechte spricht Veit von der er-
schreckenden Sterblichkeit des Wiener Gebärbanses, derselbe Veit,
welcher der Lehre, wie diese erschreckende Sterblichkeit abzuschaffen
sei. noch im Jahre 1865 Opposition macht? Derselbe Veit, welcher
diese erschreckende Sterblichkeit atmosphärischen, unserer Einwirkung
entzogenen Einflössen zuschreibt, und dadurch die Wöchnerinnen für
alle Ewigkeit zu dieser erschreckenden Sterblichkeit vernrtbeilt?
Mit welchem Rechte leiht Virchow diesem Ausspruche die Autorität
seines Namens, derselbe Virchow, welcher zwar meine Lehre noch
nicht angegriffen, weil er selbe in seiner Ueberhebung vornehm ign
und deshalb in solcher Unwissenheit über die Entstehung, den Begriff
und ili< Verhütung des Kindbettfiebers steckt dass er im Jahre lsös
in der Gesellschaft für Geburtshilfe in Berlin einen Vortrag über
rperalerkrankungen in der Charit e Italien konnte, in welchem er
die Epidemie im Monate November mit 20 Todten die höchste Höhe
Semmelweia' gesammelle Werke.
386
Semmel weis' Abhandlungen and Werk über das KifidbettAetar.
erreichen lässt. ohne auch nur zu ahnen, welch erschreckende und
zugleich welch verbrecherische Sterblichkeit dies sei. nachdem diese
Sterblichkeit sich ereignete eilf .lahre später, als man in Wien die
Sterblichkeit in Folge des Puerperalfiebers auf nicht eine Todte um m
100 Wöchnerirnen zu beschränken lehrte.
Seit 1847 gibt es tur mich nichts Erschreckendere-,, als ilen
trostlosen Zustand, in welchem sich noch immer der geburtshilfliche
Unterricht in Betreff des Kindbetthebers an der überwiegend :
Anzahl der geburtshilflichen Lehranstalten befindet.
In welch erschreckendem Zustande sich der geburtshilfliche Unter-
richt in R?m% auf das Puerperalfieber in Berlin befindet, hatten mr
eben Gelegenheit zu schildern.
V<m meinen Schillern, von den Medianem und den Chirurgen gar
nicht zu sprechen, üben bis jetzt 823 Schülerinnen von mir als Hebammen
die geburtshilfliche Praxis in Ungarn aus. welche besser wissen als
\ irchow, warum die grösste Anzahl der Puerperalepidemien im Winter
vorkommen, welche besser wissen als Vireliuw. was zu thun, um nicht
gleichzeitig Puerperalfieber zu haben, wenn Kranke mit erysipelat<i>en.
cruupüseu, jauchigen und eitrigen Entzündungen ihrer Pflege an-
vertraut werden; und welche aufgeklärter, als die Mitglieder der
Gesellschalt tür Geburtshilfe in Berlin. Virchow auslachen würden,
wenn er ihnen einen Vortrag über epidemisches Puerperalfieber
halten würde.
Zur Erforschung der Ursachen des epidemischen Puerperalfiebers.
Mitgetheilt ron
Prof. Dr. A n s e 1 m Martin1), königl. Director der Gebäranstalt
Münchens.
Eine bedauemswerthe Schattenseite für die kurz vorher in allen
Theilen neu bestellte Gebäranstalt Münchens bildete im Jahre 1 861
die Erscheinung des epidemischen Puerperalfiebers, das mit. kurzen
Unterbrechungen von Mitte December 1856 bis Ende Juni 1&57 zu
bekämpfen war. Ihre Statistik ist folgende;
Vom 1. Oktober bis Ende Juli wurden in der Gebäranstalt 1090
Pfleglinge behandelt. Von diesen sind am Puerperalfieber und ver-
wandten pathologischen Erscheinungen (Metritis, Phlegmasia alba
dolens. Phlebitis brachialis u. s. w.i erkrankt, genesen oder gestorben.
In der QtUmutaU
Ins Krankenhaus rransferirt
Nach der Entlassung aus der Gebäranstult ins
Krankenhaus gekommen
erkrankt 43, genesen SO, gestorben l.'i
.. -MV) „ 14.
&,
8,
„ S$ ., 47, „ 37
Es ist diese Thatsache einer Erinnerung wohl auch desslialb
werth, weil man gewöhnlich die Ungunst der Loyalitäten der
bäranstalten. ihre UeberfÜllung, Unreinlichkeit n. s. w. als eine der
vorzüglicheren Ursachen benennt ; nun aber das Leiden in einem gauz
b Monatsschrift für Geburtskunde. X. Band. 4. lieft. Berlin 1857.
-i Noch 4 sind iu Behandlung.
I>äe Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettüebers, 387
vom Grunde aus neugebauten Hause aufgetaucht ist. das wenige
Monate vorher erst bezogen, allenthalben trocken, reinlich und von
SanitÄts- wie van den Baubehörden bewohnbar erklärt worden war.
Dem Lichte und der Luft allenthalben zugänglich, geräumig und
jeder Anforderung entsprechend, war das ganze Haus mit durchaus
iiouen Gerätschaften, überhaupt in allen Theilen seiner inneren Ein-
üujr ganz neu bestellt. Die sehr geräumigen einzeln getrennten
Wochensäle enthalten nur 6 Betten, mit diesen Sälen und ihren Betten
wird beständig gewechselt, selbst ganze Flügel des grossen Gebäudes
werden oft längere Zeit freigelassen, abgesperrt, sowie denn der ganze
Flügel, alle Betten u. s. w. vollständig gereiniget und einer allge-
meinen Lüftung unterzogen werden.
Ueberhaupt ist nicht nur mit der äussersteu Sorgfalt und Wach-
samkeit, sondern selbst mit der mühevollsten Aengstlichkeit jede nur
immer mögliche Erzeugivngsursache der Krankheit in den baulichen
und inneren Organisationen des Hauses ebenso, wie bei dem Dienste
des Personals, dann auch bei jeder einzelnen Verpflegten, Tag und
Nacht aufgesucht, überwacht und angekämpft worden. Auch sind
fast alle Kranken jeder Art alsbald in das Krankenhaus gebracht
worden, nur jene wenigen, die nicht mehr überschickt werden konnten,
hat man im Hause behandelt.
Leichen winden schon nach wenigen Stunden aus der Anstalt
entfernt. Die Leidenden sind in den bestbestellten separirten Kranken-
zimmern unter besonderer Pflege behandelt worden. Das Dienstper-
sonal der Kranken war nur für diese bestimmt, und durfte kein Local
der Gesunden betreten, mit dem übrigen Hauspersonale nicht zu-
sammen leben. Die Krankenwäsche ist gesondert, gereiniget und für
Kranke erst nach sorgfältiger Reinigung und Lüftung gebraucht
worden. Klystirspritzen, Katheter n. 8. w. sind nur für die Kranken-
zimmer und in diesen benutzt, stets sorgfältig gereinigt und gesondert
aufbewahrt worden. Auch die eine Kranke besuchenden Aerzte hatten
sich bei dem Austritte aus dem Krankenzimmer stets mit Cblorwasser
die Hände zu reinigen, sowie in Lebeusordnung, Eeinlichkeit und
Diät u. s. w.. alle Pfleglinge des ganzen Hauses einer emsigen Auf-
sicht Tag und Nacht unterzogen, und in dieser stündig überwacht
worden sind.
Aerzte des In- und Auslandes, die während der Dauer der Epi-
demie die Anstalt besucht, und alle diese Einrichtungen, Ordnungen
und Ueberwachungen erfahren, wollten es kaum glauben, dass bei dem
bestehenden Vereine so selten zu findender glücklicher Verhältnisse
eines Gtabärhanses, wie sie nach den gemeinsamen Aussagen nicht
besser bestellt sein könnten, dennoch eine Epidemie des Puerperal-
fiebers auftauchen, überhaupt eine solche in dieser Anstalt je möglich
geworden sein soll. Die Erscheinungen, der Verlauf u. B. W. der
Krankheit, waren die allbekannten mit vorherrschend adynamischem
Character, die typhöse Form in der Mehrheit.
Das epidemische Puerperalfieber ist bereits in grösster Vollständig-
keit in der Literatur ausgestattet worden. Es liegt daher nicht in
Absicht, hier in Variationen nochmals zu bringen, was längst bekannt
ist. So hohen Wert diese Literatur auch besitzen mag. so ist.
uns die Kninkheit doch dabei nicht seltener, ihre Statistik nicht er-
freulicher, die Therapie nicht eine glücklichere geworden.
Es dürfte daher vollste Pflicht grösserer Gebäranstalten sein, von
25*
388
■SpinmelweH" Abhandinngen und Werk über das Kindbett tieber.
Zeit zu Zeit, und mehr als bisher, jene Thatsachen zu berichten, die
bei Aufsuchung möglicher ursächlicher Momente der Forschung" sich
ergeben haben. Die Erfahrungen sind hierin noch mangelhaft. Nicht
viele Gebflranstalten bieten hierzu ein gleiches Material, nicht zu
allen Zeiten sind klare Beobachtungen möglich und glückii
Locale u. B. w. erfreuen sich die wenigsten Gebärhänser. Eben in
diesen Verhältnissen glauben wir nun die Berechtigung zu finden, aus
der neubestellten Gebäranstalt Münchens vorläufig einige Beiträge für
weitere Forschungen aetiologischer Momente mit dem Wunsche geben
zu sollen, da&e sie dort, wo Gleiches möglich ist, geprüft nnd rer-
warthet werden möchten.
Hierauf haben wir Folgendes zu erwiedern : „Die Zeit für weitem
Forschungen nach aetiologischen Momenten des Kindbettfiebers ist
vorüber, da das alleinige aetiologische Moment für alle Fälle von
Kindbettfieber, keinen einzigen Fall von Kindbettfieber ausgenommen,
in den zersetzten thierisch organischen •Stoffen entdeckt wurde. Jetsl
ist die Zeit gekommen, für die Anstrengungen dieses alleinige aetio-
logische Moment des Kindbettfifiben unschädlich zu machen, damit in
der ganzen Welt in- und ausserhalb der Gebärhäuser die. Krankheit
seltener werde, damit ihre Statistik erfreulicher werde, und damit
ihre Therapie in dem Sinne glücklicher werde, dass man der Therapie
die Gelegenheit entzieht, oft unglücklich zu werden.
An welchen i>rten schon jetzt in der That in Folge der An
sti'-ngungen gegen den zersetzten tMerisch-organischen Stofl
Krankheit seltener, ihre Statistik erfreulicher und ihre Therapie in
dem Sinne glücklicher geworden ist, dass man der Therapie die Ge-
legenheit entzogen hat, oft unglücklich zu werden, das haben wir in
dieser Schrift an betreffender Stelle mitgetheilt.
„Nachdem wir in dem zersetzten thierisch-organischen Stoffe die
alleinige Ursache des Kindbettfiebers anerkennen, wollen wir die
übrigen aetiologischen Momente des Kindbettfiebei s, wie solche ran
Prof. Martin angeführt werden, als nicht astrologische Momente des
KiiullM-ttfiebers ignoiin n. und nur das anführen, was er von
cadaverüsen Infection sagt
„Es ist bekannt, dass sie als Ursache der Puerperalfieber be-
sonders in Gebaranstalten benannt und von einigen als solche awre-
nommen worden ist. Die an den Händen der Aerzte und Studirenden
(nach Untersuchungen oder Hebungen an Leichen» klebenden Leichen
theile, oder der selbst nach Waschungen mit Seifenwasser noch an
denselben haften bleibende cadaverose Geruch soll, als putride Luft
eingeimpft, die Eigenschaft haben. Puerperalprocesse zu erzen
Selbst der Leichengeruch, an Kleidungen, Wäsche u. s. w. soll die
liihitiim veranlasst haben.
..Wenn auch von vielen Bewährten der Wissenschaft diese
zeugende Ursache nicht will angenommen werden, so glauben vir
doch, und ohne uns jetzt schon dabei auf eine oder die andere Seite
neigen zu wollen, folgende Thatsache hier erwähnen zu müssen.
..Nachdem im Monate Januar und Februar längere Zeit keine er-
heblichen Erkrankungen mehr unter den Wöchnerinnen der Qeb&T-
anstalt aufgetaucht, erkrankten plötzlich wieder an einem und dem-
selben Tage zwei Wöchnerinnen unter den Erscheinungen des epl*
demischen Puerperalfiebers,
„Beide hatten an einem und demselben Tage und fast zur selben
Die Aetiologic, der Begriff und die Prophylaxis des Kimlbeittieberü. 389
Stunde normal geboren; bei Beiden war eben sowenig wie im ganzen
Hause irgend eine für die Erkrankung bekannte Ursache zu gewinnen.
„Bei dieser so auffallenden Erscheinung gelang- es endlich durch
esetzte Nachforschung zu erfahren, fli Lastatenl ohne Wissen
Standes der Anstalt die Oefthung einer Kindesleiche, zwar im
I- ii t lernten Leichenzimmer des Kanses, vorgenommen, auch sich hierauf
nach Aussage, sorgfältig und mit Oilonvasser gewaschen, unmittelbar
nachher aber nur diese zwei Gebärenden allein explorirt habe.
„Da die beiden Erkrankungen ungewöhnlich schnell nach der
Geburt, und von allen Wöchnerinnen des Hauses nur diese zwei er-
krankt sind, gestand der Schuldige die Thatsaehe, zugleich mit dem
Anhange, das von ihm das Gleiche im December, am Tage des ersten
Erscheinens des Puerperalfiebers in der Gebäranstalt vollzogen
worden sei. Auch damals sind nur die vmi ihm nach einer Leichen-
ftflhnng Explorirten allein zuerst erkrankt.
„Den im December und Mitte Februar (durch cadaveröse In-
fection?) erzeugten Erkrankungen folgten jedesmal bald auch mehrere
leichtere oder schwerere Pnerperalfiebertalle. sie verbreiteten sich
schnell durch weitere Räume des Hauses. Es begleitete sie immer
ein Kränkeln mehrerer Wöchnerinnen, und es bedurfte eines Zeit-
raumes von 16 bis 21 Tagen, bis endlich wieder glücklichere Ver-
hältnisse zu sehen waren.
„Diesen Erlebnissen dürfte noch anzureihen sein, dass die ge-
burtshilfliche Universitätsklinik der Gebäranstalt Münchens täglich
Morgens von 10-11 Ihr gehalten wird; dass in diese eine gr
Anzahl von Practicirenden unmittelbar von den mediciaischen mit
Typbuskrankeu belegten Kliniken des Krankenhauses, manchmal auch
von den anatomischen Sälen kommen; dass der Gehärsaal dann häufig,
ebenso die Wochensäle der Klinik, die Nachweisung der Luft der
Anatomie geben, auch dass einige Practkirende bei den Leichen-
öffnungen Leicheutlieile berühren und dieses Verhältniss zu über-
wachen und zu beseitigen unmöglich ist.
.1 einer dürfte hier zu erinnern seiu, dass bisher die Gebär-
anstalt Münchens nur immer während der Dauer der geburtshilflichen
Universitätsklinik, und nur seit diese mit ihr verbunden isl (seil dem
Jahre 18241, Aufsein •eibungen von epidemischen Puerperalfiebern, die
in der Anstalt aufgetaucht sind, in ihren I.Ygistiaturen besitzt, und
die früheren, sehr genauen Listen, diese Krankheit kaum erwähnen.
ferner dass Practicirende, die im Hause wohnen, nicht selten patho-
logische Anatomie mit mikroskopist heu wie chemischen l'ntersuehtingen
betreiben, und von diesen oft schnell zu Gebärenden, ihren Explora-
tionen u. s. w. abgerufen werden u. s. w.; auch eine genaue Deber-
wacliung vor diesen riii.rsuchungen. bekanntlich dem IV reiche der
Unmöglichkeiten zugezählt werden muss. Ebenfalls dürfte zu er-
wähnen sein, dass alle diese Verhältnisse auch in den früher be-
wohnten Localen während und bei den misslichen Verhältnissen des
Hauses ohne Erscheinungen epidemischer Puerperalfieber bestanden
haben.
„In Folge Befehles der fcßnigl. Regierung wurde mit Anfang
April bis 12. Juni die geburtshilfliche Universitätsklinik geschlossen.
Die Erkrankungen haben zwar nicht geendet, doch sind sie seltener
und minderen Grades geworden,
390
Semmel weis' Abliandiuugen und Werk über das Kindbetttieber.
..}lit iitin Eintritte der besseren Jahreszeit (Anfangs Juni) haben
sie ganz aufgehört.
..Als die Klinik im Juli wieder von Studirenden besuch i wurde,
tauchten zwar nochmals einige rasch und tödtlich verlaufende Krank-
heitsfälle auf. Doch haben auch sie wieder geendet, als die Klinik
durch den Schluss des .Semesters nicht mehr von Studirenden besucht
worden ist. Kin Zusammenhang mit einer Infection durch die Stadiren*
den ist bei diesen wenigen Erkrankungen nicht anzunehmen. Sie
erscheinen als sporadische Fälle, wie sie oft am Schlüsse von Epidemien
sich finden."
Diese Beobachtungen sprechen so laut für sich selbst, da&fl
eines Commentars nicht benßthigen, ich setze voraus, dass die Schüler
angehalten Bind, ror jeder Untersuchung sich die Hände in
wasser zu waschen, obwohl es ausdrücklich nicht gesagt wird.
Das Gebärhaus in München ist ein schlagender Beweis, da.--
trotz der vortrefflichsten Einrichtungen für die Grebärhauser in Bo
lauge kein vollständiges Heil geben wird, bis nicht das von mir von
s üiiimtlichen Regierungen erbetene Gesetz, nämlich dass es jedem
Gebärhause Beschäftigten geradezu verboten wird, sich mit zer-
setzten Stoffen zu beschäftigen, in seiner vollsten Strenge gehandhabt
werden wird.
Ist es gerechtfertiget, den guten Gesundheitszustand eines lie-
bärhauses von dem guten Willen der Schüler abhängig zu machen?
kann nicht bei dem besten Willen Aller der Leichtsinn eines Einzigen
grosses Unheil stiften?
i ;n! Braun.
mein Nachfolger in der Assistenz, and gegenwärtig Professor der
Geburtshilfe an der I. Klinik zu Wien, an derselben Klinik, deren
schlagende Daten mir das Unwahre der bisher giltigen Aetiologie See
Kindbettfiebei s .1 kennen Hessen, und an der ich die ewig wahn-
Aetiologie des Kindbettfiebers entdeckte, ist Gegner dieser von mir
ent leckten ewig wahren Aetiologie des Kindbettfiebers1). Dieser
Verhältnisse wegen dürfte der Leser geneigt sein, seinem ürtheile ein
grösseres Gewicht beizulegen, als dem eines jeden Anderen meiner
Gegner, es erwächst hieraus für mich die Verpflichtung, in der Wider-
legung Carl Brauns muh gründlicher zu Werke zu gehen, als wir
das bei unsern früheren Gegnern gethan, aber Carl Braun macht uns
die Arbeit leicht; Carl Braun sagt in dem Grade ungereimte Dinge
Schlag auf .Schlag, dass wir besorgen, uns dem Verdachte auszusetzen,
als würden wir seine Opposition nicht getreu geben, wenn wir selbe
nur dem Sinnt nach geben winden, wie wir es zum grossen Theil bei
den übrigen Gegnern gethan; um uns nun gegen diesen Verdacli
selnitzen, bleibt uns nichts anders übrig, als seine Opposition Wort
tiir Wiirt abdrucken zu lassen.
Gar] Brann's Opposition gegen die von mir entdeckte ewig wahre
Aetiologie des Kindbetttiebers entspringt nicht seiner Ueberzeuguug.
dass meine Aetiologie nicht wahr sei; seine Opposition ist begründet
zum Theil in seiner Unwissenheit über die wichtigsten Lehrsätze
meiner Aetiologie. zum Theil in seinem bösen Willen.
1 Klinik der Gehuitslulle und Gynaekologle von Chiari, Brann, Spaeth. Er-
laogen, 1855. Lehrbuch flez Gebuitahifie von Bnut, Wien 1H57.
Die Aetiologie. der Begriff und die Prophylaxis des Kiudbettliebers. 391
Zeigt es nicht von bösem Willen, wenn <.'arl Braun an zahlreichen
stallen meine Lehrsätze wiedergibt, und dann in der Klinik durch 12
im! in seinem Lehrbuche durch 4 Drucksachen hindurch denselben
L' -In -sitzen Opposition macht?
Wir werden bei Beurtlieilung Carl Braun 's diese Stellen berühren,
vorlaufig genüge als Beispiel eine einzige. Carl Braun sagt bei der
Prophylaxis des Kindbettfiebers | Klinik. Seite 533; Lehrbuch. Seite 971):
„Da das Puerperalfieber oder Pyaemie durch Einimpfung vom
Leichengift erzeugt werden, und durch Uebertragung von septischen
■hinten , sowie durch das Zusamnienwohneu mit Andern an einer
der verschiedenen zvmotischen Krankheiten, wie: Typhus. Cholera,
Scharlach, Masern u. s. w. Leidenden verbreitet werden könne, so ist
es die strenge Pflicht der Aerzte. auf die Absonderung der gesunden
Wöchnerinnen von zymotisch-erkrankten Individuen, sowohl in Privat-
wohnungen, als in Gebärhäusern genau zu sehen, und niemals eine
Untersuchung oder eine Operation bei einer Schwangeren. Gebärenden,
Wöchnerinnen zu gestatten, wenn kurze Zeit zuvor ein irilfeleisteudes
Individuum mit Leichentheüen oder septischen Exsudaten zu thun
hatte." Ohi in der Klinik für Geburtshilfe und Gyuaekologie B6ta1
Carl Braun in einer Anmerkung noch hinzu: ,rEs ist daher die löb-
lichste Vorsicht eines jeden Klinikers, die klinischen Explorationen
in den frühesten Morgenstunden vornehmen zu lassen, bevor noch
]!«jM-häftigungen an Cadavern vorgenommen werden." Kann Carl
Braun aus Ueberzeugung, dass meine Leim' falsch sei. mir opponiren?
Aus der Tabelle, welche sich in gegenwärtiger Schrift, Seite 184,
EULter Nr. XXIV befindet, ersieht der Leser, dass während der eisten
39 Jahre des Bestehens des Wiener Gebärhnusis die Sterblichkeit
ohne anatomische Grundlage der Medicin l..,5 Percent betrug. Durch
Annahme der anatomischen Grundlage der Medicin stieg die Sterin
Henkelt in den nächstfolgenden 10 Jahren auf 5,3„ P.-A.
Nun wurde das Gebärhaus in zwei AMlipilungen getrennt und
beiden Abtheilungen wurden Schüler und Schülerinnen in gleicher
Anzahl zngewiesen. Die Sterblichkeit der I. Abtheilung steiget te sieh
in den nächstfolgenden 8 Jahren auf 6.M P.-A. Durch Zuweisung
sämmtlicher Schüler der T. Abtheilung steigerte sich in den nächst-
folgenden 6 Jahren die Sterblichkeit auf '.*.,,.. P.-A. Durch Einführung
der Chlorwasehungen beiläufig Mitte Mai 1847 au 1 der I. Klinik ver-
minderte sich die Sterblichkeit auf 5.,u P.-A., und im Jahre 1848, wo
das ganze Jahr hindurch durch mich die Chlorwasehungen beauf-
sichtiget wurden, sank die Sterblichkeit, auf 1,... P.-A. In den folgen-
den 5 Jahren, in welchen Carl Braun Assistent war, hinzugenonmien
tel Jahr 1858. in welchem Carl Braun als Professor an dieser Klinik
fumrirte. ereigneten sich 24,092 Geburten, davon starben fil3, also
L\ls P.-A.. es minderte sich die Sterblichkeit daher im Vergleiche der
«. Jahre, innerhalb welcher an der Klinik für Aerzte keine ChlOf-
Wi M-luingen gemacht wurden, um 7MI Proc.-Antlieil oder mit andern
Worten, wären die l'hloi Waschungen nicht eingeführt worden, so hätte
sich die Sterblichkeit der Klinik der Aerzte in der Ausdehnung fort-
gesetzt, in welcher Ausdehnung die Sterblichkeit sieh an dieser Klinik
ereignete während der 6 Jahre ohne Chlorwasehungen. es wären mit-
hin 24.JO Individuen gestorben; da aber BIS Individuen starben, so
wurden in Folge meiner Lehren über die Entstehung und Verhütung
392
Semmelweis' Abhandlung-eu und Werk über das Kindbettfieber.
des Kindbettfiebers 837 Individuell in diesen 6 Jahren gerettet . In
dieser Zahl fehlen die Kinder, welche von diesen 887 geretteten Indi-
viduen das Puerperalfieber uiitgei heilt bekommen hätten.
Zur besseren Orient! rung tlieile ich dem Leser mit. ieilfl
Üraun die rhln Waschungen längst aufgegeben und dafür seinen Schülern
den liath ertheilt, nicht zu untersuchen, bo lange die Hände eada-
verösen Geruch verbreiten. Ist das nicht bfiser Wille, wenn Carl
Braun meine Leine verleumdet, welche ihm in 6 Jahren 837 Mütter
gerettet hat? ungerechnet die geretteten Kinder. Freilich hat m
Lehre innerhalb dieser G Jahre nicht das geleistet, was sie zu leisten
berufen ist. Oder mit andern Worten: in diesen 6 Jahren sind Dicht
blos Fälle von Kindbettfieber in Folge von Selbstinfection vorge-
kommen, sondern es sind, da von 24,692 Wöchnerinnen G13 gesto*
sind. 367 Fälle von verhütbarer Infection von aussen vorgekommen,
und wenn wir jährlich 10 Infectionsfalle vuii aussen den ungünstigsten
Verhältnissen der I. Gebärklinik zuschreiben, weil ja auch wir in
Jahre 1848 zehn Infectionsfalle von aussen nicht verhüten konnten,
so bleiben noch immer für 6 Jahre 317 Individuen und die Rinder,
welche von diesen 317 .Müttern inncirt wurden, welche dem bi
Willen Carl Brauns dadurch zun fielen, dass er, gegen seine
bessere Ueberzeugung. nicht nur gegen meine Lehre ttber die Ver-
hütung des Kindbettflebers geschrieben, sondern auch seinen Schülern
Lehre Vorträge gehalten hat und dadurch seine Sei
ZU einem gefährlichen Leichtsinn verleitet hat. Lud was werden d
BO BCblecht belehrten Schüler Carl Brauns für l'nheil stiften in ihrer
selbst st an digen Thätigkeit. Die Entsetzen erregende Thätigkeit eines
sriuer Schüler sind wir in der traurigen Lage constatiren zu können.
Gustav lliiiun, i'arl Brauns Schüler. Bruder und Nachfolger in der
Assistenz, hat während seiner vierjährigen Assistenz von 16,197 Wöch-
neriunen K78 an Puerperalfieber, und zwar 161 in Folge von Selbst-
infection und 717 in Folge, verhütbarer Infection von aussen verloren,
und wie gross mag die Zahl der Kinder sein, welche von diesen 717
Müttern inficirt, gleichfalls an Puerperalfieber gestorben sind.
I h hören wir. was Carl Braun, und zwar in der Klinik <U'v
Geburtshilfe und t-iynaekologie sagt. Nach Carl Braun gib! es 30
Ursachen des Eindbettfiebers; die achtundzwanzigste ist die cadaverose
Infection. Von derselben sagt er Folgendes: „Als die vorzüglich
ja fast als die einzige Ursache der Puerperalfleber-Epideiraen suchte
Bemmetweis im Jahre 1847 die Theorie der cadaverösen Infection
aufzustellen, nach welcher die an den Händen nach Untersuchungen
oder Cebungen am Cadaver klebenden Leichenteile oder dei nach
Waschungen mit Seifenwasser an demselben haften bleibende tü-ruch.
als putride Luft, die Eigenschaft, haben sollen durch die innere
ploration der Gebarenden Pucrperalprocesse einimpfen zu können.
Seiumelweis fand hierin in Professor Skoda einen Vertheidige
Der Leser sieht, wie schlecht Carl Braun die Gelegenheit benützt hat.
die ihm geboten war. etwas zu lernen, da er nur eine Quelle
zersetzten Stoffes, cimlich die Leiche, da er nur einen Träger des
zersetzten Stoffes, nämlich den untersuchenden Finger, kennt, und
wie heilig ihm die Wahrheil ist. geht daraus hervor, dass er in der
Literatur nebst der Acadeinie der Mediein in Paris noch zehn •;.
angetroffen, aber nur einen einzigen Vertheidiger.
Die einzige Ursache aller PuerperaMeberfälle ist ein zersetzter
i'i' Axiologie, der Begriff nnd die Prophylaxis des Kindbettfleben. 393
Nntf. über ni.hr d( sr zersetzte Stoff allein, welcher vom Cadaver kommt;
iler Leser weiss, dass ea drei Quellen des zersetzten .Stoffes gibt, und
hier wird mehr aus dieser, dort mehr aus jener Quelle inficirt. In
Wien war es onzweif elhaft derOsdaver, von welchem her am häufigsten
inficirt wurde; vor ln->$ gab i s in Wien auch medicinische und chirur-
gische Abteilungen, der Leser weiss, in welchem Grade sich nach
dieser Zeit in Folge der anatomischen Richtung1 der Medicin die
Sterblichkeit des Wiener Gebärhauses steigerte. Im Fester St.-Roilnis
Spinde war es der zersetzte Stoff einer Chirurgischen Abtheilnug,
mittelst welchen am häufigsten inficirt wurde, an der geburtshilflichen
Klinik zu Pest waren es zweimal unreine Leintücher, woher die
Infection kam; von Prag erzählt Chiari, dass zwei Kreissende, deren
Genitalien während der Gebun fauche absonderten, zweimal eine
Puerperalfieber-Epideurie hervorbrachten etc. etc. etc.
Der Träger des zersetzten Stoffes ist nicht Mos der untersuchende
Kiuger, sondern jeder Gegenstand, welcher mit einem zersetzten Stoffe
verunreinigt ist und mit den Genitalien der Individuen in Beruh rnng
kommt.
Zur Begründung' seiner Ansicht stellt Semmelweis folgende Sätze auf:
a) Die Sterblichkeit der Wöchnerinnen ist. in der Wiener Schule,
in welcher Aerzte. die sich mit pathologisch-anatomischen Unter-
suchungen beschäftigen, unterrichtet werden, constanl viel grosser als
in der Hebammenachule.
b) Das Waschen der Hände der Aerzte vor den Untersuchungen
der Gebärenden mit einer Auflösung von Chlorkalk zerstöre allen an
Jen Händen zurückbleibenden caday erösen Gerach und *-i ein Schutz-
mittel gegen Puerperal processe, wenn nach Beschäftigungen aui Cadaver
geburtshilfliche Untersuchungen vorgenommen werden müssen.
Auf diese zwei Punkte erwiedert 0. Braun Folgendes: Ad a) «nid
b) Während des Wim eis 1840 herrschte an der I. Gebärklinik unge-
achtet der anbefohlenen Chlorwaschiingen einePm 1 1 ei alfieber-Epidemie,
welche im Beginne der besseren Jahreszeit im April ohne eruirbare
tche aufhörte. Im Sommersemester kamen unter 181H Gebnrts-
tällen blos 2t* Sterbefälle, mithin l.t ",;„ vor, ungeachtet vom klinischen
Vorstände Professor Klein der Unterricht ununterbrochen ertheilt und
die Opeiaiiiisiil Hingen an Cadaverm mit den Studirenden vom A
stenten fleissig vorgenommen wurden.
Im Wintersemester 184'.I5U trat wie gewöhnlich
Puerperalfieber mit Heftigkeit auf, so dass auf 1888
ßterbefälle, somit 2.ft ",, kamen.
Diese Erscheinungen mussten den Glauben auf die Schutzkrafl
des Chlorkalks wesentlich erschüttern.
Da nach Semmelweis" Vorschlag eine Chlorkalklösuug in ein offenes
Gefass (Lavoir) gebracht wurde, in welches alle anwesenden Studirenden
ihre Hände einzutauchen uu-i mit einer Nagelbürste zu reinigen hatten,
ein sehr schwacher Chlorgerach an diesem Desinfectionswasser, aber
desto mehr Gyps im Bodensatze desselben angetroffen wurden, so Hess
man eine mit einem Pipette versehene und auch oben verschliessbare
Kanne aus Glas im Grhitrl s/iunner anbringen, in welche vor dt'V
Visite eine frische Chlorkalklösiing eingebracht wurde, damit jeder
Studirende iror oder nach jeder Untersuchung' mit reinem, nach i'hlor
aendera Wasser die Hände sich reinige. Bei der gewiBsenhafteeten
im Herbste das
Geburtsfälle 77
394
Semiuelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbetttieber,
allseitigen Desinfection aller explorirendeu Hände steigerte sich die
Epidemie vom Jänner bis März von 3.,,",, bis 5,,,",,.
Mir einbrechendem Sommersemesur L850 hörten die Pnerpe
proeesse auf. bo dasa auf 1725 Geburtsfalle 10 Sterbefälle, d. i. o. .
kamen. Da die Zersetzung der Cadaver im Sommer Fiel rascher vm
stell geht als im Winter, und an den Händen nach Operationsübungen
der Leichengeruch länger haftet, so wurde beobachtet, dass derselbe
nach oftmaligem Touchiren und Reinigen der Hände mit Chlorwa«
im Sommer an den Händen (nach Ableiriiim' des Rockes, der bekannt-
lich viele Stunden deutliche Spuren des Leichengeruches nachweist
nicht zerstört wurde. Es durfte daher der Desinfectionskru ft
Chlorkalkes in der eingeführten Anwendungsweise nicht mehr blind-
lings vertraut weiden, und es musste jedem Studirenden auf das Se-
wiisi-iiljafteste anbefohlen werden, keine Gebärende oder Schwangere
zu untersuchen, wenn an demselben Tage ein Cadaver von ihm be-
rührt wurde.
1'ngeachtet der grössten Vorsicht raffte das Puerperalfieber im
Jänner und December 1851 3— 5°,(„ im März aber sogar 7.,% dahin.
In den Jahren 1841) bis 1852 wurden, wie gewiss auch der frühe-
ren Zeit, alle damals bekannten Mittel mit der grössten Aufmerksam-
keit angewandt, und dennoch machten wir an der Schule für Hebammen,
an welcher eine Leicheninfection nicht leicht möglich ist, an %vel
die Chlorwaschungen auf das strengste auch überwacht winden,
welcher derselbe umsichtsvnlle Vorstand und derselbe wohlerfahrene
Assistent fungirten, und keine eruirbaren Veränderungen in dem
Loyale vorkamen, die traurige Erfahrung, dass im Jänner und März
1859 von 10 bis 12% Wöchnerinnen au Puerperalfieber verloren
gingen. Diese Thatsachen müssen die Hypothesen der cadavci
Infection. die sich meistens auf die Vergangenheit stützte und daraus
sehr kühne Schlösse zog, vollends erschüttern und uns ermahnen, auch
anilere. aetiolugiselie Momente zu erwägen. lieber die verschiedensten
Kinttiisse. welche auf den Krankheitszustand eines Gebärhauses in
mehreren Deeennien eingewirkt haben können, kann der Geburtshelfer
im Augenblicke eben so weuig Rechenschaft geben, als der Chirurg
über alle Fälle von Pyaemie und Hospitalbrand, die sich während
vieler Jahre unter seinen Operirten ereigneten, einen genügenden
Aufschluss würde geben können, wenn ihm plötzlich insinuirt würde,
dasa diese Leiden stets daher rührten, weil aie Operationszöglinge auf
Operationsübungen am Cadaver inner- oder ausserhalb des klinischen
Hörsaales sich beschäftigten!
Hierauf haben wir Folgendes zu erwiedem. Wenn Carl Braun
mir den Satz zur Begründung meiner Ansicht unterschiebt: .. I>ie
Sterblichkeit der Wöchnerinnen ist in der Wiener Schule, in wel
Atrzte, die sich mit pathologisch-anutmiiiseheii Untersuchungen be-
schäftigen, unterrichtet werden, con stallt viel grösser als in der
Hebainini nschule," so unterschiebt er mir ein Falsuni. Der Leser weiss,
dasa die beiden geburtshilflichen Schulen in Wien seit dem Jahre 1H33
bestehen [siehe Tabelle Nr. XXII Seite 182, Tabelle Nr. I Seite 100
Tabelle Nr. XXIII Seite 183), während der ersteu acht Jahre ihres
Bestehens bis zum Jahre 1841 waren Schüler und Schülerinnen an
beiden Abtheilungen in gleiche)- Anzahl vertheilt, die durchschnittliche
Sterblichkeit dieser acht Jahre war an der I. Abtheilung ci..«",,. die
der II. Abtheilnng 5,:>s%. die absolute Sterblichkeit war an der I. Ab-
Die Aetiologte, der Begriff und die Prophjlaxia des Kiudbetttiebers. 3^5
theilung in diesen acht Jahren immer grösser, die relative Sterblich-
keit war in den Jahren 34, 36, 38 an der II. Ahtheilung grösser al>
an der I. Abtheilung; die jährliche Durchschnittszahl des Plus der
verpflegten Wöchnerinnen an der I. Abtheilung betrug 1246 Wöchne-
rinnen. Bei gleicher Infeetionsinögliehkeit konnte an den beiden Ab-
teilungen keine wesentlich differente Sterblichkeit vorkommen.
In den nächstfolgenden 6 Jahren bis zum Jahre 1847 war die
I. Abtheilung ausschliesslich Klinik für Aerzte., und die II. Abtheünng
ausschliesslich Klinik für Hebammen ohne < hloi Waschungen, und bloss
in diesen 6 Jahren war die absolute nnd relative Sterblichkeit an der
Klinik für Aerzte constant grösser: die durchschnittliche Sterblichkeit
dieser 6 Jahre war an der Klinik ti'ir Aerzte 9«
für Hebammen 3Ä6°/0
, die der Klinik
das Plus der verpflegten \\ 'ochnerinnen an der
L Klinik betrug 375. Das Plus der Sterblichkeit dieser fi Jahre war
bedingt durch die pathologisch-anatomischen Untersuchungen der
Schüler. In den 12 Jahren nach Einführung der Chiorwaschungen
bis zum Jahre 1859 war die absolute Sterblichkeit an der Hebammen-
schule im Jahre 1851 mit 4(5 und im Jahre lSfid mit 11 Todten grössei.
als in demselben Jahre an der Klinik für Aerzte. Im Jahre 1851
wurden an der Klinik für Aerzte 799, im Jahre L862 wurden 1111
WOchnerinnen mein- verpflegt, hie relative. Sterblichkeit war wahrend
5 Jahren an der Klinik für Hebammen grösser als an der Klinik für
Aerzte. Die Durchschnittszahl des Plus der verpflegten Wöchnerinnen
an der Klinik für Aerzte in diesen 12 Jahren betrug 598 jährlich.
Die Ohlorwa*« hmiiaii haben das constante Plus der Sterblichkeit
an ier Klinik für Aerzte aufgehoben.
Mein Satz: „Die Sterblichkeit der Wöchnerinnen ist in der
Wiener Schule, in weh hei- Aerzte. die sich mit pathologisch-ana-
tomischen Untersuchungen beschäftigen, unterrichtet werden, constant
viel grösser, als in der Hebaramensehule/' bezieht sich auf die
6 Jahre, während welchen die I. Klinik ausschliesslich für Aerzte
und die IL Klinik ausschliesslich für Hebammen bestimmt war. ohne
( Ittlorwaschungen.
Wenn daher C. Braun diese Zeit ignorirt, und mit dein Winter
1849 beginnt) wo in Folge der rhlurwaschungen kein Unterschied
mehr war in der Grösse der Sterblichkeit der beiden Abtheilungen«
wo die Grösse der absoluten und relativen Sterblichkeit zwischen
beiden Abtheilungen schwankte, wo die zwölfjährige dun -hsi hnittliöhe
Sterblichkeit an der I. Klinik 3,»%, an der II. Klinik 3.llft"„ betrog1,
so hat C. Braun durch dieses Manöver nicht die Wahrheit meines
Satzes mngestossen, er hat einfach ein Falsuni begangeil.
(.'. Braun sagt, nach Semmel weis sollen die an der Hand klebenden
Leichentheile die Eigenschaft haben, durch innere Exploration Ier
Gebärenden. Puerperalfieber hervorzurufen; und diese meine Ansicht
ii» 'kämpft er auf«) Druckblättem; dessenungeachtet sagt er, als er
über die. desinficirende Eigenschaft des Chlorkalkes zu sprechen kommt,
der Chlorkalk schütze nicht gegen cadaveröse Infection, es müsse da-
her jedem Schüler auf das Gewissenhafteste anbefohlen werden, keine
Gebärende oder Schwangere zu untersuchen, wenn er an demselben
Tage einen Cadaver berührt hat.
Vir dem Jahre 1847 war mir die Eigenschaft, dass Cadavertheile
das Pnerperalflebi hervorrufen, nicht bekannt, ich habe daher bei
geburtshilflichen Untersuchungen keine Rücksicht darauf genommen,
396
Semmelweis' Abhandlungen und \Y< rk über d»s Kinduettfi-
ob meine Hände von Cadavern rochen oder nicht. Uie Folgren. welch«
dieses Nichtwissen hatte, habe ich an den betreffenden Stellen dies«
Schrift lnitgetheilt. Üeberzeugt sein ist doch sicherer als nicht Wissen,
Kreon daher G. Br&tm überzeugt ist, dass der Carlaver nicht infinit.
wann) verliess er sich denn nicht einmal auf die Sehutzkraft des
Chlorkalkes, warum befiehlt er dem seinen Schülern auf das Qewiasen-
hafteste. kein«* Gebärende zu untersuchen, wenn an demselben Tage
ein Cadaver von ihnen berührt wurde?
Aber etwas längnen und es dennoch beobachten, heisst ein Fal-
sum begehen.
Ilass (Ist Cadaver intirirt und daSS dei' Chlorkalk desiufirirl . hat
selbst 0. Braun bewiesen.
Wir haben schon Gelegenheit gehabt zu erzählen, dass wahrend
dei fünfjährigen Assistenz und der einjährigen Professur C. Braun's
sich 24,692 Geburten ereigneten, davon starben 613, also 2.1S°„; es
verminderte sich daher die Sterblichkeit im Vergleiche zu den
fi Jahren der Klinik für Aerzte ohne Chloi Waschungen, durch Ver-
hütung der radaverösen lnfection mittelst Chlorwaschungen um 7,4 ,
und wenn wir die Sterblichkeit der einzelnen Monate nehmen, so
selbe während der 6 Jahre ohne Chlorwaschungen bis 31",,. während
in den einzelnen Monaten die Sterblichkeit während der vierjährigen
Assistenz C. Braun's 7% nicht überstieg. Vom fünften Jahre und
vom ersten Jahre der Professur stehen uns die Monatsrapporte nicht
ZU Gebote.
Wir haben gesehen, dass C. Braun die cadaveröse Lnfection be-
kämpft, und dass er dennoch gegen die cadaveröse lnfection Schutz
sucht; denselben Widerspruch finden wir auch beim Chlorkalk wieder,
er spricht dem Chlorkalk jode desinficirende Eigenschaft ab. und lehrt
eine vollkommenere .Methode der Anwendung des Chlorkalkes, als
ich gelehrt
Ich habe im Jahre 1848 von der desinticirenden Eigenschaft des
Chlorkalkes nach einer vollkommenen Methode Gebrauch gemacht,
und habe 10 Fälle von verhütbarer lnfection von aussen gehabt .
C. Braun hat nach einer vollkommenen Methode von der desinticirenden
Eigenschaft des Chlorkalkes Gebrauch gemacht und hatte im Jahre
1849 66, im Jahre 1850 37, im Jahre 1851 34, im Jahre 1852
137, im Jahre 1853 52. im Jahre 1858 44 verliütbare Infeetioiisialle
v.>n aussen.
Den Grund, warum C. Braun trotz der Anwendung einer voll-
kommeneu Methode mehr Infectionsfälle von aussen hatte als ich,
finde ich in der Opposition C. Braun's gegen meine Lehre, wodurch
die Vorsicht der Schüler eingeschläfert wurde..
Und wie competent OL Braun bei der Aetiologie des Kindbett-
fiebers mitspricht, geht daraus hervor, dass er die Puerperalfieber-
Kpidemien ohne eruirbai. Veränderungen beginnen und ohne eruir-
bare CTrsachen aufhören laset; obwohl ihm 30 Ursachen des Kind-
bettfiebers bekannt sind Scanzoni lässt doch wenigstens die
Wöchnerinnen nur zum Theil ohne eruirbare Ursache am Kindbett-
fieber sterben, für den andern Theil hat er ein sicheres aetiolögisches
Moment für das Kindbett lieber in dem Zufalle.
So lange ich als Assistent fangirte, wurden an der II. Klinik
die Chlorwaschungen nicht eingeführt C. Braun behauptet, dass mit
dem Jahre 1849 die Chlorwaschungen auch auf der zweiten Klinik
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebe». 397
eingeführt und auf das strengste überwacht wurden; wie strenge
diese üeberwactaung war, geht daraus hervor, dass die Sterblichkeit,
welche au der l. Klinik in Folge der Ohlorwaschnngen von 9,M°/o in
den 12 .Taliren nach Einführung der Chlorwasehungen auf .'i,,-"{) sank,
an der II. Klinik in demselben Zeiträume von 3tMft° „ nur auf 3n)tt°/0
sieh minderte. Der wohlerfahrene Assistent, welcher die i'hlor-
hungen an der IL Klinik auf das strengste überwachte, und
dennoch eine Sterblichkeit im Jänner 1852 von 10% und im März
1852 von 187» hatte, war Dr. Spaeth, gegenwartig Professor der Ge-
burtshilfe an der k. k. Josephs-Akadeniie in Wien. leb nenne hier
Dr. Spaeth's Name nicht desshalb, um ihn dadurch zu verunglimpfen,
dass ich seinen Namen mit einer grossen Sterblichkeit in Verbindung
bringe, sondern desshalb, weil mir der Leser das, was ich von wohl-
erfahrenen Assistenten sagen werde, glauben müsste, während er sich
überzeugen kann von dem, was ich von Dr. Spaeth erzähle.
Wer mit der geburtshilflichen Literatur vertraut ist, wird wissen
dass Dr. Spaeth Arbeiten gemacht, bei welchen er sich seine Hände
mir zersetzten Stullen verunreinigen musste; als Gegner meiner Lehre
setzte ich Zweifel in die strenge Beaufsichtigung und strenge eigene
Beobachtung der Chlorwaschungen, dadurch ist die Möglichkeit von
Infectionen gegeben, und was wir nur als möglieb nachgewiesen, das
erzahlt uns Chiari als wirklich geschehen. Nachdem Chiari erzählt.
wie zweimal in der Prager Gebärklinik Ar Anrate dadurch Puerperal-
Epidemien ausgebrochen seien, dass die Genitalien zweier Kreissender
gangraenös wurden, sagt er: „Und auch an der hiesigen Klinik für
Hebammen wurde in diesem Herbste eine ähnliche ReobarliiiniLi ge-
macht, wie mir mein Freund Dr. Spaeth vertraulich mittheilte. "
(Seite 1 ;')(). Zeile 9.)
Wenn C. Braun sagt, dass au der Hebammeiischule nicht leicht
eine Leicheninfection möglich sei, so hat ihn Dr. Zipfel schon la&gsl
gründlich widerlegt.
C, Braun sagt, diese Thatsachen, nämlich die 7U,„ der I. Klinik
und die 12% der II. Klinik trotz Chlorwaschungen, mussten die
Hypothese der cadaverösen hifeetion vollends erschüttern und ihn
ermahnen, sich noch nach anderen astrologischen Momenten uinzu-
sehen. C Braun hat sieh umgesehen und noch 29 aetiologische Mo-
mente des Kindbett Hebers gefunden. Wir werden später Gelegenheit
haben nachzuweisen, dass die Mehrzahl dieser Momente gar keine
ätiologischen Momente des Kindbettfiebers sind, und die. welche
wirklich aetiologische Momente des Kindbettfiebers sind, sind es nur
dadurch, dass durch selbe entweder ein zersetzter Stuft im ergriffenen
Individuum entsteht, oder dadurch, dass durch selbe ein zersetzter
Stoff den Individuen von aussen eingebracht wird.
Diese Thatsachen haben bei mir die Hypothese der cadaverösen
liitectioii nicht erschüttert, im Gegentheil. diese Thatsachen haben die
Hypothese der cadaverösen Infection bekräftigt, denn es spricht für
die Wahrheit der cadaverösen Infection, wenn Gegner der cadaverösen
Infection eine grössere Sterblichkeit haben, als der Knliehter der
cadaverösen Infection, denn die Gegner beaufsichtigen die Chlor-
wasebungen nicht so gewissenhaft, als der Erdichter der cadaver&sen
Infection.
C Braun macht es mir zum Vorwurfe, dass ich mich meistens
auf die Vergangenheit stütze, und daraus sehr kühne Schlüsse ziehe.
398 Semmel weis' Abhandinngen und Werk ilber dag Kindbettfieber.
Ich mache es C. Braun zum Vorwurfe, dass er sich meistens auf die
Gegenwart stützt, und daraus sehr falsche Schlüsse zieht.
In welche Barbarerei würde das Menschengeschlecht versinken,
wenn die Vergangenheit für folgende Generationen verloren wäre.
Kann eine Generation die Schifffahrt erfinden und einen Great-Eastern
bauen ? wie viele Generationen inussten sich abmühen, bis man es zu
Locomotiven brachte, welche den Semmering befaluvu.
Doch bleiben wir bei dem Puerperalfieber. C. Braun sagt: „Im
Wintersemester 184950 trat wie gewöhnlich im Herbste das Puer-
peralfieber mit Heftigkeit auf/ und aus dieser Beobachtung, die sich
auf die Gegenwart stützt, zieht er den falschen Schluss. dass der
Winter dasjenige sei. welches das Puerperalfieber erzeuget; die Ver-
gangenheit lehrt, dass im Wiener Gebärhause wahrend 2ö Jahren
nicht eine. Wöchnerin von 100 Wöchnerinnen starb; die Vergangen-
heit lehrt, dass in England in 19 Jahren keine Wöchnerin und in
L06 fahren nicht eine von 100 Wöchnerinnen in den dortigen Gebiir-
häuseni starb; ich stütze mich auf die Vergangenheit und ziehe daraus
den wahren Schluss, dass der Winter nicht das Kindbettiieber er-
zeuget. (.Siehe Tabelle Nr. XV U, Seite 135 und Tabelle Nr. XXXIV.
Seite 208.)
Und wenn C. Braun desshalb die Vergangenheit nicht gelten
lassen will, weil der Geburtshelfer nicht im Stande sei. über die Ein-
flüsse Rechenschaft abzulegen, welche auf den Gesundheitszustand
eines Gebärhauses wiihrend mehrerer Derennien eingewirkt haben
mögen, so habe ich diesen Ausspruch Carl Brauns dadurch gründlich
widerlegt, dass ich in dieser Schritt oft Gelegenheit hatte anzugeben.
welches die, Einflüsse waren, von welchen der Gesundheitszustand des
Wiener Gebärhauses während der 74 Jahre seines Bestehens ab-
hängig war.
C. Braun möge sich nur erinnern, wie viel er in der Vergangen-
heit sieh umgesehen, als er sein Lehrbuch der Geburtshilfe zusammen-
getragen. Denn gewiss, ich bin der Ueberzeutruiig, wenn wir ans
diesem Lehrbuche alles das streichen würde, was Vergangenheit ist.
nichts übrig bleiben würde, als der Einband, als Prodnct der i-^gen-
wart Denn selbst die dun li ('. Braun im erweiterten Umfange ein-
gefiihrt i*. -las geburtshilfliche Studium und das geburtshilfliche Vi
stftndniflfl so sehr erleichternde griechische Terminologie wurzelt in
der Vergangenheit,
Meine Sätze: Die Sterblichkeit der Wöchnerinnen ist in der
Wiener Schule, in welcher Aerzte, die sich mit pathologisch-anato-
mischen Untersuchungen beschäftigen, unterrichtet werden, in dem
durch Tabelle Nr. I. repräsent im m Zeiträume < «instant viel grösser
als in der Hebammenschule gewesen.
Der Chlorkalk zerstört den zersetzten Stoff, und ist desshalb ein
Schutzmittel gegen Pue.rperalproeesse, sind durch die Angriffe C. Brauns
nicht erschüttert worden.
c) Das Hinbringen von Jauche oder Exsudaten aus weiblichen
oder männlichen ( "adavern. die von verschiedenartigsten Kranken her-
rührten, mittelst Injection oder Bepinseln der Innenfläche des Uterus
erzeugt bei Kaninchen nach dem Wurfe oftmals den Tod durch Pyämie;
manchmal wirkt aber ein woch^nlanges Bepinseln der puerperalen
Uterus Hache bei Kaninchen nicht schädlich ein, die Thiere bleiben
Die Aeticilogte, der Begriff nur] die Pruphvlavis Sei Kindbettfiebert. 399
gesund, empfangen bald nach dem Aufhören des Experimentes und
werfen wieder lebendige Junge.
All et antwortet t\ Braun: ..Die Experimente an Thieren haben
dargethan, dass dnrcft Injectionen FOD Jauche oder Bepinseln des
l'terns mit verschiedenen Exsudaten oftmals Kaninchen nach tteifi
Würfe getödtet werden können, machmal aber auch nicht, und dass
Pyaemie bei den Sectionen derselben oft nachgewiesen wurde.
Bei diesen Versuchen, die übrigens in der Art und Zeit der
Ausführung von der beschuldigten cadaverösen Infection der Se«
bürenden sehr weit verschieden sind, entsteht die Frage, ob durch
eine Misshandlung der Thiere nach dem Wurfe allein nicht der Tod
und dieselben Seetionsresultate herbeigeführt werden können, da das
Einbringen von Eiter manchmal den Tod nicht herbeiführen konnte,
und da erfahrene Thierärzte, wie Hayne u. a., es bestätigen, dass bei
allen Hausthieren Puerperalprocesse spontan in manchen Zeiten in
grösserer Häufigkeit vorkommen."
Hierauf haben wir Folgendes zu erwidern: Wenn Carl Braun
zugibt, dass die Section bei den Kaninchen Pyaemie nachgewiesen
hat, so hat er das zugegeben, was wir mittelst dieser Experimente
beweisen wollten, nämlich, dass das Kindbettlieber dieselbe Krankheit
sei, welche überall dort entsteht, wo ein zersetzter Stoff in den Kreis-
lauf gebracht wird.
\\ BS die Unälmlichkeit dieser Experimente und der cadaverösen
Infection der Gebärenden anbelangt, darüber haben wir uns schon bei
Nan/nni weitläufig genug ausgesprochen.
Die Frage C. Braun's, ob denn durch die Misshandlung der Thiere
nach dem Wurfe allein nicht der Tod und dieselben Seetionsresultate
hervorgerufen werden konnten, beantworten wir mit einem entschie-
denen Nein; die nicht an Pyaemie zu Grunde gegangenen Thiere
wurden noch mehr misshandelt wegen der Verzögerung des Experi-
mentes. Der Leser erinnert sieh, dass Professor Hayne in den Ver-
handlungen der Gesellschaft der Aerzte zu Wien die Priorität meiner
Ansicht in Bezug auf die Thiere für sich in Anspruch nahm, d&98
wir aber eine Bestätigung dessen in seinen Schriften nicht gefunden.
Professor Hayne sagt nur, das Kindbettfieber komme bei Thieren
seltener vor als beim Menschen, und findet den Grund des selteneren
Vorkommens darin, dass die Thiere nicht so oft untersucht werden
als die Individuen in den Gebaihäuserii. wo durch Uebertragung des
Contagiums die Krankheit vervielfältigt werde. Hayne constatirt also
ein selteneres Vorkommen dieser Krankheit bei Thieren; Hayne lässt
angeblich bei Thieren diese Krankheit so entstehen* wie ich beim
Menseben; und Carl Braun beruft sich auf denselben Professor Hayne,
um zu beweisen, dass Puerperalprocesse auch beim Thiere epidemisch
vorkommen. Diff'icife est Mtyram non scrihere.
Auch das Argument, welches wir von den Experimenten an
Thieren hergenommen haben, hat Call Braun nicht erschüttert.
d) Puerperalh'eber-Epidemien kommen nur in Gebärhäuserm und
nicht ausserhalb derselben vor.
Ad d) erwiedert Carl Braun Folgendes: „Zu deutlich spricht sich
die Geschichte des Puerperalfiebers auch über die Ausbreitung der
Puerperalfiebei -Epidemien über verschiedene Länder, Städte, Öerter
des Bachen Landes und hoher Gebirge aus, so wie die Erfahrung der
Gegenwart jeden beschäftigteren Geburtshelfer diese gefiirchtete Krank-
400
Saunehraia1 AtbundluHgen und Werk des Kindbettliebers.
heit in den verschiedensten Kreisen der Gesellschaft erblicken I
als das.s darüber ein Zweifel besteben könnte.
Die statistischen Kurilen sind aber Ober die lethalen Puerperal-
processe bei Privaten schwerer zu ersculiessen, weil die Todesfälle
durch Puerperalprocesse aus verschiedenen Gründen unter andern
Namen, wie: NervennVber. Typhös, Lungenlähmung u. s. w. in den
durch Zeitungen veröffentlichten Sterbelisten von den Aerzten aus-
gewiesen werden, und weil in manchen Ländern, wie auch in Oesi> r-
reich durch eine humane Gesetzgebung es verboten ist, die durch das
Wochenbett und andere Frauenkrankheiten, wie Carcinom etc., er-
folgten Sterbefalle mit den Namen ihrer Krankheiten öffentlich zu
bezeichnen/
Nachdem Carl Braun es früher so entschieden getadelt, dass ich
mi« h auf die Vergangenheit stütze, und er selbst sich aber jetzt auf
die Geschichte des Puerperalfiebers beruft, so bin ich in der grössten
Verlegenbett, d;i ich nicht weiss, ob Carl Braun sich eines Wider-
spruches si huldig; machte, oder ob er vielleicht der Ueberzeuguug i>t,
dass die Beschichte des Kindbettfiebers von der Zukunft d*'s Pue-rpi
fiebers handelt. Doch wir wollen dieses Zweifel ungelöst lassen, da
wir wichtigere Zweifel ZU lösen haben. Ich bin mit, Carl Braun voll-
kommen einverstanden, dass Puerperalfieber-Epideniieu über ver-
schiedene L&ader, Städte, Dörfer des flachen Landes und hoher Ge-
birge ausgebreitet vorkommen, dass man Puerperalfieber in den ver-
schiedensten Kreisen der Gesellschaft erblickt und wie denn nicht J
Carl Braun bildet jährlich 150 bis 200 Geburtshelfer, und wie gründ-
lich die Schüler C. Braun's das Puerperalfieber m perhüten verstehen,
das beweisen die in sechs Jahren vorgekommenen HOT verhütbaren
Infectionsfälle von aussen. Das beweisen die 717 verbütbaren In-
tel -t ionstalle von aussen, welche während der vierjährigen Assistenz
Gustav Braun's. ( 'arl Braun's Schüler, vorgekommen sind. Dr. Spaeth
bildete an der Hebamniensehule jährlich 260 bis 300 Hebammen, und
wie gründlich die Schülerinnen Dr. spaeth's das Puerperalfieber zu
verhüten verstehen, das beweiset die I2°/fl Sterblichkeit im Monate
März 1852. Dr. Spaeth theilt wohl seinem Freunde Chiari vertrau-
lich mit. wie das Puerperalfieber entsteht; aber was mau einem Freunde
vertraulich mittheilt, das theilt man doch Schülerinnen nicht mit.
So werden Infectoren gebildet für verschiedene Lffnder. Städte.
Dfirfer des flachen Landes. für hohe Gebirge, für die verschiedenen
Kreise der Ge Seilschaft.
lieber die Puerperal-Epidemien. welche ausserhalb der Gebär-
häuser vorkommen, haben wir uns in dieser Schrift an betrett'endei
Stelle ausgesprochen. (Siehe Seite 209. Zeile 9.)
Auch das Argument, welches wir für unsere Ansicht ans
Verschiedenheit der Puerperalfieber-Epidemien in- und ausserhalb der
Gebärhauser genommen, hat Carl Braun nicht erschüttert.
ei Die Jahreszeiten üben keinen Einfluss auf die Entstehung des
Puerperalfiebers.
Ad e) erwiedert Carl Braun Folgenden: „Die JabreazeiteB und
die damit eintretenden Luealverhültnisse üben nicht den wesent-
lichsten, aber einen doch nicht unbedentenden Einfluss auf die
Pnerperalprocease aus. in Wien weiset der Wintersemester niemals
so günstige Eeeultate wie der Sommersemester aus. und au anderen
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis dea Kindbettfiebeni. 401
n und in fremden Gebärhäusern macht man häufig dieselbe Be-
obachtung."
Dass die Jahreszeiten keinen Kinfluss haben auf die Entstehung
des Kindbettfiebers, das beweisen Tabelle Nr. II. Seite 104 und Tabelle
Nr. XIX, Seite 171. Aus dieser Tabelle ersieht der Leser, dass in
jedem Monate des Jahres eine kleine, und in jedem Monate des
Jahres eine grosse Sterblichkeit vorgekommen sei.
Wenn Carl Braun sagt, dass in Wien der Wintersemester niemals
so giinstige Resultate wie der Sommersemester ausweise, so zeugt
das von dem ungeheuren Leichtsinn, mit welchem C. Braun ins
Blaue hineinschreibt: eine Einsicht in die Almiatsrapporte des Wiener
Gebärhauses würde ihm gezeigt haben, dass allerdings in den Winter-
monaten häutiger ein schlechter Gesundheitszustand der Wöchnerinnen
und seltener ein guter, in den Sommermonaten aber häutiger ein guter
und seltener ein schlechter Gesundheitszustand der Wöchnerinnen zu
beobachten war. Aber der Gesundheitszustand der Wöchnerinnen war
manchmal in Wintermonaten ein ausgezeichnet guter, und manchmal
in den .Sommermonaten ein sehr schlechter, wie die Tabellen Nr. XLIV,
Seite 240, und Nr. XLV, Seite 241 beweisen.
Warum in den Wintermonaten häutiger ein schlechter und seltener
ein guter, in den Sommermonaten häufiger ein guter und seltener ein
schlechter tiesundheitszustand der Wöchnerinnen zu beobachten war.
darüber wolle der Leser Seite 170 nachlesen.
Audi das Argument, welches wir zur Begründung unserer Ansicht
Yim den Jahreszeiten genommen, hat Carl Braun nicht erselmltert.
I i Hei sogenannten Gassengeburten kommt das Puerperalfieber
seltener vor.
Ad ft „Die in Wien sogenannten Gassengeborten erkranken nicht
häufiger an Puerperalfieber als diejenigen, welche Monate lang vor
der Entbindung im Gebärhause zubringen. Zur Aufklärung darüber
dürfte es aber dienen, dass zu dieser Kategone Personen gezählt
werden, die entweder wirklich auf der Strasse von Wehen iiberrasrhi.
werden, und meistens Frühgeburten erleiden, worauf ohnedies auch
bei deu im Gebärhaus Verpflegten viel seltener Poerperalprocesee zu
folgen pflegen, oder solche, die unter besseren Vermögensumständen
rieh befinden, in den geheimen i'nhincten bei Hebammen ausserhalb
des Gebärhauses gebären, hierauf sich mittelst einer Dsieechfl oder
Tragbahrein die Grat isabtheilung überbringen lassen, um eine unent-
geltliche Aufnahme und lebenslängliche Verpflegung ihres Kindes im
k. k. Findelhause mit Geheimhaltung ihres ZuStandes SU veranlassen,
und um der Verwendung zum Unterrichte sich dadurch gleichzeitig
zu entziehen. Die Zahl der letzteren ist die höhere, übersteigt monat-
lich an beiden Kliniken nicht selten die Zahl von hundert."
Hierauf haben wir Folgendes zu erwiedern : Der Leser erinnert
Sich, dass es uns iii.-ln tet wurde, nachträglich die Protoeolle
zu excerpiren, um durch Zahlen zu beweisen, dass die Gassengebnrten
autfallend seltener erkrankten als diejenigen,, welche bei uns geb
i ;ii 1 Braun, welcher nahezu fünf Jahre Assistent war, hatte Gelegen-
heit gehabt, diese Zahlen zu erheben, er hat es nicht geChan und
begnügt sich zu sagen, die Gasseimeburten erkrankten nicht häufiger
als diejenigen, welche Monate lang vor der Entbindung im Gebär-
hause zubrachten; die Gassengeburten erleiden meistens Frühgeburten,
worauf ohnediess auch bei den im Gebärhause Verpflegten viel seltener
Semmelweis' gesammelte Werk«. -''
402
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettheber.
Puerperalprocesse zu folgen pflegen. Gassen geborten erleiden meistens
Frühgeburten 'ist aeqnale), in Wien weiset der Wintersemester niemals
sn günstige Resultate wie der Soinnierseinester aus, ausgenommen
C. Braun versteht unter Frühgeburten die wirklichen Gassengeburten,
welche, wenn eine halbe Stunde später eingetreten, im Gebiirhaiise.
vor sich gegangen wären.
lieber Gassengeburten siehe Seite 124, Zeile 28 und .Seite l :■','.} ,
Zeile 29.
Heber Frühgeburten siehe Seite 126, Zeüe 4 und Seite 189, Zeile 13
von unten.
Auch das Argument, weh lies wir zur Begründung unserer Lehre
den Gassengeburten entnommen, hat Carl Braun nicht erschüttert.
g) Mutlmiasslich kommen in allen Gebäranstalten, in welchen
Hebammen unterrichtet werden, und wo eine cadaveröse Jnfection
nicht leicht möglich ist, weniger Sterbefälle vor als in jenen, in
welchen Aerzte unterrichtet werden.
Ad g) erwiedert Carl Braun: ..Auch die Frage, ob denn wirklh-ii
die ausgedehnteste Gebäranstalt in der Welt, in welcher
Wöchnerinnen sammt ihren Kindern bis jetzt eine ganz unentgeltliche
Versorgung vom Staute genossen haben, an einer ganz ungewöhn-
lichen Sterblichkeit der Wöchnerinnen leide, müssen wir verneint nl
beantworten.
An der Wiener Gratisabtheilung, welche wegen Puerperalfieber-
Epidemien niemals geschlossen wurde, wie es sonst in allen angeführten
fremden Gebärhäusern durch Monate lang Öfters geschah betrügt das
Miirtalilätsprocent im Durchschnitte 3,3 (an der Schule für Aerzti
an der Schule für Hebammen 3„), zu Paris in der Mnternit«'-.
keinem Studirenden der Zutritt erlaubt ist, 4,,, in Dubois' Klinik
im Hospital Beaujou, wo gar kein Unterricht er th eilt wird. I
Die brittisrheu Gebä] weisen geringere, die deutschen ein ähn-
liches, die scanilinavisehen Gebärhäuser ein höheres Mort all tat BprO
aus, und zwar ohne Unterschied, ob Aerzte oder Hebammen um er-
richtet werden, wie wir im stilistischen Theile nachzuweisen ver-
suchten.
Bedenkt mau ferner, dass die Wiener Klinik für Aerzte nicht
blos die lethalen Poerperalprocesse, sondern auch die acuten Leiden,
wie: Eclampsie, Pneumonie, Meningitis. Apoplexie etc. die zum
Studium für Männer von Wichtigkeit sind, ausweiset, dass imbedingt
alle Ankömmlinge, auch die ans dem Krankenhause entlassenen
siechen Schwangern aufgenommen werden müssen, dass die Zahl der
Aufnahmstage um 52 bis 70 jährlich hier höher ist als an der
Hebammenschule, während alle verunglückten Geburtsfälle der Residenz
und Umgebung aus der ärmsten Volksciasse den Gratisabtheilnneeo
zugeschoben weiden, dass Transferirungeu von Puerperaltieberkiankiii
in der Regel nicht stattfinden, dass im Wintersemester, der Zeil
Epidemien, die T. Gebärklinik monatlich oft um 100— 200 Geburt >■
mein aufnehmen musste als die IL Klinik, während im Sommer, der
Zeit des besseren Gesundheitszustandes, aber beide Kliniken diese]'
die Klinik der Aerzte ja zuweilen sogar noch geringere Ziffern
GeburTsfälle in den monatlichen Rapporten ausweiset als die Hebammen-
schule, wie aus Tabelle Nr. XVII zu ersehen ist, dass gefährlich
verlaufende Gebnrtsfälle behufs eines erfolgreichen Unterrichtes für
Doctoren auf die 1. Gebärklinik nach Möglichkeit gesogen worden
Die Aetiologie, der Begriff \ind die Prophylaxis des Kiodbetttiebers. 403
und werden, dass keine spontane Ventilation beim Oeffnen der Tliüren,
wegen der Bauverhältnisse an der Klinik für Aerzte stattfindet, dass
diese Abtheilung bis zum Jahre 1849 viel näher an die Kraukensäle
des jährlich über 20,000 Patienten verpflegenden Krankenhauses
gränzte, so lässt sich daraus an der Schule für Aerzte ganz unge-
zwungen eiue um einige Procent höhere Differenzzahl der Mortalii
listen erklären, ohne zu der des direkten Beweises entbehrenden, auf
Vermutbnngen basirten Hypothese der cadaverösen Infection flüchten
zu müssen.
Wir können daher keine zur Begründung der Hypothese der
cadaverösen Infection vorgebrachte These nach den im Wiener Gebär-
hause gemachten Beobachtungen in ihrem ganzen Umfange bestätigen,
wir können die Beschäftigungen am Cadaver durchaus nicht als eine
vorzügliche Ursache von PuerperalhVber-Kpidemien in Gebärhänsern
beschuldigen; wir würden es aber für die grösste Vermessenheit
halten, mit Händen, die selbst nur nach der emsigsten Reinigung
einen Leichengeruch bemerken lassen, eine Untersuchung oder Operation
bei einer Schwangeren, Gebärenden oder Wöchnerin zu erlauben oder
selbst vorzunehmen."
Hierauf haben wir Folgendes zu erwiedern: Um aus unserm
Thema: „muthmasslich kommen in allen Gebärhäusern. in welchen
Hebammen unterrichtet werden, und wo eine cadaveröse Infection
nicht leicht möglich ist, weniger Sterbefälle vor als in jenen, in
welchen Aerzte unterrichtet werden", die Frage heraus zu lesen: ob
denn wirklich die ausgedehnteste, Gebäranstalt der Welt an einer
ganz ungewöhnlichen Sterblichkeit leide? Dazu gehört ein .Scharf-
sinn, wie er nur Carl Braun eigen zu sein seheint. Wenn Carl
Braun dafür in die Schranken trat dass das Wiener Gebärhaus an
keiner ganz ungewöhnlichen Sterblichkeit leide, so hat er an mir
einen Kampfgenossen; wir selbst haben mit Entrüstung die Virchow-
Veitsche Beschuldigung einer erschreckenden Sterblichkeit des Wiener
Gebärhauses zurückgewiesen; die Sterblichkeit des Wiener Gebär -
hauses ist nicht grösser als in allen Gebärhäusern, in welchen ähn-
liche Verhältnisse herrschen, und wenn in Gebärhäusern, in welchen
ähnliche Verhältnisse herrschen, weniger Wöchnerinnen sterben als
im Wiener Gebärhause, so liegt der Gtond darin, dass solche Gebär-
luiuser wegen grosser Sterblichkeit oft Monate lang geschlossen sind,
was in Wien nie geschah, und darin, dass jede Wöchnerin, sobald sie
verdächtig wird, in ein Krankenhaus transportirt wird, während solche
Transferirungen in Wien immer nur ausnahmsweise geschahen.
Wenn aber Carl Braun Umstände anführt, welche das Plus der
Sterblichkeit an der Klinik für Aerzte zu Wien im Vergleiche zur
Klinik für Hebammen erklären sollen, ohne zu der jeden directen
Beweises entbehrenden, auf Vemmthungen basirten Hypothesen der
cadaverösen Infection flüchten zu müssen, so findet er in uns den ent-
schiedensten Gegner. Der Leser weiss, dass die beiden Wiener Gebär-
kliniken seit 18Ü3, also bis zum Jahre 1859 durch 26 Jahre neben
einander bestehen, dass in den ersten 8 .fahren ihres Bestehens bis
zum Jahre 1841 ilie Grösse der relativen Sterblichkeit zwischen beiden
Abtheilungen schwankte, und dass die durchschnittliche Sterblichkeit
beider Abheilungen fast gleich war. In den nächstfolgenden 6 Jahren
bis zum Jahre 1847 war die absolute und die relative Sterblichkeit
an der I. Klinik constant grösser, und die durchschnittliche Sterblich-
20*
404
Semmelweiä1 Abhandlungen und Werk über das KindbettÜeber.
keit war an der I. Klinik mehr als dreimal so gross als an der
IL Klinik.
In den letzten 12 Jahren von 1847 bis 1869 schwankte die Gtefioe
der absoluten und relativen Sterblichkeit, zwischen beiden Kliniken,
und die durchschnittliche »Sterblichkeit war an beiden Kliniken bei-
nahe gleich.
Die Dienstzeit Carl Brauns, während welcher er die ungünstigen
Umstände der I. Klinik kennen lernte, und welchen er, und nicht der
cadaverösen Infection das Plus der Sterblichkeit an der I. Klinik zu-
schreibt, fällt in die Jahre 1849, 1850, 1851, 1852 und 185B, also in
eine Zeit, wo die absolute und die relative. Sterblichkeit /wischen
beiden Abtheilungen schwankte, wo die durchschnittliche Sterblichkeit
der beiden Abteilungen fast gleich war; wenn daher diese ungünstigen
Umstände während der fünfjährigen Dienstzeit Carl Braun's nicht nur
keine constant grössere Sterblichkeit an der I. Klinik hervorbringen
konnten, wenn sogar trotz dieser ungünstigen Umstände sogar die
absolute Sterblichkeit an der IL Klinik im Jahre 1851 mit 46. im
Jahre 1852 mit 11 Todten grösser sein konnte als an der I. Klinik
ist mit mathematischer öewissheit bewiesen, dass diese Ungunst igen
Umstände die dreimal grössere Sterblichkeit der 6 Jahre, nämlich
vom Jahre 1841 bis 1847. auch nicht hervorgebracht haben.
Wir könnten uns daher die Mühe ersparen, in eine Widerlegung
dieser ungünstigen Imstande einzugehen; aber wir würden uns dadurch
eine Gelegenheit entgehen lassen, dem Leser zu zeigen, mit welch"
ungeheuerem Leichtsinne Carl Braun in der Opposition gegen meine
Lehre vorgegangen.
Carl Braun sagt: Die Klinik für Aerzte weiset aus: lethale
Puerperalprocesse, Eclampsie, Pneumonie, Meningitis, Apoplexie etc.,
dieselben Krankheiten weiset auch die IL Klinik aus.
Dass unbedingt alle Ankömmlinge, auch die aus dem Kranken-
hause entlassenen siechen Schwangeren, auf der 1. Klinik aufgenommen
werden müssen. Wenn die Aufnahme an der IL Klinik stattfindet,
werden auch auf der II. Klinik unbedingt alle Ankömmlinge, und
auch die aus dem Krankenhause entlassenen siechen Schwangeren
aufgenommen. Dass die Zahl der Aufnahmstage um 52 bis 70 jähr-
lich höher ist an der I. Klinik als an der IL Klinik.
Die I. Klinik hat gesetzlich wöchentlich einen Aufnahmstag,
folglich jährlich 52 Aufnahmstage mehr; ich frage, welche Klinik
war mehr überfüllt, die II. Klinik, welche, obwohl seihe 52 Aufnahms-
tage weniger hatte, dennoch 18 mal die Aufnahme nicht übernehmen
konnte? oder die I. Klinik, welche trotz der 52 Aufnahmstage mehr,
dennoch 18 mal die Aufnahme behalten konnte, weil die IL Klinik
wegen Ueberfüllung die Aufnahme nicht übernehmen konnte.
Werden alle verunglückten Geburtsialle der Residenz und Um-
gebung den Gratisabtheilungen zugeschoben? Das bedingt dann
wenigstens keinen Unterschied in der Sterblichkeit der beiden Gratis-
abtheilungen. Zur Ehrenrettung der beiden Gratisabtheilungen als
Unterrichtsanstalten theile ich dem Leser mit, dass wählend meines
fünfjährigen Aufenthaltes an der I. Klinik dieser nur ein venm
gl tickt er Oeburtsfall, nämlich eine vernachlässigte Querlage, zuge-
schoben würde,
Transferirungen von Puerperal fieberkranken finden in der Regel
an beiden Abtheilungen nicht statt.
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 405
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406
Seramelweift' Abhandlungen und Werk über das Kindbettrieber.
38 im Wintersemester, der Zeit der Epidemien, die I. Gebär-
klinik monatlich oft um 100 bis 200 Geburtsfälle mehr aufnehmen
muss als die IL Klinik, während im Sommer, der Zeit des besseren
indheitszustandes, aber beide Kliniken dieselben, die Klinik für
Aerzte ja zuweilen sogar noch geringere Ziffern der Geburtsfälle in
den monatlichen Rapporten ausweiset als die Hebammenschule, ist
ans Tabelle \r. XVII zu ersehen.
Die Tabelle Nr. XVII, auf welche sich Carl Braun beruft, um
mitreist Zahlen zu beweisen, dass im Wintersemester] der Zeit der
Epidemien, die I. Klinik monatlich oft um 100—200 Geburtst'älle
mehr aufnehmen muss als die II. Klinik, während im Sommer, der
Zeit des besseren Gesundheitszustandes, aber beide Kliniken dieselben,
die Klinik für Aerzte ja zuweilen sogar noch geringere Zittern der
Geburtsfälle in den monatliehen Rapporten ausweiset, als die Heb-
amroensehule» enthält die Monatsrapporte beider Kliniken aus den
Jahren 1849, 1850, 1851 und 1852, also die Rapporte von 48 Monat ea
Innerhalb dieser 48 Monate war während 43 Monaten die An-
zahl der verpflegten Wöchnerinnen grösser an der I. Klinik, und
während 5 Monaten war die Anzahl der verpflegten Wöchnerinnen
grösser an der IL Klinik. Während der 43 Monate, in welchen an
der I. Klinik mehr Wöehnerinnen verpflegt wurden, war in 2fi Monaten
die absolute Sterblichkeit kleiner als an der IL Klinik, in welcher
weniger Wöchnerinnen verpflegt wurden.
In diesen 2ü Monaten sind mit Ausnahme des August alle Monate
vertreten, und zwar der Jänner 3r der Februar 3, März 2, April 2,
Mai 2, Juni 2, Juli 2. September 2, Oetober 4? November 1, l»e-
eember 3 mal.
Innerhalb dieser 43 Monate, in welchen an der I. Klinik mehr
Wöchnerinnen verpflegt wurden als an der II. Klinik, war die relative
Sterblichkeit in 29 Monaten an der L Klinik kleiner als an der
IL Klinik.
Klinik für Aerzte.
Klinik für Hebftin in eu.
Oflbart
MoTl.-PrcL
Gp.hurt
Todte
M'.Lt.-
p.-ll
Geburt,
wen.
gering relative
.Sli-rblieht. um
April. . . 1851 889
Mai. . . . 1852 388
Hfi,t.M.iberl849 281
7
18
2
U
5,0
0-7
302
248
6
18
2
u
5,,
87
86
83
In diesen 29 Monaten sind mit Ausnahme des August verti
alle Monate, und zwar Jänner 3, Februar 8, März 2, April 3, Mai 3,
Juni 2. Juli 2. September 3, Oetober 4, November 1. December 3 mal.
Diese 2 Tabellen zeigen uns 16 Monate des Wintersemesters dt i
Zeit der Epidemien, wo an der I. Klinik bei bis 138 Plus verpflegten
Wöchnerinnen die Sterblichkeit kleiner war als an der IL Kli
Diese 2 Tabellen zeigen uns gleichzeitig 13 Sommermonate, die Zeit
des besseren üeMnidheitszustaudrs, wo an «1er IL Klinik bei bis 154
weniger verpflegten Wöchnerinnen die Sterblichkeit grosser war als
an der I. Klinik.
Nur in 14 Monaten war an der I. Klinik bei einer grösseren An-
zahl verpflegter Wöchnerinnen auch eine grössere Sterblichkeit.
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 407
Klinik für Aerzte.
März . .
1846 Geburten 4«HJ,
Todte
20,
Mort.-Prct
4.«
Juli . .
1&V2
, 357,
in.
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4.4
Jänner
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1850
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December
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Juni . .
1850
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Klinik für Hebammen.
Geburten
Todte Hort.-Pret.
Gebrt. wen
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1849
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1852
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1851)
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1851
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1850
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Juli
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269
1
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2
2
Mit. Ausnahme des Mai und October sind vertreten der Jänner 1.
Februar 1, März 2, April 1, Juni 1, .Tiili g, August 2, September i,
N&vemtter -!. December 1.
I tase Tabelle zeigt uns 7 Monate des Wintersemester, der Zeit
der Epidemie, in welchen bei bis 96 Plus verpflegten Wöchnerinnen
gleichzeitig eine grössere Sterblichkeit herrschte an der I. Klinik als
im der II. Klinik.
Ich erlaube mir «lit* Frage, mit welchem Rechte kann man die
grossere Sterblichkeit an der I. Klinik, während dieser 7 Monate des
\\ 'mier.semesters, der Zeit der Epidemien, dem Plus 95 verpflegten
WOchnerinnen zuschreiben? wenn in 16 Monaten des Wintersemesters,
der Zeit der Epidemien, bei 138 Plus verpflegten Wöchnerinen die
Sterblichkeit an der I. Klinik kleiner sein konnte als an der
IL Klinik.
1 liese Tabelle zeigt uns gleichzeitig 7 .Sommermonate, der Zeit
des besseren Gesundheitszustandes, wo aber an der 11. Klinik weder
gleich viel, noch mehr, sondern bis '.M weniger Wörlmerinnen ver-
pflegt wurden.
In ä Monaten war die Anzahl der verpflegten Wöchnerinnen an
der II. Klinik grosses als an der I. Klinik.
November
August .
Augast .
Klinik für Aerzte.
1862 Geburten 228, Todte 14, Murt.-Prct. 4,.
18511 „ .. 1. „ ",
184!i „ 224, „ 6, „ 2.,.
1850 ,, 308, ., 1, o
1848 „ ..6, L,
408
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kitidbettneber.
November
August .
Aug-nst .
Mai . .
Juni . .
Klinik für Hebammen.
Geburten Todte Mmt Irt Qablirtefl mehr Todte wenig.
1852
265
13
4.»
37
1
1860
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1
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229
4
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5
2
1850
aia
1
o.«
4
^K-i.-h
1849
307
6
U
3
gleich
Aber, oh Schicksal! die I. Klinik hatte bei weniger Geburten im
Sommer, der Zeit des besseren Gesundheitszustandes, zweimal
grössere und zweimal eine gleiche Sterblichkeit im Vergleiche zur
IL Klinik, und nochmals, oh Schicksal! es findet sieh unter diesen
5 Monaten auch ein Monat des Wintersemesters der Zeit der Epi-
demien, wo die I. Klinik bei 37 weniger verpflegten Wöchnerinnen
ein*' Todte mehr hatte als die II. Klinik.
..Dass gefährlich verlaufende Geburt stalle, behufs eines erf
reichen Unterrichtes für Doctoren auf der I. Klinik nach Möglichkeit
gezogen wurden und werden. " Ist wahrend der 5 .fahre, als ich
der I. Klinik war, nie geschehen und wenn es unter Braun geschehen
ißt, so hat das an der L Klinik keine grössere Sterblichkeit bedingt,
weil im Jahre 1851 mit 46 und im Jahre 1852 mit 11 Trotten die
Sinnlichkeit an der IL Klinik grösser war.
„Dass keine spontane Ventilation beim Üeffnen der Thüren wegen
der Bauverhältnisse an der Klinik für Aerzte stattfindet. Dass diese
Abtheilung bis zum Jahre 1849 viel naher an die Krankensäle des
jährlich über 20,000 Patienten verpflegenden Krankenhauses grenzte "
Im Jahre 1848 starben 45 Wöchnerinnen an der I. Klinik bei
Vorhandensein derselben Liebelstände.
Der Leser hat gesehen, dass keiner dieser von C. Braun ange-
führten l'ebelstände stichhaltig sei, und doch sagt er: „Daraus lässt
sich an der Schule für Aerzte ganz ungezwungen eine um eil
Procent höhere Differenzzahl der Mortalitätslisten erklären, ohne zu
der des directen Beweises entbehrenden, auf Vermnthungen basirten
Hypothese der cadaverösen Infection flüchten zu müssen.4
Ebenso hat der Leser gesehen, dass die Gründe für meine An-
sieht über die Entstehung des Kindbettfiebers durch Carl Braun's
Angriffe nicht im geringsten erschüttert wurden, und Carl Braun
dennoch: „Wir können daher keine zur Begründung der Hypo-
these der ra<l iv ioshi Infection vorgebrachte These nach den im
Wiener Gebärbause gemachten Beobachtungen in ihrem ganzen Im-
fange bestätigen, wir können die Beschäftigungen am Cadavci durchaus
nicht als eine vorzügliche Ursache der Puerperalneber-Epidemien in
Gebarhünsern beschuldigen: wir würden es aber für die grösste Vef-
messenheit halten, mit Händen, die selbst nur nach der emsig
Reinigung einen Leichengeruch bemerken lassen, eine Untersuch
oder Operation bei einer Schwangeren. Gebärenden oder Wöchn
zu erlauben oder selbst vorzunehmen."
Welch* monströse Heuchelei!!!
Warum hat man vor dem Jahre 1847 nicht gesagt und nicht ge-
schrieben: „dass es die grösste Vermessenheit sei, mit Händen, die
selbst nach der emsigsten Reinigung einen Leichengeruch bemerken
i!. eine Untersuchung oder Operation bei einer Schwangeren, 0e-
aden oder Wöchnerin vorzunehmen?"
Wir müssen nochmals ad g) zurückkehren. Wie wir unsere These.
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 409
„Mnthmasslich kommen in allen Gebärhäusern, in welchen Hebammen
unterrichtet werden, und wo eine eadaven'ise Infertil >n nicht leicht
möglich ist. weniger Sterbefälle vor als in jenen, in welchen Aerzte
unterrichtet werden." begründeten, darüber wolle der Leser Seite 172,
Zeile 28, angefangen, nachlesen.
Wir wollen sehen, was Carl Braun gegen unsere These in dem
statistischen Theile seines Aufsatzes einzuwenden hat.
Um zu zeigen, dass in Hebammenschnlen ebenso gross die Starb»
liebkeit sei. als in Schulen für Aerzte, führt er die Maternite zu Paris
an, in welcher nur Hebammen gebildet werden, ihm! WO »'ine Leichen-
infection durch Aerzte und Hebammen nicht stattfinden kann, und
Dubois' Klinik, wo sich die Schüler während des Curses mit Operations-
übungen beschäftigen, in dessen Nähe sich auch die Sectionskammer
befindet, und dennoch herrsche in beiden Anstalten eine gleich grosse
Sterblichkeit.
Wir haben n&chgewii '.-i n. dass sich die Schülerinnen der Matern ite
die Häiide in dem Grade mit zersetzten Stoffen verunreinigen wie die
Schüler Dubois', und daher die gleich grosse Sterblichkei
Um zu zeigen, dass Gebärhäuser, welche keine Unterricht san-
Btalten sind, auch eine grosse Sterblichkeit haben, führt Carl Braun
das Hospital Beaujon in Paris an, in welchem UV\„ Wöchnerinnen
starben, ungeachtet Niemanden Unterricht ertheilt wird. Es werden
hier aber anch alle von der Geburt Ueberraschten aufgenommen.
Der Leser weiss, dass ilas St. Rochus-Gebärhaus zu Pest anch
keine Unterrichtsanstalt ist. und dass es dennoch eine grosse Sterb-
lichkeit hatte, weü der Primar-Geburtsarzt gleichzeitig chirurgischer
Primarius und Gerichtsanatom war.
Da ich in der Literatnr nirgends einen näheren Aufschluss über
die Verhältnisse dieser Anstalt, finden konnte. BO wendete ich miili
brieflich in dieser Angelegenheit an Professor Dietl in Krakau, und
erhielt folgende Antwort: „Meines Wissens besitzt Beaujou in Paris
durchaus keine geburtshilfliche Abtheilung. Vermöge einer humanen
Bestimmung besteht dort nur der Usus, dass erkrankte Säugende
selbst mit ihren Säuglingen aufgenommen werden, wenn sie dieselben
mit ins Spital nehmen wollen, um eben hiedurch eine eventuelle Ex-
clnsion solcher Krauken zu verhüten. Sie besitzen abgesonderte Heine
Säle zu 4 bis 6 Betten, und sind von anderen Kranken ganz abge-
sondert, um diese durch die Kinder nicht zu beunruhigen.
So viel ich mich zu erinnern weiss, ist es ein Medicus der \1>-
theilnng, dem zugleich diese kleine Abtheilung solcher Kraukenmiitter
zugewiesen ist.
Obwohl Carl Braun 30 Ursachen des Kindbettfiebers aufzählt, hat
er doch die 31. vergessen, denn dass das Ue her ras cht werden von der
Geburt auch ein aetiologisches Moment des Kindbettfiebers sei. hat
er vergessen in seiner Aetiologie zu erwähnen, Wir glauben freilich
in Erinnerung der Gassengeburten zu Wien, dass das Ueberrascht-
werden von der Geburt gegen Puerperalfieber Schutz gewfthrt Den
günstigeren Gesundheitsznstand der englischen Gebärhäuser im Ver-
gleiche zu französischen und deutschen Gebärhansern findet Carl
Braun darin begründet, dass in englischen Gebarhäusern nur ver-
heiratete Frauen aufgenommen werden, während in französisches und
deutschen Gebärhäusern bl©S Ledige entbinden. Worin der günstigere
mdheitszustand der englischen Gebärhauser begründet, sei. haben
410 Semmel weis* Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
Wir weitläufig nachgewiesen, vorläufig glauben wir nicht, dass un
Prophylaxis des Kindbettfiebers desshalb mangelhaft sei. weil wir
die Ehe nicht als Schutzmittel gegen Puerperalfieber empfohlen.
Wenn Call Braun die scandinavischen Gebärhäuser anführt, um
20 /eigen, dass trotz des ausgedehntesten Gebrauches des Chlors
dennoch Puerperalfieber-Epidemien ausbrechen konnten, so beweiset
das nichts gegen meine Lehre, es beweiset nur, dass es für die liehar-
häuser insolange kein Heil geben wird, insolange die Intoleranz eines
einzigen Schülers die trefflichsten Anordnungen erfolglos machen
kann. Wir deuten wieder auf das vou uns erbetene Gesetz.
Von Siebold's Klinik in Göttingen wird gesagt, dass sich in drei
Jahren, 1850 — 1852, 349 Geburten ereigneten, davon starben 6, mit-
hin 2.rt"1(l. Bekanntlich wird hier eine grosse Anzahl von Studirenden
unterrichtet. 349 Geburten auf 3 Jahre vertheilt, gibt jeden dritten
Tag eine Geburt: es trifft sich in Göttingen wahrsclieiniich. dass die
(Trosse Anzahl von Studirenden an Tagen, wo selbe eine Geburt, haben,
keinen Cadaver haben, und umgekehrt. Ki wisch hat zwar von 102
Wöchnerinnen 27 um Kindbettfieber verloren, aber Kiwisch's geburts-
hilfliche Klinik war in Verbindung mit einer gynäkologischen Ab-
theilung 6 Todte von 349 Wöchnerinnen gibt mindestens 4 verhütbare
Infectionsfälle von aussen.
Vom Wiener Gebärhause gibt Carl Braun folgende Besehreibu tu
„Das Gebärhaus liegt im grossen allgemeinen Krankenhause und zer-
fällt in 3 Abtheilungen: in die Klinik für Aerzte, für Hebammen
und in die Abtheilung der heimlich Gebärenden.
Die Abtheilung /um Unterricht für Aerzte nahm bis zum Jahre
18ö0 acht Säle im ersten und zweiten Stockwerke mit einem Beleg-
rauine von ungefähr 200 Betten ein, die der Art angebracht waren,
dass 3 Säle des Krankenhauses, die mit typhösen und anderen inneren
Krankheiten Behafteten belegt waren, ober den Wocheiizimmern sich
befanden, und an drei anderen Orten die Krankensale von den übrigen
Wiiehenzimmern blos durch eine Thür getrennt waren.
Jede Wöchnerin hatte drei Stunden nach einer regelmässigen
Geburt einen 50 bis 100 Schritt weiten Weg durch ein oder mehrere
Wochenzimmer zu Fuss bis zu dem ihr bestimmten Bette zu wandern.
wobei sie einen zur Haupttreppe fahrenden, mit Glas verschlossenen
Gang zu passireu hatte, der im Winter zwar geheizt wird, aber nie
die regelmässige Temperatur der Wochenzimmer erhält. Ein Woehen-
zimmer leiht sich (durch eine kleine Küche oder zwei kleine Zimmerchen
nur getrennt) an das andere an, ohne dass ein Corridor angebracht
ist; daher durch das Oeffnen der Thüre eine zufällige Ventilation
nicht eintreten kann.
Die Säle sind geräumig, die Betten stehen in einer ähnlichen
Entfernung wie in den übrigen Kliniken. Die Beheizung geschieht
mit den MeissnerVhen Mantelöfen, durch welche die kalte, zwischen
(Uta und Mantel einströmende Luft erwärmt wird, eine Klafter hoch
ober dem Fussboden in den Saal eintritt, während die Zimmerlufl
durch eine am Fussboden neben dem Ofen einen Quadratiuss weite
(auch verschliessbare) Oetrnung entweichen soll.
Diese Ventilation ist im Sommer nicht zu benützen und im
Winter nicht hinreichend, da während einer mehrstündigen Heizung
und Ventil irung der Puerperulgerueh nicht entfernt werden kann.
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des KinitattftstetBi 411
Es müssen zu diesem Zwecke noch immer mehrere Fenster, die erst
C bis 7 Fuss Jioch ober dem Fussboden anfangen, geöffnet werden.
Die Betten stehen unter den Fenstern. Der weiche Boden ist
nicht geölt. Die Wände werden jährlich weiss getüncht. Die wollenen
Ober- und Unterdeckel werden oft alle 8 bis 4 Tage, die Bettleinen
t&glich gewechselt. Die Aborte sind offen, mit Eisengittern zur Ver-
meidung des Kindesmordes geschützt, und dürfen von Wöchnerinnen,
die von den Wärterinnen mit Leibschüsseln bedient werden müssen,
in den ersten acht Tagen nicht gebraucht werden.
Die Waschanstalt war bis zum Jahre 1852 einem Pächter Ibar-
lassen. der die Bettwäsche des Gebärhauses und des Krankenhauses
su-rs vermengte. Jetzt hat jede Anstalt ihren eigenen Pächter. Am
siebenten bis achten Tage mussten wegen Uebenftüuiig die meisten
\\ Uchneriiinen zum zweiten Male überlegt werden, wobei sie in das
/weite Stockwerk über eine mit einer Glaswand geschützte Treppe
theils zu Fuss wanderten oder dahin auch übertragen wurden. Am
neunten Tage musste wegen .stetem Andrängen Neuankommender
jede gesunde Wöchnerin entlassen werden. Nach je acht Tagen werden
daher alle Wöchnerinnen ans einem Saale entfernt, dessen Boden ge-
scheuert, die schadhaft < ii, beschmutzten Strohsäeke und Wollendecken,
sowie alle Leinenwäsche darin ausgewechselt, und dann wird das ge-
reinigte Wochenzimmer so viele Stunden oder Tage hindurch gelüftet,
als die Zahl der Neuaufgenommenen es eben gestatten. Im Winter
bestehen zwei geheizte Kammern zum wiederholten Trocknen und
Wärmen der Wolldecken und Leintücher seit mehreren Jahren, weil
bei dem grossen Verbrauche der Pächter der Wäscherei diesem imth-
wendigen Bedürfnisse nicht nachkommen konnte. Im Jahre 1850 wurde
eine andere Anordnung der Wnehenzimmer getroffen; daher sich gegen-
wärtig fünf Zimmer im ersten, und vier Zimmer im zweiten Stockwerke
befinden. Dadurch wurden die Patienten des Krankenhauses, welche
si'li ober dem Wochenzimmer befanden, entfernt, und die Nachtlpile
des zweimaligen Umlegens eiuigermassen auch dadurch vermieden,
indem «in* Wöchnerinnen gut bedeckt durch zwei Träger mittelst eines
Tragbettes aus dem Gebärzimmer in das zweite Stockwerk und theil-
weise auch in «Ii'1 Zimmer des ersten Stockwerkes übertragen wurden.
wm sie bis zum Entlassungstage verbleiben konnten. Die Puerperal-
fieberkranken werden von den Gesunden abgesondert, und in einem
dazu bestimmten, mit der Anstalt in nächster Verbindung stehenden
Zimmer untergebracht. Die Aufnahme der Gebärenden geschieht
hier wöchentlich während vier Tagen und an der II. Klinik während
zwei Tagen. Der klinische Unterricht und die Visite in den Wochen-
zimmern findet in den Morgenstunden von h bis 11 Uhr statt, ausser
dieser Zeit dürfen die Candidaten nur im Beisein des Professors oder
des Assistenten exploriren. Alle Tage wechseln zwi -i I Kandidaten ab,
welche das Journal führen und alle Neuaufgenommenen exploriren. Zehn
angestellte diplomirte Hebammen versehen im Geburtszimmer die Hilfe-
leistung bei regelmässigen Geburten.
Dem bisherigen Usus zur Folge werden Puerperalfieberkranke in
der Regel nicht in das Krankenhaus transferirt Ein genauer Aus-
weis über die geschehenen Transferirungen auch der mit Syphilis und
Blattern Behafteten ist nicht möglich. <la alle gesund und krank Aus-
Retretenen in eine gemeinschaftliche Rubrik „Entlassen" in den
früheren .Jahren aufgenommen winden, und erst seit drei Jahren die
412 Semmelweis' Abhandinngen und Werk über das Kindbettfieber
Ursache der Transferirung der Direktion im Tagsrapport bekannt ge-
macht werden. In den letzten fünf Jahren wurden jährlich nn Durch-
schnitt nicht über 15 Puerperalfieberkranke. welche wegen ausge-
breitetem Decubitus den Gesunden besonders gefährlich wurden, in
das Krankenhaus übersetzt.
In der Mittagsstunde werden die zahlreichen Studirenden in den
geburtshilflichen Operationen am kindlichen und weiblichen Cadaver
eingeübt, wahrend die Hebammen zur selben Zeit Touchirübungen am
kindlichen Cadaver und Phantome ausserhalb der Gebäranstalt vor-
nehmen.
Bedenkt man. dass an der Gebärklinik für Aerzte ein täglicher
Stand von 50 bis 120 Schwangeren sich befindet, und dass für «las
Geburts- und Krankenzimmer 30 Betten hinwegfallen, dass beim
höchsten Tagesstande alle Schwangeren dieser Schule in einem Saale
mit 50 Betten untergebracht werden m nssen, und dass mithin auf
120 Betten über 400(1 Wöchnerinnen durch acht Tage jährlich ver-
pflegt werden müssen, so ergibt sieh der Grad der Ueberfiillung und
der daraus überall entspringenden Folgen.
Die Klinik, welche zum Unterrichte für Hebammen bestimml ist,
hat eine der vorerwähnten analoge Einrichtung, ist aber nach den
Zellensystemen gebaut, und es läuft neben den Wnrhenzimmern ein
langer Oorridor, aus welchen in die übrigen auch unter sich comniu-
nicirenden Wochenzimmern eingetreten werden kann. Ober den Thüren
sind einige Quadratfuss weiter Fenster angebracht, daher durch diese,
so wie das oftmalige Oefthen der Thüren eine zufällige Ventilation
mittelst des O rridors zweckmässig eingeleitet wird. Die Wöchnerinnen
können die Woehenzimmer leichter erreichen, ohne einen meistens
erkalteten Gang passiren zu müssen. Die Klinik grenzt nicht so un-
mittelbar an die Abtheüungen des Krankenhauses und wird meistens
von gartenähnlichen Höfen umgeben, in welchen sich die Wohnungen
der Chefärzte und Beamten befinden.
Die Bettenzahl ist hier Mos um 20 bis 30 ungefähr geringer als
auf der I. Klinik und hat aber meistens auch um sechs- bis eilf hundert
Wöchnerinnen jährlich weniger zu versorgen. Auch ist der Umstand
nicht zu übersehen, dass diese Klinik jährlich um 52 Aufnahmstage
weniger hat, daher viermal wöchentlich Zeit gewinnt, die zur Unter-
bringung Neuangekommener bestimmten Zimmer zu reinigen und durch
liinyere Zeit lüften zu können, als dies auf der I. Klinik wegen zu
grosser Ueberfiillung möglich ist. Die. Placenten werden auf beiden
Kliniken täglich ausser Haus gebracht. Hie Säuglinge belinden sich
bei Tag und Nacht in den Betten der Mütter. Wegen Puerperalfieber»
Kpidemien wurden die beiden geburtshilflichen Schulen niemals den
Gebärenden, so viel wir wenigstens in Erfahrung bringen konn
verschlossen. Der Unterricht findet seit der (Erfindung dieses Gebär-
haoees ununterbrochen auch während der Ferialzeit statt. In den
letzten Decennien wurden hier jährlich 150 bis 200 Geburtsheiter lund
260 bis 300 Hebammen ausgebildet."
Mit dieser Schilderung der beiden Kliniken wollte Carl Braun
den Leser wieder mit einigen Uebelständeu der I. Klinik bekannt
machen, aus welchen an der Schule für Aerzte ganz ungezwungen
eine um einige Procent höhere Differenzzahl der Mortalität^ i-
erklärt werden kann, ohne zu der des direeten Beweises entbehrend -n,
Die Aettologie, der Begriff und die Prophylaxis de« EmlMN 413
an! Yermuthtingen basirten Hypothese der cadarerösen Infection
flüchten zu müssen.
Wir halien schon einmal erwähnt, dass Carl Braun mit den un-
günstigen Verhältnissen der I. Klinik in einer Zeit Bekanntschaft
machte, in welcher diese ungünstigen Verhältnisse nicht nur keinen
Unterschied in der Grösse der Sterblichkeit an beiden Abtheilungen
bedingen konnten, sondern in welcher Zeit die Sterblichkeit trotz der
ungünstigsten Verhältnisse der I. Klinik manchmal an der IL Klinik
grösser war. 80 starben im Jahre 1851 an der II. Klinik bei 799
weniger verpflegten Wöchnerinnen 46, im Jahre. 1852 starben an der
II. Klinik bei 1111 weniger verpflegter Wöchnerinnen 11 Wöchnerinnen
mehr als an der 1. Klinik,
Es ist mithin mit mathematischer Gewissheit bewiesen, dass diese
ungünstigen Umstände der L Klinik die grössere Sterblichkeit nicht
hervorgebracht haben zur Zeit, als an der I. Klinik in Wirklichkeit
eine grössere .Sterblichkeit herrschte.
Wir fühlen uns daher der Verpflichtung enthoben, Punkt für Punkt
nachzuweisen, wir Carl Braun zum Tlieil diese Uebelstände entstellt,
um selbe an der 1. Klinik noch ungünstiger, an der II. Klinik günstiger
erscheinen zu laasen, als selbe in Wirklichkeit sind; nur mit zwei
Punkten machen wir eine Ausnahme.
Die 1. Klinik hatte zu meiner Zeit H Säle, jetzt hat selbe 9 Säle,
die II. Klinik hatte 1 oder 2 Säle weniger als die L, wegen einen
weniger Aufhahmstag per Woche. An der I. Klinik werden jährlich
4000 Wöchnerinnen verpflegt, an der IL nach Braun 6 bis 11 hundert
jahrlich weniger.
Der Leser sieht, was Gar] Braun liir einen Begriff TOB Zellen-
Bysteme hat. wenn er die IL Klinik, welche, sagen wir, in 9 Sälen
2900 Wöchnerinnen jährlich verpflegt, nach dem Zellensysteme gebaut
sein Hlflflt
Wir haben früher gesehen, dass die Tabelle, auf welche sieh
Carl Braus beruft um seine Behauptung. ..dass im Wintersemi
der Zeit der Epidemien, die I. Klinik monatlich oft um 100 bis 200
Geburtsfälle mehr aufnehmen muss, als die II., während im Sommer,
der Zeit des besseren Uesuudheitszustandes, aber beide Kliniken die-
selben, die Klinik für Aerzte ja zuweilen sogar noch geringere Zittern
der öeburtsfälle in den monatlichen Kapporten ausweist, als die
Hebanmii ii-rlnilf" nninei iacs zu bekräftigen, diese seine Behauptung
auch vollständig bestätigt li
Ebenso finden Wir bestätigt, was Carl Braun von der an ÜBT
I. Klinik herrschenden Ueberfiillung und den daraus überall ent-
springenden Folgen, während an der IL Klinik jährlich 6 bis 11 hundert
Wöchnerinnen weniger vernflegl werden, sagt, wenn wir die Jahres-
rapporta beider Kliniken einsehen.
Während der ersten 8 Jahre war die durchschnittliche Sterblich-
keit fast gleich, das Plus der jährlich verpflegten Wöchnerinnen betrug
an der I. Klinik 1246.
Im Jahre 1*34 war bei 913 weniger verpflegten Wöchnerinnen
die relative Sterblichkeit an der IL Klinik grosser um 0.89",,
Im Jahre 1836 war bei HX)7 weniger verpflegten Wöchnerinnen
die relative Sterblichkeit an der IL Klinik um 3.S7% grösser.
Im Jahre 1838 war bei 1208 weniger verpflegten Wöchnerinnen
414
Semmelweis' Abhandlungen nnd Werk über das Kimlbettfieber.
die relative Sterblichkeit an der IL Klinik um 1.90°,, glöUPCt als an
der I. Klinik (siehe Tabelle XXII. Seite 182).
In den 6 Jahren, in welchen die Sterblichkeil an der I. Klinik
dreimal so gross war. als an der II. Klinik, betrug «las Plus der
jährlich an der I. Klinik verpflegten Wöchnerinnen nur 375 (siehe
Tabelle I. .Seite 100).
In den 12 nächstfolgenden Jahren war die durchschnittliche Sterb-
lichkeit beider Abtheilungen fast gleich, das Plus der verpflegten
Wöchnerinnen betrug 598, In zwei Jahren war die absolute, in
• » Jahren die relative Sterblichkeit bei bis 1111 weniger verpflegten
Wöchnerinnen an der II. Klinik grösser, als an der 1. Klinik (siehe
Tabelle XXIII. Seite 183).
Carl Braun sagt: „Da seit dem Bekanntwerden der Theorie
cadaverösen Inl'ection über 5 Jahre verstrichen sind, so wollen wir
die in der Literatur bisher hierüber laut gewordenen Stimmen einiger
Aerzte, die mit den Zuständen von Gebärhäusern vertraut sind, an-
führen."' Carl Braun führt nun die Stimmen an von: Seanzoni. den
er speciell einen strengen Widersacher dieser Theorie nennt. Seyfert,
Kiwiseh. Lumpe. Blande, Bamberger, Hammernjk, die Academie der
Medicin in Paris, Retzius, Faye, Chiari, und sagt schliesslich: „Wir
finden in der Literatur nirgends eine Bestätigung über die Zuver-
lässigkeit der Infectäonstheorie in ihrer practiachen Anwendung, wir
treffen sogar die entschiedensten Behauptungen nnd ErfahrangssStze
angeführt an, welche diese Hypothese ihrer wichtigsten stützen
berauben."
Wenn Carl Braun behauptet, dass seihst nach mehr also Jahren
die Literatur noch immer keine Bestätigung über die Zuverlässigkeit
der Jnfectionstheorie in ihrer practis. in n Anwendung ausweist, -o
wird der aufmerksame Leser dieser Schrift wissen, dass dem nicht so
ist. Aber nehmen wir an, es wäre wirklieh wahr, iasa nach 5 Jahren
sich meine Ansicht über die Entstehung des Kindbettfiebers noch
nirgends practisch bewährt hatte, so wäre das kein Beweis, iass
meine Ansicht irrig sei sondern das ist Hin Beweis von Unfähigkeit
aller Jener* welche. Gelegenheit hatten, meine Ansicht in ihrer
practischeD Anwendung zu bestätigen, und selbe dennoch nicht be-
stätigen.
Denn dass sich meine Ansicht in ihrer practischen Anwendung
in Wien während meiner Dienstzeit bestätigte, das ist ein ewig
wahres Factum; wäre meine Ansicht irrig, so hatte sie- sich in ihrer
praktischen Anwendung während meiner Dienstzeit nicht bestätigen
können.
Was in Wien wahr ist, ist in der ganzen Welt wahr, und wenn
die Wahrheit, welche in Wien zur Geltung gebracht werden konnte,
anderswe nicht zur Geltung gebracht, werden kann, so ist dadurch die
Wahrheit nicht zur Lüge geworden, sondern Derjenige welcher die
Wahrheit nicht zur Geltung bringen konnte, hat seine Unfähigkeit
bewiesen.
Hat Auenbrugger oder haben die Zeitgenossen Auenbrugger's sieh
als unfähig bewiesen, wefl Auenbrugger eine allgemeine Anwendung
der Percussiou nicht erlebt?
In der Xoth lernt man seine Freunde kennen, und in der Noth,
in welcher ich mich Inland, weil sieh meine Ansicht nirgends in i
practischen Anwendung bestätigte, fand ich einen wahren Freund in
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kinilbcttfrehtrs 415
Carl Braun: denn Carl Braun hat nach mir die9.BJ°„ Sterblichkeit
der [. Klinik auf 2.|K" „ herahgedriickt, er hat daher zur Bestätigung
meiner Ansicht in ihrer practischen Anwendung die Sterblichkeit der
I Klinik um 7.44"/,, vermindert.
Natürlich ist es blos Bescheidenheit, dass Carl Braun dieses sein
Verdienst der Welt nicht preisgibt, aber die verschämte Tugend, wenn
sie noch so im Verborgenen steckt, findet ihren Verehrer, der sie an's
Tageslicht zieht.
Noch von einer andern Seite, woher ich es am wenigsten er-
wartet, ist mir ein Freund geworden, Scanzoni, der strenge Wider-
sacher dieser Theorie, wie ihn Carl Braun nennt, hat sich zum ge-
heimen Beobachtet dieser Theorie entpuppt. Scanzoni hat zur Be-
stätigung der Infectionstheoi ie in ihrer practischen Anwendung während
6 Jahren in Würzbürg von 1639 Wöchnerinnen nur 20 am Kindbi tt-
lielitr verloren. Es ist auch bei Scanzoni nur Bescheidenheit, dass er
dies sein Verdienst, in der SilberschmidCschen Schritt verschweigen liess.
Wenn Carl Braun, Scanzoni. Semmelweis für eine Wahrheit
kämpfen, so ist der Triumph gewiss, und die befreite Menschheit wird
den Alliirten die Siegespalme nicht versagen.
Was die Stimmen anbelangt, welche Carl Braun aus der Literatur
anführt , so haben wir die Scanzoni's, Seyfert's, Kiwisch's, Lumpe's,
Bamberger's, Hammernjk's. der Academie der Medicin in Paris schon
beurtheilt.
Mende bezweifelt die Richtigkeit der Theorie der cadaverösen
Infection und glanbt die Ursache der Häufigkeit des PuerperalfiVI >. a •
in Wien in der erschwerten Ventilation, der Anhäufung vieler \\ Tu line-
rinnen in den eng zusammenliegenden Gebäulichkeiten des allgemeinen
Krankenhauses und in der dadurch begünstigten Erzeugung von
Miasmen suchen zu müssen. Aber Carl Braun weiss BO uut wir Seh,
dass diese Verhältnisse nicht geändert wurden, und die Sterblichkeit
wurde doch bedeutend gemindert, und zwar von ihm seihst dadurch
gemindert, dass er gegen die cadaveröse Infection ankämpfte; warum
also eine .Stimme anführen, von deren Unrichtigkeit " tui über-
zeugt sein musste?
Ketzius in Stockholm verlor 3.3",„; Fa.ve in Christiania verlor 16%
Wöchnerinnen trotz Chlorwaschnngen.
Wir haben schon gesagt, dass auch die scandinavischen Ge
banser ein Beleg dafür sind, äans trotz der vortrefflichen Einrichtungen
in so lange kein Heil für die Gebärhäuser zu hoffen ist, bis nicht
das von mir erbetene Gesetz in seiner vollen Strenge in Wirksamkeit
getreten sein witd.
Wenn Carl Braun sagt, dass eine so enorme Sterblichkeit wie
selbe bei Faye vorgekommen, sich in der zwanzigmal ausgedehnteren
Wiener Klinik für Aerzte nur ein einzigesmal, im Jahre 1842, ohne
Chlorwaschungen ereignete, so ersehen wir daraus, das • r wohl zur
Bestätigung der Zuverlässigkeit der cadaverösen Infection in ihrer
practischen Anwendung die Sterblichkeit in Folge des Puerperalfiebers
zu mindern versteht, aber dass er mit allen Verhältnissen der ca-
daverösnn Infection noch nicht vollkommen vertraut ist; denn sensl
würde Carl Braun wissen, dass au einer zwanzigmal atisgedehnteren
Anstalt viele hundert und hundert Individuen gar nicht dem Unter-
richte gewidmet werden, welche dann die enorme Sterblichkeit der
41 ß 8eamdwei»' AbfaaiK»nngen und Werk aber di
wirklich zum Unterrichte benützten Individuen weniger enorm
-f h< Ml' I.
BT an einet Anstalt, wo 150 bis 200 Geburten vorkommen,
wird ein Jeder Pell zum Unterrichte benutzt und ist nutz der vor-
i reiflichen Anordnungen nur ein indolentes Individuum vorhanden, so
teigl ilch «-im- enorme Sterblichkeit
Zu meiner schmerzlichsten I'eherraschung linde ich Chiari meinen
Gegnern angereiht^ ohne dass Chiari dem widersprochen hatte: der
Chiari, nachdem er mit meiner Ansicht über
die Entstehung des kimlbettflebers bekannt wurde, Bici den Tod der
Kraiik<n mit » inem fibrösen Gebärmutter-Polypen nicht mehr durch
epidemische BünflBme, sondern duirh Infection erklärte.
Dm tu erinnert sich, daaa Ohiari in der Gesellschaft ■ i »j i
Aei/.le zn Wien erklärte, die Sterblichkeit der L Klinik ist abhängig
von Verhältnissen, wie solche vnii Dr. 8emmelweis näher bezeichnet
worden Bind; nnd Chiari hatte den Aufsatz, in welchem er mittheilt.
dais in Prag zweimal ein»' Puer|>eralfieber-Epidenn< ausgebrochen ist.
zweier kreissenden Jauche lieferten, schon in
Beinen Schreibtische, als er es duldete, unter meinen Gegnern genannt
zu werden (siehe 188).
Damit Biet der Leser überzeugen könne, dass Chiari mit dem
\ul ;il/.\ airl welchen sich Citri Jiraun beruft, am Chiari ;ils Gegner
von mir zu charactei fairen, keine Opposition gegen mich beabsichtigte,
wollen wir diesen Aufsatz hier wörtlich geben:
Protokoll
der SectionsBstznng fttr Physiologie und Pathologie
\.un 87, Jnni 1851 M.
Docenl und aupplirender Primararzt Dr. Chiari hall einen Vortrag
Uhu- Pyaemle im Puerperio ohne Gefe&nnutterleiden.
Ks kommen bei W cVlmerinneu nicht selten Erkrankungsfälle mit
Bannten typhösen Erscheinungen vor, wobei wegen Abwesenheit
nachweisbaren I terusleirfens die Diagnose sehr häufig auf
Typhus gestelll wird, Der Verlauf dieser Krankheitsfälle ist meial
folgender:
Nach anscheinend geringer Qnpasaliehkeit in der eisten Woche
iir> Wochenbettes Iritl mit heftigem Fruste sehr starkes Fieber auf.
das Bauchfell sowohl als der Uterus zeigen keine .Schmerzhaftigkeit :
der l.oeliiallluss weicht nicht von der Norm ab; die Milz wird gros
in den Lungen finden sich häutig die Zeichen eines bedeutendem
Katarrhen; oer Barn enthüll manchmal Kiter; die Hitze der Hau
bedentend, letztere trocken: Delirien sind meist vorhanden,
diesen Erscheinungen tritt nach sechs- bis achttägiger Dauer der
nkli.it rascher Verfall der Kräfte und meist baldiger Tod ein.
In einzelnen Pillen treten noch in den letzten Tagen Schot
fräste and gelbliche Hautfarbe als Zeichen der Pyaemie auf
den Sectionen finden sich in verschiedenen Organen nieta-
st.mschc t&ntzundnngen, ohne das-» man im Lterus Phlebitis oder
^ k k. Ctrsell^hnft der Aerate Ifl Wien. 7. .Uhrgang.
Mt l . \ l
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebere. 417
Endometritis ata Ausgangspunkt der Pyaeurie auffinden kann. Die
Milz ist immer gross, matsch, wenn auch von Entzündungsherden frei.
Es fragt sich nun, wie die Entstehung fl.Gr nutastatischen Ent-
zündungen zu erklären sei?
In einzelnen Fällen müsse man allerdings annehmen, dass eine
Entzündung der Venen des Uterus oder seiner Innenfläche Toraus-
gegangen und bereits wieder abgelaufen sei, wofür einmal die zurück-
bleibende Verdickung der Häute der grösseren GebÄnnnttervenen,
sodann auch jene Fälle sprechen, wo nach unzweifelhaft constatirter
M» -1 1 < iplilebitis Heilung zu Stande kommt. Für die anderen Fälle
dagegen, in denen sich keine Spur einer Uterusatfection auffinden
lässt. müsse man die Frage aufwerten, ob hier die Blutmasse an sich
zur eiterigen Zersetzung neige?
Wo steckt der Angriff gegen meine Lehre in diesem Aufsatze?
Meine Lehre sagt: Das Erste bei dem Kindbettfieber ist die Re-
sorption eines zersetzten Stoffes, das Zweite ist die Blutentrnischung,
und in diesem Stadio kann die Krankheit schon tödtlich werden, und
mit diesen zwei Dingen ist das Wesen des Kindbettfiebers gegeben;
die Exsudationen. die Metastasen können vorhanden sein und können
auch fehlen, gewöhnlich sind bei vorhandenen Metastasen locale Ent-
zündungen als (Quellen der Metastasen nachzuweisen; wenn Metastasen
vorhanden sind, ohne nachweisbare locale Entzündungen, als Quellen
der Metastasen, so spricht das nicht gegen meine Ansicht; in eine
Erklärung dieser Zufälligkeiten wollen wir uns in dieser Schrift nicht
einlassen; diese Schrift ist bestimmt, die Entstehung, die Verhütung
und den Begriff des Kindbettfiebers zu lehren.
Nachdem wir den zersetzten Stoff, als alleinige Ursache des Kiud-
betttie.bers, gegen die Angriffe Carl Braun's, wie wir glauben, sieg-
ivirli vi'i tlieidigte.ii. wollen wir zur Beurtheilung der 30 Ursachen des
Kiitdbettfiebers übergehen, wie solche von Carl Braun aufgezählt
werden; es wird sich zeigen, dass viele dieser Uism.Ih n, welche von
Carl Braun aufgezählt werden, gar keine Ursachen des Kindbettfiel texs
sind, und die Ursachen, welche von Carl Braun aufgezählt und welche
wirklich Ursachen des Kindbettnebers sind, sind es nur dadurch, dass
durch selbe entweder ein zersetzter Stoff in den ergriffenen Individuen
entsteht, oder dass in Folge dieser Ursachen den Individuen ein zer-
setzter Stoff von aussen eingebracht wird, dass mithin die Braun'sche
Aetiologie zum Theil Irrthum, zum Theil Wahrheit ist; dass die
Braun'sche Aetiologie Irrthum ist, wo selbe etwas Anderes leint als
ich; dass die Braun'sche Aetiologie zur Wahrheit wird, sobald selbe
dasselbe lehrt, was ich lehre.
Zu den aetiologischen Momenten des Kindbettfiebers, welche als
solche vciti Carl Braun aufgezählt werden, aber keine aetiologischen
Momente sind, gehört: 1. die Oonceptiou und die Schwangere halt;
2. die Hyperinose; 3. die Hydraemie; 4. die Uraemie; 5. eine allge-
mein« Plethora der Schwangeren; 6. eine Disproportion in der Vege-
tation der Mutter und des Foetus; 7. die durch die Schwangerschaft
veranlassten Blutstauungen und Stasen; 8. ob die Inopexie des Blutes
Veranlassung zu Pnerperalprocesse.it werden könne, bleibt ferneren
Beobai litimgen zur Entscheidung vorbehalten ; 9. das Schwaugerschafts-
fieber ist keine Ursache des Puerperalfiebers, sondern ein in der
Schwangerschaft verlaufendes wahres, genuines Puerperalfieber; 11. die
Ausgleichuug der Hyperinose; 12. die Inopexie des Wochenbettes.
Semmel weia1 gesammelt*' Wetke. 27
418
famfllweSt1 Abhandlungen nn«l Werk Über das KbÜMtÜebM
Existirt iro physiologischen Zustande gar nicht, im pathologischen Zu-
stande ist es ein Product des schon vorhandenen Puerperalfiebers, und
nicht eine Ursache des Puerperalfiebers.
13. Der durch Verkleinerung des Uterus anfgehobene Druck anf
die Nachbarorgane desselben.
15. Verwundung der Innenfläche des Uterus durch die Lostrenming
der Placenta.
16. Die puerperale Thrombose und Metrorrhagien. Die puerperale
Thrombose existirt, wie wir nachgewiesen, im physiologischen Zn-
stande nicht, im pathologischen Zustande ist die puerperale Throm-
bose keine Ursache des Kindbettfiebers . sondern das Prodnct des
BChon vorhandenen Kindbettfiebers. Metrorrhagien sind keine Ur-
sachen des Kindbettfiebers. Vor Einführung der Uhlorwaschun
an der I. Klinik zu Wien trat wenige Fälle ausgenommen, im Ge-
folge von Metrorrhagien immer Puerperal fieber auf: nach Einfühiuri-
der Chlorwaschungen war Puerperalfieber nach Metrorrhagien
selten zu beobachten.
Vor Hin t'iili rang der Chlorwasclningen wurde die innere Unter-
suchung, aek-lie bei lilutungen nothwendiir ist. die Entfernung der
Placenta, der Bluteoagula etc. mit. unreinen Händen vorgenommen,
Dach Einführungen der Chlorwaschungen mit reinen Binden; es waren
mit hin die Metrorrhagien nicht die Ursache des Kindbettfiebers, die
.Metrorrhagien waren blos die Veranlassung zur Einbringung zersetzter
Stoffe von aussen mittelst des untersuchenden Fingers, mittelst der
"i « iii'iiden Hand.
18. Unterdrückung der Milchsecretion.
20. Individualität der Wöchnerinnen.
22. ttemUthsaffecte.
23. Diätfehler. 26. Erkältung. 29. Epidemische Einfln-s--.
Zur Begründung der epidemischen Einflüsse weiss Carl Braun
weiter nichts anzuführen, als dass man von Alters her zur Erklärung
der durch das Puerperalfieber veranlassten Verheerungen seine Zuflucht
zu epidemischen Einflüssen genommen hat; Carl Braun macht es mir
zum Vorwurfe, dass ich mich auf die Vergangenheit stütze und daraus
kühne Schlüsse ziehe; ich mache es ihm nicht zum Vorwurfe, dass er
sich auf die Vergangenheit stützt, sondern ich mache es ihm zum
Vorwurfe, wenn er aus der Vergangenheit falsche Schlüsse zieht.
Von Alters her wurden epidemische Einflüsse zur Erklärung der
Verheerungen des lündbettflebers angenommen, folglich existiren epi-
demische Ursachen des Kindbettfiebers — ist ein falscher Nehluss. Welche
Erklärung ist alter? und welche Erklärung ist wahr? Die, welche
sagt: die Erde steht, und die Sonne bewegt sich um die Erde, oder
die, welche das Gcgeutheil behauptet?
Nachdem Carl Brann die Existenz der epidemischen Einflösse so
unerschütterlich begründet, liefert er eine Abhandlung durch \ ier
IM iirklilätter über Contajriosität oder Nichtcontagiosität des Kindb-n-
flebers, ftber Oontagien, Miasma, Infection als abschreckendes Beispiel,
zu welchen Monstrositäten es fuhrt, wenn man ohne Verständnis*
compilii t : dieses Ghana wollen wir unbeurtheüt lassen.
Zu den Ursachen, welche wirklich Ursachen des Kindbettfiebers,
aber in meinem Sinne sind, gehören 10. der Geburtsact selbst: 14. zu
lange Dauer natürlicher Geburten; i'l. operative Eingriffe Dei
bnrtsact, die lange Dauer der Aiistivibungsperiode. operative Eingriffe
Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers. 419
können Quetschungen der Genitalien, nnd dadurch die Entstehung des
zersetzten Stolfes veranlassen, welcher durch Selbstinfection das Kiiul-
1 ii it lieber hervorbringt.
17. Aufgehobene Se- und Excretion der Lochien. Aufgehobene
iSecretion der Lochien ist keine Ursache des Kindbettfiebers; aufge-
hobene Excretion der Lochien kann durch Selbstinfection das Kiul
bettfieber erzeugen.
19. Der schädliche Einfluss todter Früchte. Faul-todte Früchte
sind keine Ursache des Kindbettfiebers; Fruchte, welche während der
GHnm absterben und nach dem Blasensprunge unter Zutritt von
atmosphärischer Luft im Uterus in Fäulnis« übergehen, erzeugen durch
Selbstinfection das Kindbetttieber.
24. Andauernder Durst soll nach Carl Braun dadurch Puerperal-
fieber hervorrufen, dass durch Durst die Resorption, folglich auch die
Resorption der in der <ii lümmln rliühle befindlichen zersetzten Stoffe
lebhafter wird, wodurch Puerperalfieber durch Selbstinfection erzeugt
werden soll.
2& Zu hohe Zimmertemperatur und mangelhafte Ventilation er-
zeugen dadurch Kindbetttieber. tlass die puerperalen Excretionsstofle
rascher eine faulige Zersetzung eingehen.
27. Wie Sumpf luft Puerperalfieber erzeugen könne, ist einleuchtend.
28. Cadaveröse Infection.
30. Die verschiedenartigsten, den Gebärhäuseru eigen thümlichen
unzweckmäßigen Verhältnisse. Die Lage der Gebärhäuser äussert
auf den Gesundheitszustand ihrer Bewohner den mächtigsten Einfluss.
Diejenigen Gebärhäuser, welche entfernt von angrenzend i; Ge-
binden und umgeben von weitläufigen Gärten sind, ergeben die ge-
ringsten Mortalitätsverhältnisse. Die innige Berührung derselben mit
Krankenhäusern verursacht den gross» eu Nachtheil, daher auch alle
Gebärhäuser, die mit einem Krankenhause zusammengebaut sind,
höhere Mortalitätsproeente im Durchschnitte ausweisen. Die An-
grenzung an Locali täten, die mit zersetzten thierischen Stoffen erfüllt
sind, wie Leichenkammern, ein Zusammenfluss von grösseren Abzugs-
; iiiilen, unrein gehaltene Aborte, schlechte oder mangelhafte Uanali-
sirung derselben, und Versenken der Placenten in dieselben erleichtert
die Ausbreitung der Epidemien.
Die fehlerhafte Bauart der meisten i leblirhäuser mit ungenügender
Ventilation äussert sich dann schädlich, wenn die Woehenzimmer un-
unterbrochen eommuniciren und ein diesen parallel laufender Corridor
fehlt; wenn von einem schlecht ventilirten Gange aus die Zimmer
rechts und links angebracht sind; wenn die Fensterbrüstungen zu
hoch, die Fenster einander gegenüber stehen nnd die Betten au den
Seitenwänden unter den Fenstern angebracht sind; wenn die Wnehen-
zimmer au die Krankenzimmer grenzen und ober- oder unterhalb der-
selben sich befinden; wenn du Ventilation im Winter durch Oeftnen
der Fenster vollzogen werden muss, die Erneuerung der Zimmerluft
durch Luftheizung ungenügend geschieht: wenn keine Dunstschlöte
an der Decke der Zimmer angebracht sind, und wenn diese zur Er-
zeugung einer raschen Luftströmung nicht als Foyer d'appelle zum
Erwärmen eingerichtet sind ; wenn die Puerperalkianken in der Nähe
der Wochenzimmer untergebracht, wenn die Wöchnerinnen aus «lern
Geburtszimmer in die Wochenzimmer über kalte Gänge oder Stiegen-
27*
420
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
i in nie gebracht werden müssen, oder wem) die Säle der Wur.lm.-nimen
sehr gross sind und die Ankommenden in den Wochenzimmem der
Reihe nach gebären.
Die Ausdünstung der faulenden Excremente, so wie die Lungen -
ausdlinstung der mit. putriden Fiebern behafteten Wöchnerinnen, der
durch £as Zusammenleben vieler Wöchnerinnen erzeugte Puerperal-
geruch, die Nichtabsonderung der Kranken von Gesunden, die Unter-
lassung der Absperrung der Krankenzimmer, der freie. Verkehr der
Wärterinnen der Krauken mit denen der Gesunden, die Hilfeleistung
der Hebammen oder der Aerzte bei Gesunden nach Explorationen
oder Injectionen bei kranken Wöchnerinnen, die gemeinschaftliche
Verwendung der Wäsche, der Schwämme, LefbschftBsein, bei Gesunden
und bei Kranken, vieljährig benützte und mangelhaft gereinigte
Wäsche, Vermengung der Wäsche der Gebärhäuser mit jener der
Krankenhäuser, seltener Wechsel der Matratzen, Strohsäcke und
Unterdecken, stete Benützung aller Räume eines Gtob&rnaoseB, der
ununterbrochene Unterricht iu überfüllten GebärhäUBern, die er-
schwerte Ueberwachung einer grösseren Zahl von Schülern und
Schülerinnen, die Ueberfiillung der Gebärhäuser im Winter, zur Zeit
der Epidemien, die unbeschränkte Anfhahme aller gesunden und
kranken Schwängern und Gebärenden, der Monate lange Aufenthalt
der Schwängern in den Gebärhäusern, die Anfiillung der Gebärlm
mit ledigen, der trostlosesten Bevölkerung entnommenen Weihern, das
mehrmalige Ueberlegen der Wöchnerinnen in den ersten acht Tagen,
das zu lange Aufbewahren der Leichen verstorbener Säuglinge oder
der Placenten neben den Wochenzimmem. die meistens sehr geringe
Anzahl der überwachenden Aerzte, der stete Verkehr der Schwang)
mit den Patienten der Krankenhäuser in gemeinschaftlichen Höfen,
die Unterbringung der mit zyanotischen Krankheiten behafteten Ge-
bärenden in dem Kreissezimmer der Gesunden, mangelhafte oder be-
schwerliehe Zufuhr des Wassers in die obersten Stockwerke, das zu
lange oder nächtliche Verweilen einer grösseren Anzahl von Menschen
im Gebarzimmer, die zu oft wiederholte Exploration verzögerter
burten, Mangel eines Locales, um einer Ueberfüllung vorbeugen zu
können. Mangel eines Uebereinkoinmens zur Zeit der Epidemien und
der Ueberfüllung, Gebärende und Wöchnerinnen in Privatwohnungen
auf oftentliehe Kosten verpflegen zu können, die unterlassene oder
nicht gestattete Entfernung der Pnerperalkranken aus den Gebär-
häusern, während gleichzeitiger häufiger Erkrankungen. Alle diese
inde. welche vereinzelt in den verschiedeneu Gebärhäusem vor-
kommen, erklären die theils günstigeren oder schlechteren Resultate
mancher Gebürhüuser. veranlassen die grössere Gefahr der Erkrankung
in denselben, als in Privatwohnungen, und stellen uns die Thatsachen
vor Augen, dass die Localverhältnisse in manchen Gebärhäuseru. die
aber oft nur mit grossen Kosten abzuändern sind, einen mächtigen
Einfluss auf das Entstehen, die Gefährlichkeit und Ausbreitung der
Pnerperalprocesse ausüben.
Diese von Carl Braun aufgezählten unzwerkmässigen Verhältnis-
der Gebärhäuser sind entweder keine Ursachen des Kindhettfiebers,
oder wenn selbe Ursachen des Kindbett Hebers sind, so sind es selbe
nur dadurch, dass durch diese unzweckmässigen Verhältnisse der
Gebärhäuser den Individuen von aussen ein zersetzter Stoff einge-
bracht wird.
Die Aetiologie, der Begriff nnd die Prophylaxis des Kindbetttiebers. 421
Diese nnzwcrkmässigen Verhältnisse erzeugen daher das Kind-
bet.tfieber durch Infectiou von aussen.
In eine weitere Beurtheilung des Carl Braun'schen Aufsatzes
„Zur Lehre und Behandlung1 der Puerperalprocesse und ihrer Be-
ziehungen zu einigen zyanotischen Krankheiten" wollen wir uns nicht
einlassen ; der Leser wird aus dem. was wir bisher gesagt, die Ueber-
zeugung geschöpft haben, dass Carl Braun immer Irrthum lehrt, wenn
er etwas lehrt, was mit meiner Lehre nicht übereinstimmt, und dass
< arl Braun nur dann Wahrheit lehrt, wenn er meine Lehre wieder-
gibt. Nur die Definition des Kindbetttiebers wollen wir geben, weil
sie ein abermaliger Beweis ist. wohin indigeste Compilation führt.
Nach Carl Braun ist das Kindbettfieber eine zyanotische Krankheit
acuten Charakters, welche bei starker Prädisposition eines Indi-
viduums auch durch allgemeine Schädlichkeiten, wie durch Gemüths-
erschütterungen, Erkaltung u. s. w. hervorgerufen, in der Regel aber
durch eigenthiiiiiHrhe Einflüsse, durch Miasmen, Contagien^ zersetzte
thierische Stoffe erzeugt werden kann, wobei das fremdartige Eigen-
tümliche als Ferment wirkt und durch Contact die Blutmasse in
Gährung versetzt.
Der Leser wird mit Staunen sehen, dass Carl Braun, derselbe
Carl Braun, welcher die, jedes directen Beweises entbehrende, auf
Vermuthungen basirte Hypothese der cailaverfisen Inlection 80 glänzend
bekämpft, welcher zur Befriedigung jedes wahren Mens« •hcnfretindes
den epidemischen Einflüssen ihre uneingeschränkte \\ 'irksamkeit so
siegreich zurückerobert hat; da.ss derselbe Carl Braun wohl den zer-
setzten thierischen Stoffen, aber nicht den epidemischen Einflüssen in
dem Begriffe des Puerperalfiebers einen Platz anweiset. Oh Logik!!
Oh Logik!! Wir ertheilen daher unserem Wiener Oollfigen, indem
wir von ihm Abschied nehmen, den dringenden Rath. es ja nicht zu
verabsäumen, früher wenigstens einige Semester über Logik mitzu-
machen, falls er wieder in sich den edlen Beruf fühlen sollte, für den
epidemischen Tod der Wöchnerinnen zu kämpfen.
Ende.
Nachwort.
Dass es nicht Zanksucht ist, welche mir diese Polemik dictirt.
dafür kann ich, als auf eiuen vollgültigen Beweis, auf mein vieljähriges
Schneiden deuten.
Aber der unbefangene Leser wird aus der Opposition, welche ich
ihm Vorzuführen Gelegenheit hatte, nicht nur die Ueberzengung
srhopt'i haben, dass die Zeit des EfchwesgenS vorüber sei, sondern er
wird sich zugleich auch davon überzeugt haben, dass es meine Pflicht
und mein Recht war. so zu polemisiren, wie ich eben polemisirt habe.
Wenn ich mit meiner gegenwärtigen leberzeugung in die Ver-
gangenheit zurückblicke, so kann ich die Wehmuth, die mich befallt,
nur durch einen gleichzeitigen Blick in jene glückliche Zukunft ver-
scheuchen, in welcher in- und ausserhalb der Gebärhüuser in der
ganzen Welt nur Fälle von Selbstinfection vorkommen werden. Int
Verirlfiehe niii diesen beiden ctngeheuren Zahlen ist üe Zahl der-
jenige]!, welche mir und denen, welche meine Lehre befolgen, bis jetzt
schon zu retten gelungen ist, verschwindend klein.
Sollte es mir Biber, was Gntt verhüten möge, nicht gegönnt sein,
diese glückliche Zeit mit eigenen Augen zu schauen, wird die Ueber-
zeugiing, dass diese Zeit früher oder später nach mir unaufhaltsam
kommen muss. noch meine Todesstunde erheitern.
Nachtrag
zur Seite 148, Zeile 37 von oben bis inclusive Seite löH
Im Schuljahr«- 1868/0, in welchem sich die Klinik noch in den
von Seite 148 bis Seite 158 als so sanitätswidrig geschilderten Locali-
t&ten befand, wurden verpflegt 578 Individuen, darunter waren '77
Wöchnerinnen und ein gynaecologischer Fall. Vor den 577 Wöchne-
rinnen starben lti, und zwar 11 an Febris puerperalis also l.8tt ",„, 3 au
Pneumonie, 1 an Tuberculosis pulmonum, 1 mit Typhus abdominalis
wurde von der raedicinischen Klinik zu uns transierirt . welche un-
mittelbar nach der Geburt starb. Die erste Geburt ereignete sich
den 5. October 1858, die letzte den 19. Juli 1K59. 53 Geburtshelfer
erhielten einen zweimonatlichen uucl 189 Hebammen einen fünfmonat-
lichen praktisch-geburtshilflichen Unterricht.
Im Schuljahre 1850/60 wurde die Klinik in ein neues Lnral ver-
legt. Verpflegt wurden 524 Individuen; darunter waren 520 Wöchne-
rinnen. 2 gyn aecologi sclie Falle und zwei Schülerinnen, welche wegen
Armuth in der Klinik verpflegt wurden. Sie starben beide, die eine
an Tuberculosis pulmonum, die andere an Typhus abdominalis.
Von den 520 verpflegten Wöchnerinnen starben 11. und zwar 5
an Febris puerperalis, also 0.0- "/,„ darunter ein Fall von Perforation
bei einer Conjugate von 3". wo die Extraction wegen ungewöhnli« h<t
Grosse des Kindes ungemein schwierig war.
4 Wöchnerinnen starben an Pneumonie, l au Tuberculosis, 1 an
Eclampsie. Die erste Geburt ereignete sich den 8. October 1859, die
letzte den 17. Juli 1860. 58 Geburtshelfern und 199 Hebammen
wurde Unterricht ertheilt.
Obwohl wir im neuen Locale nicht eine Wöchnerin von 100 Wöchne-
rinnen am Kindbettlieber verloren haben, sind wir doch nichts weniger
als beruhigt darüber, dass diese fünf Fälle wirklich, mir Selbstinfections-
falle seien, weil das neue Local nicht allen Sanitätsanfordernngen
entspricht; die neue geburtshilfliche Klinik befindet sich im 2. Stocke
und hat unter sich im 1. Stocke die chirurgische Klinik, und was
noch nachtheiliger ist: die Räume der Klinik sind wieder so be-
schränkt, dass kein Zimmer als Krankenzimmer reservat werden
kann, und wenn auch ein puerperal erkranktes Individuum in Bezug
auf Wartpersonale und Utensilien vollkommen isolirt werden kann,
424 Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
so kann doch die Atmosphäre des kranken Individnnms von der
Atmosphäre der gesunden desselben Zimmers nicht isolirt werden,
und in welcher Ausdehnung das Puerperalfieber mittelst der Atmo-
sphäre verbreitet werden kann, das hat uns das caiiöse Knie im
Monate November 1847 au der I. Geburtsklinik zu Wien gelehrt.
Diese Uebelstände der neuen Klinik gestatten mir nicht, ent-
scheidende Beobachtungen zu machen über die Zahl der unvermeid-
lichen Selbstinfectionsfölle, über diesen Punkt muss ich Belehrung
erwarten von einem Collegen, welcher glücklicher als ich, ein Gebär-
haus leitet, welches den Anforderungen meiner Lehre über die Ver-
hütung des Kindbettfiebers entspricht.
Inhalt.
Bt 1 1 i
Einleitung . . 99
Die Sterblichkeit war an der I. Gebarklinik zu Wien in dem durch die Tabelle
Nr. I repräsentirten Zeiträume durchschnittlich dreimal so gross als an
der 11. Gebärklinik 100
Dieses Plus der Sterblichkeit kann durch die bisher giltige Aetiologie des Kind-
betttiebers nicht erklärt werden 101
Nicht durch endemische Einflüsse 101
Grunde gegen epidemische Einflüsse im Aligemeinen 102
Nicht dnrcb endemißche Einflüsse . . . 105
Nicht dnrcb die flbrigeu bisher gütigen ätiologischen Momente des Kindbettiiebers 120
Nebstdeni, dass das Plus der Sterblichkeit ans der bisher giltigen Aetiologie
des Kindbettiiebers nicht erklärt werden konnte, waren an der I. Gebir-
klinik Erscheinungen zu beobachten, für welche die Erklärung fehlte
Diese Erscheinungen waren:
Da« Erkranken der Mütter und deren Kinder in Folge verzögerter Eröffnungs-
periode
Das Nicbterkranken der Gassengebnrten _
Das Nichterkranken der Wöchnerinnen nach vorzeitigen Geburten 126
Das reibenweise Erkranken der Wöchnerinnen 126
Die nichtandauernde Verminderung der Sterblichkeit in Folge Verminderung
der Zahl der Schüler . . . , 127
Entdeckung des ätiologischen Momentes des Plus der Sterblichkeit der I. Klinik 129
Beobachtungen, welche unsere Aetiologie des Kindbettiiebers erweiterten . . ,
Die Rapporte des Wiener Gebärhauses vom Tage der Eröffnung bis in die neneste
Zeit bestätigen die Richtigkeit meiner Aetiologie des Kindbettiiebers . .
In der von mir entdeckten Aetiologie des Kindbettiiebers liegt die Erklärung,
warum in Folge verzögerter Erüffnungsperiode Mntter nnd Kind am
Kindbettheber erkrankten 137
Dr. Bednar 189
Warum die Gassen geburten seltener erkrankten 139
Warum die Wöchnerinnen nach vorzeitigen Geburten seltener erkrankten . , l.i.i
Warum die Wöchnerinnen reihenweise erkrankten 139
Warum die Verminderung der Zahl der Schüler die Sterblichkeit minderte, und
warum trotz der Verminderung der Zahl der Schüler die Sterblichkeit
sich wieder steigerte 140
Versuche an Thiereu 14H
Die geburtshilfliche Abtbeilnng des St. Rochus-Spitals zu Pest 146
Die geburtshilfliche Klinik der Universität zn Pest 148
II* griff des Kindbettiiebers IN
Da zersetzte tuiertsch-orgauische Stoff, welcher das Kiudbettlieber hervorbringt,
wird den Individuen entweder tou aussen eingebracht, oder er entsteht
in ergriffenen Individuen I.V.»
Quelle des zersetzten thierisrh-orgnnischen Stoffes, welcher die Infection von
HUMUM bedingt Iö9
Träger des zersetzten thierisch-organischen Stoffes 160
131
L22
124
132
135
426 Semraelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
Seita
Stelle, wo der zersetzte thierisch-organische Stoff resorbirt wird 160
Zeit, wann der zersetzte thierisch-organische Stoff resorbirt wird 160
Qnellen fttr die Selbstinfection 161
Das Kindbettlieber ist keine den Wöchnerinnen ausschliesslich zukommende
Krankheit 161
Das Kindbettfieber ist eine Varietät der Pyaemie 162
Das Kindbettfieber ist keine contagiosa Krankheit 162
Das Kindbettfieber ist eine übertragbare Krankheit 162
Wie viele Wöchnerinnen werden immer in Folge unverhütbarer Selbstinfection
sterben 163
Nochmalige Beurtheilung der bisher giltigen Aetiologie des Kindbettfiebers, den
Massstab des zersetzten thierisch-organischen Stoffes an selbe angelegt . 167
Die endemischen Einflüsse 168
Die endemischen Ursachen des Kindbettfiebers 229
Prophylaxis des Kindbettfiebers 260
Correspondenzen und Stimmen in der Literatur für und gegen meine Lehre . 264
Die Redaction der Zeitschrift der k. k. Gesellschaft der Aerzte zu Wien. . . 266
Haller 268
Simpson 270
Ronth 270
Michaelis 272
Litzmann 273
Lew 275
Dietl 284
Tilanus 286
Skoda 288
Brücke 288
Scanzoni 289
Silberechraidt 343
Bamberger 350
Hamernik 350
Liebig ■ 354
Seyfert 354
Kiwisch 357
Silberschmidt 359
Lebert 361
Zipfl 362
Hayne 364
Lumpe 365
Arneth, die Academie der Median zu Paris und Dubois 373
Schmidt 375
Everken 380
Virchow 381
A. Martin 386
Carl Braun 390
Die offenen Briefe an Professoren der
Geburtshilfe.
Zwei offene Briefe
an
Dr. J. Spaeth,
Professor der Geburtshilfe an der k. k. Josefs-Akademie
in Wien
und an
Hofrath Dr. F. W. Scaiizoni,
Professor der Geburtshilfe zu Würzburg.
von
Dr. J. Pli. Semmelweis,
Professor der Geburtshilfe an der königl. ungar. Universität zu Pest.
Fest.
Gustav Emich, Buchdrucker der ungar. Akademie
1861.
An
Dr, J. Spaetli,
Professor der Geburtshilfe an der k. k. Josefs-Akademie in Wien.
Ich habe in meiner Schrift über Kindbettfieber1) bewiesen, dass
auch in Berlin, BO wie anderorts, der geburtshilfliche Unterricht in
Betreff des Kindbettfiebers deshalb grundschlecht sei. weil auch in
Berlin die Professoren der Geburtshilfe selbst, so wie die Professoren
der Geburtshilfe anderorts, nicht wissen, was Puerperal-Fieber sei.
Dieses Nichtwissen habe ich in Bezug auf Trof Eduard Martin
in Berlin folgender Weise stylisirt. -)
„Bu.sch's Nachfolger, Prof. Eduard Martin 8) hat mir durch seinen
Vortrag, gehalten am 9. November 1868 in der Gesellschaft für Ge-
burtshilfe in Berlin: „Ueber Mutterröhrenentzündung und Erguß des
eiterigen Secretes in der Bauchhöhle als eine Ursache der Bauchfell-
entzündung bei Wöchnerinnen", die Ueberzeugung verschanzt, dass die
puerperale Sonne, welche in WlflD im Jahre 1K47 aufgegangen, seinen
Geist iio.li nicht erleuchtet hat"
Gewiss, hätte die puerperale Sonne, welche in Wien im Jahre
1847 aufgegangen ist, seinen Geist erleuchtet, so würde Prof. Martin
wissen, dass das Puerperal- Fieber in allen Fällen, keinen einzigen
Fall ausgenommen, ein Eesorptions-Firl.tr sei, daß dieses Resorptions-
Fieber dadurch entstehe, daß eiu zersetzter thierisch-organischer Stoff
resorbirt wird.
Der resorbirte zersetzte thjerisch- organische Stoff entmischt das
Blut; in seltenen Fällen tödtet die Krankheit schon in diesem
Stadium; gewöhnlich entstehen aber ans dem entmischten Blute mehr
weniger zahlreiche Exsudationen. Sämmtliche Exsudationen haben
daher ihre gemeinschaftliche Entstehnngs-Ursache in dem durch den
resorbirteu zersetzten thierisch-organischen Stoff entmischten Blute,
Die Exsudationen bedingen sich daher nicht, gegenseitig.
Die puerperale Meningitis entstellt nicht deshalb, weil die Tuba
ihr eiteriges Contentum in die Höhle der Meningen ergiesst sondern,
weil in den Meningen das dtin-h den resnrbirten /ersetzten thien
l'ie Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfleben; von
Prof. Semmehveis. Pest, Wien und Leipzig 1861.
n Die Aetiologie etc. Seit'." 471 Im vorlieyendi-r Ansynbe; Seite B8SI
Monatsschrift für Gebnrts künde. Berlin 1H59. Band XIII, Seite 11.
432
yemuielweia* Abbomlluugeii nud Werk über das Kindbetttie'ber,
organischen Stoff entmischte Blut circulirt; die puerperale Pleuritis
ein steht nicht deshalb, weil die Tuba ihr eiteriges Contentum in die
Pleura-Höhle ergiesst, sondern deshalb, weil in der Pleura das dnrch
den resorbirten zersetzten thierisch-organischen Stoff entmischte Blut
circulirt: die puerperale Periearditis entsteht nicht deshalb, weil die
Tuba ihr eiteriges Contentum in die Höhle des Pericardiums ergiesst,
sondern weil im Pericardio das durch den resorbirten zersetzten
thierisch-organischen »Stoff entmischte Blut circulirt ; die Endometritis,
die Metritis, die Metrophlebitis, die Metrol.vmphangoitis, die Perit"-
nitis haben ihre gemeinschaftliche Eutstehungsursache in dem durch
den resorbirten zersetzten thierisch-organischen Stoff entmischten
Blute; und selbst die Salpingitis entsteht aus dem durch den resor-
birten zersetzten thierisch-organischen Stoff entmischten Blute.
Im Dezember 1842 starben an der ersten Geburtsklinik zu Wien
von 239 Wöchnerinnen 75, im Oktober 1842 starben von 242 Wöchne-
rinnen 71, im August 1842 starben von 216 Wöchnerinnen 55, im No-
vember 1842 starben von 209 Wöchnerinnen 48. im November L84J
starben von 235 Wöchnerinnen 53.
Per Scharfsinn des Prof. Martin hätte in diesen 302 Leichen
zahlreiche Salpingitides entdeckt, welche, ihr eiteriges Contentum in
die Bauchhöhle ergiessend. zu einer Ursache der Peritonitis wurden;
im Jahre 1848 haben wir im Monate März und August durch getroffene
Massregeln die Resorption des zersetzten thierisch-organischen Stoffes
so glücklich verhütet, daß keine Blutentmischung entstand; dadurch
entstand keine Peritonitis ; aber nicht deshalb weif wir die Salpingitis
verhütet, sondern, weil wir die gemeinschaftliche Ursache sämmtlicher
Exsudationen. nämlich die Blutentmisebung, verhüteten: es starh
nämlich im März 1848 von 276 Wöchnerinnen, und im August 1848 von
261 Wöchnerinnen keine einzige
Meine Schrift ist Ende Oktober 1860 erschienen, und in dein am
20. Mäiz 1861 ausgegebenen zweiten Hefte der ..Medizinischen Jahr-
Im. her" sagen Sie, Herr Professor, Seite 229, Folgendes: „Zum Ver-
ständnisse der eigentlichen Wochenhettkjnnkheiten haben Buhl. Martin,
Klaproth, Wagner und Förster einen wesentlichen Beitrag geliefert
durch Bestimmung des Verhältnisses der Salpingitis zur Peritonitis.-
Durch diesen Ausspruch haben Herr Professor mir die Uefe-i-
Zeugung verschafft, dass auch Ihren Geist die puerperale Sonne, welche
im Jahre 1847 in Wien aufgegangen, nicht erleuchtet, obwohl selbe
Ihnen so nahe geschienen.
Ich hebe es nochmals hervor, dass ich nur jene Salpingitis für
keine Ursache der Peritonitis halte, welche eine der Localisationen
ist, deren so zahlreiche bei dem Resorptions-Fieber in der Fort
pflanzungsperiode des Weibes (Pnerperal-Fieber) vorhanden sein können.
jene Salpingitis nämlich, welche aus dem durch den resorbirten zer-
setzten thierisch-organischen Stoff entmischten Blute entsteht.
Dieses hartnäckige Ignoriren meiner Lehre, dieses hartnäckige
Ruminiren von Irrthümern veranlasst mich folgende Erklärung ab-
zugeben :
Ich trage in mir das Bewusstsein, dass seit dem Jahre 1847
tausende und tausende von Wöchnerinnen und Säuglinge gestorben
sind, welche nicht gestorben wären, wenn ich nicht geschwiegen,
sondern jedem Irrthume, welcher über Puerperalfieber verbreitet
wurde, die nöthige Zurechtweisung hätte zu Theil werden lassen: und
Die offenen Briefe au Professoren der Geburtshilfe.
433
damit Sie sich überzeugen können. Herr Professor, dass ich nicht
übertreibe, wenn ich von tausenden und tausenden verstorbenen
Wöchnerinnen und Säuglingen spreche, die seit 1847 gestorben, aber
gerettet hätten werden können, so erlaube ich mir, Ihnen ins Gedächt-
nis* sD rufen, was blos an der ersten und zweiten Geburtski in ik in
Wien vom 1. Jänner 1849 bis letzten Dezember 1858 geschehen ist.
In diesen zehn Jahren wurden an der ersten Geburtsklinik 40.889
Wöchnerinnen verpflegt; davon starben 1491; an der zweiten Klinik
wurden verpflegt 34.245 Wöchnerinnen; davon starben 1183. In Folge
meiner Lehre kann das Kindbettfieber in dem Grade beschrankt
werden, daß in Folge unverhütbarer Selbst-Infection nicht eine
Wöchnerin von 100 Wöchnerinnen stirbt
Von wieviel Hundert erst eine in Folge unverhütbarer Selbst-
infection stirbt, muss erst fernere Beobachtung lehren ; das günstigste
Resultat, welches ich bis jetzt erzielt, war, dass ich im Monate März
1848 von 271). und im Monate August von 261 Wöchnerinnen keine
einzige verlor. Und zur Zeit, als die Medicin in Wien der anatomischen
Grundlage noch entbehrte, folglich mit reinen Händen untersucht
wurde, starb innerhalb 39 Jahren während 25 Jahren nicht eine
Wöchnerin von 100 Wöchnerinnen. Es starb nämlich zwei Jahre 1
röchnerin von 400 Wöchnerinnen ; zwei Jahre starb 1 Wöchnerin von
300 Wöchnerinnen ; 8 Jahre starb 1 Wöchnerin von 200 Wöchnerinnen,
und 13 Jahre nicht eine Wöchnerin von 100 Wöchnerinnen.
Wenn wir selbst blos der leichteren Berechnung wegen annehmen,
dass 1 Wöchnerin von 100 Wöchnerinnen in Folge unverhütbarer
Selbstinfection stirbt, so sind an der ersten Geburtsklinik, da von
40.889 Wöchnerinnen 1491 gestorben sind, 1083 verhütbare Infections-
fälle von Aussen vorgekommen; und an der zweiten Klinik sind 841
verhütbare Infectionsfälle von Aussen vorgekommen, weil von 34,245
verpflegten Wöchnerinnen 1183 starben; es sind mithin blos an den
zwei Gratisabtheilungen des Wiener Gebärhauses nach dem Jahre 1847
in zehn Jahren 1924 verhütbare Infectionsfälle von Aussen vorgekommen,
obwohl wir eine zu grosse Zahl von unverhütbaren SeJbstinfections-
fällen angenommen, und in dieser Zahl fehlen ausserdem noch die
Transferirten und die Kinder, welche von ihren Müttern die Blut-
entmischung mitgetheilt erhielten, und ebenfalls starben ; und an diesem
Massacre sind Sie, Herr Professor, betheiligt. Das Morden muss auf-
hören, und damit das Morden aufhöre, werde ich Wache halten, und
ein Jeder, der es wagen wird, gefährliche Irrthümer über das Kind-
bettfieber zu verbreiten, wird an mir einen rührigen Gegner finden.
Für mich giebt es kein anderes Mittel, dem Morden Einhalt zu
thun. als die schonungslose Entlarvung meiner Gegner, und Niemand,
der das Herz auf dem rechten Flecke hat, wird mich tadeln, dass ich
dieses Mittel ergreife.
Semmehveis' gesammelte Werke.
434 Semmelweis1 Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
An Hofrath
I)i\ F. W. Scanzonu
Professor der Geburlsbilfe zu Würzburg.
Herr Hofrath werden aus meinem Briefe an Professor Spð
entnommen haben, dass ich, um dem Morden ein Ende zu machen,
den unerschütterlichen Entschluss gefasst habe, Jedem, der es «ragt,
Im Immer über das Pnerperal-Fieber zu verbreiten, schonungslos gegen-
über zu treten.
In Folge dieses Entschlusses werde ich den Aufsatz von
Dr. Otto v. Frauque, welcher in dem 4. Bande Ihrer Beitiüge zur
Geburtskunde und Gjnäcologie unter der Aufschrift: ,.Die puerperalen
Erkrankungen in der Entbindungsanstalt zu Würzbnrg während der
Monate Februar, März und AprU 1859'' enthalten ist, einer Kritik
unterziehen.
Mit Dr. Otto v. Franqne kann ich nicht rechten; ich kann
Dr. Otto v. Franque nur bedauern als einen Betrogenen, welcher in
gutem Glauben sich alle Ihre Irrthümer und Täuschungen so gründ-
lich einstudirt.
Die Verantwortung für die Irrthümer ihrer Schüler trifft nui
Herr Hofrath; ich habe es daher nicht mit Dr. Otto v. Franque. LCD
habe es nur mit Ihnen, Herr Hofrath, zu thun; und in Bezug auf
Puerperal- Fieber sind Sie so mit Irrthümern und Täuschungen voll-
gepfropft, dass ich in meine]- Schrift über Kindbettfieber 103 Druck-
seiten, von Seite 315 bis Seite 417*) nöthig hatte, um alle Ihre Jn-
thümer und Täuschungen zu widerlegen; ich kann deshalb Ihre Irr-
thiimer und Täuschungen hier nicht abermals widerlegen; ich 1,
selbe hier nur andeuten; in Betreff der Beweise, dass die Wahl
auf meiner Seite, der Inthum und die Täuschung auf Ihrer Seite
berufe ich mich auf meine Schrift.
In diesem Aufsatz lesen wir, dass in der Würzburger Km-
bindnngsanstalt vom 1. Februar bis 15. April 1859 99 Geburten sich
ereigneten, dass von den 99 Wöchnerinnen 30 an puerperalen Prozessen
erkrankten, wovon 9 starben.
Diese Erkrankungs- und Sterbefälle werden eine Epidemie ge-
nannt, welche durch gewisse, atmosphärische epidemische, freilich nicht
näher zu bestimmende Einflüsse hervorgebracht wurde.
Ich läugne, dass diese Erkrankungen epidemischen Ursprungs
waren und behaupte, dass diese Erkrankungen dadurch hervorgerufen
wurden, dass diesen Individuen auf eine oder die andere Weise zer-
setzte Stoffe von Aussen eingebracht wurden, dass diese Erkrankungen
demnach Eesorptions-Fieber waren; und damit Herr Hofrath zur seihen
Ueberzeugung gelangen, empfehle ich Ihnen das gründliche Studium
meiner Schrift über Kindbetttieber , wo ich vorzüglich von Seite 116
bis Seite 213**) die Gründe zusammengestellt habe, welche mit mathe-
matischer Gewissheit beweisen, dass nie atmosphärische Einflüsse,
sondern immer nur die Medicinal-Individuen männlichen und v
In vorliegender Ausgabe: von Seite 289 bis 349]
**) [Vu,, Seite 116 bis 228.1
Die offenen Briefe an Professoren der Geburtshilfe.
435
liehen Geschlechtes aus Unwissenheit die grosse. Sterblichkeit unter
den Wöchnerinnen hervorgerufen haben.
Ihre in Unwissenheit begründete Eintheilung der Entzündungen
im Wochenbette, in solche, welche nicht Puerperal-Fieber sind, und in
solche, welche Puerperal-Fieber sind, ist erwähnt. Ich habe aber in
meiner Schrift bewiesen, dass Ihre Entzündungen, welche nicht. Puer-
peral-Fieber sind, gerade so genuines Puerperal-Fieber sind, wie Ihre
Hyperinose, Ihre Pyaemie und Ihre Blut-Dissolution, weil auch die Ent-
zündungen, welche nach Ihnen nicht Puerperal-Fieber sind, so wie die
Hyperinose. die Pyaemie und die Blut-Dissolution, durch Resorption
eines zersetzten Stoffes entstehen; und dass die Entzündungen, welche
nicht. Puerperal-Fieber sein sollen, in Folge der Resorption eines zer-
setzten Stoffes entstehen, ist dadurch bewiesen, dass auch diese Ent-
zündungen durch Chlorwaschungen der Hände verhütet, werden können.
Wahrend des Herrsche!» der Pseudo-Epidemie winden Unregel-
mässigkeiten in der W'ehenthätigkeit beobachtet . Wehenschwäche,
spastische Contractionen. allgemeiner Krampf des Uterus, Blutungen
in der Nachgeburt traten öfters auf.
Natürlich, wenn die Blutentmischung in Folge der Resorption
iefl zersetzten .Stoffes eintritt zur Zeit, wo die Geburt noch nicht
vollendet ist, so wirkt das entmischte Blut paralysirend auf den
Uterus, und dadurch ist die Disache für Weheuschwäche. liir Krampf-
wehen für Blutungen gegeben.
Auch dass die Neugeborenen an einer, der Mutter ähnlichen Blut-
ehtmischung starben, wurde beobachtet, und wie denn nicht; ist das
Kind noch mittelst der Placenta in Verbindung, wenn die Blutent-
mischung bei der Mutter in Folge der Resorption des zersetzten
Stoffes eintritt, so theilt die Mutter die Bluten tmischnng dem Kinde
mit, und Mutter und Kind starben an derselben Blutentmischung.
Ueber diesen Punkt können Sie sich. Herr Hofrath, in meiner
Schrift, Seite 40 und Seite 68.*) Belehrung holen.
Sie sehen, Herr Hofrath, wie ungezwungen man sich alle beim
Kindbettlieber zu beobachtenden Erscheinungen erklären kann, wenn
man die einzige und wahre Ursache des Kindbettfiebers kennt ;
wahrend Sie das Unbekannte wieder mit nicht gekannten atmo-
sphärischen Einflüssen erklären. Aber das ist nicht das grösste Ver-
dienst meiner Lehre.
Das grösste Verdienst meiner Lehre ist, dass selbe die sichere
Verhaftung dieses Unglücks lehrt. Dass selbe dem Arzte eine bewusste,
verbeugende Thätigkeit vorschreibt. Während Ihre Lehre den Arzt
zum Türken stempelt, welcher in fatalistischer unthätiger Resignation
das Unglück über seine Wöchnerinnen ergehen lässt.
Zum Schlüsse wird die Frage nach der Ursache dieser Pseudo-
Epidemie aufgeworfen; ich will die Antwort, die gegeben wird, wört-
lich wiedergeben.
„Frfigt man nun nach dem Grund dieser allerdings heftigen
Epidemie (von 30 Erkrankten starben 9), so ist kein anderer zu
finden, als gewisse atmosphärische epidemische Einflüsse, die freilich
nicht näher zu bestimmen sind. Von all den Momenten, die als ätio-
logische für das Puerperal-Fieber angeführt werden, ist keiner, ausser
dem eben erwähnten, hier in Anwendung zu bringen,"
• [Seite IBS und 138.J
28*
436
SemmelweM* Abhtudluug'eu uud Werk über das Kindbettlieber.
...Mau könnte dagegen einwenden: In der Anstalt selbst sei durch
hier erzeugte miasmatische Einflüsse der Grund zu soeben; alleni,
dem ist nicht so; denn einmal ist nicht leicht anzunehmen, dass in
einer so neuen, und mit den besten Einrichtungen versehenen, keines-
wegs überfüllten Anstalt ein Miasma aufkommen könne, und dann,
auch das erste zugegeben, kamen während derselben Zeit nicht aliein
in Würzburg selbst, sondern auch in dessen Umgebung puerperale
Erkrankungen vor, die Dicht, WM noch besonders hervorzuheben ist.
von demselben Arzte behandelt wurden. Ein weiterer Grund für die
oben ausgesprochene Ansicht mag auch der sein, dass zu derselben
Zeit ausserhalb der Anstalt unverhältnlssmässig viele Blutungen während
des Gebnrtsaktes, so wie auch mehrere tödtlieh endende puerperale
Erkrankungen zur Behandlung kamen. Es dürfte also wohl nicht zu
gewagt erscheinen, wenn man zur Erklärung aller dieser Erscheinungen
seine Zuflucht zu dem Einflüsse des gerade herrschenden genius epi-
demicus nimmt*
„Ein zweiter Grund, der wohl oft auf das bösartige Auftreten
von Puerperal-Fiebern in Gebärhäusern von grossem Einfluss ist, lallt
liier auch weg, der peinliche Gemüthsaffekt nämlich, den die vor so
vielen männlichen Individuen vor sich gehende Geburt nothwendig
auf die Kivissi -nde haben muss. Einmal wurden während der Epidemie
keine Studirenden zu den Geburten zugelassen, und dann sind nicht
nur auf der dritten Abtheilung Erkrankungen vorgekommen, Bondem
auch auf der zweiten und ersten ( 'lasse, wohin, ausser im Falle einer
Erkrankung, kein männliches Individuum kömmt. Auch die Indivi-
dualität zeigte keinen Einfluss; schwächliche und starke, gesund aus-
sehende Wöchnerinnen wurden befallen ; gerade bei den lethal endenden
Fällen waren die Frauen meist stark und kräftig, während die
schwächlichsten mit leichten Erkrankungen davon kamen."
Ich beantworte die Frage nach dem Grunde dieser Erkrankuugs-
und Sterbefälle dahin, dass diesen Individuen zersetzte thierisch-
organische Stoffe auf eine oder die andere Weise von Aussen ein-
gebracht wurden.
I i.iss diese Erkrankungs- und Sterbefälle nicht miasmatischen
Ursprungs in Ihrem Sinne seien, glaube ich auch ; denn ein Puerperal-
Minsma in IIii.tii sinne existirt QKhl : aber auch da« Pm-rperai-Miasnia
in meinem Sinne hat diese Erkankungen nicht hervorgebracht, weil
das Puerperal-Miasma in meinem Sinne nur in der Nachgeburtsperiode
und im Wochenbett infieiren kann; die 30 Erkrankungen aber sind
Folgen einer Infection von Aussen, welche vor der Austreibungs-
periode geschah, was die früher erwähnten Anomalien während und
nach der Geburt, und der Umstand beweiset, dass die Kinder an einer
der Mutter ähnlichen Blutentinisrhung ebenfalls starben.
Meine Ansicht über das Puerperal-Miasma ist folgende: werden
die physiologischen Exhalationen der Wöchnerinnen und der Säug-
linge nicht durch Ventilationen entfernt, so gehen selbe, in der Luft
suspendirt, eine Zersetzung ein , oder werden fertige zersetzte Stoffe
von einer oder mehreren kranken Wöchnerinnen exhalirt, so können
diese in der Luft suspendirt gehaltenen zersetzten Stoffe nur von der
inneren Fläche des Uterus durch Resorption aufgenommen werden;
das Puerperal-Miasma in diesem Sinne kann daher nur in der Mi
geburtsperiode und im Wochenbette, wo die innere Fläche des Uterus
der mit zersetzten Stoffen geschwängerten Luft zugängig ist. Er-
Die offenen Briefe an Professoren der Geburtshilfe.
437
krankungen hervorrufen. Bei Wöcl in e. rinnen, weiche in der Naeh-
geburtsperiode oder im Wochenbette durch in der Luft schwebende zer-
setzte Stoffe erkrankten, bietet die vorausgegangene Geburt nicht die
oben erwähnten Anomalien dar, auch die Kinder solcher sterben nicht
an Blutentmischung, aus dem einlachen Grunde, weil die Bluten t-
mischung bei der Erkrankten zur Zeit eintritt, wo die Geburt schon
vollendet, wo das Kind schon geboren.
Um zu beweisen, dass die Erkrankungen in der Würzburger Knt-
bindungs-Anstalt wirklich epidemischen Ursprungs waren, wird er-
zählt, dass während derselben Zeit in Würzburg selbst, und in dessen
Umgebung unverhältnissniüssig viele Blutungen während des Geburts-
aktes, so wie auch mehrere tödtlich endende puerperale Erkrankungen,
zur Behandlung kamen.
Herr Hofrath setzen als«» voraus, dass die Hebammen und die
praktischen Aerzte. welche iu Würzburg und dessen Umgebung die
geburtshilfliche Praxis ausüben, besser wissen, als Sie selbst. Herr
Hofrath, wie das Puerperal-Fieber zu verhüten sei. Sie setzen voraus,
dass die Hebammen und praktischen Aerzte kein Infectiouen machen;
wenn daher dennoch unter den Wöchnerinnen, welche diesen Individuen
anvertraut sind. Puerperal- Fieber herrscht, so kann das kein anderes
als ein epidemisches sein, und wenn das Puerperal-Fieber in Wiirzburg
und in dessen Umgebung epidemisch ist, so ist auch das Puerperal-
Fieber in der Würzburger Entbindungs-Anstalt epidemisch.
Ich gestehe, dass ich diese Ansicht nicht theüe ; ich glaube viel-
mehr, dass die Hebammen und die praktischen Aerzte, welche in
Würzburg und dessen Umgebung die geburtshilfliche Praxis ausüben,
gerade so colossale Ignoranten über die Entstehung und Verhütung
des Kindbettfiebers sind, als Sie selbst, Herr Hofrath, und dass dem-
nach die Puerperal liil« Italic in Würzbmg und dessen Umgebung
verhiitbare Infections- Fälle von Aussen seien.
Da es gewiss ist, dass die Hebammen und die praktischen Aerzte,
welche in Würzburg und dessen Umgebung die geburtshilfliche Praxis
juisüben. nicht in Pest gelernt haben, wie das Puerperal-Fieber ent-
steht, und wie es verhütet werden könne, so stelle ich die Frage,
wo haben Selbe es gelernt? Bei Ihnen doch nicht, Herr Hofrath,
bei Ki wisch auch nicht; nennen Sie mir, Herr Hofratli. den Professor
der Geburtshilfe, der jetzt nach 14 Jahren meine Lehre vortragt,
damit ich mich bei diesem Unicum bedanken könne.
Sie sehen, Herr Hofrath, dass ich Ihrer Lehre die Stütze entzogen,
welche Sie in den Mordthaten gefunden haben, welche die Hebammen
und Aerzte in Würzburg und dessen Umgebung aus Unwissenheit
begehen.
Es wird gesagt, dass es besonders hervorgehoben werden müsse,
■ lass die Erkrankungen in Würzburg und in dessen Umgebung nicht
der Praxis eines Arztes angehörten; natürlich, es ist ja nicht blos
ein Arzt, sondern alle Aerzte, die dort praktiziren, sind Ignoranten
in Bezug der Verhütung des Kindbettfiebers, und an dieser Ignoranz
sind die Professoren der Geburtshilfe schuld, bei denen die prakti-
zirenden Aerzte Geburtshilfe gelernt. Und diesbezüglich haben Sie,
Herr Hofrath. ein bedeutendes Contingent aus Unwissenheit Mordender
in Deutschland versendet
Dass manchmal in der Praxis eines Arztes oder einer Hebamme,
besonders viele Puerperal-Erkrankuni-vn \ im kommen, ist darin be-
438
Seminelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
gründet, dass ein solcher Arzt oder Hebamme eine längere Zeit einen
Kliniken oder eine Kranke behandeln, deren Krankheiten zersetzte
fe erzeugen, wodurch die Kreidenden, welche während di«
Zeit untersucht werden, inficirt werden.
Dass peinliehe Geinüths-Affecte kein ätiologisches Moment des
Kändbettfiebers seien, habe ich in meiner Schrift von Seite 374,
Zeile 3 von unten bis Seite 389*) bewiesen
Wenn -Sie daher sagen lassen, dass Gemüthsaffecte ihre Er-
krankungen nicht hervorgerufen haben, weil keine Studirenden währen!
der Pseudo-Epidemie zu den Geburten zugelassen wurden, so hfl
Sie eigentlich. Herr Hofrath, sagen wollen, dass diese Erkrankm
nicht in Folge einer Infection von Aussen entstanden sind, weil ja
die Schüler nicht untersucht haben. Für so gewissenlos halte ich
sie, Herr Hofrath, denn doch nicht, um vorauszusetzen, dass diese
Geburten ohne alle Untersuchung vor sich gegangen; vielleicht haben
Herr Hofrath selbst oder Ihr Assistent diese Kreissenden untersacht,
um zu bestimmen, ob eine normale oder abnorme Geburt zu erwarten
stehe; es ist um so wahrscheinlicher, dass während dieser Pfleudo-
Epidemie untersucht wurde, weil viermal mit der Zange operirt wurde,
und einmal wurde eine Wendung gemacht; Herr Hofrath haben ver-
gessen, dass zwei ihrer Zimmer gynäkologischen Kranken gewidmet
sind. In einer gynäkologischen Abtheilung gibt es oft Kranke, deren
Krankheiten zersetzte Stoffe erzeugen, und es ist nicht ndthig. dass
Stndirende untersuchen, um eine Pseudo-Epidemie hervorzurufen, dazu
genügt der Herr Hofrath und der Assistent, welcher in der gynä-
kologischen Abtheilung und in dem Kreissezimmer untersucht.
Und wenn Sie Herr Hofrath auch in dem Umstände, dass nicht
blos auf der dritten Abtheilung Erkrankungen vorgekommen sind,
sondern auch auf der zweiten and ersten, wohin, ausser im Falle
einer Erkrankung, kein männliches Individuum kömmt, auch einen
Grund finden, die Erkrankungen epidemischen Ursprungs zu halten,
so theile ich diese Ansicht nicht; ich glaube vielmehr, dass üe
Hebamme, welche dort die Gebarenden untersucht, bei dem Würz-
burger Publikum Vertrauen besitzt, weil selbe bei Ihnen dient, dast
selbe daher Privatpraxis ausübt, und, da selbe gewiss nicht mehr
weiss, als Sie, Herr Hofrath, wie man das Puerperal-Fieber verhütet,
so wird selbe, wenn sie mit Kranken, welche zersetzte Stoffe erzeugen,
in Berührung kommt, inficiren.
Sie sehen daher, Herr Hofrath, dass das für die Wöchnerinnen
der zweiten und ersten Classe kein Schutz gegen Puerperal -Fiebe
dass dorthin keine männlichen Individuen kommen; eine unwissende
Hebamme ist allein gefährlich genug.
Meine Lehre basirt unter anderem auch darauf, dass es mii in
Folge meiner Lehre gelungen ist, von Mitte Mai 1847 bis 25. Hai
1861 an drei Anstalten, welche früher alljährlich von furchtbaren
Pseudo-Kindbettfieber-Epidemieu heimgesucht, wann, die Sterblich-
keit in dem Grade zu beschränken, dass die sich ereignete Sterblichkeit
keine Epidemie genannt werden kann, und, wenn ja manchmal die
Sterblichkeil grösser war. als selbe in meinen Anstalten zu sein
pflegte, so konnte immer nachgewiesen werden, dass trotz tue
Massregeln den Individuen zersetzte Stoffe von Aussen eingebracht
|Seite 824, Zelle I ron obeu bis Seite 333.1
Die offenen Briefe an Professoren der Geburtshilfe.
130
wurden, über welche Gegenstände Sie sich, Herr Hofrath. in meiner
Schritt, Seite 111, Zeile 3 von unten*), Belehrung suchen können.
Meine Lehre basirt darauf, dass Im Bednar die Sepsis des Blutes
bei Neugebornen im Wiener Findelhause nach Einführung der Chlor-
waschungen seltener werden sah (Seite 69, Zeile 8 von oben**)).
Meine Lehre basirt darauf, dass an der ersten Geburtsklinik zu
Wien, obwohl, wie wir im Briefe an Prof, Spaeth nachgewiesen. •!' »it
in iu Jahren 1083 verhütbare Infections-Fälle von Aussen vorge-
kommen sind, dennoch in eben den 10 Jahren 2982 Mütter gerettet
wurden und die Kinder, wek-he von den 2982 Müttern inficirt ebenfalls
gestorben wären, weil in Folge meiner Lehre . obwohl immer nur
Gegner von mir dort wirkten, dennoch die Sterblichkeit auf ein
Drittel der früheren Sterblichkeit herabgedrückt wurde, gewiss, ohne
meiner Lehre, würde sich die Sterblichkeit in dem Grade fortgesetzt
haben, in welchem sich selbe während der sechs Jahre, wo die erste
Klinik Klinik für die Aerzte war, ohne Chlorwaschungen, ereignete;
es wären mithin in diesen 10 Jahren nicht 1491, sondern 4473 Wöchne-
rinnen gestorben.
Meine Lehre basirt darauf, dass Michaelis, .schmerzlichen Ange-
denkens, nieine Lehre im Gebärhanse zu Kiel bestätigt gefunden.
Meine Lehre basirt darauf, dass der Gesundheitszustand der
W >'" hnerinnen im Kopenhagener Gebärhause in Folge meiner Lehre
ein günstiger ist, während er früher so ungünstig war, dass die
lenz des Gebärhauses, wie Michaelis uns erzählt, in Frage gestellt
war. obwohl Prof. Levy nicht meiner Lehre, sondern andern, nicht
stichhältigen Gründen, wie wir in unserer Schrift nachgewiesen, die
Verbesserung des < H-sundheitszustandes zuschreibt.
Ihre Lehre. Herr Hofrath, basirt auf den Leichen, aus Unwissen-
heit ermordeter Wöchnerinnen, und nachdem ich den unerschütter-
lichen Entschluss gefasst habe, dem Morden, so weit es in meiner
Macht liegt, ein Ende zu machen, so richte ich an Sie. Herr Hofrath.
folgende Aufforderung:
Es sind nur zwei Fälle möglich. Entweder halten Sie meine
Lehre für falsch, oder Sie halten meine Lehre für wahr; ein drittes
gibt es nicht.
Halten Sie meine Lehre für falsch, so fordere ich Sie hiermit
auf, mir die Gründe mitzutheileu, warum Sie meine Lehre für falsch
halten.
1 li habe zwar in meiner Schrift über Kindbett-Fieber 103 Druck-
seiten verwendet, blos um alle ihre Irrthümer und Täuschungen, von
welchen Sie in Bezug auf das Kindbettfieber gefangen geh.iltm werden,
zu widerlegen; sollten Ihnen meine Gründe nicht genügen, oder haben
Sie neue Zweifel, so fordere ich Sie hiermit auf, mir selbe öffentlich
mitzutheilen; ich werde Ihnen öffentlich die nöthige Belehning er-
theilen, weil es ausser Ihnen noch viele gibt, die einer Belehrung
in Betreff" des Kindbettfieber benöthigen. Halten Sie meine Leine
für wahr, so fordere ich Sie hiermit auf, das öffentlich, ohne Rückhalt
zu erklären, nicht um mir eine Genugthuung zu verschaffen, Sendern
um Ihre Schüler und Schülerinneu, die Ihnen ausserhalb des Gebär-
hauses die Leichen zur Bestätigung Ihrer Lehre liefern, der Wahrheit
[Seite lud, Zeile 6 von ubeii.]
**j [Seite i:t9, Zeile 14 von oben.J
440 Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
zuzuführen, Sollten Sie aber, Herr Hofrath, ohne meine Lehre wider-
legt zu haben, fortfahren, für die Lehre des epidemischen Kindbett-
fiebers zu schreiben, und schreiben zu lassen, — sollten Sie aber,
Herr Hofrath, ohne meine Lehre widerlegt zu haben, fortfahren, Ihre
St hiiler und Schülerinnen in der Lehre des epidemischen Kindb.tt-
Fiebers zu erziehen, so erkläre ich Sie vor Gott und der Welt für
emen Morder, und die „Geschichte des Kindbett-Fiebers" würde gegen
Sie nicht BDgereeJri sein, wenn selbe Sie für das Verdienst, der 1
gewesen zu sein, der sich meiner lebeorettendeii Lehre widersetzt,
als medicinischen Nero verewigen würde.
Anhang.
In der am 19. April 1861 ausgegebenen 16-ten Nummer der
„Gazette Hebdomadaire," ist der Bericht einer Sitzung, gehalten am
20. Dezemb. 186*0 der Societe de Medecine du departement de la
Seine, enthalten, ans welchem Berichte zwei Dinge zu entnehmen
sind: erstens, dass damals neuerdings in der „Charite" eine heftige
Pseudopuerperal-Fieber-Epidemie herrschte, zweitens, dass die Aer/.re,
welche sich an der Discussion betheiligten, nicht die richtigen An-
sichten über Puerperal -Fieber äusserten.
In Folge dessen fand ich mich veranlasst, der Societe de Mede-
cine du departement de la Seine, der Academie des Sciences, der
Academie de Medecine, der Societe medicale allemande de Paris, und
der Societe de Chirurgie je ein Exemplar meiner Schrift zuzusenden.
l'nd damit meine Lehre neuerdings auch in England einer l»is-
cussion unterzogen werden möge, habe ich nach England an die
Doctoren und Professoren Routh, Webster, Copeland, Simpson und
Murphy mein Werk gesendet.
Zwei offene Briefe
an
Math Dr. Eduard Casp. Jac. y. Siebold,
Professor der Geburtshilfe zu Göttingen
und an
Hofrath Dr. F. W. Scanzoni,
Professor der Geburtshilfe zn Wttrzburg
von
Dr. J. Ph. Semmelweis,
Professor der Geburtshilfe an der künigl. ungar. Universität zu Pest.
Pest.
Gustav Emich, Buchdrucker der ungar. Akademie.
1861.
Ali Hofrath
Dr. Eduard Casp. Jac. v. Siebold,
Professor der Geburtshilfe zu Göttüigen
Herr Hofrath werden aus dem offenen Briefe, welche ich an
Professor Spaeth gerichtet, und weichen ich Ihnen einzusenden die
Ehre hatte, entnommen haben, dass ich, um dem .Morden ein Ende
zu machen, den unerschütterlichen Entschluss gefasst habe. Jedem,
der es wagt. Irrthümer über das Puerperal-Fieber zu verbreiten,
schonungslos gegenüber zu treten.
Herr Hofrath haben sich der Verbreitung: von Irrthümern über
das Puerperal-Fieber schuldig gemacht durch einen Aufsatz, welcher
im Mai-Hefte des Jahres 1861 der Monatsschrift für Geburtskunde
und Frauenkrankheiten unter der Aufschrift: ^Betrachtungen über
das Kindbettfieber; nach Lehmanns Rapports de la commission d'ob-
st«tri<|ue, communiques au cercle medical d'Amsterdam" enthalten ist.
Ich erinnere mich mit Vergnügen der Zeit, die wir zusammen
in Wien zugebracht; es war ja die Zeit, wo es mir schon gelungen
war. die erste Gebärklinik aufhören zu machen, eine wahre vom
Staate unterhaltene Mörderhfthle zu sein.
Ich erinnere mich mit Vergnügen der Zeit, die wir in Pest zu-
gebracht; mich knüpfen angenehme Erinnerungen an Sie, Herr Hof-
ratfa : aber das .'Stöhnen der am Kindbettfieber sterbenden Wöchnerinnen
übertönt die Stimme meines Herzens; und ineine Vernunft gebietet
mir, die Wahrheit zur Geltung zu bringen, selbst wenn dadurch mein
Herz schmerzlich berührt werden sollte.
Es giebt viele Dinge in der Natur, von welchen die Aerzte lauge
nichts wussten. ohne «lass deshalb das menschliche Leben gefährdet
gewesen wäre.
Der Kreislauf des Blutes hat mehr als 5000 Jahre bestanden, bis
ihn William Harvey entdeckte; aber deshalb ist Niemand gestorben.
So gefahrlos ist die Unwissenheit der Aerzte in Betreff des
Kindbettfiebers nicht; die Geschichte des Kindbetthebers ist ein grfiss-
licher Zeuge, wie viele Wöchnerinnen seit zwei Jahrhunderten in
Folge von Puerperal-Fieber gestorben, weil die Aerzte nicht wußten,
wie das Puerperal-Fieber entsteht, und wie es verhütet werden kann.
Im Jahre 1847 habe Ich den Aerzten gesagt, wie das Puerperal-
Fieber entsteht, und wie das Puerperal-Fieber verhütet werden könne;
und dennoch sind seit 1847 tausende und lausende von Wöchnerinnen
444
Semmelweis Abhandlungen and Werk Über das Kindbettiieber.
und .Säuglingen gestorben, welche hätten gerettet werden können,
weil ärztliche Unfähigkeit, und ärztliche Schlechtigkeit die seg-n>-
lien Folgen meiner lebensrettenden Lehre vereitelte.
Das inuss anders werden.
Herr Hoi'rath sagen Seite 345, Zeile 9 von unten, folgendes:
„Die eiterige oder ichorDse Blutinfeotion des lebenden Organis-
mus durch deletäre Stoffe, wie wir sie besonders im Leichengifte
finden, hat bekanntlich in der Neuzeit der Wissenschaft li< theo unter-
suchuug ein weites Feld eröffnet. Semmelweis sprach im Jahre 1847
die Theorie der Leichen-Infeetion als Hauptursache, ja sogar als
einzige Ursache der Puerperal-Epidemien aus. Nach ihm besasseu
die Leichen-Molecule, welche nach Sectionen oder Uebuugeu an
l'adavern an den Fingern haften bleiben, ja selbst der Leichengeruch,
dar noHi D&ch Waschungen mit Seifen wasser zurückbleibe, die Eigen-
schaft, die Puerperal-Prozesse bei nachher vorgenommenen inneren
Untersuchungen während der Geburt einzuimpfen. Er empfahl daher
\\ .i schungen mit Chlorkalk, um der Infection auf dem Wege zuvor-
zukommen.
Semmelweis fand in Skoda einen eitrigen Vertheidiger seiner
Ansicht Es gehört nicht hierher, weiter in die Beweise , welche
dieser Theorie zur Stütze dienen sollen, einzugehen, und die vev-
M liii «lern n Ansichten der Geburtshelfer über diesen Punkt anzuführen.
Es genüge zu bemerken, dass die Akademie der Medicin in !
unter dem Vorsitze von Orfila durch eine gründliche wissenschaftlii-li*'
Prüfung sich dagegen erklärt hat
„Genug, über die Theorie der Leicheninfection ist gegenwärtig
das ritheil gesprochen, sie muss für übertrieben und für zu exclusiv
angesehen werden. Es ist hinlänglich bewiesen, dass in einigen
Fällen die Krankheit durch eine ähnliche Infection hervorgebracht
wurde, und wir würden diejenigen ernstlich tadeln, welche sich ■ rl.inliten,
eine Exploration oder Operation bei schwangeren, gebärenden oder
niedergekommenen Frauen mit Händen vorzunehmen, welche selbst
nach wiederholten Waschungen immer noch eine Spur von Leichen*
geroch an sich trügen. Aber es ist zu weit gegangen, wenn man
dies als die einzige Ursache des Kindbettfiebers ansehen, und durch
sie das so häutige Auftreten, den bösartigen Charakter, und die epi-
demische Verbreitung der Krankheit in Gebäraustalten erklären wollte."
I >ie»elbe Widerlegung1 hat Semmelweia'sche Annahme auch von vielen an-
deren Seiten erfahren, und es ist nachgewiesen, dass die lebertragung von Leichen-
gift allein den Ausbruch des Kindbettliebers wenigstens Dicht in allen Fällen
erklärr. Wir unterschreiben aber vollkommen, waa Lehmann in dem Folgen-
den über die Möglichkeit einer solchen Infection angiebt, zumal wenn solche v«p-
liiilttiisse obwalten, wie sie •Semiuelweis von Wien ans gemeldet hat. dass aus
dortigen Leichenhatue das Leichengift unmittelbar durch Untersuchung mit unreinen
Händen auf Gebärende u. s. w. ffhertragen wurde. Es kann hier nicht V
genug empfohlen werden, und es sind dafür die von 8. angeratheneu und gvBbten
Waschungen mit CbJorkalklösuitg io individuellen Pillen gewiss an Ehrer -
S •iiiinelwris hat über diesen Gegenstand in einer eben erschienenen Schrift:
Aetiologie. der Begriff nnd die "Prophylaxis des Kindbetrfiebers. Pest, Wien und
Leipzig 1861, 8," noch einmal zu Gunsten seiner Ansicht das Wort ergriffet
aber dabei in so niass loser Weise gegen Alle, die nicht seiner Meännug sind,
auch nur Zweifel über dieselbe zu äussern wagten, zu Felde gezogen, das* wir
solches nur aufrichtig bedauern können, da die Sache selbst einen guten Kern hat,
für Wien namentlich vuu grosser praktischer Bedeutung war, und nirgends ven-
werdeu sollte.
Die offenen Briefe an Professoren dar Geburtsliillr.
445
UI
Sc
Herr ITuliith .sprechen meine Ueberzeugung aus. wenn Sie be-
hau fiten, dass die cadaveröse Infection nicht die einzige Ursache aller
Puerperal-Fieber- Epidemien sei. Herr Hofrath sprechen meine Ueber-
zeugung aus, wann sie behaupten, dass nicht alle Falle von Puerperal-
Fieber durch cadaveröse Infectiii «rklärt werden käuten, und hierauf
basirt. Ziehen Sie, Herr Hofrath. den richtigen Schluss. dass die
cadaveröse Infection für übertrieben, und für zu exclusiv angesehen
werden müsse.
Aber eben deshalb, weil ich diese Ueberzeugung liabe. protestire
ich feierlichst gegen die Bezeichnung meiner Lehre durch den Aus-
rinuk ..cadaveröse Infection".
Herr Hofrath haben Seite 276, Zeile 2 von unten,*) in meiner
hrift die erste Publication meiner Ansicht über die Entstehung und
Verhütung des Kindbettfiebers gelesen, in welcher schon die lii-uku-li-
tungen über den Uterus-Krebs, und über das cariöse Knie enthalten sind.
Herr Hofrath haben Seite 102**) gelesen, dass ich ausser dem Oa-
daver noch zwei Quellen aufzähle, aus welchen der zersetzte thi«*risi-li-
organische Stoff genommen wird, für die Infectionen von Aussen.
Und wenn Sie, Herr Hofrath, trotz alledem mir eine Lehre unter-
srhieben, welche alle Puerperal -Fieberfälle durch Infectionen vom
Cadaver entstehen lässt; so ist das entweder absichtliche Entstellung
einer Lehre, oder es ist Mangel des Verständnisses meiner Lehre.
Um Sie Herr Hofrath zu belehren, will ich Ihnen hier abermals
meine Lehre in Kürze vortragen. Meine Ueberaeugung ist: dass alle
Fülle von Kindbettfieber, keinen einzigen Fall von Kindbettfieber
ausgenommen, welche entstanden sind, seit das menschliche Weib ge-*
hart, dadurch entstanden sind, dass in seltenen Fällen ein deletärer
Stoff im erkrankten Individuum entstanden ist. Diese Fälle der Selbst-
infection sind keine cadaverösen Infectionen.
In der überwiegend grössten Mehrzahl der Puerperal-Fieberfälle,
che entstanden sind, seit das menschliche Weib gebärt, ist das
erperal-Fieber dadurch entstanden, dass den Individuen ein deletärer
Stoff von Aussen eingebracht wurde. Der Quellen, woher der deletäre
Stoff für die Infectionen TOB Aussen genommen wird, sind drei, wozu
allerdings auch der Cadaver gehört, aber nicht der Cadaver allein.
ist meine Ueberzeugung, dass das Puerperal-Fieber, welches
in seltenen Fällen entsteht, weil ein deletärer Stoff sich in ergriffenen
Individuen entwickelt, entstehen wird, so lange das menschliche Weib
gebären wird. Ob aber das Puerperal-Fieber. welches durch Ein-
bringung deletärer Stoffe von Aussen entsteht, ganz aufhören wird,
oder in welcher Ausdehnung es vorkommen wird, so lange das mensch-
liche Weib gebären wird, das hängt davon ab, in welcher Ausdehnung
ärztliche Fähigkeit, und ärztliche Redlichkeit meiner Lehre ihre leben-
rettende Wirksamkeit zu entfalten gestatten wird.
Ei ist daher die einzige Ursache aller Fälle von Kindbettfieber,
keinen einzigen Fall ausgenommen, welche entstanden sind, seit das
menschliche Weih gebärt, ein zersetzter thierisch-organischer Stoff.
Es ist daher die einzige Ursache, welche alle Fälle von Puerperal-
Fieber, keinen einzigen Fall ausgenommen, hervorbringen wird, so
lange das menschliche Weib gebären wird, ein zersetzter thierisch-
organischer Stoff.
in
in ff
wel
Poe
) [Seite 264, Zeile 24 von oben.J
[Seite 159.)
44(5
Semmelweia' Abhandlungen nnd Werk aber das Kindbettneber.
Eine der Quellen, aus welchen der das Kindbettfieber erzeugende
zersetzte thierisch-organische Stoff genommen wird, ist allerdings die
Leiche, aber nicht die Leiche allein.
Für mich ist daher nur das ein ätiologisches Moment des Kind-
bettfiebers, was einen zersetzten Stoff in den Individuen entstehen
macht; für mich ist daher nur das ein ätiologisches Moment des Kind-
betttiebers, welches dem Individuum von Aussen einen zersetzten Stoff
einbringt; alles übrige der bisher giltigen Aetiologie des Kindl
fiebers, welches weder in den Individuen einen deletären Stoff ent-
stehen macht, noch den Individuen einen deletären Stoff von Aussen
einbringt, und was seit Jahrhunderten gedankenlos als Aetiologie dee
Kindbetttiebers gelehrt wurde, ist keine Aetiologie des Kindbett Hebers.
Wenn ich auch Ihre Ueberzeugung tlieile, dass nicht alle Puer-
peral-Fieber-Epidemien und alle Fälle von Puerperal- Fi eher in Folge
cadaveroser rufection entstehen, N I reime ich mich gleich von Ihnen.
Herr Hofrath. wenn Sie behaupten, dass nur in einigen Fällen das
Kindbettfieber in Folge cadaveroser Infection entstehe, und wenn Sie
es zu weit gegangen nennen, wenn man das so häufige Antn
den bösartigen Charakter, und die epidemische Verbreitung der Krank-
heit in Gebärhäusern durch cadaveröse Infection erklärt.
Eine jede der drei Quellen kann eine Pseudo-Epideniie hervor-
rufen. Im Schuljahre 1886 — 7 und 1857 — 8 hat die dritte Quelle eine
Pseudo-Epidemie hervorgerufen an der geburtshililb ihen Klinik zu
Test. Die Pseudo-Epidemien des St. Bochusspitals kamen von der
zweiten Quelle ; Chiari hatte in Prag zwei Pseudo-Epidemien aus der
zweiten Quelle gehabt, und das häufige Auftreten, der böswillige
Charakter und die furchtbaren Pseudo-Epidemien im Wi<
hause wurden zum grössten Theil aus der ersten Quelle erzeugt.
I üe Pseudo-Epidemien des Wiener Gebärhauses, namentlich das Plus
der Sterblichkeit an der I. Klinik im Vergleiche zur IL Klinik während
der sechs Jahre, wo die I. Klinik ausschliesslich Klinik für A«
war. ^line Clilorwaselitiiigen. war ausschliesslich cadaverflse [nfection
Wovon folgende Tabelle Sie, Herr Hofrath. überzeugen wird.
Das Wiener Gebärhaus wurde eröffnet den 16. Anglist 17s4.
39 Jahre Medicin in Wien ohne anatomische Grundlage.
Wöchnerinnen Todte Percent
71.3H5 897 1.25
10 Jahre Medicin mit anatomischer Grundlage.
Wöchnerinnen Todte Perceat
28.429 1509 5,30
8 Jahre Trennung des Gebärhauses in zwei Abheilungen, an beiden
'Abtheilungen Schiller und Schülerinnen in gleicher Anzahl vertheilt.
I. Abtheilung: II Abteilung:
Wochner. Todte Percent wnchner. Todte Percent
23.059 1505 6.56 18,097 731 5.58
6 Jahre 1 Abtheilnng ausschliesslich Klinik für Aerzte. II. Abtheilung
ausschliesslich Klinik für Hebammen. Ohne Chloi Waschungen.
I. Klinik. II. Klinik.
Klinik für Aerzte: Klinik für Hebammen:
Wochm Todte Perceut Wöchner. Todte Percent
20.042 1989 9.92 17,791 691 3.38
Die offenen Briefe an Professoren der Geburtshilfe.
447
12 Jahre nach Einführung der Chlorwaschungen.
Klinik für Aerzte: Klinik für Hebammen:
Wöchner. Todte Percent Wöchner. Todte Percent
47.938 1712 3.57 40,770 1248 3.06
Sie sehen. Herr Hofrath, dass innerhalb 39 Jahren, während die
Medicin in Wien noch der anatomischen Grundlage entbehrte, folglich
mit reinen Händen untersucht wurde3 Eine Wöchnerin von 100 Wöch-
nerinnen starb.
Sobald die Medicin die anatomische Grundlage annahm, starben
5 Wöchnerinnen von 100 Wöchnerinnen während 10 Jahren.
Die nächst folgenden 8 Jahre wurde das Gebärhaus in zwei Ab-
teilungen eingetheilt, und beiden Abtheilungen wurden Schüler und
Schülerinnen in gleicher Anzahl zugewiesen. Die Sterblichkeit der
1. Abtheilung war 6 von 100; die der II. Abtheilung 5 von 100.
Die nächst folgenden 6 Jahre, wo die I. Klinik ausschliesslich
für Aerzte bestimmt war, und die IT. Klinik ausschliesslich für Heb-
ammen, ohne Chlorwaschungen, steigerte sich die Sterblichkeit, un-
gerechnet der ungemein zahlreich transferirten Wöchnerinnen , auf 9
von 100, auf der IL Klinik sank die Sterblichkeit auf 3 von 100;
weil durch Zuweisung sämnitlirher Srhüler an der I. Klinik viel
häufiger aus der Quelle, welche der Cadaver darstellt, inticirt Würde,
als an der 11. Klinik.
In den 12 Jahren nach Einführung der Chlorwaschungen Bank
die Sterblichkeit der I. Klinik auf 3 von 100. Die Sterblichkeit der
IL Klinik minderte sich nicht wesentlich.
Im Jahre 1841 starben an der I. Klinik 237 Wöchnerinnen am
Kindbettfieber, im Jahre 1845 starben 241. im Jahre 1844 260. im
Jahre 1843 starben 274, im Jahre 1846 starben 459. im Jahre 1842
starben 518 Wöchnerinnen. Im Jahre 1848 wurde die Sterblichkeit
in Folge der Chlorwaschungen auf 45 Todte reducirt, in den nächst-
folgeuden 12 Jahren nach Einführung der Chlorwaschungen sind wohl
1233 verhütbnre Infectionsfälle von Aussen vorgekommen, weil von
47,938 Wöclinerinnen 1712 starben, aber trotzdem wurden 3424 Wöch-
nerinnen durch Chlorwaschungen gerettet weil die Sterblichkeit durch
chlorwaschungen auf ein Drittel der früheren herabgedrückt wurde;
ohne Chlorwaschungen hätte sich die Sterblichkeit in dem Grade
fortgesetzt, in welchem sich die Sterblichkeit der L Klinik ereignete
in den 6 Jahren, wo selbe ausschliesslich Klinik für Aerzte war, ohne
Chlorwaschungen; es wären mithin nicht 1712, sondern 5136 Wöch-
nerinnen gestorben.
Der Thatsache der grossen Sterblichkeit der 6 Jahre vor Ein-
führung der Chlorwaschungen, beinahe ausschliesslich bedingt durch
cadaveröse Infection, der Thatsache der Verminderung der Sterblich-
keit durch Verhütung der cadaverösen Infection nach Einführung
der Chlorwaschungen in 12 Jahren um 3424 Wöchnerinnen gegenüber
nimmt sich Ihr Ausspruch, Herr Hofrath, „dass es hinlänglich be-
wiesen sei, dass in einigen Fällen in Folge cadaveröser Infection die
Kindbettfieber entstehen, dass es aber zn weit gegangen sei , durch
die cadaveröse Infection das so häutige Auttreten, den bösartigen
Charakter und die epidemische Verbreitung der Krankheit in Gebar-
anstalten zu erklären,11 dieser Thatsache gegenüber nimmt sich Ihr
Ausspruch als colos^aler Irrthum aus.
448
Semmel weis' Abhandlungen und Werk über das Khidbettfieber.
Wenn Sie, Herr Hot'rath, lehren würden, dass jedes Puerperal-
fieber durch Resorption eines deletären Stoßes entstehe, und dass man
die Sterblichkeit durch Verhütung der Infection von Aussen auf nicht
Eine Todte unter 100 Wöchnerinnen beschränken könne, und wenn
wir dann verschiedener Ansicht wären, aus welcher Quelle mehr in-
ficirt wurde zur Zeit, wo mehr Wöchnerinnen starben als Eine von
100, 80 würde ich deshalb nicht mit Ihnen. Herr Hofrath, zanken:
ich würde mich vollkommen beruhigt fühlen durch die Wahrheit, die
sie lehren, dass das Kindbettfieber auf nicht Eine Todte unter 100
\\ in lmeriniien beschränkt werden könne.
Aber so verhält sich die Sache nicht. Sie opfern einzelne Wöch-
nerinnen der cadaverösen Infection, um desto mehr Wöchnerinnen
übrig zu behalten zur Ermordung durch epidemische Einflüsse und
durch andere ätiologische Momente, welche Sie aufzählen, und welche
wir beurtheilen werden.
Ihre Lehre führt zur Ermordung der Wöchnerinnen, und, nach-
dem ich den unerschütterlichen Entschkiss gefasst habe, dem Morden
ein Ende zu machen, so trete ich diesen Ihren mörderischen Irrthüraem
entschieden entgegen.
Herr Hofrath sagen, dass die Akademie der Medicin in Paris
anter Oriila's Vorsitze sieh gegen meine Lehre erklärt habe, und Sie
halten die Akademie der Medicin und Orfila für eine so entscheidende
Autorität, dass Sie es für überflüssig erklären, sich noch mit andere
Gründe umzusehen zur Bekämpfung meiner Lehre; ich gestehe, dass ich
die Pariser nicht für so entscheidende Autoritäten halte; denn die vier-
monatlichen Verhandlungen in der Akademie der Medicin in Paris im
Jahre 1858, also 11 Jahre nach 1847, über Kindbettfieber, haben mir die
Ueberzeugung verschafft, dass die Pariser Aerzte es sehr nöthig hätten,
nach Pest zu kommen, um über Puerperal-Fieber aufgeklärt zu werden.
Ich habe in meiner Schrift, Seite 456,*) erklärt, dass ich mir selbst
im Wege des Buchhandels die betreffende Schrift nicht habe ver-
schaffen können. Was Carl Braun die Akademie sagen lässt. habe
ich in meiner Schrift, Seite 456,*) widerlegt; ich wundere mich, dass
Carl Braun einen Grund durch die Akademie gegen mich anführen
lüsst, von dem Er so gut wie ich wusste. dass er falsch sei.
Falls Herr Hofrath im Besitze dieser Quelle sind, würden Sie
mich zu grossem Danke verpflichten, wenn Sie mir selbe für kurze
Zeit einsenden würden.
Herr Hofrath sagen, dass die Semmelweis'sche Annahme auch
von vielen anderen Seiten dieselbe Widerlegung erhalten hat. Ich
theile diese Ansicht nicht; ich glaube vielmehr, dass ich meine Gegner
widerlegt habe, und der Grund, warum ich das glaube, ist dar, dass
so vorlaute Leute wie Scanzoni , Carl Braun u. s. w. u. s. w. nach 8
Monaten noch immer keine Antwort gefunden, gewiss nur deshalb,
weil Sie sich für besiegt halten. Es wäre mir nur angenehm, wenn
meine Gegner etwas antworten würden; denn, würden Sie etwas
anderes antworten als „peccavi", so würde ich nur erneuerte Gelegen-
heit haben, meiner Lehre zu einem glänzenden Sieg zu verhelfen.
Herr Hofrath sagen, dass ich in massloser Weise gegen Alle, die
nicht meiner Meinung sind, oder die auch nur Zweifel über dieselbe
zu äussern wagten, zu Felde gezogen sei.
*) [Seite 373.J
Die offenen Briefe an Professoren der Geburtshilfe
449
Wenn es sich bei gleichbleibender Sterblichkeit nur um eine
andere Meinung in Betreff der Entstehung des Kiudbettfiebers handeln
wurde, so hätten Herr Hofrath Recht.
Aber nicht meiner Meinung zu sein, ist gleichbedeutend mit „ein
Mörder zu sein".
Ich bin der Meinung, dass das Puerperal-Fieber in Folge einer
Infection entsteht, und habe im Jahn- 1848 45 Wöchnerinnen in die
Todtenkannner gesendet Gustav Braun ist der Meinung, dass das
Puerperalfieber epidemischen Ursprunges sei. und Er hat mit seinen
unwissenden Schülern im Jahre 1854+ also 8 Jahre nach 1847, 400
Wöchnerinnen in die Todtenkammer gesendet u. s. w. u. s. w.
Nein, nein, Herr Hofrath, ich bin nicht in massloser Weise gegen
meine Gegner zu Felde gezogen; ich habe nicht annähernd die Grösse
der Verbrechen bezeichnet, welche meine Gegner begangen. Und
wenn Sie es aufrichtig bedauern, dass ich in so massloser Weise gegen
meine Gegner zu Felde gezogen bin. so weiss ich Ihnen keinen Dank für
Ihr aufrichtiges Bedauern, und glaube Ihr aufrichtiges Bedauern wäre
besser am Platze, wenn Sie selbes meinen unglücklichen Gegnern zu-
wenden würden, welche, falls selbe aus ihrer Verblendung erwachen, ob der
vielen selbst und durch unwissende Schüler und Schülerinnen ermordeten
Wöchnerinnen, gewiss in eine bedauernswerte Lage gerathen werden.
Herr Hofrath sagen : „Genug, über die Theorie der Leieheninfec-
riun ist gegenwärtig das Urtheil gesprochen^ und mit diesem Ihren
Ausspruche bin ich einverstanden, wenn unter Leicheninfection die
Ursache aller Puerperal-Fieberfalle verstanden wird.
Wenn Sie aber Herr Hofrath unter Leicheninfection diese Lehre
verstehen, welche ich in der Schrift: ,.Die Aetiologie, der Begriff und
die Prophylaxis des Kindbettfiebers" entwickelte, dann muss Ihnen,
Herr Hofrath, dieser ofene Brief die Ueberzeugung verschaffen, dass
über diese Lehre das Urtheil noch nicht gesprochen.
Nachdem ich, wie ich glaube, meine Lehre siegreich gegen Ihre
Angriffe, Herr Hofrath, yertheidiget habe, wollen wir sehen, was das
für eine Weisheit ist, welche Sie meiner Lehre vorziehen.
In der Vorerinnerung sagen Sie, Herr Hofrath, dass die Ver-
heerungen, welche das Kindbettfieber von Zeit zu Zeit unter den
Wöchnerinnen, zumal in Gebäranstalten , anstiftet, gerade wieder in
der neuesten Zeit die Aufmerksamkeit und die genaueste Forschung
der Aerzte und Geburtshelfer auf sich gezogen haben.
Herr Hofrath haben mein Werk über Puerperal-Fieber gelesen;
Sie könnten wenigstens es wissen, dass der Glanzpunkt meiner Lehre
darin besteht, dass in Folge meiner Lehre nicht Eine Wöchnerin von
100 Wöchnerinnen stirbt.
Das lehre ich seit 1847, und im Jahre 186L also 15 Jahre später,
erzählen Sie, dass die Verheerungen des Kindbettfiebers in der neuesten
Zeit die Aufmerksamkeit der Geburtsheiter auf sich gezogen.
Herr Hofrath haben mein Werk mit so wenig Verständnis» ge-
lesen dass diese zahlreichen Mordthaten keinen Ausdruck des Un-
willens gegen die Mörder Ihnen entlocken. Sie nehmen diese Ver-
heerungen für etwas, was nicht anders sein kann.
Herr Hofrath haben meine Werke mit so wenig Verständniss ge-
lesen, dass Sie noch vieles Räthselhafte am Puerperal-Fieber finden,
während demjenigen, welcher meine Lehre begreift, alles sonnenklar
beim Puerperal-Fieber ist.
Semmelweis' gesammelte Werke. 29
ir.n
Seiumelweis' Abh&iuUangeii und Werk über das Kindbett lieber.
Herr Hofrat h sagen, dass man es nicht einzelnen Aerzten allein
überlassen hat, das Rathselhafte des Kindbettfiebers zu erforschen.
sondern, dass ganze Oullegien und Akademien zusammengetreten Bind,
um im Interesse der Menschheit und der Wissenschaft gegen jene
mörderische Krankheit anzukämpfen.
Gerade ein einzelner Arzt, und dieser einzelne Arzt bin ich, bat
■ ins Käthselhai'te des Kindbettfiebers erforscht, und ich kämpfe seit
14 Jahren an drei Anstalten . welche früher alljährlich von Pseudo-
KindbeiTtieber- Epidemien heimgesucht waren, mit Erfolg im Interesse
der Menschheit und der W issenschaft gegen diese mörderische Krank-
heit: dass aber nach 14 Jahren noch immer nicht in der ganzen Welt
mit Erfolg gegen diese mörderische Krankheit gekämpft wird, ist die
Schuld meiner Lehre nicht.
Die Akademie der Medicin in Paris hat in ihren viermonatlichen
Verhandlungen über Puerperal-Fieber nur dürres Stroh zu Tage ge-
fordert, wie in meinem Werke in dem Artikel: „Arneth, die Akademie
der Medicin in Paris und Dttboia", Seite 455*) zu lesen, und das dürre
sii oh, welches die Verhandlungen holländischer Aerzte über Puerperal-
Fieber zu Tage gefordert haben, und welches Sie, Herr Hofratb, zur
Belehrung der deutschen Geburtshelfer nach Deutschland verpflanzt
haben, reiht sich würdig dem französischen dürren Stroh an.
Die französischen Verhandlungen nennen Sie, Herr Hofratb,
„merkwürdige Verhandlungen." Sie nennen selbe ein „Brillant tonraoi**,
müssen ober dennoch gestehen, dass diese Verhandlungen leider den
Gegenstand nicht einmal einigermassen dem gewünschten Abschlt
näher bringen konnten.
Ist das ein „Brillant tournoiu, welches nur Unsinn hervorbringt?
Mi lkwürdig kann man allenfalls diese Verhandlungen nennen, aber
nur deshalb merkwürdig, weil selbe gezeigt haben, welch' kr
Ignoranten in Betreff des Kindbetthebers selbst die ersten Aerzte
Frankreichs sind.
An der Discussion haben sich betheiligt: Depaul, P. Dubois.
BeiMl, Troussean. t luveilhier. Danyau, Cazeaux, Bouillaud, Velpeau,
Guerin etc.
Mit welchem Scharfsinne die Verhandlungen über Puerperal-
Fieber in der Akademie der Medizin in Paris geführt wurden, geht
anter Anderem auch daraus hervor, dass diese Infectoren. die
Epidemiker nennen, und welche der Ansicht sind, dass die atmo-
sphärischen epidemischen Einflüsse, welche das Kindbettlieber hervor*
rufen, von 80 grosser Verbreitung sind, dass die Wöchnerinnen in
Gebärhäuseru , welche in grosser Entfernung von einander liegen,
z, B. die Wöchnerinnen im Pariser und die "Wöchnerinnen im Wiener
Öeb&r hause, gleichzeitig in Folge derselben atmosphärischen epide-
mischen Einflüsse erkranken und sterben: dass diese Lnfectoren, welche
sich Epidemiker nennen, dadurch die Wöchnerinnen fegen diese Ein-
flösse schätzen wollen, dass sie die Individuen in I riv.it- Wohnungen
entbinden lassen; also der atmospliaiisrhe Einfluss, welcher von Pi
bis Wien reicht, reicht nicht bis yn den Privat- Wohnungen W
und Paris. Wird der Unterricht in den Privat- Wohnungen nicht fort-
gesetzt, so werden die Wöchnerinnen gesund bleiben, aber nicht des-
halb, weil selbe in Privat- Wohnungen gegen atmosphärische Einflüsse
*) [Seite 373.]
Die offenen Briefe au Professoren der Geburtshilfe.
451
geschützt sind, sondern weil selbe in Folge des Aufhürens des Unter-
richtes nicht inficirt werden.
Wird der Unterricht in den Privat- Wohnungen fortgesetzt, so
wird in Folge der Infectionen das Kindbettfieber fortdauern.
Diese Infectoren, welche sich Epidemiker nennen, wollen die
Wöchnerinnen dadurch gegen atni. isjtharisilie Einflüsse schützen, dass
sie die gegenwärtigen Pariser Gebärhäuser cassiren, und dafür mehrere
kleine Gebärhäuser in der nächsten Umgebung von Paris bauen.
Also die Wöchnerinnen werden gegen den atmosphärischen Einfluss
geschützt, welcher von Paris bis Wien reicht, wenn selbe in kleinen
Gebärhäusern in der nächsten Umgebung von Paris vi «-pflegt werden.
Wenn die französischen Aerzte einmal in Betrelf des Kindbett-
fiebers in dem Grade aufgeklärt sein werden, dass selbe keine Iniec-
t i« »ii von Aussen mehr machen werden, so werden die Wöchnerinnen
selbst in den alten Gebärhäusern in Paris gesund bleiben.
Sollten aber die kleinen Gebärhäuser in der nächsten Umgebung
von Paris gebaut werden, und sollten die Pariser Aerzte so colossale
Ignoranten in Betreff der Entstellung und Verhütung des Kindbett-
hebers bleiben, wie selbe jetzt sind, so wird auch in den kleinen Ge-
bärhäusern in der nächsten Umgebung von Paris das Puerperal-Fieber
grassiren.
Die neuen Gebärhäuser zu Würzburg, zu Strassburg und zu
München sind ein Beweis, dass neue Gebärhäuser zu bauen, die
Wöchnerinnen nicht gegen Puerperal-Fieber Behütet, weil die Unwissen-
den, welche im alten Gebärhause durch Infectionen von Aussen die
Verheerungen unter den Wöchnerinnen hervorgerufen haben, diese
Infectionen aus Unwissenheit im neuen Gehfirliause fortsetzen.1)
Diese Infectoren, welche sich Epidemiker nennen, haben auf
diesem „Brillant tournoiu, auch der Cassirung und der nicht Wieder-
herstellung sänimtlicher Gebärhäuser das Wort geredet, wegen der
ungeheueren Verheerungen, welche das Puerperal-Fieber in den Ge-
bärhäusern anstiftet. Aber diese Ignoranten wissen nicht, dass sie
selbst es sind, welche diese Infectionen, diese ungeheueren Verhee-
rungen hervorrufen, und nicht die Gebärhäuser.
Diese Infectoren, welche sich Epidemiker nennen, sehen nicht einT
wenn ihre Lehre wahr ist, wenn nämlich atmosphärische Ein-
fiflase das Kindbettfieber hervorrufen, es doch unmöglich ein Schutz
gegen Puerperalfieber sein kann, in Folge Cassini nu, sänimtlicher Ge-
barhäuser, nicht im Gebärhause, sondern ausserhalb der Gebärhäuser
zu entbinden, weil es ja ausserhalb der Gebärhäuser auch atmo-
sphärische Einflüsse gibt.
Nicht die Gebärhäuser müssen cassirt werden, um die Wöchne-
rinnen gesund zu erhalten, sondern sämmtliche Professoren derGebnrtfi-
liilfe. welche Epidemiker sind, müssen cassirt werden, um die Wöchne-
rinnen gesund zu erhalten.
Die vacanten Lehrstühle müssen besetzt werden mit Individuen,
e aus meiner Lehre ein glänzendes Rigorosum bestandeu, uud
sobald diese .Mussregel durchgeführt sein wird, werden die Wöchne-
rinnen in den Gebärliätisern gesund sein.
1 Nur jene GebfithtttiKr Dtttuiffi ftufgel&Mon werden« weide wirklich sanitätt*
widrig sind, wie es /. Ji. rlie frühere geburtshilfliche Kliuik der Pester medieimschen
Fakultät war.
29»
452
.Nmiiii-hvtis* AbljRDdlaug'en und Werk über das Kindbtr
Wenn alle Professoren de]- Geburtshilfe, welche Epidemiker sind,
mein Werk mit so wenig Nutzen lesen, wie Sie, Herr Hofrath, dann
ist freilich keine Hoffnung, dass A&fl Menschengeschlecht von der
Geissei des Kindbettfiebers früher befreit werde, als bis sämmtliche
Epidemiker ausgestorben. Aber das kostet noch nnz&hligeu Wöchne-
rinnen das Leben; und wenn ich die Macht dazu hätte, und wenn ich
keine andere Wahl hätte, als entweder noch unzählige Wöchnerinnen
am Kindbettfieber, welche gerettet hätten werden können, sterben zu
u, oder durch Cassirung sämmtlicher Personen der Geburtshilfe,
welche Epidemiker sind, und entweder meine Lehre nicht lernen wollen,
oder meine Lehre nicht mehr lernen können, diese Wöchnerinnen zu
retten, so würde ich die Cassirung der Professoren wählen, weil ich
der Ueberzeugung bin. dass, wo es sich um die Verhütung der Er-
mordung Tausender und Tausender von Wöchnerinnen und Säuglingen
handelt, ein paar Dutzend Professoren nicht in Betracht komtrn
In der Privatpraxis wird freilich das Kindbettfieber nieht so
schnell aufhören, weil. Dank der Irrlehren der Professoren der Geburts-
hilfe, welche Epidemiker sind, die Aerzte und die Hebammen Infectoren
sind, zu welchen meine Lehre nicht so schnell und zu Vielen gar nicht
dringen wird.
Die Cassirung sämmtlicher Professoren der Geburtshilfe, welche
Epidemiker sind, hätte nebst dem, dass die Wöchnerinnen im Gebär-
hatise gesund bleiben würden, noch den Nützen, dass nicht fort
fort Generationen von Infectoren männlichen und weiblichen Geschieh
in die Praxis gesendet würden, welche dort so viel Familienglfick
zerstören.
Herr Hofrath sagen : ,.den genannten französischen Verhandlungen
stellen sich die holländischen Untersuchungen einer Commission
Geburtshelfern zur Seite, welche Dr. Lehmann in einer eigenen Schrift
zusammengestellt hat."
Unter dem Titel: „Considerations sur la fievre puerperale" hat
Dr. Dieudonne in Brüssel die Schrift aus dem Holländischen übersetzt,
und diese letztere Arbeit liege Ihnen vor. nach weicher Sie Ihren
Lesern den folgenden Bericht erstatten.
Herr Hofrath sagen, dass Lehmann den Aufsatz von Carl Braun :
„Zur Lehre und Behandlung der Puerperal-Prozesse und ihre Bezie-
hungen zu einigen zyanotischen Krankheiten", welcher in der Klinik
der Geburtshilfe und Gynäkologie von Chiari, Carl Braun und Spaeth.
Erlangen 1855, enthalten ist, sehr fleissjg benützt habe.
Herr Hofrath haben das verdammende Urtheil, welches ich über
diesen Aufsatz in meiner Schrift über Kindbettfieber von Seite 484*)
bis Seite 536**) ausgesprochen habe, gelesen, und wenn Sie dennoch
von der Arbeit Lehmann's, bei welcher der von mir verdammte Aufsatz
fleissig benützt wurde, sagen, dass selbe den jetzigen Standpunkt, auf
welchem die Lehre von den Puerperal-Prozessen in der neuesten Zeit
gebracht wurde, bezeichnet, so beweisen Herr Hofrath durch diesen
Ihren Ausspruch nur, dass Sie selbst nicht auf dem Standpunkte stehen,
auf welchen die neueste Zeit die Lehre von Puerperal-Prozessen ge-
bracht hat.
Der Standpunkt, auf welchem die neueste Zeit die Lehre von
den Puerperal-Prozessen gebracht hat, ist der Standpunkt, auf welchen
•J [Seite 390.J
") [Seite 42L.|
Die offenen Briefe au Professoren der Geburtshilfe.
453
ich die Lehre von den Puerperal-Prozessen gebracht habe, und dieser
Standpunkt wird der Standpunkt für die Leine von den Puerperal-
Prozessen bleiben, so lange das menschliche Weib gebären wird.
Und Herr Hofrath haben dadurch, dass Sie die Lehmann sehe
Arbeit auch in Deutschland verbreiteten, obwohl Sie meine Schrift
gelesen, bewiesen, dass Sie nicht das geringste VerstÄndnisa haben fin-
den Standpunkt, auf welchen ich die Lehre von den Puerperal-Prozessen
in neuester Zeit in meiner Schrift gebracht habe.
In den einleitenden Worten zur Lehmann'seheii Aetiologiß und
Pathogenese des Kindbettfiebers gebrauchen Herr Hofrath Ausdrücke,
welche wieder zum 7.11 offen Kaie beweisen, dass es für Sie ohne
Nutzen war. mein Werk zu lesen. Sie sagen: „man hat sich bemüht»
in das Gebeüanissvolle dieser Krankheit zu dringen, uud dennoch ist
man nicht im Stande über die Natur derselben ein hinreichendes Licht
zu verbreiten. Viele Punkte bewegen sich noch im Reiche derHypo-
theaen und erwarten ihre Lösung von der Zukunft".
In der A&tiologie, in dem Begriffe und in der Prophylaxis des Kind-
ibt es nichts Geheiranissvolles mehr; über die Natur des
Kindbettflebers ist ein sonnenklares Licht verbreitet; kein einziger
Punkt ist eine Hypothese, und die Zukunft hat in diesen drei Punkten
nichts mehr zu Lösen
ihre lange Abhandlung, welchen Namen man eigentlich dieser
Krankheit, welche man gewöhnlich Kiudhet trieber nannte, geben solle,
will ich nicht besprechen; ich gebe lieber den Namen, welchen ich
dieser Krankheit gebe: ich nenne diese Krankheit „das Resorptions-
Fieber iles Weibes in der Fortpflanznngsperiode". Das Erste der
Krankheit ist die Resorption eines deletaivn Stoffes; das Zweite ist
die Blutentmisc.hung. und schon in diesem Stadium wird die Krankheit
in seltenen Fällen tödlich; das Dritte sind die Exsudatiunen.
Sie M h'u. Herr Hofrath. dass diese Bezeichnung der Krankheit
die Fülle, wo die Section nicht das mindeste von einer Localafiection
nachweiset, nicht ausschliesst.
Ich leine, dass jeder Fall von Kindbett fieber dadurch entstehe,
dass ein deletiirer Stoff resorbirt werde; dieser deletäre Stoff wird
am häufigsten den Individuen von Aussen eingebracht ; der Trauer,
mittelst welchen der deletäre Stoff den Individuen von Aussen beige-
bracht wird, ist der untersuchende Finger, die operirende Hand, In-
strumente, Bettwäsche, die atmosphärische Luft. Schwämme, die Hände
der Hebammen und Wärterinnen, welche, mit den decomponirii n
Excrementen schwer erkrankter Wöchnerinnen oder anderer Kranken.
und hierauf wieder mit Kreissenden und Neuentbundenen in Berührung:
klimmen. Leibschusseln ; mit einem Worte: Träger des deletaren Stoffes
ist alles das. was mit einem deletären Stoffe verunreinigt ist und mit
den Genitalien der Individuen in Berührung kommt.
Da bei unverletztem Körper nur die innere Pia che des Fteriis
resorbirt, vom inneren Muttermunde angefangen nach aufwärts, so
folgt daraus, dass, wenu die atmosphärische Luft der Träger der
deletänn Stoffe ist. die atmosphärische Luft nur in der Xachgeburts-
periode und im Wochenbette infleiren kann, wenn nur in der Nach-
geburtsperiode und im Wochenbette die innere resorbirende Fläche
des Uterus der atmosphärischen mit deletären Stoffen geschwängerten
Luft zugängig ist.
454
Seinmelwei-' Aliluunllungeti und Werk iil>er «lan Kiiidbettheber.
Herr Hofratli sagen: „das Puerperal* Fieber hat einen miasmati-
schen oder contagiösen Anspruch a.
Das Miasma sei von atmosphärischen Einflüssen abhängig; welches
aber die Aenderungen der Atmosphäre seien, welche in ihrem Vereine
unter dem Namen Miasma begriffen werden, sei völlig ungev
Ein Puerperal-Miasma in diesem Sinne existirt nicht.
Die atmosphärische Luft kann allerdings mit zersetzten 3toffen
verunreinigt sein; aber diese zersetzten Stoffe sind nicht das Product
von Einflüssen oder Aenderungen der Atmosphäre, sondern selbe sind
Prodnct der drei Quellen des zersetzten »Stoffes, welche ich in
meiner Schrift für den zersetzten Stoff anführe.
Um zn beweisen, dass das Kindbettfieber in Folge eines Miasmas
entstehe, welches das Prodnct ungewisser atmosphärischer Kinflüsse
und Veränderungen sei, führen Herr Hofrath folgende Gründe an.
sie sitzen, das KimUienfk-ber komme epidemisch vor,
„Gustav Braun hat bewiesen, dass man so Viele inficiren kann.
dass 400 in einem Jahre sterben".
] >;is Kindbettfleber komme zu derselben Zeit in verschiedenen
Lokalitäten vor.
„Wenn Viele auf drin Kreissezimmer inficirt werden, so wird zu
derselben Zeit bei den in verschiedenen Lokalitäten verpflegten, auf
dem Kreissezimmer inficirten, das Kindbettfleber entstehen."
Mass die Krankheit ohne Unterschied auf Individualität, After
und Staud ihre Opfer fordere.
„Der zersetzte Stoff ist ein so furchtbares Gift, dass er bei jeder
Individualität, jedem Alter und jedem Stande das Kindbettfleber
hervorbringt.
Um zu beweisen, dass das Kindbettfleber durch ein Miasma her-
vorgebracht werde, welches von unbekannten atmosphärischen Ein-
flüssen und Aenderungen abhängig sei. führen Herr Bofratb den
Umstand an, dass zu gewissen Zeiten immer Wöchnerinnen in be-
stimmten geographisch mehr weniger ausgebreiteten Gegenden in
mehr oder weniger beträchtlicher Zahl erkranken.
Sehen Sie nach, Herr Hofrath, in Ihrem Cataloge, wie viele
Schüler Sie schon, seit Sie Professor der Geburtshilfe sind, in
Praxis gesendet haben: keinem Einzigen haben Sie gesaut. «1;iss das
Puerpernl-Fielier dadurch entstehe, dass den Individuen ein zersetzter
Stoff von Aussen eingebracht werde; bis zum Jahre 1847 ist das an
keiner Lehranstalt den Schülern und Schülerinnen gesagt worden.
1847 habe ich es durch 21 Monate in Wien meinen Schülern ge>
und sechs Jahre sage ich es meinen Schülern und Schülerinnen zu Pest.
Diese unwissenden Schüler und Schülerinnen sind überall, wo
der Mensch wohnt: und ist es da zu wundern, wenn zn gewissen
Zeiten immer Wöchnerinnen in bestimmt geographisch mehr oder
weniger ausgebreiteten Gegenden in mehr oder weniger beträchtlicher
Zahl erkranken ?
Dieses Arunnient ist ein Beweis, wie wenig Sie, Herr Hofrath,
über diesen Gegenstand, über welchen Sie schreiben, aufgeklart sind;
denn das, was ein Verbrechen der Professoren der Geburtshilfe ist
dass ihre Schüler und Schülerinnen, welche selbe in Unwissenheit
lassen, so viele Wöchnerinnen in geographischer Verbreitung ermorden,
das Sie mit grossei Qemnthsrnhe [diese Verbrechen] als Beweis für
die Wahrheit der Lehre der Epidemiker anführen.
Die offenen Briefe an Professoren der Geburtshilfe.
455
Herr Hofrath sagen : „Diese Thatsachen werden nicht allein
durch Berichte aus Gebäranstalten, sondern auch von Aerzten kleiner
Städte beglaubigt; ja auch häufig wird dieselbe Beobachtung auf dem
platten Lande gemacht".
Natürlich, in den in geographischer Verbreitung befindlichen Ge-
bärhäusern inficirt der unwissende Herr Professor, der unwissende
Herr Assistent und die unwissenden Schüler und Schülerinnen; die
Schuler und Schülerinnen gehen auch in kleine Städte und auf das
platte Land, um sich ihr Brot zu verdienen; und weil sie der Herr
Professor im Gebärhause in Unwissenheit gelassen hat, über die Ent-
stehung und Verhütung des Kindbett nebers. weil der Herr Professor
selbst nicht weiss, wie das Pnerneral-Fieber entsteht , und wie es
verhütet werden könne, so setzen diese Medicinal- Individuen mann-
lichen und weiblichen Geschlechts in kleineren Städten und auf dem
platten Laude die Infectionen fort, welche dieselben aus Unwissenheit
im Gebärhause begonnen haben.
Herr Hofrath. ich kenne Sie als einen äusserst gemüthlichen,
äusserst guten Mann; ich bin überzeugt, dass es Ihnen nicht möglich ist.
Jemand etwas Unangenehmes absichtlich zu bereiten; und denn oei
mit solch' einem Gemüth suchen Sie, weil Sie über die Entstehung und
Verhütung des Kindbett fiebers nicht aufgeklärt sind, niebt nur in
I h 'lii'irhäusern, sondern auch in kleinen Städten und auf dem platten
Lande nach Leichen aus l'nwissenheit ermordeter Wöchnerinnen, um
eine stütze für Ihre gegenwärtige Lage zu linden: ich beschwöre sie,
Herr Hofrath, machen Sie sich die Wahrheiten zu eigen, Welche m
meiner Schrift enthalten sind, damit Sie, Ihrem Gemüthe entsprechend,
eine Stütze für Ihre neue Ueberzeugung linden mögen in den heiteren
Mienen der Wöchnerinnen, und — in der leeren Todtenkanimer.
Herr Hofrath sagen, dass es bisher nicht gelungen ist, die atmo-
sphärischen, das Kindbettfieber erzeugenden Einflösse kennen zulernen.
weil unter verschiedenem Klima und Witterungswechsel Kindbettfieber-
Epidemicn vorkommen. Natürlich, was nicht existirt. kanu man nicht
kennen lernen; aber unter verschiedenem Klima und Witterungswechsel
kann inficirt und dadurch eine Pseudo- Kindbettfieber-Epidemie hervor-
gerufen werden; und wenn Herr Hofrath sagen, das Einzige, was fest
steht, ist, dass die häufigsten und bösartigsten Epidemien mehr im
Winter als im Sommer auftreten, dass eine im Winter herrschende
Epidemie plötzlicli aufhöre, wenn die Witterung milder uud wärmer
wird, so liegt der Grund dieser Erscheinung darin, dass der Winter
vorzüglich die Zeit ist für die Beschult igten mit Dingen, welche die
Hände mit zersetzten Stoffen verunreinigen, und dass mit dem Eintritte
milder und wärmerer Witterung diese Beschäftigungen nicht mehr in
iliespi Ausdehnung betrieben werden, wie in der kalten Jahreszeit
Die Beweise für diese meine Erklärung finden Sie, Herr Hofrath.
in meiner Schrift. Seite 121.*)
Herr Hofrath stellen die Frage: ob das Kindbettfieber einen
directen genetischen Zusammenhang mit anderen endemischen und
epidemischen Krankheiten habe:1 Ich beantworte diese Frage dahin:
wenn die andern endemischen und epidemischen Krankheiten zersetzte
Stoffe erzeugen, so werden die anderen endemischen und epidemischen
Krankheiten dadurch das Puerperal-Fieber erzeugen; dass die Aerzte
*) [Seite 170.1
166
Sera rael weis' Aiha&dlttnfta mn\ Werk über das Kindbettfieber.
und Hebammen, welche die au anderen endemischen und epidemischen
Krankheiten Leidenden behandeln und pflegen, auch Kreissende und
Wöchnerinnen behandeln und pflegen, und da die Aerzte und die Heb*
ammen nicht wissen, dass durch Uebertragung zersetzter Stoffe
Puerperal- Fieber entsteht, so werden selbe sich nicht hüten, /.ersetzte
Stoffe zu übertragen, und dadurch wird das Kindbettfieber
Herr Hofrath, dass jetzt, wo selbst Professoren
Geburtshilfe, die sogar Holrät he sind, nicht wissen, wie das Puerperal-
fieber entsteht, und wie es verhütet werden könne, dass jetzt die
Frage, ob das Puerperal-Fieber einen directen genetischen Zusammen-
hang mit anderen endemischen und epidemischen Krankheiten habe,
mit Ja beantwortet werden miiss Sobald aber meine Lehre al
meine praktische Anwendung linden wird, wird die Frage mit Nein
atwortet werden müssen.
Wenn Herr Hofrath darin, dass häufig Blutflüsse während und
nach der Geburt eintreten, und dass die Kinder von solchen Frauen
geboren, welche später vom Kindbettfieber befallen weiden, oft in
Folge eines eigenthümlichen Zustande« von Blutdissalution schnell
sterben, die Wirkung des durch die Individuen eingeathmeten Fuer-
peral-Miasmas erkennen, so ist das nicht richtig, weil diese Uebel-
stände durch Chlorwaschungen der Hunde verbotet werden können.
Durch Chlorwaschungen der Hände kann der zersetzte Stoff
werden, welcher von Aussen den Individuen mittelst des untn-
sneheiideti Fingers eingebracht, diese Uebelstände hervorgebracht
hatte. Wie wird durch Chlorwaschungen der Hände das Puerperal-
Miasma zerstört, welehes die Individuen einathmen? Die in der Luft
suspendirlen zersetzten Stoße können bei unverletztem Körper nur
von der inneren Fläche des L tenis resorbirt werden; wenn die in
der Luft suspendirten zersetzten Stoffe durch Einathmung von der
Schleimhaut der Lungen resorbirt werden könnten, dann wurde es
wenig Aerzte gaben, weil Beine schon als erstjährige Mediciner diu eh
Einathmung von zersetzten Stoffen im Seeirsaale in Folge entstandener
Infection gestorben wären. Die Professoren der pathologischen und
elementaren Anatomie, deren Assistenten, die Chirurgen etc. etc.
müssten in grosser Anzahl an Infection sterben. Die erst) übrigen
Mediciner. die Professoren der pathologischen und elementaren Ana-
tomie und deren Assistenten, die Chirurgen, sterben wohl auch
manchmal in Folge einer Infection, aber nicht deshalb, weil selbe zer-
setzte Stoffe eingeathmet haben, sondern weil selben mittelst Ver-
letzung zersetzte Stoffe in den Kreislauf gebracht werden; das ge-
schieht manchmal, und deshalb kommt manchmal bei den Genannten
eine Infection vor. Das Einathmen von zersetzten Stoffen geschieht
bei den Genannten unverhältnissmässig häufig zur Zahl der vor-
kommenden Infectionsfftlle.
Das Kindbettfieber ist keine contagiöse Krankheit, und der Um-
stand, dass Sie sich, Herr Hofrath. einen < ontagionisten nennen, be-
weiset nicht im Geringsten, dass das Puerperal-Fieber eine contagiöse
Krankheit sei.
Blattern sind eine contagiöse Krankheit, weil ein Blattemkrauker,
und zwar ein jeder Blatternkranker, den Stoff erzeuget, welcher in
einem gesunden Individuum wieder Blattern hervorzurufen geeignet
ist. Ein gesundes Individuum kann Blattern nur von einem Blattern-
kranken bekommen; von einem nicht Blatternkranken kann ein ge-
Die offenen Briefe an Professoren der Geburtshilfe.
457
sundes Individuum keine Blattern bekommen; vom Gebärmutterkn ls
li.it noch NMemand Blattern bekommen.
Nicht so verhält sich die Sache beim Kindbettrieber.
Nicht eine jede am Puerperal-Fieber Erkrankte ist geeignet, bei
einer gesunden Wöchnerin das Puerperal-Fieber hervorzurufen; wenn
das Puerperal-Fieber nicht mit Erzeugung: eines zersetzten .Stoffes nach
Aussen einhei schreitet, so ist von solch' einer Kranken das Kindb» 1 1
Heber auf eine Gesunde nicht übertragbar; z. B.: eine Wöchnerin hat
ein heftiges Puerperal-Fieber, das Puerperal-Fieber lokalisii t sieb mit
einer jauchigen Peritonitis, nach Aussen wird kein zersetzter Stoff
ansengt; oder eine Wöchnerin stirbt schon im Stadio der Bluteut-
misclmng. bevor es noch zu Exsudationen gekommen ist: von solchen
Kranken ist das Puerperal-Fieber während des Lebens auf eine ge-
sunde Wöchnerin nicht übertragbar, weil kein zersetzter Stoff über-
tragen werden kann.
Sterben diese Wöchnerinnen, so können deren Leichen dadurch
Kindbettfieber bei Gesunden hervorrufen, dass die Leichen in
Faulniss übergehen; die mit der jauchigen Peritonitis kann auch da-
durch Puerperal-Fieber erzeugen, dass durch Eröffnung der Bauchhöhle,
durch die Section. die zersetzten Stoffe der Peritonitis zugängig werden.
Schreitet das Kindbetttieber mit Erzeugung eines zersetzten
Stoffes nach Aussen einher, z. B. ist Endometritis septica, sind \vr-
jauchende Metastasen vorhanden, so ist von dieser Kranken ihis Kind-
bettfieber auf eine gesunde Wöchnerin schon während des Lebens der
Kranken übertragbar durch Uebertragung des zersetzten Stoffes der
Endometritis septica. durch Uebertragung des zersetzten Stoffes der
verjauchenden Metastasen.
Aber das Kindbetttieber wird nicht blos durch Uebertragung zer-
setzter Stoffe, herrührend von Puerperal-Kranken. herrührend von Puer-
peral-Leichen, hervorgerufen . die Quelle des zersetzten Stoffes, welcher
den Individuen von Aussen beigebracht, das Kindbetttieber hervorruft,
ist die Leiche jeden Alters, jeden Geschlechtes, ohne Rücksicht auf
die vorausgegangene Krankheit, ohne Rücksicht, ob es die Leiche
einer Wöchnerin oder einer Nicht- Wöchnerin ist; nur der Grad der
Faulniss kommt bei der Leiche in Betracht.
I >] ■ Quelle, woher der deletäre Stoff genommen wird, welcher den
Individuen von Aussen beigebracht, das Kindbett lieber erzeuget, sind
alle Kranken jedes Altera, jeden Geschlechts, deren Krankheiten mit
Erzeugung eines zersetzten Stoffes nach Aussen einherschreiten, ohne
Rücksicht, ob das kranke Individuum am Kindbettlieber leide oder
nicht; nur der zersetzte Stoff als Produkt der Krankheit kommt in
Betracht,
Die Quelle, woher der zersetzte Stoff genommen wird, welcher
von Aussen den Individuum beigebracht, das Kindbettlieber erzeuget,
sind alle physiologischen thierisch-organischen Gebilde, welche den
vitalen Gesetzen entzogen, einen gewissen Zersetzungsgrad eingegangen
sind; nicht das, was selbe darstellen, sondern der Grad der Faulniss
kommt in Betracht.
I»as Kindbetttieber ist demnach keine contagiosa Krankheit; aber
das Kindbetttieber ist eine auf eine gesunde Wöchnerin übertragbare
Krankheit mittelst eines zersetzten Stoffes, dessen Quellen wir so eben
aufgezählt,
Nun werden Sie sich, Herr Hofrath, erklären können, warum die
458
Semmel weis' Abhandlungen nnd Werk über «las Kindbettfieber.
Contagionisten Fälle anführen konnten, wo es unzweifelhaft war. das»
eine gesunde Wöchnerin von einer kranken Wöchnerin «las Puerperal*
Fieber bekommen hat, weil ein zersetzter Stoff von der kranken Wöch-
nerin auf die gesunde übertragen wurde, und warum die Gegner der
< '■'iitaginsitiit ebenfalls Falle anführen konnten, wo die Uebertragiui^
nicht geschehen, welche doch geschehen hätte müssen, falls das Kind-
bettfieber eine contagiOee Knmkheir w&re; in diesen Fällen ist kein
zersetzter Stoff übertragen worden.
Wenn Herr Hofrath die Thatsache, dass manchmal in der Praxis
einzelner Geburtshelfer oder Hebammen ungewöhnlich viele Kindbett-
ti eberfälle vorkommen, dadurch erklären, dass die Gebartehelfer und
Hebammen das Puerperal-Contagium von kranken Wöchnerinnen auf
gesunde übertragen, so ist die Erklärung dieser Thatsache eine irrige.
Denken sie sich. Herr Hofrath. eine Frau, welche am Ge
mutterkrebs leidet; die Kranke Hast sich täglich mehrere Male durch
ihre Hebamme Einspritzungen machen; die Krankheit zieht rieb
durch mehrere Monate hin; wird diese Hebamme nicht die Kreissenden
inficiren, welche sie während dieser Zeit untersucht? ihr Profi
hat ihr ja nicht gesagt, dass dadurch das Kindbettfieber entstellt.
Behandelt ein Arzt, welcher zugleich Geburtshelfer ist. eine
Krankheit, welche zersetzte Stoffe erzeugt, und welche sieh in die
Länge zieht, so wird der Arzt so gut wie die Hebamme während
dieser Zeit viele Kindbettfieber erzeugen; er ist ja eben bo wie die
Hebamme von seinem Professor der Geburtshilfe in Unwissenheit über
die Entstehung und Verhütung des Kindbettfiebers gelassen winden.
aus dem einfachen Grunde, weil ja so etwas der Professor selbst
nicht weiss.
Herr Hofrath sagen, das Miasma oder Contagium bildet nur
einen Factor der Entwicklung des Kindbettfieber»; die übrigen In
toren, welche auch das Kindbettfieber hervorrufen, sind nach Ihnen.
Herr Hofrath. folgende: die puerperale Constitution selbst, der
burtsact, die Verwundung der inneren Fläche des Uterus, die unvoll-
kommene Zusammenziehung und Rückbildung des Uterus nach der
Geburt, die mangelhaften oder stockenden Se- und Excretionen der
Lochien, Genmthsaffecte, die Individualität, Diätfehler, zu hohe Tempe-
ratur des Wochenzimmers, Erkältung.
Meine Ueberzeugung ist, dass es nur eine Ursache des Kindbett-
fiebers gibt, und diese eine Ursache für alle Fälle, keinen einzigen
Fall von Kindbettfieber ausgenommen, ist ein zersetzter thierisdi-
organischer Stoff; dass demnach nur das ein ätiologisches Moment
des Kindbettfiebers ist, welches dem Individuum einen zersetzten
Stoff von Aussen einbringt, oder was in den Individuen einen zer-
setzten Stoff entstehen macht.
In wie ferne diese aufgezählten Umstände den Individuen einen
zersetzten Stoff von Aussen beibringen, oder in wie ferne selbe in
den Individuen einen zersetzten Ston entstehen machen, in wie ferne
selbe daher ätiologische Momente des Kindbettfiebers sind, und in
wie ferne diese Umstände weder den Individuen einen zersetzten
Stoff von Aussen beibringen, noch in den Individuen einen zersetzten
Stoff entstehen machen, in wie ferne selbe daher keine ätiologischen
Momente des Kindbettfiebers sind, darüber kann der Leser meine Ansicht
finden in meinem Werke an den Stellen, in welchen ich die Scan-
zoni'sche und Carl Braun'sche Aetiologie des Kindbettfiebers beurtheile.
Die offenen Briefe an Professoren der Geburtshilfe.
459
Hofrath haben mein Werk ohne allen Nutzen gelesen; Herr
a.th verbreiten eine Lehre, nach Lesung meines Werkes, welche
ein Couglomerat von Irrthiimeru ist. welche sämmtlirh in meinem
Werke in überzeugender Weise widerlegt sind. Und da es mir mög-
lich scheint, dass noch manch* Anderer, ebenso wie Sie, mein Wert
ohne alJen Nutzen lesen dürfte, und da ich den unerschütterlichen
"ntschluss gefasst habe, das Menschengeschlecht von der Geissei des
idbettfiebers zu befreien, 80 mache ich Ihnen. Herr Hofrath, zur
'rreichung dieses heiligen Zweckes folgenden Antrag: Richten Sie,
Herr Hofrath, an die Geburtshelfer und Aerzte Deutschlands eine
Aufforderung, selbe mögen sich in den Monaten August oder September
in einer Stadt Deutschlands, deren Bezeichnung ich Ihnen, Herr Hof-
rath. über lasse, versammeln; ich werde auch erscheinen, und wir
(Verden uns mündlich verständigen. Früher oder später erlauben mir
meine Berufspflichten keine längere Abwesenheit von Pest, und mit
der alljährlichen Versammlung deutscher Aerzte und Naturforscher
kann diese Besprechung nicht vereiniget werden, weil diese Versamm-
lung zu kurze Zeit dauert; ich bin aber gesonnen, so lange zu bleiben,
bis Alle aus Ueberzeugung sich meiner Lehre angeschlossen.
Sollten aber die Geburtshelfer und Aerzte Deutschlands ihren
eigenen Fähigkeiten vertrauen, und sollten selbe eine solche Ver-
sammlung für überflüssig halten, so gebe ich mich auch damit zu-
frieden, erwarte aber dann, dass die deutschen Geburtshelfer und
Aerzte keine Irrthümer mehr über das Kindbettrteber verbreiten, und
dass die Geburtshelfer und Aerzte Deutschlands keine Mordthaten
mehr begehen, welche aus den Gebärhäusern unter der Aufschrift
von beobachteten Puerperal-Fieber-Epidemien und aus der Privatpraxis
unter der Aufschrift von in geographischer Verbreitung vorgekommenen
Kindbettfieber veröffentlicht werden.
An Hofrath
Dr. F. W. Scaii/oni.
Professor der Geburtshilfe zu Würzbarg.
Als ich den offenen Brief an Sie, Herr Hofrath, schrieb, wegen
der Pseudo-Kindbettfieber-Epidemie. welche im Jahre 1859 in ihrem
neuen, mit den besten Einrichtungen versehenen Gebärhause herrschte,
hatte ich noch keine Keiintniss, dass auch im Jahre 1860 V) in ihrem
Denen, mit den besten Einrichtungen versehenen Gebärhause eine
>} Würzburger niedi.iuisehe Zeitschrift. I- Band V. Heft. 1860. Seite 360.
Mittheilungen ans der geburtshilflichen Klinik zu Würzburg, tou Dr. Otto von
Franque, Privatclocenten in Würzburg.
460
Semraelweis" Abhandlungen und Werk illver das Kiwlk-n lieber.
noch heftigere Pseudo-Kindbettiieber-Epidemie herrschte, als im
Jahre L86ft
Im Jahre 1859 ereigneten sieh vom 1. Februar bis 15. April
99 Geburten; davon erkraukten an Puerperal-Prozessen 30. 9 starben.
Im Jahre 1860 zogen sich die Erkrankungen wahrend dei
sechs Monate des Jahres hin, bald stärker, bald Schwächer auftretend:
ihren Höhepunkt erlangte die Pseudo-Epidemie Ende April und Au-
9 Mai; in diese Zeil lallen die acutesten und heftigsten Erkrankungen
und die meisten Todesfälle.
In den ersten 6 Monaten des Jahres 1860 kamen 188 Geburten
vor; von den Wöchnerinnen erkrankten 44 am Puerperal-Fieber. von
diesen starben 14; 19 von den Puerpetal-Ei krankten wurden tu das
JuliusspitaJ transferirt, 7 davon starben: also starben im Jahre 1859 9,
im Jahre 18H0 21 Wöchnerinnen am Kindbettfieber.
Herr Hofrath haben vom 1. November 1850 bis letzten Oktober
1856 im Würzburger Gebärhanse 1639 Wöchnerinnen behandelt, da-
von starben 80.
Was vom letzten Oktober 185G bis zu den zwei Pseudo-Kiud1
fieber-Epidemien in den Jahren 1859 und 1800 im Würzburger Ge-
bärhause geschehen, ist nicht zu meiner Kenntniss gelangt. Die
6 günstigen Jahre haben mir es möglich erscheinen lassen, dass Sie,
Herr Hofrath. ich weiss nicht unter welcher Form, meine Lehre be-
obachten.
Carl Braun z. B. beweiset bis zur untrüglichen Gewissheit in
seinem Aufsätze, aus welchen] Lehmann und Hofrath Siebold ihre
Weisheit geschöpft, dass der Cadaver nicht inlicirt. und dass
Chlorkalk nicht desinficirt. Wenn er daher seim-n Schülern den Auf-
trag ertheilt, nicht zu untersuchen, so lange der Fjpger nach Cadaver
riecht, und wenn er seine Schüler nach Uebungen am Cadaver < "hlor-
Waschungen machen lftsst, so geschieht dies, wie er selbst sagt, blas
um die Form zu beobachten,
Herr Hofrath thun vielleicht auf andere Weise dasselbe.
Die zwei Pseudo-Epidemien haben mich in meinem Glauben au
eine niaskirte Beobachtung meiner Lehre nicht irre gemacht, weil mir
dasselbe geschehen.
Im Jahre 1848 habe ich in Wien wählend zwei Monaten gar
keine Todte gehabt: in 5 Monaten starb nicht Eine von 100. Im
St. Rochusspital starb während 6 Jahren nicht Eine Wöchnerin
100. Im eisten Jahre meiner Professur starb nicht Eine von 100
Wöchnerinnen. Im zweiten starben 2. im dritten stürben sogar 4
von 100. Trotz meinen Massregeln sind den Individuen in dieses
zwei Jahren zersetzte Stoffe von Aussen eingebracht worden mittelst
unreiner Leintücher.
Es kann ja auch im Würzburger Gebärhause geschehen sein, dass
trotz der maskirten Beobachtung meiner Lehre, den Individuen zer-
setzte Stoffe von aussen eingebracht wurden. Die Pseudo-Kiudbett-
fieber-Epidemien des Jahres 1859 waren unzweifelhaft Infectionen
von Aussen, welche geschahen vor Ausschliessung des Kindes, was
die wahrend der Geburt zu beobachtenden Wehen-Anomalien, die
Blutflusse in der Nachgeburtsperiode und der Umstand beweiset, dass
die Kinder an einer der mütterlichen ähnlichen Blutentmischung
ebentall- starben.
Die offenen Briefe an Professoren der Geburtshilfe.
461
Die Pseudo-Kindbettfieber-Epidemien des Jahres 1860 waren un-
zweifelhaft Infectionsfälle von Aussen, welche nach Ausschliessung
des Kindes, also in der Nachgeburtsperiode oder im Wochenbette
hervorgerufen wurden, was die Abwesenheit von Wehen-Anomalien,
das Nichteintreten von Bluttliissen in der Nachgeburtsperiode, und
der Umstand beweiset, dass die Kinder der erkrankten Mütter ge-
sund blieben.
Stellen Herr Hofrath in diesen Richtungen Untersuchungen an,
vielleicht gelingt es Ihnen jetzt noch zu ermitteln, wie diese Infectionen
erzeugt wurden.
Zur Erklärung des gnten Gesundheitszustandes der Wöchnerinnen
des Würzburger Gebärhauses während der 6 Jahre können Herr Hof-
rath Ihre Zuflucht nicht zu einem günstigen Genius epidemicus nehmen,
weil Sie dann nicht nur nicht erklären könnten, warum denn dieser
günstige Genius epidemicus im Prager Gebärhause zur Zeit, als Sie
mehr geniale als gewissenhafte Experimente mit den Chlorwaschungen
machten, nur einen Monat dauerte; Sie würden ausserdem auch noch
in eine Collision mit Carl Braun gerathen, der doch eben eine so
grosse Autorität, was das Kindbettfieber anbelangt, ist, wie Sie.
Herr Hofrath.
Carl Braun kann sich nun keinen Herbst denken, ohne eine
Pseudo-Kindbettfieber-Epidemie, welche nun den ganzen Winter hin-
durch mordet, bis im Frühjahre die wärmere Jahreszeit dem Morden
ein Ende macht. Der Winter ist nach Carl Braun die Zeit der Epi-
demien und der Sommer die Zeit des besseren Gesundheitszustandes.
Dass mit dem Herbste, das heisst im Oktober, die Schulen wieder
beginnen, und die Schüler sich im Winter mit Dingen beschäftigen,
welche ihre Hände mit zersetzten Stoffen verunreinigen, und dass
diese Beschäftigungen mit Beginn der warmen Jahreszeit seltener
werden, und dass mit Beginn der warmen Jahreszeit die Schüler
lieber in die reizenden Umgebungen Wiens als in die Todtenkaminern
und in das Gebärhaus gehen, kommt natürlich beim Kindbettfieber
nicht in Betracht.
Sie können sich. Herr Hofrath, auch deshalb nicht auf einen
günstigen Genius epidemicus berufen, weil während der Jahre des
günstigen Gesundheitszustandes der Wöchnerinnen im Würzburger
Gebärhause, der Gesundheitszustand der Wöchnerinnen in vielen euro-
päischen Gebärhäusern ein schlechter war. Was hat das Würzburger
Gebärhaus vor dem ungünstigen Genius epidemicus geschützt, welcher
im Jahre 1854 an der I. Klinik zu Wien allein 400 Wöchnerinnen
getödtet?
Es wird Ihnen ja bekannt sein. Herr Hofrath, dass die atmo-
sphärischen Einflüsse, welche den gunstigen und ungünstigen Genius
epidemicus darstellen, über den ganzen Continent verbreitet sind, und
Wiirzburg liegt ja auch auf dem Continent.
Herr Hofrath haben 13 Jahre Recht behalten, weil ich 13 Jahre
geschwiegen; jetzt habe ich das Schweigen aufgegeben, und jetzt be-
halte ich Recht, und zwar für so lange, als das menschliche Weib
gebären wird, ihnen, Herr Hofrath, bleibt nichts anderes übrig, wenn
Sie von Ihrem Ansehen noch retten wollen, was noch zu retten ist,
als sich meiner Lehre anzuschliessen. Sollten Sie bei der Lehre des
epidemischen Kindbettiiebers verbleiben, so werden mit fortschreitender
462 Semmel weis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
Aufklärung die Pseudo-Kindbettfieber-Epidemien und Ihr Ansehen
aus der Welt verschwinden.
Wenn ich so glücklich wäre, ein neues, mit den besten Ein-
richtungen versehenes Gebärhaus zu leiten, so würde ich ungleich
Ihnen, Herr Hofrath, die glückliche Zeit zurückbringen, so im Wiener
Gebärhause erst Eine Wöchnerin von 400 Wöchnerinnen starb.
Etwas Gutes haben diese beiden Pseudo-Kindbettfieber-Epidemien
in ihrem neuen, mit den besten Einrichtungen versehenen Gebärhause
dennoch gehabt; diese Pseudo-Kindbettfieber-Epidemien haben den
Vorschlag der Ignoranten Franzosen, neue Gebärhäuser zu bauen, um
die Wöchnerinnen gesund zu erhalten, gründlich widerlegt; Herr
Hofrath haben bewiesen, dass man trotz einem neuen, mit den besten
Einrichtungen versehenen Gebärhause, im Punkte des Mordens Vieles
leisten kann, wenn man nur die nöthigen Eigenschaften dazu besitzt.
Offener Brief
an sämmtliche
Professoren der Geburtshilfe
von
Dr. Ignaz Philipp Semmehveis,
o. ö. Professor der Geburtshilfe an der königl. nngar. Universität
zu Pest.
Ofen,
aus der königl. Ungar. Universitäts-Buchdruckerei.
1862.
In Folge des Erscheinens meines Werkes und in Folge der
Versendung der offenen Briefe sind an mich zustimmende
Briefe gelangt; einige derselben wollen wir veröffentlichen.
Dr. L. Kugel mann schreibt:
Hannover, 18. Juli 1861.
.Sie hatten die Gewogenheit, mich mit der Znsendung: ihrer beiden
Tlnuhüren zu beehren, wofür ich Ihnen verbindlichsten Dank sairr.
Als Schüler v. Siebold's in Göttingen besuchte ich von Michael is Is.jI
bis Ostern 1854 dessen Vorlesungen und Klinik and ich fühle mich
gedrungen. Si« zu versichern, dass dieser grosse Gelehrte bei jeder
Gelegenheit Ihrer Entdeckung mit Auszeichnung gedachte. Vielk-h ht
verzeihen Sie dem jüngeren Faehgenossen, wenn er Ihnen gegenüber
die bescheidene Ansicht auszusprechen wagt, dass ein Mann wie
Ed. v. Siebold, der als Historiker unseres Faches allen Zeiten angehören
wird, selbst wenn er irrt, eine schonendere und rücksichtsvollere Be-
lang verdient, als jene ephemeren Mode-Erscheinungen, die nur.
die Leistungen ihrer Vorgänger und Zeitgenossen geschickt und
ungesehen! benutzend, sich als grosse Regeneratoren geriren.
Gestatten Sie mir nunmehr, hochverehrter Herr Professor. Thnen
in wenigen Worten die heilige Freude auszudrücken, welche ich beim
Studium Ihres Werkes: „Die Aetiologie etc. etc. des Kindbett ^fiebere"
empfand. Unwillkürlich fühlte ich mich, als ich mit einem hiesigen
Collegen darüber sprach, zu der Aeusserung gezwungen: dieser Mann
ist ein zweiter Jenner; möchte seinem Verdienst eiue gleiche An-
erkennung und seinem Streben eine gleiche Genügt huung zu Theil
werden.
Durch Zufall erwarb ich aus der Bibliothek de- liier verstorbenen
Medirinal-Rathes Kohlrausch Jenner's „An Inquiry lato The Causes
aml Effects of The Variolae Vaccinae." Wie Sie aus der darin be-
findlichen Autographie ersehen, ist dies das Dedications- Exemplar,
welches der berühmte Verfasser dem Prof. Blumenbach übersandte.
Sie würden mich ausserordentlich verpflichten , wenn Sie die
ergebene Bitte gewähren wollten, diese Brochüre als Zeichen meiner
unbegrenzten Verehrung entgegen zu nehmen.
Genehmigen Sie, hochverehrter Herr Professor, die Versicherung
meiner ausgezeichneten
Hochachtung
weis' guiitnni»lt» Work*.
Dr. L, Kugelmann.
30
466
Semraelweis' Abhandlungen und Werk über das KiiulWrttieber,
Dr. L. Kugelmann schreibt:
Hannover, 10. August 1861.
Nur sehr Wenigen war es vergönnt, der Menschheit wirkliche»
grosse und dauernde Dienste zu erweisen, und mit wenigen Aus-
nahmen hat die Welt ihre Wohlthäter gekreuzigt und verbrannt.
Ich hoffe deshalb, Sie werden in dem ehrenvollen Kampfe nicht er-
müden, der Ihnen noch übrig bleibt. Ein baldiger Sieg kann Ihnen
um so weniger fehlen, als viele Ihrer literarischen Gegner sich de
facto schon zu Ihrer Lehre bekennen. Wie ist es zu verwundern.
dass Leute, die Jahre lang in Wort und Schrift unverständlich,
vielleicht auch sich selbst, über unverstandenes schrieben und redeten,
diese Lücke ihrer Erkenntniss auch sofort zu verdecken streben.
Nicht viele setzen die Liebe zur Wahrheit über die Selbstliehe.
Manche sind wohl in gewohnter Selbsttäuschung befangen. Auf
andere wieder passt der derbe Sarcasmus Heinrich Heine's, der
irgendwo sagt: „Als Pythagoras seinen berühmten Lehrsatz entdeckt
hatte, opferte er eine Hekatombe. Seitdem haben die 0 . . .
eine instinctartige Furcht vor der Entdeckung von Wahrheiten."
Vergessen Sie übrigens nicht, vereintester Freund, dass Sie vor-
wiegend die Stimmen Ihrer Gegner vernehmen, nicht aber erfahren,
wie viele sich von Ihnen belehren lassen. Als Beweis sende ich
Ihnen beifolgende Zeilen, mit denen mir der Mtedicinalrath Dommes.
Mitglied des Ober-Medicinal-Collegiums und beschäftigter Geburts-
helfer hier selbst, Ihr Buch zurückschickte, welches ich ihm mit-
getheilt habe.
Medicinalrath Pommes schreibt:
Hannover, 3. Juni 1861.
Mit vielem Danke sende ich Ihnen, lieber Collega, das so sehr
crelungene Buch von Semmelweis zurück. Ich habe viel daraus gelernt,
und auch, wie man für die Wahrheit kämpfen muss.
Dr. Fernice, Professor der Geburtshilfe in Greifs wald, schreibt:
Für die Sendung der offenen Briefe sage ich Ihnen meinen !.»■■
Dank. Ich muss es einer sorgfältigen Beobachtung anheim geben, in
wie weit die von Ihnen angeregten Massregeln zur gänzlichen Be-
seitigung des Puerperalfiebers geeignet sind. Sie werden selbst nicht
verlangen, dass man in verba Wagistri schwört. Die notln'gen \1
regeln sind bereits getroffen, und werde ich, seiner Zeit Ihnen davon
Nachricht zu geben, wie die Erfolge sich gestalten, nicht verfehlen.
Mit grösster Hochachtung Euer Hochwohlgeboren
ergebenster
Dr. Pernice.
Greifswald, 22. Juli 1861.
(Ich habe es für meine angenehme Pflicht gehalten, Prof. Pe
wegen seines guten Vorsatzes brieflich mein Compliment zu machen.)
Die offenen Briefe an Professoren der Geburtshilfe.
467
Pippingsküld, Geburtshelfer im allgemeinen Hospital zn Helsingfors,
schreibt :
Auch von dieser fernen Ecke der Welt könnte ich mehrere T hat'
sachen hervorheben, die Ihre Ansichten über das Puerperalfieber be-
stätigen.
(Ich habe brieflich um Mittheilung: dieser Thatsaehen gebeten,
bisher aber noch keine Antwort erhalten.)
Im Mai 1862 wird es fünfzehn Jahre, dass ich als Assistent an der
I. Gebärklinik zu Wien, die alleinige, ewig wahre Ursache aller
Fälle von Kindbettfieber, keinen einzigen Fall von Kindbettfieber aus-
genommen, welche vorgekommen sind, seit das menschliche Weib gebärt,
und welche vorkommen werden, so lange das menschliche Weib gebären
wird, in dem zersetzten thierisch-organischen Stoffe entdeckt habe.
Tritt die Blutentmischung bei der Mutter in Folge der Resorption
des zersetzten thierisch-organischen Stoßes zur Zeit ein, wo das Kind
noch mittelst der Placenta im organischen Verkehre mit der Mutter
steht, so theilt die Mutter dem Kinde die Blutentmischung mit, und
diese Mittheilung der Blutentmischung ist die Ursache, dass das Kind
an derselben Blutentmischung ei ki ankt, an welcher die Mutter erkrankte.
Nach dein eben gesagten ist meine Nosologie des Kindbettfiebers
folgende: Ich halte jeden Fall von Kindbettfieber, keinen einzigen
Fall von Kindbettiieber ausgenommen, welcher vorgekommen ist, seit
das menschliche Weib gebärt, und welcher vorkommen wird, so lange
das menschliche Weib gebären wird, für ein Resorptionsfieber, welches
dadurch entsteht, dass ein zersetzter thierisch-orgauischer Stoff resorbirt
wird. Dieser resorbirte zersetzte thierisch-organische Stoff entmischt
das Blut. In seltenen Fällen tödtet die Krankheit schon in diesem
Stadio, in der überwiegend grössten Mehrzahl der Resorptionsfieber
in der Fortptianzungsperiode des Weibes entstehen aber aus dem
durch den resorbirten zersetzten thierisch-organischen Stoff entmischten
Blute inelir oder weniger zahlreiche Exsudativen.
In der überwiegend grössten Mehrzahl der Resorptionsfieber in
der Fortpflanzungsperiode des Weibes wird der resorbirte, das Blut
entmischende, zersetzte thierisch-organische Stofi', den Individuen von
Aussen beigebracht, und das sind die Resorptionsfieber in der Fort-
ptlanzungsperiode des Weibes, entstanden durch Infection von Aussen,
das sind die Resorptionsfieber in der FortpflanziniLrsj.ieriode des Weibes,
welche alle verhütet werden können.
IMese verhütbaren Resorptiousfieber in der Fortpflanzungsperiode
des Weibes, entstanden durch verhütbare Infection von Aussen, stellen
die Pseudo-Kindbettheber-EpitliMiiien dar, welche im Jahre 1664 in
Paris im ..Hötel-Dieu" begonnen, und im Jahre 1861, also im fünf-
zehnten Jahre nach Entdeckung der Lehre, wie man dieses verhüt-
bare Resorptionsfieber in der Fortpflanznngsperiode des Weibes, ent-
ien durch verhütbare Infection von Aussen, verhüten könne, noch
immer nicht aufgehört baben.
Die Pseudo-Kiindliettfieber-Epidemien, das heisst: die verhütbaren
30*
468
Sem nie] weis' Ablmuilliin^en und Werk DWer das KindheUtieher.
J M>orjit ionstiehnr in der Fortpflanzuugsperiode des Weibe», entstanden
durch verhütbare Infection von Aussen vom Jahre 1664 bis zum
Jahre 1817 verzeichnen die Opfer, welche ärztlicher Unwissenheit, die
Pseudo- Kind bettfieber- Epidemien, das heisst: die verhüti
Resorptionsfieber in der Fortpflanzungsperiode des Weibes, entstanden
durch verhütbare Infection von Aussen, vom Jahre 1847 bis zu di<
Augenblicke verzeichnen die ' 'pfer, welche zum Tlie.il ärztlicher ['iifahig-
keit, zum Theil ärztlicher Unredlichkeit fit le.n.
In .seltenen Fällen von Resorptionsfieber in der FortpflattzuRga-
periode des Weibes entsteht aber der resorbirte, das Blut entmische
zersetzte thierisch-organiflche Stoff in dem ergriffenen Individno selbst,
und das ist das Resorptionsfieber in der Fori^flaTizungsperiod€
Weibes entstanden durch Selbst infection.
Das Resorptionsfieber in der Fortpflanzungsperiode des Weihe.
entstanden dureh Selbstinfection kann nicht immer verhütet werden.
In Fotee des unverhtttbaren Kcsorptinnsfiebers in der Fortpflanzt]
periode des Weibes entstanden durch unverhütbare Selbstinfection
werden immer Wöchnerinnen sterben.
Wir haben nun das kindbettfieber als ein Resorptionsfieber keimen
gelernt, welches dadurch entsteht, dass entweder ein zersetzter thierisch-
organischei1 Stoff den Individuen von Aussen beigebracht wird, oder
dass ein zersetzter fhierisch-organischer Stoff in dem ergriffenen
Iiiilividno selbst entstellt.
Der oberste Grundsatz der Veihütutigslehre des Resorptionsfleben
in der Fortpflanzungsperiode des Weibes ist daher: Briiurt In
Individuen keinen zersetzten thierisch-organischen Stoff von An
ein. Entfernt den in dem Individno entstandenen zersetzten fchiei
organischen St uff vor der Resorption, aus dem Individno. 1
Hälfte des obersten Grundsatzes der Verhütungslehre des ftesorptions-
nebers in der Fortpfianzungsperiode des Weibes: Bringt den Individuen
keinen zersetzten thierisch-organischen 8toff von Aussen ein. kniin
immer erfüllt werden. Die zweite Hälfte des obersten Gnmdsatees
der Verhutungslehre des Besorptiensfiebers in deT Fortpflanzm
periode des Weibes: Entfernt den in dem Individuo entstandenes
zersetzten thierisch-organischen Stoff, vor der Resorption, aus dem
Individno, kann nicht immer erfüllt werden. Es leidet ein Individuum
an Incarceratio placentae; wenn wir noch so ofi mittelst [njecttonen
den in Folge der F&ulniss der Placenta entstandenen zersel
ÖdariBea-orgunischi-u St->ff aus dem Individuo entfernen, so wird steh
immer wieder ein neuer zersetzter thierisch-organischer Stoff bilden,
und es wird nicht gelingen, das unverhütbare Resorptionsfieber iu
der Fortpflanzungsperiode des Weibes, entstanden durch unverhütbare
Selbstinfection, zu verhüten.
Es entsteht nun die Frage, wenn der oberste Grundsatz der Ver-
hütungslehre des Resorptionsfiebers in der Fortpflanzungsperiode
Weibes strenge Anwendung findet, wie viele Wöchnerinnen werden
dann noch immer in Folge nnverhütbaren Resorptionsfieber > , eni
standen durch unverhütbare Selbstinfectiou, sterben '.J
Auf diese Frage wird man erst dann mit Sicherheit mit
Zahlen antworten können, wenn das von mir von den Regierungen
erbetene Gesetz, welches jedem das Gebärhaus als Schüler Besuchenden
strengstens jede Beschäftigung mit zersetzten thierisch-organü
Stoffen verbietet, Jahre Lang in Wirksamkeit sein wird.
l'enen Briefe an Professoren der Geburtshilfe.
46lJ
Dieses Gtesetz ist eine conditio sine qua Ron, soll & gelingen,
die Resorptionstieber in der l'ortpflanzuugspcrii'de des Weihes auf
die unverhütbaren Resorptionslieber in der Fortpflanzungsperiode des
Weibes, entstand eu durcli uu verhütbare Nelbstinfection, m beschränken.
lue Wahrheit dieser meiner Behauptung beweiset das Wiener
Gebftrhans, Im Wiener Gebärhause kamen zur Zeit, als die Medicin
in Wien noch der anatomischen Grundlage entbehrte, 2ö Jahre vor,
in wclehen nicht eine \\ öehnerin von 100 Wöchnerinnen starb (Seite 62
Tafeeifl Nr, XVII und Seite 110*) Tabelle Nr. XVIII in meinem Werke).
2 Jahre starb nicht eine Wöchnerin von 400 Wöchnerinnen, 8 Jahre
starb eine Wöchnerin vou 200 Wöchnerinnen, und 15 .In lue starb
nicht eine Wöchnerin von 100 Wöchnerinnen. Jm Jahre 1848, wo
ich das ganze Jahr hindurch die Chlorwnsriumgen mit der ganzen
Knergie. deren ich fähig bin, beaufsichtigte, war die Sterblichkeit,
dennoch 1,27",,. Vom -fahr 1841 bis inclusive 1846, während welcher
sechs Jahre die I, Gebärklinik ausschliesslich Klinik für Aerzte war,
ohne GhlorwaBcbnngen, war die durchschnittliche Sterblichkeit trotz
massenhaften Transferinmgen, 9,92% (Seite 3**) Tabelle Nr. I). Im
Jahre 1848 ist es /war gelungen, durch Chlorwaschungen der Hände
und durch andere Vorsichtsmassregeln, ohne Transjerirungen, die
Sterblichkeit auf 1,27% herabzudi i'icken. aber die glückliche Zeit
des Wiener Gehärhauses, wo von 400 Wöchnerinnen nicht eine starb,
ist nicht wieder gekehlt, und zwar deshalb nicht wieder gekehrt,
weil es im Jahre 1848 an der I. Gebärklinik zu Wien 42 Schüler
uiii. welche sich ungewöhnlich viel, vermöge des Systems, nach welchem
Selbe zu Aerzten erzogen wurden, mit zersetzten thieriseh-organischen
Stoffen beschäftigten, und gewiss einer und der andere seine mit zer-
setzten Stoffen getränkte Hand nicht lange genug der Wirkung des
Chlorkalkes aussetzte, um vollkommen die Hand zu desinficiren, wo-
durch das verhütbare Resorptionsfieber in der Fortpflanzungsperiode
des Weibes, entstanden durch verhütbare Infection von Aussen, an
der I. Gebärklinik im Jahn- 1848 in solcher Anzahl erzeugt wurde,
dass die Sterblichkeit auf 1.27 " „ stieg (Seite 140***) Tabelle Nr. XXIII;.
Es ist nicht gerechtfertiget, den guten Gesundheitszustand der
Wöchnerinnen im Gebärhans« von dem guten Willen der Schüler und
Schülerinnen abhängig zu machen. Und haben die Schüler und
Schülerinnen erfahren, warum sie sich während der Zeit ihres Aufent-
haltes im Gebärhause nicht mit zersetzten thieriseh-organischen Stoffen
beschilft igen dürfen, so weiden die Schüler und Schülerinnen auch in
ihrer künftigen selbstständigen Praxis derartige Beschäftigungen,
meiden, und wenn solche Beschäftigungen nicht zu umgehen sein
sollten, so werden die ehemaligen Schüler und Schülerinnen die
not h igen Vorsieh tsmassregeln anwenden, um bei ihren Wöchnerinnen
nicht das verhütbare Resorptionslieber, entstanden durch verhütbare
Infection vou Aussen, hervorzurufen.
Nachdem wir jetzt nicht mit Sicherheit mittelst Zahlen die Frage
beantworten können: Wie viele Wöchnerinnen werden, trotz An-
wendung des obersten Grundsatzes der Verhütungslehre des Resorptions-
tiebers in der Fortpflanzungsperiode des Weibes, noch immer in Folge
des unverhütbaren Resorptionsfiebers, entstanden durch unverhütbare
*) [Seite 135 und 164.]
ritt KJ0.J ***) [Seite 183.]
470
Semniehveis' Abhamlluusren und Werk über das Kindbetttieber.
Selbstinfeetion, sterben? so wollen wir uns für jetzt begnügen, zu
zeigen, wie klein die Sterblichkeit unter den Wöchnerinnen
des Resorptionsfiebers, auch ohne Anwendung des obersten Grundsatzes
der Yerhütungslehre des Resorptionsfiebers in der Fortpflanzt) ;
Periode des Weibes bis jetzt schon, unter gewissen, von uns zu
erörternden Umständen war, um daraus zu entnehmen, welch glück-
liche Zeiten für das gebärende Geschlecht und für die ungeborene
Frucht die Zeiten aein werden, in welchen der oberste Grundsatz der
Verhfltnngslehre das Resorptionslieber in der Fortpflauzungsperi««!'-
des Weibes eine strenge Beobachtung finden wird.
Wir haben schon erwähnt, dass im Wiener Gebürhause zur Zeh,
als die Medlcin in Wien noch der anatomischen Grundlage entbebiti-,
während 25 Jahren nicht eine Wöchnerin von 100 Wöchnerinnen starb.
Die Tabelle, welche das veranschaulicht. Lal 1-dgende:
1 Jahr v. 744 Wüi Omeriuiien 6 Todte 0,80 Prct. u. z im J. 1840
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1801-ä
22 Jahre 44,848 Wöchnerin»«] 178 Todte 0,60 Prot,
Der Zeitraum, in welchem in Wien die Medieiu noch der
anatomischen Grundlage entbehrte, tunfasst 39 Jahre, vom IG
1784 bis letzten Dezember 1822.
Die Sterblichkeit verhielt sich folgenderweise:
25 Jahre 0 Percent Wöchnerinnen 44838 Todte 973 = 0,60 Per.vnt
7 „ 1 „ ., 12074 _ 185 = 1,52
5 B J „ - 9332 ,. 219—2,34
1 „ 3 ,. .. 2062 „ iiß = :i.L'u
1 .. 4 „ 19 .. lö4 = 4,9W
39 Jahre Wüibueriuneu
71,395 Todte 897=1,25 Pereoil
Bbfir hielt den 15. September 1789 seine Antrittsrede, and begab
sich den letzten October 1822 in den Ruhestand. Ans den Schritten
Boer's geht hervor, dass Er viele der verstorbenen Wöchnerinnen in
Gegenwart der Schüler entweder selbst secirte oder durch Andere
seciren Hess, und daraus ist die vorgekommene grössere Sterblichkeit
zu erklären.
Noch viel günstiger ist der Gesundheitszustand der Wöchnerinnen
in den englischen uud irländischen Gebärhäusern. In meinem Werk«
über Kindbettfieber habe ich die Rapporte aus vier Londoner und
zwei Dubliner Gebärhäusern von einem Zeiträume von 262 .Jahren
benutzt; in diesem »dienen Briefe benutze ich die Rapporte aus vier
Londoner, zwei Dubliner und dem Edinburger Gebärhanse und zwar
von einem Zeiträume von 306 Jahren; die in meinem Werke fehlenden
44 Jahre habe ich dem Aufsatze des Prof. Dr. Otto Spiegelberg „zur
Geburtshilfe und Gynäkologie in London, Edinburg und Dublin".
Monatsschrift für Geburtsknnde etc. 7 Bunde 1856, entnommen. Der
Controle wegen werde ich diese 44 Jahre am Ende dieses offenen
Briefes mittheilen.
Wenn wir nun diese 306 Jahre, innerhalb welcher 23
Wöchnerinnen verpflegt wurden, von welchen 3078 starben, also 1 8
Die offenen Briefe an Professoren der Geburtshilfe.
471
oder 1 von 774"/s(,.B, nach dem Gesundheitszustande der Wöchnerinnen
ordnen, so giebt das folgende Tabelle:
In 30 Jahren <tnrb keine Wöchnerin von 6334 Wöchnerinnen
In 119 Jahr war die Sterbl. 0 Percent Wöchnerinnen 120.176 Todte 800
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976 = 3,35
61
43 = 5.71»
41 = 6,18
40=- 7,29
15 = 8,62
16 — 9,90
15 =12,82
19 -26,76
0,66 Prct.
1.51 .,
Wöchnerinnen 237,052 Tdte, 3078 -= l.-_>:.i Int.
Es würden daher während der 149 Jahre, in welchen entweder
keine, oder nicht eine Wöchnerin von 100 \\ iiclmeriiiuen starb, 126,510
Wöchnerinnen verpflegt; davon starben 800, also 0,63%. Während
der 157 Jahre, in welchen die Sterblichkeit 1 bis 26 "„ war, wurden
110,012 Wöchnerinnen verpflegt, 2278 starben, also 2,06%. In einem
um 8 Jahre längeren Zeiträume wurden 15,968 Wöchnerinnen weniger
verpflegt, and dennoch lallt in diesen Zeiträume die grössere Sterb-
lichkeit Wenn wir die 30 Jahre, in welchen Von 6931 Wöchnerinnen
keine einzige starb, nach der Anzahl der verpflegten Wöchnerinnen
aneinander reihen, so giebt das folgende höchst überraschende Tabelle.
Es starb nämlich keine Wöchnerin
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von
8 Wöchnerinnen British Lying
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1827—29
30 Jahre
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Wöchnerinnen keine Todte am
Kiiulliettfieber.
Dies
er üb
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ffe.Geaundheitszi
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ind der
Wöchnerinnen
wurde nur in den 4 Londoner Gebärhiüisn n beobachtet; die beiden
Dubliner und das Edinburger Gebärhaus haben kein Jahr aufzuweisen.
in vrH(liim keine Wöchnerin am Kindbettfieber gestorben wäre. Die
grösste Sterblichkeit in den 4 Londoner, in den 2 Dubliner und dem
Kd in burger Gebär hause ereignete sieh in dem Londoner Gebärhause
ral Lying in Hospital. Im Jahre 1838 war die Sterblichkeit
26,76%, im Jahre 1841 war die Sterblichkeit 12,82 °/0; aber in den
') 1852 starb eine Wöchnerin an Phthisia.
472 Seuttuelweis' Abhandlungen und Werk Über da* Kindbettfieber.
Jahren 1844, 45 und 46 starb von 560 Wöchnerinnen keine ein
Ueber die Ursache fies ungünstigen und nachher gflnsftagsn Gesund-
heitszustandes der Wöchnerinnen dieses Gebärhauses wolle der Leser
Seite 160*} nachlesen.
Wenn wir die 119 Jahre, während welcher nicht eine Wöchnerin
von 100 Wöchnerinnen starb — es starben nämlich 800 Wöchnerinnen
von 120.17t» Wöchnerinnen, also 0,66 "„ öder 3 von 150,:*/Sfl0. nach
•It-r Anzahl der verpflegten Wöchnerinnen aneinander reihen, so giebt
das die auf S. 473 folgende Tabelle.
Dieser günstige Gesundheitszustand ist folgenderweise zu
klären: Bekanntlich halten die Aerzte des dreieinigen Königreiches
das Kindbett fieber für eine contagiöse Krankheit; die Aerzte des drei-
einigen Königreiches, wenn selbe mit einer Kindbett lieber kranken
Schwangeren, mit einer Kindbettfieber kranken Kreissenden, mit einer
Kindbettfieber kranken Wöchnerin, mit einer Pnerperal-Leiche sich be-
schäftigen, beschäftigen sich nicht mit einer gesunden Schwangeren, mit
einer gesunden Kreissenden, mit einer gesunden Wöchnerin, ohne früher
Haaaregeln getroffen zn haben, welche geeignet sind, die Ueber tragung
des Contagiums von den Kranken auf die Gesunden zu verbaten;
zu diesen Massregeln gehören auch I 'hlnnvasohungen der Hände.
Das Kindbettfieber ist keine contagiöse Krankheit; eine contagiöse
Krankheit ist diejenige Krankheit, welche das Contagium, durch
welches die Krankheit vervielfältigt wird, selbst erzeugt; ein jedes
an einer coutagiösen Krankheit leidende Individuum ist geeignet. M
einem gesunden Individuum dieselbe contagiöse Krankheit hervor-
zurufen. Ein gesundes Individuum kann nur dieselbe contagiöse
Krankheit bekommen, in welcher das kranke Individuum leidet.
Blattern sind eine <-untagiöse Krankheit, weil die Blattern das
Contagium erzeugen, durch welches die Blattern vervielfältigt werden;
ein jeder Blatternkranke ist befähigt, bei einem Gesunden die Blattern
hervorzurufen; ein Gesunder kann die Blattern nur wieder von einem
Blatternkranken bekommen.
Nicht so verhält sich die Sache beim Kindbettfieber. Das Kind-
bettfieber wird durch kein Contagium, sondern durch einen zersetzten
thierisch-orgaiiischen Stoff vervielfältiget; daher ist nicht eine jede
am Kindbettfieber leidende Schwangere, Kreissende und Wöchnerin
geeignet, das Kindbettfieber bei einer gesunden Schwangeren,
Kreissenden und Wöchnerin hervorzubringen. Verläuft das Kindbett-
Heber beim kranken Individuum ohne Erzeugung eines zersetzten
thierisch-organischen Stoffes nach Aussen, so ist von dieser Kranken
«Ins Kindbetttieber auf eine gesunde nicht übertragbar; z. B. ein In-
dividuum leidet an jauchiger puerperaler Peritonitis, kusserlich wird
kein zersetzter thierisch-organischer Stoff erzengt; von dieser Kranken
ist das Kindbettfieber auf eine Gesunde nicht übertragbar.
Erzeugt aber das Kindbetttieber einen zersetzten thierisch-
organischen Stoff nach Aussen, z. B. ist Endometritis septica vor-
handen, so ist mittelst des zersetzten thieriseli-organisclien Stoffes der
Endometritis septica in i einem gesunden lndividuo das Kindbetttieber
erzeug bar.
Die Pnerperal-Leiche liefert den das Kindbettfieber erzeugenden
zersetzten thierisch-organischen Stoff durch die Fäulniss und durch
[Seite 196]
Die offenen Briefe
an Professoren der Geburtshilfe. 473
Es starb nicht
eine
Wöchnerin von 100 'Wöelmmiinen:
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die zersetzten thierisch-organischen Stofle. welche aus dem entmischten
Blute
entstanden sind.
Ein gesundes Individuum
kann das Kindbettfieber bekommen von
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Kindbettfieber sind. Die Quelle, woher
der zerset
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starb keine Wöchnerin
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47+
Sfiuniehveis" Abhandlungen uud Werk über das Kindbettfieber.
Lassen den Individuen beigebracht das Kindbettfieber erzeugt, ist
die Leiche jeden Alters, jeden Geschlechts, ahne Rücksicht, ob es die
Leiche einer Wöchnerin oder einer Nicht Wöchnerin ist; bei der Leiche
kommt der Grad der ETaulniss und die zersetzten Störte der tönt
Krankheit in Betracht.
Die Quelle, woher der zersetzte thierisch-organische Stoff
nonimen wird, welcher, von Aussen den Individuen beigebracht, 9&B
Kindbettfieber erzeugt, sind alle Kranken jeden Alteis, jeden
schlechte, deren Krankheiten mit Erzeugung eines zersetzten thieriscb-
organischen Stoffes nach Aussen einherschreiien. ohne Rücksicht, ob
das kranke Individuum an Kindbettfieber leide oder nicht; nur der
Dach Aussen erzeugte zersetzte thierisch-organische Stoff als Product
der Krankheit kommt in Betracht
Die Quelle, woher der zersetzte thierisch-organische Stoff ge-
nommen wird, welcher, von Aussen den Individuen beigebracht, das
Kindbettfieber erzeugt, sind alle physiologischen thieriseh-organiscln-u
Gebilde, welche den vitalen Gesetzen entzogen, einen gewissen Zer-
Betzilltgsgrad eingegangen sind: nicht das, was selbe darstellen, sondern
der Grad der Fäulniss kommt in Betracht.
Wenn dalier die Aerzte des dreieinigen Königreiches Vorsichts-
nmssregeln gegen die Uebertragung des Contagiums in solchen Fällen
anwenden, in welchen die puerperal-erkrankte Seh wangere, Kreissende,
Wöchnerin keinen zersetzten thierisch-organischen Stoff nach Aussen
erzeugt, so thun selbe zwar etwas Uebernüsaiges, aber nichts Schäd-
liches. In Fällen aber, wo die puerperal-erkrankte Schwangere.
Kreissende und Wöchnerin einen zersetzten thierisch-organischen Stoff
nach Aussen erzeugt, oder in Fällen von Beschäftigungen mit
Puerperal-Leicuen, zerstören die Aerzte des dreieinigen Königren
in der Absicht ein Contagium zu zerstören, den nach Aussen erzeugten
zersetzten thierisch-organischen Stoff der erkrankten Individuen, und
der Puerperal-Leiche, und verhüten auf diese Weise die zahlreichen
Infectionen, welche entstanden wären, wenn der nach Aussen er-
zeugte zersetzte t'hien'seh-nrganisehe Stoff der puerperal-erkraukteit
Schwangreren, Kreissenden und Wöchnerinnen und der Puerperal-Leiche
nicht zerstört worden wäre, und dadurch haben die Aerzte des drei-
einigen Königreiches einer Anzahl von Müttern und ungeborenen
Früchten das Leben gerettet, wofür sie Gott segnen m<v
In Landern, wo man das Kindbett Heber, und zwar mit vollem
Hechle, für keine contagiosa Krankheit, hält, aber nic.h! das*
das Kindbettüeber durch die. Einbringung eines /.ersetzten thierisch-
organischen Stoffes von Aussen entsteht, wird der zersetzte thierisch-
organische Stoff, welcher vnii einer puerperalkranken Schwangeren,
Kreissenden, Wöchnerin, von einer Puerperal-Leiche herrührt, nicht
zerstört. Die zahlreichen verhütbaren Resorptionsfieber in der Fort-
prianzungsperiode des Weibes, entstanden durch verhütbare Infection
von Aussen, welche aus dieser Quelle entstehen, fallen in dem drei-
einigen Königreiche weg, und das ist einer der zwei Gründe, warum
der Gesundheitszustand der Wöchnerinnen in diesen Ländern ein so
günstiger ist
uiische Aerzte haben das Kindbettfieber entstehen sehen durch
einen zersetzten thierisch-organischen Stoff, welcher nicht von einer
puerperalkranken Schwangeren, Kreissenden und Wöchnerin herrührte,
durch einen zersetzten thierisch-organischen Stoff, welcher nicht von
Die ofl'eneu Briefe an Professoren der GelmrNliili '■-.
47Ö
:
einer Puerperal-Leiehe herrührte (Seite 182*). Reedal in Sheffield be«
handelte einen jungen Mann an einer offenen Leistengeschwulst, mit
einer bösartigen, rosenartigen Entzündung des Hodensackes und der
Hinterbacken; sieben Wöchneriuneii. welchen Er bei der Geburt bei-
gestanden, erkrankten am Kiudbettfieber, fünf starben. Reedal gab
nach dem Tode dieser Frauen seine Besuche bei dem jungen Manne
auf. weil er sich für den Verbreiter der Krankheit ansehen mnaste.
Sleight in Hüll wurde von der Visite, die er einem au Erysipelas
leidendeu Kranken machte, weg zu einer Geburt gerufen; die Wöchnerin
starb am Kindbettfieber.
Hardey, gleichfalls in Hüll wohnend, behandelte einen grossen
Abscess in der Lendengegend, und heiläufig um dieselbe Zeit einen
erysipelatösen Abscess einer Brust. Hardey behandelte, in Monatsfrist
20 Geburtsfälle, sieben Frauen starben.
Drei Atiröte too Hüll trafen bei der Section eines Mannes zu-
sammen, der am Gangraen nach einer Operation von Hernia in-
carcerata gestorben war.
Alle berührten die Leichentheile. Alle drei hatten in kürzester
l'rist nach dieser Leiehenbesichtiguitg Kindbettfieber in ihrer Pra\i>
beobachtet; alle drei nabelt ihre geburtshilfliche Praxis für einige
Zeit auf und hatten nacfa dem Wiederantritte derselben kerne Krank-
heitsfälle mehr zu beklagen.
Robert Storrs führt seine Erfahrungen an, die nach seiner Meinung
durchgehends beweisen, class die Krankheit contagiös sei, die nach
ihrer überwiegenden Mehrheit zeigen, dass ihr Ursprung in einem
animalischen Gifte zu suchen sei, die nicht selten bösartige Krank-
heiten bei Anderen hervorbrachten, nnd die alle die Fruchtlosigkeit
der ärztlichen Behandlung und gerade deshalb die äusserste Not-
wendigkeit von Vorbauungsmitteln nachweisen.
I. Am 8. Jänner 1841 leistete Storrs der Frau D. bei einer Ge-
burt Beistand. Am selben Tage war er auch bei Frau Richardson
beschäftiget, die an gangraenescirendem Rothlauf litt; beide Frauen
bedienten sich derselben Wärterin. Frau D. starb am Puerperalfieber.
IL Am 13. Jänner war Storrs bei der Geburt der Frau B. an-
resend, auch sie starb.
III. iTleichtalls am 13. Jänner war Srorrs bei dem Geburts-
geschäfte der Frau Par. zugegen, die gleichfalls starb, Ihr Gatte
war zur selben Zeit am Erysipel mit typhösem Fieber erkrankt. Eine
Freundin und Nachbarin der Verstorbenen hatte Erysipelas, Pleuritis
und Abscess. Eine IV. und V. Kranke erholten sich.
VI. Arn 12. Februar eröffnete Stoffs an der obengenannten Frau
Richardson einen Abscess, und ward hierauf bei der drei englische
Meilen entfeint wohnenden Frau Pol. beschäftigt, die ebenfalls starb.
Ihre Schwester hatte Herpes. Erysipelas mir typhösen Erscheinungen,
worauf ein ungeheurer Abscess in der Brust folgte.
VII. Frau P. wurde nicht von Storrs entbunden, sondern nur von
ihm besucht. Frau P. hatte das Kind der Frau Bt. auf der Bahre
gebettet, das einige Tage früher an Gangraen des Nabels gestorben
ist Frau P. starb, und es folgte ihr bald ihr Kind, das ;un Brande
des Nabels und der Geschleehtstheile zu Grunde giug.
VIII. Frau W., die unter Storrs Leitung entbunden wurde, nach-
[Seite 211.]
476
Seminelweiä' Abhandlungen und Werk über das Kiodliettlieber.
ili.-m Storrs am vorhrrvi -In ßdea Morgen bei Frau Riehardson i-inri!
Abscess eröffnet hatte, starb.
Storrs machte mm eine 14-tägige Reise nnd hellte sich auf diese
Art gänzlich zu reinigen.
IX. Am 81. März Nachts war Storrs bei der Geburt der Frau W.
iliiitiLT. naclidem er Morgens bei Frau Ricliardsnu abermals einen
Abscess geöffnet hatte; Fi au W. starli-.
\. I in gleiches Schicksal hatte Frau Dk.t die am 22. geboren hatte.
Einige Monat« darauf, als das Gift schon etwas erschöpft
legte Storrs' Assistent an das Bein der Frau Richardson eine Binde
SD und entband am Tage darauf elfte junge Frau: sie wurde \ ii
heftiger r.nuehfelleutzünduug befallen, man Hess ihr zweimal zur Ader,
sie erholte sich.
Storra hoffte durch seinen Aufsatz bewiesen zu haben;
I, Dass das Puerperalfieber durch Berührung mittheilbar sei.
If. Dass dasselbe von einem thierischen Gifte, und zwar besonders
dem Rothlauft) und seinen Folgen, aber auch zuweilen vom Typhus
herstamme.
Roberton erzählt folgende zwei Fälle: Ein Arzt führte bei einem
armen am Puerperalfieber leidenden Weibe den Katheter ein und
wurde noch in derselben Nacht zu einer Frau gerufen, um ihr Bei-
stand bei ihrer Geburt zu leisten. Am Morgen des zweiten Tages
darauf bekam die Frau Schüttelfrost und die übrigen Zeichen der
beginnenden Krankheit.
Bin anderer Arzt wurde während einer Leichenöffnung einer am
Kindbettfieber Verstorbenen zu einer Geburt geholt: 48 stunden darauf
ergriff dieselbe Krankheit auch diese Frau.
Churchill Beeilte im October 1821 eine nach Abortus am Puer-
peralfieber verstorbene Frau; er steckte hierauf die Geschlechtstheile
in den Sack und nahm sie zu einer Vorlesung mit. An demselben
Abende war er in denselben Kleidern bei der Geburt einer Frau zu-
gegen, die bald darauf starb. Ueberdies erkrankten in den nächsten
Wochen noch viele der von ihm gepflegten Wöchnerinnen, drei der-
selben starben lin .luni 1823 half er mehreren seiner Schüler bei
der Section einer Frau, die am Puerperalfieber gestorben war. In
der von Allem et en ärmlichen Wohnung konnte er seine H.
nicht mit der nöthigen Sorgfalt waschen und ging nach Hause. Da-
selbst angelangt, fand er die Nachricht, dass zwei Gebärende seine
Hilfe begehrten.; ohne weitere Waschungen vorzunehmen, und ohue
die Kleid« r zu wechseln, eilte er diese Frauen aufzusuchen; beide
wurden von der Krankheit ergriffen und starben.
Der Leser sieht, von welch heterogenen Dingen her die englischen
Aerzte das Kindbettfieber entstehen sahen, und doch ziehen sie den
beschränkten Sehluss: dass dasselbe von einem thierischen Gifte* und
zwar besondei-s dem Rotlilaufe und seinen Folgen, aber auch zuweilen
vom Typhus herstamme.
Zur Höhe der Wahrheit, dass das Kindbettfieber herstamme von
der Leiche jeden Altere, jeden Geschlechtes, ohne Rücksicht, ob es
die Leiche einer Wöchnerin oder einer NichtWöchnerin ist, dass es
bei der Leiche nur auf den Fäulnissgrad und den zersetzten thieriseh-
organisilien Stoff der tretenden Krankheit ankomme.
Zur Höhe der Wahrheit, dass das Kindbettfieber herstamme von
jedem Kranken jeden Alters, jeden Geschlechtes, dessen Krankheit
Die i'ffenen Briefe an Professoren der Geburtäböfe.
477
mit Erzeugung eines zersetzten thierisch-orir;inisehen Stoffes nach
Aussen einhersehreitet, ohne Rürksieht. ob das kranke Individuum
am Kindbettfieber leide oder nicht, dass es bei den Kranken nur auf
den nach Aussen erzeugten zersetzten thierisch-organischeii Stoff als
Produkt der Krankheit Bekomme.
Zur Höhe der Wahrheit, dass das Kindbetttieber herstamme von
allen physiologischen thierisch - organischen Gebilden, welche den
vitalen Gesetzen entzogen, einen gewissen Zersetzungsgrund einge-
gangen sind, und dass es bei diesen Gebilden nicht auf das ankomme.
was selbe darstellen, sondern auf den Faulnissgrad; zu dieser Höhe
der Wahrheit haben sich die Aerzte des dreieinigen Königreiches
nicht hinaufgeschwungen. Sie haben nur einen Theil der Wahrheit,
abef nicht die ganze Wahrheit erkannt. Es könnten daher ans dem
Theile der Wahrheit, welchen die Aerzte des dreieinigen Königreiches
nicht erkannt haben, zahlreiHi»- v< -rh in bare Resorptionsheher in der
Fortpflanziingsperiode du Weibes, erständen durch verhütbare Infec-
tion von Aussen, in den englischen, irländischen und in dem Edin-
burgh Gebärhause erzeugt werden. Die Ursache, warum das nicht
geschieht, und zugleich der zweite Grund des günstigen Gesundheits-
zustandes der Wöchnerinnen der drei Länder ist dar Umstand, dass
die Gebärhäuser des dreieinigen Königreiches sämmtliche selbstständige
Institute und nicht Theile eines grossen Krankenhauses sind. Wi
der grossen Entfernung des Gebarhauses von den übrigen Kranken-
anstalten ist der Schüler des Gebärhauses gehindert, während der
Lernzeit im Gebarhause sich noch mit anderen Zwingen der Mediän,
welche seine Hände mit zersetzten Stoffen verunreinigen würden, zu
beschäftigen; der zersetzte thierisch-organische Stoff, welcher im Ge-
barhause selbst erzeugt wird, Von den kranken Schwangeren, kranken
Kreissenden, kranken Wöchnerinnen und der I'uerperal-Leiche wird
durch Chlor zerstört: von ausserhalb des Gebärhauses kann der zer-
setzte thiei isch-organische Stoff nicht in dem ( nnde eingebracht werden,
wie in einem Gebärluuise. welches ein Theil eines grossen Kranken-
hauses ist.
Die Zerstörung des puerperalen zersetzten thierisch-organisrlun
Stoffen im Gebärhause und das erschwerte Einbringen von zersetzten
tliierisch-organischen Stoffen von ausserhalb in das Gebärhans sind
die beiden Ursachen des günstigen Gesundheitszustandes der Wöchnerin
in den Gebärhäusern des dreieinigen Königreiches, und dass dem so
sei. kann man zur Trauer des Menschenfreundes mittelst Zahlen be-
weisen. Wir besitzen von einem Zeiträume von 71 Jahren die gleich-
zeitigen Zahlen-Rapporte des Gebärhauses Rotunda in Dublin und
des Wiener Gebärhauses.
Die Rotunda ist Unterrichtsanstalt für Aerzte, die Zahl der
Wöchnerinnen ist nur unbedeutend kleiner als in Wien. In der
Rotunda wird der puerperale zersetzte thierisch-organische Stoff,
welcher innerhalb des Gebärhauses entsteht, zerstört, die Einbringung
zersetzter Stoffe von Aussen her in die Rotunda ist erschwert; in
Wien wird der im Gebärhause erzeugte puerperale zersetzte Stoff
nicht zerstört; in das Wiener Gebärhaus wird von Aussen her massen-
haft zersetzter Stoff dadurch eingebracht, dass das Wiener Gebärhaus
ein Theil eines grossen Krankenhauses ist; die Schüler des Gebär-
hauses besuchen gleichzeitig die verschiedenen Kranken-Abtheilungen,
die pathologischen und die gerichtlichen Sectionen, nehmen Uurse am
47*
-i ■miiit.-hvds' Abhandlungen nnd Work über das Eiadb6ttfie1>er.
Cadaver, in der geburtshilflichen, chirurgischen, oculi «tischen Opera-
tionenslehre etc. etc.. und was das für Folgen hat, wird folgende
Tabelle leider klar machen. (Seite 165*) Tabelle Nr. XXIX.)
Gebärhaus in
Dublin.
Gebärhaus in Wien.
Jahr
Wiifliner innen
Todte
Percent
nruriunon
Twlte
Per cent
1850
18Ö1
1852
1853
1854
1980
Boefl
1913
1906
1943
15
14
U
17
36
0,7ö
0,67
ll.nti
0,89
0,85
3745
4194
4471
4221
4888
74
75
181
M
400
1 Jrl
4J 4
2,13
9,10
71
151,774
1851
1,21
174.S.I.-.
7048
4,03
Im Wiener Gebärhause wurden 23,091 Wöchnerinnen mehr ver-
pflegt, dafür sind 5197 Wöchnerinnen mehr gestorben. 23,091 Wticb*
nerinnen und 5197 Todte giebt 22,50 %; nebstdem finden in der
Rotunda keine Transferirungen statt, während im Wiener Gebarhauae
in diesen 71 Jahren tausende und tausende erkrankte Wöchnerinnen
in's k. k. allgemeine Krankenhans transportirt wurden.
Im Dubliner lichärliause war die Sterblichkeit
39 Jahre 0 Percent Wtichaa rinnen 84,355 Todte 597 = 0,70 Percent
1 „ „ 46.98« 717=1.54
8 „ 2 n 17,991 - 456 = 2.53
1.3.. „ -'«40 - 81 = £33
71
.T silin-
WörljuiTinrien 151.774
Twlte 1851 = 1,21 Percent
Im
Wiener GiMrliause
war die Sterblichkeit
25
J:i1im-
0 Perceut
Wöchnerinnen 44,843
Todte
273= 0,fi0 Percent
10
1
23,669
379=- 1,80
8
2
19,778
o
3
nun.
484= 3,45
4
„
13,483
• Sil» = — 4,57
4
5
12,681
867-
a
6
6,345
463= 6.77
4
7
11,243
856= 7,61
4
8
11,170
955 =
.".
9
10,047
918» 9,18
1
11
4,010
-159=11,04
1
-
15
3,287
,. 618 = 16
rodtö 7048 = 4,03 1
n
71
Jahre
Wöchnerin
'ercent
Wenn wir die 98 Jahre, nämlich inclusive vom Jahre 1757 bn
letzten Dezember 1854, in welchen in der Rotunda zu Dublin 16'.
Wöchnerinnen verpflegt wurden, viii welchen 2059 starben, also 1.21
Percent, nach der relativen Sterblichkeit ordnen, und wenn wir
selbe mit den 77 Jahren des Wiener Gebarhauses, mit Ausschluss der
IL Abtheilung, thun, so ergiebt sich ein bedeutender Unterschied in
dem Gesundheitszustände der Wöchnerinnen dieser beiden Gebär-
häuser und zwar zu Ungunsten des Wiener Gebärhauses. Im Wiener
Gebärhause wurden in diesen 77 Jahren, mit Ausschluss der II. Ab-
*) [Seite 199.]
Die offenen Briefe an Professoren der Geburtshilfe
479
theiiung, 199,033 Wöchnerinnen verpflegt; davon starben 7783, also
3,91 Percent.
In der ßotnnda zu Dublin war die Sterblichkeit
50
Jahre
o Percent
\\ üchner
innen 92,913
Todte 647 = 0,69
Percent
36
n
1
„
_
64,852
51
826=1,51
B
10
TT
2
_
n
19,284
r
484
TT
2
TT
:>.
n
«
3.1-21
«
102 = 3,26
n
98
J.llin.:
Wöchnerinneu 169,623
Todte 2059 = 1,21 Percent
Im
Wiener Gebärhause war.
die IL Abtheilung ausgeschlossen,
die Sterblichkeit
25
Jahre
0 Percent
Wählerinnen 44,838 Todte
273 = 0,60 Percent
11
IT
1
TT
n
27.698
TI
160» Lßfl
T!
11
n
2
"
w
S&841
1
767= £81
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3
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•■
17,986
n
630= 3.51
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n
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n
5
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966= 5.32
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•
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n
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TT
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965= 8,54
TT
3
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n
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n
11
n
n
4.010
..
189 — 1 1 ,04
tt
1
lö
r
n
3,287
»
518=15,08
TI
77 Jahre Wöchnerinnen 199,034 Todte 7783= 8,91 Percent
Sprechen die Zahlen-Rapporte des Wiener Gebärhauses für oder
n die Notwendigkeit des Gesetzes, welches den Schülern und
Schülerinnen des Gebärhanses jede Beschäftigung mit zersetzten
Stoffen strengstens verbiete! ?
Wir haben zwei Ursachen angegeben, welchen der günstige Ge-
sundheitszustand der Wöchnerinnen in den Gebärhäusern des drei-
einigen Königreiches zuzuschreiben sei, nämlich in den Gebärhäust?rn
dieser Länder wird der puerperale zersetzte thieriseh-organische Stoff,
in der Absicht ein Puerperal-fontasrium zu zerstören, zerstört; die
Gebärhäuser dieser Länder sind selbstständige Institute und nicht Theile
eines grossen Krankenhauses, wodurch die Einführung nicht puer-
I "Tab sr zersetzter thierisch-organischer Stoffe von Aussen her in das
I .i -Ijürhaus erschwert wird.
Der günstige Gesundheitsznstand der Wöchnerinnen in den
Gcbärhäusern des dreieinigen Königreiches ist daher nicht die Folge
einer mit Bewusstsein durchgeführten, das Kindbettfieber verhütenden
Thätigkeit. Der günstige Gesundheitszustand ist vielmehr das Resultat
eines glücklichen Zufalles. Wenn der Gesundheitszustand der Wöeh-
nerinnen schon in Folge eines glücklichen Zufalles ein so günstiger
sein kann, wie klein wird die Sterblichkeit in Folge des Kindbett-
fiebers sein, wenn der oberste Grundsatz der Verhütungslehre des
Kindbettfiebers, welcher lautet: „.Bringt den Individuen keinen zer-
setzten thierisch-organisehen Stoff von Aussen ein, entfernt den in
dem Individuo entstandenen zersetzten thierisch-organisehen Stoff vor
seiner Resorption ans den Individuen" eine strenge Anwendung finden
wird? Wenn wir uns die glückliche Zukunft vergegenwärtigen,
welche dem gebärenden Geschlechte, der ungeborenen Frucht bevor-
steht, und einen gleichzeitigen Blick in die Vergangenheit werfen, so
>iud wir genöthiget das erdrückende Geständniss abzulegen, dass es
keine zweite Krankheit giebt, welche so massenhaft nur durch die
Schuld der Aerzte erzeugt worden wäre, als das Kindbettfieber erzeugt
wurde. Der Menschenfreund kann sich nur mit der Wahrheit trösten,
480 Seiumehveis' Abliidulhiugeu und Werk über das Kindbctttieber.
dass es, die Blatten ausgenommen, aber auch keine dritte Krankheit
giebt, deren Verhütung so vollkommen in der Macht des Arztes LI
als die Verhütung des Kindbetttiehers* durch die Anwendung
obersten Grundsatzes der Yerhütungslehre des Kindbettfiebers. Die
Blattern entstehen nicht durch die .Schuld der Aerzte, aber das Kiud-
bettfieber entsteht durch die Schuld des ärztlichen Personales männ-
lichen und weiblichen Geschlechtes, und wenn wir auch einen Schleier
werfen über die Verheerungen, welche das Kindbettlieber vor dem
Jahre 1847 anrichtete, weil für ein Unglück, welclies aus allgemeiner
Unwissenheit entsteht, Niemand verantwortlich gemacht werden kann,
So verhält sich die Sache doch anders mit den Verheerungen»
welche das Kindbettheber nach dem Jahre 1847 anrichtete. Im
Jahre 1864 wird es zwei hundert Jahre, daaa 'las Kimlhetifieber
wüthet, es ist hohe Zeit, dem ein Ende zu machen. Wer tragt denn
die Schuld, das* das Kindbettfieber in den fünfzehn Jahren nach Ent-
deckung der Yerliiitnngslehre des Kindbettfiebers noch immer Ver-
heerung anrichtet? Niemand anders als die Professoren der Ge-
burtshilfe.
Von der grossen Anzahl der Professoren der Geburtshilfe haben
innerhalb fünfzehn Jahren nur zwei die von mir entdeckte Wahrheit
erkannt, selbe mit Erfolg beobachtet, und nur diese zwei waren so-
gleich auch redlich genug, das auch öffentlich anzuerkennen. Sinei
dieser Professoren der Geburtshilfe war Michaelis in Kiel, der andere
r Geh. Hofrat h Prof. Dr. Lange in Heidelberg.
Michaelis schrieb: „Seit Einführung dieser Waschungen ist inir
bei keiner von mir oder meinen Eleven Entbundenen auch
lindeste Grad des Fiebers wieder vorgekommen, jenen einen Fall im
Februar ausgenommen, bei dem indes, wie ich vernuithe. ein schlecht
gereinigter Katheter gebraucht wurde, und der isolirt blieb, Nach dem
ani-ii Anfange aber im November erwartete ich die bot
Epidemie." Kiel, den 18. März 1848. s. 2^>, Zeile 3 von obe
„Lauge beobachtete bald nach dem Antritte seines Amt«
Heidelberg zahlreiche Erkrankungen der Wöchnerinnen iu dem dortigen
Gebärhause und traf deshalb. Qbeneugl vun der Richtigkeit
Semmehveis'srlien Theorie, die Anordnung, das- jede Leiche einer
verstorbenen Wöchnerin sofort aus dem <ieb:irliatise entfernt wurde.
dass die Nachgeburten nicht mehr, wie es geschehen war. in den
Abtritt geworfen, sondern aus dem Hause geschafft wurden, sorgte
für grosse Reinlichkeit und führte zu diesem Zwecke die Waschungen
mit Chlorkalk ein. Seitdem kam in der Heidelberger Gebäranstalt
kante sogenannte Kimlbetttieber-Epidemie mehr vor. Es ereigm
sich nur einzelne Erkrankungen, und sehr wenig Wöchnerinnen starben,
so dass unter 300 Entbundenen nnr ein Todesfall im Wochenl
vorkam.44 1)
Mehrere Professoren der Geburtshilfe haben die von mir entdeckte
Wahrheit erkannt selbe mit Erfolg beobachtet, was die in ihren Ge-
bärhäusern verminderte Sterblichkeit beweiset, sind aber nicht redlich
genug» um das auch öffentlich anzuerkennen.
Dietl's Ausspruch bewahrheitend, weichet sagt : „Im Ganzen hört
man jetzt wohl weniger von diesen verheerenden Puerperal-Epidemien.
*) [Seite 272 Zeil« 3 vou unten.]
' MunuCsachrift für GeburUkunde etc. Band 18. Heft 5.
Die offenen Briefe an Professoren der Geburtshilfe.
481
Vielleicht liegt die Ursache in Beobachtung- jener Einrichtungen, die
sich auf ihre Erfahrungen bestreu ohne dass man es selbst
ohne der Oeflentlichkeit gegenüber eingestehen will." Krakau, 28. April
1858. (Seite 307, Zeile 1*).)
Zwri Professoren von dieser Kategorie haben sogar gegen meine
Lehre, welcher sie die Verminderung der Sterblichkeit im eigenen
Gebärhause verdanken, geschrieben; Scanzoni nämlich und Carl Braun.
Scanzoui, raffinirter als Carl Braun, verräth sich nirgends, dass
er gegen seine bessere Ueberzeugung schreibt. Er gesteht nur so
fiel, dass Er für einzelne Fälle eine derartige Infection nicht in Ab-
stellen will. Im Jahre 1841 starben an der 1. Geburtsklinik zu
Wien l'IjT Wöchnerinnen, im Jahre 1845 starben 241, im Jahre 1*44
sterben 260, im Jahre 1843 starben 274, im Jahre 1846 starben 401).
im Jahre 1842 starben 518 Wöchnerinnen. Im Jahre 1848 wurden der-
artige Inflationen so viel als möglich verhütet, die Sterblichkeit sank
auf 45 Todte. zum unumstößlichen Beweise, dass Scanzoni im Rechte
ist, wenn Er eine derartige Infection nur für einzelne Fälle gelten läset
Aber Carl Braun wiederholt meine Lehre an so zahlreichen
Stellen in dem Aufsatze, der gegen meine Lehre geschrieben ist, dass
man auch ein so confuser Compilator sein inuss, wie Carl Braun einer
ist, wenn man bei Durchlesung dieses Aufsatzes nicht zur Ueber-
zeugung gelangt, dass Carl Braun gegen seine be.wre I eberzeugung
geschrieben.
Scanzoni sagt in der Vorrede zu seinem Lehrbuche der Geburts-
hilfe, dass ihm nahe an 8000 CJeburten als Beobaehtungsobject im
Prager Gebärhause zur Disposition standen.
In seiner Oppositionsschrift gegen meine Lehre, welche Scanzoni
gemeinschaftlich mit Bernhard Se viert im Jahre 1850 in der Präger
Vierteljaliiesschrit't veröffentlichte, theilt Scanzoni die Monatsrapporte
vom 1. Mai 1847 bis letzten August 1848, also die Monatsrnpporte
von 16 Monaten mit, in welchen 2721 Wöchnerinnen verpflegt wurden,
von welchen 86 starben. Dreimal 2721 Wöchnerinnen genommen giebt
8163 Wöchnerinnen, und dreimal 86 Todte genommen giebt 258 Todte.
Scanzoni theilt die Entzündungen im Wochenbette in solche ein,
welche nicht Puerperalfieber sind, und in solche, welche Puerperal-
fieber sind. Wir haben in unserem Werke über Kindbettfieber be-
wiesen, dass die Entzündungen, welche Scanzoni nicht als Puerperal-
fieber anerkannt, gerade so genuines Puerperalfieber sind, wie die
Entzündungen, welche Scanzoni als Puerperalfieber anerkennt. Nicht
Puerperalfieber ist nach Scanzoni die Endometritis die Metritis, die
Metrophlebitis. die Metrolymphangoitis, die Peritonitis, die Oophoritis,
die Salpingitis, die Colpitis; das eigentliche Puerperalfieber ist nach
Scanzoni die Hyperinose, die Pyaemie und die Blntdissolution.
Das gibt eilf Formen, und Scanzoni hat blos an Endometritis
hunderte von Wöchnerinnen erfolglos behandelt ; Scanzoni hat Hunderten
von Sectionen verstorbener Wöchnerinnen beigewohnt; da man aber
bei 258 Todten und bei eilf verschiedenen Formen nicht hunderte
von Wöchnerinnen blos an Endometritis erfolglos behandeln kann,
und nicht hunderten von Sectionen verstorbener Wöchnerinnen bei-
wohnen kann, so ist der natürliche Schluss. dass die Sterblichkeit im
Prager Gebärhause vor dem 1. Mai 1847 eine bedeutend grössere
•i | Seite 284, Zeile 11 von unten.]
Semmelweis1 gesammelte Werke.
31
182
Seuimelweis1 Abbaudhuig-en und Werk über das Kbtdbettfleber.
war. Und wie bedeutend die Sterblichkeit im Prager Gebärhause vor
dem 1. Mai 1M47 gewesen sein müsse, geht daraus hervor, dass Scan-
zoni uns erzählt, von 2721 Wöchnerinnen seien 86 nach dein L.
1847 gestorben, folglich bleiben 5279 Wöchnerinnen vor dem 1.
1847 für die hunderte von Fällen, wo Sc&nzonj die Wöchnerinnen
erfolglos an Endometritis behandelte, folglich bleiben 5279 Wöchne-
rinnen für die hunderte von Sectionen verstorbener Wöchnerinnen,
denen Scanzoni beizuwohnen «Vlegenheit hatte. Diese Sterblichkeit
ist tun N si In ecklicher, wenn man selbe mit den 54 Todten von
9524 Wöchnerinnen ans den 7 Jahren 1786 — 92 und mit den 8."» Todten
von 12,700 Wöchnerinnen der 8 Jahre von 1801—8 im Wiener iie-
lürliause, und mit den 48 Todten von 8847 Wöchnerinnen in den vier
Jahren 1830—33. mit den 6ü Todten von 9814 Wöchnerinnen
6 Jahre 1795—1800. mit den 92 Todten von 12,370 Wöchnerinnen
der 4 Jahre 1814—17. und mit den 97 Todten von 14,606 W<„
rinnen der 6 Jahre 1804 — 1809 der Dubliner Kotunda vergleicht.
Die Verminderung der Sterblichkeit im Pchlmt (-i-ehärhause war
dadurch bedingt, dass Scanzoni durch vier und einen halben Monat
Chlorwasch ungeu machen Hess, und daher Beinen Schillern notliwendiger-
weise sagen musste, warum das geschehe. Scanzoni behauptet ja.
selbst, dass Er die ('hlorwaschungen strengstens beobachten iieaB,
jedoch erfolglos, was nicht richtig ist: wir haben ja eben bewiesen,
dass die Sterblichkeit im Prager Gebärhause vor dem 1. Mai 1847
eine schreckliche gewesen sei; aber einen vollkommenen Erfolg hat
Scanzoni nicht erreicht, weil die Sterblichkeit 3,1°/« blieb, eine aller-
dings bedeutende Sterblichkeit» Und diese bedeutende Sterblichkeit
von 3,1 % hat zum Theil die Unredlichkeit Sranzoni's verschuldet,
welcher gegen seine bessere Ueberzeugnng gegen mich geschrieben.
folglich auch seinen Schülern gegenüber gegen meine Lehre, gegen
seine bessere Ueberzeugung gesprochen hat, wodurch die strenge Be-
obachtung der (".'hlorwaschungen Seitens der Schüler beeinträchtigt
wurde; /.um Tlieile hat diese 3,1 u,, Sterblichkeit auch die l'nwi
1 1 ' • i t s< anzoni's der wichtigsten Lehrsätze meiner Lehre, wie aus seiner
Opposition gegen meine Lehre hervorgeht, verschuldet, wodurch 1
griffe, welche einen vollkommenen Erfolg vereitelten, nicht zu um-
gehen waren.
Eine zweite Ursache der Verminderung der Sterblichkeit war
auch die: dass vit sie Aerzte ihr Weg zufällig von Wien nach Prag
führte, die dann in Prag erzählten, was Semmelweis in Wien thut.
hui «bis verhütbare Kesorptionsfieber in der Fortprlanzungsperiode des
Weibes, entstanden durch verhütbare Infectionen von Aussen, zu ver-
hüten, wodurch die Schüler des Prager Gebärhauses bei jeder zufälligen
Ankunft, eines Ar/.tes ans Wien an meine Lehre erinnert win
und welch galten Erfolg das hatte, ersieht der Leser daraus, (9
iIi.t gewiss höchst geistreichen Bemerkungen Scanzonts gegen-
über seinen Schüler gegen meine Lehre, es Scanzoni doch nicht ge-
langen ist. die Sterblichkeit hoher als 3,1 % hinaufzutreiben, an einer
Anstalt, an welcher Scanzoni früher die beneidenswerthe Gelegenheit
hatte, hunderte von Wöchnerinnen blos an Endometritis erfolglos zu
behandeln und hunderten von Sectionen verstorbener Wöchnerinnen
beizuwohnen. Den guten Erfolg, den dieser Umstand hatte, dass die
Schüler des Prager Gebarhauses durch zufällig von Wien nach 1
gekommene Aerzte an meine Lehre erinnert wurden, beweiset a
I'ie offenen Briefe au Proieasoren der Geburtshilfe.
483
Factum, dass jetzt, wo die tot» Wien zufällig nach Prag kommen-
den Aerzte keine Veranlassung haben zu erzählen, was Carl Braun
in Wien zur Verminderung des Kindbettfiebers thut, dass es jetzt
Dr. Iit-in.inl Seyfert, Professor der Geburtshilfe au der Klinik für
Aerzte zu Prag, und Dr. Johann streng*, Professor der Geburtshilfe
an der Klinik für Hebammen zu Prag, gelungen ist. in der Klinik
Mir Aerzte die Sterblichkeit auf 7,39%, und in der Klinik für Heb-
ammen auf 7,04% als durchschnittliche Sterblichkeit vom 1. Jänner
L855 bis 31. December 1860 hinaufzutreiben.
Dr. Bernard Seyfert wurde unterm 23. Februar 1855 zum Professor
der Geburtshilfe an der Kliuik für Aerzte zu Prag ernannt.
Scanzoni hat in Würzburg innerhalb 6 Jahren von 1639 Wöchne-
rinnen nur 20 am Kindbettfieber verloren, an einer Anstalt, an
welcher Kiwiach eine grössere Sterblichkeit hatte, als selbe je in
Wien gewesen.
I>ber die Pseudo-Kindbettfieber- Epidemien im Würzburger Ge-
bärhause der Jahre 1859 und 60 habe ich meine Ansicht in zwei
offenen an Scanzoni gerichteten Briefen ftusgeeproclien.
Und damit haben wir bewiesen, dass Scanzoni die von mir ent-
deckte Wahrheit erkannt, dass Er mit Erfolg selbe beobachtet, was
die im Prager und Würzburger Gebärhause verminderte Sterblichkeit
beweiset, dass Scanzoni aber nicht redlich genug ist, das auch öffentlich
anzuerkennen.
In Folge dieser Unredlichkeit hat Scanzoni sogar gegen die von
mir entdeckte, von ihm erkannte, und mit Erfolg beobachtete Wahr-
heit gegen seine bessere Ueberzeugung geschrieben.
Dadurch hat Scanzoni als Schriftsteller viele Aerzte zum Ver-
derben derer Pflegebefohlenen im Irrthume erhalten; als Lehrer hat
Er seine Schüler und Schülerinnen nicht in meiner Lehre unterrichtet,
weil Scanzoni nicht gegen meine Lehre schreiben und für meine Lehre
•sprechen kann
Seinen Schülern und Schülerinnen gegenüber hat Scanzoni meine
Lehre nur maskirt in Anwendung gebracht, wie die Massregel be-
weiset, welche Scanzoni in der Pseudo-Kindbettfieber-Epidemie im
Jahre 1859 in Anwendung brachte. Scanzoni liess nämlich seine
Schüler nicht untersuchen, nicht um die Einführung zersetzter Stoffe,
sondern um Gemüths-Affecte zu verhüten. Selbst die Hebammen der
ersten und zweiten Classe hat Scanzoni nicht ins Geheimniss einge-
weiht, und die Folge von dem Allem ist, dass in dem neuen mit «len
besten Einrichtungen versehenen Würzburger Gebärhause in allen
drei Olassen. in Würzburg Belbst, und in dessen Umgebung die
Wöchnerinnen am verhütbaren Resorptionsheber, entstanden durch
verhütbare Infect knien vuii Aussen, sterben.
Dadurch ist Scanzoni zum Mitschuldigen geworden an dem Vor-
gehen, welches die überaus grösste Mehrzahl der Professoren der Ge-
burtshilfe an der gebärenden Menschheit und au der noch unge-
bornen Frucht dadurch begehen, dass die überaus grösste Mehrzahl
der Professoren der Geburtshilfe im fünfzehnten Jahre nach Ent-
deckung der Lehre, wie das verhütbare Resorptionstieber in der Fort-
pHanzungsperiode des Weibes, entstanden durch verhütbare Infertionen
von Aussen, verhütet weiden könne, noch immer nicht ihre Schüler
und Schülerinnen in dieser Lehre unterrichten. Und dadurch ge-
schieht es, dass diese in meiner Lehre nicht unterrichteten Schüler
31«
484
Semmel weis' Abhandlungen und Werk über das Kindbetttieber.
und Schülerinnen den Individuen in den Gebärbäusern so häufig von
Aussen zersetzte thieriseh-organische Stoffe beibringen, dass in den
Gehärhansern noch immer das verhiitbare Resorptionsfieber in der
Fortpflanzungsperiode des Weibes, entstanden durch verhiitbare In-
fectäon von Aussen, so häufig vorkommt; dadurch geschieht es, dass
diese, in meiner Lehre nicht unterrichteten Schüler und Schülerinnen
in ihrer selbstständigen Praxis das fortsetzen, was Mibe im Gebarhause
begonnen, das heässt, dass selbe auch in ihrer selbstständigen Praxis
Ihren Pflegebefohlenen zersetzte tbierisch-orgauische Stoffe von Aussen
in geographischer \ erbreitung einbringen, wodurch es geschient) dass
das verhütbare Resorptionsfieher in der Fortpflanzungsperiode des
Weibes, entstanden durch verhütbare Infection von Aussen, in geo-
graphischer Verbreitung vorkommt Und diese verhütbaren Re-
SorptiOBBÖeber in- und ausserhalb der Gebärhäuser werden unter der
Aufschrift von beobachteten Kindbettfieber-Epidemien in- und ausser-
halb der Gebärhäuser veröffentlicht.
lud es zeigt, wie wenig die allgemeine Meinung der medicinischen
Welt durch meine Lehre bis jetzt aufgeklärt wurde, dass eine aus
einem Gebärhause veröffentlichte Kindbettheber-Epidemie nicht nur
die Absetzung des Betreffenden wegen Unfähigkeit oder wegen Dasei
Willens auf lauiathen des bei der Regierung als offiziellen Rathgebers
fungirenden Arztes nach sich zieht, dass eine veröffentlichte Kinder-
bettfieber-Epidemie nicht nur nicht eine allgemeine Indignation der
medicinischen Welt gegen den Betreffenden hervorruft, im Gegentheile
eine beobachtete Kindbettfieber-Epidemie wird im fünfzehnten Jahre
nach Entdeckung der Lehre, wie diese Epidemien abzuschaffen seien,
zur Belehrung der medicinischen Welt veröffentlicht.
Dieses Factum ist für mieh eine dringende Aufforderung, ener-
gisch für die Verbreitung der Wahrheit zu wirken, um der entsetz-
lichen Verschwendung von Menschenleben baldigst ein Ende zu machen.
Sollten sich die Professoren nicht baldigst dazu bequemen, ibre
Schiller und Schülerinnen in meiner Lehre -zu unterrichten, sollten die
Regierungen noch länger die Kindbettfieber-Epidemien in den Gebar-
h&usern dulden, so werde ich, um wenigstens die in geographischen
Verbreitung Entbindenden vor dem Kindbettfieber zu schützen, mich
an das hilfsbedürftige Publikum wenden, ich werde sagen: Du Familien-
vater weisst Du. was das heisst, einen Geburtshelfer oder eine Hebamme
zu Deiner Frau zu rufen, welche bei der Geburt eiues Beistandes
benöthigt; d i an viel als Deine Frau und Dein noch m
borenes Kind einer Lebensgefahr aussetzen. Und wenn Du nicht
Wittwer werden willst, und wenn Du nicht willst, dass Deinem noch
ungeborenen Kinde der Todeskeim eingeimpft werde, und wenn Deine
Kinder ihre Mutter nicht verlieren sollen, so kaufe Dir um einige
Kreuzer einen Chlorkalk, giesse ein Wasser darauf, und lasse den
Geburtshelfer und die Hebamme Deine Frau ja nicht innerlich unter-
suchen, bevor sich nicht der Geburtshelfer, bevor sich nicht die Heb-
amme in Deiner Gegenwart die Hände in Chlor gewaschen haben,
und anch dann noch lass den Geburtshelfer und die Hebamme neck
nicht innerlich untersuchen, bis Du Dich nicht durch Betasten der
Hände überzeugt hast» dass sich der Geburtshelfer und die Hebamme
so lange gewaschen haben, dass die Hände schlüpfrig geworden.
AI er deshalb darfst Du die Schuld nicht dem Geburtshelfer, nicht
der Hebamme zuschreiben, dass selbe für Deine Frau lebensgefahrlich
Die offenen Briefe an Professoren der Geburtshilfe.
485
sind; die Schuld trägt der Professor der Geburtshilfe, bei welchem
der Geburtshelfer, die Hebamme Geburtshilfe gelernt, und welcher
Professor dem Geburtshelfer, der Hebamme nicht gelehrt, das verhüt-
bare Resorptionsfieber in der Fortpflanztingsperiode des Weibes, ent-
standen durch verhütbare Infectiou von Aussen, zu verhüten.
Ich hoffe, das hilfebedürftige Publikum wird gelehriger sein als
die Professoren der Geburtshilfe,
Das Wiener Grebflrhaus wurde, wie schon gesagt, den 16. August
1784 eröffnet. In den 77 Jahres, nämlich bis zum letzten Deceraber
1860, des Bestehens des Wiener Gebärhauses wurden 27s, 111,9 Wöchner-
innen verpflegt, davon starben 10,573, Mort. Percent. 3,79 oder 1 von
-i; 577,.'io.m* Wöchnerinnen. Die Sterblichkeit war folgende:
39 Jahre Medicin in Wien ohne anatomische Grundlage.
Vom 16. August 1784 bis letzten December 1822: Wöchnerinnen
71.395. Todte 897, Mortalitäts- Percent 1,25.
10 Jahre Medicin in Wien mit anatomischer Grundl:
Vom l. Jänner 1828 bis letzten December 1832: Wöchnerinnen
2S.429, Todte 1509, Mortalitäts-Percent 5,30.
Trennung des Gebärhauses in zwei Abtheilungen
den 15. October 183:1.
I. Abtheilung. II. Abtheilung.
Schüler und Schülerinnen an beiden Abteilungen in gleicher
Anzahl vertheilt.
8 Jahre vom 1. Jänner 1833 bis letzten December 1840.
Wöchnerinnen Todte Mort. Percent — Wöchnerinnen Todte Mort. Percent
23,059 1505 5,56 13,097 731 5,58
Durch eine allerhöchste EntSchliessung vom 10. October 1840
wurden sämmtliche Schüler der L Abtheilung und sämmtliche Schüler-
innen der IL Abtheilung behufs des geburtshilflichen Unterrichts zu-
gewiesen.
6 -fahre vor Einführung der Chlorwagchangen au der Klinik für
Aerzte.
Vom 1. Jänner 1841 bis letzten December 1846.
I. Abtheilung. II. Abt heil ung.
Klinik für Aerzte. Klinik für Hebammen.
Wöchnerinnen Todte Mort. Percent — Wöchnerinnen Todte Mort. Percent
20,042 1989 9,98 17,791 691 3,38
14 Jahre nach Einführung der Chlorwaschungen an der Klinik
für Aerzte in der zweiten Hälfte des Mai im Jahre 1847. Vom 1.
Jänner 1847 bis letzten December 1860.
Klinik für Aerzte.
Wöchnerinnen Todte Mort. Percent
56,104 1883 3,31
Klinik für Hebammen.
Wöchnerinnen Todte Mort. Percent
48.750 1868 2,80
486
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das KindlHtu
I. Ab th eilung.
II. Abt heil ung.
28 Jahre vom 1. Jänner 1833 bis letzten December 1860.
Wöchnerinnen Todte Mort. Percent — Wöchnerinnen Todte Mort. Percent
99,209 6,72 79,636 2790 3,50
Wenn wir die Jahre der einzelnen Epochen des 9 iener (iebär-
hauses nach der relativen Sterblichkeit aneinanderreihen, so giebt das
folgende Tabelle: während der 39 Jahre, vom 16. August 1789 bis
letzten December 1822, während welchen die Medicin iu Wien noch
der anatomischen Grundlage entbehrtet war die Sterblichkeit
25 Jahr 0 Percent Wöchnerinnen 44,838 Todte 273 = 0,60 Percent
12,074
2,082
186 = i M
219 = 2.34
66 = sio
154 = 4,98
SB Jahre
W-Vlineriunen 71,395 Todte 897 — 1,25 Percent
10 Jahre Medicin in Wien mit anatomischer Grundlage vom
1. Jänner 1823 bis letzten December 1'
Die Sterblichkeit war:
2 Percent Wöchnerinnen 2367 Todte 51 = 2.15 Percent
3 . . 8961 „ 317 = 3,53
4 „ 88 „ 284 = 4,79
6 „ „ 3353 „ 222 = 6,62 B
2872 : 214 = 7.45 ,.
8 _ ., 4953 „ 421=8.49
1
Jahr
3
2
1
1
2
10
Jahre
Wöchnerinnen 28,429 Todte 1509 = 5,30 Percent
Trennung des Gebärhauaes in zwei AMheiliuiireii
den 15. October 1833.
Schüler und Schülerinnen an beiden Abtheilungen in gleicher
Anzahl vertheilt.
8 Jahre vom 1. Jänner 1833 bis letzten December 1840.
Die Sterblichkeit war an der I. Abtheilung:
Jahr 3 Percent Wöchnerinnen 2987
5 „ „ 9084
■ l »
- 9 „ „ 5654
Todte 91=3.04 T-
„ 491 = 5.40 „
„ 406 = 7.5!»
518 = 9.16
8 Jahre
Wöchnerinnen 23,059 Todte 1505 = 6,56 Percent
Die Sterblichkeit war an der IL Abtheilung:
Jahre 2 Percent Wöchnerinnen 2426
4 „ 54 TM
n 6 „ „ 1784
: l : : SS
Todte 63 = 2.59 Percent
„ 263 = 4,80
„ 124 = 6,99 „
131=7,84
150 = 8.60
8 Jahre
WüchnerittMÄ 13,097 Todte 731 = 5,58 Percent
Durch eine allerhöchste Erschliessung vom 10. October I
wurden sämmtliche Schüler der I. Abtheilung und sämmtliche Schüler-
innen der IL Abtheilung behufs des geburtshilflichen Unterrichtes
zugewiesen.
Die offenen Briefe an Professoren der Geburtshilfe.
487
0 Jahre Tor Einführung der Chlor wasch ungen an der Klinik für
Aerzte.
\ Vnu 1. Jänner 1841 bis letzten Dccember 1846.
An der L Abtheilung, an der Klinik für Aerzte. war die Sterblichkeit :
1 Jahr 6 Percent Wöchnerinnen 3492 Todte 241= 6,8 Percent
3492
3086
6817
4010
3287
241 =
SS?« 7.7
534= 8,5
459 = 11.4
518 = 15,8
6 Jahre Wöchnerinnen 20.012 Todte 1989 = 9,92 Percent
An der II. Abtheilnng' an der Klinik für Hebammen war die Sterblichkeit :
Jahre
6 Julne
Wüchn erinneu ü'. • 5 1
2442
2739
n 8669
Wöchnerinnen 17,793
Todta 238 = 2.40 Perceut
SB = 3.05 n
„ 164=5,09 „
_2 202=7,06
Todte 691 = 3,38 Percent
14 Jahre nach der Einführung der Ohlorwaschiingcu au der Klinik
fiir Aerzte in der zweiten Hülfte des Mai 1S47.
Vom 1. Jänner 1847 bis letzten December 18<50.
Die Sterblichkeit war an der Klinik für Aerzte:
4
Jtlin
1 Percent
W .'a-hnerinueu
15,624
Todte
275=1,76 Perceut
o
2 „
20,542
1--7 Ml
1
8 n
3,925
156 = 3,97 „
1
4 -
4.471
181=4,00
2
5 .„
7.149
874-6,23 „
1
■■
9 :
!•
4.393
n
400—9,10
14
Jährt:
Wöchnerinnen 56,074
Todte
1883=3,35 Percent
Die Sterblichkeit war an der Klinik für Hebammen ;
1
Jahr
0 Percent
Wöchnerinnen
3.306
Todte
32 = 0,96 Percent
6
1
lS.l'JT
271 = 1,46
A
2 „
10,788
243 = 2,25
1
a ■
8,395
121 = 3,05
l
4
3,070
126 »4,0? _
1
&
6,298
366 = 6,81
2
6
n
3,396
810—6,18
14 .lahre Wöchnerinnen 48,750 Todte 1368 = 2,81 Percent
Wenn wir die 28 Jahre des Bestehens der 1. Abtheilnng:. ohne
weitere Kücksichtsnahnie, nach der relativen Sterblichkeit ordnen, so
giebt das folgende Tabelle:
Vom 1. Jänner 1833 bis letzten December 1860.
Die Sterblichkeit war an der I. Abtheilnng-:
4
Jahre
1
Percent
Wöchnerinnen
16,624
Todte
275 = 1,76 Percent
5
2
20,542
497 = 2.41
2
3
6,912
247= 3,57 „
1
4
4,471
1*1 = 4,00
5
o
865= 5,38
1
6
3,492
241= 6,80
3
V
8.370
642= TM
2
8
62,170
534= 8,50
3
y
10.047
U8— i 9,13
1
n
4. IM"
469=11,40
1
»
lb
p
3,287
j»
518=15,80 „
28 Jahre
Wöchnerinnen 99,209 Todte 5,377 = 6,72 Percent
ISS
Semmel weis' Abhandlungen und Werk über dao Kindbettlieber.
Wein wir dasselbe mit der IL Abtheilung thun, so zeigt sich
folgende Sterblichkeit:
1 Jahr 0 Percent Wöchnerinnen 3,206 Todte 32 = 0.96 Percent
5
1
8
2
2
:i
4
4
2
b
3
6
2
V
1
n
8
28
Jahre
18,497
n
271 = 1,46
H
23,165
■l
645 =
■
5,837
n
271 = 3,64
m
8,543
n
388 = 4.09
n
9,037
n
530-
n
5,180
n
334 = 6,44
ji
4,329
n
333 =
n
1,744
n
150 = 8,60
n
Wöchnerinnen 79,636 Todte 2790 = 3,50 Pen.nr
Wenn wir die Frage stellen, von wie viel Wöchnerinnen ist in
den einzelnen Epochen des Wiener Gebärhäuses Eine gestorben?
so beantwortet diese Frage folgende Tabelle:
39 Jahre Medicin in Wien ohne anatomische Grundlage 1 Wöch-
nerin von 79537BB: Wöchnerinnen und zwar:
1798 lWöchner.
von 409%, Wüchnerinuen
1790 lWöchner.
TOD
„Wöchnerinnen
1797 1
n
n
402*/5
n
1808 1
n
tt
128%
n
1788 1
n
286
n
1822 1
17
■n
117"/«
B
17*7 1
n
PI
281%
n
1792 1
n
»
H
1802 1
»
860%
n
1817 1
n
118%B
19
1794 1
n
N
252*;,
n
1799 1
n
H
108%.
B
1804 1
n
ae* ,
?f
1813 1
Fl
Tt
»*%,
■
1806 i
r?
n
234%
n
1796 1
n
n
88*%,
*
1786 1
n
n
230V»
n
1809 1
H
»*
70%,
"
1816 1
200'%,
r«
1785 1
tt
n
69*;»,
71
1789 1
n
n
178
n
1821 1
n
n
ö9»%»
f
1791 1
n
174%
n
1784 i
n
n
47"/,
B
1812 1
|
H
157%
1
1795 1
n
14
M">
w
■
n
1818 1
n
»1
*HE
■n
1808 1
n
n
144%,
n
1820 l
n
n
B&%
n
1803 1
n
n
188%,
n
1793 1
n
n
B8»L
*
1815 1
tf
rt
136%.
n
1814 1
H
n
Q
1810 1
n
n
124
n
1819 1
H
n
n%M
n
1801 l
n
123,§/h
n
10 Jahre Medicin in Wien mit anatomischer Grundlage 1 Wöch-
nerin von 181w'/im« Wöchnerinnen.
1827 1 WOchner. von 46* '/M Wöchnerinnen
1832 1 „
1826 1 „ „ 2H1 lul B
1830 1 „ , 25»/, „
1829 1 „ B 21" ,.„
1824 lWöchner, von 20JlmWöchnerinuen
1831 1 „ n 15"/,„
1823 1 „ n 13-%lt
1826 1 „ . 12«/,„
1825 1 „ „ 11"/„B
8 Jahre I. Abtheilung.
28,668 Wöchnerinnen 1505 Todte
1 von 15*B*'IM.5.
1838 1 WOchner. von VL Wöchnerinnen
L88S l
1839 1
1835 1
1836 l
1834 1
ia37 1
1840 1
18l--.iw
18«V,
1
11',:.,
10*"/,,,
8 Jahre IL Abtheilung.
13,097 Wöchnerinnen Todte 1 von
17°,%1.
1833 1 WOchner. von 44 V« Wöchnerinnen
1840 1 „ „ 37*%B „
1839 1 „ „ 22%,
1838 1 „ „ 20«/,.
1835 1 „ „ 21
1837 1 „ „14
1836 1 a B i"
1834 1
r»ie offenen Briefe an Professoren der Geburtshilfe.
489
6 Jahre Klinik für Aerzte.
imcrin von lOn-, '...„„,.> Wüchni-rionen
1845 1 Wöchnerin von Hiaf%u «
1841 1 ■ „ 12 '"/m ,
1844 1 „ „ 12-V„0 „
1843 1 „ „ 11«%«
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6 Jahre Klinik für Hebammen.
1 Wöchnerin von 2bbX4ifaui Wöchnerinnen
I Wöchnerin von 49 7 ,in „
»844 J ,. „ 48*%, „
1848 t „ „ 36 ",W .
1841 1 „ „ 28"/„ ..
1843 1 „ „ 16"Vlal ,
»842 1 „ „ 13»/,« „
14 Jahre Klinik für Aerzte,
14 Ja
lue K
linik f
ilr Heba
mmeu.
nach Einführung
der Olilorwa&cliiiiiiren.
1 Wöchnerin von "29 "(
: |.u Wöchnerinnen
1 Wöchnerin von 35 80"
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Wöchnerin
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■
1854 1
n
H
Wim
n
1854 1
R
Mi-,„
n
Wir wollen mm diese drei Tabellen interpretiren.
Während der ersten 39 Jahre des Bestehens des Wiener Gebär-
hauses, in welchen die Medicin in Wien noch der anatomischen Grund-
i;i! e entbehrte, folglich nicht so häufig mit durch zersetzte thierisch-
organische Stoffe verunreinigten Händen untersucht wurde, als zur
ZeitT wo die Medicin in Wien die anatomische Grundlage schon an-
genommen hatte, kamen 25 Jahre vor, in welchen nicht eine Wöch-
nerin von hundert Wöchnerinnen starb. 1798 starb erst eine Wöch-
nerin von 4UV>VS Wöchnerinnen. Ein Gesundheitszustand, welcher
selbst im Jahre 1848 aus Gründen, die wir schon erörtert, nicht er-
reicht wurde. Im Jahre 1848 starb eine Wöchnerin schon von 79 '/«
Wöchnerinnen,
Wenn wir den Gesundheitszustand der Wöchnerinnen in den
ersten 39 Jahren des Wiener Gebärhauses mit dem Gesundheitszu-
stande der Wöchnerinnen in Gross-Britannien vergleichen, so zeigt
sich, dass selbst in diesem Zeiträume das verhütbare Resorptions-
tieber in der Fortpflanzungsperiode des Weibes, entstanden durch
verhütbare Infection von Aussen, in Wien hantiger vorgekommen ist,
als in den Gebärhausern Gross-Britanniens, In City of London im
Hospital starb von 1006 Wöchnerinnen keine. Obwohl in den ersten
39 Jahren des Wiener Gebärhauses 6 Jahre vorkommen, wo die Zahl
der verpflegten Wöchnerinnen unter 1000 war, hat das Wiener Gebar-
haus dennoch kein Jahr aulzuweisen, in welchem keine Wöchnerin
gestorben wäre.
1784
Wöchnerinnen 284
Todte
6=2.11 %
oder
von 47 */„
1810
744
n
6= 0,80°/«
ft
n l-4
1808
865
■
7 = 0,81 %
n
. 122 V,
1786
888
n
18 - 1.44%
n
. mit
--.MV»
» 912
13 = 1.1- ..
»
n
952
n
6 — 0,64%
n
L ■ 154 7«
490
Semmelweis' Aliliamlluugren und Werk über das EkldbottftebOT
Die grösste Sterblichkeit innerhalb dieser 39 Jahre war 1819:
von 3089 verpflegten Wöchnerinnen starben 154 = 4,98 % oder 1 von
20"ll4 Wöchnerinnen.
Diese Sterblichkeit wurde in 98 Jahren in der Dubliner Rotumla
nicht erreicht 1774 wurden in der Rotnnda 681 Wöchnerinnen v.-r-
pllegt : 21 starben = 3.08 % oder 1 von 32%,. 1826 wurden in der
Eotunda verpflegt 2440 Wöchnerinnen; davon starben 81 == 3,33 •/,
oder 1 von 3Q"7H]. Das sind die zwei ungünstigsten Jahre der
Eotunda.
Wir haben schon erwähnt, dass die Aerzte in Gross-Britannien
in der Absicht, ein Contagium zu zerstören, den zersetzten tbierisch-
organischen Stoff zerstören, welcher von einer puerperal -erkrankten
Schwangeren, Kreissenden, Wöchnerin und von der Puerperal-Leiche
herrührt; die Einbringung eines nicht puerperalen zersetzten thierisch-
organischen Stoßes ist wegen Isolirtsein der Gebärhäuser erschwert.
Zur Zeit, als die Medicin in Wien der anatomischen Grundlage
noch entbehrte, wurde auch im Wiener Gebärhanse mittelst des nicht
puerperalen zersetzten thierisch-organischen Steiles seltene]- das ver-
hütbare Resorptionsheber in der Fortpflanzungsperiode des Wi
entstanden durch verliütbare Infectioneu von Aussen, hervorgebrarlii,
als später, wo die Medicia in Wien die anatomische Grundlage schon
angenommen hatte; aber der puerperale zersetzte thierisch-organische
Stoff, herrührend von einer puerperal-erkrankten Schwangeren,
Kreissenden. Wöchnerin, von der Puerperal-Leiche wurde nicht zer-
stört, und dadurch war die Sterblichkeit in diesem Zeiträume bedingt.
Vom den 863 während der 34-jälirigen Wirksamkeit Johann Lucas
Boer's verstorbenen Wöchnerinnen sind sehr wenig unsecirt geblieben.
In den ersten 39 Jahren des Wiener Gebärhauses war die durch-
schnittliche Sterblichkeit 1.25 •/<>; es starb eine Wöchnerin von 79iM
Wöchnerinnen.
Der günstigste Gesundheitszustand war 1 Wöchnerin von 40!'1 ,
Wöchnerinnen, der ungünstigste 1 von 209,r)4.
Tu den nächsten zehn Jahren, iu welchen die Medicin in Wien
schon die anatomische Grundlage annahm, steigerte sich die durch-
schnittliche Sterblichkeit auf 5,30 °/„; es starb 1 von lfi1'*7/«»! Wöch-
nerinnen. Der günstigste Gesundheitszustand war 1 von 462"61 und
der ungünstigste 1 von ll'*/9M Wöchnerinnen.
Die Steigerung der Sterblichkeit in diesem Zeiträume war
durch bedingt, dass in diesem Zeiträume mehr als im vorhergehende»
auch mittelst des nicht puerperalen zersetzten Stoffes von Aussen in-
ficirt wurde.
In den nächstfolgenden 8 Jahren, in welchen Schüler und
Schülerinnen an beiden Abtheilungen in gleicher Anzahl vertheilt
waren, steigerte sich die durchschnittliche Sterblichkeit an der I. Ab-
theilnng auf 6,68% oder 1 von 15484/16„s, an der II. Abtheilung auf
5,58 %, oder 1 von 17ö7° jf,S( ; das günstigste Jahr war 1 von 32'-/«
an der I. Abtheilung, und 1 von 441,g auf der II. Abtheilung.
Das ungünstigste Jahr an der I. Abtheilung war 1 von 1090B/S67,
an der II. Abtheilung 1 von llg4/,M.
Die Ursache der Steigerung der Sterblichkeit in diesem Zeit-
räume ist dieselbe, welche eine Steigerung der Sterblichkeit im vor-
hergehenden Zeitraum hervorbrachte.
In den nächstfolgenden 6 Jahren steigerte sich die durchschnitt-
I** «Sann Rräi* st rrAfessw* «** vW>*:***iuV. 491
liehe SterWsekbeis ja £«• I. A^i^^^r *« A&? * ,. aufrechnet der
massenhaften Trai^rcrirwx». Aaer l Vont U*;>tt*,*: an der II. Ab-
teilung sank die SterKkfcken ä:: S^% oder l von ^ö*1*«,,- Das
günstigste Jahr as der L AkWi'ttw war l von Ulist41. an der
II. Abtheilung 1 tob 4$*«*: das »uxiustigste .lahr an der l. Ab-
theilnng warl von 6,5*»tv an der II. Abtheilung l von 13**«««.
Die Ursache der Stei^ernn^r der Sterblichkeit an der I. Ab-
theiinng in diesem Zeitraum war. dass durch Zuweisung sämmtlicher
Schüler
vorigen
wurde. Die Ursache der Verminderung
IL Abtheilung war. dass durch Entfernung der Schüler von der
IL Abtheilung, an der II. Abtheilung weniger, als im früheren Zeit-
räume, mittelst nicht puerperaler zersetzter Stoffe infieirt wurde.
In der zweiten Hälfte Mai 1847 führte ich die Chlorwaschuugen
an der I. Abtheilung ein. Die Sterblichkeit war im Jahre 1847
5.04 % oder 1 von 19u*/m.
Im Jahre 1848, wo ich das ganze Jahr hindurch die Chlor-
waschungen leitete, war die Sterblichkeit 1,27 % oder 1 von 791/«-
Am 20. März 1849 folgte mir Carl Braun in der Assistenz. Vom
1. Jänner 1849 bis letzten December 1860 wurden 49,058 Wöch-
nerinnen verpflegt, davon starben 1662 = 3,38 °/0 oder 1 von 29800/,ee«.
Es minderte sich demnach in diesen 12 Jahren, in welchen Carl und
Gustav Braun an der I. Abtheilung dienten, die Sterblichkeit um
6.54 °„ im Vergleiche zu den 6 Jahren, in welchen die I. Abtheilung
ausschliesslich Klinik für Aerzte war, ohne Chlorwaschungen.
Eine um 6,54 °/0 geringere Sterblichkeit bei 49,058 Wöchnerinnen
bedeutet so viel, dass 3208 Wöchnerinnen, und die Kinder, welche
von diesen 3208 Wöchnerinnen die Blutentmischung mitgetheilt er-
halten hätten, und ebenfalls gestorben wären, weniger gestorben sind.
Aber die Sterblichkeit steigerte sich in diesen zwölf Jahren der
Thätigkeit der Gebrüder Carl und Gustav Braun im Vergleiche mit
dem Jahre 1848 um 2,11 %, und eine um 2,11 °/0 grössere Sterblich-
keit bei 49,058 Wöchnerinnen heisst so viel, dass 1035 Wöchnerinnen
gestorben sind, welche gerettet hätten werden können, und wie gross
mag die Anzahl der Kinder sein, welche von diesen 1035 Wöchnerinnen
die Blutentmischung mitgetheilt erhielten und ebenfalls starben, und
wie gross mag die Zahl der im allgemeinen Krankenhause am Kind-
bettfieber verstorbenen Wöchnerinnen sein, welche während dieser
12 Jahre von der I. Abtheilung dorthin transferirt wurden.
Diese gesteigerte Sterblichkeit hat die Unredlichkeit Carl Braun's
verschuldet, welcher meine Lehre erkannt, selbe mit Erfolg beobachtet
hat, was die Verminderung der Sterblichkeit beweist, welcher aber
trotzdem gegen seine bessere Ueberzeugung gegen meine Lehre ge-
schrieben, zugleich auch gegen seine bessere Ueberzeugung seinen
Schülern gegenüber gegen meine Lehre gesprochen hat, wodurch die
strenge Beobachtung meiner Lehre Seitens der Schüler beeinträchtigt
wurde.
Und dass Carl Braun gegen seine bessere Ueberzeugung gegen
meine Lehre geschrieben, das hat Niemand schlagender bewiesen als
Carl Braun selbst in seinem Aufsatze, den er gegen meine Lehre ge-
schrieben. Es wird genügen, nur eine Stelle von den zahlreichen
492
nelweis* Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
Stellen anzuführen, an welchen Carl Braun meine Lehre wiedergiebt,
in demselben Aufsätze, der gegen meine Lehre geschrieben.
I ,il Braun sagt, bei der Prophylaxis des Kindbettfiebers 1 1 : ,.I';i
das Puerperalfieber oder Pyaemie durch Einimpfung von Leichengift
erzeug! werden, und durch Uebertragung von septischen Exsudaten,
sowie durch das Zusammenwohnen mit Anderen an einer der ver-
schiedenen zymotischen Krankheiten, wie Typhus, Cholera, Scharlach.
Masern u. s. w. Leidenden verbreitet werden könne. M ist es die
Strengste Pflicht der Anrate, auf die Absonderung der gesunden Wöch-
nerinnen von zymotisch erkrankten Individuen sowohl in Privat-
wohnungen als in Gebarhäusern genau zu sehen, und niemals eine
Untersuchung oder eine Operation bei einer Schwängern, Gebärenden,
Wöchnerin zu gestatten, wenn kurze Zeit zuvor ein hilfeleistendes
Individuum mit Leichenteilen oder septischen Exsudaten zu tlnui
hatte"; und in der Anmerkung wird gesagt: „Es ist daher die löb-
lichste Vorsicht eines jeden Kiiniker's, die klinischen Explorationen
in den frühesten Morgenstunden vornehmen zu lassen, bevor noch
Beschäftigungen am Cadaver vorgenommen werden."
Und was für Unheil diese so irrebelehrten Schüler Carl Braun «
stiften, davon lieferte Gustav Braun, Carl Braun's Schüler und Ni
folgei- der Assistenz, ein warnendes Beispiel. Gustav Braun verlor
im Jahre 1854. also im siebentei] Jahre nach Kinfühmug der Chlor-
Waschungen, von 4393 Wöchnerinnen 400 an Kindbettfieber, daher
!Uii% oder 1 von
10**%)n Wöchnerinnen.
Eine Sterblichkeit, wie
sie dir üt-M'hichte des Kindbettfiebers nur noch einmal aufzuweisen
hat. Im Jahre 1840 starben an der I. Gebärklinik zu Wien von
2889 Wöchnerinnen 267 = 9,25% oder 1 von 10?1%fl7 Wöchnerinnen,
Siehe § 223. Um unseren Ausspruch zu bewahrheiten, dass die Ge-
schichte des Kindbettfiebers nur noch eine so grosse Sterblichkeit, im
Jahre 1840, also sieben Jahre vor Einführung der ('hlnrwaschungen,
kennt, wie selbe im Jahre 1854, also sieben Jahre nach Einführung
der Chlorwaschungen vorgekommen ist, wollen wir hier einen Auszug
der Geschichte des Kindbettfiebers nach Litzmann veröffentlichen.*)
Litzmann stellt alle Pseudo-Kindbettfieber-Epidemien zusammen, welche
exclusive bis zum Jahre 1842 vorgekommen sind.
§ 94. So weit die vorliegenden historischen Dokumente ein Ur-
theil gestatten, ist das Kindbettfieber erst eine Krankheit der neueren
Zeit. Die von Hippocrates mitgetheilten Krankheitsfälle, die man
gewöhnlich als solche in Anspruch nimmt, gehören nicht dahin. Es
sind nur Beispiele der damals herrschenden biliösen Fieber, die sich
bei den Wöchnerinnen nicht anders verhielten als bei Nicht-Wöch-
nerinnen und Männern, und von Hippocrates selbst nirgends als be-
sondere und eigentümliche Krankheiten bezeichnet werden.
§ 95. Dem ersten, wiewohl noch undeutlichen Spuren des Kind-
bettfiebers begegnen wir in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts
im Hötel-Dku zu Paris. Peu erzählt, dass in dem gedachten Hospitale
die Sterblichkeit unter den Neu-Entbnndenen sehr gross gewesen
und zwar zu gewissen Zeiten, und in gewissen Jahresabschnitten
mehr als in anderen. Besonders verheerend zeigte sich das Jahr KU 57.
1 Klinik für Geburtskunde etc. Seite 6—83.
In Kindbettfieber in nosologisch er. geschichtlicher und therapeutischer Be-
ziehung. Halle 1844.
Die offenen Briefe an Professoren der Geburtshilfe.
493
Vesau. der Arzt des Hospitals, schrieb den Grund dieser auffallenden
Sterblichkeit dam Umstände zu, dass die Wochenzimmer gerade über
dem Saale der Verwundeten lagen. Die Sterblichkeit der Wöchnerinnen
stand in geradem Verhältnisse mit der Zahl der Verwundeten. Mit
der Verlegung; der Wöchnerinnen in den unteren Stock erlosch die
Krankheit. Die Beschreibung desselben ist höchst mangelhaft. Es
wird nur gesagt, dass die Kranken bis zu ihrem Ende an Blutungen
gelitten hätten, und dass man bei der Section die Leichen voller Ab-
scesse gefunden habe.
§ 96. Nicht minder dürftig ist die von Thomas Bartholin aus
dem Jahre 1672 gegebene Notiz, die von den meisten Schriftstellern
— ob mit Recht, ist schwer zu entscheiden. — auf eine Kindbett-
fieber-Epidemie bezogen wird. Sie lautet wörtlich: „anno currente
plusculae feminae Hafnieuses vel abortum pussae, vel difficultate
partus mortuos edideruut, vel sectione per chirurgura sibi extrahi
dis.'erpii|ue viderunt, vel febre variolisque exsiiwtae. Et pleraeque
femellas edideruut. imhefillitatis iudicio. Juvit humida anni con-
stifutio et frigida, qua laxata uteri ligamenta foetum, ut decet, con-
stringere non potuerunt."
§ 97. Genauere Nachrichten hat uns Delamotte über eine Epi-
demie hinterlassen, welche zu Anfange des 18, Jahrhunderts in der
Noi mandie herrschte. „Die Zahl der Erkrankten und Gestorbenen
ist nicht angegeben".
§ 98. In den Wintermonaten der Jahre 1736 und 1737 wurden
Paris und die Umgebung von einer Kindbettfieber-Epidemie heim-
gesucht, die viele Frauen hinraffte. „Die Zahl der Erkrankten und
Gestorbenen ist nicht angegeben."
£ 90; Kindbettfieber-Epidemie zu Paris im Hötel-Dieu im Jahre
1746. Sie herrschte besonders in den Monaten Jänner bis März;
am gefährlichsten war sie im Februar, wo im Spitale von 20 Er-
krankten kaum eine gerettet wurde. „Sectionen wurden gemacht."
§ 100. Ueber eine Kindbettfieber-Epidemie zu Lyon im Früh-
jahre. 17.">0 hat uns Pouteau, der damalige Oberwundarzt am Hötel-
Dieu dieser Stadt, einige Mittheilungen gemacht ,,Die Zahl der
Erkrankten und Gestorbenen ist nicht angegeben." In zwei Fällen
wurde die Section gemacht.
§ 101. Von einer Kindbettfieber-Epidemie, die im Jahre 1760
in London herrschte, erzählt Leake, ohne jedoch eine nähere Be-
St 'hreibung derselben. Er sagt nur, dass die Anzahl der im brittischen
Accoiu-hir- Hospital an dieser Krankheit verstorbenen Wöchnerinnen
vom 12. Juli bis zum letzten December des Jahres sich auf 24 be-
laufen habe. Mackintosh gedenkt in seinem historischen Referate
Aber das Kindbettfieber einer Epidemie zu Aberdeen in den Jahren
1760-61.
6 102. Ueber eine sehr mörderische Kindbettfieber-Epidemie zu
London im Jahre 1761 finden wir eine kurze Notiz von White auf-
gezeichnet; es starben in einem kleinen Privat- Accouchir-flospitale
MOS in dem einzigen Monate Juni 20 an Kindbettfieber.
§ 103. Ueber die gefährlichen Kindbettfieber, die William
Hunter beobachtete, fehlt es an genaueren Mittlieilungen. In 2 Mo-
naten wurden 32 Wöchnerinnen befallen, und nur eine genas.
§ 104. Im Gebärhause zu Dublin herrschte das Kindbettfieber
nach der Angabe von Joseph Clarke zuerst im Jahre 1767, zehn
494
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbetttieber.
Jahre nach seiner Eröffnung. Vom 1. December bis zum I
Mai-Monates starben von 360 Entbundenen 16. 4.14".,, oder 1 FOD
%2\t \\ orlmerinnen. Nach einer anderen von demselben Autor in
einem Briefe von Amstrong gegebenen tabellarischen Lebersieht der
Ereignisse im Dubliner Gebärhause vom 8. December 17,">7 bis Bl. De-
cember 1816 starben in den Jahren 1767 und 17*58 27 Wöchnerinnen
von 1311» Wöchnerinnen: 1,97 "„ oder I von SO1*/« Wöchnerinnen.
§ 105. Kindbettfieber-Epidemie zu Londuu im Winter I7<iu— 7n,
beschrieben von Leake. Die Epidemie dauerte von Anfangs December
L789 bis zum 15. Mai 1770. In dieser Zeit erkrankten von 63 Ent-
bundenen 19 und starben 13. In der zweiten Hälfte des Mai k,
noch mehrere aber gelindere Krankheitsfälle ?or, POH denen zwei
tödtlich endeten. Sektionen winden gemacht.
§ 106. In der Kindbettfieber-Epidemie zu Wien in dem Hospitale
zu St Marx im Winter 1769 — 70, beschrieben von Faukeu, erkrankten
50 Personen, 10 starben. Sectionen wurden gemacht.
§ 107. Auch .las Jahr 1771 soll nach der Angabe White's für
die Wöchnerinnen in einigen Hospitalen Londons sehr gefährlich ge-
wesen sein.
§ 108. Im Jahre 1773 zeigte sich das Kindbettfieber in der ge-
burtshilflichen Abtheilung des Krankenhauses zu Edinburg sehr bös-
artig. Professor Young äussert sich darüber mit folgenden Worten:
„Die Krankheit begann Ende Februar und befiel fast alle Frauen inner-
halb der ersten 24 Stunden nach der Entbindung; sämrntliche Er-
krankte starben be.i jeder Behandlung. In der Stadt herrsehte
Krankheit nicht; die Wöchnerinnen erholten sich zwar langsamer, ata
in den früheren Jahren, aber kaum eine starb. Dieser Umstand
mich eine locale Infection vermuthen, und bestimmte mich, das Hospital
für eine Zeitlang zu schliesseu und eine vollständige Reinigung der Zimmer
und Betten vorzunehmen, nachdem ich sechs Frauen verloren ha;
§ 109. Kindbettfieber-Epidemie zu Paris im IIötel-Dieu iu den
Jahren 1774 bis 1780. Die Krankheit herrschte vorzugsweise in den
W 'iuterinonaten von November bis zum Jänner, am stärksten 1774
und 75, wo von je 12 Entbundenen etwa 7 befallen wurden. Seetiinien
wurden gemacht.
Noch genauere Aufschlüsse über das Hutel-Dieu und die
des äaselbsl herrschenden Kindbettliebers giebt ans Oslander (Seite -J03*)
meines Werkes); er sagt: „In dem merkwürdigen Berichte, welchen
Tenon im Jahre 1788 von den Hospitälern in Paris der Regierung
abstattete, liest man Seite 241, dass die Unterleibsentztindnng
Hevre puerperale"', nie der Verfasser die Krankheit immer nennt, seit
dem Jahre 1744 alle Winter unter den Wöchnerinnen des Hötel-Dieu
gewttthel habe, und dass zu manchen Zeiten von 12 Wöchnerinnen
7 \<>n dieser Krankheit befallen worden seien. Um diess nicht .uit-
fallend zu linden, uiuss man wissen, in welchem bedauerungswiirdi
Zustande die Wöchnerinnen und die Sehwangeren sich damals im
Hötel-Dieu befanden, in niedrigen und schmalen Sälen der oh
Etage, die mit Betten überfüllt waren, eingeschlossen, traf es .sich
nicht selten, dass drei Wöchnerinnen in einem vier Fnsa breiten
nebeneinander zu liegen kamen; denn im Jahre 178*5 lagen in
67 nicht übermässig breiten Betten 175 Schwangere und Neuen t-
[8eite 223.]
Die offenen Briefe an Professoren der Geburteliillv.
495
bnndene und 16 Aui'wäi tei innen. lieber dicss befanden sich die Säle
der Wöchnerinnen über anderen Krankensälen des HOtel-Dieu, und
w.ini auch die Verwundeten damals schon nicht mehr wie ehemals
unter den Sälen der Wöchnerinnen lagen, so darf man doch an-
indiraen, dass schon die Nähe der grösseren Krankensäle zur Ver-
derbniss der Luft und zur Erzeugung gefährlicher Miasmen in den
Salm der Wöchnerinnen beigetragen haben."
§ 110. Wahrend dieser Zeit (1774 bis 1786), da das Kindbett*
lieber im Hötel-Dieu, seiner Wiege und Herberge, wüthete. wurde BS
auch an anderen Orten beobachtet,
herrschte es im Jahre 1774. Von 280
Monaten März, April und Mai 13.
S 111. Butter berichtet über das Kiudbettfleber in Derbyshire
im .lahre 1775. Die Zahl der Erkrankten und Verstorbenen ist nicht
angegeben.
§ 112. Stoll beobachtete im Jahre 1777 ein so mildes Kindbett-
fieber in Wien, dass keine einzige Wöchnerin starb. Ist es Kind-
bettfieber gewesen?
* 113. Jm Sommer des Jahres 1778 beobachtete Seile eine Kind-
Sectionen
das Kind-
folgenden
Im Gebärhause zu Dublin
Entbundenen starben in den
8
bettfieber-Epidemie in Berlin. Von 20 Befallenen starben 8.
wurden gemacht Im Februar des Jahres 1780 erschien
bettfieber plötzlich wieder. 7 Personen starben. In den
Jahren kam es nur sporadisch vor.
§ 114. Im Herbste des Jahres 1781 herrschte eine Kindbett-
tieber- Epidemie im Geburts-Findelhause zu Cassel, welche Oslander
blieb. Von 5 Erkrankten starben vier, 2 wurden secirt. In
der Stadt starben um dieselbe Zeit mehrere Wöchnerinnen sehr
schnell. Eine der Verstorbenen wurde secirt
§ 115. In den letzten Monaten des Jahres 1781 und im Jänner 1782
l.enbaehtete Doublet das Kindbettfieber im Hospice de Saute zu Van^iiaid.
Im November starben 2, im Jänner eine Wöchnerin*, selbe wurden secirt.
§ 116. Im Herbste 1783 und im Frühjahre 1784 herrschte in
und um Gladenbach bei Giessen ein BOgenanntea Faulfieber. Im
F< binar starben 9, im März 7 Wöchnerinnen. Da die Sectionsbefuude
mangeln, so ist es nicht gewiss, ob diese Wöchnerinnen am Kindbett-
tieber oder an dem Faul ti eher starben.
^ 117. Schalter erzählt in seiner Beschreibung der „biliösen
Epidemie" zu Ilegensburg, dass besonders im Spätsommer und Herbste
lies Jahres 1784 viele Wöchnerinnen erkrankten. Indessen, sagt Litz-
BBUin, verdienen die hier beschriebenen Krankheitsfälle eben so wenig,
wie die von Stoll geschilderten, den Namen eines Kindbettfiebers, wie*
wohl man sie dafür angesprochen hat.
B 118. Im Herbste und Winter des Jahres 17S6 herrschte das
Kindbettfieber in Kopenhagen. Bang theilt die Ge>cliirlne ran 17
Kranken mit, die in den Monaten September bis December aus der
Gebäranstalt in das Hospital abgegeben wurden. 10 Kranke stai
Sektionen wurden gemacht.
S 119. Zu Ende des Jahres 1786 und zu Anfang des Jahres 1787
sah Cerri eine Kindbettfieber-Epidemie zu Arzago in der Lombardei,
welche keine Wöchnerin verschonte. Die Zahl der Erkrankten und
Gestorbenen ist nicht angegeben,
§ 120. Im IYUhlinge des Jahres 1787 und im Winter von 1788
auf 1789 beobachtete Joseph Clarke eine sehr gefährliche Kindbettfieber-
A\i\;
Sennuehveis' Aljliaiidhm^ i-u und Werk übe? das Kindbett fiel. er.
Epidemie im Gebiirhause zu Dublin. Der Andrang' der Schwangreren
zur Anstalt war so gross, dass oft zwei in ein Bett gelegt werden
mussten. Ausser dem war die Ifrparatur der Zimmer lange vernach-
lässiget, und während man noch damit umging, sie ins Werk zu Batzen,
brach die Epidemie au*. Die erste Wöchnerin erkrankte am 18. März,
die zweite am 31., die dritte am 3. April, die vierte am 7.. die fünfte
am 10., die sechste am 11.. am 14. zwei, am 15. zwei, und am 17.
eine. Es starben 7. Sectioneu wurden gemacht. Alsdann wurde
eine durchgreifende Reinigung des Locales vorgenommen, die Wände
frisch überstrichen, bei Tage grosse Feuer unterhalten, des Nachts
die Fenster geöffnet. In Folge dieser Massregeln kam in dem Rest
dßB Jahres, so wie in den ersten 1«) Monaten des folgenden kein neuer
Fall von Kindbettfieber vor. Im November 1788 brach aber die
Krankheit aufs Neue aus. Am 14. November erkrankte die erste
Wöchnerin, die zweite am 8. December, am 21. zwei, am 23., 2S,. 29.
und 31. eine an jedem Tage, am ö, Jänner eine, am »>. eine, am 14.
zwei, und am 16. eine. Jeder deutlich ausgesprochene Fall von Kiud-
bettiieber endete tödtlich; 5 andere mit zweifelhaften Symptomen hatten
einen günstigen Ausgang. Ausserdem erkrankten vom 18. December
bis 23. Jänner 13 Frauen an einem Fieber ohne auszumittelndes Local-
leiden, von denen zwei starben. Eine neue Reinigung der Zimmer
und Betten wurde vorgenommen, worauf die Krankheit erlosch.
§ 121. In der zweiten Hälfte des Jahres 1787 und zu Anfang
des folgendes Jahres herrschte in London eine bösartige Kindbett-
fieber-Epidemie, die Johann «'harke beschrieb. Gleichzeitig kam hftttfig
Erysipel vor. und die mit Halsgeschwüren verbundene Bräune, mit
und ohne Scharlachexanthem, wüthete stark in London und der Um-
gebung, ebenso typhöse Fieber. Manche erkrankten sehr schwer an
den inoenlirten Blattern; einige starben, bei denen sich Abscesse in
der Achselhöhle gebildet hatten. Der erste Fall vom Kindbettlieber
kam im Juli 1787 vor. Mehr als die Hälfte der Erkrankten starben.
Seetionen wurden gemacht.
§ 122. Kindbettfieber-Epidemie in Aberdeen. Sie herrschte vom
December 1789 bis zum Oktober 1792 und ist von Gordon beschrieben.
Von 77 Kranken starben 28. Seetionen wurden gemacht.
§ 123. Eine sehr mörderische Kindbettrieber-Epidemie, die in
Kopenhagen zu Ende des Jahres 1792 und zu Anfang des folgenden
beobachtet wurde, schildert Hink. Beim Steigen der Epidemie wurde
von 20 Personen nicht eine gerettet. Seetionen wurden gemacht.
§ 124. Im Jahre 1792 und 1793 wüthete das Kindbettfieber in
Wien; besonders im dortigen Gebärhause. Litzmaun giebt die Zahl
der Gestorbenen nicht an; laut der Tabelle, welche in meinem Werke
Seite 62*) enthalten ist, starben im Februar 1792 von 1574 14 Wöch-
nerinnen B BJ& ,. Die Epidemie begann im December. 1793
starben von 1684 Wöchnerinnen 44=2,61%.
| 125. Osiander erzählt in seinen Denkwürdigkeiten mehrere
Fälle von Puerperal-Krankheiten, die sich im Winter 17923 im Eni-
bindungshause zu Göttingen ereigneten, und meist tödtlich endigten.
Seetionen wurden gemacht.
§ 126. Im Jahre 1793 herrschte eine Kindbettfieber-Epidemie
im Hospitale d'Humanite zu Rouen. Leroy war eben in der Stadt
*) [Seite 135.J
Die offenen Briefe an Professoren der GebtirtshiliV.
497
anwesend. Nachdem mehrere Frauen gestorben, wurde er consuJtirt.
In Folge seines Rathes hörte die Epidemie auf.
§ 127. Während das Kindbettfieber im Jahre 1794 im Wiener
Gebärhause nur sporadisch (1768 Wöchnerinnen. 7 Todte: 0,39 "„)
beobachtet wurde, erschien es in den letzten Monaten des Jahres 17Ö5
und den ersten des folgenden auf's Neue als verheerende Epidemie.
1795: Wöchnerinnen 1798, Todte 38=2.11 % 1790: Wöclnu-i innen
1904. Todte 22=1,16%. Sectionen wurden gemacht.
§ 128. In den beiden folgenden Jahren war der Gesundheits-
zustand in dem Wiener Gebärhause ein durchaus erfreulicher. I
Wöchnerinnen 2012. Todte &=0£4"/«, 1798: Wöchnerinnen 8046,
Todte 5=0,24%. Desto gefährlicher war der Winter von 1799 auf
1800 für die Wöchnerinnen. 1799: Wöchnerinnen 20ti7, Todte
20=0.96%. 1800: Wöchnerinnen 2070. Todte 41=1T!)8 "„. Viele von
den Verstorbenen starben an Scarlatina. Sectionen wnnl< n gemacht
§ 129. Im Winter 1800 herrschte eine Kindben tiebcr-Epidemie
zu Grenoble, Die Epidemie dauerte ö Monate und befiel 500 (?)
Frauen, von denen jedoch nur eine kleine Zahl starb. Sectionen
wurden gemacht.
g 130. Im Jahre 1803 (Wöchnerinnen 2028, Todte 44=2,10'
herrschte eine Kindbettfieber-Epidemie im Gebärhause zu Dublin.
Aber auch in den vorhergehenden und folgenden Jahren war die
Sterblichkeit sehr gross. Im Jahre 1800: Wöchnerinnen 1837, Todte
18 = 0.97%, im Jahre 1601: Wöchnerinnen 1725. Todte 30 = 1,71 %.
1802 : Wöchnerinnen 1985, Todte 26=130 " „. 1804 : Wöchnerinnen 1915,
Todte 16 = 0,83 %. 180."»: Wöchnerinnen 2220, Todte 12=0,:">4 ' ',,
1806: Wöchnerinnen 2406. Todte 23=0,95",,.
5? 131. In den Monaten August bis Octobet des Jahr«. 1805
wurde in Rostock und der Umgegend eine Kindbettfieber-Epidemie
beobachtet, an der im Ganzen 1 1 Wöchnerinnen starben. Alle wurden
von derselben Hebamme entbunden.
§ 132. Im Mai/ und April des Jahres 1801 herrschte eine Kind-
bettfieber- Epidemie in dem Dorfe Creteil bei Paris. 5 Frauen starben.
§ 133. Vom November 1809 bis zum December 1812 beobachtete
Hey "das Kiiidltettlieber in Leeds. Bleichseitag kam hei Niehtwöch-
nerimien ein Rothlauf sehr bösartiger Natur vor. Von 14 Kranken,
die zwischen dem December 1809 und der Mitte des Juni 1810 be-
handelt wurden, starben 11.
£ 134. Ködere erwähnt einer in London 1810 von Maussetham
beobachteten Epidemie.
§ l ;;."i. Ozanara erzahlt von einer Kindbettfieber-Epidemie. die
er während der ersten & Monate des Jahres 1810 im St. Katharim-n-
Hospital zu Mailand beobachtete. Aus mehr als 30 Beobachtung'!)
tlieilt Ozanani nur einen Fall als Beispiel mit: die Leiche ward« Bedrt
§ 130. In dem Winter TOB Imiö auf 181 1 herrschte eine Kind-
bettfieber-Epidemie im Gebärhause zu Dublin. 1809: Wöchnerinnen
9, Tndte 21=0.72 " „. 1810: Wöchnerinnen 2854. Todte 29— 1,01 °0.
1811: Wöchnerinnen 25« ii. Todte 24=0,93 ° „.
j 137. In demselben Winter beobachtete Pnnch eine Kindbett-
fieber-Epidemie zu Landsberg in Sachsen. Innerhalb 3 Wochen starben
5 Wöchnerinnen. Sie waren sämmtlieh von einer Hebamme entbunden,
und mit dem Wechsel derselben hörte die Krankheit auf. Puneh selbst
glaubt, sie in einem Falle zu einer Kreissenden verschleppt zu haben.
SitcmflweU" geiammelte Werke. 32
498
Semmelweis' Abband] uu gen und Werk über das Kindbettfieber.
B 188. In dem Jahre 1811 wüthete in dem westlichen Theile
der Grafschaft Sommerset in England eine Kindbetthebei -Epidemie.
Sie war so mörderisch, dass während mehrerer Monate nicht eine einzige
Kranke gerettet wurde.
§ I :.'.). Im Juni desselben Jahres erschien das Kindbettfieber im
Gebarhanse zu Heidelberg-, und in einzelnen Fällen auch in der 81
Die Epidemie dauerte von Juni 1811 bis zu Ende April 1812. Vn
182 Entbundenen erkrankten 59 und starben 20. Sectionen wurden
genmeht.
5; 140. Ueber das Vorkommen des Kindbettfiebers in den Fnt-
liiiidungsanstalten von Paris in dem ganzen Zeiträume von 178H bis
IS] 2 besitzen wir nur einzelne, unvollständige Notizen. Im .1
1K05 starben im Hospital de la Maternite im Monat Juli 13, in
November 9, und im December 5; im Jahre 1807 im August 13. und
im November 7 Wr.rhnerinnen. Jm Hfttel-Dien starben im Jahre 1808
vom 19. Februar bis 20. März von 39 Erkrankten 36. In bin
Hospital de la Maternite wüthete das Kindbettfieber im Jahre 1809
mit grosser Heftigkeit, ebenso im Jahre 1811 in tlen Monaten .Juli
bis September. Im Hotel- Dieu starben in der ersten Hftlfta
Jahres von 25 Erkrankten 23. Im Jahre 1812 wurden im Hospitale
de la Maternite im Jänner 10. im Februar 9, im Juni 15. und im
August 16 Todesfälle gezählt Oslander sagt vom Hospital de la
Maternite. folgendes: Seit dem 9. December 1797 bis zum 31. Mai
1809, also während 11 Jahren und sechs Monaten, sind 17.308 Frauen
entbunden. 2000 Entbundene zum wenigsten sind schwer erkrankt,
und 700 gestorben und secirt, also 4,04% °der 1 von 24"
Wöchnerinnen. In den 5 Jahren 1803 bis exclusive 180« sind 9645
Wöchnerinnen verpflegt worden; 414 starben grösstentheüs an Unter-
leibscntziindmig. also 4,29 °/0, oder 1 von 23U8/1U. Die Mater:
ist bekanntlich Unterrichtsanstalt für Hebammen; aber das Unter-
ricatssystem in der Maternite ist. derart beschaffen, dass sieh die
Schülerinnen in der Maternite in solcher Ausdehnung die Hände mit
zersetzten Stoffen verunreinigen, wie anderswo nur die Aerzte. \
Unterrichtssystem in der Maternite sagt Oslander folgendes (8eite 12
den täglichen Visiten, die der Arzt in der Infirmerie der Wöchnerinnen
macht, wohnt die Hebamme des Hauses und ein Theil der Hebammen-
Schülerinnen bei. Jede Schülerin bekommt eine Kranke zur besondern
Beobachtung, und sie wird angehalten, eine kurze Krankengeschichte.
den Hergang der Geburt und die Verordnungen des Arztes auf-
zusetzen. Ueberliaupt ist es auffallend genug, junge Mädchen zu
sehen, die mit wichtiger Miene den Puls fühlen und Kranken-
l Beobachtungen aufschreiben.
Ferner sagt Oslander: Den Leicheneröffnungen, die in einem
dem GoDttrhanse etwas entfernten Gartenhause vorgenommen wei
wohnen die Schülerinnen gewöhnlich bei. Ich habe da oft mit Er-
staunen gesehen, welchen lebhaften Antheil einige junge Mädchen
dem Zerfleischen der Leichen nahmen, wie sie mit entblossten und
blutigen Annen, grosse Messer in der Hand haltend, unter Zank und
chter sich Becken herausschnitten, nachdem sie von dem Arzte
die Krlanbniss erhalten hatten, dieselben für sich zu präparieren.
Oslander sagt; unter den Beobachtungen bei den Leichenunter-
Die offenen Briefe an Professoren der Geburt*
499
suclumgen. an die Baudelocque seine Zuhörerinnen erinnerte, ist
l>< 'Wunders die Zerreißung eines Psoasmuskels in der Anstrengung der
Gebnrt wichtig1.
Oslander sagt: Der Brand an den Geburl stbeilen kam, so lange
ick die Uaternite besuchte, verschiedene .Male unter den Wotlnn>i innen
vor, gerade zu derselben Zeit, wo Unterleibsentziinduiigen beeo-D
h&ufig waren. Für mich war diese Krankheit in der furchtbaren
Gestalt, unter der sie sich äusserte; ganz neu; in der Mate»
erregte sie aber kein besonderes Aufseben, indem sie hier nicht zu
den Seltenheiten gehört.
Der Leser kann aus diesen Citaten die Ausdehnung entnehmen,
in welcher sich die Hebamme in der Materuite von Kranken
Leichen her ihre Hände mit zersetzten Stoffen verunreinig
§ 141. Im .Talire 1812 herrschte das Kindbettfieber zu Halloway
in der Nähe von London. 6 Wöchnerinnen erkrankten, 5 starben,
4 wurden secirt.
§ 142. Im Winter 1812—13 wurde in dem Krankenhause und
in der Stadt Dublin eine sehr mörderische Kindbettfieber-Epidemie
beobachtet. Im Jahre 1812 starben von 2676 Wöchnerinnen 43=1,60 " 0
oder 1 von 62l0/4> Wöchnerinnen. Im Jahre 1813 starben von 2484
Wöchnerinnen 62—2,49 °/0 oder 1 von 404/,,.
§ 143. In den Jahren 1811—13 herrschte eine Kindbettfieber-
Epidemie in verschiedenen Theilen der Grafschaften Durham und
Northumberland. Von 43 Erkrankten kamen 40 in der Praxis des
Dr. Gregson vor. 37 wurden gerettet; also starben 6.
§ 144. In den Jahren 1813 und 1814 beobachtete West das
kindbettfieber in Adingdon und dessen Umgebung. 20 Wöchnerinnen
erkrankten. Interessant ist das Verhältniss zu dem Erysipelas. tbi*
damals sehr häufig war, und sich namentlich leicht zu Wunden aller
Art gesellte. Beide Krankheiten begannen zu gleicher Zeit zu
herrschen, und hörten ebenso mit einander auf; beide zeigten sich
in denselben Ortschaften, und, wo die eine fehlte, kam auch die
andere nicht vor.
3 146. In den Jahren 1812, 1813 und 1814 herrschte das Kind-
bettfieber im Prager Gebärhause; besonders 1814, wo allein im Monat
.März 12 Kranke starben, während die Zahl der im ganzen Jahre
Entbundenen nur 450 betrug.
£ 146. In dem Winter 1814 — 15 sah man eine bösartige Kind-
bettfieber-Epidemie in einem Hospital zu Edinburg. Fast alle
Wöchnerinnen erkrankten, und fast alle Befallenen starben. Sectionen
wurden gemacht.
6 147. Im Jahre 1819 starben im Wiener Gebärhause von 3089
Wöchnerinnen 154=4 ,98 ",'„. also 1 von 20*/1?< Wöchnerinnen.
§ 148. In den Jahren 1816—17 herrschte das Kindbettfieber im
Pensylvanian- Hospital zu Philadelphia.
§ 149. Im Sommer 1K17 herrschte nach d'Üutrepont's Angabe,
eine gelinde Kindbettfieber-Epidemie im < '.ebärhatise zu Würzburg.
7 Erkrankte genasen sämmtlich.
6 150. Im Jahre 1818 starben im Wiener Gebärhause von 2568
Wöchnerinnen 06=2,18% oder 1 von 45'-^.
§ 151. In demselben Jahr herrschte das Kindbettfieber in London.
Armstrong beobachtete es theils in seiner Privatpraxis, theils in einer
öffentlichen Anstalt, deren Leitung er damals übernommen. Er hat
B8P
500
Semmelvreis' Abhandlungen und Werk über d«a KindbeTtlieber,
6 Fälle mittet heilt, die sämmtlich in den Monat October fielen. 0i
zeitig herrschte die Krankheit im 8t. James- Hospital. >e<r Jonen
wurden gemacht.
§ 152. In demselben Jahre herrschte auch in dem Krankenhaus*
zu Prag eine Kindbettfieber- Epidemie, die im August 1819 ihr Bade
erreichte,
§ 153. Gleichzeitig; wurde eine Kindbettfieber-Epidemie im
Geb&i hause zu Würzburg beobachtet Sie begann im October
und dauerte bis zum März 1819. Von 63 Entbundenen erkrank
17; 4 starben, 11 wurden gesund entlassen, und 2 an andere Anstalten
abgegeben. In der Stadt wüthete ein bösartiges Scharlacbfieber: \m\
Januar ab kamen auch einzelne Fälle von Kindbettfieber vor. Sectionen
wurden gemacht. Im Sommer 1819 kamen nur einzelne Krankheits-
fälle unter den Wöchnerinnen vor, meist mit nachweisbarer aus-
Ursache. Im December 1819 aber brach das Kindbettfiebti von
Neuem aus und herrschte bis zum März 1820. Von 53 Entbundemn
erkrankten 13 und starben 3. In der Stadt dauerte noch du
Scharlachfieber fort. Sectionen wurden gemacht.
§ 154. Im 154. § wird neuerdings von der Epidemie im Wiener
Gebarhause im Jahre 1819 gesprochen, von welcher schon in § 147
die Rede war.
§ 155. In demselben Jahre vom Ende des Mai bis zum September
beobachtete Cliet das Kindbettfieber in der allgemeinen Kraukeu-
ansta.lt der Charite zu Lyon.
§ 156. Auch in Glasgow herrschte in demselben Jahre
Kindbettfieber-Epidemie.
§ 157. Gleichzeitig erschien das Kindbettfieber auch im Ent-
bindnngshause zu Stockholm.
§ las. Auch in Paris und London war in diesem Jahre das
Kindbettfieber sehr gefährlich, ebenso herrschte es in Kiel und Italien.
§ 150. Vom Ende des Jahres 1819 bis /.um August 1820 herrschte
das Kindbettfieber in dem Eutbiiidungs-Institute zu Dresden: von lii
Erkrankten starben 6. Sectionen wurden gemacht
§ 160. Im Uctober 1819 zeigte sich in Bamberg das Kindbett-
fieber sowohl in der Stadt, als im Entbindungs -Institute. In der
Stadt hülle die Epidemie im November auf; im Institute dauert
noch bis zum Jänner 1820 fort. In der Stadt verliefen die meisten
Fälle lüdtlirh, eben so die ersten 4 im Institute; die folgenden 17
Krauken wurden gerettet Sectionen wurden gemacht
§ 161. Gleichzeitig herrschte auch das Kindbettfieber in Ans-
h," Nürnberg und Dillingen.
§ 162. Auch in Dublin wüthete in diesem Winter das Kindbett-
fieber. Die Epidemie übertraf nach Douglas alle sonst im britischen
Reiche vorgekommene an Dauer und Tödlichkeit. Im Jahre 1819 wurden
3197 Wöchnerinnen verpflegt. 94 starben = 2,94 "„ oder 1 von 34* „,
Wöchnerinnen.
| L63. Im Frühjahr und Sommer des Jahres 1821 herrschte
üfifi Kindbettfieber in der allgemeinen Krankenanstalt der Charite
ssa Lyon,
J; 164. Einer Epidemie zu Wie in demselben Jahre gedenkt E
mann. Im Jahre 1821 wurden verpflegt 3294 Wöchnerinnen; davon
starben 55=1,60 % oder 1 von 50*%,.
Die offenen Briefe au Professoren der Geburtshilfe.
501
§ 165. Auch in London, so wie in Holland wurde das Kindbett-
fieber in diesem Jahre beobachtet, desgleichen in Prag.
§ 166. Vom Mftrz 1821 zum September 1823 herrschte eine
Kindbettfieber-Epidemie in Edinburgh die von Campbell und Markintosh
beschrieben ist. Campbell verlor von 7!) Erkrankten 22. Sectionen
wurden gemacht
S lf>7. Scholz, der sich vom Jahre 1821 bis 1822 in Jerusalem
aufhielt, erzählt, dass dort im Juli alle Wöchnerinnen am Kindbett-
fieber zu Grunde ringen.
§ 168. Im Winter 1822—23 erschien das Kindbettfieber in Mar-
burg im Entbindungs-Institute sowohl, als in der Stadt und Um-
gebuno;, gleichzeitig mit einer Scharlach- und Maseruepidemie. Sammt-
liehe im Institute Erkrankte, 37 an der Zahl, wurden hergestellt.
g 169. Zu Ende des Jahres 1822 und zu Anfang des folgenden
herrschte eine sehr mörderische Kindbettfieber-Epidemie im Wiener
Gebarhanse. Gleichzeitig herrschten vorzugsweise exanthematische
Krankheiten und namentlich das Scharlachfieber mit grosser Heftig-
keit. Der Andrang zur Entbindungsanstalt war so gross, dass in
die für 24 Betten bestimmten Säle 36 und mehr gestellt werden
mnssten. Im Jahre 1822 starben von 3066 Wöchnerinnen 26=0,84 °/0
oder 1 Wöchnerin von 137 **fu Wöchnerinnen. Im Jahre 1823 starben
von 2872 Wöchnerinnen 214=7,45 % oder 1 Wöchnerin von lBM/fU.
Sectionen wurden gemacht.
£ 170. Im Aufange des Jahres 1823 herrschte in London im
Queen Charlotte's-Lying in Hospital ein sehr bösartiges Kindbetttieber.
Sectionen wurden gemacht.
§ 171. Im Pensylvanian-Hospitale zu Philadelphia herrschte das
Kindbettfieber in den Jahren 1821 bis 1824, in Dublin im Jahre 1823.
Wöchnerinnen 2584. Todte 59=2.28" „.
ij 172. Im Jahre 1824 starben im Entbindungs- Institute zu Dresden
9 Wöchnerinnen. Sectionen wurden gemacht.
§ 173. Von der Mitte des November 1824 bis zum Ende Iuiumf
1825 herrschte eine Kindbettfieber-Epidemie. im Entbindungshause zu
Manchen. Von 104 Entbundenen erkrankten 3 im November, 8 im
December und 3 im Jänner. Nur 2 genasen, Sectionen worden
gemacht.
| 174. In den Jahren 1K24 und 1825 herrschte das Kindbett-
fieber in der Entbindungsanstalt zu Stockholm. Im Jahre 1825 starben
von 12 am Puerperalfieber-Erkrankten 10.
§ 175. Zu Anfang des Jahres 1825 herrschte das Kindbettfieber
in der Stadt Berlin, in der Charit^ und in der Gebäranstalt der
Universität. Von 11 Erkrankten starben 6. Sectionen wurden gemacht.
§ 176. In demselben Jahre herrschte das Kindbettfieber in
Petersburg und Wien. Wöchnerinnen 2594. Todte 229=4.82% oder
1 von 11 '6/329 Wöchnerinnen; ferner in London, in Hannover und in
Prag, hier gleichzeitig mit dem contagiösen Typhus exanthematicus.
§ 177. Baudelocque beobachtete im Jahre UB85 das Kindbettfieber
in der Gebäranstalt zu Paris. Sectionen wurden gemacht.
§ 178. In demselben Jahre, so wie in dem folgenden, herrschte
das Kindbetttieber in Edinburg. Gleichzeitig kam Erysipelas sehr
häufig vor, und gesellte sieh namentlich leicht zu Wunden aller Art.
§ 179. Im Jahre 1826 herrschte eine Kindbettfieber-Epidemie in
der t'harite zu Berlin, im Jänner und Februar starben von 9 Er-
502 Senimelweis* Abhandlungen und Werk über dns Kindbettfieber.
kiankten 5, im Mai und Juni von 12 Erkrankten 9. Sectionen wurden
gemacht.
i; 180. In demselben Jahre wurde das Kindbettfieber zu Dublin
beobachtet. Wöchnerinnen 2440. Todte 81=3,33 °/„ oder 1 von 30
Audi in der geburtshilflichen Abtheilung « I es Krankenhauses in Bir-
mingham zeigte Bfl Bieil sehr verheerend. Man zählte 16 bis 18 Todes-
fälle; denn nicht eine der Befallenen genas. Sectionen wurden gemacht
§ 181. In demselben Jahre herrschte die puerperale Peritonitis
in der Gebäranstalt zu Paris.
§ 182. Im Jahre 1827 beobachtete Sonderland eine Kindbett-
lieber- Epidemie zu Barmen,
§ 183. In dem Winter 1827—28 herrschte eine KindbetthV
Epidemie zu Neuenhaus im Deutheimischen und in der l'mgegend.
Von 17 Fällen endeten 12 tödtlieh.
§ 184. In demselben Winter, und mehr noch in dem folgenden,
beobachtet« Fergusson das Kindbettfieber in London, sowohl im Spital
als in der Stadt. Sectionen wurden gemacht.
§ 185. In Stockholm herrschte das Kindbettfieber in den Jahren
182«) bi- 1820. in Dublin in den Jahren 1828 und 1829, 182s : Wöchne-
rinnen 2856, Todte 43=1,60% oder 1 VOL d&\,< 1829: Wöchnerinmn
2141, Todte 34=1,59 % oder 1 von 62*%,. In Birmingham in den
Jahren 1829 und 1830, in Hannover 1829.
§ 186. Im Jahre 1829 richtete eine Kindbettfieber-Epidemie in
der Materinte zu Paris grosse Verwüstungen an. Von 2788 Wöchne-
rinnen starben 252=9,03 •/„ oder 1 von ll18*,,«. 222 wurden secirt.
B IsT. Im Jahre 1830 wurden in der Materaite zu Paria 2698
Wöchnerinnen verpflegt, davon starben 122—4.4;")",, oder 1 von 22 ",.. :
im Tahre 1831 wurden 2907 Wöchnerinnen verpflegt, davon starben
254=8.73 % oder 1 von 11 llJ.,sl.
§ 188. Im Jahre 1830 starben im Präger Gebärhause von 998
Entbundenen 32=3,20% oder 1 von 31 ■/„. Sectionen wurden gemacht.
§ 189. Im .lahre 1830 und 31 herrechte das Kindbettfieber im
Gebaihiuse zu Dresden. 21 Wöchnerinnen starben. Sectionen wurden
gemacht
§ 190. 1830 und 1831 herrschte das Kindbettfieber im Em-
bnndongdiaiDae zu lliunum . von 25 Erkrankten starben 6. Sectionen
wmdtm gemacht
§ 191. In den Jahren 1829 bis 1831 herrschte das Kindbett-
fieber im Pensylvanian-Hospitale zu Philadelphia. Im Jahre 1830
zu Kiel.
8 192. Robertson erzählt zum Beweise der Contagiosität des
Kindbettfiebers folgendes: „Vom 3. Deeember 1830 bis zum 4. Jänner
L831 besorgte eine Hebamme in Manchester 30 Wöchnerinnen im
Auftrage einer wohlthätigen Anstalt. 16 von ihnen bekamen das
Puerperalfieber und sterben siimuitlich. In demselben Monate wurden
380 Frauen durch Hebammen jener Anstalt entbunden: aber keine
anderen Wöchnerinnen litt im geringsten Grade. Im Hei
«li «selben .lahres herrschte in Aylesburg ein contagiöses Kindbett-
fieber. gleichzeitig mit Erysipela- Nach Ceely's Angabe erwi
sich inj.!, Krankheiten als identisch: das Erysipelas-Contagium tief
bei \\ öehnei innen Puerperalfieber hervor und umgekehrt. Sectionen
wurden gemn
Die offenen Briefe nn Profeworoa der Geburtshilfe.
003
§ 193. Im Winter 1835 erschien das Kindbettneber im Gebär-
hanse zu München. Sectionen wurden gemacht.
§ 194. Im Jahre 1832 herrschte in Bonn eine Kindbettfieber-
Epidemie. Sie begann in der Stadt in den letzten Tages dfifl April
und «lauerte bis zum Anfang des Juni. Sie verschonte nur wenige
\\ 'üchnerinnen und von 7 Befallenen genasen nicht mehr als drei.
Nachdem sie in der Stadt beinahe erloschen war, ffurdc im Jus! noch
ein Krankheitsfall in einem benachbarten Dorfe (Poppeisdorf) und 5 in
dem Entbindungsinstitute, das beim Beginne der Epidemie der Ferien
wegen fast leer gestanden hatte, beobachtet. Sectionen wurden
gemacht
§ 195. In demselben .lahre erkrankten im Eutbindungshause zu
Stockholm 16 Wöchnerinnen am Kindbettlieber. von denen 11 starben.
Eine Verschleppung der Krankheit durch die Zöglinge der Anstalt
wurde mehrmals beobachtet. Das Erkranken liess nach, als eine
alte, bis dahin vernachlässigte Ordnung, nach welcher jede Wöchne-
rin mit einem besonderen, zum Bette gehörigen Schwämme gereinigt
und mit ihrem eigenen Handtuche abgetrocknet weiden .sollte, wieder
eingeführt wurde.
§ 196. Im Februar und März 1833 beobachtete Hodge das Kind-
bettfieber im Peusylvanian-Hospitale zu Philadelphia. Von 8 Fällen
Helen 5 tödtlich ab. Sectionen wurden gemacht
§ 197. Im Jahre 1831, 1832, 1833 herrschte im Wiener Gehär-
hause eine Kindbettfieber-Epidemie.
1831 WütrlineriMien 3353. Todte 222 = (1,62 Percemt oder 1 von 15 <*/„,.
1838 „ 3331 . 105 = 3.15 „ „ 1 „ 31:iV10s.
1833 „ 3907 .. 806=6,25 „ .. 1 ., l'.!"(Ma.
§ 198. Im Wiener Gebärhause herrschte das Kindbettfieber auch
1834, Wöchnerinnen 4218 (beide Abtheilungen summirO, Tudte
355 = 8,417„ oder 1 von ll3,a/8,,.
?• 199. Im Jahre 1834 starben in dem neuen Gebärhause zu
Dublin von 9 Erkrankten 3. Auch in der Maternite zu Paris wurde
eine Kindbettfieber- Epidemie in diesem Jahre beobachtet.
§ 200. Im Jahre 1834 herrschte das Kindbettfieber in Bamberg,
BOWOfl] tan Gebärhause, als in der Stadt. Von 13 Befallenen starben 9.
Sectionen wurden gemacht.
§ 201. In diesem § wird von einem epidemischen Gallenfieber
gesprochen, welches auch die Wöchnerinnen befiel.
§ 202. In den Jahren 1833 bis 1835 starben im Prager Gebär-
hause 110 Wöchnerinen am Kindbettfieber.
g 203. Vom September 1834 bis zum März 1835 und im Winter
1835 — 36 beobachtete Michaelis eine Kindbettheber-Epidemie in Kiel.
In der ersten Epidemie .starben 12 Wöchnerinnen.
§ 204. Fergusson in London verlor um dieselbe Zeit von 70 Er-
krankten 23 im Spitale.
? 205. Im März 1835 erschien das Kindbettfieber in dem Ent-
bindungshause zu Hannover. 9 Sectionen winden gemacht.
s, 206. Im März desselben Jahres starben im Entbindungshause
zn Göttingen 3 Wöchnerinnen, Auch in München zeigte sich das
Kindbettfieber.
§ 207. Im Herbste desselben Jahres erschien das Sindbettfieber
im Gebärhause zu Würzburg. Von 10 Erkrankten starben 4. Sectionen
wurden gemacht.
504
Semmelweis' Abhandlung«! und Werk über das Kindbettfieber.
ij 308. 1836 wurden in Wien 4144 Wöchnerinnen verpflegt
831 starben, also 7,08% oder 1 von 12"" fW|.
g 900. Im Jahre 1833 herrschte das Kindbettfieber in Birmingham.
In der ganzen Zeil
sowohl in der Stadt, als
Verwundeten demselben
als identisch und theüt
Von 26 schwei' Erkrankten starben 18,
obachtete iiui.li das Krysipelas sehr häufig,
in den Spitälern, namentlich waren alle
ausgesetzt.
Ingleby betrachtet beide Krankheiten
eine Reihe von Fällen mit. wo nach seiner Meinung Aerzte, die nn-
mittelbar von Erysipelas-K ranken zu Kreissenden oder Wöchnerinnen
gingen, Veranlassung wurden, dam diese am Kindbettfieber erkrankten.
Aeln I. eichen wurden tecilt
£ 210. In der Rotunda in Dublin wurden im Jahre
isla Wöchnerinnen verpflegt. 36 starben: 1,98% oder 1 von 50
1887 starben von ISH.'i verpflegten Wöchnerinnen 24 = 1,30% oder
1 von 76%,.
§ 211." Sidey verlor im Jahre 1837 in Edinburg von 5 am Kind-
bett lieber erkrankten Wöchnerinnen 4. Sectionen wurden gemacht.
S 212. Im Jahre 1837 starben im Entbiudungshanse zu Dr»
13 Wöchnerinnen an Kindbettfieber, Auch im Gebärhause zu YViirz-
burg wurden mehrere Fälle von Kindbettfieber beobachtet.
g 213. Im Winter 1837 — 38 herrschte eine Kindbettfieber-
Epidemie in Greifswald; von 28 Erkrankten starben 8, 5 wurden secirt.
§ 214. Im Jahre 1838 beobachtete Fergusson eine Kindbettfieber-
Epidemie in London; von 2»i Erkrankten starben 20. Sectionen
winden gemacht
g 2 Co, Im Jahre 1838 erschien das Kindbettfieber wieder im
Gebär hause zu Dresden. Von 24 Erkrankten starben 7. Sectionen
wurden gemacht.
§ 216. Im Jahre t838 starben im Gebärhause zu Stockholm
6 Wöchnerinnen am Kindbettfieber.
g 217. Im Jahre 1838 beobachtete Voillemir eine Kindbettfieber-
Epidemie in dem Hospitale der Klinik zu Paris. 32 Sectionen wurden
gemacht.
§ 218. Im Jahre 1838 herrschte das Kindbettfieber epiden
im Gebärhause zu Prag. Von 138 Erkrankten starben 29.
g 219. Im Jahre 1839 erschien das Kindbettfieber im Ent-
bindungs-Institute zu Dresden. Von 24 schwer Erkrankten starben 15.
Sectionen wurden gemacht.
g 22<L 1840 herrschte das Kindbettfieber im Hötel-Dieu zn
Paris, Sectionen wurden gemacht
g 221. L640 herrschte das Kindbettfieber in Kopenhagen, in Prag,
von 73 Ergriffenen starben 16. In Würzburg fand man bei 2 Sectionen
üfetrophlebitift
g 222. Im Jahre 1840 herrschte das Kindbettfieber in der Ent-
bindungsanstalt der Universität in Berlin. Von 10 Befallenen wurde
nur eine gerettet Auch in der geburtshilflichen Abtheilung der
C&arite kam dae Kindbettfieber vor.
| 823. Im Jahre 1S40 starben an der L Gebärklinik zu Wien
von 2889 verpflegten Wöchnerinnen 267 = 9224% oder 1 von 10"%§:
v> DebneriBnen.
_4. Im Jahre 1841 erschien das Kindbettfieber im Gebärhause
zu Halle. Von 11 Verstorbenen wurden 9 secirt.
Die offenen Briefe an Professoren der Geburtshilfe.
505
m
Leser sieht, wie kleinlich sich diese von Litzmann aufge-
zählten Pseudo-Kindbettfieber-Epidemien ausnehmen, im Vergleiche
mit den grossartigen Leistungen der Gebrüder Braun in der Ver-
tilgung des gebärenden Geschlechtes und der noch nngebornen Kinder.
Das Jahr 1840 der I. GeMrklinik zu Wien nnd das HOtel-Dieu
und die Maternite in Paris ausgenommen, stehen die übrigen Pseudo-
Kindbettfieber-Epidemien weit hinter der Sterblichkeit des Jahres
1854 zurit. k
Vom Wiener Gebärhause, habe ich nachgewiesen, vom Hötel-Dieu
und v<>n der Maternite hat die eben angeführte Geschichte des Kind-
bettfiebers nachgewiesen, dass die Ursache der Kindbettfieber ein
zersetzter thierisch-urganischer Stoff sei, welcher in der überwiegend
grössten Mehrzahl der Fälle den Individuen nach Aussen beigebracht,
und wenn dieser zersetzte thierisch-organische Stoft" sieben Jahre nach
Entdeckung der Lehre, wie dieser zersetzte thierisch-organische Stoff
unschädlich zu machen sei, noch solche Verheerungen in Wien an-
richtet, so kann der Leser daraus entnehmen, welch schwere Verant-
wortung auf den Gebrüdern Braun lastet.
Die Sterblichkeit des Jahres 1854 kann mit der Sterblichkeit des
Hotel-Dieu nicht verglichen werden, weil die Zahl der Wöchnerinnen
d der Todesfälle des Hotel-Dieu nicht angegebeu ist.
Im § 95 wird uur gesagt, dass die Sterblichkeit unter den Neu-
entbundenen sehr gross gewesen sei, und dass sich besonders das
Jahr 1664 verheerend zeigte.
Im § 99 wild gesagt, dass 1740 das Kindbettfieber im Hötel-Dieu
herrschte, und im Februar von 20 Erkrankten kaum eine gerettet
wurde.
Im § 109 wird gesagt, dass vom Jahre 1774 bis 1786 das Kind-
bettfieber im Hotel-Dieu herrsehte, und dass zu manchen Zeiten von
12 Wöchnerinnen 7 von dieser furchtbaren Krankheit befallen wurden.
Im § 110 wird das Hötel-Dieu die Wiege und Herberge des
dbettfiebers genannt.
Im § 140 wird gesagt, dass 1808 im Hötel-Dieu vom 19. Februar
bis 20. März von 39 Erkrankten 36 starben. In der ersten Hälfte
des Jahres 1811 starben von 25 Erkrankten 23.
Im § 220 wird gesagt, dass im Jahre 1840 das Kindbettfieber im
1-Dieu herrschte. 5 Sectionen wurden gemacht.
Die Sterblichkeit des Jahres 1854 kann mit der Sterblichkeit in
der Maternite verglichen werden, weil wir aus der Maternite Zahlen-
rapporte besitzen.
Im § 140 wird gesagt, dass vom 9. December 1797 bis zum
31. Mai 1809, also in einem Zeiträume von 11 Jahren und 6 Monaten
in der Maternite 17,308 Wöchnerinnen verpflegt wurden, von welchen
700 starben, also 4,04"/0 oder 1 von 24ßl)S/,0(, Wöchnerinnen. In den
5 Jahren von 1803 bis 1808 wurden verpflegt 9645 Wöchnerinnen,
414 starben, also 4,29% oder 1 von 23lia/41l Wöchnerinnen; wenn
wir diese 5 Jahre von den 11 Jahren und 6 Monaten abziehen, so
wurden in den bleibenden 6 Jahren und 6 Monaten 7663 Wöchnerinnen
verpflegt, gestorben sind 28ö = 3,73°/0 oder 1 von 26M,/iBe Wöch-
nerinnen .
Im § 186 wird gesagt, dass das Kimlhettfieber in der Maternite
im Jahre 1829 grosse Verwüstungen anrichtete. Von 2788 Wöchnerinnen
starben 252 = 9,03°/0 oder 1 von 11]%.V; Wöchnerinnen.
bis 2
des .
Höte
I
506 Semmelweis' Abhandlungen und Werk ober das Kindbettfieber.
Im § 187 wird jresagt, dass im Jahre 1830 von 2693 in der
tfateraite Verpflegten 122 starben = 4,45% oder 1 ton 2B%SS
Wirlinei innen.
Wenn wir uns um Kindbettfieber-Epidemien umsehen, welche von
Litzmann nicht erwähnt wurden, so finden wir in den 105 Jahren
lies Wiener Gehärhauses bis zum letzten Deeembttr 1860. beide Ab-
teilungen genommen, in der Zeit vor Einführung der Chlorwaschungen
zwei Jahre, in welchen die Sterblichkeit noch grösser war als im
Jahre 1854.
1848 Wöchnerinnen 4010, Todte 459=11,4 Percent oder 1 von 8m!w
im „ 3287 „ 518 = 16,8 „ , I , 6 ™M
Innerhalb der 306 Jahre, von welchen wir die Rapporte aus
Grossbritannien besitzen, kommt ein Jahr vorT in welchem die Sterb-
lichkeit gleich war der Sterblichkeit des Jahres 1854; in zwei Jahren
war die Sterblichkeit grösser.
Queen Charlotte's Lying in Hospital.
1849 Wöchnerinnen 161, Todte 16 = 9,93 Percent oder 1 von 10 '/,» Wöchnerinnen
General Lying in Hospital.
1841 Wöchnerinnen 117, Todte 15=12,s_' IVrrent oder 1 von 7 "%( Wöchnerinnen
1838 „ 71 „ 19 = 26,76 „ „ 1 „ 3»/,,
\<>m Piager Gebärhanse besitzen wir die Jahres-Rapporte beide)
Abtheilungeti vom 1. Jänner 1855 bis letzten December 1800. also
von 6 Jahren; in einem Jahre war die Sterblichkeit gleich; in zwei
Jahren war die Sterblichkeit grösser als im Wiener Gebärhause im
Jahre 1854.
Klinik für Hebammen. Prof. Dr. Job. Streng.
1858 Wöchnerinnen 1033, Todte 135 = 13,07 Prct. oder 1 von 7"/,„ Wöchnerinnen
Klinik für Aerzte. Prof. Dr. Bernard Seyfert.
1859 Wöchnerinnen 1915, Todte 175= 9,24 Prct. oder 1 von 1018%71l Wöchner.
WS8 „ tffft „ 204 =,10,71) ., „ 1 „ B*
Wenn wir die grössten Sterblichkeiten aneinander reihen, so giebt
das folgende Tabelle:
Klinik für Aerzte in Wien.
1842 Wöchnerinnen 3287, Todte 518 = 15,80 Percent oder 1 von fi "■/„, Wochner.
Ug6 „ 4010 „ 459 = 11.40 „ „ 1 „ 8»*Vm .
1854 „ 4393 „ 400= 9,10 „ „ 1 „ 10»»/40o „
1840 „ 2889 „ 267= 9,24 „ „ 1 „ 10»'%B7 B
General Lying in Hospital.
1838 Wöchnerinnen 71 Todte 19 = 26,76 Percent oder 1 von 3,4/18 Wöchnerinnen
Klinik für Hebammen. Prag.
1858 Wöchnerinnen 1033, Todte 135= 13,07 l'ni oder 1 von 7W/Ita Wöchnerinnen
General Lying in Hospital.
1841 Wöchnerinnen 117, Todte 15 = 12,82 Percent oder 1 von 7 ls/,6 Wöchnerinnen
Klinik für Aerzte. Prag.
1858 Wöchnerinnen 1905, Todte 204 = 10,70 Prct, oder t von 9 '«%t WOchuerinuen
1859 „ 1915 „ 175= 9,24 . „ 1 „ 10*«/,„ m
Die offenen Briefe an Professoren der Geburtshilfe.
507
Queen Charlotte's Lying in Hospital.
1849 Wöchnerinnen 161. Todte 16 = 9,90 Percent oder 1 von lO'.-t« WiJchiie rinnen
Maternite in Paris.
189 Wr-cbner. 8788,
ihhh 3688
1803—8 9646
1797— 1809 „ 17,308
1797—1809
:rlii;i'i<H-li]ii-f
1803—1808 Wöchnerinnen 7663, Todte 286
Todte 252 = 9.03 Prcr. oder 1 von tl"\.v, Wöchnar.
„ 122 = 4.45 .. , 1 „ [»•/,«
„ 414 = 4.29 „ „ 1 .. 23 »\„ ..
„ 700 = 4,04 _ . 1 .. i'l-:tl„ „
■3.73 Perceut oder 1 «OB
T
Diese Tabelle beweiset, dass die grösste Sterblichkeit, seit es
Pseudo-Kindbetttieber-Epidemien giebt, sich an der Klinik für .V
zu Wien im Jahre 1842 ereignete; es starb eine Wöchnerin roo sechs
Wöchnerinnen. Und wenn auch im General Lying in Hospital im
Jahre 1838 von 71 Wöchnerinnen 19 starben, folglich 1 von 3, so igt
doch in Anbetracht, dass an der Klinik für Aerzte 3216 Wöchnerinnen
mehr verpflegt, wurden, die Sterblichkeit an der Klinik für Aerzte
bedeutend grösser gewesen.
Die Sterblichkeit des Jahres 1854 an der Klinik für Aerzte zu
Wien, eine von 10 Wöchnerinnen, sieben Jahre nach Entdeckung der
Lehre, wie eine solche Sterblichkeit abzuschaffen sei, ist die drin
grösste Sterblichkeit, seit es Pseudo-Kindbettfieber- Epidemien gibt.
Im General Lying in Huspital starb im Jahre 1888 1 von 3 Win li-
nerinnen: aber in diesem Gebärhanse wurden 4322 Wöchnerinnen
weniger verpflegt.
In der Klinik für Hebammen zu Prag starb im Jahre 1858
1 von 7 Wöchnerinnen. Aber es wurden 3360 Wöchnerinnen weniger
verpflegt.
Im General Lying in Hospital starb 1841 1 von 7 Wöchnerinnen ;
aber es wurden 4276 Wöchnerinnen weniger verpflegt.
An der Klinik für Aerzte zu Prag starb im Jahre 1858 1 von
0 Wöchnerinnen; aber es wurden 2488 Wöchnerinnen weniger ver-
pflegt.
Im Queen Charlotte's Lying in Hospital starb im Jahre 1849
1 von 10 Wöchnerinnen; aber es wurden 4232 Wöchnerinnen weniger
verpflegt.
An der Klinik für Aerzte zu Prag starb im Jahre 1859 1 von
10 Wöchnerinnen; aber es wurden 2378 Wöchnerinnen weniger
erpflegt
An der Klinik für Aerzte zu Wien starb im Jahre 1840 l von
10 Wöchnerinnen; aber es wurden 1503 Wöchnerinnen weniger
verpflegt.
Scanzoni hat bekanntlich 8000 Geburten in Prag beobachtet: von
2721 Wöchnerinnen starben 8fi am Kindbettfieber. Von 5207 Wöch-
nerinnen starben so viele am Kindbettfieber, dass Scanzoni, "obwohl
er eilf verschiedene Species von Kindbettfieber hat, er dennoch biofi
an Endometritis hunderte von Wöchnerinnen erfolglos behandelte, so
wie Scanzoni hunderten von Sectionen verstorbener Wöchnerinnen
beizuwohnen Gelegenheit hatte. Ich bedauere aufrichtig, dass Scan-
zoni uns nicht ziftermässig die Zahl der am Kindbettfieber Verstorbenen
mittheilte: vielleicht hätte ich dann sagen können: die grösste Sterb-
lichkeit am Kindbettfieber, seit es Pseudo-Kindbettfieber-Epideinien
508
Senraelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbett lieber.
giebt, ereignete sich an der Klinik für Aerzte zu Prag-, zur Zeit, als
Scanzoni dort als Lebensretter wirkte.
Mit der tfritt grössten Sterblichkeit, seit es Pseudo-Kindbettfiebt i -
Epidemien giebt, unter Gustav Braun, im Jahre 1K54 sieben .Talire
nach Entdeckimg der Lehre, wie diese Pseudo-Kindbettfieber-Epide-
mien abzuschaffen seien, ist das Dsglttck immer noch nicht abge-
BchloBsen. welches die Unredlichkeit Carl Braun's dadurch über
WÖi hnerinnen der I. Klinik bringt, dass er gegen seine bessere I Über-
zeugung seinen »Schülern gegenüber gegen meine Lehre spricht.
Im Herbste des Jahres 1861, also im fünfzehnten Jahre nach
Entdeckimg der Lehre, wie die Pseudo-Kindbettfieber-Epideinieii
zuschaffen seien, herrschte wieder an der 1, Klinik eine Pseudo-Kind-
bettfieber-Epidemie, welche die Wöchnerinnen in Aufsehen erregender
Anzahl dahinraffte. Während ich in diesem Schuljahre, einen Todes-
fall in Folge von Eclampsie abgerechnet und abgerechnet einige Wöch-
nerinnen, welche an vierundzwanzig bis sechsunddreissii: stündiger
Geiassaiiregung litten, keine einzige am Kindbettfieber leidende Wöch-
nerin hatte, folglich auch keine am Kindbettfieber versturbene \\ i< h-
nerin zu beklagen habe.
l);izu kommt noch, dass die Schüler des Hofrath Oppolzer s mit
äusserst gefährlichen Irrthümern über das Kindbettlieber die I. Klinik
betreten.
In der ersten Nummer der Spitals-Zeitnng 1862 lässt der Dr. R.
Referent in einem Vortrage über Kindbetttieber den Hofrath Oppolzer
folgendes sagen: „Das Wesentliche des Puerperalfiebers besteht in
einer durch meist unbekannte Einflüsse bewirkten chemischen und
mikroskopischen Veränderung des Blutes etc. etc.*' Es üben jetzt.
1074 .Schülerinnen von mir die geburtshilfliche Praxis als Hebammen
in Ungarn ans; es wissen daher die Hebammen in den entlegensten
Dörfern Ungarns, dass jeder Fall von Kindbettheher durch die Re-
sorption eines zersetzten thierisch-organischen Stoffes entstehe, welcher
zersetzte thierisch-organische Stoff die chemische und mikroskopische
Veränderung des Blutes bewirkt, Hofrath Oppolzer in Wien weiss
das aber nicht. Sollte damit vielleicht Prof. Braun von der schweren
Verantwortung, welche auf ihm lastet, befreit werden, so wird das
Hofrath Oppolzer nicht gelingen. Solch ein scandalöser Aussprurh
dient nur dazu, Hofrath Oppolzer zum Mitschuldigen an den Leichm-
haufen zu machen, mit welchen die I. Gebär-Klinik die Todteiikannnei
des allgemeinen Krankenhauses so dicht bevölkert.
Carl Braitfl sah sich veranlasst, einen Bericht über die herrschende
Pseudo-Kindbetttieber-Epidemie an die Krankenhaus-Direction zu er-
statten.
In diesem Bericht hei><t es : ') Während des Monats October 1861
standen 65 Pnerperalfieberkranke in Behandlung, wovon 50 in der
Zeit von 8 Tagen und zwar vom 22. bis Ende October erkrankten.
Mit 1. November brachte Carl Braun meinen obersten Grundsatz der
Verhütungslehre des Kindbettfiebers „bringt den Individuen keine
zersetzten thierisch-organischen Stoffe von Aussen ein'% dadurch in
Anwendung, dasi er allen Stndirenden jede Vaginalexploratäon unter-
sagte, dass er alle Operationsübungscurse der geburtshilflichen Do-
centen und Assistenten sistirte. dass er Desinfektionsmittel in An-
Oesterreicliisctje ZeitMörift für practische Heilkunde Nr. 47
'■fenen Briefe an Professoren der Geburtshilfe.
509
wendung- brachte, um die Hände, die Luft und die Utensilien der
Wöchnerinnen zu desinficiren. Und welch guten Erfolg die An-
wendung:, in dieser Farm, meines obersten Grundsatzes der Yer-
hiitungslehre des Kindbettfiebers „bringt den Individuen keine zer-
setzten thierisch-organischen Stoffe vou Aussen ein," hatte, geht daraus
hervor, dass Ferdinand Silas, welcher aus Paris in Wien den 12. No-
vember 1861 eintrat sagt:1) „Während dessen hatte aber die Epi-
demie schon nachgelassen, und konnten daher die Räucherungen mit
dem Rinimel'schen Liquid kein wirklich conclusives Resultat abgeben."
Und es war ein Glück für Ferdinand Silas, dass die Pseudo-Kindbett-
fieber-Epidemie bei seiner Ankunft in Wien den 12. November schon
nachgelassen hatte; dem Ferdinand Silas wäre es nicht gelungen, die
Pseudo-Epidemie aufholen zu machen, weil er alles räuchert nur die
untersuchenden Finger nicht. So wie Carl Braun füglich alle Yor-
siehtsmassregeln hatte unterlassen können, nachdem er allen Stu-
nden jede Yaginalexploration untersagt hatte, und die Pseudo-
Epidemie hatte ebenso bald aufgehört.
Nach Carl Braun beginnt die Pseudo-Kindbettfieber-Epidemie wie
alljährlich im Herbste, dauert den ganzen Winter hindurch, und
endet im Frühjahre mit dem Beginn der warmen Jahreszeit ohne
eruirbare Ursache. Das heisst: Wie alljährlich beginnt im Herbste
im October das Schuljahr, wo die Schüler mit frischem Eifer sich mit
Dingen beschäftigen, welche ihre Hände mit zersetzten Stoffen ver-
unreinigen; das dauert den ganzen Winter hindurch, bis im Frühjahre
mit. Beginn der warmen Jahreszeit, die Landpartien der Studenten
beginnen, und mit den beginnenden Landpartien erkaltet der Eifer
in den Beschäftigungen mit Dingen, welche die Hand mit zersetzten
thierisch-organischen Stoffen verunreinigen.
Die Ursache des alljährlichen Beginnens der Pseudo-Epidemie
im Herbste und des Fortdauern* während des Winters sind die im
Herbste beginnenden und im Winter fortdauernden Beschäftigungen
ier Sohnler nur Dingen, welche ihre Hände mit zersetzten thierisch-
ni ■_anischen Stoffen verunreinigen, und die nicht eruirbare Ursache,
in Folge welcher im Frühjahre mit Beginn der warmen Jahreszeit
die Pseudo-Kindbettfieber-Epidemie aufhört, sind die Landpartien der
Studenten, in Folge welcher der Fleiss erkaltet.
Im I i iilijalire lnui die Pseudo-Epidemie auf, weil seltener mit
von zersetzten thierisch-organischen Stoffen verunreinigten Fingern
untersucht wird. Wenn man schon im November alten Stndireuden
jede Vaginalexploration untersagt, so verhütet man schon im November
die Einbringung zersetzter thieriseh-organischer Stoffe von Aussen
in die Individuen, und in Folge dessen wird die Pseudo-Kindbetth'eber-
Epidemie nicht erst im Frühjahre mit Beginn der warmen Jahreszeit,
sondern schon im November aufhören.
Trotzdem, dass Carl Braun meine Lehre mit Erfolg in dieser
Pseudo-Epidemie beobachtete, erlaubt sich Carl Braun, seiner gewohnten
Unredlichkeit entsprechend, Bemerkungen gegen meine Lehre in dem
Berichte an die Krankenhaus-Direktion. Dieser Unglückliche sagt:
„2. Alle OperationsiibnngHcurse der geburtshilflichen Docenten und
Assistenten am Cadaver werden vom 1. — 15. November sistirt. Obwohl
die vierjährigen Erfahrungen zeigten, dass der practische Unterricht
) Wiener medicinische Wochenschrift Nr. 48.
510
Senimelweis' Abhandlungen Und Werk Über das Kiudbetttieber.
der Mediän als eine Ursache vermehrter Erkrankung nicht angesehen
werden konnte, so hielt der Vorstand der Klinik doch diese versieht
für nüthig."
...i. Obwohl verdünnte Lösungen von Chlorkalk in offenen
Gtefftasen von Autoritäten in der Chemie für unpassend zur Zerstörung
organischer Stoffe und des üblen Geruches angesehen werden, und
ihre p rac tische Unwirksamkeit in Wien 1854 Bö, so wie an anderen
Universitäten erwiesen, so wurde dasselbe dennnch in die Wj
hecken gebracht.*"
Im Jahre 1848 benutzte ich verdünnte Losungen von Chlorkalk
in offenen Gefössen; es starben 45 Wöchnerinnen von 355«. Wöchnerinnen,
also 1,27% oder 1 von 7'J1 , . Wöchnerinnen. Im .lahre ls.il .starben
400 Wöchnerinnen von 4393 Wöchnerinnen, also 9,10 °/'0 oder^l von
fflmL Wöchnerinnen,
Im Jahre 1855 starben 198 Wöchnerinnen von 3659 Wöchnerinnen,
also 6,41% oder 1 von 18"*/',M Wöchnerinnen.
ist die grössere Sterblichkeit der Jahre 1854 und 55 im Ver-
gleiche zum Jahre 1848 der Unwirksamkeit des Chlor's oder der
Unredlichkeit Gustav Braun's zuzuschreiben, welcher durch seine
Bemerkungen gegen die Chlorwaschungen die Schüler verhinderte.
sieh gewissenhaft zu waschen? Carl Braun sagt: „Trotz aller dieser
obenangeführten ausserordentlichen Massregeln erkrankten vom 1. bis
15. November von 253 verpflegten Wöchnerinnen neuerdings 48.-
Und damit glaubt Carl Braun bewiesen zu haben, dass die oben-
angeführten, meiner Lehre entnommenen ausserordentlichen M
regeln erfolglos geblieben seien; aber dieser schlechte Mensch ignorirt,
dass die 48 Wöchnerinnen, welche im November erkrankten, im
October infleirt wurden, wo die obenangeführten ausserordentlichen
Massregeln noch keine Anwendung fanden; am 12. November konnte
ja Ferdinand SUas das Rimmel'sche Liquid nicht mehr in Anwendung
bringen, weil die Epidemie schon nachgelassen.
Die Kedaction der „Oesterreichisehen Zeitschrift für praktische
Heilkunde", worunter Prof. Patruban zu verstehen ist, macht zu dem
Berichte Carl Braun's an die Krankenhaus - Direction folgende An-
merkung: „Wir hielten es für zeitgemäss, über den Gang dieser
Epidemie sogleich zu berichten, einerseits, um argen Gerüchten vi-
zu beugen, andererseits, um aus den von dem würdigen Vorstande der
I. Klinik getroffenen, höchst lobenswerthen Vorsichtsmassregeln zu
beweisen, welch1 argen Täuschungen sich Prof. Semmelweis in Pest
bezüglich der Unfehlbarkeit seiner Praeservative hingegeben, und
es durchaus nicht an der Zeit war, jene zwei berüchtigten Send-
schreiben auszustreuen, deren Inhalt den Verfasser selbst gerichtet hat.*
Der Leser sieht, dass Carl Braun dadurch den Prot Patruban in
Betreff der Unfehlbarkeit meiner Praeservative täuschte, dass er
sagte: t, Trotz aller dieser obenangeführten ausserordentlichen Mass-
regeln erkrankten vom 1. bis 15. November von 253 verpflegten
Wöchnerinnen neuerdings 48." Dass diese 48 Wöchnerinnen im
October infleirt wurden, und im November erkrankten, sagt Carl
Braun nicht, und Ferdinand Silas sagt, dass am 12. November die
Epidemie schon nachgelassen hatte, zum unumstosslichen Beweise der
Unfehlbarkeit meiner Praeservativen , um Pseudo - Kiudbettfieber-
Epidemien zu verhüten, oder auch schon herrschende Pseudo-Kind-
bettfieber-Epidemien zu Unterdrückern Die arge Täuschung in Betreff
Die offenen Briefe an Professoren der Geburtshilfe. 511
der Unfehlbarkeit meiner Praeservativen ist daher nicht auf meiner
Seite, sondern auf Seite des Prof. Patruban, und auf Carl Braun's
Seite ist der Betrug.
Auch der Inhalt der beiden berüchtigten Sendschreiben hat nicht
mich, sondern meine Gegner verurtheilt. Im Jahre 1854 sind 400
Wöchnerinnen ohne Aufsehen ins Grab gestiegen; ich habe diese
Sterblichkeit erst im Jahre 1860, als ich mir die betreffenden Rapporte
verschaffte, erfahren. Nach dem Erscheinen meines "Werkes, und nach
der Ausstreuung jener zwei berüchtigten Sendschreiben machten 113
Erkrankungen vom 1. October bis 15. November 1861, von welchen
im Gebärhause 48 starben, schon so ein Aufsehen, dass Carl Braun
sich gezwungen sah, zu meiner Lehre zu flüchten, und wie aufrichtig
Carl Braun meine Lehre befolgte, das hatten wir eben Gelegenheit
zu beweisen. Solch glänzende Erfolge beweisen mir, dass ich auf
dem richtigen Wege bin, um endlich das gebärende Geschlecht und
die ungeborene Frucht vor einem frühzeitigen, verbrecherischen Tode
zu bewahren; solch glänzende Erfolge legen mir die Pflicht auf, auf
diesem Wege, welchen ich betreten, fortzuschreiten, bis ich das Ziel
erreicht. Uebrigens hat es mich nicht überrascht, dass der Schlepp-
träger eines Landolfi, Prof. Patruban, von Carl Braun getäuscht, so
stupide geurtheilt.
(Fortsetzung und Schluss folgt*).)
*) [Nicht erschienen. Der Heraasgeber.]
Der Verein St. Petersburger Aerzte über die Aetiolosie
und die nronhylactiselie Behandlung: des KindlMll-
flebers.
(i86a.)
Hofrath Dr. Theodor Hugenberger seil., Professor am grossfürstli. -h
Pawlowna Helena Hebammeninstitut und Geburtshelf'ei . richtete ans
St. Petersburg am 4. Juli (24. Juni) folgenden Brief an mich:
Sehr geehrter ( ollega! Hochzuverehrender Herr Professor! leb
bin in der erfreulichen Lage, Ihnen den Braten S'paratabdruck meines
kurzen Aufsatzes über die in dem grossfürstlich Pawlowna Helena
Hebanimeninstitute beobachteten Puerperalfieberfälle zu senden, den
ich in unserer Fachzeitung jetzt nur als Bruchstück meiner baldigst
erscheinenden grösseren Abhandlung veröffentliche. Meine Arbfit war
bereits im Entstehen, als ich Ihr entscheidendes Werk: ..Die Aetio-
logie, der Begriff und die Prophylaxe des Kindbettfiebers" erhielt;
ich war erfreut, dass meine Beobachtungen über diesen Gegenstand
mit Ihren Ansichten übereinstimmen Gleichzeitig will ich auf Ihre
Klage hin. dass Sie über die einschlägigen Verhältnisse in Kussland
nicht gehörig unterrichtet seien, Ihnen mit einigen bescheidenen Auf-
klärungen dienen. Da Viele das gleichzeitige Auftreten der soge-
nannten Puerperalfieberepidemien in den Gebärhäusern und in der
Stadt epidemischen Einflüssen zuschreiben wollten, B 0 glaube ich diese
langwierige Debatte dadurch zum Ende zu bringen, dass ich die
15 Jahren innerhalb der Grenzen unserer Stadt vorgekommenen Fälle
zusammenzurechnen und sie mit denen der grösseren Geb&rhftuser
zu vergleichen trachte. Einer oder der andere der voreingenommensten
Geburtshelfer war in der Lage innerhalb desselben Zeitraumes mehr
oder weniger Puerperal fieberkranke zu behandeln, ohne dass er eine
Epidemie hätte entdecken können; im schlimmsten Falle konnte er
nur die durch ihn selbst verursachten Verhältnisse beobachten; und
obwohl ich zu Resultaten gelangt bin, die mit ihren Anschauungen
nicht in jedem Punkte übereinstimmen, so werde ich zur Ausgleichung
der verschiedenen Meinungen die nüthigen Begründungen dafür in
meinem Werke beibringen.
Aus unseren Verhandlungen über das Puerperalfieber werden
geehrter Collega, ersehen, wie viele Anhänger Sie im fernen Norden
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
513
gefunden haben und wie sehr namentlich die .lugend Ihre Partei
nimmt Es ist schon hiedurch Vieles gewonnen, denn sie vertritt ja
die Zukunft und ihre Neuerungen.
Ich hege die Absicht im künftigen Sommer die deutschen, franzö-
BlBChef) und englischen Geb&rhftoser zu besuchen, mul werde die Ge-
legenheit nicht versäumen mich bei dieser Gelegenheit Ilineu vorzu-
stellen. Mit besonderer Hochachtung u, s. w.
Hu gen berger.
Der im vorstehenden Schreiben erwähnte Separatabdruck führt den
folgenden Titel: „Das Puerperalfieber im St. Petersburger Hebammen-
Institute von 1845—1859. mit Bezugnahme auf gleichzeitige Ver-
hältnisse in den übrigen Gebärhäusern und dem Weichbilde der Stadt
8t Petersburg."
Professor Hugenberger führt in dieser seiner Arbeit den Beweis,
d;iss YMii 1845 bis 1859, also wlihrend 15 Jahren die in dem Hebammen-
Institute beobachteten Erkrankungen und Sterbefälle an Puerperal-
fieber niemals den sogenannten atmosphärischen, cosmischen oder
tellurischen Einflüssen, sondern in allen Fällen dem in Folge der
pathologischen Geburten entstandenen zersetzten thierischen Stoße zu-
zuschreiben sind.
1. 1846 herrschte das Puerperalfieber im Frühling. — Es begann
im März, culminirte im Mai und endete im Juni. Von 103 Wöchne-
rinnen erkrankten 35. also fast jede 3te; es starben 10, also circa
jede lOte. Das erste böse Auftreten wurde am <>. März bei einer
älteren Pirstgebärenden beobachtet, die in der separaten Abt heil niig
des im Hofe befindlichen Häuschens lag und nach 72 ständigem
Kreissen in Fru>e Anlegens der Zange einen Dammriss erlitten hatte.
Pulpitis und Endometritis septica verliefen wegen eintretender Gan-
graen der hinteren Scheidenwand äusserst langwierig, nichtsdestoweniger
genas die Patientin glücklich. Es erkrankten unterdessen am 18.
und 24. März» zwei junge, kräftige Erstgebärende nach normalen Ge-
burten und beide, unterlagen an Metrophlebitü und P.vaemie. Hierauf
folgten häufigere Erkrankungen nicht nur in der separaten Abtheilung,
sondern auch in den Abtheilungen im Hauptgebäude des Institutes.
Es gab Tage, wo alle in der Anstalt befindlichen Wöchnerinnen mehr
oder weniger erkrankten und gerade die allmählig und gelind be-
ginnenden Fälle nahmen den traurigsten Ausgang.
Metroperitonitis trat in 14 Fällen auf, wovon 5 tödtlich ver-
liefen; bei 4 Wöchnerinnen wurde Metrophlebitis beobachtet, die
3 todtete; ausserdem unterlag an Phlegmasia alba und an acuter
Septichaemie je 1 Kranke.
2. 1848 herrschte das Puerperalfieber im Frühling und Herbst.
Beginn im März, Höhepunkt im Mai, Abnahme im Juni und Juli;
neuer Beginn im August und September, I ulniination im October. —
Es erkrankten im Frühling von 98 Wöchnerinnen 20, also circa jede
5te, davon starben 8. d. h. jede 12te. Im Herbst erkrankten von
dfi wvhnerinnen 19, also circa jede 3te; es starben 10, also
jede 7te.
Im März starb eine mit. vereiterndem Struma behaftete Mehr-
gebärende an Metrophlebitis, und sogleich nach ihr nnterlag eine
andere Erstgebärende, bei der nach längst abgegangenem Frucht-
Semmelwei»' gesammelte Werke. 33
514
Semraelweis' Abb and langen und Werk über das Kindbettfieber.
wasser wegen Querlage Wendung' gemacht werden omsste, an Metro-
Peritonitis. Danach häuften sich (im April i die Erkrankungen immer
mehr und culminirten im Mai, wo sich das Puerperalfieber mit dm- eben
epidemisch auftretenden Cholera complicirte. — Das adynami
Stadium des Puerperalfiebers wurde nunmehr kaum, in den meisten
Fällen sogar überhaupt nicht mehr von der Cholera unterscbi«
und mehrfach blieb es unbestimmbar, welchem von beiden Uebeln
die Kranken zum Opfer fielen. In dieser Zeit wurden in Folge durch
Cholera eingetretener Uterusparalyse, häufig Zangenoperation mi aus-
geführt. Bei eingeschränkter Aufnahme verminderte sich zwar die
Zahl der Puerperalerkrankungen im Juni und Juli, während dei
c'ulinination der Choleraepidenüe ; sie wuchs jedoch abermals im August
und September — als die Cholera im Abnehmen begriffen war — ,
und erreichte im October, als in zwei Fällen von Beckenenge und
Querlage an den Genitalien Gangraen auftrat, ihren Gipfelpunkt
Metroperitonitis trat in 15 Füllen mit 8 Todesfällen auf
7 Wöchnerinnen war septische und gangraenose Endometritis vor-
handen, und es starben 5 davon. In Folge von Metrophlebitis uud
Pyaemie erkrankten 5, davon unterlagen 4; 1 Todesfall erfolgt-
Phlegmasia alba, die sich mit Cholera complicirte. Anfang November
wurde die Anstalt geschlossen.
3. 1849 herrschten häufige aber nicht intensive Puerperalen*
in allen 4 Jahreszeiten. Beginn im Jänner, Kulmination im April,
Nachlass im August und September; neue Incretion im October und
endliches Erlöschen im November. Es erkrankten von 292 Wöchne-
rinnen 69, d. h. jede 4te, und es starben 11, d. h. jede 27,
Zur häufigeren Erkrankung lieferten nebst den causalen Ursachen
2 pathologische Geburten den Grund. Der erste dieser I alle betraf
eine ältere, mit Interstitiellem Fterustibioid behaftete Erstgebärende,
die nach langwierigen Geburtswehen am 9. Tage des Wochenbettes
an Metroperitonitis zu Grunde ging. Der zweite Fall kam bei einer
Wöchnerin vor, bei der — nach wiederholten und vergeblichen Zangen-
versuchen — wegen Beckenenge die Kephalotripsie vorgenommen
wurde. Diese Frau starb an septischer Endometritis und Metrophlebitis.
— Unmittelbar nach diesen pathologischen Geburten erkrankten vom
Janner bis zum April von 104 Wöchnerinnen IT und starben »»: die
in dieser Zeit beobachteten Erkrankungen zeigten eine grösser« Inten-
sitit. während die vom Mai bis November vorkommenden Fälle hau]
waren, so dasü von 188 Wöchnerinnen 52 erkrankten, jedoeh dam
nur 5 Todesfälle u'ezühlt wurden.
4. 1852 3 herrschte das Puerperalfieber im Frühling und Winter.
Es begann im März und dauerte bis zum Juni, im Sommer und IT
hörte es auf; — neuerdings trat es im November auf mit Culmination
im .Jänner und endgültigen] l.i löschen im Februar. In der Frühlings-
hälfte erkrankten von 209 Wöchnerinnen 46, also jede 5te und starben
7, also jede 30ste. — Von 1852 auf 1853 erkrankten von 193 Wöch-
nerinnen 46, d. h. jede 4te. und starben 11, d. h. jede 18te.
Da der Gesundheitszustand der Wöchnerinnen 1850 und 1851 ein
günstiger gewesen war, betrug die Sterblichkeit in beiden Jahren 1,28 "/,;
— in den ersten Tagen des März 1852 wurden durch eine mit Typhus
abdominalis und durchaus erschöpfenden Durchfallen behaftete Mehr-
gebärende neue ungünstige Verhältnisse geschaffen, da sie eim
6 monatliche, faule Frucht gebar und bald darauf an Septichaemie
Semmel weis* Abhandlungen nud Werk über das Eindbettfieber.
Ö15
erlag. Zwanzig mehr oder weniger intensive Erkrankungen folgten diesem
Falle; das erste Opfer fiel im April und zwar in Folge von Plaeenta
praevia und Wendung bei gleichzeitiger Beckenenge und Perforation.
Im Mai dauerten die Erkrankungen fort, und wurden deren insge-
sammt 9 gezählt; da aber Todesfalle nicht erfolgten, so schienen sie
weniger bösartig, als die im Juni auftretenden 17 Erkrankungen, wo-
von 4 tödtlichen Ausgang hatten. Nach erfolgter Reinigung der Säle,
der Bettstätten, des Beutzeuges, der Instrumente etc. boten der Juli.
August, .September und October recht befriedigende Verhältnisse; erst
am 2. November traten die Erkrankungen wieder bei einer Gebärenden
auf, bei der nach 91 stündiger Dauer der Wehen die schwere Geburt
nur mittelst Zangeuoperation beendet werden konnte. Bei dieser Frau
wurde eine langwierige Pyaemie mit tellergrossen gangraenösen Decu-
bitus am Kreuzbein beobachtet. Obgleich die Kranke sogleich isolirt
wurde, so niusste ihr dennoch iimsoinehr die Schuld der nachfolgenden
raschen Verbreitung des Puerperalfiebers gegeben werden, da ihr
langwieriges Leiden erst nach 21 Tagen mit Tod endete. Diese Frau
rief bei 4li Wöchnerinnen ein Puerperalfieber hervor, dem 11 Individuen
zum Opfer fielen.
5. 1854 herrschte das Puerperalfieber zu Ende des .Sommers. Beginn
im Juli, Höhepunkt im August, Erlöschen im September. Von 17l' Wöch-
nerinnen erkrankten 25, circa jede 7te, und starben 9, mithin jede 19 te.
Der Gesundheitszustand der Wöchnerinnen war 16 Monate hin-
b ein sehr günstiger; Ende Juni aber erkrankte eine junge,
kräftige Erstgebärende in Folge langwieriger Verzögerung des Ge-
burtsgeschäftes an Krampfwehen und starb an Metrophlebitis. Dieser
Todesfall wurde sodann der deutliche Ausgangspunkt der Erkrankungen,
deren im Juli 8, im August 12, im September 5 vorkamen; von diesen
starben im Juli 2, im August 5, im September 2.
6. 1855/6 herrschte das Puerperalfieber am heftigsten im Winter
und Frühling.
Begiun im November 1855, Höhepunkt im Jänner und Februar,
Erlöschen im Mai 18513. Von 322 Wöchnerinnen erkrankten ICH», mit-
hin jede 3te, und starben 2B, mithin jede 13 te.
Zn Anfang November traten zwei Todesfälle ein, denen sofort
häufige und intensive Erkrankungen folgten. Der erste Fall trat in
Folge viiii durch vernachlässigte Querlage verursachter Uterusruptur
ein. der zweite in Folge septischer Endometritis nach vorausge-
gangener Metrorrhagie, Im Jänner starb neuerdings eine Wöchnerin
;in septischer Endometritis nach vorangegangener Metrorrhagie ; dieser
Fall gab wieder zu vielen Erkrankungen Anlass, so dass der Gesund-
heitszustand der Wöchnerinnen erst im Mai ein befriedigender wurde.
7. 1858 9 herrschte das Puerperalfieber im Winter, Sommer
und Herbst,
Beginn im November 1858, Steigerung im Janner, rulmination
im Februar. Erlöschen im März. Hierauf neue Incretion im Juli
Ende im November.
Es erkrankten im Winter von 252 Wöchnerinnen 97, mithin jede
2te bis 3te, und starben 18, mithin jede Ute. — Im Sommer und
Herbst erkrankten von 277 Wöchnerinnen sl, d.. Ii. jede 3te bis 4te,
es starben 8, rl. h. jede 34ste. Im Winter gab zu den Erkrankungen
eine ältere Mehrgebärende Anlass, die nach lfi ständigem Kreissei]
mit meteoristisch aufgetriebenem Leibe und enormem Oedem der massen-
33*
516
Semmel weis' Abliaudlnugeu und Werk über das Kindbett lieber.
hafte Jauche entleerenden Genitalien, moribund in die Gebäranstalt
gebracht und mit der Zange von einem todten Kind entbunden wurde.
Zwei Stunden nach der Operation starb die Patientin: die Seetion
•■«itixtatirte an der hintern untern Uteruswand einen 8" Langen Rias,
iler in eine mit .Tauche gefüllte Höhle von Kindskopfgrösse führte.
Die Erkrankungen im Sommer und Herbst wurden durch zwei HO
septischer Endometritis verstorbene Wöchnerinnen hervorgerufen.
Im lö jährigen Zeiträume von 1845 bis 1859 wurden im
ammm Institute 8036 Wöchnerinnen verpflegt; von diesen starben
-JMS. ,1. ii. 2,96%. mithin starb 1 Wöchnerin von S8tOT/jM.— Wahrend
der mimlirlien Zeit wurden in der Gebärabtheilung des Kaiserlichen
Erziehungshauses 16011 Wöchnerinnen verpflegt, von denen 826,
d. h. ö.lö' ',, starben; mithin starb 1 Wöchnerin von 19*8%«5. —
Zwischen L854— 1869, also während 6 Jahren, wurden an der gebu
hilflichen Klinik der 8t Petersburger medicinischen Akademie
376 Wöchnerinnen verpflegt; von diesen starben 34 oder 9,04" „. mithin
starb 1 Wöchnerin von LI1 :;|. Während den 15 Jahren wurden an
der Gebärabtheilung des Kalinkin-Stadthospitales 1288 Wöchnerii
verpflegt, es starben 20, d. h. 1.55" 0, mithin starb 1 Wöchnerin von
... — Während denselben Jahren gebaren in der Stadt St. Peters-
burg 209682 Frauen; von diesen starben 1403. also 0,66%, mithin
starb 1 Wöchnerin von 149mII0t.
Professor Hugenberger stellte zahlreiche Monats- und Jahres*
Ausweise sowohl über die in den 4 Gebärhäusern nls auch in der Stadt
St. Petersburg beobachteten Fälle zusammen, um damit den Beweis
zu führen, dass das Purperalfieber nicht durch atmosphärische,
tellurische und cosmische Einflüsse hervorgerufen wird. Ans diesen
Ausweisen erhellt auch, dass der Gesundheitszustand in den 4 Gebar-
hänsern und in der Stadt selbst, nicht überall und nicht zur u;im-
lichen Zeit ein günstiger oder ungünstiger war, was doch unbedingt
der Fall hätte sein müssen, wenn atmosphärische, tellurische oder
cosmische Einflüsse Fisarhe des Puerperalfiebers gewesen wären.
Ich selbst habe einen Ausweis zusammengestellt, worin ich nur die
jährliche Sterblichkeit berücksichtigte, um zu zeigen, wie verschieden
der Gesundheitszustand der Wöchnerinnen in der nämlichen Zeit einer-
seits in den Gebärhäusern, andrerseits in der Stadt selbst war. Es
erhellt aus dem nämlichen Ausweis auch, um wie viel seil euer ilas
Puerperalfieber ausserhalb der Gebärhäuser vorkommt. (S.Tab. S. 517.]
Professor Hugenberger verlas seine Arbeit über das im Hebammen-
Institute beobachtete Puerperalfieber am 7. December 1861 in der
Sitzung der geburtshilflichen Seetion des St. Petersburger Aerzte-
vereins. Nach der Vorlesung entspann sich eine Debatte über die
Aetiologie und Prophylaxe des Puerperalfiebers, welche in 5 Sitzungen
und zwar am 4. Jänner, 1. Februar, 1. März, 5. April und :;. Mai lsiVj
fortgesetzt wurde,
Dr. Grünewald, die Aetiologie des Puerperalfiebers abhandelnd,
vertritt die alleinige Entstehung desselben durch Infection. „Die
Ursache der Infection ist bei gehöriger Nachforschung sowohl in der
Spital- wie in der Privatpraxis sicher in den meisten Fällen nach-
weisbar." Der Redner fordert die Anwesenden auf, einschlägige Be-
obachtungen mitzutheilen.
Dr. Brunn erklärt sich gegen die Entstehung des Puerperal-
Sf inuielweis' Alili.^uilluiiyeii ninl Werk ii bi;r das Ciudb6ttficbcr.
517
Im
Im Er-
In «1er geburts-
bili'l. Klinik der
media Aka-
demie
In i
abthi ilnij
In der sm.li
Jahr
Hebammen-
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ziehnugs-
banse
Knlinkiu-
Sl;iillli-i,|.i-
t&let
8t Peters-
burg
1K4Ü
2.36
6.41
8.18
0,67
1846
4 7S
4.05
—
0.00
0.64
1H47
2.28
2.28
—
l .28
0.86
1848
6.30
4.67
—
0.00
0.69
lS-J'.l
3.40
5.8"
—
0.00
1850
2,85
9.48
—
1851
1.28
—
4.68
0.71
L8&2
2.50
S.27
—
1.28
0.7S
1853
245
B.80
—
1.86
0.72
IX'- 4
2 17
2.85
8.70
1.94
0.64
1865
2.61
4.28
'■,.77
0.78
1856
3.68
8.06
9.52
n.77
1867
1.42
5 22
J MS
0.76
1866
2.47
5.10
8.33
8 45
0.86
1859
4.10
5.3U
15.(36
0.72
0.62
2.96
5,15
9.04
1.55
0,66
fiebere durch Infection im Allgemeinen, obwohl 67 anerkennt, dass
die Krankheit auch durch verunreinigte Bettwäsche. Spritzen.
Bchwämme u. b. w. erzeugt und weiterverbreitet werden kann. \ or
einigen Jahren befanden sieb in der Gebaranstalt des Erziehungs-
hauses mehrere schwere Puerperalkranke und namentlich lagen 5 — 6
in einem Zimmer; und obwohl in den benachbarten Zimmern gesunde
Wmhneriunen lagen und die Tliitr des Krankenzimmers offen war.
erkrankte von diesen doch keine; Dr. Braun behauptet, dass derartige
Erfahrungen öfters gemacht weiden.
Wenn Dr. Brunn sagt, dass von den Puerperalkranken 5—6 in
einem Zimmer lagen, und mit den gesunden Wöchnerinnen durch
offene Thüren communicirten, und dass vou den Gesunden in den be-
nachbarten Zimmern keine das Puerperalfieber bekam, so beweist
dies, dass sich auch bei den kranken Wöchnerinnen kein zersetzter
thierischer Stoff bildete und dass in diesem Falle die Luft nicht
Träger eines zersetzten thierischen 8tOfieB war, obwohl sie als solcher
dienen kann, wie dies der im Jahre 1847 in Wien auf der J Eteb&r-
abtheilung beobachtete Fall eines gangraenüsen Knies bewies. Siehe
mein Werk Seite «30 Zeile 8»)
Dr. Metzler beobachtete auf der Seyfert'schen Klinik Jahr aus
Jahr ein mehrere derartige Fälle, wo die schwerkranken Wöch-
nerinnen von den gesunden nicht isolirt wurden und dennoch keine
Infection der letzteren durch die ersteren erfolgte. Dagegen wurde
es hänfig beobachtet, dass Alle erkrankten, die an demselben Tage ge-
boren hatten. Während Dr. Metzlei* in Prag war, zeigte sich eine
*) [Seite 133 Zeile 1 von unten.]
51S
Semmel weis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
verbreitete Epidemie zuerst in den Privftthausern, nnd dann ei
trat sie im Gebärhause auf. Diese Thatsachen sprechen nach seiner
Meinung- deutlich dafür, dass epidemische Einflüsse bei der Entstehung
und Weiterverbreitung des Puerperalfiebers die Hauptrolle spiel-
Dr. Beruhard Seyfert wurde am 23. Februar 1855 zum Professor der
Geburtshilfe in Prag (auf der Ärztlichen Abtheilnng) ernannt. Vom
1. Jänner 1865 bis zu Ende December 1860. also im Verlaufe von
6 Jahren wurden in der Piager geburtshilflichen Klinik 10940 Wöch-
nerinnen verpflegt, von denen 422 in Folge von Puerperalfieber
starben, während 744 am Puerperalfieberprocess Erkrankte in das
allgemeine Krankenhaus iniiisferirt wurden; von diesen erlagen
mithin starben insgesammt 809 Wöchnerinnen, d. h. 7,39%, oder
1 Wöchnerin von 13453/9nft. Das Mindeste, was die prophylactische
Behandlung des Puerperalfiebers erheischt, ist. dass von 100 Wöch-
nerinnen nicht einmal eine einzige sterbe. In der Wiener Gebär-
klinik — zu jener Zeit, als die medicinischen Wissenschaften Doch
keine anatomische Grundlage hatten — starb von 409 und 402 Wöch-
nerinnen nur eine; während 8 Jahren von 200 bis 285 Wöchnerinnen
nur eine, und während 15 Jahren von 103 bis 178 auch nur
Ich habe von den Gebärhäusern in London, Dublin und Edinbnrg
über 206 Jahre Ausweise, aus denen erhellt, dass es 30 Jahre gab
in deren Ablauf von 6334 Wöchnerinnen keine einzige gest<
Im ..the Gfty of London Lying-iu-Hnspital" kam bei 1006 Wöchne-
rinnen, die zwischen 1K27 — 1829, also während 3 Jahren verpflegt
wurden, kein einziger Todesfall vor. Im Dubliner Gebärhause (Ro-
tnndn ■. das zugleich ein ärztliches Institut ist. starben von 1804 bil
1809, also im Verlaufe von 6 Jahren von 14 606 Wöchnerinnen 90,
d. h. 0,66%; mithin starb 1 Wöchnerin von 1521"/»,.
Auf der Klinik Seyfert's starben während 6 Jahren von l1
Wöchnerinnen <s09, d. h. 7.39",,. mithin starb 1 Wöchnerin von 13.
Im Dubliner Gebärhaus (RotundaJ starben während 6 Jahren von
14606 Wöchnerinnen 97, also 0,66"/0T mithin starb 1 Wöchnerin von löl.
Dr. Metzler drückt sich nicht wahrheitsgetreu aus. wenn er sagt»
dass bei der Nichtisolirung der Schwerkranken von den Gesunden
keine, fnfection beobachtet wurde. In einer Gebäranstalt, wo von
10940 Wöchnerinnen jede 13 te am Puerperalfieber stirbt, erfolgt die
Infection nicht nur von einer Wöchnerin auf die andere, sondern es
kommen die verschiedensten Arten von Infection vor.
Dr, Grunewald. „Das frühere Auftreten der Krankheit in der
Stadt, und das spätere im Gebärhause beweisen ebenso wenig U
epidemischen Ursprung, wie der Umstand, dass die neben den kranken
Wöchnerinnen liegenden gesunden nicht erkrankten. Die Patienten
in der Stadt können auf die verschiedenste Art durch Aerzte und
Hebammen« ja durch Selbst infection inficirt worden sein, und das ge-
schah gerade auf diese Weise, dass die zahlreicheren Erkrankungen
früher in der Stadt und erst später in den Gebürhäusern aufgetivt. n
sind: die Entstehung durch Infection wird durch sorgfältige Nach-
forschung leicht constatirt. ja sogar der betreffende Fall angegeben,
aus dem der inhV-irende Stoff herrührt.
Semmel weis" Abhandlungen und Werk über das Kimlhetttieber.
519
Si hinge «1er Reweis geliefert werden kann, dass in irgend einem
Falle eine Infeetion ganz unmöglich stattgefunden hat (weil eben für
1 eine Masse verschiedener Wege und Weisen da sind), ist es
unberechtigt epidemische Einflüsse zu beschuldigen, welche wir nicht
kennen, und gegen die keine Massregeln getroffen werden können.
Was den andern Umstand anbetrifft, so sieht man ja. dass auch die
allereontagiösesten Krankheiten steht jedes der Ansteckung ausgesetzte
Individuum befallen. Der durch Infeetion entstehende Process er-
greift mit viel weniger Xothwendigkeit die gesunden Individuen als
der contagiosa Process. Bei manchen Formen des Puerperalfiebers
werden die inncirenden Stoße in viel geringerer Menge producirt als
in andern, so dass solche gesunde Wöchnerinnen, die im Contacl mit
an Peritonitis Leidenden stehen, gewiss seltener erkranken als solche,
die den Ausdünstungen brandiger Geschwüre ausgesetzt sind.
Der Umstand endlich, den Dr. Metzler zur Stütze seiner Ansicht
anfuhrt, dass alle diejenigen erkranken, die an demselben Tage ent-
bunden sind, spricht nicht für. sondern gegen die Entstehung der
Krankheit durch epidemische Einflüsse. Diese Einflüsse können sich
nicht ausschliesslich an einem Tage geltend machen und am darauf-
l< Inenden sowie am vorhergehenden nicht. Gerade hier erweist es
sich am wahrscheinlichsten, dass die Krankheit ihre Ursache im Ge-
bi rammer hatte, da nämlich sämmtliche, die an einem Tage ent-
bunden wurden, von aussenher inficirt wurden, wie das auch in
manchen Gebäranstalten, z. B. im Hebammeninstitute hier, wiederholt
nachgewiesen werden konnte." [An der Wiener I. Gebärklinik über-
zeugte ich mich davon selbst.]
Der Redner referirt darauf über einen Fall, in dem eine junge,
in den besten Verhältnissen lebende Erstgebärende am 3. Tage einem
sehr acuten Puerperalfieber mit ganz unbedeutenden Localerscheinungen
unterlag. Das Auftreten desselben in solchen Fällen ist nicht den
epidemischen Einflüssen, sondern der langen Geburtsdauer zuzu-
schreiben. Dieselbe, bezw. die Langsamkeit der Geburt bietet leicht
Gelegenheit zur Bildung zersetzter Stoffe, es entsteht eine Art der
Infeetion, die ich Selbst infeetion benannt habe.
Kommt ein Fall von Selbstinfection in einem Gebärhause vor, so
bildet er häufig den Anfang einer sogenannten Epidemie. In der
Pi ivatpraxis bleibt er auf ein Individuum beschränkt, wenn nicht der
Arzt oder die Hebamme von ihm aus andere Individuen anstecken.
Mancher der Anwesenden wird im Stande sein, Beispiele hiefür an-
zuführen.
Dr. Kettler erinnert sich an zwei solche Fälle. In dem einen
wurde der inficirende Stoff ohne Frage durch die Spritze der Hebamme
übertragen; in dem andern trat die Erkrankung bei einer Wöchnerin
nuf. die in der Nähe von chirurgischen Kranken lag. Solcher Bei-
spiele kennt die Literatur, besonders die englische, eine grosse Menge.
Dr. Zimmermann theilt einen ähnlichen Fall mit, wo er unmittel-
bar nach Extraktion eines faulen Kindes ohne sieh vorher die Hände
gehörig zu desinficiren, bei einer anderen Geburt eine Placentarlösung
machte. Die erste Wöchnerin starb in kurzer Zeit an Metrophlebitis.
zweite unterlag einer langwierigen Metritis.
Dr. Hartmann weist darauf hin, dass in diesen beiden Fällen der
i ausalnexus nicht unbedingt für Infeetion spricht, da in beiden opera-
tive Eingriffe stattfanden.
520
Semmelweis" Abhandlungen. nn«l Werte über das Kindbettlieber.
Dr. Metzler. .„Der typhöse und der puerperale Prooe&B haben
Le viel Aehnlichkeit mit einander. Beim Typhus aber ist die
LoealisatJOB die Folge der Blutkrankheit, und ist durch eim
demische Ursache, und nicht durch Infection erzeugt. Wenn z. B.
(wie Redner es erlebte) die Plaeenta mehrere Tage nach der Geburt
im Uterus zurückgehalten bleibt, so übergeht sie in Fäulnis«., umi
wenn die Patientin dennoch nicht erkrankt, so wird man in solchem
Fall au der absoluten Wirkung1 der Infection zum Zweifler."
1 »i , Kettler. „Ein solcher Fall beweist durchaus nichts gegen
die Kraft der Infectiousstorle; von den Kaninchen, welchen Semmel-
weis nacli dem Wurf Jauche in den Uterus injicirte, gingen
nicht alle, sondern nur die meisten an Pyaemie zu Grunde. Das
spricht wohl mehr dafür, dass der Infectionsstoff nicht allemal wirk-
lich in das Blut gelang, als dafür, dass er in das Blut gelangt und
unwirksam geblieben ist."
Als die Besprechung vertagt wurde, sprachen sich alle Anwesende
dahin aus. dass zersetzte thierische Stoft'e im Stande sind Puerperal-
proces8e zu erzeugen.
Dr. Arneth. „Für die Aetiologie des Puerperalfiebers ist zu be-
merken, dass die Mortalität der Wöchnerinnen in der Privat praxis
nach Marc d'Espine 5—9 pro mille beträgt, in den Gebärhäusern
aber 10—115,
Ruft das Puerperalfieber Epidemien hervor? Die sogenannten
cosmischen und tellurischen Einflüsse erzeugen bisweilen in einem
gewissen territorialen Bezirk — der mehr weniger unter denselben
klimatischen Verhältnissen steht — in einem abgegrenzten Zeiträume
eine grosse Zahl von Erkrankungen an einem und demselben Krank-
heitsbilde, welche den Namen Epidemie tragen. Auf solche Welse
sehen wir Cholera, Typhus, Influenza, gelbes Fieber etc. auiti
kein Alter, keine Constitution, keinen Stand verschonen und dann
nach einer gewissen Zeit wieder verschwinden. Diese An to
Herrschens existirt für das Puerperalfieber nicht; wir sehen 6a in
einer Gebäranstalt wüthen, während es zu derselben Zeit in <
andern Anstalt der nämlichen Stadt fehlt; während es in der Gebar-
anstalt zahlreiche Opfer dahinrafft, ergeben die Sterbelisten der Stadt,
dass in Privathäusern während derselben Zeit von mehreren hundert
W.'irlinei innen noch keine starb. Professor Hugenberger hat den Be-
weis geliefert, dass im Verlauf von 15 Jahren in der Stadt St. Peters-
burg keine Puerperalfieber-Epidemien auftraten. Praktisch ist dieser
Glaube durchgedrungen, indem die Vorsteher von Gebäranstalten,
auch solche, die an die epidemische Verbreitung der Krankheit glauben,
ihre Anstalten schliessen, um der Ausbreitung des herrschenden
Puerperalfiebers Einhalt zn thun, — eine M: die vollkommen
nutzlos wäre, wenn die Krankheit demselben Verbreitungsgesetz folgte,
wie etwa die Cholera u. s. w. Und dennoch wurden nach dem
Sclüiessen der Gebärhäuser die Fälle von Erkrankungen in der Stadt
nicht zahlreicher, was doch offenbar hätte geschehen müssen, v
die Krankheit von anderen Ursachen erzeugt würde als von solchen,
die sich vorzugsweise in den Gebärhäusern geltend machen. Kann
die Krankheit aus endemischen Ursachen entstehen? d. h. wird sie
in gewissen Localitäten, wie z. B. Spitälern und besonders Gebär-
häusern unabhängig von sogenannten cosmischen und tellurischen
Einflüssen erzeugt und verbreitet ? Diese Frage muss entschieden be-
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfieber.
521
jaht werden. Trousseau. Elsässer, Hecker u. s. w«, namentlich aber
Hugenberger stützen diese durch Semmelweis aufgestellte und in
seinein Werke besonders hervorgehobene Ansicht."
Dr. Arueth reeapitulirt kurz die Daten aus dem Werke Pro-
fessors Semmelweis: „Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis
des Kindbettfiebers." Die Sterblichkeit in der Wiener Gebürklimk
betrug im Verlauf von 39 Jahren (1784-1 S23) 1.2;"»,,. Als mit
Rokitansk)7 die pathologische Anatomie einen neuen Anfschwmiir nahm,
und die Schüler sowohl den Sei-irsaal, wie die Gcbärklinik gleichzeitig
frequentirten, da betrug von 1823 bis excl, 1833, also während
10 Jahren die Sterblichkeit 5.30°,,. Die Gebärklinik wurde im
Jahre 1833 in zwei Abtheilungen getheilt. an beiden wurden Schüler
und Hebammen in gleicher Zahl unterrichtet. Während dieser
10 Jahre war die Sterblichkeit an beiden Abtheilungen eine ver-
schiedene: die mittlere Sterblichkeit betrug auf der I. Abtheilung
Q£6% auf der II. &58%. - Von 1841 bis Kai 1867 wurde die
I. Abtheilung ausschliesslich durch Aerzte freqnentirt (ohne Chlor-
waschungen), die Mortalität war während diesen 6 Jahren eine con-
stante, im Jahre 1845 sogar um fünfmal grösser und im Durchschnitt
dreimal so gross wie an der II. Abtheilung. Diese mittlere Mortalität
betrug an der I. Abtheilnng 9,92%, an der II. 3,38%.
Semmelweis überzeugte sieh von der Identität des Puerperalfiebers,
der chirurgischen Phlebitis und der Pyaemie; und von dem Gedanken
ausgehend, dass das Leichengift an den Händen seiner klinischen
Schüler das die. Wöchnerinnen inficirende Moment sei. führte er des-
infieirende Chlorwaschungen in der I. Abtheilting ein. Hierauf fiel
die Mortalität von 9,92°/,, auf 1,27%, obschon jene Waschungen auf
vielfachen Widerstand stiessen. Indessen ist zu bemerken, dass die
Mortalität noch grösser als 9,92% war, da mehrere hunderte in das
allgemeine Krankenhaus befördert wurden, und als sie hier starben,
da wurden sie in die Totenliste des allgemeinen Krankenhauses und
nicht in die der Gebärklinik eingetragen. Als die Chlorwaschungen
nach dem Abgang von Dr. Semmelweis ganz vern.u liLissigt wurden,
stieg die Sterblichkeit wieder um ein namhaftes. Ganz ähnliche und
beweisende Erfahrungen macht«- später Semmelweis als Primararzt
und Professor in Pest; auch gelang es ihm festzustellen, dass nicht
bloss das Leichengift die Wöchnerinnen erkranken macht, sondern
dass diese von jedem zersetzten thierischen Stoff, von Geschwürs-
secret. verunreinigten Utensilien etc. inficirt werden können.
I Vbertraguug zersetzter thieriseher Steife im weitesten Sinn des
Wortes auf resorptionsfähige Stellen, ebenso die Erzeugung eines
zersetzten Stoffes in den Wöchnerinnen selbst j 'Semmelweis nennt es
8eIb8tinfeetion), ruft bei Wöchnerinnen das Kindbettfieber herror.
Die normale Sterblichkeit bei Selbstinfection beträgt nicht ganz 1 " „.
Direete Beweise von dieser Art der Uebertragung des Kindbettfiebers
sind von Depaul, Simpson, Berton, Campbell, Stnve. und auch von
mehreren Anwesenden Daten geliefert.
Professor Hugenberger theilt mehrere Beitrage ans St. Peters-
burg mit. denen zu Folge der Beginn der Endemien stets von einer
pathologischen Geburt ausging, bei der brandige Zerstörung der Ge-
burtstheile oder Zersetzung der Secrete die Erzeuger und Träger
der Infectionsstoffe wurden."
Wenn nun auch Dr. Arnetn der Hauptsache nach mit der Ansicht
522
Seiumelweis' Abbandlnusren und Werk über das Kiudbettiieber.
Professors Semmelweis übereinstimmt, so macht er ihm doch den Vor-
wurf der Einseitigkeit, insofern er ausser dem zersetzten fcbierischen
Stofl* kein anderes ursächliches Moment anerkennt. ...Schon a priori
ist es wahrscheinlich, dass eine Wöchnerin, wenn sie durch iea Ein-
fluss irgend einer Schädlichkeit, erkrankt, eine Erkrankung in der
vorwiegend activen Lebenssphäre darbieten wird, — mit derselben
Wahrscheinlichkeit, mit der Redner, Sänger, Läufer und Tänzer an
Pneumonien oder Kehlkopfleiden. Reiter an Hernien erkranken."
Trotz der Ansicht Dr. Arneth's bleibe ich bei meiner Ueber-
zeugung, dass das Resorptionsheber, mit anderen Worten Kindbett-
fieher — welches seit den Zeiten, seit das Weib gebärt, exifttirt hat
und existiren wird, solange es gebären wird — mir aus einem Grund,
nämlich durch die Resorption zersetzter fchierischer Stoffe enbleht.
Dieser zersetzte Stoff wird in (leih meisten Fällen den Individuen
von aussen beigebracht; in andern entsteht er im Organismus selbst.
Das Gebären ist die Bestimmung des Weibes, und das Resorptions-
fieber ist ihre Berufskrankheit, hervorgebracht durch Selbstinfection.
Ein Weib gebärt; die Austreibungsperiode verzögert sich; im Kind-
bett gangraenesciren die Genitalien; das Weib stirbt in Folge von
durch Selbstinfection entstandenem Puerperalfieber. Wenn das Weih
seinem Berufe nickt entsprochen hätte, wenn es nicht geboren hatte,
dann wäre es an Selbstinfection keineswegs zu Grunde gegangen.
Während der Redner, der Sänger, der Läufer, der Tänzer an Pneumonie
oder Kehlkopfleiden, der Reiter an Hernie erkrankt, wird das v
seinem Berufe entsprechend von durch Selbstinfection entstandenen)
Resorptionsfieber befallen. Das durch Ausseninfection entstandene
Eteeorptionsfieber gehört nicht zum Berufe des Weibes, sondern wurde
durch denjenigen verursacht, der den zersetzten Stoff in den Orga-
nismus des Weibes eingeführt hat. Dr. Arneth hat wahrscheinlich
aus Vergesslichkeit jene Ursachen ungenannt gelassen, die noch
ausser den zersetzten t.hierischen Stoffen das Puerperalfieber hervor-
zurufen im Stande sind.
Dr. Arneth. „Die von den Gegnern der Infectionstheorie ange-
führte Ansicht, der zu Folge Frauen nicht erkranken, welche mit
dem Infectionsstoff in Berührung- kamen, ist vollständig unbegründet
Auch darin geht Semmelweis zu weit, dass er der Ueberfüllung
der Gebäranstalten und den Jahreszeiten alle aetiologische Bedeutung
abspricht. Wenn es auch feststeht, dass in solchen Anstalten bei
starker Ueberfüllung und schlechter Jahreszeit die Mortalität eine
geringere sein kann, und umgekehrt bedeutend bei guter Jahreszeit
und schwächerer Frequenz der Geburten, so beweist das noch nicht,
dass diese Momente ganz ohne Wirkung sind. Sie erzeugen das
Puerperalfieber gewiss nicht, aber sie begünstigen seine Entstehung
und Weiterverbreitung. Die Krankheit kommt häufiger vor im
Winter als im Sommer, und verbreitet, sich umsomehr. je weniger die
Kranken von den Gesunden abgesondert werden. Qebrigens kommt
inelweis durch das Leugnen der schädlichen Kolgen der l'<
fiillung mit sich selbst in Widerspruch, da er ja die Möglichkeit der
Uebertragung zersetzter Stoffe durch die Luft keineswegs verneint."
Semmelweis' AbhatuIIiimsreii und Werk über das Kindbettfleber.
■)2>1
In meinem Werke steht auf Seite 218*) in Bezug- auf die Ueber-
füllung Folgendes: ..Die Ueberfüllung der Gebiirhsitiser ist nur be-
dingungsweise ein endemisches Moment des Kindbettfiebers, indem in
einem überfüllten Gebärhause es schwieriger ist, den nöthigen Grad
von Keinlichkeit zu erhalten; indem in einem überfüllten Gebärhanse es
schwieriger ist, diejenigen Individuen, welche für andere gefährlich
sind, vollkommen zu isoiiren; dadurch kann die Ueberfüllung Veran-
lassung geben zur Erzeugung eines zersetzten Stoffes, dadurch kann
die Ueberfüllung Veranlassung werden zur Uebertragung des zersetzten
Stoffes auf andere Individuen. Aber wenn trotz der Ueberfüllung
der nöthige Grad der Reinlichkeit beobachtet wird, so dass sich kein
zersetzter Stoff erzeugen kann, wenn trotz der Ueberfüllung die
lirlichen Individuen von den übrigen hinreichend isolirt werden,
oder wenn gerade zur Zeit der Ueberfüllung keine gefährlichen
Individuen sich im überfüllten Gebärhause befinden, und dadurch die
Uebertragung zersetzter Stoffe auf gesunde Individuen verhütet wird:
unter solchen Voraussetzungen ist es für die im Gebärhause Ver-
pflegten vollkommen gleichgiltig, ob das Gebärhaus überfüllt ist oder
nicht." Dr. Arneth behauptet, dass durch die Ueberfüllung die Ent-
stehung und Weiterverhreitung des Puerperalfiebers begünstigt wird,
und ich — wie der Leser sieht — behaupte das Nämliche: und doch sagt
Dr. Arneth, dass ich die aetiologische Bedeutung der Ueberfüllung
für das Puerperalfieber leugne. Ich habe aber mittelst 40 Tabelh u
bewiesen, dass die Ueberfüllung nicht notwendigerweise das Puerperal-
fieber hervorruft: zu dessen Beweise wird es genügen die XXXVI. Ta-
belle von S. 215**) vorführen:
Jahr
Monat
Percent-AntheiJ
Todte
Geburten
Wl'llil
1S4S
Mfirz
—
—
876
—
i.NjS
Anglist
—
—
881
—
1842
Deceiuber
31.38
75
888
37
is. 12
October
29.33
71
242
■M
1842
August
25.46
55
816
m
1842
November
92.96
4H
209
61
L841
November
22.55
63
89ö
41
Ans diesem Ausweise erhellt, dass die grösste Sterblichkeit auf
der Wiener ersten Gebärabtheilung zu jener Zeit beobachtet wurde,
als die Ueberfüllung die geringste war; in diesen zwei Monaten aber
.starb keine einzige der Wöchnerinnen. Die Ursache einer so grossen
Sterblichkeit (während welcher ja jede 3. — 4. Wöchnerin starb) war nicht
die Ueberfüllung, sondern der von Aussen eingeführte zersetzte tuierische
Stoff; dies wurde im Jahre 1848 durch die Chlorwaschungen verhütet.
Auf Seite 60 meines Werkes, Zeile 1 1 ***) ist Folgendes zu lesen :
,.Kine neue traurige Erfahrung überzeugte uns, d i Träger
der zersetzten thierischen Stoffe, welche das Kindbettfieber hervor-
bringen, auch die atmosphärische Luft sein könne: im Monate November
desselben Jahres wurde ein Individuum mit verjauchender Caries
des linken Kniegelenkes aufgenommen; in ihren Genitalien war dieses
Individuum vollkommen gesund, so dass der Finger, welcher sie unter-
suchte, für die übrigen Individuen ungefährlich blieb. Aber die
jauchigen Exhalationen des cariösen Kniegelenkes waren 80 bedeutend,
dass die Luft des Wochenzimmers, in welchem dieses Individuum das
*) [Seite 829.] **) [Seite 830
*♦*) [Seit« 134, Zeile 3.1
524
Semmelweia' Abhandlungen und Werk über daa Kindbettfieber.
Wochenbett zugebracht, in hohem Grade von denselben geBehwan
war, ii3i<l dailurcli wurde bei ihren Mitwochnerinnen in dem Grade
das Kindbettfieber hervorgerufen, dass beinahe simmtliche in den
Zimmern befindliche Wöchnerinnen starben. Die Rapporte der er
Gh -härklinik weisen im Monate November 11 und im Monate December
8 Todte aus. welche grösstentheilfi durch die jauchigen Eskalationen
obbenannten Individuums hervorgebracht wurden.
Die mit Jauchetheilen geschwängerte atmosphärische Luft des
Woohenzimmers drang durch die nach der Geburt, klaffenden Genitalien
in die Gebärmutterhöhle , dort wurden die Jauchetheile resorbirt,
und dadurch das Kindbettfieber hervorgerufen. In Zukunft wurde
durch Absonderung solcher Individuen ein ähnliches Unglück verhüte!.
Auf Seite 103, Zeile 6 von unten*) steht Folgendes: „Der Träger
der zersetzten thierisch- organischen Stoffe ist der untersuchende
Finger, die operirende Hand, Instrumente, Bettwäsche, die atmosplvi i
Luft. Schwämme, die Hände der Hebammen und Wärterinnen, welche
mit den decomponirten Excrementen schwer erkrankter Wöchnerinnen
oder anderer Kranken und hierauf wieder mit Kreissenden und Neu-
entbundenen in Berührung kommen Mit einem Worte Trümer drs
zersetzten thierisch-organischen Stoffes ist alles das, was mit einem
sereetzten thierisch-organischen Stoffe verunreinigt ist, und mit den
Genitalien der Individuen in Berührung kommt," — Dr. Arne th Bagt:
„Semmelweis kommt durch ein Läugnen der schädlichen Folgen der
Ueberfüllung mit sich selbst in Widerspruch, da er ja die Möglichkeit
der Uebertragung zersetzter Stoffe durch die Luft keineswegs verneint*
Wenn Arneth sagt, dass ich an die Bedeutung der aetiologischen
Momente der Jahreszeiten nicht glaube, dann behauptet er etwas,
was auch meine eigene Meinung ist. Ich habe in meinem Werke
mit der Tabelle Xo. II, Seite 9**) und mit der Tabelle '
Seite 120***) bewiesen, dass die Sterblichkeit an der ersten Gebär-
abtheilung in dem nämlichen Monat, eine grössere und eine mindere
war. E> wurde der einfachen Vernunft widersprechen, wenn Jemand
eine Krankheit, die gerade in entgegensetzten Jahreszeiten v< r
kommt] als von der Jahreszeit abhängig hinstellen würde. Kin
zersetzter thierischer Stoff kann in jeder Jahreszeit den Individuen
von aussen beigebracht werden und es hängt nicht von der Witte:
ab, dass zu jeder Jahreszeit eine grössere und eine mindere Sterb-
lichkeit vorkommt.
Dr. Arneth sagt, dass das Puerperalfieber häufiger im Winter
als im Sommer auftritt. Ich erkläre diese Thatsache in meinem Werke,
Seite 121-J-), folgendermassen : „Es ist die vorherrschende Ansicht, dass
der Winter diejenige Jahreszeit sei, welche vorzüglich den Ausbruch
des Endbettflebers begünstige, und in der That, wenn wir die Tabellen
No. IX und X (Seite 21 und 84ffj betrachten, so zeigt sich, dass in
den Wintermonaten wirklich häufiger ein ungünstiger I U sundheits-
zustand unter den Wöchnerinnen herrschte und seltener ein günstiger,
während in den Sommermonaten häufiger ein günstiger und seltener ein
ungünstiger Gesundheitszustand der W 8( lmerinnen zu beobachten war
Aber diese Erscheinung ist nicht durch atmosphärische Einflüsse
•l [Seite 160. Zeile 14 von oben.)
*») i Seite 104.] ***) [Seite 171.]
f) jSeite 170.1 Seite 112 und 113.1
Semmelwei.«' Abhandlungen und Werk über das Kindbettfleber.
des Winters zu erklären, denn sonst könnte ja «las Kindbettfieber im
Sommer nie in gTiisserer Ausdehnung: vorkommen.
Nach den grossen Ferien in den Monaten August und September
gehen die Schmer mit frischem Eifer an ihre Studien, folglich auch
an das Studium der Geburtshilfe, und in den Wintermon&ten Ist dei
Andrang der Schüler in das Gebärhaus so gross, dass der Einzelne
Mit Wochen ja Monate lang warten muss, bis die Reihe der AufnalniiM
ihn trifft, während in den Sommermonaten oft die Hälfte, ja in den
Ferialmonaten oft zwei Dritttlieile der Plätze unbesetzt sind: in den
^^ intermonaten werden die pathologischen und gerichtlichen Sectionen,
die medieinischen und chirurgischen Abtheilungen des k. k. allgemeinen
Krankenhauses auch von den im Gebärhause Beschäftigten sehr fleissig
besacht. Im Sommer lisst der Fleiss bedeutend nach; die reizenden
Umgebungen Wiens üben eine grössere Anziehungskraft aus, als die
stinkende Todtenkammer oder die schwülen Räume des Kranken-
hauses. Im Winter hält der Assistent der Geburtshilfe die praktischen
I ipprationsübungen am Cadaver vor der um vier Uhr zu haltenden
Xacbmittagsvisite. weil Vormittag die Schüler anderweitig beschäftigt
sind, und nach der Nachmittagsvisite um fünf Uhr es schon zu finster
ist. Im Sommer ist die Hitze vor der Xacbmittagsvisite noch zu
drückend, im Sommer werden die Operationsübungen am Cadaver in
den Abendstunden nach der Nachmittagsvisite gemacht. Ist es für
die zu Untersuchenden gleichgiltig, ob die Schüler sich nach der
Visite mit Cadavern beschäftigen oder ob selbe vom Cadaver her zur
Visite kommen?
Das sind zum Theile die Einflüsse, welche durch die Jahreszeit
bedingt sind; nur in diesen Verhältnissen liegt die Ursache, warum
im Winter häufiger ein ungünstiger und im Sommer häufiger ein
günstiger Gesundheitszustand unter den Wöchnerinnen der ersten
Gebärabtheilung zu beobachten war. Wenn es wirklich die atmo-
sphärischen Einflüsse des Winters gewesen wären, welche den häufigen
ungünstigen Gesundheitszustand der Wöchnerinnen im Winter hervor-
gebracht haben, so erlaube ich mir die Frage, ob denn Wien durch
25 Jahre keinen Winter gehabt hat? indem im Wiener Gebärhause
durch 25 Jahre keine Epidemie war, weil im Wiener Gebärhause
durch 25 Jahre nicht eine Wöchnerin von hundert gestorben ist.
siehe Tabelle Xr XVJI, Seite 62*).)
Haben sich die atmosphärischen Einflüsse der beiden Winter in
Wien der .Jahre 1847 8 und 1848/9 in Folge der Chlor Waschungen
geändert? Weil wir in Folge der Chlor Waschungen in diesen beiden
Wintern keine Epidemie hatten- Haben sich die atmosphärischen
Einflüsse der vier Winter zu Pest geändert, in Folge der Chlor-
waschungen, welche ich durch vier Winter an der Pester medieini-
schen Facultät beaufsichtigte? Weil wir durch vier Winter kein
epidemisches Kindbettfieber hatten. Die grössere Sterblichkeit zweier
Winter war bedingt durch Leintücher, welche mit zersetztem Blute
und zersetztem Lorhialflusse verunreinigt waren.
Das Gebärhaus des St. Rochus-Spitals war nie im Winter Gebär-
haus, sondern nur durch zwei Monate im Jahre, nämlich in den Mo-
naten August und September, und doch war es alljährlich in hohem
526
Si .iiiiiiehvpis" Abhandlungen und Werk über du KnufbetTtieber.
6rad6 vom Kindbettfieber heimgesucht, so lange es ein A]
einer chirurgischen Abtheilung war."
Dr. Arneth definirt das Puerperalfieber folgendermaßen: „Das
Puerperalfieber ist eine kurz vor oder nach der Geburt auftretende
acute und langdauernde fieberhatte Krankheit, bei welcher das Fieber
nicht von Erkrankungen eines andern, mit den puerperalen Vorgängen
in keinem Zusammenhange stehenden Organes bedingt ist." Dr. Uueth
tragt die Anwesenden, ob sie die von ihm gegebene Definition als
erschöpfend ansehen?
Dr. Tiauehfuss hält diese Definition des Puerperalfiebers für zu
allgemein, indem sie auch viele Fälle von einfachem traumatischen
Fieber in sich begreift, die bisweilen einen tiefer eingreifenden
Charakter haben, als leichtere Formen des wirklichen Puerperal-
Processi, s. Ferner gibt es Fälle puerperaler Erkrankung, welche ihrer
Natur nach aus den Grenzen der Arneth'sehen Definition ausge-
schlossen bleiben. So z. B. kam in der Charite in Berlin vor einigen
Jahren eine Epidemie unter den Wöchnerinnen vor, die sich durch
häufige Endocarditis mit fehlenden andern Idolen Ki-scheinungen
characterisirte. — Ein solcher Fall lässt sich auch nicht unter die
von Arneth gegebene Definition einreiben.
Dr. Etlinger schliesst sich der Ansicht des Dr. Rauchfuss an.
namentlich in Bezug anf jene leichten traumatischen Fiebererregungen,
die von den Laien gewöhnlich Milchfieber genannt werden.
Dr. Arneth: „Diese leichteren Fiebererreguiigen passen schon ihrer
kurzen Dauer wegen nicht in die Definition. Bei den schwereren,
sich länger hinziehenden Fällen wird man mit wenigen Ausnahmen
Gangraenescenz der Sexualorgane finden, welche die Einreibung
solcher Fälle in die Puerperalfieber begründet. Die sogenannte
Febric ula rechnen viele Autoren zum Puerperalfieber schon aus dem
Grunde, den Prof. Hugenberger anführt, dass sie mit dem B<
schwerer Puerperalfieber übereinstimmt und von diesem nicht zu
sondern ist. Was die in Berlin beobachtete Epidemie anbetrifft, so
ist der Zusammenhang zwischen dem endocarditischen Proeess und
den Vorgängen in der Sexualsphäre nicht zu lengnen. Wenn auch
höchst wahrscheinlich andere Umstände als die Infection seihst, das
Vorwiegen einer oder der anderen F.rkrankungsform bedingen, 'I
sache bleibt es doch immer, dass zwischen allen diesen und den puer-
peralen Vorgängen in den Nexnalor^anen ein anatomischer Zusammen-
hang besteht."
Die 2, Frage Dr. Arneth's „ob die Anwesenden den häufigen Ein-
fluss zersetzter thierischei Stoffe auf die Erzengimg des Puerperal-
fiebers anerkennen?" wurde einstimmig mit ja beantwortet
Auf s. in 102*) meines Werkes definire ich den Begriff des Kind-
bettfiebers folgendermassen : „Gestützt auf Erfahrungen, welche ich
innerhalb 15 Jahren an drei verschiedenen Anstalten, welche säinmt-
lich vom Kindbettfieber in hohem Grade heimgesucht waren, ge-
sammelt habe, halte ich das Kindbettfieber, keinen einzigen Fall
*) [Seite 159. |
Semmelweia' Abhandlungen und Werk über das KLudbettfieber.
527
ausgenommen, für ein Resorptionsfieber, bedingt durch die Resorption
eines zersetzten thierisch-organischen Stoßes; die erste Folge der
Resorption ist die Blutentnrischung. Folgen der Blutentmischung sind
die Exsudationen". Der Leser sieht, welch' klare Auffassung Dr. Arneth
yoa «lein Begriff des Kindbettfiebers hat. Dr. Arneth lässt das Kind-
bettlieber durch einen zersetzten thierischen Stoff entstehen. Die zer-
setzten Stoffe müssen behufs Erzeugung des Kindbettfiebers in das
»Blut aufgenommen werden; in das Blut gelangen sie aber nur durch
Resorption und darum ist das was man früher Kimlbettfieber nannte,
ein Resorptionstieber. In dem durch Arneth auf gestellten Begriffe
aber kommt das Wort „Resorption" gar nicht vor,
13. Frage: „Ist die Entstehung und Weiterverbreitung des Puer-
ralfiebers durch epidemische Einflüsse, d. h. durch Momente von
sogenanntem cosmisrhen und tellurischen Ursprünge ausgeschlossen?
oder mit anderen Worten, wird der Begriff der durch cosmische und
tellurische Einflüsse erzeugten Pnerperalepidemie für unhaltbar
erklärt?"
Dr. Etlinger, der in den Hauptpunkten vollständig mit den
Schlüssen übereinstimmt, die Professor Hugenberger aus seinen über-
zeugenden Zusammenstellungen zieht, und der die bei weitem grösste
Zahl der Opfer des Puerperalprocesses der Iufectinn und endemischen
Weiterverbreitung der Krankheit zur Last legt, hält die epidemischen
Einflüsse dieser Krankheit gegenüber dennoch nicht für indifferent.
„A priori ist anzunehmen, wenn gewisse Momente ein häufiges, mir
wenige Individuen verschonendes Erkranken, wie wir es z. B. bei
der epidemischen Grippe sehen, hervorbringen, es andere ähnliche
Ursachen geben muss, die besonders das Gebärorgan zu Erkrankungen
disponiren. Die Zahl der auf diese Weise erzeugten Krankheiten
statistisch nachzuweisen, ist zur Zeit noch unmöglich, und auf sie aus
den sterbelisten zu schliessen — wie Dr. Hugenberger gethau — kann
kein sicheres Resultat geben.'' Redner hat in der Privatpraxis zu den
verschiedensten Jahreszeiten — häufiger im Winter und Frühling als
im Sommer und Herbst — die Erfahrung gemacht, dass sehr viele
Wöchnerinnen krank werden, ohne dass von irgendwoher eine mögliche
KnfeCtJon oder Uebertragung nachzuweisen wäre. Diese Erkrankungen
bleiben fast alle leicht; nur wenige Fälle entwickeln sich zu entschie-
denem Puerperalfieber, und von diesen sterben — im Vergleich zur
Sterblichkeit in den Gebärhäusern — sehr wenige. Aus den städti-
schen Sterbelisten, sowie aus denen der Gebärhäuser kann man keinen
Schlnsa auf die Erkrankungen ziehen. Sie beweisen aber, dass es
atmosphärische oder epidemische — man nenne sie wie man wolle —
Einflüsse iriebi. die ein häufigeres Auftreten des Puerperalfiebers
bedingen. Machen sie sich in einer Anstalt geltend, so werden die
einzelnen Fälle sogleich zum Infectionsheerd für immer neue Indi-
viduen, und es entsteht eine Endemie mit all ihren schlimmen Con-
siiuenzen. In der Privatpraxis fehlen die endemischen Momente,
daher bleiben die Erkrankungen dort gutartiger.
Dr. Hartmann pflichtet diesen Ansichten bei: denn es ist keinem
Zweifel unterworfen, dass das Puerperalfieber zu gewissen Zeiten
häufiger vorkommt, ohne dass eine Uebertragung oder Infection dabei
528
Semmelweis' Abhuidliuigeri und Werk über das Kindbettfieber.
denkbar wäre. — und daher sind für diese Fälle die Ursachen in
epidemischen Einflüssen zu suchen.
Dr, Kmirhfiiss: ..Die atmosphärischen und telliirisclien Einflussr
besitzen unzweifelhaft die Fähigkeit, die Individuen zu Erkrankungen
zu disponiren: insoferne sie sich bei Wöchnerinnen auch geltend
DUM heu, werden diese, wenn sie erkranken, mit grösster Walirx i
lichkeit von einem Puerperalfieber befallen, und eine Beziehung zwi-
schen dieser Krankheit und den allgemeinen Einflüssen ist unl äugbar.
Die Krankheitsursachen sind entweder allgemein (praedisponireni
oder occasionell (individuell); die ersteren liegen in jenen erwähnten
Verhältnissen, und ihr Effect auf die Wöchnerinnen ist in der M«-In-
zahl der Fälle ein speeifischer, bei andern Individuen aber anders ge-
arteter; die Ursache des Puerperalfiebers ist die Infection und Alles,
was sie erzeugen kann."
Dr. Grunewald: „Der Begriff des Pnerpernlfiebers ist vollkommen
unhaltbar. Die allgemeinen krankmachenden Einflüsse, die dem
Erdboden und dem ihn umgebenden Dunstkreise innewohnen, machen
sich gewiss auch auf die Wöchnerin geltend und erzengen mehr Ode*
weniger sporadische Erkrankungen derselben, haben aber noch nie
eine wirkliche Epidemie hervorgerufen. Alles, was noch zum Beweise
angeführt werden kann, ist bedeutungslos im Vergleich zu den von
Hugenberger gegebenen Belegen. Die Einflüsse, welche Dr. Etlinger
als epidemische bezeichnet hat. müssen auf einzelne Umstände zurück-
geführt weiden, die in der Jahreszeit und in den von ihr bedingten
diaete tischen Einflüssen auf die Wöchnerin liegen. Diese erzeugen
nämlich Krankheiten vorzugsweise iu der Jahreszeil, wo z. B. in
unserem Klima eine gehörige Ventilation unausführbar ist und wo
schon deshalb eine Selbstinfection dun h Benetzte Absonderungsstoffe
besonders leicht zu Stande kommen muss. Werden solche sporadische
Erkrankungen auch in grösserer Zahl als gewöhnlich beobachtet, so
reichen sie trotzdem noch lange nicht hin, um den Begriff einer
Epidemie festzustellen.
Professor Hugenberger schliesst sich der Ansicht des vorigen
Redners im Wesentlichen an. Die genannten Einflüsse sind unaus-
weichbar und sie beeinflussen ohne Frage auch den Gang der Puer-
peralfiebers, können aber direct kein Puerperalfieber erzeugen. Nach
den sich über 15 .fahre erstreckenden Berichten kann der \>r
schwindend kleinen Zahl von in der Privatpraxis aufgetretenen Pner-
peralfieberfällen keine beweisende Kraft zugesprochen werden ; und
die Vergleiche zwischen dem Auftreten der Krankheit in der Privai-
praxis und den verschiedenen Gebäranstalten beweisen, dass es nie-
mals Epidemien gegeben hat. Die Einflüsse der Jahreszeit erklären
sich leicht, wie schon erwähnt winde, und bestehen darin, dass sie
die Entstehung keines einzelnen Falles begünstigen und dem einzelnen
Falle ein besonderes Gepräge aufdrücken. In dem Sinn, wie es
Cholera- und Pockenepidemien giebt, hat es in St. Petersburg keine
Puerperalepideinie gegeben. Wollte man selbst die grösste Sterblich-
keit, die in der Stadt beobachtet wurde (17 pro mille) auf eine Epi-
demie beziehen, so wäre dies eine Täuschung, weil diese Sterblichkeit
nur in einem Monate vorkam, vor und nach welchem die Gesundheits-
verhältnisse eine ganz geringe Mortalität aufwiesen. Eine Epidemie
kann nie in einem Monat aufhören.
Auf den Einwurf Dr. Etlinger's. dass die Statistik der Mortalität
SemnielvreU' Abhaudlungen und Werk über das Kiudbettnelur.
529
keinen Massstab für die Morbiditätsverhältnisse abgebt, ist zu ent-
gegnen, dass das Puerperalfieber eine mörderische Krankheit ist, bei
der immer ein bestimmtes Verhältniss zwischen leichten, schweren
und tödtlichen Fällen obwaltet, das in der grüssten Zahl der Fälle
im wandelbar gleich bleiben wird, so dass aus den Sterbefällen mit
Sicherheit Wh die Erkrankungsverhältnisse geschlossen werden kann.
Wenn in der Prhratpraxis trotz gleichzeitiger hoher und höchster
Sterblichkeit in den Gebärhäusern, nur ein geringer Procentbruch
der Krankheit erlag, so ist das ein stricter Beweis für die niedrige
Erkrankungsziffer in den Privathäusern.
Dr. Krick ist ebenfalls gegen den Begriff eines epidemischen
Puerperalfiebers; er beweist dies schon durch den Umstand allein,
dass die Höhepunkte der Morbidität und der Mortalität in den ver-
schiedenen Gebäranstalten einer und derselben Stadt der Zeit nach
durchaus nicht zusammenfallen.
Dr. Etlinger und Dr. Rauchfuss finden hierin keinen Beweis
gegen das epidemische Vorkommen, weil in den Anstalten die ende-
in is« 'heu Momente in dem Masse vorwalten, dass vor den Endemien
die Epidemien gar nicht zu Stande kommen. In der Privatpraxis ist
dies deutlicher zu beobachten.
Die endemischen Momente in den Gebärhäusern sind die faulen
thierischen Stoffe, welche seltener durch Selbstinfection, in den überaus
meisten Fällen aber von Aussen her auf die Individuen übertragen,
die grosse Mortalität daselbst verursachen. Wenn Massregeln ge-
troffen werden, wodurch die Uebertragung des faulen thierischen
Stoffes in die Organismen verhindert wird, dann wird auch die grosse
Sterblichkeit verhütbar sein und es werden die endemischen und
epidemischen Momente schwinden. Wenn sich Etlinger und Rauchfuss
auf Epidemien in der Privatpraxis berufen, weil diese sich da deut-
licher beobachten lassen, .so berufen sie sich auf etwas, was in der
Privatpraxis gar nicht vorkommt.
Bekanntlich werden die Gebärhäuser beim Auftreten grösserer
Sterblichkeit geschlossen. In Folge dessen bleiben die ausserhalb der-
selben Gebärenden gesund, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil
die Individuen in der Privatpraxis nicht als Unterrichtsobjecte dienen,
wogegen in den Gebärhäusern durch die fortwährenden Explorationen
den Wöchnerinnen leicht ein fauler thierisclier Stoff eingeflösst wird.
Dr. Hugenberger. „Giebtes überhaupt ein epidemisches Puerperal-
fieber, so muss es dort am meisten vorkommen, wo die meisten Wöch-
nerinnen zusammenliegen, und folgerichtig muss die grösste Sterblich-
keit stets in den Gebärhäusern stattfinden. Das ist constant nicht
geschehen, und darin liegt der Beweis, dass nicht allgemein wirkende,
sondern nur locale, dem Hause oder dem Zimmer anhaftende Momente
die Erkrankung erzeugten."
Dr. Wrangell spricht nur von den Erfahrungen in der Privat-
praxis und diese haben ihn gelehrt, dass zu gewissen Zeiten, ohne
nachweisbare Ursachen, mehr Wöchnerinnen erkranken. Er sucht
den Grund davon in allgemein wirkenden Verhältnissen, ohne angeben
Semmelweis" gesammelte Werke. &4
.-,:>,< i
-'■iiii Uüjtinclluiiijeii uinl Werk über du Kindbettfieber
zii können, worin sie bestehen, und ohne aus ihnen auf eine ver-
breitete Epidemie schliessen zu wollen.
Dr. Arneth: ..Die Erfahrungen der Privatpraxis lassen den in-
tösen oder sporadischen Ursprung eines Krankheitsfalles im!
Sieberhett aufweisen, als die Spitalpraxis trotz ihres grösseren Mate
bei welchem die endemischen Einflüsse eine grosse Roll«- spielen. Dei
stricte Beweis für die Richtigkeit einer oder der anderen besprochenen
Ansicht ist vielleicht überhaupt nicht zu führen. Die von Dr. Kii
■•neu Fälle, denen er epidemischen Ursprung zuspricht, können
i schwerlich als beweisend gelten, denn Eist ausschliesslich glück-
lich endende, nahezu immer leicht verlautende Fälle dürfen ante
Rubrik Puerperalprocess keinen Platz finden."
4te Frage. Wurde von den Anwesenden beobachtet, dass d&i
Puerperalfieber häutig gleichzeitig mit. dem Herrseben von Erysipelas
und Diphteritis auftritt?
Dr. Etlinger hat das nie. in auffallendem Maasse gesehen ; das
Puerperalfieber eoineidirt mit allen ) in »glichen herrschenden Krank-
heiten, scheint aber durchaus an keine bestimmte form einer solchen
geknüpft. Ist der Krankeitsgenius im Allgemeinen gutartig, u rer-
I auch das Puerperalfieber leichter, und umgekehrt wird ea
artiger, wenn alle herrschenden Krankheiten einen schlimmen Gharacter
haben: und dieser l'mstand spricht wieder für den Einfluss der alt-
genifiii. n cosmischen Verhältnisse. Dieser Einflnss kann nicht über-
sehen und gelSugnet werden, wenn auch zugegeben werden mnss. daSi
wirkliche, verbreitete und tödtliche Pnerperalfieber-E^ideanien
jenen nicht erzengi werden,
Dr. Arneth: In Wien liegt die liebäranstalt mitten im allgemeinen
Krankenliause und giebt daher vorzügliche Gelegenheit, dass das Puer-
peralfieber mit Erysipelas und andern Krankheiten zu gleicher Zeil
aul'tv.
Die Menge der Paerperalfleber-Erkranknngen in der Wiener
Gebäranstalt hat dem Redner die I eberzeugung aufgedrängt,
diese Krankheit nicht epidemischen Ursprunges ist. sondern von
len abhängt, welche unschädlich zu machen mehr oder wen
in unserer Macht steht. In einzelnen Fällen ist es bisweilen unm«"g-
lieh nachzuweisen, woher die Iniectioii rührt, da sie eine Menge an*
controllirbarer Wege hat. Die L"eberwachung der .Schüler, der Schüle-
rinnen, '\t> Wärterpersonals ist unmöglich vollkommen durchzufahren,
nichl zu gedenken aller anderen Möglichkeiten der Intection. Die Er«
fahrung, die Dr. Martin an der gut eingerichteten Münchener Gebär-
klinik Di • sich als Krankheitsursache die ohne sein W
und gegen die Ordnung des Eanses in den Abort geworfener Placentea
als Kiankheitsursathe offenbarten, ist eine eindringliche Lehre, wie
vorsichtig wir mit dem Namen Epidemie sein müssen, wenn wir die
der Krankheit nicht ermitteln können. Schliesslich fordert
Dr. Arneth die Anwesenden auf, sich der Chlorwaschungen zu be-
dienen; die Befolgung dieses Vorschlags wird von Allen als zweck-
mässig anerkannt
Erfahrungen der englischen Aerzte alter das durch Ei
verursachte Kindbettfieber.
dal in Sheffield behandelte, einen jungen Mann an einer off
Semmelweis* Abhandlungen nwi Werk ii Wr das Kindbetfcfietar,
531
Leisteagesebwulst, mit einer bösartigen, rosenartigen Entzündung des
Hodensackes und der Hinterbacken Er verband den Kranken täglich
selbst, bis dieser endlich starb. Während Reedal dieses Individuum
behandelte, vom So. October bis 3. November 1893. erkrankten fünf
Wöchnerinnen, welchen er bei der Geburt beigestanden am Kindbett-
Heber und starben. Er besuchte diese Unglücklichen last unmittelbar
nach dem Verbinden des vorgenannten jungen Mannes. Nach dem
Tode dieser fünf Krauen gab er seine Besuche bei den jungen Manne
auf, weil er verrauthete, dass er die Infection der Frauen \ i i
SleigAt in Hüll, meldet, dass er ein Individuum an gangi
Erysipel« behandelte; von seinem Krankenbette wurde er einmal zu
einer leichten und normalen Geburt geholt: dir Frau erkrankte nach
20 Stunden am Kindbettfieber und starb daran nach Ablauf von IN
Stunden,
Hardey, gleichfalls in Hüll wohnend, behandelte einen Ansoess
der Brust, hatte im leti Monht 20 Geburtsi'älle, wovon 7 mit
tüdtlichem Ausgang.
Storrs leistete am 8. Jänner 1H41 bei einer Geburt Beistund; am
selben Tage war er auch bei einer Frau beschäftigt, die an
graenescirendein Rothlauf litt: beide Frauen bedienten sich derselben
Wärterin; die Zuerstgenannte starb ;mi Puerperalfieber.
Zahlreiche ähnliche Fälle könnte ich aufweisen; diese 4 Fälle
aber geniigen um zu beweisen, dass der Rothlauf und das Puerperal-
fieber nur dann zur nämlichen Zeit auftreten können, wenn der Ge-
burtshelfer zur nämlichen Zeit gangraeneseirendes Erysipelas behan-
delt, durch welch' - das Puerperalfieber in Folge von Uebertragung
des zersetzten Stoffes entsteht.
Wenn \nn-rh sagt dass das Wiener Gtebarbaus mitten im allge-
meinen Kraukenhause liegt und er trotzdem niemals normaler Weise
oder auch nur öftere Male das Herrschen von Rothlanf und Kind-
bettheber zu gleicher Zeit, beobachtete, so r örund davon darin,
dftflfl im allgemeinen Krankenhause und auf der Gebärklinik nicht der-
selbe Arzt thätig ist, woraus folgt, dass der vom hVithlauf herrührende
zersetzte Stoff auf die Wöchnerinnen der Gebärklinik nicht übertrafen
werden kann.
In der Sitzung vom 1. Februar 1862 wurde ein von Dr. Tarnoffsky
ausgearbeiteter Entwurf unter dem Titel: „Regeln für die Heb-
ammen in l.'ussland" verlesen: dieser Entwurf wurde der
für Geburtshilfe des Vereins St.. Petersburger Aerzte zur Begutachtung
übersendet, und zur Prüf not; einer < 'onmiission von ."> Mitgliedern über-
geben. Nach Verlesung und Annahme des Protocolls der letzten
Sitzung fördert der Vorsitzende diejenigen Herren, die dieser Sitzung
nicht beigewohnt haben, auf. ihre Ansichten über die dort besprochenen
Fragen zu äussern.
Dr. Schmidt: Die endemischen Einflüsse, welche sich local in den
0ebärb&usem entwickeln, spielen in der WeiterverbreiUrng des Puer-
peralfiebers unläugbar eine sehr grosse Bolle; daneben üb« n am h die
atmosphärischen und cosmißehen Momente ihre Einflüsse ans, die
ohne Frage die Praedisposition zur Erkrankung geben. Dies bezeugen
die in St. Petersburg und München vor und nach Choleraeptdemien
gemachten Beobachtungen, wonach zu solchen Zeiten das Puerperal«
34"
682
SeuiiiieU.'i-;" Abtaadhmgen uud Werk über da* KindbetGSfibef.
lieber besonders heftig und häutig auftrat. Die richtige Deutung
dieser Thatsache dürfte die sein, das dieselben allgemeinen Einfli
welche die Cholera erzeugen. auch das Blut der AVüchnerinnen n
specifischer Weise verändern, oder eine solche Blutmischung hervor-
bringen, die das Individuum zu puerperalen Erkrankungen geneigt
macht
Dr. Zimmermann: Auch der Umstand, dass Cholera und Wechsel-
fieberepidemien zur selben Zeit auftreten, spricht dafür, dass gewis- ED
allgemeinen Einflüssen die Kraft innewohnt, bestimmte characterB
Krankheitsformen und ihre Writn Verbreitung in grosser Zahl zu er*
zengm
Dr. Hugenberger: Das in 8t. Petersburg, München und Trier
beobachtete Factum, dass an die Clioleraepidemien sich häufige Puer-
peralerkrankungen anschlössen, ist nicht anzufechten; es mochte aber
doch richtiger sein, demselben eine ander.' Deutung zu «.■< s die
von Dr. Schmidt angeführte. Die an Cholera erkrankten Schwange-
ren wurden in grosser Zahl an die Gebärhäuser überführt, starben
dort fast alle und ihre Leichen wurden secirt. Die Ausleerungen der
Kranken, die vom Leichenzimmer aus übertragenen Infi tonn iu«-n um]
festen Bestandteile sind die Träger des Leichengiftes; beide siud
deutlich krankheiterzeugende Momente, die den mit der Cholera in
Verbindung gebrachten epidemischen Momenten gegenüber erweislich
viel wirksamer sind. Die mit der Cholera zugleich durch cosmische
Einflösse erzeugte Hlntentmisehung bleibt eine durch wenig Gründe
gestützte Hypothese, während die mit den Cholerafallen zusammen-
hangenden inficirenden Momente keines Beweises bedürfen. Durch
jene kann der epidemische Charakter des Puerperalfiebers nicht be-
wiesen werden, dnrch letztere aber in den meisten Fällen der infec-
tiöse Charakter desselben.
Dr. Grunewald: Am entschiedensten verliert die Ansieht.
das gleichzeitige Auftreten von Cholera und Puerperalfieber den epi-
demischen oder von atmosphärischen Einflüssen abhängigen Charakter
letzterer Krankheit beweist, ihre Stütze durch die von Pettenkofer
und Delbrück (Niemeyer. Lehrbuch der spec. Pathologie und Therapie.
IL Bd. 2. Abth. Seite 628) festgestellte Thatsache, wonach die Cholera
eine Infectionskrankheit ist, die keineswegs in Folge atmosphärischer
Einflüsse entsteht, sondern unbestreitbar durch die Dejectionen der
Erkrankten erzeugt und weiterverbreitet wird. In vielen Fällen
wurde nachgewiesen, wie die Krankheit sprungweise in einzelnen an
den grossen Yerkehrsstrassen gelegenen Orten auftrat, dazwischen
liegende verschonte, sich ausschliesslich in den Städten und längs der
Landstrassen zeigte, in denen die Aborte von Cholerakranken benutzt
wurden u. s. w. Dasselbe muss auch von den anderen Krankheit so
gelten, die wie Typhus, Pocken. Scharlach u. s. w. in dem gebräuch-
lichen Sinne als epidemische bezeichnet wurden, uud die heute zu-
gleich als Infectionskrankeiten gelten.
Dr. Etlinger : Es kommt vor Allem darauf an, was Puerperalfieber
genannt werden soll. Hechnet man z. B, dazu nur die schweren
Formen, so gibt die Infection das Causalmoment, sei sie endemisch
oder aber Selbstintection, und dann lässt sich gegen Semmel weis'
Theorie gar kein Einwand erheben. Sollen aber auch die leichten
Formen mit dazu gehören, die durch Hinzutritt endemische]- Momente
sofort den bösartigen < hai -akter annehmen können, so muss die Ent-
Semmel weis' AMnndtaBgen onä Werk über Jus Kbidbeuäeber.
Ö33
Stellung dieser leichteren Formen einer herrschenden Praedisposition
zugeschrieben werden, die von den gewöhnlich epidemisch benannten
Verhältnissen hervorgerufen wird. Wenn im Hebammeninstiture
Leichtere Formen geherrscht hatten, so folgten sehr oft auf sit- BChwerere,
wenn nicht durch Einleitung energischer Schutzmassregeln, Desin-
feetion der Räume und Instrumente, Absonderung der Krauken u. B. W,
den leichteren Fällen ein Damm gesetzt wurde. Fast innner aber,
wenn in der Anstalt schwere Puerperalfieber herrschten, liess sich
nachweisen, dass sie angekündigt waren durch häufige leichtere
Sr-Uungen des Wochenbettverlaufs, die darin bestanden, dass bei den
meisten Entbundenen einige Tage lang ein frequenter und erregter
Puls beobachtet wurde. Zu günstigen Zeiten, wo diese Erscheinungen
nicht obwalteten, verliefen die — sogar eingreifenden — Operationen
zum allergrössten Theil ohne alle folgende Störungen im Wochenbett,
während bei herrschender Krankheitsdisposition und beim heftigsten
Auftreten der Krankheit die meisten Operirten den schlimmsten Folge-
etsilieinungen ausgesetzt waren. Schon seit dem .lahre 1846 handelte
der Redner als Vorstand der Entbindungsanstalt in dem Sinn, in
welchem Dr. Semmelweis' erste Veröffentlichungen, die 1 oder 2 .lahre
später bekannt wurden, geschrieben waren; er schloss die Anstalt,
um das daselbst endemische Puerperalfieber zu bannen, dessen Ent-
stehungsheerd er in jeder einzelnen dort liegenden kranken Wöclmerin
erkannte. Die Krankheitsursache der gewöhnlich leicht verlaufenden
Fälle glaubt er in atmosphärischen und tellurischen Momenten suchen
zn müssen.
Dr. Hugenberger: Bei der Zusammenstellung aller von 1845 bis
1860 im Hebammen-Institute beobachteten puerperalen Erkrankungen
ist für jede der in dieser Zeit vorgekommenen 10 Epidemien genau
nachgewiesen, dass sie ihre Entstehung von einem bestimmten Falle
genommen haben, der durch pathologischen Verlauf der Geburt oder
durch schon in der Schwangerschaft entwickelte krankhafte Vorgänge
inlicirende Stoffe in das Gebärhaus geschleppt hatte. Allen <iirs.ii
10 Epidemien waren keine leichteren Erkrankungen vorhergegangen.
Andererseits wurde oft, und noch gerade in der jüngsten Vergangen-
heit beobachtet, dass nach einer pathologischen Geburt einzelne
leichtere oder schwerere Puerperalprocesse sporadisch auftraten, die
jedoch keine Epidemie nach sich zogen, wenn die gehörigen Schutz-
massregeln angewendet wurden. Dort, wo zahlreiche schwere Puer-
peralprocesse auftraten, fällt auf sie auch immer eine gewisse Quote
Leichterer uud umgekehrt; beide gehören derselben Krankheit an,
und so ist auch die Febricula von den andern Formen nicht zu
trennen, indem sie auf den nämlichen Bluterkrankungen beruht.
her Vorsitzende wendet sich an Dr. Schmidt, den Vorstand der
Gebäranstalt des Erziehungshauses, mit der Frage, ob auch er die
Beobachtung machte, dass schwere Erkrankungen von zahlreich auf-
tretenden leichten angekündigt wurden?
Dr. Schmidt: Das wurde beobachtet und spricht ebenso für die
epidemische Entstehung und Verbreitung der Krankheit, wie der I in-
stand, dass das Puerperalfieber zu verschiedenen Malen in mehreren
Ländern gleichzeitig wnthete. Auch die Thatsache gehört her, dass
in derselben Anstalt zuweilen ohne nachweisbaren Grund ein Theil
der Wöchnerinnen erkrankt, ein anderer Theil gesund bleibt. Wenn
die Infection eine so grosse Rolle spielt, wie kommt es, dass oft von
Ji inraelweis' Abhandlungen und Werl über das Kindbetttieber.
vielen, der Etlfection in gleichem Maasse ausgesetzten Individuen ein
grosser Theil gesund bleibt? Der Redner führt Ähnliche merkwürdige
Beispiele aus seiner eigenen Praxis ;m.
Dr. Arneth: Die beiden angeführten Umstände wurden schon in
der früheren Sitzung besprochen. Die epidemischen Momente dauern
immer durch eine Längere Zeit an und hören nicht plötzlich auf wirk-
sam zu sein. Wenn eine gewisse, nicht grosse Zahl von Wöchne-
rinnen der Reihe nach in kurzer Zeit erkrankt, und dann die Er-
krankungen plötzlich aufhören, so spricht das allein schon gegen den
epidemischen Ursprung dieser Fälle. Viel näher liegt die Ursache,
dass im Gebärzimmer inficirende Stoffe vor kurz« -r Zeit wirksam
waren, nach deren Entfernung auch ihre Wirkung aufhörte. Betreffs
der Immunität ist zu bemerken, dass sie auch gegenüber sehr conta-
iii Ösen Krankheiten häufiger beobachtet wurde, und daher Dichte
gegen die Contagiosität. resp. Intectiosität der betreffenden Krank-
lieitstbrmen beweist.
Wenn Dr. Schmidt darin, dass das Puerperalfieber in mehreren
Ländern gleichzeitig wiit.hete. einen genügenden Beweis dafür erblickt.
dass diese Krankheit in Folge von epidemischen Einflüssen entstellt mni
sich weiter verbreitet, so ist dies ein Irrthum, namentlich wenn er damit
die Bevölkerung der verschiedenen Länder versteht. Wenn aber da-
mit die Gebärhäuser der verschiedenen Länder gemeint sind, in denen
das Puerperalfieber wüthet, iu diesem Falle ist die Thatsache wahr.
und die Erklärung hiefür liegt darin, dass in den Gebiirhäusern der
verschiedenen Lander zur nämlichen Zeit ein zersetzter thiei-isch^r
Stoff auf die Iudividuen übertragen wird. Dass dies nicht einem epi-
demischen Einflüsse zuzuschreiben ist, wird dadurch bewiesen, dass
wenn zum Zwecke des Niederschlagen» der Puerperalfieber-Epidemie
die Gebärhäuser geschlossen werden, die ausserhalb derselben im
Lande vorhandenen epidemischen Einflüsse sich nicht auf denjenigen
Ort erstrecken, in der das Gebärhaus existirt. Im Gebärhause \\ .
die Schüler unterrichtet, und durch diese wird der zersetzte t Mensche
Stutt' auf die Wöchnerinnen übertragen. Wird aber das Gebarhaas
geschlossen, so gebären die Individuen in der Stadt, wo keine
träge gehalten werden, und so geschieht es, dass die Wöchnerinnen
gesund bleiben.
Prof. Kieter behält sich auf Anfrage des Vorsitzenden vor seine
Meinung über den besprochenen Gegenstand in der nächsten Sitzung
zu äussern.
Prof. Zdekauer: Um den Begriff einer Epidemie im gewöhnlichen
Sinne festzustellen, muss eine als solche auftretende Krankheit einen
normalen Verlauf haben, charakterisirt durch intensive und acute
Zunahme des Krankheitsprocesses, insoweit dieser eine grosse Mt
von Individuen unter den verschiedensten Lebensverhältnissen ergriffen
hat: und zweitens muss die Epidemie nicht bloss über ein Gebäude
oder Bitte Stadt, sondern über einen grösseren Territorialbezirk Biet
erstrecken. Bei jeder Epidemie kommen schwerere und leichtere
Fälle vor. Diese Bedingungen fehlen bei den als solche qualifk
Puerperalrieber'Epidemien. Auch fällt der Umstand schwer ins Ge-
wicht, dass die leichteren Puerperalerkrankungen mehr in der Privat-
Semnieliratf AbhtmHnngcn umi Werk ühtr das Kiwlben lieber.
536
praxis als in den Gebäranstalten vorkommen. Wo das der Fall ist.
kann nie von einer Epidemie die Rede sein.
In der Sitzung vom 1. März 1862 verlas Dr. Tamoftsky Beinen
der Cunimission diirchgeprttften Entwurf der „Regeln für die Heb-
ammen in Russland/' Derselbe wurde von der Sectios für zweckmässig
erkannt und der Medicinalverwaltung zur Annahme empfohlen. Von
allgemeinem Interesse ist darin ein Punkt, der es den Hebammen zur
Pflicht macht, ihre Hände und Instrumente mit Chlnrwasser zu des-
infiriten. wenn sie mit Kranken zu thun hatten, die einen zersetzten
thiet ischen Stoff prodnciren.
in derselben Sitzung" wurde ausserdem über die Prophylaxe
Puerperalfiebers verhandelt, und danach die Ventilation besprochen.
In der Sitzung vom 6. April 1862 wurden die Verhandlungen über
die Prophylaxe des Puerperalfiebers fortgesetzt
Dr. Arneth führt die einzelnen prophylactisch gegen das Puer-
peralfieber angewandten Mittel und Massregeln an und fordert die
Anwesenden zur Meinungsäusserung auf. Vor Allem ist die wichtigste
Scbtttzmassregel in dem Hau, in der Einrichtung und der Benutzung
der GebSrn&ttser gelegen, und es wäre nun die Frage zu entscheiden,
welche Regeln in dieser Beziehung zu befolgen seien? Ausserdem
winden und werden prophylactisch in Anwendung gebracht: die
Waschungen mit Chlorwasser, die Ventilation der ßelegräume, die
fi.'Miiirriinn derselben, der Wäsche ini<l Utensilien mittelsl inwendung
hoher Temperaturen ; innerlich wurden gebraucht und empfohlen: das
Eisen. Chinin. Antimon; endlich glauben einige Aerzte durch Venae-
se. t innen der Entstehung der Krankheit vorzubeugen.
Prof. Hugenberger befürwortet die Theilung des Gebärhauses in
zwei gesonderte Stockwerke, in denen so viel Platz sein soll, dass jeder
belegt gewesene Raum eine gewisse Zeit lang frei bleiben und gründ-
lich gereinigt werden kann, bevor neue Wöchnerinnen darin gebettet
wilden. Ferner soll durch diese Theilung eine sorgfältige Absonde-
rung der Kranken von den Gesunden ermöglicht werden und zwar
so, dass die erstem! einzeln in kleinere Zimmer Belagert uvnlen
können. Auch das Wartepersonal darf ganz ausschliesslich nur mit
seinen eigenen Pflegebefohlenen in Berührung kommen. Gehörige
Grösse der Räume mit der zweckmässigsten Ventilation ist uuerläss-
liches Erforderniss.
Dr. Arneth: Seyfert in Prag sondert die kranken Wöchnerinnen
nicht ab, sondern lässt sie unter den Gesunden liegen, weil die Trans-
ferirung in besondere Zimmer den Kranken in Folge des moralischen
Einflusses einer solchen Massregel schadet. — Säinmtliche Anwesende
erklären sich gegen ein solches Verfahren und sprechen sich dahin
aus, dass alle gegen das Puerperalfieber gebrauchten inneren Mittel,
sowie auch die Venaesectionen ganz zwecklos sind.
Dr. Schmidt: Das Wochenzimmer soll nicht mehr als 4 Betten
enthalten, weil eine grössere. Anzahl Wöchnerinnen in einem Zimmer
beisammen gefährlich ist
Dr. Arneth: Dieser Grundsatz bewährt sich seit einigen Jahren
im Dubliner Gebärhause, in welchem nie mehr als 4—6 Wöchnerinnen
in einem Zimmer liegen; zu jedem einzelnen Säle gehören 1—2 ge-
sonderte Betten behufs der Absonderung der Kranken. Die Sterblich-
keit in jener Anstalt beträgt etwa 1 ",,.
536
Semmelweis' Abhandlungen und Werk über das Kindbettrieh*-)-.
Die Sterblichkeit im Dubliner Geb&rhwrae war vom 1 Jioner
1757 bis Ende December 1854, also im Verlaufe von 98 Jahren, die
folgende :
Während Jahren
..M
10
2
Wöchnerinnen
88,918
B4JBB
19,284
3.121
Todre
«47 «
826 „
484 ,
102 „
0.69 '
1.54
3.26
oder 1 Wüchueriu von
1 ja toi
» *■■** ui
«•■foi
98
169,623
2059 = 1.21
827M/t(
Die Sterblichkeit an der Wiener Gebäranstalt war vom 16. August
1784 bis Ende December 1860, also während 77 Jahren, die
folgende :
Während Jahren Prct.-Anth. WöYhii.-riinien Todte
oder 1 Wüchnerin von
■2b
11
0
1
44,K38
:i7.698
273 — 0.60 %
400 „ 1.
164
so*«*
11
6
4
ö
2
4
2
3
4
5
6
7
82,241
17,935
13,483
16,233
5,845
ll,i? IJ
767 . 2.37 „
mn ., :;,;,. ..
619 „ 4.00
865 . &
463 , 67.;
85fi „ 7.61 „
42":,;
»l*%i
14««
13"
4
8
11.170
955 „ BJ
3
1
1
9
11
15
10,1)47
4.010
3,287
m „ 9.13 „
449 „VUR%
„ 15.79 ..
glTI
77
199,033
7783 - .; 19
25*u
Prof. Hugenberger und Dr. Krick halten es für nöthig, dass
zwischen diesen kleineren Zimmern und den Wochenzimmern gar keine
directe Verbindung bestehe.
Prof. Kieter theilt seine Erfahrungen über 9 Jahre mit. Er hält
die Bezeichnung Puerperalprocess für entsprechender als Puerperal-
fieber (der wirklich entsprechende Name ist Resorptionsfieber), und
legt an alle hieher gehörigen Vorgänge einen weiten Massstab.
Ans diesem Grunde vielleicht hat er im Vergleich zu Andern mehr
Erkrankungen. Die Zahl der Geburten in der Klinik ist gering und
vertheilt sich auf 9 Jahre wie folgt:
Im Schuljahre Geburten Sterblichkeit
1849-50
1850—51
1851-52
1852-53
1853-54
1854-55
1855—56
1856-57
1857-58
66
78
53
69
65
62
78
67
67
Percent- An Lh'-il
9.09
3.84
3.86
11.69
7.69
9.67
8.97
7.46
11.94
also es starb
1 Wiirbnenn vnn:
11
IT,
3
605
46
7.60
18%
Von diesen 46 Todesfällen sind 25 die Opfer des Poerperalpro-
cesses d. i. 4,13%, mithin 1 von Mf*/Wj 21 Individuen starben an
anderen Krankheiten, als Pneumonie, Pleuritis, Typhus, Cholera,
Variola, Ecclampsie, Ruptura uteri u. s. w.
Semmel weis' Abhandlungen und Werk über das Ktndbettfieber.
537
Im Ganzen erkrankten am Puerperalprocess (am Resorptiunstieber)
605 Wöchnerinnen 72, d. i. 11,90 %, mithin 1 von 821/72; von
ihnen starben 25, d. h. 4.13%, mithin 1 von 2;V , , ; es genasen 47.
Hieraus ergaben sich folgende Procentverhältnisse :
Von sämmtlichen Wöchnerinnen starben 7,60 "/,„ d. i. 1 von 137/.„.
!Es erkrankten am Puerperalprocess (Resorptiousfieber) 11,90 %, d. i.
1 von 8*1/™ ; es starben am Puerperalprocess 4,13 "/„, d. i. 1 von 24%9.
der Vortragende verschiedenen Umständen zu. Er führt an, dass
1. die Localität der Gebärklinik in jeder Beziehung unzweckmäßig
und schlecht gelegen sei. inmitten eines grossen Krankenhauses, mit
Räumen, in denen die Ventilation unzweckmässig ist n. s. w.; 2. ist
die Anstalt nur im Herbst und Winter (vom September bis Mai) ge-
öffnet; 3. sie wird durch eine grosse Anzahl von Studirenden besucht
und hiedurch wird die Luft verdorben; 4. die Studirenden kommen
nus den anatomischen Vorlesungen und vom Secirtisch; 5. die
Schwangeren werden sehr viel untersucht; 6. die in die Anstalt auf-
genommenen Schwangeren gehören den niedersten Volksclassen an,
die unter den ungünstigsten hygienischen Verhältnissen leben;
7. werden gerade die schlimmsten uud am meisten vernachlässigten
Geburten aus der Stadt in die Klinik gebracht; oft kommen die Ge-
bärenden schon sterbend hin; 8. werden die Verstorbenen von dem
Professor und dem Assistenten secirt.
Diesen Umständen ist es zuzuschreiben, dass kein Jahr verging,
in welchem das Puerperalfieber nicht geherrscht hätte. Epidemien
indessen, d. h. Erkrankungen mehrerer Wöchnerinnen in einem ver-
hältnissmässig kurzen Zeitraum, kamen nur in 2 Jahren vor und
machten die Schliessung der Anstalt nothwendig. Da das in der
strengsten Winterkälte geschah, konnten die Räume durch Frost des-
inficirt werden, und nach ihrer Wiedereröffnung kamen nur ver-
t einzelte Erkrankungen vor.
*
*
Die Ursache der Sterblichkeit an der Gebärklinik erhellt bereits
zur Genüge aus dem Umstand, dass die Studirenden aus dem Secir-
saale und aus den anatomischen Vorträgen hinkamen und dass der
Professor und Assistent selbst die Sectionen machten. Wenn Pro-
fessor Kieter behauptet, dass nach Wiedereröffnung der Gebärklinik
— nachdem dieselbe durch Frost desinficirt war — nur vereinzelte
Krankheitsfälle beobachtet wurden, so ist der Beweis für diese Be-
hauptung, wenn wir die Sterbefälie der Klinik in Betracht ziehen,
nicht zu erbringen. Es starben 6, 3, 3, 8, 5, fiT 7, 5, 8. Die Sterb-
lichkeit hat sich nicht nur nicht vermindert; sie wurde sogar grösser.
Semmelweis' gynaeeologisehe Aufsätze.
Heber einen seltenen Fall von sackartiger
Ausbuchtung des schwangeren Gebäriiiutterhalses.
(1857.)
Vortrag;, gehalten in der KiSnigl. Gesellschaft der Aerzte in Pest.
(Referat.)
In der December-Sitznng der hiesigen Gesellschaft der Aerzte
berichtete Herr Prof. Semmel weis über einen höchst merkwürdigen
geburtshilflichen Fall, der wegen der gewiss grossen Seltenheit einer
sackartigen Ausbuchtung des schwangeren Gebärmutterhalses auch
in weiteren ärztlichen Kreisen Verbreitung verdient. Diese Aus-
buchtung war nämlich die Veranlassung zu einem Irrthume in der
Diagnose, welcher leicht tödtliche Folgen hätte haben können, da die
wissenschaftlich formulirte Indication zum Kaiserschnitt in vivo aus
der Diagnose geflossen war. Hier folgt in Kurzem der Thatbestand.
N. X., 24 Jahre alt, Erstgebärende, heirathete den 8. Jänner 1856,
menstruirte hierauf vom 10. bis 13. Jänner, war angeblich früher und
nachher vollkommen gesund gewesen und bot bei ihrer Aufnahme
folgenden St. praesens dar: Aussehen gesund, die Brüste ergiessen
beim leisen Druck reichlich Milch, Unterleib wenigstens nochmal so
gross als bei normaler Schwangerschaft zwei Erhabenheiten zeigend,
wovon die grössere die ganze obere und die rechte untere Hälfte —
die kleinere die linke untere Hälfte des Bauches einnahm. Dumpfer
Percussionston im ganzen Umfange. In der kleinen Geschwulst nahe
der Medianlinie des Unterleibes ein grosser harter Körper mit zwei
kleinen, spitzen, beweglichen Theilen (Steiss und FüsseJ. An dieser
Stelle deutliche Kindesbewegungen. Nach aussen in der Gegend des
vordem obern Stachels des Darmbeines Foetalpuls deutlich hörbar.
Die innere Untersuchung zeigte gänzlichen Mangel des Scheidenge-
Wtflbes; Scheidentheil bei ll/a Zoll lang, aufgelockert; Muttermund
für die Spitze des Zeigefingers durchgängig; kein vorliegender Kindes-
theil. Die Sonde 21/« Zoll ohne Widerstand eingedrungen, konnte
auf den Spielraum von 1 % Zoll frei bewegt werden. Die Unter-
suchung durch den Mastdarm zeigte einen dreieckigen Körper an
der Stelle und von der Grösse eines ungeschwängerten Uterus, in
welchem auch die Sonde deutlich vorhanden und im Spatium von l1/*
Zoll beweglich durchgefühlt wurde. Diese Ergebnisse der Unter-
suchung stellten die vorhandene Schwangerschaft ausser Zweifel,
Hessen jedoch in Bezug auf den Ort derselben 4 Fälle als möglich
EtenuBälwda' gyua-jri Luftltee.
denken, nämlich 1. einfache Uterinschwaugerschuft ; 2. Schwangerschaft
in einem Uterus bilocularis mit ."Schwangerschaft im linken loculus:
3. Uterus bilocularis mit Schwangerschaft im linken Hörne; endlich
4 eine graviditas extrauterina. Die Differential-Diairnose lautete nun
folgender Massen. Ad 1. Wäre es gewöhnliche iTterinschwan
schaftt so miisste der Uterus in die abnorme Lage durch eine I
schwillst gedrängt worden sein, welche jedoch weder gegen-
wärtig nachweisbar war, noch in der Anamnese nach wiederholtem
Beiragen der Patientin sich ergeben hat. Nebstdem hätte zwar
die Sonde an der Knickungsstelle ein Hindernis« gefunden, und
wäre daselbst fixhr gewesen, bei veränderter Richtung hatte selbe
jedoch über diese Stelle hinaus in die ganze Länge des geschwängerten
I Jterns geführt werden können. Ad 2. Bei Uterus bilocularis ver-
grössert sich der ungeschwängerte loculus beinahe auf die Länge dea
geschwängerten, folglich konnte der durch den Mastdarm fühlbare
Zoll lange Körper nicht der ungeschwängerte loculus sein.
Arl 3. Beim Uterus bicorais stellt das ungeschwängerte Hörn keinen
dreieckigen Körper, sondern einen Schlauch von mindesten.-« 5—6 Zoll
Länge dar. Ad 4. Es konnte demnach nur Extrauterinschwangei-
sehaft sein, denn nur bei dieser involvirt sich der in den ei
Monaten allerdings consensuell vergrösserte angeschwän^ it. i tems
in den letzten Monaten beinahe auf seine vorige Länge. Da mithin
il<f Uterus bei unzweifelhaft constatirter Schwangerschaft und in
widerholten Untersuchungen mit Finger und Sonde nur 2 ' ., Zoll laug
gefunden wurde, so musste die Schwangerschaft eine extrauterine
sein; und feiner, da 9 Monate derselben abgelaufen waren, konnte
es nur eine graviditas extra-nterina abdominalis sein, weil bekannt-
lich die andern Alten der Extrauterin-Schwangerschaft schon weit
früher durch Berstung tödten.
Die Indication zum Kaiserschnitt war somit vor-
handen. Aber nach 24 stund igem Aufenthalte im Gebärhause stellte
sich, nachdem leise Contraktionen in der Bauchgeschwul>
vorausgegangen waren, der stürmischeste Geburtsdrang ein, weil
Hunden den Kopf des früher in der Steisslage gewesi
Kindes auf den Beckeneingang herabtrieb, und muh abermals einer
stunde das Kind todt und auch die Nachgeburt sofort zur Welt be-
förderte. Die nach der Entbindung zum Zweck der Aufklärung
rätselhaften Falles mit der ganzen Hand vurireiiommene innere
suchung zeigte den U litte rhals in der Länge von 2", Zoll, an
seiner hintern Wand eine kupp eiförmige Ausbucht 11]
welche höher hinaufstieg als der Mutterhals selbst, so dass der ins
Muttermund vor und zugleich tiefer als die höchste Wölfoi
Kuppel zu liegen kam, wodurch es geschehen, dass die Sonde ans
iu den innen M uttermund einzudringen, in dieser klippelförmigen Aus-
buchtung herumbewegt werden konnte, welche letztere zugleich durch
den Mastdarm als dreieckiger Körper gefühlt und als ungeschwänger-
ter Uterus gedeutet wurde. Als Öommentar zu der Umwandlung der
Steiss- iu eine Kopflage zeigte die Sectiou des todtgebomen Bandet
eine blutige Infiltration der Haut und Muskulatur der vordem Fl
des Thorax in Folge der Quetschung, welche das Kind bei dieser
spontanen Wendung erlitten.
Die Entbundene war 5 Tage vollkommen wohl, am 7. Tage stellte
sieh heftiger Unterleibschmerz mit Fieber ein, und nach einigen hin-
v jnnielweis' gynueuologieche Att&MaS.
543
zugetretenen ecclamptischen Anfällen erfolgte der Tod. DieSection
einen rechtzeitigen Hydrops ovarii als Ursache der Verdrängung
des Dteros nach, der in einer so grossen Menge ascitischer Flüssigkeit
• in gebettet war, dass die objective Ermittelung desselben beim Leben
der Patientin dadurch verhindert wurde. Herr Prof. Semmelw eis
demonstrirte nach diesem hier nur skizzenhaft mitgetheilten Lehr-
reichen Vortrage den Uterus, welcher als ein in der Literatur bisher
einzig dastehendes Präparat dem pathol.-anatomischen Museum ein-
verleibt wird. Die Ausbuchtung der hintern Wand des Mutterbfl
welche eigentlich die Veranlassung zu einem so wichtigen Fehlschlüsse
war, aal sich natürlich in der stattgehabten siebentägigen Involution
des Uterus bedeutend verkleinert, aber auch bei dieser reducirten
Grösse ward jedem die Rolle klar, welche dieselbe vor der Entbin-
dung zur Täuschung des Ä.ccoucheur8 gespielt hatte.
Exstirpntion und Neubildung eines Uterusfibrimls;
SHiwanirerschaft mit noriiiulem Verlauf,
(1861.)
Unlängst wurde ich durch den Collegen V. ins Consilium zu einer
Kranken gerufen, die gerade plötzlich entbunden hatte und bei dar
nach Entfernung der Plaeenta eine Geschwulst von beträchtlicher
-se vor der äusseren Scham heraushängend blieb. BUS war liier
angeblich eine Placenta praevia lateralis vorhanden und die Leibes-
frucht war schein todt geboren worden. In der Gebärenden erkannte
ich eine, meiner Patientinnen, die in meiner Klinik vor zwei .Jahren
mit fibrösem Uteruspolyp krank gelegen hatte. Die Neubildung, die
eine hanrith'ichengrosse Basis und die Grösse einer Männeifaust besass,
wurde dazumal von mir operirr. und nachdem sie mittelst eines [nstru-
mentes von ihrem Grunde abgelöst worden war. im Ganzen entfernt.
Die Frau hatte, wie ersichtlich, seitdem concipirt und trug die Frucht
normal aus, der Polyp aber bildete sich ebenfalls neu aus — was bei
iiluosen Neugebilden nicht wahrgenommen zu werden
pflegt — mnl wndis zugleich mit der Frucht aus,
l>er vor der Scham heraushängende und deutlich wahrnehmbare
Theil der Neubildung mochte etwa zwei haust gross sein. Dan
Polyp unmittelbar nach der Geburt ganz herauszulösen, hielt ich nicht
für rathsam; ich schnitt deshalb nur den herausstellenden Theil ab,
und wollte die Totalexstirpation später vornehmen. Eine Blutung
erfolgte aus dem consistenten fibrösen Gewebe während des Entzwei-
schneiden» selbstverständlich kaum. — Des andern Tages aber, als
Iah die Kranke wieder besuchte, mnsste ich von meiner Absicht ab-
stehen, denn der zurückgebliebene Theil der fibrösen Geschwulst hatte
in Folge seines Gewichtes die Gebärmutter ganz lierausgestülpt, so
dass man ihren Anhaftnngspunkt am Grunde des Organa deutlich
544
SmBt&mäa* irynaec-ologische Aufsätze.
wahrnehmen konnte. Unter solchen Umständen musste ich die so-
fortige Totalexstirpation nicht nur für rathsam, sondern geradezu für
unausweichlich nothwendig erachten. Ich löste deshalb den Polyp
sofort heraus, entfernte ihn und reponirte die auf diese Weise ihrer
Last entledigte nnd zuriiekgestülpte Gebärmutter. Die Krankt? genas
ohne jedes bemerktiiswerthe Nachleiden innerhalb des gewöhnlichen
Zeitraumes.
Sieben-Moimts^ebiirt nebst Polypus uteri fibrosus von
enormer Grösse.
(1864.)
1*57 hatte mein Freund Prof. Lummiczer eine an Polypös tis uteri
fibrosus leidende Frau behufs Operation auf meine Klinik gewi
Die Kranke war etwa 26 — 28 Jahre alt, und zu ihrer Untersuchung
gaben die sowohl während ihrer Menstruation als auch ausserhalb
derselben sich erneuernden Gebärmutterblutuugen Anlass; sie führten
auch zur Constatining des obengenannten Uebels. Die tau
mit breitem Grunde an der Uterus wand sitzende, durch den ausge-
dehnte.li Muttermund hindurch in die Scheide sich herabsenkeudi-
Geschwulst wurde von mir weggeschnitten und exstirpirt; wir effl.fr
Hessen in einigen Tagen die Frau, da der einfachen Operation keine
Eeaction folgte, die Wunde rein und die Körperkräfte, trete den
Blutungen, in genügendem Masse vorhanden waren.
1860, also drei Jahre später, wurde ich zu einer Gebärenden ins
I iinsilium gerufen, welche im 7. Monat ihrer Schwangerschaft geboren
hatte und zwar trotz dem schnellen Geburtsverlauf ein scheintodtea
Mädchen, und bei der sich nach Entfernung der Plaoenta noch eine
kindskopfgrosse Geschwulst von runder Form aus der .Schanispalte
herausdrängte. Ich erkannte in der Gebärenden meine vor 3 -lahren
operirte zuvor erwähnte Patientin. Die Geschwulst, deren fast
ebenso grosse andere Hälfte sich noch in der Uterushöhle befand,
war gleichfalls ein Polypus uteri fibrosus, der diese abnorme Gr
erst nach der Operation, also im Verlaufe einer kurzen Zeit, erreichte;
denn ich kann nicht annehmen, dass er meiner Aufmerksamkeit bei
der ersten Operation schon in Folge seines beträchtlichen Umfanges,
ganz entgangen wäre.
Dfl ich es in dem wochenbettlichen Zustand der Gebärmutter
nicht für rathsam hielt, die mit einiger Gewaltsamkeit verbundene
Totalexstirpation auszuführen, so schnitt ich vorläufig nur jenen Theil
des Polypen ab, der vor der Schamspalte lag und sparte die Ent-
fernung der anderen Hälfte für später auf. Doch wie gross war mein
Erstaunen, als ich anderen Tages die Kranke besuchend sah. dass
sich die Gebärmutter in Folge des grossen Gewichtes des Polypen
herausstülpte und sanimt diesem ans Tnireslicht kam. Unter diesen
Verhältnissen gelang die vollständige Abtrennung des Neugebildes
Semmelweis' gynaecologische Aufsätze.
545
vom Grunde des Uterus, aus dem sie sich heraus entwickelt hl
ganz leicht, worauf ich den Uterus reponirte. Die Kranke erholte
sich in drei Wochen ohne jedes Nachübel.
Bemerkenswert!) ist in diesem Falle der Umstand, dass die
Schwangerschaft bei dieser enorm grossen fibrösen Geschwillst voll-
ständige sieben Monate dauerte und auch die Geburt normal verlief,
wo es ja doch bekannt ist, dass die fibriisen G ••schwülste, namentlich
die grösseren, einerseits nicht nur die Conception verhindern, sondern
anderseits, falls diese auch erfolgt ist, eine Frühgeburt verursachen,
und die Gebärende auch während des Geburtsactes in Lebensgefahr
stürzen können, da die Gebärmutter in Folge ihrer unebemuässigen
Dehnung leicht eine Ruptur erleidet.
Aeltere und neuere Theorien über die Meiistrual-
blutimg.
(1864.)
Eine so wichtige und mit der Existenz des Menschengeschlechtes
gleich alte Function, wie es die Menstruation ist, deren physiologische
Bedeutung schon zu manchen Hypothesen Veranlassung gab und deren
Störungen im weiblichen Organismus starke Reactionen hervorrufen,
ist selbstverständlich auch in neuerer Zeit Gegenstand von Unter-
suchungen geworden, und es ist diesen letzteren auch gelungen, ihr
Wesen zu erklären. — Durch sie wurde der Begriff der Menstruation
auf physiologische Grundlage gelegt, während die älteren Autoren
ihr Hauptaugenmerk nur auf das aus den Genitalien herausfliessende
Blut richteten und hierauf die wunderlichsten Theorien und Hypo-
thesen bauten; und da ihre Begriffe über die Menstruation nicht über
die Blutung der Genitalien hinausreichten, so bezeichneten sie eben
nur diese mit dem Namen Menstruation, eine Benennung, die in den
gewöhnlichen Sprachgebrauch überging und bis heutzutage aufrecht
erhalten blieb.
Miese Function der weiblichen Genitalien galt von Anfang an
als eine natürliche; nur Wenige betrachteten die Menstruation als
eine accidentelle Erscheinung, als ein in Folge der Civilisation er-
erbtes Leiden, als einen durch sitzende Lebensweise, durch über-
mässigen Genuss reizender Speisen und Getränke verursachten schad-
haften Folgezustand. Oken z. B. behauptet, dass bei den ersten
Sprösslingen des Menschengeschlechtes keine Menstruation auftrat,
dass bei diesen gerade so wie bei den Thieren nur eine Anschwellung
der Genitalien erfolgte und dass nur nachher, als in Folge der
häutigen Cohabitation das den Blutgefässen der Gebärmutter zu-
strömende grössere Blutquantum diese erweitert und geschwächt
hatte, das Blut durchsickerte und die Blutung erblich wurde.
Semmelweia1 geiatnnielte Werket.
30
546
Semmelweis' gynaecologische Aufsätze.
Wenn nach Moscati die Ursache der Menstruation im
reihten Gang läge, dann wäre es schwer verständlich, warum
diese gerade so, oft sogar noch stärker bei solchen Frauen zeigt, die
ihr Lebelang an das Bett gefesselt sind, als bei denen, die viel
herumgehen; und warum wäre die Wirkung des dabei in Fum ti n
tretenden physicalischen Gesetzes nur an bestimmte Zeitintervalle
gebunden?
Die veraltete, aber auch heutzutage noch von Vielen für w:ilir
erachtete Ansicht, nach welcher das Üenstrualblut von so unreiner
Natur wäre, dass die Nähe der menstruirenden Weiber einen vn
deii.ilirlirii Emflusa auf gewisse Speisen und Getränke ausübte und
dass die Männer durch dessen giftigen Einfluss auch sterben könnten,
gab wahrscheinlich einigen Autoren den Anstoss, diese Theorie auf
chemischer Grundlage auseinanderzulegen. Hiernach wird der Körper
durch die Menstruation von unbrauchbaren Stoffen gereinigt, wo-
durch das mütterliche Blut zur Bildung der Frucht und zur Er-
haltung ihres Lebens geeignet wird. Ist es erklärlich, warum das
Weib zur Beschmutzung mit einem solchen verunreinigten Blute auf
immer verdammt sein sollte? In die Reihe der chemischen Theorien
gekört noch die Anschauung, dass die Gebärmutter die Rolle einer
Hilfslnnge spiele, die überschüssige Kohlensäure ausscheide und zur
Ausgleichung der kleineren Lunge der Weiber und ihrer schwächeren
Function diene.
Unsere gegenwärtigen Kenntnisse über die Bestandteile den
Menstrualblutes beweisen, dass es identisch mit dem normalen Blute
ist und seine mindere Gerinnungsfähigkeit nicht in dem Mangel an
Fibrin, sondern vielmehr in der saueren Reaction des Vaginalsrltl« äms
zu soeben ist. Die obige Anschauung kann also nicht nur vom
chemischen Standpunkte betrachtet nicht bestehen, sondern sie beweist
gleichzeitig, dass ihre Verkünder jenem wirklichen pM'siologisehen
Processe, dem zu Folge das Blut lediglich durch die Xthmung
seiner Kohlensäure gereinigt wird, die gebührende Aufmerksamkeit
nicht zugewendet haben. Wäre diese Anschauung richtig, was wurde
dann mit den Weibern vor der Geschlechtsreife und nach .lein Klimak-
terium geschehen, wenn die Hilfslnnge ihre Function noch nicht be-
gonnen, beziehungsweise sie bereits eingestellt hat?
Im Werke des Musitanus über die Frauenkrankheiten fii
wir eine sehr unterhaltende .Ansicht über den Ursprung der Menstruation.
Unsere Mutter Eva, schreibt er, bekam durch den Genuss der tot*
linteiti-n Frucht einen derartigen Liebeskitzel, dass sie ihren Gemahl
zum Beischlaf reizte, der dann ihre Begierde auch befriedigte; hie-
durch drückte das Weib der menschlichen Natur einen eklen Schmutz-
fleck auf und vererbte diesen für ewiye Zeiten auf alle ihre weib-
lichen Nachkommen.
Man schrieb die Entstehung der Menstruation gleichzeitig
Einflüsse des Mundes, d. h. seinen 4. .7 -mal jährlich sich wie
Beienden Phasen zu, da man eine Verdünnung und Zertliessung des
Blutes durch Mondeseinfliiss constatiren zu können glaubte.
Diese Ansicht aber erwies sich schon vor Langet /.'it als falsch,
da die Weiber zu allen Tagen des .Monats menstruiren.
Unter den alten Anschauungen hierüber ist noch jene Ansicht
zu nennen, welche sich auf die bei Frauen normaler Weise
kommende Vollblütigkeit bezieht. Demzufolge wird das überschüssige
Seiiiniehvtis" gynnecologiscbe Anfsätxe.
547
Blnt mittelst der Menstruation aus dem Körper entleert, wahrend
dasselbe bei Thieren zur Bildung gewisser abfalliger Körpertheile, wie
Schuppen, Haut. Federn. Haare, Hörn verwendet wird; beim Weib
wird das Blut bis nur Pubertätszeit für das Wachsen des Köi |
aufgebraucht, nach der Pubertät aber wird es durch die Innenfläche
ies I 'terns ausgeschieden.
Die alltägliche Erfahrung widerspricht der Ansicht, als wäre
die Menstruation eine Folge der Vollblütigkeit; strotzende, stark
gebaute Weiber menstruiren für gewöhnlich weniger wie die schwachen.
Und warum müsste denn das überschüssige Blut gerade durch die
Genitalien ausgeschieden werden? Ueberdies ist das Quantum des
während der Menstruation verlorenen Blutes in den normalen Fällen
viel geringer» als dass hiedurch das richtige Verhältnis hergestellt
weiden könnte. Es ist zwar Thatsache, dass die Weiber einen
grösseren Blutverlust leichter ertragen, als die Männer: doch kann
man dies nicht mit dem Vorhandensein einer grösseren Blutmenge
erklären, der Grund liegt vielmehr in der schnelleren Regenerirung
des verlorenen Blutes. Der bildungsfähige Stoff wird bei Weibern
mein' zur Rassenerhaltung und zur Regeneration der Blutmenge auf-
gebraucht, während derselbe bei den Männern hauptsächlich durch
dir Gehirn- und Muskelfunct innen in Anspruch genommen wird.
Hierin liegt auch die Ursache jenes Uxnstandes, dass sich die auch
ausser der Menstruationszeit häufig an Blutungen leidenden Weiber,
trotz des grossen Blutverlustes, sehr schnell erholen.
Wenn wir auch die Menstrualblutungen nicht für eine Folge
von Vollblütigkeit halten, so müssen wir dennoch anerkennen, dass
bei einzelnen Weibern in Folge verschiedener Einflüsse, wie psychische
Leiden. imthätige und sitzende Lebensweise, übermässige und natur-
widrige Befriedigung des Geschlechtstriebes, ein grösserer Bfateaflfiss
zu den Genitalien stattfindet. Zur Zeit der Menstruation kann die
zur Rlutausscheidung disponirte Gebärmutter gleichzeitig leicht als
AiHseheidinigsorgan pathologischer Blutungen dienen, und auf diese
Weise melden sich auch die mit der geringen normalen M<jnstrnal-
blntung verbundenen patliotnirisehrn Blutungen als Menstruation.
Demzufolge kann jede zur Zeit der normalen Menstruation auftretende
abnorm grössere Menstrualblutung physiologisch und zugleich auch
pathologisch sein; diese Ansicht scheint auch der Umstand zu be-
weisen, dass bei gesunden Weibern die der monatlichen Reinigung
entsprechende Blutung eine geringe ist.
Dies wären die hauptsächlicheren Ansichten, welche die Alten
über das Wesen der Menstruation hegten. In ihnen ist aber nur pob
den Blutungserscheinungen die Rede, ohne dass man versucht hätte,
diese mit der geschlechtlichen Function des Weibes in annähernden
Einklang zu bringen. Es ist ganz sonderbar, dass die vi>r und
während der Menstruation im Allgemeinbefinden des Weibes auf-
tretenden Erscheinungen nicht schon lange die Aufmerksamkeit auf
jenen inneren Zusammenhang sreleckt haben, in welchen dieselbe TOD
den neueren Forschern gebracht wurden, wodurch der Sachverhalt
von inelin-ivn Seiten und voneinander unabhängig auf Grund der
Untersuchungen bald aufgedeckt wurde.
Indess theilteu sich auch die neueren Forscher in zwei Parteien.
Der grössere Theil behauptete, dass die Menstruation keinen EirrflWS
auf die Conception ausübe, dass die Zeiigungstähb-krit beim Weibe
86*
;>4s
Semmelweis' gjnaecologiaclie Aufsätze.
fortwährend bestehe, und sieh zeitweise durch die Menstruation offen-
bare, welche periodische Offenbarung das Fehlen der Cuncepthm er-
setzt*; zwischen der Brunst der Thiere und der Menstruation des
Weibes Bei gar keine Analogie vorhanden, denn bei jenen sei die
Ausscheidung eine schleimige, bei diesen eine blutige, ferner gehe bei
den Thi<?ien zur Brunstzeil die erhöhte Begierde zur Befriedigung
des Geschlechtstriebes mit der gesteigerten Conceptionsfähigkeit Hand
in Hand, während bei den Weibern der Cohabitationstrieb während
der Menstruation aufhöre, nach ihrer Beendigung aber in erhalltem
Grade auftrete, und die Weiber dennoch trete des normalen Menstmi
nicht immer concipiren. — Der andere Theil kämpfte für die Identität
der Brunst und der Menstruation und schrieb dieser Function einen
unmittelbaren Einfluss auf die Conception zu, behauptend. I
sich die während den Meiisnuationsintervallen vollauf erschöpfte
Conceptionsfähigkeit durch die Menstruation wieder erneuere und Aaaa
der Eintritt der Blutung der kritische Punkt des monatlichen Processen
sei: wie sich bei der zum ersten Male auftretenden Menstruation
auch die ( 'oncejrtionsfähigkeit zuerst einstellt, so sei eine jede
Menstruation jener Zeitpunkt, in der das Weib am leichtesten empfange.
Auf beiden Seiten kämpften namhafte Männer, aber beide stimmten
darin überein, dass die Erscheinung der Blutung nur ein secnndirot
und accidentelles Phänomen ist.
Damit wir über den Gegenstand eine bestimmte Meinung U
können, ist es nothwendig, die auseinandergehenden Ansichten näher
zu prüfen, das Verhältnis des Geschlechtstriebes zur Conceptionsf*
keit und dessen äussere Erscheinungen zu untersuchen und dasselbe
mit dem der Menstruation zu vergleichen.
Die Brunst ist bei einzelnen Thierarten an bestimmte Zeiten des
Jahres gebunden und der Paarungstrieb äussert sich durch die An-
schwellung der äusseren Genitalien und durch die Ausscheidung eines
mehr oder minder schleimigen oder blutigen Seeretes. Dieser Zustand
ist bei einer grossen Anzahl der Thiere zum Gegenstand der Be-
obachtung gemacht worden, und man fand, dass die einzelnen Ab-
weichungen in den Symptomen, was z. B. den Zeitpunkt des Eintritt-;.
die Dauer, die Qualität und (Quantität des Ausflusses betrifft, in der
minderen oder höheren Entwicklung der Thiere, in ihrer Lebens-
weise, im Klima, in der Zähmung u. s. w. Wurzeln. — Die vnii den
Autoren angefühlten Ergebnisse stimmen nicht alle überein; den Grund
hievon müssen wir in den Schwierigkeiten suchen, mit denen du- l
obachtungen bei den Thieren verbunden sind. Man fand Menstruation
beim Hirsch, Hund, Affen, Sehwein. Büffel, Schaf, bei der Stute und
der Kuh. In der Trächtigkeit und während der Stillung zeigt sich
keine Blutung. Dass bei der Kuh die Menstruation nur selten be-
obachtet wird, kann nur dem Umstände zugeschrieben werden, dfifti
die Beobachtung auf der Weide schwer durchführbar ist und dass
die Trächtigkeit oder Lactation fast fortwährend dauert
Nicht zu gleicher Zeit mit dem Eintritte der Brunst, sondern um
2—3 Tage später erscheint die Blutung und zwar mit ungestümem
Geschlechtstrieb gepaart. Die Quantität des Blutes macht 2 — 3 Unzen
aus und dieses wird in längeren Intervallen stossweise entleert. Das
Blut ist licht und mit Schleim gemischt. Die Steigerung des Triebes
ist ein stetes Zeichen der Brunst, doch auch diese tritt nicht sogleich
im Beginn auf, sondern nur nach Aufboren der ersten BrunÄterichei-
Semmelweift' gynnecolngische Aufsätze.
549
nungen; bei der Hündin z. B. nach Buffon's Angabe erst am 6. bis
<. Tag. Als abnorme Symptome erscheinen während der Brunstzeit
die Trägheit, die Mattigkeit, trübes Auge, veränderte Stimme, trüber
Urin u. & w.
Ich halte es für überflüssig vor dem fachgelehrten Leser sänunt-
liehe die Menstruation begleitenden Symptome aufzuzählen. Bei der
unvoreingenommenen Prüfung wird er die Analogie nicht leugnen
kunnen. die zwischen den Erscheinungen der normalen wie auch der
durch verschiedene Einflüsse veränderten, aber zwischen den Grenzen
individueller Gesundheit liegenden Menstruation und den Erscheinungen
der Brunst besteht.
Wenn Burdach beim Uebereinstimmen der allgemeinsten Er-
scheinungen, wie die periodisch sieh wiederholenden Steigerungen der
Oenitalfunction, das der Entzündung ähnliche Aussehen der Genitalien,
dann die Säfteentleerung, — betreffs des Unterschiedes zwischen Brunst
und Menstruation anführt, dass bei der Brunst nur mit Blut ver-
mischter Schleim entleert wird und dass der entzündliche Zustand
und das Seeret sieh nur an den äusseren Genitalien bei Thieren
zeigt, beim Menschen hingegen die Gebärmutter der Sitz all dii
Processe ist: so sind wir ganz berechtigt eine solche Anschauung für
eine überstrenge Abgrenzung zu betrachten, da es der Aufmerksam-
keit einer pünktlichen Beobachtung nicht entgehen kann, dass sowohl
bei der Menstruation, wie bei der Brunst die Functionen des ganzen
Genitalsystems gesteigert sind und dass graduelle Unterschiede schon
bei den einzelnen Thierarten vorkommen.
Der Einwand, dass die Blutung bei Thieren nur aus den äusseren
Genitalien erfolgt, wird durch N u in a n ir s Beobachtung widerlegt.
bei der Untersuchung einer während der Brunst getödteten Kuh lau d,
dass die äusseren Tneile und die Scheide zwar roth waren, doch war
von einem Blutaustritte an ihrer Oberfläche keine Spur zu finden;
hingegen sah man das Blut aus der ganzen Höhle der Gebärmutter
heraussickern, und man traf es sowohl in frischem, als in geronnenem
Zustande.
Die periodische Wiederholung der Brunst, welche bei einzelnen
Thieren sogar den vierwöchentlichen Typus beibehält spricht ebenfalls
für die Analogie der beiden Functionen.
Nachdem wir die obwaltende Analogie zwischen den äusseren Er-
scheinungen der Brunst und der Menstruation dargelegt haben, wollen
wir nun unsere Aufmerksamkeit jenen causalen Momenten zuwenden,
die beiden als Grundlage dienen, sodann auch jenen Entdeckungen
der neueren Zeit, wodurch nicht nur die Analogie beider Functionen
bewiesen, sondern auch die richtige Theorie der Menstruation dar-
gelegt wird.
Besonders Bischoff gelang es in dieser Hinsicht nachzuweisen,
dass das Ei während der Brunst unabhängig von der Einwirkung
des Sperma reif wird und sich ablöst, demzufolge das Naturgesetz,
welches schon seit langer Zeit für die wirbellosen Thiere, dann liir
die Fische. Kaltblüter und Vögel seine «Teilung hatte, nun auch für
die Säugethiere als giltig erkannt wurde. Bischotf stellte Unter-
suchungen bei Hunden, Schafen, Schweinen an, und er fand Eier in
den Tuben, sah die Graafschen Follikel geborsten, die Corpora lutea
gut ausgebildet und die sämmtiiehen Genitalorgane aufgedunsen. Die
diesbezüglichen Beobachtungen vermehrten sich von Tag zu Tag und
550
Si nnuetweis" g-jnaecolugische Aufsätze.
erhüben die Wahrheit der Behauptung über jeden Zweifel, ilaBfl dftl
in il en Eierst Jm k i ii sich abspielende Process — nämlich
die Reifung und Ablösung: des Eies — die einzige
sämmtlichen allgemeinen
sache der Brunst und ihrer
und localen Symptome ist.
Nach der Aufstellung dieser Theorie konnte man mit Recht
voraussetzen, das* das Gesetz der Reifung". Ablösung und Abstossung
des Eies aus dem Eierstock, das für die ganze Thierwelt (liltigk-iT
hat, auch für den Menschen bestellen müsse.
Lee, Pnterson, Gendrin, Negrier, Montgomery u. A.
haben sich mit diesem Gegenstand zur selben Zeit und von einander
unabhängig beschäftigt, und gefunden, dass die Menstruation stet-
mit der Zeit der Bildung des Corpus luteum zusammenfällt Ver-
schiedene Anatomen und Physiologen haben sich ebenfalls von der
Richtigkeit dieser Thatsache überzeugt, indem sie in den Leichen von
Frauen und Jungfrauen, die während der Menstruation starben, in
vollständig reife und geplatzte Follikel fanden.
Ausserdem gelangten mir noch einige pathologische Fälle zur
Kenntnis», die deutlieh zeigen, dass die Menstruation vom Eierstock
aus ihren Beginn nimmt. Diesbezüglich ist jene Beobachtung Robert s
erwähnenswert b. derzufolge bei weiblichen Cnstrirten weder die Men-
struation, noch ein ( 'ohabitationsbetrieb vorhanden ist. Weiter
Fall Pott 's, der bei einem sonst wohl entwickelten und regelmäßig
menstruirenden 23jährigen Mädchen den in einer Inguinalhernii
liegenden Eierstock exstirpirte. worauf sich die Brüste zurück! >i II
und keine Menstruation mehr eintrat.
Für die. Analogie zwischen der Brunst und der Menstruation
zeugt ausser dem hier geschilderten Verhalten der Eierstöcke and
das der Uterusschleimhaut. Wie bei den Thieren zur Zeit der Brunst,
so wächst in ihrem Umfange und schwillt die Uterusschleimliaut auch
beim menschlichen Geschlecht in Folge von Kongestion während dei
Menstruation an, und wird hierdurch zur Aufnahme und zum Anhatten
des Eies geeignet gemacht.
In welch innigem Zusammenhang die Menstruation mit dem Vor-
gang der Zeugung steht, erhellt auch schon aus der zu allen Zeiten
beobachteten, sich auf die Erfahrung stützenden Thatsache, dass difi
< .in r], nou zumeist während oder kurz nach der Menstruation erfolgt.
Dies ist einzig nur so erklärbar, dass das Ei zu dieser Zeil nock
frisch und leicht befruchtbar ist, indess dasselbe später diese Eigen-
schaft verliert und zu Grunde gebt
Bise hoff leugnet nicht, dass die Zeitverhältnisse des Austrittes
des Eies aus dem Eierstock, dessen Durchzug durch die Tuben, dann
seine Erhaltung, sowie die wählend dieser Zeit sich vollziehenden
Änderungen der Uterussealaimhaut, den verschiedensten individuellen
unterschieden unterworfen sind, die das einemal eine kürzere, das
anderemal eine längere Zeit währende Conceptionsfahigk* it zustande
bringen. Eine solche sehr verspätete Conception ist nach Bischofl'
auch der Dauerhaftigkeit der Befruchtungsfälligkeit des Sperma zu-
sehrefbbar, derzufolge dieses in intactem Zustande in den weiblichen
Genitalien zu verharren und indem es das nächste Ei abwartet.
die Befruchtung kurz vor der Menstruation zu vollziehen vermag.
Auf Grund all des Gesagten besteht das Wesen der Menstruation
in der Reifung. Ablösung und Abstossung des Eies. Die Blutung ist
Seturaelweis' ltvi ideologische Aufsätze.
eine nebensächliche Erscheinung, welche auch gänzlich fohlen und
durch einen Schleinifluss ersetzt werden kann. Die Menstruation steht
mit tor (ieschlechtsvenuehrung in nothwendigrem Zusammenhange;
die Brunst und die Menstruation sind analoge Lelvnsproeesse. Jeder
gegen diese neue Lehre gerichtete Zweifel und Einwand entspross
der Schwierigkeit, die sich der Untersuchung dieses Gegenstandes ent-
gegenstellte, ferner der Unkenntnis der Eutwickelungsgt des
gelben Körpers, und endlich daraus, dass man vergass, jedes Gesetz
habe auch seine Ausnahmen, und dass man auf Grund abweichender
Falle die neue Lehre umstossen zu können vermeinte.
Es wurde unter Anderem angefahrt, dass Eier auch ohne Men-
struation heraustraten. Doch gerade durch die neue Lehre ist BS be-
wkaen. dass die Blutung ein nebensächliches Symptom der Menstrua-
tion ist. dass sie auch wegbleiben und — wie wir schon sagten — durch
Schleimabsonderung ersetzt werden kann, ohne dass die Reifung und
Abstossung des Eies gestört würde. Es giebt Frauen, die schwanger
wurden und geboren haben, ohne dass sie je menstrnirt hätten.
I'nnatns erwähnt eine Frau, die zweimal, B o u d o 1 e t eine, die zwölf-
mal und auch Jaubert eine, die 18 mal gebar, ohne dass sich bei
ihnen je eine menstruelle Blutung gezeigt hätte. Peter Frank
behandelte ebenfalls eine Frau in Pavia. die ohne jede Menstruation
dreimal Mutter ward, und er hatte sogar auch solche Mädchen in
seiner Beobachtung, die vor dem Eintritt der Menstruation in
Schw ;i i'i gerschaft kamen.
Die Behauptung, dass eine Menstruation auch ohne Bersten des
Graafschen Follikels auftreten könne, wurde durch die Erfahrung
nicht bestätigt. Es ist wahrscheinlich, dass dabei irrthümlich aus
verschiedensten pathologischen Ursachen stammende Blutungen als
Menstruation angesehen wurden.
Die Ansicht MeckeUs, dass die Menstrnation selbständig zu
Stande komme und dass mit ihr nur in jedem 9. — 10. Monate ein Ei
abginge, beruht auf der irrthiim liehen Voraussetzung, dass die Rück-
bildung des gelben Körpers 9 Monate in Anspruch nehme. Aus den
bezüglichen Untersuchungen geht hervor, dass die Rückbildung eine
verschiedene ist, je nachdem ihr nur eine Menstruation oder auch
eine Schwangerschaft vorausging. Im Beginne ist der gelbe Körper
in beiden Fällen in gleichem Masse ausgebildet. Wenn sich keine
Schwangerschaft einstellt, dann bleibt der gelbe Körper auf einer
niederem Stufe der Entwickeluug stehen, erreicht den Höhepunkt in
drei Wochen, und schrumpft in der vierten derart zusammen, dass
er kaum mehr zu sehen ist. Wenn aber Schwangerschaft erfolgt,
so dauert sein Wachsthum & — 8 Monate lang, auch die Rückbildung
währt lange, und man kann seine Spur noch nach Jahren auffinden. —
Bise ho ff jedoch fand in einer Reihe von Untersuchungen solcher Jung-
frauen, welche vor, während oder nach der Menstruation starben, bei
einer derselben, dass die Menstruation wirklich vor dem Bersten des
Follikels und dem Austritt des Eies zu Stande kommen kann, doch
geschieht dies nur dann, wenn der Follikel in das Gewebe des Eier-
Stockes tief eingebettet ist oder wenn die Tunica ovarii propria eine
beträchtliche Dicke besitzt. Diese Umstände vermögen einen Austritt
des reifen Eies zu verhindern
Wenn wir auch zugeben wollen, dass die Menstruation auch
ohne Bersten des Follikels wirklich vorkommen kann, so bleibt es
552
Stammelweis' gynaecologißche AtuV
noch immer wahr, dass dies nie ohne das bis zur vollständigen Reife
gediehene Ei möglich ist
Wenn aber auch die Blutung eine nur nebensächliche Erscheinung
der Menstruation, also kein wesentliches, unter allen Umständen notfl-
wendiges CoroDar derselben ist, — ihre grosse Bedeutung Ifisaf eich
dennoch nicht verkennen, da wir sehen, dass sie die Brunst mit seltenen
Ausnahmen stets begleitet, dass ihr Wegbleiben pathologische Störungen
verursacht, dass sie mit der Lactation und mit der Gravidität in engem
Zusammenhange steht, und endlich dass das mit der Menstruation aus-
geschiedene Blut die gleichen chemischen Eigenschaften besitzt wie das
normale Blut des Körpers. Mit Recht dürfen wir auch vorläufig annehmen,
dass die Natur das Weib zum Zwecke seiner Erhaltung während der
Gravidität und Lactation mit der Fähigkeit einer ausgiebigeren Blm-
bereitung versehen hat. Dieses Blut wird in bestimmten Zeiträumen
ausgeschieden, so lange das Weib es in dem normalen Processe seines
eigenen Organismus nicht benöthigt; und es wird zurückbehalten, so-
bald die höhere Bestimmung des Weibes Platz greift.
Die Menstruation und ihre Anomalien.
(1864)
In unserer vorigen Mittheilung haben wir die in älterer und
neuerer Zeit geäusserten Ansichten über die Menstruation miteinander
verglichen und dabei constatirt. dass die Menstruation nur
liches Symptom der periodischen Reifung des Eies im Eierstock ist.
Vom physiologischen Standpunkte ist also die Reifung des Eies das
wichtigste Moment, die Blutung hingegen nnr ein nebensächlicher
l instand. Dem Gynaecologen hingegen ist die Reifung des Eies der
nebensächliche Umstand, da deren Veranlassung ausserhalb seines
Wirkungskreises liegt, während die verschiedenen Anomalien der
auxserliclieii Blutung dem Frauenärzte viele Schwierigkeiten bereiten.
Die Störungen der Menstruation werden für gewöhnlich in drei
Klassen getheilt; entweder tritt sie nicht zur normalen Lebenszeit
ein; oder aber bleibt die schon vorhanden gewesene aus: fehlende
Menstruation (Amenorrhoea); oder sie erscheint von grossen Sehmerzen
begleitet: schmerzhafte Menstruation (Dysmenorrhoea); oder sie ist
sehr profus, oder oft zurückkehrend: verstärkte Menstruation (Me-
noirhagia).
I. Fehlen der Menstruation (Amenorrhoea).
Es ist eine weise Einrichtung, dass die Zeugungsfähigkeit das
letzte Geschenk der .Natur ist, das dem Menschen erst dann bescheert
wird, wenn der ganze Organismus im Uebrigen einen gewissen Grad
Semmel weis' gynneculogische Aufsätze.
553
der Reife und Vollendung erreicht hat. Beim Weibe ist die Men-
struation das Zeichen und die Folge dieser neuen Fähigkeit, indem
sie zeigt, dass die Eierstöcke zur Reifung1 der Eier fähig geworden
sind, und dass sie nunmehr befruchtet werden müssen, damit sich aus
ihnen neue Wesen entwickeln. Der erste Eintritt der Menstruation
in unserem Klima fällt auf das 15. bis 19. Lebensjahr, Die zur Zeit
der Geschlechtsreife auftretenden Veränderungen im Organismus des
Weibes entstehen aber, wie die .Symptome des Zahnens, nicht auf
einmal, sondern erstrecken sich auf eine Zeitdauer von mehreren
Monaten. Zu dieser Zeit sind bei dem weiblichen Geschlecht aiuti
Erkrankungen häufiger, wie lieim männlichen, und laut den Todten-
listen ist auch die Sterblichkeit in diesem Zeitraum bei jenem eine
grössere, als in den vorhergehenden Jahren. Die Sorge, mit der die
Eltern das Herannahen dieses Zeitabschnittes erwarten, ist gerade
deswegen nicht unbegründet, und nicht ohne Grund wächst auch fort-
während ihre Angst, wenn sich der Eintritt der ersten Menstruation
verspätet, denn wenn einmal die Blutung zur richtigen Zeit erschienen
ist, so kann man die Gefahren der Pubertät zum grössten Theile für
überwunden betrachten.
Die Gefahr, welche das erste Erscheinen der Menstruation be-
gleitet, ist viel grösser, wenn sich diese später zeigt, als wenn sie
sich früher einstellt, und die Erfahrung lehrt, dass in den meisten
Fällen, wo die erste Menstruation nach dem 20. Lebensjahr eintritt,
entweder eine allgemeine oder eine locale Störung den Grund dafür
abgibt.
Der Umstand allein, dass ein Weib in seinem Alter über die Zeit
hinwegge.sehritten ist, in der sich die Menstruation gewöhnlich zu
/.eigen pflegt., ist noch kein hinreichender Grund für eine ärztliche Be-
handlung. Die Zeit des Eintrittes der Pubertät ist sehr verschieden,
bei Einer tritt die Menstruation im 10. bei der Anderen im 20. Lebens-
jahre auf, ohne dass in beiden Fällen die Gesundheit notwendiger-
weise darunter leiden müsste. l'ebrigens ist das Nichteintreten der
Menstruation bei gesunden Weibern gewöhnlich mit dem Fehlen irgend
eines Pubertätszeichens verbunden, und zeugt davon, dass die sexuelle
Entwickelung überhaupt zurückgeblieben ist. Das steht aber nicht
für einen jeden Fall; denn es kommen auch Fälle vor, wo sich vor
der Menstruation eine Schwangerschaft einstellt, also die Zeugungs-
fälligkeit schon früher vorhanden war, ehe sie sich durch ihre ge-
wöhnlichen Zeichen verrieth. Die alten Aerzte waren bei solchen
Fällen viel mehr betroffen als wir, die wir wissen, dass das Erscheinen
des Menstrualblutes kein wesentliches Symptom ist und dass die
Reifung und Äusstossung des Eies unabhängig hievon geschehen kann.
Ein ähnlicher Fall bildete einst den Gegenstand meiner Untersuchung.
Ein Weib, dass noch nie menstruirt hatte, heirathete in seinem 20.
Jahr, wurde bald schwanger, und die erste Menstruation trat erst
nach der Geburt des ersten Kindes in regelmässigen weiteren Perioden
auf: sie gebar auch später noch einige Kinder, hoch ist das ein
seltener Fall, und wenn die Frau vor ihrer Heirath noch nicht men-
struirt hat, so ist unsere Besorgniss, dass sie steril sei, nicht ganz
grundlos.
Die Amenorrhoe, welche von der unvollständigen Entwickelung
der Genitalien abhängig ist, wird entweder durch derartige causale
Umstände verursacht, die eine Menstrualfunction überhaupt un-
554
SeiuinelweLs' ggUMOoldgWOlM AllftHttWt
möglich machen, oder aber von solchen, die den Abfluss des Men-
strualblutes hemmen. Die aus der ersten Ursache stammenden Falle
entziehen sich der Möglichkeit einer ärztlichen Behandlung, während
die letzteren eine Hoffnung' auf Heilung zumeist zulassen. Bei tan
ersteren ist der sexuelle < liaracter in vereinzelten Fällen überhaupt
nur unvollkommen ausgebildet und das cyclische Auftreten der die
Menstruationen begleitenden Symptome wurde dabei nie beobaeh
während in den anderen Fällen die Weiber zu gewissen Zeiten von
Kreuz- und Rückenschmerzen sowie anderen Leiden geplagt werden,
welche die Menstruation begleiten, und ihre äusserliche Entwi'k' luir_r
trägt jeden Stempel der Weiblichkeit an sich.
Es kamen auch solche Fälle vor, wo beim Vorhandensein ganz
normal entwirke] ter Genitalien beide Eierstöcke gefehlt haben. Unter
die weniger selteneren Fälle gehört das Fehlen nur eines Eierstockes
und bei diesen pflegen zumeist auch die übrigen, an der betreffenden
Seite Hegenden, dem Uterus angehörigen Organe zu fehlen; es wurde
sogar das Fehlen der einen Niere beobachtet. Die Ursache solcher
Verhältnisse ist in der unvollkommenen Entwickelung des Urogenital-
>\ steins zu suchen. Minder selten kommt eine mangelhafte, dem
Säuglings- oder Kiudesalter entsprechende Entwickelung beider Eier-
stocke entweder das ganze Leben lang, oder während dessen grösstem
Theile vor; da können selbst die Spuren der Graafschen Follikel im
Gewebe kaum wahrgenommen werden. Das Zurückbleiben der Eier-
stöcke auf dieser Entwicklungsstufe ist, wenn auch nicht immer,
doch zumeist, mit der mangelhaften Entwickelung der Gebärmutter
und der übrigen Genitalien verbunden, und es ist unnöthig zu sagen,
dass solche Weiber immer steril sind.
In zwei Fällen hatte ich Gelegenheit solche Individuen zu !"■-
obachten, bei denen ich auf eine mangelhafte Entwicklung der Eier-
stöcke schliessen musste. Das eine mal war es eine etwa 43 jäh i
Frau, die schon seit 20 Jahren in der Ehe lebte, doch nie menstru
und am h nie schwanger wurde. Bei dieser Frau waren die Genitalien
wohl entwickelt, die Gebärmutter zwar klein aber der Geschlechts-
trieb fehlte nicht Der zweite Fall betraf ein 20 jähriges Mädchen,
das sich über derartige allgemeine Gesundheitsstörungen beklagte,
von denen wir zu hören bekommen, wenn sich das Einstellen der
Menstruation verspätet. Die Pubertätszeichen waren zwar bei ihr
alle schon vorhanden, doch fand ich die Scheide klein und die Gebär-
mutter nur so gross, wie sie im Kindesalter zu sein pflegt Bri die>er
Person ging die Entwicklung der Genitalien erst später vor sich, und
die normale Function stellte sich hierauf bald ein. Die den erwähnten
ähnlichen Fälle interessiren mehr den Physiologen, weniger den prak-
tischen Arzt; er vermuthet ihr Vorhandensein, doch trägt er zu ihrer
erfolgreichen Heilung mit Nichts bei.
Zu den zwar nicht so unklaren, aber was ihre Heilung anlangt
eben so hoffnungslosen Complicationen gehört auch das Fehlen der
Qebänatttter, oder, was noch öfter vorkommt, der Fall, dass
Gebärmutter durch ein oder zwei, etwa bohnengrosse oder noch klein, i. .
aus Uterusgewebe bestehende Körper vertreten ist. Solch eine rudi-
mentäre Gebärmutter oder ein vollständiges Fehlen derselben kann
auch bei normaler Entwickelung der äusseren Organe vorkommen;
in diesem Fall ist die Scheide kürzer als bei normaler Entwicklung
und endet sackartig. Ich habe von dieser Art fehlerhafter Bildung
JSemmelweiä' gynaecologische AuLsiiize
555
nur einen einzigen Fall bei einer 20 jährigen, seit einigen Monaten
verheiratheteu jungen Frau gesehen, die meinen Rath zur Beseitigung
ihres bei dem Coitns empfundenen Hindernisses erbat. Diese äusser-
lich trefflich aussehende Frau hatte normale äussere Genitalien, aber
die Scheide war kaum anderthalb Zoll lang1 und lief in einen Back aus,
bei der inneren Untersuchung war der Uterus weder durch die Scheide,
noch durch den Mastdarm tastbar.
Ausser diesen Fallen, wo das Fehlen der Menstruation von I I ■-
saclien abhängt, die ausserhalb der (Frenzen ärztlicher Behandlung
liegen, kommen auch derartige vur, wo sowohl der Eierstock da ist
und normal functiomrt, als auch die Gebärmutter vorhanden ist und
die Menstrualblutung aus ihrer Schleimhaut erfolgt, und trotzdem das
Blut wegen angeborenen Zusammengewachsenseins oder wegen Ver-
stopfung des Muttermundes, ebenso wie in Folge eines Scheidenfehlers
oder Scheidenverschlusses nicht frei abtliessen kann. Solche Personen
fragen jedes Zeichen der Geschlechtsreife an sich, mit Ausnahme der
Menstruation. Solange die Menstruation fehlt, melden sich die be-
gleitenden Vorzeichen oft noch in stärkerem Itaasse; später aber, ohne
dass die Menstruation eintritt, lassen sie wieder nach, um ßicfl nach
dem Ablauf der Menstruationszeit wieder einzustellen.
Erst nach Monaten wird bei solchen Personen eine Umfangs-
zunahme des Unterleibes beobachtet T die unter stets wachsenden
Leiden immer sich mehr vergrösscri.
Die Krankengeschichte dieser Weiber, das Fehlen der Menstrua-
tion in einem Alter, wo sie sich schon hätte einstellen müssen, und
trotz ihrer sich in den normalen Intervallen stets wiederholenden Vor-
zeichen dennoch ausblieb, gepaart mit dem fortwährenden Wachsen
des Unterleibes, — alle diese Erscheinungen führen mit der Zeit zur
Erkenntniss der Krankheitsursache und weisen behufs Beseitigung
auf die erforderliche chirurgische Behandlung. Doch kommen mit-
unter Umstände vor, in deren Folge der vergrößerte Umfang des
Unterleibes nur nm Vieles später entdeckt werden kann, als man
anzunehmen geneigt wäre. Ueberall, wo der Abfluss des Menstriuil-
blutts aus mechanischen Ursachen verhindert ist, wird auch die Aus-
scheidung geringer; wir würden uns indess täuschen, wenn wir glaubten,
dass sich das in die Uterushöhle ergossene Blut dort einfach anhäuft
ohne dem vitalen Einflüsse des Organismus ausgesetzt zu sein. Im
Gegentheil, die aufsaugenden Gefässe fordern das ergossene Blut von
hier weiter, und die mikroskopischen Untersuchungen bezeugen, dass
damit eine gleiche Veränderung vor sich geht, wie wir sie bei Blut-
eririissen in anderen Theilen des Körpers beobachten, die durch einen
analogen Process entfernt werden.
Seewerer zu erkennen sind jene seltenen Fälle, wo bei einem
Uterus bicornis oder bilocularis nur dessen eine Hälfte durch
das Zusammenwachsen verschlossen ist. Das Menstrualblut fliegst aus
der offenen Hälfte der Gebärmutter frei ab. während es sich in der
anderen Hälfte anhäuft. Einen solchen Fall beobachtete Kok i tan sky.
Es war nämlich bei einem Uterus bicornis die linke Hälfte versperrt,
und die. Ansammlung des Menstrualblutes verursachte eine Entzündung
und Verjauchung der Gebärmutter und der benachbarten Theile. Die
angesammelte Flüssigkeit durchbohrte auch die rechte Hälfte der
Gebärmutter, und floss von hier zeitweise in kleinerer und grösserer
Menge ab. Die Patientin starb an jauchiger Bauchfellentzündung.
r,',i
Semmel weis' gynaeculogische Aufsätze.
Für solche Fälle müssen wir die Prognose berücksichtigen, die wir
aufstellen, wenn wir das Resultat der zum Zwecke der Heilung er-
wünschten Operation in Betracht ziehen. Wenn auch ihr Ausgang
meistens günstig ist. dürfen wir dennoch nicht vergessen, dass — ab-
gesehen von dem Auftreten einer Entzündung — ein tOdtlicber Aiiv
gang selbst bei einer so einfachen Operation, wie die Durch nvnnung
des Hymen imperforatum. erfolgen kann; ein solcher fand in einigen
Fällen in Folge eines Blutergusses durch die Ductus Fallopii in
Bauchhöhle- hinein statt, trotzdem die Oeffnung der Scheide genügend
gross war und der freie Abiluss des Blutes auf natürlichem Wege
leicht hätte geschehen können.
Zu den Entzündungen der Genitalorgane von Frauen, die bereits
menstruirt und geboren haben, gesellt sich nicht selten eine
Amenorrhoe, und zwar entweder in Folge einer latenten Erkrankung
der Eierstocke — wodurch das Zustandekommen der Menstruation
unmöglich wird — oder in Folge Zusammenwaehsens der Miu
mnndslippen oder durch das Aneinandei kleben der Wände des ( Servil
oder in Folge einer Verletzung der Scheide mit Wundwerden ihrer
Wände und darauffolgendem Verschluss. In diesen Fälle« kann sieh
das Menstrualblut gerade so wie bei fehlerhafter Bildung in der
bärmutter ansammeln, und die Entfernung desselben erheischt einen
chirurgischen Eingriff.
Bisweilen kann der Abflugs des Menstrualblutes in Folge Ver-
schlusses iler normalen Oeffnung nicht erfolgen; dies bewirkt eine
totale Amenorrhoe. Ich sah sogar Fälle, wo die Menstruation ft&efc
schwerer Geburt in Folge Verstopfung des Muttermundes und Zusammen-
wachsen der Scheide gänzlich aufgehört hatte, obwohl nicht anzu-
nehmen war. dass sich t in l'.utzündungsprocess in der Gebärmutter
oder in den Eierstöcken abspiele.
Wir haben vorstehend die Amenorrhoe -Fälle behandelt, die
eine Folge der angeführten Causalverhältnisse waren und chirurgischen
Eingriff erheischten. Nunmehr wollen wir die Aufmerksamkeit des
Lesers auf jene Fälle lenken, die durch Causalverhältnisse bedingt
sind, welche ärztliche Behandlung erfordern. Bevor ich aber in die
näheren Einzelheiten eingehe, halte ich es für noth wendig, noch einmal
auf den Umstand hinzuweisen, dass die einfache Verspätung in dem
Auftreten der Menstruation zu keiner Besorgniss Veranlassung geben
kann, auch keiner ärztlichen Behandlung bedarf; denn wie jeder
Entwickelungsprocess. so kann auch der des Genitalsystems erhebliche
Schwankungen zeigen, ohne dass dadurch die Gesundheit gefährdet
wäre. Das erste Zahnen geschieht bei einem Kinde im b\ Monat,
beim andern im ersten Lebensjahr, und ebenso stellt sich die
Menstruation bei einem Mädchen im 14—15., beim anderen im
17, Jahr ein, ohne dass dieser Zeitunterschied sich im besondern be-
gründen Hesse. Alle oft erheblichen Leiden, wovon die M&dc
einige Monate, ja sogar einige Jahre vor der Pubertätszeit betroffen
werden, vermögen das Erscheinen der Menstruation um lange Zeit
zu verzögern. Ich behandelte ein 20jähriges Mädchen, das noch nie
menstruirte und vielleicht, auch in Hinkunft nie menstruiren wird.
Diese Person erfreute sich bis zu ihrem 15. Jahr, wo sie an einem
schweren Scharlach erkrankte, stets der besten Gesundheit; mit ihrer
Erholung ging es sehr langsam und sie blieb in ihrer körperlichen
und geistigen Entwickelung zurück, in Folge dessen der schwache
.n mm t-1 weis' gynaecologische Aufsätze.
557
Organismus auch die Entwickelung der geschlechtlichen Fähigkeit
nicht am Stande brachte. Bei Cretins, bei denen die unvollkommene
geistige Fähigkeit gewöhnlich mit einer ebensolchen körperlichen
Entwickelung verbunden ist. pflegt die Pubertät gewöhnlich sehr spät
einzutreten. Aus den von der sardinischen Regierung im .lahre 1849
veranlassten pünktlichen Beobachtungen geht hervor, dass sich bei
den höchsten Graden des Cretinismus die Zeugungsfähigkeit über-
haupt nie herausbildet und auch bei minderem Grade des Gebrechens
die Menstruation, wenn Oberhaupt, erst spat, und durch das ganze Leben
hindurch nur in geringem Masse und unregelmässig erscheint; auch
bei dem minimalsten Grade aber stellt sie sich erst im 18. Jahr ein.
Wir dürfen weiterhin nicht des Umstandes vergessen, dass auch
wenn keine Krankheit oder keine locale Ursache vorhanden ist, die
die Offenbarung der Geschlechtsthätigkeit zur richtigen Zeit ver-
hindern würde, diese Thätigkeit dennoch öfters ihre volle Entwickelung
nicht zu jener Zeit erreicht, wo sie sich zum ersten Male äussert.
Es ist ja eine häufige Erfahrung, dass nach der ersten Menstruation
nicht selten eine Pause von einem, zwei ja sogar drei Monaten ein-
tritt, bis sie sich wieder zeigt, oder dass nach den ersten normalen
Vorzeichen keine blutige, sondern eine schleimige Ausscheidung
beobachtet, wird, die sogenannte weisse Menstruation (menses albae)
der Alten. Wir wissen, dass ein solcher Ausfluss für pathologisch
gehalten wurde, während er heutzutage nicht für einen solchen gilt.
Wenn die der Menstruation vorangehende und sie begleitende
Congestion im Uterus gering ist, so wird auch die durch dieses Organ
ausgeschiedene Blutmenge gering sein, und die Hanptbestandtheile.
des Ausflusses werden aus Schleim und Epithelzellen bestehen. In
solchem Falle ist dies eine ebenso echte Menstruation, wie sie es
bei einem Weibe ist, aus deren Genitalien eine ausgiebige Blutung
erfolgt; eine solche Thätigkeit des Organismus regelt sich in einigen
Monaten gerade so, wie man es bei gesunden, wohl entwickelten
Weibern zu sehen gewohnt ist.
Jene Fälle abgerechnet, in denen sich die Entwickelung ver-
spätet hat, ferner jene, wo die vollständige Heranreifung der ge-
schlechtlichen Function nur langsam zu Stande kommt, oder die
normale Zeugungsfähigkeit in Folge vorausgegangener Krankheiten
eine unbestimmte Zeit lang zurückgeblieben ist, kommen noch der-
artige Fälle vor. wo der Menstrualprocess zu einer Zeit ausbleibt,
in der sich die Pubertätsveränderungen für gewöhnlich schon voll-
zogen haben. Das auffälligste Symptom dieser Fälle ist die gest i tc
Gteaondheit) und als solche muss sie als causale Hauptursache jener
verschiedensten Krankheitsformen betrachtet werden, mit denen sie
zu gleicher Zeit auftritt.
Die Erscheinungen, die das Ausbleiben der Menstruation
symptomatisch begleiten, zerfallen in zwei verschiedene Classen; diese
unterscheiden sich ihrem äusseren Oharacter nach ungemein, während
sie in ihrer essentiellen Ursache wahrscheinlich nur in ganz Wenigem
von einander abweichen. Während in einem Falle eine Plethora, im
andern Anämie sichtlich vorherrscht, besitzt die erstere eine Neigung
zum Uebergang in die letztere, welcher Uebergang nicht selten sehr
schnell einzutreten pflegt.
Das sich in seiner Kindheit der besten Gesundheit erfreuende
Mädchen macht, sobald als es sich seiner Pubertätszeit nähert, die
558
Semmel weis' gynaecologieche Aufttttt.
eigentümlichsten Wandlungren durch; seine Gestalt entwickelt siel
vollBtAodig, und beim Vorhandensein fast sämmtlicher Veränderungen
fehlt Nichte anderes mehr dazu, dass es für vollkommen reif gelte,
als das Erscheinen der noch nicht eingetretenen Menstruation. Die
Menstrualblutung stellt sich jedoch nicht ein; das Mädchen aber
beklagt sich über haiihVe Kopfschmerzeu, heisses ücsieht. Stnlih.-r-
stopfung, fortwährende Rücken- nnd hypochondrische Schmerzen; die
Zunge ist belegt, der Puls voll; all diese habituellen Störungen
nahmen zur Zeit ihres cyeJischen (etwa ^-wöchentlichen) Auftn
zu; endlich erscheint die mit nicht geringen Schmerzen einher»
gehende — zumeist geringe Menstruation ; und von da an [»liegt steh
nun gewöhnlich einige Monate lang nicht einmal das kleinste Symptom
einer Menstruation zu zeigen, — Am Anfange leidet das allgemeine
Wohlbefinden wenigstens nicht erheblich oder die Störung beschränkt
sich nur auf ein lebelbefinden in bestimmten Zeiträumen; allmählich
wird die Kranke indess mehr und mehr leidend, der Appetit vergeht,
der Magen verdaut nicht mehr, die schwache Kraft reicht nicht mehr
zur Ausführung der gewohnten Beschäftigungen, der Puls wird
schneller und schwach, das Gesicht nimmt jenes eigentümliche fahle
Aussehen an, von dem dieser Zustand die richtige Bezeichnung
Chlorose erhielt: bei der Auscultatinn hört man ein Bpecifiscbea
Geräusch, das die Durchströmung des Blutes durch die Herzhöhlen,
grösseren Arterien und Venen begleitet, als offenbares Symptom
veränderten Blutmischung, hauptsächlich aber und zumeist der
quantitativen Verminderung des Blutes.
In anderen Fällen waren die Symptome einer Plethora nie voi-
handen, die vorherige gute Gesundheit aber leidet umsomehr. je mein
rieh die Pubertätszeit nähert: der schwache Puls, die kalte Haut, die
blutleeren bleichen Lippen, der Appetitmangel und die Dyspepsie
treten stufenweise auf. wahrend sich die äusserlichen Zeichen der
Pubertät langsam und unvollständig entwickeln.
Bei der Entwickelung des (leschlechtstriebes ist die Blutbeschaffeu-
Iieit in Betracht zu ziehen. Wahrend der ganzen Zeit scheint
unter den im Organismus auftretenden verschiedenen Entwickeln!
Processen keiner auf die allgemeine Ernährungsfliissigkeit in i
Masse zu wirken, wie die Veränderungen in den Genitalorganen.
Die rothen Blutkörperchen nämlich verringern sich an Zahl, während
die flüssigen Bestand t hei h fortwährend zunehmen, so sehr, dass in ein-
zelnen Fällen die Veränderungen so erheblich werden, dass sie auf
den ganzen Organismus schädlich rückwirken; diese Symptome decken
sich vollständig mit denen der Chlorose. Auf diesen Zustand in der
Schwangerschaft machte zuerst Kiwi seh aufmerksam. Bei solchen
Individuen wird neben der Zunahme der Gebärmutter auch die Ent-
wiekelmig des Kies zu stände kommen, aber nur auf Kosten des übrigen
ganzen Organismus der Frau, die dann unfähig ist. ihr Kind seihst
zu säugen. Der Organismus bedarf zur erstmaligen Bethätigung
bestimmter Functionen der Entwickelung von viel mehr Energie,
als zur Erhaltung einer bereits im Gange befindlichen functioneÜen
Thatigkeir nothwendig ist. Bei einem schwächlichen, tuberculösen
Kinde wird beim Eintritt der Geschlechtsreife die Menstruation nicht
sobald erfolgen, sondern es werden sieh statt ihrer allmählich die
Symptome der Chlorose einstellen, während erwachsene weibliche
Individuen trotz einer vorausgeschrittenen Tuberculose sowohl men-
Sfemmelweis' gjnaecologische Auf-.
659
struiren. als gebäret). Fast, in sämmtlichen dieser Fälle, wiewohl sie
zui- Ausnahme gehören, wurzelt der Hauptfactör der Krankheit im
Blut»', und während ihres Verlaufes treten erln bliche Störungen auf,
die dahin zu wirken scheinen, dass sie die Zeugungsfühigkeit BtQlSO,
abschwächen oder diese sogar gänzlich aufheben. — An Abzehrung
leidende Frauen menstruiren bis zu ihrem Lebensende nicht, während
wenn wir eine mit Carcinom Behaftete im Verlauf ihrer Erkrankung
aufmerksam beobachten, wir uns davon überzeugen, dass sich zwar
gelagentticli Blutungen aus der kranken Gebärmutter einstellen, aber
periodische Thätigkeit der (ienitalien nichtsdestoweniger aufhört,
sobald die Entwicklung der Cacbexie vorschreitet,
El gibt noch eine mit der Gesehlechtsfunction eng zusammen-
hängende Eigenthümlichkeit. die wir nicht ausser Acht lassen dürfen,
da sie der Grund dafür sein kann, dass die verspätete oder mangel-
hafte Ent Wickelung derartige Symptome erzeugt, zwischen denen
.voiist gar keine Analogie besteht. Für den weiblichen Organismus
scheint das Gesetz zu bestehen, dass, falls seine Oeconomie durch
Sc hwai überschatten und deren Folgen nicht gestört wurde, während
30 und einigen Jahns aus dem Organismus zu bestimmten Zeiten
eine gewisse Menge Blutes ausgeschieden wird. Diese periodische
Blutung zog schon in älteren Zeiten die Aufmerksamkeit auf sich
und es wurden dJl verschiedensten Hypothesen darüber aufge-
stellt ; in dem Einen aber waren — wenn auch bei I visehiedener
Begründung — Alle einig, dass die Menstrualfunction ein „depura-
tives Agens- sei, und man fegte sogar, dass sie als Mittel zur
Bminirung der überschüssigen Kohlensäure der Lungen aus dem
I teganismna diene.
Nach dem heutigen Stand der Physiologie wissen wir. dass die
Blutausscheiiiung aus den Genitalien das äusserliche Zeichen eines
inneren und viel wichtigeren Processes ist; doch dürfen wir nicht
vergessen, dass das monatliche Eintreten oder Ausbleiben dieser Aus-
Khetdang tob 4—6 Unzen Blutes für den Organismus durchaus nicht
gleichmütig ist, und dass das \usbleibeii dieser Erscheinung nicht
ohne Orund zu erheblichen constitntionellen Störungen führen kann.
Die Erfahrung lehrt sogar, dass auf das endgültige Aufhören dieser
während langer Jahre stets eingetretenen Ausscheidung fast immer
solclie Erscheinungen folgen, die da beweisen, dass das Gleiehgewi- In
Blutkreislaufes eine solche Störung erlitten hat, zu deren Ueber-
winduug nicht selten mehrere Monate nothwendig sein werden. Zu
dieser Zeit wird es zur besonderen Aufgabe der Leber, das Blut
gleichsam zu reinigen, und nun werden die Störungen in diesem Organ
häutiger als sonst; und obwohl sich auch zur Erleichterung des Aber-
bürdeten Organs nicht selten Blutungen einstellen, geschieht das
doch auf Kosten der Gesundheit, und kann die verschiedensten Krank-
lieitni, ja Bellst eine Lebensgefahr nach sich ziehen.
Die das Wegbleiben der Menstruation begleitenden Symptome
können auch bei ihrem Eintritt vorkommen. Wenn sich die Men-
struellen über die normale Zeit hinaus verzögert, sa ist der Organismus
den verschiedenen Erkrankungen gerade so freigesetzt, wie bei ihrem
normalen Wegbleiben. Die obige zweifache Aufgabe fällt nun auch
bier der Leber ES und in Folge dessen besteht auch in solchem
Falle dte gleiche N'eigurig ta ihrer Erkrankung : dieselbe Anlage tritt
auch in den Gedärmen auf, und die zu dieser Zeit sich einstellenden
560
Semmelwei9' gynaecologische Aufsätze,
Blutungen lindern oft diesen Stanungszustand, sicherlicli aucb hier auf
Kosten der Gesammtkörperkraft. Jedermann, der die Symptome kennt,
welche die Granular-Niere begleiten, wird es leicht verstehen, dass
die locale Plethora mit der Veränderung des Blutes und der Ver-
ringerung seiuer Bestand theile verbunden sein kann, und wird es ein-
sehen müssen, dass Blutegel. Abführmittel und Verordnung von Be-
wegung oft die nämliche Rolle in der Behandlung der Amenorrh <•<•
spielen, wie im Allgemeinen die Ntimulantien, die Eisenpräparate und
der Wein, ja, dass sie sogar über die letzteren einen Vortheil besitzen.
Die Art und Weise, wie diese Principien auf solche Fälle anzu-
wenden sind, wo sich die Menstruation überhaupt noch nie zeigte,
wird je nach der Verschiedenheit der Fälle zn entscheiden sein.
Unsere Hauptaufgabe muss stets darin bestehen, diese Function mehr
durch eine Einwirkung auf den Gesanimtorganismus, als mit Hilfe.
derartiger Medicamente herzustellen, die eine unmittelbare Wirkung
auf die Genitalien haben oder auch nur von einiger Wirkung
sein könnten. — Nach alledem beansprucht somit die Verzögern Dg
des Pubertätsbeginnes, falls damit keine constitutionelleu Störungen
verbunden sind, gerade so wenig eine besondere Behandlung, wie
das verspätete Zahnen im Kindesalter. In diesem Falle wäre vor
Allem festzustellen, ob die die Menstruation begleitenden Symptome
die Folgen einer einfachen Schwäche oder aber jener Art von Plethora
sind, die mit einer Veränderung und Verderbniss des Blutes im Zu-
sammenhange steht.
Obwohl wir unsere Aufmerksamkeit zu allererst der Lösung dieser
Aufgabe zuwenden sollten, zumal ja von ihr die Durchführung eine]
zweckmässigen Behandlung abhängt, so dürfen wir dennoch einen
andern Umstand nicht ausser Acht lassen. — Wenn sich nämlich das
erste Auftreten der Menstruation lange verzögert, so tritt dann diese
Function gewöhnlich mit Schmerzen und Beschwerlichkeiten verbunden
ein und erscheint lange Zeit hindurch nur unvollkommen. Wie schon
erwähnt, kann es dann geschehen, dass sich das Blut, welches durch
die Gebärmutter nicht ausgeschieden wird, einen andern Weg sucht,
und diese vicariirende Menstruation kann sich Monate lang verschleppen,
was nicht nur für die Gesundheit schädlich ist, sondern in Folge des
geheimnissvollen Einflusses der Angewöhnung dem Zustandekommen
einer normalen Menstruation schwere Hindernisse bereiten kann. Wie.
und warum dies so geschieht, hierüber will ich mich in keine näheren
Erörterungen einlassen. Einige führen die mangelhafte Innervation
der Genitalien, andere eine eigenartige Dichtigkeit des Uterusgewebes,
durch die der Abfluss des Blutes verhindert wird, als Grund an,
nder endlich eine eigenartige Dickflüssigkeit des Blutes selbst, der
zu Folge, es nicht so leicht durch die Poren dringen kann. Solche
Hypothesen sind aber ganz unfruchtbar, da sie unsere Wissensbegier
nicht zu befriedigen, geschweige denn klare Begriffe zu schaffen ver-
mögen. Was das Wesen der Sache betrifft, so ist es Thatsache, dass
bestimmte, in regelmässigen Wiederholungen sich mehr oder minder
deutlich kundgebende Perioden bestehen, die auf eine Störung in
Nerven- und I ieWisssystem und mehr oder minder auf Erkrankungen
der Gebärmutter und der angrenzenden Organe hindeuten und sich
als mangelhafte Menstruation offenbaren und dass zu solchen Zeiten
die auf die Gebärmutter applicirten Massnahmen nicht selten iai
Eintreten der Menstruation bewirken, während zu anderen Zeiten
Semmel weis' gyn:
561
dasselbe >V i-fri lireu vfdli ''nisslos. ja sug;ir flftchtheilig wirken
kann.
Die Behandlung besteht in der Hehnng des alldem einen Ge-
sundheitszustandes und in einzelnen Fallen in der Tonisirung der
UternsfoTtction. Doch ist dabei zu benierkeu, dass wenn sich keine
auf den Eintritt der Menstruation hindeutenden Symptome /.»'igen,
die Applicirung localwirkender Medicamente contraindicirt sein \\
In dem Falle, wenn der Zustand der Kranken auf einer all Li-
nie inen Srli wache beruht, sind Roborautien im weitesten Sinne
indicirt, worunter nicht nur die tonisirenden Mittel und Eisenpräparate
zu verstehen sind, die fast immer zweckentsprechend sind, sondern
die k ruft inende reine Luft, eine passende Lebensweise, freie doch
nicht ermüdende Bewegung. Aber eine grosse. Gefahr ist da immer
vorhanden, die wir nicht aus den Auum lassei] dürfen, und das ist
die Phthisis. — Die Disposition zur Stuhlverstopfung, die in diesen
Fällen .Störungen verursachen kann, ist nicht mittelst krämpfever-
nrsachenden drastischen. sondern mit geliudewirkenden Abführmitteln
zu bekämpfen; von diesen ist es vornehmlich der Aloe.-Extraet, der
unsere Aufmerksamkeit verdient. In einzelnen Fällen erhöhen die
Kisenpraeparate die Trägheit des Dannk.-mals. ein Uebelstand. dem
jedoch dadurch abzuhelfen ist. dass man das betreffende Praeparat
mit irgend einem löslichen Salz verbindet. Manilinial vermag ein
empfindlicher Magen selbst das schwächste Eisenpräparat nicht zu
Vortragen; dann sind die natürlichen Mineralwässer viel wirksamer,
als man es von der minimalen Menge Eisens, das sie enthalten, er-
warten würde. Selbst dann, wenn «-ine scheinbare Plethora vor-
handen ist, bewährt sich diese Medication am besten.
Wahrend man den allgemeinen Gesundheitszustand dinrh die er-
\\ a 1 1 n i e 1 1 M &8S] vgeln zu erhalten bestrebt ist, beansprucht der Eintritt
dar Menstruation eine unmittelbare Aenderung in der Darreichung
der Medicamente, Die Kranke inuss die grösste Ruhe pflegen; falls
ein Uebelbefinden oder erheblichere rirculatiunsstörmiiren auftreten,
ist es sehr wünschenswert]!, dass sie im Bette verbleibe; die früh
und Abends gebrauchten warmen Bäder mit Zugabe vmi Senfmehl.
wenn auch die localen Schmerzen nicht gross sind, fördern sehr oft
die Menstruation, Ebenso leisten auch die reizenden harntreibenden
Mittel, wie Aether nitricus, Terpentin, Spiritus juniperi gute Dienste,
indem sie eine Congestion in den Unterleibsorganen und als Folge
davon eine blutige Ausscheidung aus dem Uterus bewirken, wodurch
sich der Zustand der Kranken in erheblicher Weise erleichtert. Doch
muss man bei der Verordnung dieser Mittel sehr vorsichtig sein; ein
jedes gewaltsame Vorgehen, wie die Verabreichung von grossen
Dosen (anthariden oder Sabinen-Oel, Vaginaleinspritzungen mit stark
wirkenden localen Mitteln, z. B. dem mit Milch vermischten Liquor
ammonii caustici, oder die Einführung des Höllensteins in den
Uterus — sind in ihrer Wirkung zweifelhaft und nicht rathsam. In
einzelnen Fällen erwies sich die Anwendung der Electricität als
nützlich; das Mutterkorn ist ganz wirkungslos. Manchmal ist der
lOCSie Schmerz in der Gegend der Gebärmutter beim Eintritt der
AUustruationszeit sehr heftig, und während in diesen Fällen die
reizenden Bäder gar nichts nützen, lindern die auf die Portio
vaginalis applicirten Blutegel nicht nur den vor-
handenen Schmerz, sondern nehmen auch sehr oft
S.;> in m b] wein' gifsamiupUe Werke.
36
562
Semmelweis' ^ynaeecilogrisehe Anfsätze.
einen kräftigen Einfluss auf den Eintritt der Men-
struation.
Die Erklärung, die man gewöhnlich für diese Thatsache auf-
stellte, dass nämlich eine starke (ongestion in einem Ausscheidungs-
organ auch dessen Function einstelle, ist heutzutage nicht mehr an-
nehmbar, da wir wissen, dass die Menstruation keine Ausscheidung,
si mdern eine einfache Haemorrhagie ist. Die Thatsache aber ist
wahr und die sich hierauf gründende Behandlung verdient auf alle
Fälle gebührende Berücksichtigung.
Wir befassten uns bisher mit dem Studium jener Fälle, wo die
Menstruation ausgeblieben war. Eine andere und gerade so wichtige
Art der Anomalie möge auch Gegenstand unserer Untersuchungen
sein, nämlich der Fall, wo die Menstruation entweder unterbrochen
i.idei' unterdrückt wird. Es kann liier selbstverständlich keine Bede von
der Erforschung jener Umstände sein, die die Unterdrückung (Sup-
pressioj der Menstruation bewirken können, oder zu ihrem dauernden
Aufhören führen; denn ein erheblicher Theil der constitutionellen
Störungen und localen Erkrankungen, kann einen mittelbaren Einfluß
auf ihr Eintreten nehmen. Welchen Einfluss die Phthisis in ihrem
letzten Stadium auf die Unterdrückung der Menstruation übt, dies
haben wir früher, von der Phthisis redend, umfänglich besprochen:
doch sind ausserdem auch andere zahlreiche veraltete Leiden von
dem nämlichen Einflüsse, während die acute Entzündung der Eier-
stöcke und der Gebärmutter, oder die verschiedenen Arten der Eier-
stock-Degenerationen, sowie die GebärmiittergeschwiUste die Men-
struation auf Monate, sogar auf immer einstellen können und zwar
um Vieles früher, als die Zeugungsfähigkeit unter normalen Verhält-
nissen zu erloschen pflegt.
Ausser diesen Fällen, wo die Unterdrückung oder das Aufhören
der Menstruation von bestimmten Ursachen abhängt, kommen manch-
mal auch solche vor, deren Ursache in einer frühzeitlichen Alterung
(Decrepiditas) liegt, gerade so, wie wir das spate Auftreten als eine
Folge der spät eingetretenen Pubertät erkannt haben. Während
nach durchschnittlicher Rechnung die Dauer des Menstruirens sich
auf 30 Jahre erstreckt, und der Zeitpunkt seines Aufhörens
zumeist auf das 45. Jahr oder noch später fällt, pflegt sich uuter
normalen Verhältnissen das Aufhören der Menstruation nicht länger
als 10 Jahre lang hinzuziehen, wie denn auch nie ein Aufholen der-
sellM-n vor dem 30. Jahre beobachtet wurde, wenigstens nicht ohne
dass in der vorangegangenen Lebensgeschichte des Weibes irgend
eine bedingende Ursache für eine solche bedeutende Abweichung WM
der Regel aufzuweisen gewesen wäre.
Bis zu einem gewissen Zeitpunkte ist das Aufhören der Men-
struation meiner Meinung nach gleichgültig. Gerade so wie einzelnen
männlichen Individuen die sexuellen Fähigkeiten bis zum höchsten
Alter erhalten bleiben, während sie bei Andern schwach und träge
werden, ebenso kann bei Frauen die Zeugungslähigkeit lange Zeit
hindurch fortbestehen, oder anch vor der Zeit verloren gehen, ohne
dass hiedurch die Gesundheit in einem Falle besser, im andern
schlechter würde.
Es kommen bisweilen anch solche Fälle vor, wo das endgültige
Aufhören der Menstruatkm bei gleicher Körperconstitution mit der
gleichen aligemeinen Schwäche verbunden ist, wie hievon schon
Semmel wei>T gynaeco logische Aufsätze. 563
oben, wo wir das Ausbleiben der Menstruation erörterten, die Rede
war, Fälle, wo das Aufhören dann von den sämmtlichen pathologischen
Symptomen der Chlorose begleitet ist. Unter solchen Umständen
führt ganz die nämliche Behandlung zum Ziele; die nämlichen Eisen-
praeparate werden den jungen, wie den älteren Patientinnen verab-
reicht und /.war zumeist mit so gutem Erlbig, dass sich nicht nur
iHe Gesundheit erheblich bessert, sondern auch die Menstruation
neuerdings erscheint. Freilich kann es auch geschehen, dass durch
die zweckmässige Behandlung wohl die Gesundheit verbessert wird,
die Zeugungsfähigkeit aber endgiltig erlischt.
Nicht selten sind die Fälle, wo die Menstruation zwar nicht ein-
türallemal aufhört, doch die Geschlechtsfunction für längere Zeil
hemmt ist; diese Eventualität kann mit einer constitntiouellen Störung
verschiedenen Grades in Zusammenhang stehen. Im Beginn und zu
Ende der Zeugungsfähigkeit ist die Menstruation gewöhnlich un regel-
mässig; im ersten Falle, weil die Organe noch nicht ihre vollständige
Entwiekelung erreicht haben, im andern aber, weil die Zeugungs-
fähigkeit allmählich im Verschwinden begriffen ist.
Vor dem endgiltigen Aufhören sind die Menstrnations-Störungen
so häufig, dass die Frauen diese Zeit im ungarischen Sprachgebrauche
gewöhnlich die ..ärgerliche Zeit" („bosszanlu idöszak'4} nennen.
Was die ärztliche Behandlung betrifft, so muss im ersten Falle
die gestörte Function mit Aufmerksamkeit verfolgt werden, und man
muss bestrebt sein, sie ins normale Geleise zurückzuführen ; während
im letzteren Falle die ganze Fürsorge auf das Allgemeinbefinden zu
richten ist. Das Anregen der in ihrer Function bereits beeinträchtigten
Organe zu neuerlicher Thätigkeit ist zu vermeiden; es würde ja die
in Abnahme begriffenen Kräfte nur noch mehr verringern. Die Men-
struationsstörung zur Zeit der Zeugungsfähigkeitsabnahme ist lediglich
ein physiologisches Phaenomen; unter anderen Umständen aber ist
die Suppivssi od der Menstruation von verschiedenen Ursachen ab-
hangig. Sie kann von der Schwangerschaft, ja sogar von einer vom
Weibe gar nicht vermutheteii .Schwangerschaft bedingt sein. In
jenem Falle des Aufhören« der Menstruation, in dem die bedingende
Ursache nicht ermittelt ist, muss man vorerst feststellen, ob sie nicht
von Schwangerschaft herrührt, gerade wie eine solche Feststellung
auch beim Vorkommen von den Unter leibsgesehwiüsten zu erfolgen
hat, die so eil in Bebreff der Schwangerschaft irreführen. Unabhängig
von der Schwangerschaft, vermag nicht selten der Geschlechtsgenuss
die Menstruation auf eine Zeit lang aufzuheben, so dass bei jugend-
lichen verheiratheten Frauen oft zwei, drei Monate hindurch das Vor-
handensein von Schwangerschaft vermuthet wird, dann die ungerne
gesehene Menstruation wieder eintritt und die auf ihr Ausbleiben ge-
bauten Hoffnungen zu Nichte macht Die übertriebenen sexuellen
Excease, obwohl sie manchmal die entgegengesetzte Wirkung haben
und eine Menorrhagie verursachen, können in vielen Fällen auch die
Menstruation ganz aufheben, oder Störungen derselben hervorrufen
oder aber die "Blutausscheidumr sehr beeinträchtigen.
Eine jede plötzliche heftige Einwirkung ist im Stande die Men-
struation zu unterbrechen, wobei jene sowolü auf die Gebärmutter
local — wie z. B. bei Applicirnng der Kälte auf die äusseren Geni-
talien — als auch auf den ganzen Organismus wirken kann, wenn
■f.. B, die Füsse durchnässt werden oder wenn man sich zur Zeit der
36«
564
Bommelwds' gyneee«kigLsi-iu! Aufsitze-
Menstruation dem Wasser oder der Kälte aussetzt. Dieses plötz
Aulhören der Menstruation ist mit einer hochgradigen Empfindlichkeit
dir SebÄrmntter und mit heftigen Schmerzen verbunden; nicht selten
tritt BOgar die heftigste Congestiun und eine förmliche Entzündung
auf. Der psychische Zustand ist ;m«li von grossem Eintluss am
Körper, wie wir dies tagtäglich selbst bei solchen Functionen >•!-
vii, die von demselben weniger abhängig sind, und nicht selten
kommen auch Fälle vor, in denen irgend ein momentanes Unglück,
Angst. Zorn die Menstruation verhindern.
Obwohl die menstrnationhinderoden Ursachen ganz verschieden
sein können, ist die Behandlung doch sehr einfach, und beruht zu-
meist auf denselben Principien. Zwei Punkte erheischen hier be-
sondere Beachtung: vor Allem ißl die Menstruation, so weit es d
lieh, wieder in Gang zu bringen; ferner ist, wenn die Menstruation-
sieh wieder nähert, ihr Eintritt durch geeignete Mittel sicherzustellen.
Wenu das heisse Sitzbad oder das warme Vollbad, das im Bette
Liegen, die Uarnüimtiva oder Diaphoretica hierzu nicht genii^n
sollten, wenn die Menstruation in Folge der Einwirkung von I
oder aus anderen Ursachen plötzlich aufhören sollte, dann ist ruhig
die Zeit der nächsten Menstruation abzuwarten, 89 sei denn. daSS
dringende Symptome, wie eine bedeutend« Congestion im Uterus, die
Anwendung unverzüglicher localer Blutentziehungen. Aderlässe und
anderer ausgiebiger Mittel indiciren sollten.
Mit den erwähnten Mitteln haben wir auch zur Zeit des nächsten
Auftretens der Menstruation für das gehörige H«t In itVihren und die
Aufrechthaltung dieser Function zu sorgen.
Man kann die Wichtigkeit dieser Massregeln kaum genügend
genug würdigen; denn die habituelle Dysmenorrhoe hängt aller Wahr-
inlichkeit nach von dem chronischen Irritntionszustand oder der
Entzündung der tJebärmutter ab. welche wieder von der eventuellen
Suppresskm der Menstruation herrührt, wenn zugleich in Folgfi
Mangels an erforderlicher Sorgfall in Betreff des Eintretens der
nächsten Menstruation, die Erkrankung sich eingenistet hat,
II. Die vicariirende Menstruation (Menstruatio vicaria).
In der inedici irischen Literatur finden sich zahlreiche Fälle
zeichnet, in denen bei Weibern, die entweder eine vollständige Ame-
norrhoe oder eine nur spärliche Menstruation hatten, in cyclischen
Intervallen aus den verschiedensten Theilen des Körpers — wie
Lungen, Magen. Darmtract. Mund, Nase, Augen, Ohren und ver-
sehleienesn stellen der HautHäche — wiederkehrende Blutungen auf-
traten, die eben wegen ihrer Cvclicität für menstruelle Blutungen
gehalten und darum mit dem Namen vi ca ri irende Menstrua-
tion bezeichnet wurden.
Es unterliegt keinem Zweifel, daes viele auf diesen Gegenstand
bezügliche altere Beobachtungen eine ganz andere Deutung erfahren
müssen und dass es auch gegenwärtig viele Aerzte gibt, die einest heils
wegen Mangel an nöthigen pathologisch-anatomischen Kenntnissen,
anderseits aber wegen unvollkommener Untersuchung der betreffenden
Kranken der vicariirenden Menstruation eine re Bedeutung zu-
schreiben, als ihr zukommt.
Semmel weis" gynaecologisclie AufsiLtz>v.
5G5
In Meissner'.* Werk „lieber Frauenkrankheiten" umfasst die
Aufzählung der vicariirenden Menstruationsfälle 19 Selten, Meissner
beginnt sie mit Hippokrates nnd wenn man auch zugeben muss, (3as.s
eine beträchtliche Zahl der angeführten Fälle auf TftaschttSg be-
ruhen, so linden wir deren auch manche, von glaubwürdigen Leuten
beschriebene, so dass man an dem Vorkommen dieser Anomalie nicht
weiter zweitein kann. Diese Blutungen, welche an Stelle der Genital-
blutungen auftreten, pflegen gewöhnlich keinen schädlichen Einfluss
auf die Gesundheit der davon Betroffenen auszuüben. Dies könnte
nur dann statt haben, wenn der Blutverlust sehr gross wäre, wäh-
rend ja in den meisten beobachteten nnd bekannten Fällen diese
Anomalie nach längerem oder kürzerem Bestehen entweder von selbst
oder nach Anwendung einer geeigneten Arznei aufhörte. — Der Er-
fahrung nach schliesst die vicariirende Menstruation die Concepti
fälrigkeit nicht aus; es kamen sogar Fälle vor. wo sie gerade in
Folge von Schwangerschaft und Lactation aufhörte.
Was die Behandlung der vicariirenden Menstruation anbelangt,
so wird man in jenen Fällen, wo die Gesundheit der Kranken durch
dieselbe keinen Schaden erleidet, am zweckmässigsten von einer jeden
eingreifenden Behandlung absehen. Wenn aber die Blutung aus einer
Wunde, einem Gteschwfir, einer an Blutgefasserweiternng leidenden
Stelle oder ans einer Fistel n. s. w. erfolgt, dann kann diese Men-
struations-Anomalie dadurch beseitigt werden, dass man die ange-
fühlten Erkrankungen in Behandlung nimmt; jedoch muss bemerki
werden, dass die Heilung dieser pathologischen Processe in Folge der
cyclisch von Neuem auftretenden Blutungen viel Zeit m Anspruch
nimmt, zumal wenn der kranke Kürpertheil schon seit lange her sitz
der vicariirenden Blutungen war. —
Wenn die vicariirende Blutung in solchen inneren Organen er-
folgt, die unseren Instrumenten nicht so zugänglich sind, wie die
Körperobei fläche und wo die die Ursache der Blutung bedingenden
Gewebs-Anomalien sich nicht so leicht erforschen lassen, dann möge
das Heilverfahren sich darauf richten, dass der Arzt einestlieils die
Congestion in den betreffenden Organen vermindere, andemtheils aber
die Bluc/.uströmung zum Uterus erhöhe, wozu — unter den vorsichtigsten
Wahl — die Emmenagoga anzuwenden sind. Da aber diese anomalen
Blutungen die entsprechende Menstrualblutmenge um Vieles über-
steigen, so erzeugen sie gleichzeitig in Folge des grossen Blutverlustes
einen anaemischen Znstand, in dem der grössere Wassergehalt des
Blutes und seine hiedurch entstandene Dünnflüssigkeit zu profusen
Gelassblutunir«!! Veranlassung geben können. In diesem Falle ist es
Aufgabe des Arztes, dass er t iii«-«.theils eine zweckmässig geregelte
Diät anordne, anderseits durch Verordnung von Eisenpraeparaten
einen Einfluss auf das Gefässsystem und auf das rdut übe.
III. Excessive Menstruation, Uterusblutung (Menorrhagie).
Die excessive Menstruation offenbart sich entweder in der Grösse
des Blutverlustes oder in der langen Dauer der Blutung, oder aber
in ihrer häufigen Wiederkehr. — Für den Arzt ist es nicht gleich-
giltig zu wissen, in welcher dieser Formen sich dieselbe gleich zu
566
S'-timielweis' gynaecoIogiBC-he Aufsätze.
Beginn zeigt, hauptsächlich ob sie nicht stark ausarten wird: denn
oft kann man aus der Krkenntuiss der verschiedenen Formen 9GV
auf die Ursache der Erkrankung, als auch auf das zu wählende Be-
handhmgsniittel wichtige Folgerungen ziehen. Es darf aber nicht
vergessen werden, dass die Menstruation nur selten für längere Zeil
in einer Richtung excessiv auftritt, dass vielmehr die Kranke, falls dir
Menorrhagie nicht schnell zur Heilung gebracht wird, nicht mir in
grosserer Mei dern mit längerer Dauer und in kürzeren Inter-
vallen, wie bei normalem Verlauf, menstruiren wird. — Die Menor-
rhagie kann entweder von einer im ganzen Organismus liegenden I i
Bache, "der von einem pathologischen Zustande der Genitalien abhängig
sein. Die Unterscheidung dieser beiden Fälle darf man in derPi;
nie aus den Augen lassen, obwohl auch Fälle vorkommen können, wo
mau die üntwscheldnngsgrenze nicht genug klar zu finden vani
denn nicht eine jede Übermässige, aus dem schwangerschaftsfreiefl
Uterus herrührende Blutung ist eine Menorrhagie, während die .jahre-
langdauernde Menstruation in jedem Fall eine Menstruation ist — Im
Allgemeinen sind nicht nur die Weiber geneigt jeden in den mittleres
Jahren ihres Lebens auftretenden Blutverlust für eine excessive
Menstruation zu halten, selbst praktische Aerzte befinden sich oft in
dieser irrthümlichen Meinung.
Die Menorrhagie besteht in einer profusen Blutung, hervorgerufen
durch einen „Excess der menstrualen Ausscheidung", deren Grundur-
sache immer in einem liyperaeniiseheu Zustand der Gebärmutter liegt,
welcher stets die Reifung des Eies und sein Heraustreten aus dem
Eierstocke begleitet.
Es kommen aber auch derartige lalle vor, in denen — obwohl
die Menstrualblutungen schon aufgehört haben, — dennoch Blutungen
aus der Gebärmutter erfolgen, die auf den Organismus entweder
lindernd wirken, oder aber durch ihre Anomalie das Wohlbefinden
der Kranken gefährden ; sie stehen übrigens in keinerlei anderem Ver-
liältniss y.u jener Function, deren äussere Zeichen die monatliche
Menstrualblutung ist, als irgend eine andere ans dem Darint rakt oder
ans den Haemorrhoidalvenen herrührende Blutung. — Auf diese Weise
kann sich eine Kranke in Folge von Gebärmntterkrebs, Uteruspolyp
oder anderen im Uterus sitzenden üesiliwiilsten bis zu Tode verbluten,
ohne dass sie an echter Menorrhagie gelitten hatte.
In ähnlichen Fällen ist die Diagnose nicht immer feststellbar,
denn ein beginnendes Gebärmutterleiden verräth sich im Anfangs-
stadium nur durch die erhöhte Hyperaemie der Genitalien und durch
den zur Zeit der Menstruation derselben folgenden hochgradigen Blut-
fluss; im weiteren Verlaufe der Krankheit aber können Blutungen zu
jeder Zeit eintreten und ohne dass eine besondere Ursache t'iir den
[rritatlonszustand der Gebärmutter vorliegen würde. Nichtsdesto-
weniger brauche ich nicht zu sagen, dass eine Unterscheidung darum
noch nicht überflüssig ist, weil sich eine praktische Unterscheidung
nicht immer durchfuhren lässt,
Kehren wir nach dieser Abschweifung zu unserem Gagenstande
zurück. Wir erwähnten, dass die Menorrhagie, von Ursachen ab-
hängen kann, die ihr der ganze Organismus zu vermitteln vermag,
Efl kommen bisweilen Fälle vor, wo neben der Menorrhagie das Blut
in einem derartig veränderten Zustande ist. dass er sich mittelst che-
mische] Analyse constatiren lässt und die erzeugende Ursache der Menor-
Semmel weis' gynnecologisdie Aufsätze.
567
rhagie zu sein scheint. — Die bei der Nieren-Tubeirulose vorkommen-
den Menorrhagien sind nicht gerade die seltensten und es scheint,
dass das veränderte und dünnflüssige Blut mit grösserer Leichtigkeit
als bei normaler Zusammensetzung durch die Gelasse der Gebärmutter
durchtritt, wenn sich diese zur Zeit der monatlichen Menstruation
im hyperaemischen Zustande befindet- Auch ich beobachtete 3 oder 4
für Gi barm utterleiden gehaltene Fälle, wo ich trotz der pünktlichsten
Fniersuchung nicht im Stande war eine locale Ursache der verstärkten
Menstruation zu entdecken, indess der Harn eine grosse Quantität
Eiweiss enthielt. Die Nützlichkeit der Harnuntersuchung erhellt
auch aus diesem Falle, und sie verdient auch dann eine Berücksichti-
gung, wenn auf das Vorhandensein eines Nierenleidens selbst nicht
das geringste Symptom hinweist, wo aber auch die Eprouvette genagt,
um einen fälschlicher Weise für eine Gebärmuttererkrankung ge-
haltenen zweifelhaften Fall klarzulegen. Qaflz ähnlicher Natur wie
die auf Nierenerkrankungen beruhenden Menorrhagien, sind diejenigen,
welche meist zur Zeit des endgiltigen Aufhörens der Menstruation
auftreten, wo sich eine Diaposition zu l nterleibsplethora, träger
heberfunction und Verstopfung des Darmcanals einstellt. — Umstände,
die die .Menstruation oft anomal, öfters früher auftretend und häutig
copiös in ihrer Quantität machen. Solche Menorrhagien sind nicht mibe*
dingte Menstruationen, wenn sie sich auch zur Zeit des Eintritts der
letzteren oder um diese Zeit herum zeigen, weil in Folge der vor-
handenen Uterushyperaemie viel eher aus der Gebärmutter, als aus
einem anderen Organ eine Blutung zu erfolgen vermag. Die Dis-
position zum Blutfluss ist eine Folge des Seliwiuliezustandes, und des-
halb suchen wir wühl mit vollem Recht nicht nur die Ursache des
allgemeinen Schwächezustandes, sondern auch die localen Verände-
rungen in der veränderten, sich verwandelten Blutbeschaffenheit.
Bei solchen Frauen, die in ihren Kräften erschöpft sind, erfolgt
die Menstruation sehr häutig in ausserordentlich copiöser Qnantität,
si dass Iiiechnclt eine wahre Menorrhagie entsteht, während in einzelnen
Fällen die lange Dauer des Blutttusses wenigstens für die Krank»
ebenso ungelegen wird, wie der stürmische Erguss. womit er erfolgt
Obwohl in solchen Fallen die Genitalien nicht sofort in Mit-
leidenschaft gezogen werden, so kann eine derartige Störung ihrer
Functionen, namentlich bei öfterer Wederholung solcher Unregel-
mässigkeiten nicht auftreten, ohne dass sie von einem Gebärmutter-
leiden begleitet würde. Das Gefühl eines abwärtsdrängenden und
lastenden Körpers im Becken, sowie die sympathischen Rücken-
schmerzen weisen darauf, dass die Gebärmutter grösser als normal
ist. und ihre Gefässe in Folge des häufigen hyperaemischen Zustandes
bluterfüllt sind, während die in der intermenstruellen Epoche sich
«■instellende schleimige Ausscheidung das Fortbestehen desselben Zu-
standes beweist, der unter fortgesetztem Wachsen der Irritation des
Eierstocks endlich den heftigen Bluterguss verursacht, — Da aber
ferner der Trieb zur Menstruation alle 28 Tage sich einstellt, so
gewinnt die fcyperä mische Gebärmutter in den inferinenstruellen
Epochen nicht genügende Zeit zur Rückbildung in den normalen
Zustand, und das Blut wird, kaum dass es aufhörte zu Hie
Folge der neuerlichen Eierstock-Erregung zur Gebärmutter getrieben
und nun befördern die theils durch die aufgelockerten Bindegewebe,
theils durch die auf einander folgenden Erregungen mehr und mehr
568
Semmelweis' gynaeiologiache Anfsiluc.
erweiterten Gefässe die Jeichtere A ussclieidungf des Blutes, bifl endlich
keine Ruhepause mehr bleibt, der Blut.fluss fortwährend anhält und
die monat liehe Menstruation sich zu einem ununterbrochenen heftigen
Blutfluss umwandelt.
Dies wären die durch die COnstitutionelten Störungen verursachten
Menorrhagien.
In die zweite Classe der letzteren gehören solche Blutiu;
deren Quellen in direct auf die Genitalien wirkenden Ursachen zu
suchen sind.
Wir haben manchmal Gelegenheit eine eigeuthümliche Empfind-
lichkeit der Genitalien zu beobachten , wobei ein jeder, mit der
geschlechtlichen Function in gar keinem Zusammenhang stehende
momentane Reiz eine oft Stunden, Tage, ja sogar länger währende
Blutung hervorruft, die dann nicht selten zu einer fortdauernden
Menorrhagie entartet; diesem Zustande unterworfene Kranke pfl<
s. -In'ii ohnedies sehr profus zu menstruiren. Die direct auf das ^enital-
svstem wirkenden l'rsachen bringen das gleiche Resultat hervor, und
während die Menstruation in einzelnen Fällen nach dem angewohnten
Reiz des Beischlafs aufholt, so sehen wir wieder in anderen I allen,
dass sie in Folge derselben Ursache in ungewöhnlichem Grade ans*
artet. In Bolchen Fällen wiederholt sich die Menstruation zwar
gewöhnlich in normalen Zeitabschnitten, doch dauert sie bei jeder
Gelegenheit, länger als normalerweise Die zeitweilige Entlialtunjr
vom Geschlechtsgenuss und spater die massige Hingabe an denselben
bewirken gewöhnlich, dass die Menstruation normal wird.
Schwieriger ist die ärztliche Behandlung in jenen Fällen, wo
die Ehe aus irgend welcher Ursache steril bleibt, oder wo in I
grossen Altersunterschiedes, oder wegen constitutioneller Schwäche
seitens des Mannes der Coitus nur unvollständig ausgeübt werden
kann. Unter solchen Umständen entwickelt sich ein chronischer
Erregungszustand der Eierstöcke und eine chronisch« Entzündmu:
4er Gebärmutter, als deren Folge eine Hypertrophie der Gebärmu
und eine profuse Blutung aus den Schleimhäuten auftritt
Die die Menorrhagie bedingenden localen Ursachen können sehr
verschieden sein. Alles, was in den Eierstöcken und in der Gebar«
mntter eine abnormale Erregung hervorruft, kann anch Gelegenheit
zur Hervorrufung dieses Zustandes bieten, während alle derartigen
Umstände, wodurch sich die Substanz der Gebärmutter vergröa
ihr Gewebe gelockert wird und ihre Geffisse sich erweitern, die
Menorrhagie in noch erhöhtem Masse hervorrufen können. Auch die
zu früh nach einer Sehnt wiederaufgenommene gewohnte Bescliäfti .
-riebt Veranlassung zur Eutvvickelung eines solchen Zustandes. wenn
eine solche Menorrhagie nicht sofort zum Aufhören gebracht, und
ihrer Wiederholung kein Damm gesetzt wird, so nimmt sie bald den
monatlichen Typus auf. Ihre Quantität erhöht sich in erheblichen]
Masse und zwar aus dem Grunde, weil sie von einem Organe her-
stammt, in dem der Involutionsprocess nicht beendet ist. und dem
das Blut in grösserer Menge zuströmt, als es in dem Falle geschehen
Würde, wenn die Menstruation bis zum Ablauf der normalen Zeit
nach der Geburt ausgeblieben wäre. Auf ähnliche Weise erscheint
die Menorrhagie beim Eintritte der ersten Menstruation nach einem
Abortus; iei Arzt versäume hier nie seiner Kranken die gr.v
Vorsieht zu empfehlen. Dieser Zustand der Gebärmutter dauert
.-•L-iiiriiehveis' gyjMLMOlogiMllfi Aufsätze.
569
Ut
n
:
V
m
ler Geburt oder nach dein Abortus zuweilen längere Z+-11 ; er
11 bei schwächlichen Constitutionen ohne jede nachweisbare 1 rs&che
fortbestehen und zwar in dein Grade, dass bei der Sondirung der
Gebärmutter die Länge der rtenishfihle einen zollgroaaeu I nter-
schied aufweist. Diese Lockerung des Uterusgewebes kommt mnnch-
mal auch bei der granulösen oder alcer&sen Beschaffenheit des Gebär-
10111 termnuuVs vor, und diese localen Erkrankungen, mögen sie selbst
nz geringfügig; erscheinen, können eine habituelle Congestion im
terus sanimt allen ihren Foigezustanden hervorrufen.
Zu den weiteren Ursachen der Menorrhagie gehören noch die
auf die Gebärmutter zur Menstrnatioaszeit geübten Kusserliolieo Ein-
Wirkungen, die Kulziindung des Uterus, namentlicli seiner Schleim-
häute,- in einzelnen Fällen entsteht hiedurch nicht allein dieser Zu-
stand, «s kann dadurch auch die Gelegenheit zu habitueller Menorrhagie
geboten werden. Die Lageveränderungen der Gebärmutter, wie die
Am- ll( xion und Retroflexiou gesellen sich häufig zu jenem Zustand;
die verschiedenen organischen Leiden, z. B. Polyp, Fibrom oder
Caroinom, die ohnediess schon dauernde Menorrhagien verursachen
können, äussern sich zumeist zur normalen Menstruationszeil durch
verstärkte Blutungen. Endlich sind die verschiedenen Erkrankungen*
Le^ Veränderungen, Entzündung und Degeneration der Eierstöcke
mit sehr oftmaliger Menstruation verbunden.
Auf die ärztliche Behandlung der Menorrhagie übergehend,
ist es überflüssig vorauszuschicken, dass sie nicht in jedem Falb- die
nämliche sein kann, sondern sich nach der Ursache des Leidens zu
ichten hat.
In jedem Falle aber sind zwei lndicationen zu befolgen, wo-
von bald die eine, bald die andere die dringlichere sein wird: es
muss die vorhandene Blutung gestillt und die sie bedingende Ur-
sache entfernt werden. Die Principien, mittelst denen das Letztere
zu geschehen hat, sind so klar, dass ihre nähere Auseinandersetzung
überflüssig erscheint. Bei solchen Individuen z. B., hei denen die
Menorrhagie das Zeichen der allgemeinen Schwäche ist, sind robo-
riiende Mittel und Eisenpraeparate von erfolgreicher Wirkung, da sie
die Blutmischung verbessert und die starken Ausscheidungen während
der Menstruationszeit verhindern. In manchen Fällen übersteigt die
Menstrualblntung im Verhältnisse zu den Körperkr&ften des Indi-
viduums relativ jene Blutmenge, die es im Allgemeinen auch Bongl
wahrend der Menstruation zu verlieren pflegt. Dieser Fall kommt
nicht selten bei solchen Weibern vor, bei denen die Menstruation zur
Lactatioiisz.ii erscheint ; es genügt dann zu ihrer Verhinderung das Kind
von der Brust zu entwöhnen und ein einfaches roborirendes Mittel
zu verschreiben. Der Medioation widerstehen selbstverständlich mehr
oder wenige.]- solche Fälle, wo in dem Blute von tieferen Gründen
abhängige Veränderungen stattgefunden haben , wie z. B. bei der
Granularniere. Hier müssen wir unsere Aufmerksamkeit nicht allein
auf die .Stillung der vorhandenen Gebärmutterblutung, sondern auch
auf weitere Momente lenken. Bei der mit allgemeiner Hyperaemie
der Unterleibsgefässe verbundenen starken Menorrhagie, die sich durch
eine Disposition zum Haemorrhoidalleiden, durch träge Leberfunction
und Obstipation äussert, und zumeist zur Zeit des Niederganges der
sexuellen Function auftritt, lässt sich durch direct auf die Unter-
drückung der Blutung gerichteten Mittel nichts ausrichten ; hier sind
570
Semmel weis' gynaecologische AufsKtze.
vielmehr indirecte Massregeln zu befolgen. Bei solchen Individuen
tritt eine Besserung des Gesundheitszustandes unter Vermeidung aller
reizenden Mittel, ausser der Regelung der Diaet in Folge von mehr-
wöchentlichem Gebrauch kleiner Dosen von salzigen Abführmitteln,
wie Bittersalz, Sal Seignetti, und von lösenden Mineralwässern ein.
In diesen Fällen, wie auch bei solchen jungen Weibern, bei denen
nebfit der allgemeinen Plethora und der trügen I >armftmction die
Menstruation in jedem Monat stärker auftritt, hat ein einige Tage
vor Eintritt der Menstruation verabreichtes Abführmittel erheblichen
Einfluss auf die Verhinderung der Menorrhagie. In vielen Fällen
aber sind die unmittelbaren Erreger der Menorrhagie entweder die
Genitalorgane selber, oder solche Veränderungen derselben, die gleich-
zeitig eine Disposition zur Wiedererzeugung oder zur Verschleppung
dieses Zustaudes besitzen. Bei den schwereren Arten der Geb&r-
inutter- und Eierstockerkrankungen ist die Menorrhagie nur eines
der verschiedenartig auftretenden Symptome, deren jedes für sich
unsere Aufmerksamkeit erheischt und die ärztliche Behandlung bean-
sprucht. Es kann darum hier die Anwendung empirischer U
regeln behufs Stillung der Blutung entweder unrichtig oder wirku
los sein, und wir weiden unsere Aufmerksamkeit in einem Falle auf
die eigenartige Constitution des Organismus, im anderen auf den ent-
schiedenen Character des localen Leidens wenden müssen.
Es gibt bestimmte Vorsichtsmassregeln, die bei all diesen
schiedenen Zuständen durch Individuen, die für Menorrhagien dispomrt
sind, bei jedem Auftreten der Menstruation zu berücksichtigen sind.
Die erste dieser Regeln ist, dass solche Individuen vom Beginn der
Menstruation angefangen, solange in der Rückenlage verweilen müssen,
bis die Blutung vollständig aufgehört hat. Wenn man dabei noch
darauf Acht hat, dass der Darmtract nicht obstipirt werde und hie-
durch die Unterleibsorgane zu Beginn der Menstruation in keinen
Congestiouszustand gerathen, so wird man mit Ueberrasehung erfahren.
wie sich eine solche hartnäckige Menorrhagie in Folge dieses Y. r
fahrens in kurzer Zeit zu bessern vermag; die Blutung wird in enge
Schranken gebannt, und zwar auch daunt wenn schon zuvor durch
längere Zeit andere Mittel vergeblich angewendet wurden. Zur
erung des erreichten Resultates ist es aber nothwendig, dass die
Vorsichtsmassregeln eine längere Zeit hindurch wiederholt werden
und dass auch noch später bei jedesmaligem Eintritt der Men-
Btruation grössere Vorsicht befolgt werde, als dem überwiegenden
Tlieil der Patientinnen not big erscheint. Während aber diese Vor-
siclitsmassregeln in sammtlichen Fällen der Menorrhagie angewendet
werden müssen, lial die Behandlung der einzelnen Fälle von au deren
Gesichtspunkten auszugehen und niuss verschieden sein, je nachdem
die Menorrhagie einen activen oder passiven Character hat. Im
letzteren Falle werden wir mit guten Erfolge sowohl innerlich wie
;iusserlii]i zusammenziehende Mittel anwenden; im erstellen Falle aber
führen diese Mitte] nicht zu dem erwünschten Ziele. Hier wird der
Wichtigkeit der Symptome entsprechend ein mehr oder minder
energisches Verfahren, das die Entzündung bekämpft, besser am
Platze sein
l s gibt eine Art der Menorrhagie, die von der hochgradigen
Congestion, wonicht vollkommenen Entzündung der Gebärmutter ab-
hängt, und bei der der starke Blutverlust mit allgemeiner fieberiger
Semmelweis' gynaecokigisrlir Aufsitze.
571
Alteration, unbequemen Druckgefühl mit Schnierzenipfindungen. grosser
Empfindlichkeit der Gebärmutter und des Unterleibes mit periodisch
auftretenden Schmerzen, wie solche bei drohendem Abortus oder in
der ersten Periode der Geburt vorzukommen pflegen, verbunden tat.
Dieser Zustand wird M e t r i t i s h a e m o r r h a g i c a genannt ; zu seiner
Behebung, wie behufs Bekämpfung der mit demselben auftretenden
Blutung, ist die Applicirung zahlreicher Egel auf die Portio vaginalis
von bestem Erfolg; sie sind entweder kurz vor dem Eintritt der
Menstruation oder aber am ersten und zweiten Tage nach der l'liii-
ausscheidimg anzulegen. — Bei einer zweiten Art der Fälle sind,
obgleich hier die Symptome weniger drängen, zur directen Ver-
hinderung der Blutung dennoch keinerlei Versuche zu empfehlen.
Diese gehören zu jenen Fällen der Menorrhagie, die. mit einer allge-
meinen Plethora verbunden sind, und in denen zu Reginn der Men-
gt i uation das stark geröthete Gesicht, der volle Puls und der schmerzende
Kopf allmählich sich in dem Masse bessern, in welchem die Blutung
in FLuss kommt. Hier würde die Blutung sogar nützlich erscheinen,
wenn sie nicht auch die Tendenz hätte stärker zu werden und auch
dann noch fortzudauern, nachdem die bedingende Ursache schon auf-
gehört hat als solche zu wirken. In diesem Falle wird ein massiges
entzündungstillendes Mittel, am besten Bittersalz mit Schwefelsäure
und zwar in kleinen Dosen, bei erheblicheren Schmerzen der Gebär-
mutter mit Opiaten oder Kalium nitricum mit Digitalistinctur verab-
reicht, die sich zur Bekämpfung der Blutung fast immer als wirksam
und ausreichend erweisen.
In den meisten Fällen von Menorrhagie reichen die oben em-
pfohlenen Vorsichtsmassregeln und die Anwendung der erwähnten inner-
lichen Mittel zur Stillung der Blutung aus; es kommen aber äusserst
selten auch solche Fälle vor, in denen diese Art der Behandlung fast
gar Nichts nützt oder die vorhergegangene Blutung so stark war.
oder aber sich so oft wiederholte, dass eine jede Unze verlorenen Blutes
bedenklich, ja sogar lebensgefährlich für das betreffende Individuum
wird. In diesem letzteren Falle müssen wir zu kalten Umschlägen,
kalten Irrigationen, kalten Clystieren greifen; versagen auch diese
Mittel, dann wird nur noch die Scheidentainponade und eiskalte Ein-
spritzungen in die Uterushöhle das Leben erhalten können.
IV. Die schmerzhafte Menstruation (Dysmenorrhoe;.
Meine geehrten Leser werden vielleicht finden, dass ich eine all-
tägliche Sache erwähne, wenn ich sage, dass eine jede Function des
Köriiers. falls sie unvollkommen vor sich geht, mit Schmerzen ver-
bunden zu sein pflegt. Der schwache empfindliche Magen, wenn er
schwei verdauliche Speisen enthält, wird schmerzhaft, das Auge mit
schlechtem Sehvermögen wird in Folge der Anstrengung empfindlich;
der Kopf der Becniivulesrentin fängt schon beim ersten Versuche zur
Aufnahme der gewohnten Beschäftigung an zu schmerzen. Ebenso
wird auch die Menstrualfunction , sei es dass sie durch Copiosität,
oder durch Mangelhaftigkeit von der Norm abweicht, vidi Bolchen
Leiden begleitet, die den auch bei gesunden Frauen häufig vorhandenen
Grad unangenehmer Empfindungen um Vieles übersteigen. Beide,
572
-cinimlweis' grnaecologische Aufsitze.
sownlil die Amenorrhoe wie die Menorrhagie, sind fast immer mit
solchen Empfindungen verbunden und bei den mannigfaltigen
krankungen der Genitalien ist der zur Zeit der Menstruation auf-
tretende Schmerz ein Symptom, das selten fehlt. Allein ausser di
Füllen, wo der Schmerz nur eines jener Leiden i-i wogegen unsere
Hilfe in Anspruch genommen wird, gibt es noch andere, in denen die
Menstrnalschmerzen so heftig und ob ihrer Langwierigkeit so
lästig sind, dass sie. in Form einer bestimmten Erkrankung erscheinend,
in der Pathologie unter dem Namen der schmerzhaften Menstruation
(Dysmenorrhoe) registrirt werden.
Min pflegt fiir gewöhnlich drei verschiedene Arten der Dys-
menorrhoe, d. li. der schmerzhaften Menstruation zu unterscheiden
zwar die neuralgische, die congestive und die mechan
Dysmenorrhoe. — Benennungen, die zweckentsnrerheiul und im
Ganzen auch annehmbar sind
In manchen Fällen ist es beim Fehlen jeder andern pathologischen
Erscheinung lediglich der Schmerz, durch den die Menstruation van
ihrer Norm abweicht. Die einfachste Form dieser neuralgischen
Dysmenorrhoe kommt am häutigsten bei jungen Mädchen vor* bei
denen sich das Genitalsystem relativ spat entwickelt hat. die daher
über den normalen Zeitpunkt hinaus noch ein oder zwei Jahre lang
nicht menstruiren. In diesen Fällen tritt der Schmerz um ein bis zwei
Tage früher, als die Menstruation auf. und erreicht seinen höchsten
Grad in den ersten 36 Stunden, wo sich seine Heftigkeit oft so Behf
steigert, dass die Kranken in ihrer Qual sich am Boden wälzen;
dann mildert er sich allmählich, hört aber gewöhnlich erst mit Be-
endigung der Menstruation ganz auf. Obwohl der grösste Schmerz
in der Gegend der Gebärmutter und des Beckens empfunden wird,
so ist er doch nicht an diese Stelle gebunden, sondern erstreckt sich
auf die Kreuz-, Lenden- und Schamgegend; ja er breitet sich sogar
bis auf die Innenfläche der Schenkel aus Derselbe wird zeit
heftiger, gerade so wie bei Wehen und Kolik, während der Bauch
in seinem ganzem Umfange derart empfindlich ist. dass er nicht die
leiseste Berührung verträgt. Ausser diesen mehr oder minder 70D
den Genitalien ausgehenden Schmerzen pflegen zu gleicher Zeit noch
andere Leiden im Organismus aufzutreten. Häufig ist der heftige —
zumeist auf die eine Hälfte des Kopfes sich beschränkende, oder der
nannte Clavus hvstericus-artige Kopfschmerz; in anderen F.illeii
ist der Magen der Sitz des Leidens und die Patientin wird von fort-
währender Uebelkeit. ja sogar von Erbrechen gequält Bei Manchen
treten wieder verschiedene hysterische Leiden nicht selten mit grosser
Heftigkeit auf; ich kannte eine Frau, die während der Menatruations-
zeit. nicht selten an Anfällen von Hysteroinanie zu leiden hatte. Diese
neuralgische Dysmenorrhoe ist aber nicht immer an hysterische An-
lage gebunden; es giebt sogar Weiber, die während der Menstruation
ungeheuere Schmerzen erleiden und bei denen nicht ein einsiges
Symptom der Hysterie nachweisbar ist, die im Gegentheil eine durchaus
ruhige Selbstbeherrschung und nicht gewöhnliche Seelenkraft beknnden.
Zuweilen äussert sich die Dysmenorrhoe auf die Weise, als würde
die neuralgische Störung auf den ganzen Organismus einwirken,
während sie sich in anderen Fällen lediglich auf die Nerven der
Genitalorgane beschrankt diese letztere Art dauert gewöhnlich
kürzere Zeit, obwohl deswegen die Schmerzen nicht unbedingt geria
>i in iitel weis' gynaecologische Aufsätze.
573
sein müssen, als diejenigen, die im Gefolge der sympathischen Er-
krankungen auftreten. Wenn der Schmerz nach der Menstruation
sogar sclmn aufgehört hat, genügt in vielen Fällen noch immer die
k Erregung des Genitalsystems um ihn wieder zu wecken. Für
die an dieser Art Menstrnationsaiiomalie leidenden Frauen ist derOoitus
fast immer ungemein schmerzhaft, sie leiden wahrend der Schwanger*
schalt gewöhnlich mehr, und bei der Geburt werden ihre Schmerzen
fast unerträglich.
T"s wurde oben erwähnt, dass die einfachere Art der neural irischen
Menstruation bei solchen jungen Mädchen vorkommt, bei denen eine
verzögerte oder wnhl auch unvollkommene Entwicklung des Genital-
Systems vorhanden ist. Aber nicht nur ausschliesslich bei diesen ist
EU beobachten, sondern manchmal auch bei solchen, die mehrere
Jahre hindurch normal und schmerzlos meustrnirtOL Ich habe nicht
selten bei Keconvalescenten nach schweren, mit der Gtonitalfonction
gar nicht zusammenhangenden Krankheiten gesehen, dass die Menstrua-
tion schmerzhaft ward und auch so blieb nachdem ihre Gesundheit
im (fahrigen völlig hergestellt war. In anderen Fällen entstand die
hartnäckige Dysmenorrhoe nach einer momentanen Suppression der
Menstruation durch Erkältung oder durch eine andere zufällige Ein-
wirkung, ohne dass in der Gebärmutter irgend eine Erkrankung nach-
zuweisen gewesen wäre. In einem Falle trat die Dysmenorrhoe in
Folge eines Abortus oder einer nach der Geburt aufgetretenen Metritis
auf. und blieb auch bis zum endgiltigen Schwinden der Entzündung
durch längere Zeit zurück.
Die zweite Art der Dysmenorrhoe nennt man die congestive.
wegen der eigenthümlichen Verhältnisse, unter denen sie auftritt
Sie kommt seltener beim Einsetzen der Geschlechtsfunction vor. wie
die rein neuralgische Dysmenorrhoe, ist vielmehr ein dem späteren
Lebensalter eigener Zustand. Dabei pflegt zumeist in der iiiTti men-
struellen Epoche ein Gefühl der Schwere in der Beckengegend und
ein zu Haemorrhuiden disponirendes Leiden aufzutreten; diese Sym-
ptome verschärfen sich in einigen Tagen nach der blutigen Ausscheidung
in erheblichem Maasse. Die blutige Ausscheidung ist während der
Menstruation in den ersten 24 oder 36 Stunden ganz gerin?, und
der Schmers sehr heftig; nach Ablauf dieser Zeit, oft sogar noch
früher wird die Menstruation sehr Stark un«l je mehr sie sich noch ver-
stärkt, umso mehr lindert sich der Schmerz, bis er endlich aufhört.
Die blutreiche Gebärmutter schmerzt so lange, bis die Natur selbst
sie des Blutes entledigt; wie ja auch unser Kopf bei Congestionen
H lange weh thut . Ins die Gehimgefässe durch Application von
Si-hroptköptVii oder Egeln entlaste! weiden. In manchen Fällen wird
die Menstrualhlutuiig nie stark, und dann bleibt die natürliche Er-
leichterung durch sie auch nur eine theil weise. Dann lässt auch der
schmerz und die Pulsation in der Gebärmutter während des ganzen
Meiistruaiionszeitraumes nicht nach und auch die Empfindlichkeit be-
steht weiter: im entgegengesetzten Falle erfreut sich die Patientin
mit dem Aufhören der Menstruation zumeist eines ziemlichen Wohl-
befindens. In den nächsten 8 bis 10 Tagen fehlt ihr relativ Nichts,
aber nach dem Verstreichet! dieser Zeit kehren die Symptome all-
mählich wieder und erreichen ihren Höhepunkt beim Eintritt der
Diensten Menstruation.
In einzelnen Fällen dieser Dysmenorrhoe genügt die während
574
Semmel weis" gynaecologisehe Auf-
der Menstruationszeit abtiiessende Blutmenge nicht nur nicht zur Er-
leichterung der Gebärmutter, sondern sie ist absolut und relativ
gering. Zuweilen hört die Ausscheidung, nachdem sie schon einige
Stunden lang" gedauert, auf, tritt dann wieder ein, und ist selbst
bei geringer Quantität des ausgeschiedenen Blutes mit kleinen Blnt-
geriunseln vermischt, was wahrscheinlich daher rührt, dass das
langsam abmessende Blut in der Gebärmutter Zeit zur Gerinnsel-
bildnng hat Dies kommt bei der normalen Menstruation nicht vnr,
da sich das Blut relativ schneller in die Scheide ergiesst, wo es seine
Gerinnungsfähigkeit verliert, indem durch die Absonderungen in der-
villini das Fibrin gelöst wird.
In anderen Fällen werden mit dem Menstrualblut gemischt Haut-
paxtÜE&L, Striemen und gut erkennbare Membranen, sogar kleine
häutige Säckchen entleert, in denen wir bei genauer Untersuchung
den Abdruck der l'terushiihle erkennen. Dies geschieht einmal,
während einer längeren Reihe der Menstruationen, auch öftere. Das
\ii-stossen der Membranen erfolgt zumeist mit einer erheblichen
Steigerung der Leiden der Patientin, manchmal entschieden mir
solchen cyclischen Schmerzen, wie beim Abortus. Wenn sich zu
diesem Zustand noch eine Menorrhagie gesellt, was zwar nicht inuit» i,
aber immerhin doch häutu: vorkommt, so kann es geschehen, dass die
Schuldlosigkeit einer an so complicirten Erscheinungen leidenden Frau
grundlos verdächtigt wird.
In Folge ungenauer Kenntniss des die l'terushöhle bedeckenden
Schleimhautgewebes sah man ein solches Sackchen noch vor kurzer
Zeit als Product eines entzündlichen oder ähnlichen Prozesses an.
Jetzt aber wissen wir, dass sich während der .Menstruation die
Epitbelschicht der Uterusschleimhaut in kleinerer oder grösserer
Menge ablöst und ausscheidet; die rutersnchuug dieser Schleimhaut
genügt zum Beweise dessen, dass zu ihrer Bildung und Elimiuirung
nur ein höherer Grad jenes Processes erforderlich ist, der ohnedies
bei jeder Menstruation vor sich geht. Die eine Oberfläche der Mem-
brane ist glatt, die andere rauh, last zottig, und an der letzteren
lassen sich die Ueberreste zahlreicher erweiterter Schleimdrüsen wahr-
nehmen; dies beweist. . 1,-tss sie der Decidua ähnlich ist, die unter
dem physiologischen Reiz der Conception behufs Erreichung be-
stimmter Zwecke eine vollkommenere Entwicklung erhält. — Efl ist
überflüssig zu erwähnen, dass es selbst vom praktischen Standpunkte
genommen nicht gleichgültig ist, ob wir richtige Begriffe von diese]
Membran haben oder nicht, wenn diese Membran ein plastisches
Exsudat wäre, wie es z. B. bei der Angina membranaeea der Fall
ist, so würde ihre Entfernung ein energisches antiphlogistisches Ver-
fahren erheischen, was aber die Erfahrung auf keine Weise recht-
fertigen würde. Bei genauer Erwägung der Sache können wir selbst,
abgesehen von der oben erwähnten Beobachtung, die Irrigkeit di>
Meinung erweisen. Es wäre ganz und gar uu fassbar, wie die an
einer mit Ablagerung eines so starken plastischen Exsudat> ver-
bundenen Entzündung erkrankte Schleimhaut nach einigen Tagen
schon ihre Restitution vollständig zurückgewinnen könnte und auf
welche Weise sich diese heftige und mit ähnlichem Entzüudungs-
produet endende Entzündung zeitweise erneuern könnte — ohne dass
die Thätigkeit der Schleimhaut erheblich gestört, oder irgend eine
dauernde Veränderung in ihrem Gewebe eintreten würde.
Semmel weis' gjnaecoiogisctae Aufsätze.
575
Hin mit dieser congestiven Dysmenorrhoe verwandter Zustand ist
jene Art derselben, die von praedisponirenden Ursachen, namentlich
von der Gicht oder vom Rheuma abhängig ist. obwohl ich es nicht
motiviren kann, warum dieselben bei Frauen viel öfter diese eigen-
artige Erkrankung hervorbringen, wie jene pathologischen Formen,
welche bei Männern zu beobachten sind. Solche Fälle aber kommen in
jeder Classe vor und dort, wo sie auftreten, nehmen sie einen ehroni-
Beben Verlauf und widerstehen lange Zeit hindurch der Behandlung.
Zuweilen wird eine Erkältung für die Ursache der Erkrankung gehalten,
während sie sich in anderen Fällen langsam und ohne jede bestimmte
Ursache entwickelt. Die Menstruation ist zu Beginn gewöhnlich
schmerzhaft und gering, und jede Menstruation ist von einer ab-
normalen constitutionellen Störung begleitet, wobei der Puls sehr
schnell, die Haut heiss aber schweissig, der Harn mit bamsauren
Salzen gesättigt ist In den Intervallen tritt weisser Fluss auf, die
Schmerzen lassen zwar etwas nach, sind aber doch noch bedeutend
und steigern sich bei einer jeden äusserlichen Einwirkung, ja sogar
auch ohne nachweisbaren Grund. Sie sind bald am Rücken, bald in
der einen oder anderen Lendengegend heftiger, und ziehen sich einmal
an der vorderen, das andere Mal auf der hinteren Fläche des
Schenkels, im Verlaufe des Nervus cruralis oder ischiadicus, abwärts;
inzwischen hat die Kranke schwache Fieberanfälle, weswegen sie das
Bett hüten muss; doch sind die in den Extremitäten herumziehenden
Schmerzen selten von Gelenksentzündnngen oder Anschwellungen
begleitet.
Der Sitz des Schmerzes liegt in diesen Fällen unzweifelhaft in
dem Muskelgewebe der Gebärmutter, wesshalb dieses Leiden häutig
jenen ganzen Lebensabschnitt überdauert, in dem die Menstruation
stattfindet, obwohl mit dem Aufhören dieser periodischen Congestion
des Uterus auch das Befinden der Kranken sich erheblich bessert.
In den schlimmsten Füllen ist die Gebärmutter, trotzdem sie in ihrem
Gewebe keine besondere Veränderung aufweist, so sehr empfindlich,
dass die leiseste Bewegung die quälendsten Schmerzen verursacht.
Ausser diesen beiden vornehmsten Arten der Dysmenorrhoe — der
neuralgischen und congestiven — kommen nicht selten noch solche
vor, die einen gemischten Character haben.
Es werden ausserdem noch solche Fälle beobachtet, in denen die
Dysmenorrhoe in Folge einer organischen Erkrankung der
Gebärmutter, wie z.B. Fibrom, Lageveräuderung (Ante- uder
In troHexioii!, oder eines den Blutabfluss hemmenden mechanischen
Hindernisses, wie z. B, Verengung des Cervicalcanals und des Mutter-
mundes, auftritt
Diejenigen Fälle der mehrere Monate hindurch bestehenden
Dysmenorrhoe, in denen eine einsichtsvolle Medication ohne Nutzen
für die Krankheit monatelang fortgesetzt wurde, erheischen eine ge-
naue innere Untersuchung um festzustellen, ob die vorhandene schmerz-
hafte Menstruation nicht etwa das Symptom eines localen Leidens ist,
dessen Liuderung und Heilung in unserer Macht steht
Eine Art der durch eine locale Ursache bedingten Menstruation
erweckte in den letzten Zeiten grosse Aufmerksamkeit, nämlich die,
bei der die Ursache des Leidens von der Verengung des zum Ab-
flüsse de* Menstrualblutes dienenden Kanals abhängt. Diese I
der mechanischen Dysmenorrhoe aussen sich nicht nur durch Schmerzen,
f>70 .SeiHiuelwfcis' gyiiaecologische Anfsätze.
hie, ist, auch durch den langsamen Abfluss und durch die geringe
Menge des ausgeschiedenen Blutes gekennzeichnet, das sich über-
dies noch in kleinen, unvollkommenen Gerinnsel-Stücken entleert
I)as Hinderniss der Hlutentleerung kann sowohl an dem äusseren
Muttermund, als an einer begrenzten Stelle des Cervix, namentlich
an jenem Theile vorkommen, wo der Corpus uteri in den Cervix über-
geht, also in der Nähe des inneren Muttermundes; dasselbe kann sich
aber auch auf den ganzen Cervicalcanal erstrecken. Die Ursache
liiefür kann manchmal die Entzündung des Cervicalcanals und wahr-
scheinlich auch dessen Kxulceration sein, wie ich Gelegenheit hatte,
dies bei einer Kranken zu beobachten, bei der der Cervix an einer
Stelle derart verstopft war, dass die Einführung selbst des dünnsten
Saiten- Bougies nicht gelang; diese Frau behauptete, ihr Leiden sei
in Folge einer Geburt vor 12 Jahren entstanden. — In anderen
Milien ist die Menstruationsstörung habituell und die Verengung des
Cervix ererbt oder in der fehlerhaften Entwicklung der Gebärmutter
zu suchen; ich halte dafür, dass gerade diese letztere Form des
Leidens die häufigste ist. In den letzten Jahren herrschte die An-
sicht, dass diese Form der Menstruationsstörungen sehr häutig vor-
kommt ; deswegen wurde sehr oft eine mechanische Behandlung ver-
sucht und die interne Medicatiou. von der in den allermeisten Fällen
der grösste Erfolg zu erwarten ist. nicht in Anwendung gebracht.
l>ic Verbreitung dieser Ansicht ist meiner Auffassung nach auf
den Umstand zurückzuführen, dass wir bei der Einführung der Uterus-
sonde sehr häutig am inneren Muttermunde in der That auf ein
Hinderniss stosseu. das die Einführung in die Uterushöhle erschwert.
Hoch erweist sich dieses Hinderniss bei Versuchen an der Leiche als
normal; denn bei der Sondirung der aus dem Körper herausgenom-
meneu Gebärmutter trifft die Sonde, die durch den Cervicalcanal leicht
bis in die Uterushöhle vorgedrungen ist. an der erwähnten Stelle auf
ein Hinderniss, das ihr weiteres Einführen nur mit Anwendung einer
erheblichen Kraft oder vielleicht auch gar nicht erlaubt, und wenn
wir dann den Uterus öffnen, finden wir ihn in völlig normalem Zu-
stande. Pie Verengung dieser Stelle, die noch in den Leichen so
stark ist, war in diesem und auch in anderen Fällen zu Lebzeiten
unbedingt noch stärker und trotzdem berichten die Krankengeschichten
der betreffenden Frauen sehr oft nichts von beschwerlicher und
schmerzhaft er Menstruation.
IMese Thatsaehe kann uns indess kaum Wunder nehmen, da sich
das wahrend der Menstruation ausgeschiedene Blut nicht ununter-
brochen, sondern tropfenweise durch den Cervicalcanal entleert, weil
es von der ganzen Innenfläche des Uterus ausgeschieden wird. Wenn
die Oeffnung so eng ist. dass sich durch sie nicht einmal diese
gerinire Menge zu entleeren vermag, so kann aus dieser Ursache die
Menstruation unbedingt zu einer schmerzhaften werden. Gerade so
wie sich bei der Harnrohren verengune die Harnblase, die Uretern
und die Nieren in einem Reizzustande befinden und in ihrer Thätür-
keit gehemmt sind, ebenso ist es anzunehmen, dass bei dem aualosrem
Zustande des Cervix die Thätigkeit des Uterus auf dieselbe Weise
leidet, und dass dieser Zustand die Menstruaiblutung in Folge der
Schwierigkeit der Ausscheidung geringer und pathologisch gestaltet
Pie nur halbwegs unvoreingenommene Beobachtung wird auch zu dem
F-rgebuiss fuhren, dass eiue solche Verengerung des Muttermundes
Seoiiaelweis' gynaecolog-isoli.' Aufsiiue.
577
oder des (.'ervicalcanals, die selbst die tropfenweise Ausscheidung des
bleust rnalblutes hindern könnte, sehr selten vorkommt, und dass in
den meisten Fällen, wo dies thatsächlich der Fall ist. die Verengung
des l'ervix nur einen Theil der Erkrankung bildet: der <Vmx ist
klein, weil der Uterus selbst nur mangelhaft entwickelt ist
Die Behandlung der Dysmenorrhoe ist je nach den ver-
schiedenen Formen, in denen sie auftritt, auch verschieden. Bei der
Dysmenorrhoe der jungen Mädchen, die noch keine vollkommene
Mi ■nstruation haben, ist unsere Aufmerksamkeit dahin zu richten, dass
diese Function je eher und je normaler eintrete, und es ist wohl an-
zunehmen, dass wenn dies stattfindet, auch die Schmerzen bald nach-
l,i--,n weiden. In dem Falle aber, wo die Erkrankung so heftig ist,
dass sie eine sofortige Behandlung erheischt, werden die nämlichen
Mittel zum Ziele fuhren, die bei der neuralgischen Dysmenorrhoe in-
didrt sind. Eines der zweckmässigsten ist das recht warme Sitzbad,
dass 24— 345 Stunden vor dem Erscheinen der Menstruation, oder so-
fort beim Einsetzen der ersten Schmerzen in Anwendung zu bringen
ist. Um eine vollständige Wirkung zu erzielen, muss die Kranke eine
halbe bis dreiviertel Stunden im Bade bleiben und es muss dafür ge-
sorgt werde.!), dass der Wärmegrad desselben wahrend der ganzen
Zeit gleich bleibe; zweckmässig ist es, Senfmehl in das Wasser zu
mischen. Im Falle sich die Schmerzen erneuem, ist das Sitzbad täg-
lich drei-, ja viermal zu wiederholen; in der Zwischenzeit aber hat
die Kranke das Bett so lange zu hüten, bis mit dem Erscheinen der
Menstruation die Schmerzen aufhören. Sind die Schmerzen sehr
heftig, so lassen sich die lindernden oder betäubenden Mittel kaum
vermeiden; am besten wirken sie, wenn sie sogleich nach dem Bade
applicirt werden. Die wirksamsten sind wohl die Opiate; da es aber
nicht immer rathsam ist. zu diesen zu greifen, müssen vorerst die
schwächeren Sedativmittel angewendet werden. Die Opiate stören
nämlich häufig die Verdauungsthätigkeit, und verursachen bei manchen
Individuen nach dem Aufhören der ersten schmerzstillenden Wirkung
sehr heftige und langwährende Kopfschmerzen. Und was ihren Qe-
l'tauclt oft noch mehr eontraindicirt, ist der Umstand, dass junge
Patientinnen sich leicht an sie gewöhnen, und sie gleichsam als Haus-
mittel zur Betäubung der Menstruationsschmerzen benützen. Die
Schmerzen der einfachen neuralgischen Dysmenorrhoe lassen sich zu-
meist durch Anwendung von Aether stillen. Da er die Verdauung
nicht stört und von flüchtiger Wirkung ist, verdient er den Vorzug
vor den direct betäubenden Mitteln; eine Mischung bestehend aus
einer halben Drachme Spiritus aetheris compositus und fünf-
zehn Tropfen Aether muriaticus wird dem Zwecke zumeist 9Qt-
BpFechen; falls aber die Kranke sich vor dem Geschmacke des Aethers
ekelt und ihn nicht vertragen kann, dient als sehr gutes Ersatzmittel
die Tinctura ammonii composita. Oft genügt die einmalige
Verabreichung eines dieser Mittel, im entgegengesetzten Falle kann
iii:m es öfters in kurzen Intervallen wiederholen. Seit einigen .iahren
wird zur Stillung der neuralgischen Schmerzen die reiz- und schmerz-
stillende Suni bul- Wurzel verwendet: ifne Wirkung ist in geringerem
Örade der des Aethers analog.
Wenn keines der erwähnten einfachen Mittel den erwünschten
Erfolg hatte, so kann versuchsweise der mehr belangende, doch zu-
gleich minder gefährliche Hyosciamas gegeben werden. Vierzig
Semraclwej»' e^aiün,. lt.- Wpike 37
578
Summe! weis1 gyaäecologische Aufsätze.
Tropfen der Tinctur oder fünf Gran vom Extractum Hyoecogfflj
ist die mittlere Dosis. Die sedative Wirkung dieses Mittels bei
bärinutterkrämpfen wird durch den Kamp her erheblich erhöht, wo-
von auf eine Dosis 5 Gran genommen werden. Eine andere, sehr
wirksame Arznei ist die Cannabis indica, doch ist ihre Wirkung
je nach der individuellen Empfänglichkeit noch mehr verschieden, wie
die des Opiums und darum auch weniger geeignet. Tm Beginne soll
dieses Mittel in kleinen Dosen verabreicht werden, damit man sich
von seiner Wirkungsweise auf die Kranke überzeugen könne. Die
Einathmung von Aether oder ( -hloroform hat bisweilen, trotzdem ihre
Wirkungen fluchtig sind, eine dauernde Beruhigung zur Folge, be-
sonders bei Gebärmut terkränipfen. Dieses Mittel ist aber zu gefähr-
lich, als dass seine Handhabung der Kranken oder ihrer Umgebim?
überlassen werden dürfte; hingegen ist die locale Application des
Chloroforms auf die Unterleibs- oder Scluimgegend nicht gefährlich
und oft von bester Wirkung. Tritt der gewünschte Erfolg auf keines
dieser Mittel ein, dann bleibt schliesslich nur die Anwendung der
Opiate übrig. In solchem Falle möge statt der Tinctnra
simplex lieber das Dower'sche Pulver, das Morphin, die
Solutio opii Sedativa verabreicht werden, denn diese Mittel ver-
ursachen weniger Magenüblichkeiten, Kopfschmerzen und Verstopfungen.
Zuweilen stellt sich auf die innerlich angewendeten Mittel kenn
Wirkung ein. oder es zwingt uns die Heftigkeit der Schmerzen ein
schnellerwirkendes Mittel zu reichen; in diesen Fällen gewährt ein
opiumhaltiges Suppositorium oder Clystir schnelle Erleichterung.
Ich halte es nicht für überflüssig meine Ueberzeugnng dahin aus-
zusprechen, dass bei jungen Weibern jeder Fall von Dysmenorrhoe
trrösste Aufmerksamkeit erheischt; dass wir uns mit allgemeinen Ver-
ordnungen oder mit einfachen Receptverschreiben nicht begnügen
dürfen, wenn die Schmerzen, gegen die wir eingreifen, auch >
blos geringe Heftigkeit besitzen. Denn es ist stets viel eher zu be-
liinhhn. dass die Anfalle habituell werden, und somit das spätere
Leben der Patientin elend machen, als zu hoffen, dass sich der volks-
tümliche Glaube verwirkliche, wonach die Leiden des Mädchens von
selbst aufhören, wenn sie völlig zum Weibe herangereift sei. Die
oben angegebenen Vorsichtsmassregeln sind alle sehr wichtig: es ist
unumgänglich nothwendig dass die Kranke, solange die Disposition
zur Dysmenorrhoe besteht, das Zimmer hüte, sich ruhig verhalte und
Während der Menstruation im Bette bleibe. Meiner Meinung nach ist
all dies zur endgültigen Bekämpfung des Leidens viel nützlicher, als
die gegen die einzelnen Schmerzaufälle gerichtete Medication, Mit
dem Aufhören des Anfalles hat unsere Fürsorge für die Kranke noch
nicht ihr Ende erreicht; in den intermenstruellen Epochen müssen
wir unsere Aufmerksamkeit darauf wenden, dass jede das Allgemein-
befinden hemmende Störung beseitigt und die in diesen Fällen ge-
wöhnlich schwache Constitution gestärkt werde. Ich schliesse meine
Ausfuhrungen mit einer Mahnung. Es ist ein volkstümlicher
Glaube, dass sobald die hauptsächlichen Functionen des Genitalsvstems
in Thätigkeit kommen, viele zuvor bestandene Symptome, die wohl
auch zu Befürchtungen Veranlassung gegeben, aufhören. In der That
führen in manchen Fällen die Ehe. die Schwangerschaft und die Ge-
hurt dies erwünschte Resultat herbei. Allein ich befürchte, dass die
Wahrscheinlichkeit für das Gegentheil spricht: dass das an Dygme-
SemmelweiB' gynaecologische Aufsätze.
579
norrhoe leidende Mädchen in der Ehe noch mehr als zuvor leiden
wird, dass die übermässige Empfindlichkeit der Uterusorgane die Ehe
für sie in jeder Beziehung qualvoll gestalten wird, dass sie viel
schwerer wie andere concipiren wird und dass für sie. falls die
Schwangerschaft tbatsächlich erfolgt, sowohl diese, wie die Geburt
mit mehr Beschwerden verbunden sein werden, als sie der normale
Verlauf dieser Functionen mit sich bringt. Wir können bei der con-
gestiven Dysmenorrhoe nicht die nämliche schnelle Linderung der
Symptome von den narkotischen Mitteln erwarten, die sie bei der
neuralgischen Form bewirkten. Die Gebärmutter und überhaupt die
Beckenorgane sind mit Blut überfällt und wir vermögen nur mitteist
Blutentziehung den Zustand der Patientin zu erleichtern. Die Mittel,
die wir zur Erreichung dieses Zweckes anwenden, sind Schröpfköpfe
auf die Kretrzgegend und Blutegel auf den unteren Theil des Bauches,
um den After herum, oder auf die Portiu vaginalis uteri selbst. Im
Allgemeinen ist es nicht nöthig, auch nicht erwünscht so viel Blut
zu entziehen, als durch das Schröpfen entfernt wird. Die am Bauche
oder aber auf die Lendengegend applicirten Blutegel scheinen dann
am besten zu wirken, wenn der Schmerz von diesen Gegenden
und wahrscheinlicher Weise von den Eierstöcken ausgeht; in
anderen Fällen hingegen ist die Anlegung der Blutegel auf das Ge-
sass viel zweckmässiger. Auf alle diese Stellen können die Blut-
egel wann immer angelegt werden, selbst kurz vor Eintritt der Men-
struation und auch während ihrer Dauer; auf die Portio vaginalis
uteri hingegen sind sie nur 3 — 4 Tage vor der Menstruation appli-
cirbar, falls wir ihren normalen Eintritt nicht gefährden wollen. Nach
der Blutentziehung wird ein laues Bad für gewöhnlich einige Linde-
rung mit sich bringen; danach muss die Kranke im Bette verbleiben
und irgend ein salziges Diaphoreticum nehmen. Zu diesem Zwecke
verordnen wir den Liquor auimonii acet. mit kleinen Dosen
Hyosciamus oder Opium, deren Wirkung in solchen Fällen der B r e c h -
Weinstein in Nausea-erregenden Dosen — dos. refracta — zu er-
höhen vermag. — Manche an derartiger Dysmenorrhoe leidenden Per-
sonen vertragen die direct narcotischen Mittel in keinerlei Form und
Verbindungen; der Schmerz lässt kaum oder überhaupt nicht nach.
und allgemeine Störungen folgen ihrem Gebrauch. Unter solchen
Umständen haben kleine Dosen der Ipecacuanha — l/t bis 1 Gran
stündlich — so lange bis eine Nausea eintritt, einen guten Erfolg;
denn sie vermögen nicht nur die Schmerzen in erheblichem Masse
zu lindern, sie massigen auch die Blutausscheidung, welche am 3. bis
4. Tage der Menstruation öfter übermässig zu sein pflegt.
Mit der Behandlung der Kranken ist aber die ärztliche Behand-
lung während der Menstruation überhaupt noch nicht beendigt. In
Folge des Blutfiusses lassen zwar die Erscheinungen nach, doch
kehren sie allmählig wieder, bevor noch die Zeit der nächstfolgenden
Menstruation da ist. Dasselbe Resultat können wir in der zwischen-
liegenden Zeit durch die künstliche locale Bluteutziehiin<.r am Uterus
bewirken. Das Verfahren ist bei diesem Eingriff zwar einfach, nichts-
destoweniger sind dazu einige Bemerkungen nicht überflüssig. — Die
Blutegel verursachen an der Portio vaginalis eine relativ erheblichere
Blutung, als an anderen Stellen des Körpers, demzufolge genügen 4 — 6.
Ich benütze das Fergusson'sche liehtreflectirende Glassp«dilinn, mit
dessen Hilfe jener Theil sehr gut isolirbar ist, auf den wir die Blut-
37*
580
Semmelweis' gynaecologiache Aufsätze
egel applii-imi wollen Den äussern Muttermund, falls derselbe
ist, verstopft man mit Charpie, damit der Blutegel nicht in den
Cervix kriechen und sich dort anhaften könne, was stets grossen
Schmers verursacht, während die normal gemachte Operation mit
keinen Unannehmlichkeiten r< rbunden ist. Nachdem der Spiegel
eingeführt ist . setzen wir die Blutegel daselbst hinein und ver-
Bchuesaen die äussere < letfriurig mit Charpie. Diese wird sodann nach
einer halben Stunde entfernt um den Blutegeln den Weg zu öffnen.
Nach Abnahme der Blutegel ist ein laues Sitzbad von guter Wirkung
für die Patientin; durch dasselbe wird au.li die Blutung noch auf-
recht erhalten, falls dies noch nothwendig ist, wie wir dies mit
warmen DmscblägeB an den äusseren Kürperparthien zu machen
pflegen. Der zweckmässitrste Zeitpunkt für die Anlegung der Blut-
egel auf den Uterus ist der Abend, da sich die Patientin während
nächtlichen Schlafes am leichtesten und für ihre Gesundheit am
vortln 'ilh.'iftesten von jene?- Kiniüdimg und Entkräftung erholt, die
ihr die Operation verursacht.
Es sei noch erwähnt, dass behufs schleunigerer und minder
holigerer Bewirkimg einer Blutentziehung aus dem Uterus die
Sr;u itiratioii empfohlen Wurde. Auch diese geschieht vermittelst des
rterusspeeulums und zwar mit Hilfe von Lancelten, die an einem
längeren Stiel angebracht sind. Eine solche Searification ist ebenfalls
nicht schmerzhaft und besonders in den Fällen von Nutzen, wo die
Si hleimhaut, welche die Muttermundlippen bedeckt, abnorm gel
reich ist und sich eigenthümlieh granulirt und erodirt zeigt. Die
Krnrification hat hier den nämlichen Nutzen, wie bei den vielfachen.
inders chronischen, BerophulÖsea Kntzündnngen der Oonjunctivi
ic. Auf diese Weise aber vermögen wir niemals eine grossere
Quantität von Blut zu entziehen; ans welchem Grunde die Application
von Blutegeln in all jenen Fällen den Vorzug verdient, wo in dem
ÜWusgeweb€ selbst eine erhebliche Blutstauung vuliunden ist.
Ausser der Blntent/.ielum- müssen wir in der intermenstruelleB
Epoche auf einen regelmässigen Stuhlgang, auf eine zweckmässige,
nicht reizende, wohl aber nährende Diät der Kranken bedacht s
mit einem Worte :uif die sämnitlichen mehr oder minder wich!
Momente, die wir unter dem Ausdrucke „Sorge für das allgemeine
Wohlbefinden" so verstehen pflegen, Die Rückenschmerzen und sc
die in den Ovarialgegenden im Bauche auftreten und die congesl
Dysmenorrhoe begleiten, sind mittelst Senfteig am leichtesten zu dämpfen:
in hartnackigeren Fäilen mit Vesicantien oder Einreibungen mit
• rotonßl, wobei Wir aber Sorge tragen müssen, dass danach keine
unangenehmen Furunkeln auftreten.
Bisweilen ist die congestrve Dysmenorrhoe mit den Symptomen
einer arthritischen und rheumatischen Diathese verbunden; diese Fälle
sind ganz besonders schmerzhaft und schwer zu behandeln. Das
Colchicum thut hier oft gute Dienste, 20—30 Tropfen V'inum
sem, colchici mit ein wenig Opium, während des Anfalles gereicht,
nutzen oft mehr als irgend ein anderes Mittel, besonders dann, wenn
nur eine grössere DöM TOB uarrotischen Mitteln dem Zweck ent-
sprechen winde. — Die Behandlung während der intennenstriielleu
Epoche ist bei diesen Formen der Dysmenorrhoe von grösster Wichtig-
keit, doch sind die Symptome derart verschieden, dass es unmöglich
ist eine derartige Behandlung zu statuiren, die für alle Fälle pai
Semmelweis' gyuaeojlogische Aiu.siiUe.
581
würde. Solange eine Obstipation vmhanden. di<- Zung«1 bi'leyt ist,
und der Harn harnsauere Salze enthalt, ist Colebn-tun /u verabreichen,
2— 3mal täglich, mit Bittersalz oder Magnesia; ist aber der Dänin
frei so verbindet man das Colchicum mit irgend einem Roborativ-
mittei. da die Disposition zur Iflealen Blutstauung und Plethora
gewöhnlich durch den Kräftemangel des Gesammtorganismus auf-
rechterhalten wird. Die Zunahme der Schmerzen, die Verstärkung
der Empfindlichkeit der Blase, oder die neuerliche Vermehrung der
harnsaueren Salze erheischt auch wählend der tonischen Behandlung
stets die Verordnung des Colchicum^ und sein häutigeres Verabreichen. —
Wenn die Krankheitssyniptome fortdauern, ein starker weisser Fluss
vorhanden ist, und die harnsaueren Salze habituell in grossen Mengen
erscheinen, dann ist Jodkalium indicirt, welches sich oft selbst
dann als wirksam erweist wenn uns die in das Colchicum gesetzten
Hoffnungen im Stich lassen. Die in diesen Fällen oft auftretende
Dysurie weicht häufig dem Gebrauch von citronensaueren Eisen, von
den wir zweimal täglich 2— 5 Gran verabreichen. — Dauert die Krank-
heit schon seit einer Reihe von Jahren, dann ist sie meiner Meinung
nach unheilbar geworden. Die Karlsbader Heilwässer übten zwar in
einzelnen Fällen einen günstigen Eintluss auf den Zustand der Kranken
aus. es kann sein, dass sie zuweilen wirkliche Heilung bewirkten;
doch selbst in den besten Fällen geschah dies nur langsam, unsicher
und eine Disposition zum Rückfall blieb zurück. Die Bemittelten
verlieren ihre Geduld bei einer Behandlung, die nie ein Ende nimmt,
die sie alljährlich wiederholen müssen und du zum Zweck einer mini-
malen Besserung die grftsste Selbstverleugnung und eine derartige
Wirsicht von den Kranken erheischt, dass sie sich von der Gesellschaft
ganz abschliessen müssen. Die Armen, die sich mit ihrer Krankheit
keinen Luxus erlauben können, sind nicht minder unglücklich: sie
müssen ein Dasein ertragen, dessen erschöpfende Lernen vielleicht
gerade desswegen schwerer auf ihnen lasten, weil die Krankheit, die
sie verursacht, eigentlich nicht lebensgefährlich ist, das Leben auch
nicht zu verkürzen — wohl aber elend zu gestalten — pliegt.
Ueber jene Arten der Dysmenorrhoe, die von einer Steine des
Muttermundes und des Cervicalcanales und von dem Behindertsein
des Abflusses des Menstrualblutes bedingt sind, habe ich schon früher
meine Meinung dahin ausgesprochen, dass sie nur selten vorkommen.
Li einigen Fällen, wo man die Menstruationsstörung diesen Umständen
zuschrieb, ergab sich bei genauerer Untersuchung, dass der Cervix
nur aus jenem Grunde klein und der Canal eng war. weil die Sexual-
organe überhaupt in ihrer Entwicklung zurückgeblieben waren. Es
ist überflüssig zu sagen, dass solchen Fällen der Name traumatische
Dysmenorrhoe nicht zukommt, und dass sie durch die Dilatation
des Muttermundes nicht geheilt werden können. Ebensowenig darf
dieses Verfahren so zu sagen aus Speculation in Anwendung gebracht
werden, und ohne dass wir für letztere andere Stützpunkte besässen
als den Befund, dass die Menstruationsstörung habituell ist, das
seit langem besteht und anderen dagegen angewandten Mitteln nicht
gewichen ist
Es ist wahr, wenn wir die Häufigkeit dieses Leidens aus der
grossen Anzahl der in jüngster Zeit zur Dilatation des Mutterhalses
erfundeneu Instrumente beurtheilen wollten, so müssten wir zu einem
ganz entgegengesetzten Resultat gelangen, als zu dem, welches ich
582
Semraelweifl' gynaecologißdie Aufsätze.
für wahr halte, und wir müssen glauben, dass fiie Stenose des Mutter-
halses se-hr häufig vorkomme. Ausser den einfachen Bougies und den
aus bi^gaBmen BCetal] oft ganz zweckmässig hergestellten Fäden.
verfertigte man auch solche Metallstifte, deren kolbiges Ende in
den i-anal eingeführt wird und hier einige stunden lang
liegen bleibt Sie werden in neuester Zeit aus zweierlei Metallen
zusammen gestellt, um auf die Gebärmutter eine galvanische Wirkung
auszuüben. Diese ingeniösen Instrumente sind Erfindungen des Edin-
burgher Professors Simpson, Ich aber befürchte, dass sie sich in gar
Nichts von jenen galvanischen Ketten unterscheiden, die gegen rhea*
m.iiis« li«- und neuralgische Leiden empfohlen und verkauft wurden.
Dir lt;i Iranische Wirkung ist eine viel zu geringe, als dass sie von
erwännenswerthem Erfolg begleitet wäre. Ueberdiess ist die Ein-
führung sehr schwer, namentlich bei enger Scheide; auch ist es nicht
denkbar, dass die lÄngerw&hrende Berfthrnng eines Fremdkörper
mit der inneren Wand der Gebärmutter keine beträchtliche Störung
verursachen sollte.
Nasser dar langsamen und gradweisen Dilatation des Mutter-
mundes und des Halses wurde auch deren gewaltsame Dehnung und
förmliche Quetschung und ihr Aufschneiden in Vorschlag gebracht,
mittels! Bistnuris, uelelie zu diesem Zwecke mit verborgener Schneide
ancrefertigl Bind, Ich gestehe offen, dass ich mir über das Princip
nicht m Klarem bin, aufgrund dessen man diese Instrumente empfohlen
liii Ist dar »ervix derart weit, dass er sie in sich aufzunehmen
rennag;, dann sehe ich nicht eint wieso die Stenose desselben als
Hinderniss des Blutabflusses wirken kann. Das aber steht klar vor
meinen Augen, dass die (iebärmutter durch solch' ein gewaltsames
Verfahren in erheblicher Weise laedirt werden und demzufolge eine
ige Reaction entstehen kann, wie ich dies auch wirklich bei einem
derartigen Falle beobachten konnte. Dieses Verfahren wird gegen-
n :iriii; so weit ich weiss — seltener in Anwendung gebracht, als
\t-i einigen .lahren. weil seine üblen Folgen bekannt sind. Ich will
bei dieser Gelegenheit llicht versäumen hier gerade auf solche Irr-
tliiiniiT die Aufmerksamkeit zu lenken, in die wir deshalb Ieichl
fallen können . weil sie sich unter unseren Patienten schnell ver-
en. Die Gründe, welche uns zum Betreten dieses oder jenes
Weges bestimmen, können die Niehtärzte nicht erwägen; jene popn-
Äre l'iithuloyie hingegen mögen sie wohl begreifen, die ihnen sagt,
dass sii> desshalb schwer menstruiren . weil ihr \ ervicalcanal eng
ist Zu der Hoffnung des Genesens unterwerten sie sich dann jeder
Vit m ■waltsamer Beliandlung und stellen vielleicht nachträglich einen
Kuh an /wischen dem Arzt, der zu ganz überflüssigen Proceduren
grif, und jenem der gerade nur soviel that als eben nothwendig
«rar, nnd fieser Vergleich fällt selbstverständlich zu Ungunsten des
ivn aus.
i wenn wir nach gründlicher, alle Missgriffe vermeidende!
ttmg wirklich zur Üeberzeuurunir kamen, dass die Djsmenor-
rhoe ler »lieilw.ise das Kesultat einer Cervixstenose ist, dann
Dilatation indicin. In neuerer Zeit hat die Lami na ria
>! mit ata die bisher gebrauchten Dilatationsmittel ans der Praxis
drängt.
Seiumelweis' gyuaecologi-iche Aufsätze.
583
Die operative Behaiidliing der Ovnriencysteii.
(1865.)
I. Die Function.
Bald nachdem die Diagnosen des Hydrops ascites und des
Hydrops ovarii praeciser begründet worden waren, fiel auch das
ungünstige Resultat auf. das die entfache Punction der Ovariencysten
in Gefolge hat Callisen hatte schon 1739 diese Operation für
ganz unnütz erklärt, Sabatier aberhielt sie nur im äussersten Not-
fall anwendbar. G. A. Richter hatte vollständig Recht, als er
sagte: „wir sehen, dass bei der ersten Punction gewöhnlich reines
Wasser heransfliesst, das bei den späteren Operationen immer trüber,
blutig-eitriger und dickflüssiger wird» Je Öfter die Operation wieder-
holt wird, um so schneller sammelt sich das Wasser von Neuem au.
Die Operation scheint also nicht nur die Kxulceration der Cyste zu
befördern, sie beschleunigt auch die Kräfteerschöpfung der Patientinnen
und diese sterben schneller als dies wahrscheinlich geschehen wäre,
wenn man sie nicht operirt hätte." — Diese Behauptungen winden
neuerdings durch statistische Daten auf sicherere Basis gestellt.
Von 132 mit einfacher Punction behandelten Kranken starben 103
vor dem Ablauf des dritten Jahres nach der ersten Operation, oder
pünktlicher: von 103 Kranken starben 25 einige Stunden oder Tage
nach der ersten Operation. 24 im ersten halben Jahr, 22 in der
zweiten Hälfte des ersten Jahres, 21 im zweiten und 11 im dritten
Jahr nach der ersten Punction. Von den übrigen 33 Kranken blieben
13 noch 4 — 7 und noch mehrere Jahre lang am Leben, 3 starben an
anderweitigen mit dem Eierstockleiden in gar keinem Zusammenhange
stehenden Krankheiten, bei 7 ist von ihrem weiteren Schicksal nichts
bekannt, 3 sind gebessert und 3 anscheinend geheilt worden.
Wir müssen demzufolge zugeben, dass in einigen Fällen die ein-
fache Punction eine Besserung nach sich zog, dass sie sogar an-
scheinend dauernde Heilung zu Stande brachte. Das nämliche erfuhr
Pitha bei einer durch ihn pungirten riesengrossen Ovariencyste, die
ursprünglich 60 Pfund Flüssigkeit enthielt, dann derart zusammen-
schrumpfte, dass die Frau, deren Kräfte tust vollständig erschöpft
warent nach sechs Jahren fast gar keine Unannehmlichkeit in Folge
davon empfand. Thomson beobachtete dasselbe Resultat auch
nach der 14-ten Punction. Die Heilung pflegt in solchen Fällen unter
den Erscheinungen einer heftigen, in der Cyste entstandenen Ent-
zündung zu erfolgen. Ramsbotham erwähnt eine Kranke, bei der
sich die Cyste in Folge einer Wagenfahrt auf holperigem Weg ent-
zündete, und nun wurde das Leiden in seinem Weiterschreiten auf-
gehalten. Eine Kranke Ki wisch 's litt nach mehrmaliger Punction
der Cyste an sämmtlichen Symptomen einer Bauchfellentzündung,
überwand sie alle glücklich, und zur Zeit der Reconvalescenz wurde
zum grossen Erstaunen des Arztes der Inhalt der Cyste allmählich
ÖS4
Semmelweie' gyuaecologiache Aufsätze.
so weit aufgesogen, dass man die Geschwnlst gar nicht entdeek«B
konnte. Kiwisch berichtet gleichfalls, dass eine an Ovari- n
leidende Frau, die nach der ersten Punction in Schwangerschaft kam.
nachdem sie glücklich entbunden und das zweitemal pungirt wind.-,
unter Symptomen einer heftigen Bauchfellentzündung: erkrankt'-. Als
die Erscheinungen nachließen, wurde auch die Cyste all
kleiner, bis sie endlich ganz verschwand.
Auch Cazaenx erinnert sich einer 40jährigen Frau, bei der die
Cyste Bicb nach der ersten Punction entzündete; es erfolgte ein netter
Erguss. hernach aber trat Resorption und in Folge davon Heilung
ein. — Solche gunstige Resultate der einfachen Punction sind
so selten, dass wir sie bei der allgemeinen Prüfung der Opera
nicht berücksichtigen können, sie vielmehr nur als Seltenheiten an-
fuhren dürfen. — Wir wissen weiterhin, dass die Punction in ein-
zelnen Fallen unzähligmale im Verlaufe der J&AM wiederholt wurde,
und dass die Krauken 15. 20 — 30 Jahre lang mit der Cyste w>
lebten So wnrde die Punction bei einer Kranken 41, bei e
anderen 57 male vorgenommen, John Hunter erwähnt eine Kranke,
welche während 26 Jahren 80male pungirt wurde. Eine Patientin
Prof. Lorey's in Frankfurt schleppte die Ovariej 0 Jahre
lang und sie wurde etwa hundertmal pungirt. Es ist wirklich zum
Staunen, wie oft mau in einzelnen Fällen die Pnnction wieder!:
konnte. John Latham erzählt von einer Kranken, dass sie während
einigen Jahren 155mal pungirt wurde und Bamberger erwähnt
eine 40jährige Frau, bei der man die Punction während 8 Jahren
253 male ausführte. Die Operation war ihr derart zum Lebens-
bedürfniss gewordent dass sie in der Folge auch ihr Mann erlernen
musste und schliesslich wurde sie wöchentlich zweimal pungirt.
Wir könnten diese Haritätensammlung ganz leicht um einige
Fälle vermehren, in denen die Operation 30— 60mal glüi -kln 1< auf-
geführt worden ist; allein welchen Nutzen bieten diese im Grunde
nur wenigen Beobachtungen, die man für die Punction anfühlen
köunte? Sie haben ja doch keinen praktischen Werth. dem
bilden nur Ausnahmen von jener allgemeinen Regel, die uns die
entgegengesetzten 100 Fälle lehren. Eine Operation, die unter
132 Fällen 25 Mal entweder direct oder indirect den Tod verursacht,
ist an und für sich schon viel gefahrlicher, al3 wofür man sie ge-
wöhnlich halr. Doch nicht diese Gefahr ist die Hauptsache. Viel
betrübender ist das Ergebniss, dass von jenen 132 Kranken nach
Ablauf des ersten Jahres schon 71 starben. Gegenüber diesen That-
sachen erscheint die Behauptung Lee 's viel weniger übertrieben,
wenn er meint, die Punction liefere ein ungünstigeres Resultat, als
die Exstirpation des Eierstockes. Wir können die Meinung Ye 1 p e a u ' s
nicht iheilen, wenn er rätht dass man den Eierstock-Hydrops nnr mit
innerlichen Mitteln und mit Pnnction behandeln kann. Wir sehen
gerade das Gegentheil, dass die Pnnction im Widerspruche zu ihrem
Palliativzwecke in der grössten Zahl der Fälle das Fortschreiten und
den tödtlichen Ausgang der Krankheit beschleunigt Die Indication
der Pnnction mnss daher rationeller Weise in möglichst enge Grenzen
beschränkt werden, und wir erachten sie nur dann fiir zweckent-
sprechend, wenn die radicale Operation aus den später zu nennenden
Gründen ustuhrhar ist. somit die Entleerung der Flüssigkeit
als Indicatio vitalis erscheint.
Semuielweis" gJMU»l0fittlU AuisiiUe.
585
IL Function mit Liegenlassen der Metallcanule oder des
elastischen Katheters.
Das Liegenlassen eiuer Canule in der Hydropshöhle. damit sich
die von Neuem ansammelnde Flüssigkeit entleeren könne und durch
die permanente Entleerung eine Heilung erzielt wende, ist bereits
eine alte Idee. Celsus legte nach der Punctum des Bauches eine
Bleiröhre in die Wunde, durch die er in den Tagen nach dflr Operation
die angesammelte Fliissigk» it hinansn'iessen Hess.
Die Anwendung des elastischen Katheters nach Pimction des
Eierstockes empfahl zum erstenmal meines Wissens A. J. Richter.
Er erhoffte von diesem Verfahren ein umso besseres Resultat und ich
denke mit vollem Recht, je kleiner die Cyste ist; darum rieth er. dass
das Wasser je eher entleert und gleich danach der ('atheter ange-
wendet werde. Er täuschte sich aber, als er sagte, diese Operation
biete grosse Vortheile und gar keine Gefahr. Die Erfahrung lehrt
Anderes. Auch bei diesem Verfahren können gute Resultate erzielt
werden, doch ist deren Zahl nicht gross; es wurde auch von berühmten
Aerzten empfohlen, die jedoch damit nur das Eine bewiesen, dass sie
sich gerade so irren können, wie andere gewühnli« In Leute.
Mit grossem Enthusiasmus hatte diese Operation auch der Brum-
berger Medicinalrath Ollenroth im Jahre 1843 empfohlen. Als er
auf Grund einer einzigen Beobachtung das ganze Gebäude seiner
übertriebenen Hoffnungen errichtete, fiel er in den Fehler, in den auch
Andere mit ihren verschiedenen Modifikationen fielen und noch bis
zum heutigen Tage oft fallen. Von nun an, so dachte Ollenroth, wird
man bei den Ovariencysten gar keine andere Operation anwenden
dürfen als die seinige. nämlich die Punction der Cyste durch die
Bauchwände, unter Liegenlassen einer mit einem Obturator versehenen
Silbercanule, durch die der Cysteninhalt mehrere Tage hindurch ent-
leert werden kann. Dieses Verfahren empfahl er nicht uur beim
einfachen Hydrops follicularis, sondern auch für complicirte Geschwülste
nnd Colloidcysten; ja er ging so weit1), dass er hoffte, „die Scirrhosi-
täten und die übrigen Entartungen des Eierstockes würden durch
eine mittelst dieses Verfahrens erreichbare vollständige Vereiterung
der Eierstocke gründlich geheilt werden können-, worauf Buh ring'-' i
laconisch erwiderte, „der Glaube ist eine schöne Sache*',
Ollenroth's geheilter Fall war ohne Zweifel ein solcher, der
in ihm die weitgehendsten Hoffnungen wecken konnte und auf des
Operateurs Gemüth umso mehr wirken durfte, da die gerettete Kranke
seine eigene geliebte Schwester war. Er hatte sie schon siebenmale
pnngirt, nnd die Flüssigkeit sammelte sich immer wieder an; bei den
letzten drei Punctionen war selbe auch schon in hohem Masse mit
Eiter vermischt, und die Kräfte der Kranken waren derart erschöpft,
dass man ihren Tod bald erwarten konnte. Zu dieser Zeit wendete
Ollenroth das oben angeführte Operations verfahren an. Die Silin i-
canule wurde 27 Tage hindurch in der Wunde belassen; die Cyste
ging in Eiterung über und die Operationswunde gangraenescirte. Der
Ausfluss verbreitete in der Zimmerhifi einen so gräulichen Gestank.
dass es Niemand darin längere Zeit aushalten konnte. Die Kranke
Die Heilbarkeit der Eieratocks-Wrtsaeraucht. Berlin 1843. S. 74.
Die Heilang der Eierstockgeschwülste. Berlin 1848. S 278.
586
Semmehveis" gJMtCologUClie Autsätze.
aber überlebte, trotz ihrer Erschöpfung, die Gefahren; der Ausriuss
hörte am 27. Tag nach der Operation auf und 4 Tage später top-
narbte auch die Wunde. Die Patientin reconvalescirte bald darauf
und erhielt ihre vorherige Gesundheit in vollem Maase wieder.
Pagenstecher erinnert sich einer "26jährigen Bäuerin, die an
aucktem Colloid-Cystoid und in Folge dessen an abzehrendem Fieber
litt. Am 12. Jänner 1847 wurde mittelst Punction eine br'iimliehrothe
jauchige Flüssigkeit entleert, und die Operation nach zwei Tagen
wiederholt. Zugleich wurde der permanente Abfluss der Jauche mittelst
dickem elastischen Catheter gesichert. 14 Tage nach der Operation
erreichte das auszehrende Fieber einen Grad, dass man die Kranke
schon für unrettbar verloren hielt. Diese aber erholte sich gegen
alles Erwarten neuerdings, die in der Geschwulst fühlbaren
härtungen wurden unter Breiumschlägen erweicht, selbst die Scheide-
wände der einzelnen Cysten schienen zu zerfallen. Der Abflugs
dauerte während dieses Processes in wechselndem Masse mehrere
Monate lang; im Mai wurde er geringer und mit gutartigem I
gemischt, und die Operationswunde schloss sich Anfangs Juni, also
5 Monate nach der Operation. Der Ovarientumor hatte damals nur
ihm h die Grösse eines Enteneies. Pagenxteeher sah die Kranke nach
einem Jahre wieder, die sich zu dieser Zeit einer guten Gesundheit
erfreute, ja sie war sogar schwanger und wurde später von einem
gesunden Knaben entbunden.
Kiliau verwirft in seiner, der Mittheilung dieses Falles bei-
gefügten Nachschritt die Punction bei dem multiloculären Eierst
Hydrops colloidalen Ursprungs und wir sin il diesbezüglich ganz seiner
Meinung, obwohl wir gestehen müssen, dass wir von der durch ihn
spätere empfohlenen innerlichen und äusserlichen Medication auch
nichts Besonderes erwarten. Die Erfahrung beweist dass wir die in
Rede stehende Krankheit mittelst therapeutischer Behandlung weder
in ihrer Entwicklung aufzuhalten, noch auch ihre Rückbildung zu
befördern vermögen; die Punction liefert weiterhin in solchen Fällen
noch viel weniger gute Resultate, wie beim einfachen Hydrops folli-
cularis; endlich, dass es uns unter solchen Verhältnissen durch die
Ovariotomie viel mehr Kranke zu retten gelingt, als durch irgend-
welche andere bisher angewendete künstliche Eingriffe. Wenn also
die Cystoidgeschwulst so beweglich ist, dass die Exstirpation des Eier-
stockes ausführbar erscheint, so geben wir dieser Operation den Vorrang
nicht nur vor anderen Verfahren, sondern auch vor allen übrigen
r.eliandlungsmethoden. die, seien sie von welcher Art immer, die Kranke
fast sicher nicht zu retten vermögen. Was sollen wir aber thun,
wenn die Geschwulst in solchem Masse angewachsen ist, dass die
Ovariotomie nicht am Platze ist? — In solchem Falle ist die Kranke
in der That nicht zu retten. Nichtsdestoweniger müssen wir, wenn
wir auch bei den Cystoidgeschwülsten des Eierstockes die unter Liegen-
lassen der Oanule vorgenommene Punction verwerfen, diese in dem
einem Falle für cansal indicirt anerkennen, wenn der Inhalt der
Oyste nicht nur erweicht ist. sondern auch seine Zersetzung begonnen
hat und er vereitert ist.
Auf diesen Znstand können wir aus der hochgradigen Umstimmung
des Gesammtbefindens. aus dem mit Schüttelfrösten einhergehenden
Fieber u, s. w. folgern. Unter solchen Umständen wird die erste
Indication selbstverständlich die Entleerung der Jauche sein, die
Semmel weis" gynaecologi&che Auf;-
587
zweit«: die Sicherung: ihres permanenten Abflusses, was wir mit dem
Appliciren einer Canule erreichen. In dem Falle Pagenstecher's war
also das durch ihn befolgte Verfahren rationell.
Der Fall Pagen stech erTs und die von Kilian Ihm beigefügten
Bemerkungen gaben uns Veranlassung, unsere Meinung über dieses
Operationsverfahren schon in voraus auszusprechen; kehren wir aber jetzt
zur Besprechung der damit erzielten weiteren guten Resultate zurück.
Douglas führte bei einer 30jährigen Negerin, die seit 3 Jahren
an Hydrops ovarii litt, im Juni 1848 die Punction aus und Hess die
Canule liegen. Die ersten 10—14 Tage entleerte sich noch eine
milchartige Flüssigkeit welche, sich später zu einem gutartigen Eiter
umwandelte, und am 1. August konnte man schon die Canule ent-
fernen. Bis zum December sickerte durch den Wnndcanal noch immer
einige Flüssigkeit, dann vernarbte er. Wieweit das Gesammtbefinden
während der Behandlung in Mitleidenschaft gezogen war, ist nicht
erwähnt
Wir sahen, dass in den bisher aufgezählten Fällen die Punction
immer durch die Bauchwände geschah, und Ollenroth hielt sie
überhaupt nur auf diesem Wege ausführbar; doch fand auch die
Punction durch die Scheide ihre Fürsprecher. Dieses Verfahren
wurde als palliative Operation bereits seit der Mitte des vorigen Jahr-
hunderts, als sie zum ersten Male J. Fr. Henckel anwendete, wieder-
holt empfohlen und ausgeführt. Wir müssen Henckel sogar als den
ersten bezeichnen, der die Punction per vaginam mit Application der
Canule behufs radicaler Heilung des Leidens in Anwendung gebracht
hat. Als sich nämlich in dem von ihm beschriebenen Falle die
Flüssigkeit nach der Punction baldigst wieder ansammelte, da sorgte
er mittelst Application eines Frauen-Catheters in dem Wundcanal für
den permanenten Abflugs jeuer und dehnte gleichzeitig die Wunde
soweit, dass er seinen Zeigefinger einführen konnte.
Henckel's Versuch fand keine Nachfolge und erst hundert Jahre
später machte Karl Schwabe neuerdings die Punction per vaginam
mit Einführung der Canule. Dies geschah im Jahre 1886 bei einer
29jährigen an Hydrops ovarii leidenden Frau, als ihre Kräfte schon
erheblich erschöpft waren. Die durch den elastischen Catheter ent-
lehrte Flüssigkeit war im Beginne grünlich, "dann in der ersten Woche
nach der Operation gelblichweiss, später aber wurde sie dickflüssiger
und eiterig. Der Catheter wurde am 14. Tage entfernt. Unter Ver-
abreichung von Eoborantien genas die Kranke soweit, dass sie Seh.
0 Jahre später, als er seine Abhandlung verfasste, vollständig gesund
und zur schwersten Arbeit fähig bezeichnen konnte.
Si hwabe hat von den Vortheileu der Punction per vaginam aus-
führlich gehandelt) dennoch publieirte 4 Jahre später K i w ieeh dieses
Verfahren unter seinem eigenen Namen. Die Modification. die von
ihm stammte, bestand in der Verwendung des Mutterrohrs, das er zur
Entleerung der Flüssigkeit benützte; aber diese Neuerung kann man
in der T hat nicht gutheissen, weil man behufs Einführung des kolbigen
Endes des Muttewohres die Stichwunde mittelst Bistouri noch dehnen,
auf diese Weise also zur Schnittwunde umgestalten musste. Aber
wenn wir auch die Priorität dieser Operation nicht Kiwisch lassen
können, so müssen wir in ihm doch ihren Hauptvertreter erblicken,
und auch unsere Widerlegung hauptsächlich gegen ihre Empfehlung
durch ihn richten.
588
Semmehveis' gyuaecologische Aufsätze.
Ki wisch führt folgenden gelungenen Fall an. Eine 30 jU
Bäuerin litt an einer kopfgrossen Ovariencjste ; in Folge hartnäck
Beschwerden beim Uriniren war die radicale Heilung des Leidens indi-
cirt. Die Cyste lag tief in dem Becken, und »lamm wurde am
20. Juli 1844 eine Explorativpunction per vaginam in Angriff genommen,
wi-irauf sich 9 Pfund einer chocoladebraunen Flüssigkeit entleerten.
I tie { anule blieb 20 Stunden lang liegen. Nach 10 Tagen, am 30. Juli.
als sich die Cyste wieder füllte, wurde die Radiealpumtion vorge-
nommen: bei dieser Gelegenheit flössen einige Pfund blutiger stinkender
Flüssigkeit ab, und die Stichwunde wurde so weit gedehnt, dass man
luich diese den Finger und sodann ein starkes Mutterrohr tief in die
i Syste hineinfuhren konnte. Die ersten 14 Tage floss durch das-
sti ts nur Jauche aus, und das Fieber war stark. Später besserte
sich der Gesammtzustand. wie denn auch die Qualität des Secretes
und auch seine Quantität abnahmen. In 4 Wochen entfernte Eüwiscfe
das Rohr, der Eiterfluss hörte auf, die Wunde vernarbte, die Kranke
wurde 40 Tage nach der Operation entlassen, und erfreute sich auch
nach Verlauf eines Jahres einer guten Gesundheit.
Seh netter in New- York führte die Punction am 30. Sept. 1851
bei einer 25jährigen, an Ovariencystoid leidenden Fran ebenfalls per
vatrinam aus, worauf sich einige Unzen eiterartiger Flüssigkeit ent-
leerten; sodann applicirte er eine Canule. Der Ausfluss war gering;
am 8. Tage trat heftiges Fieber mit Erbrechen und Kräfteverfall auf.
Nachdem die Canule tiefer in die Cyste geführt wurde, flössen 4—5
Pfund stinkende Jauche ab, worauf sich langsam eine Besserung i *in-
stellte, Behufs vollständiger Entfernung der Geschwulst musste die
Punction noch dreimal wiederholt werden, im November 1851, am
2. Februar und 5. März 1852, wto dann die Cysten alle zu Grunde
gegangen schienen; die letzte Stichwunde wurde bis zum Juli offen
gehalten, dann vernarbte sie von selbst, in einigen Wochen stellte
sich auch die Menstruation ein und die Frau genas angeblich voll-
ständig. Auf Grund dieses Falles meint Schnetter, dass die durah
ihn befolgte ßehandlungsweise auch bei solchen raultiloctilärcn
Ovariencysten anzuwenden sei. deren Inhalt nicht vollkommen dünn-
flüssig ist.
Diese Fälle zeigen die Lichtseiten des in Rede stehenden Ope-
rations-Verfahrens; von ihren Schattenseiten wollen wir ein ander-
mal reden.
Nachdem wir die guten Resultate der Behandlung der Ovarien-
evsten mittelst Punction und Anwendung einer den Abnuss sichernden
Canule besprochen haben, gehen wir über zur Erörterung der Schatten-
seiten dieser Operationsmethode und finden hiebei, dass die unglück-
lich ausgehenden Fälle von viel grösserem Gewichte sindT als die,
welehe glücklich enden.
Henckel's oben erwähnte Patientin , eine 40» Jahre alte Frau,
die seit drei Jahren an Hydrops ovarii litt, ist der Operation zum
Opfer gefallen, als am vierten Tage ihrer Ausführung eine Eiterung
in der Cyste auftrat. — Kiwi seh hat auch seine /weite Kranke, bei
der er die Operation vornahm, in Folge von Peritonitis und Pyaemie
verloren. — Buk ring machte die nämliche Erfahrung im Jahre 184a
>< mioelweis" grnaecologiscbe Aufsätze.
58Ü
Als er die Punction bei einer 47 Jahre alten Frau ini Verlaufe von
drei Monaten fünfmal wiederholte, und die Flüssigkeit sich stete schneller
und schneller ansammelte, Hess er die Canule in der WundötFnung
liegen. Das Seeret wurde stinkend und jauchig- und die Kranke ist
h drei Wochen in Folge Verjauchung der Cyste gestorben.
Die sich wiederholenden Schutt elfröste, das fortwährende Er-
brechen, wie auch die allgemeine Abzehrung' sind klare Zeugnisse
der durch den zersetzten Stoff hervorgerufenen Infection. — Martin
erwähnt zwei Fälle, wo die Operationsweise Ollenroth's versucht
wurde, und beide Fälle verliefen tödtlich; die eine Kranke starb be-
reits in 28 Stunden nach der Operation in Foljre vnn Verblutung
aus einem grösseren Gefäss der Cyste, — die andere aber an Bauchfell-
»m zündung. nach siebentägigen (Jualeti.
Langenbeck führte die Pnnetion am 1. Nov. 1 sf)3 bei einer
28jährigen Frau — die vor etwa 10 Monaten an Hydrops ovarii er-
krankt war und einmal schon pungirt wurde — per vaginam aus und
Hess einen elastischen Catheter im Wundcanal. Die Ovariengeschwulst
war nur wenig beweglich, der Bauch auf Druck nicht empfindlich
und der <Tesammtgesundheitszustand befriedigend. Die entleerte
gelblich- grüne, trübe, schleimige, eiweisshallise Flüssigkeit belief sicli
auf 20 Pfund und in den ersten Tagen nach der Operation sickerten
noch täglich 1 — 2 Unzen der nämlichen Flüssigkeit aus. Am vierten
Tage wann mit dem Mikroskop schon Eiterkürperchen darin zu
finden, und am fünften Tag war das Aussehen schon ganz eiterig.
Täglich wurde laues Wasser in die Cyste gespritzt. 14 Tage lang
kennte man -las Alleemeinbefinden der Kranken flir befriedigend er-
klären. Symptome einer Bauchfellentzündung traten nicht auf, das
Fieber war massig, Pulszahl 96—100 in einer Minute. In der
dritten Woche aber trat Appetitlosigkeit und übelriechendes Aufstossen
ein, und später auch wirkliches Erbrechen, das lichtgrüne, gallig-
sch leimige Massen ans Licht förderte. Hiebei wurde die Kranke
fortwährend schwächer und magerer und am 20ten Tag auch der
Eiter dünn und stinkend. Auf Einspritzungen von Lapislösung im
Beginn 1 Gran auf 1 Unze Wasser) und von «hamomillen trat eine
kurze Besserung ein; in den ersten Tagen Deeembers entleerte rieh
wieder ein dicker, gelber Eiter, in dem mit dem Mikroskop keine
Spur eines Detritus zu erkennen war; die Pulszahl schwankte zwischen
Bf und 98. Am 6. December auffallende Verschlimmerung: das Er-
brechen wiederholt sich immer häufiger, die Kranke verträgt weder
Medicin, noch die leichtverdaulichsten Sa eisen, nur den Kattee- und
Theelöffelweise verabreichten Madeirawein behält der Magen. Seit-
dem verfallen die Kräfte jählings, die Gesichtszüge fallen ein. der
Puls ist klein und schwach. 112— Uli in einer Minute, die Abmage-
rung steigert sich bis aufs Aeusserste, es entstehen Decubitus*, mit
eitern Werte die Kranke bietet das Bild des grössten Kräfteverfalls.
nämliche Verschlimmerung wird in dem < ysteninhalt wahrge-
nommen: Eiter dünn, viel und übelriechend. Aus diesem Gründe wird
die Coneentraitiefl der Lapislftsroig gesteigert {10 Gran auf 1 Unze
WaflMr}, worauf die Eiterung spärlicher wird und endlich ganz auf-
bort, Appetit und Schlaf gehen vollständig ab; der Puls wird
immerfort kleiner und häufiger. 124—130 in einer Minute; auch der
Moschus vermag dem Krank hei tsverlaufe keine andere Wendung
geben. Am 13. December ist das Gesicht ganz verzerrt, die Extremi-
oJO
Semmel weis' gynaecologwhe Avftltte,
täten kalt, und die Kranke starb am selben Abend* sechs Wochen
nach der Operation, gänzlich erschöpft
Die Ergebnisse der Leichenuntersuchung beweisen es klar, wie
unsicher der Erfolg in Betreff des Zusammenwachsens der I v
wände seil »st dann ist. wenn wir gerade um dies hervorzubringen
einen Catheter in die Cyste einführen.
Bei der Oeffnung des Bauches wurde vor Allem wahrgenommen,
dass die vordere Wund der < yste in grosser Ausdehnung mit den
Bauchwänden zusammengewachsen war; starke Bindegewebsstränge
zogen von ihrer hinteren Wand zum Omentum maius, von ihrem
oberen Rande zum rechten Leberlappen und von ihrer rechten Seite
zum Blinddarm. Die letzteren waren in jedem Falle ältere Zu-
sammenwaehsungen, so dass man die Cyste kaum hätte exstirpiren
können, was allerdings bei der Operationswahl in Betracht ge-
nommen wurde. Hingegen kam die Zusammenwachsung der Cyste
mit der Bauchwand, mit Ausnahme von 3—4 stärkeren Gewebs-
ngen. nur nach der Operation zustande, die Zusammenklebnngen
waren locker und mit zahlreichen sehr feinen, neuen Gefässen durcha&et
Um die Piinctionsdffnung herum, welche das Seli**ideiigewölbe rech
seits 1'., Linien entfernt von der Portio vaginalis uteri dorcllbobite,
war die Cyste durch ein plastisches Exsudat ganz fest mit dem 1
t-oneal Überzug zusammengewachsen. Der sonst normale Uterus, das
rechtseitige gesunde Ovarium und dessen Salpynx waren mittelst
Exsudates miteinander und mit dem Blinddarm zusammengewachsen;
vom Uterus ein wenig links und rückwärts zu wurde ein apfelgroi
abgekapselter retroperitonealer Abscess gefunden, welcher dünnen,
jauchigen Eiter enthielt, jedoch mit den Nachbarorganen auf keinerlei
Weise communieirte. Andere Symptome einer Peritonitis waren nicht
vorhanden und die Gedärme waren nirgends mittelst Exsudates mit-
einander verklebt.
Das erkrankte Ovarium war das linksseitige; die Cyste war ei-
förmig, ihr Längsdurchmesser t> V, der Querdureliniesscr 3 '.,":
während ihrer Bildung nahm sie die Stellung von der linken Seite
schief ganz nach rechts, so dass in vivo die rechte Seite des Bauches
am meisten gespannt erschien. Die Wand der Cyste bestand aoe
Festem Bindegewebe und stand mit einem etwa halben Daumen breiten
Stiel mit dem linken und oberen Rand des Uterus in Zusammenhang.
Der ganzen Länge ihrer hinteren Wand entlang zog sich eine
zolltiefe Einstülpung, von deren Grund die später zu erwähnende
und in die Cyste frei hineinragende Geschwulst ihren Ausgang nabln.
Entlang dieser Einstülpung der Cyste, gleichsam in sie von an
eingebettet zog sich die linke Tube, die man frei entfaltet bis zum
Uterus verfolgen konnte.
Was die Behandlung des Hydrops ovarii — von der wir eben
sprechen — betrifft, so ist die Beschaffenheit der Innenwand der
Cyste von meistern Interesse. Diese wurde nämlich rauh und etwas
wellenförmig befunden. Von einer Zusammenwachsung oder Verklebung
der Wände war keine spur zu linden, hingegen deckte eine J
dicke Exsudatschickt die ganze Innenfläche, die man leicht abl
konnte. Dieses Exsudat erwies sich als vollständig analog mit dem
bei der Rippenfellentzündung auftretenden, indem die unmittelbar an
der Cystenwand liegende Schichte stark <refässig befunden wurde,
während die ferneren Schichten gefässlos waren und mehr einem
Semmel weis' gynaeoologische Aufsätze.
591
geronnenen Fibrin ähnlich sahen. Von der Innenfläche der Cyste
ragte frei in deren Höhle hinein eine ziemlich consistente. 3 Zoll
lange und 1 Zoll dicke, an ihrer Oberfläche uiicheiimässigc Neubildung,
die im Querschnitt ein weissliches festes Bindegewebe erkennen liege,
übrigens aber aus röthlich-braunen Colloidstoff bestand. An der
Innenfläche der Cyste sassen verstreut kleinere, linsen- bis ttUSSgTOBSe
Colluidcysten. An den übrigen Eingeweiden war nichts Besonderes
zu finden; sämmtliche waren blass und blutarm und zeigten keine
Spnr von einer Eitermetastase.
Langenbeck versuchte zur selben Zeit diese Behandlungs-
weise bei einer anderen Kranken in seiner Privatpraxis, Dadurch ist
der Beweis geliefert worden» dass nicht die Spitalsluft Schuld an dem
bösen Ausgang hatte (die zuvor erwähnte Kranke wurde nämlich im
Spitale behandelt). Hier erfolgte nämlich der Tod unter denselben
Erscheinungen. Auch liier geschah die Punction per vaginam; nach
Ablauf von drei Wochen entfernte Langenbeck probeweise den I a-
theter, da sich aber hierauf in der Cyste Jauche ansammelte, so
musste die Punction, um einer Blutvergiftung vorzubeugen, wiederholt.
und der Catheter liegen gelassen werden. Dennoch starb die Kranke
drei Wochen darauf, nachdem sie gerade so wie die erste, in Folge
vollständiger Verdauungsuniahigkeit und fortwährenden Erbrechens
gftnz erschöpft und abgemagert war. Ursache des tödtlicnen Aus-
ganges war auch hier zweifellos die Verjauchung der Cyste und die
durch diese verursachte Pyaemie. Eine Section wurde nicht zugelassen
C rede versuchte in drei Fällen das besprochene Operationsver-
fahren ; zweie davon endeten ebenfalls, wie die zuvor ei wähnten, mit
dem Tod
Wir hielten es für nothwendig, alle diese Thatsachen aufzu-
zählen, nm uns ein Urtheil hinsichtlich der Autorität eines Mannes
bilden können, dessen Wirken auf dem gynaecolngisr.hen Gebiete
auch nach seinem — leider zu früh eingetretenen — Tode mit allem
!: Itt in hohem Ansehen steht. Ki wisch irrte sich, als er die
Punction per vaginam mit Liegenlassen des Catheters oder Mutter-
roh rs als das beste Verfahren zur radicalen Heilung massig grosser
nnd einfacher Ovariencysten hinstellte. Es scheint wirklich, dass er
nur eine einzige Kranke auf diesem Wege radical heilte; da aber
dieser Fall der erste war, den er auf diese Weise behandelte, so ist
es verständlich, dass er sich für sein Operationsverfahren begeisterte
und es auch nach sechsjähriger Erfahrung mit gleichem Eifer ver-
theidigte. Wir wollen zugeben, dass einige der unglücklichen Fälle
schon in Folge einer anderartigen, namentlich colloidartigen Ent-
artung für dieses Operationsverfahren nicht geeignet waren, indess
erscheinen die Resultate bei einfachem Follicularhydrops auch nicht
günstiger. Die Erfahrung zeigt, dass der grösste Theil der nach
dieser Methode operirten Kranken theils an Bauchfellentzündung,
theils, und das noch häutiger, an Verjauchung der Cyste und an
hiedurch verursachter Blutvergiftung zu Grunde gingen und dass die
zufällig Geheilten während der Vereiterung der Cyste in grösster
Gefahr standen. Diese Gefahren sind fast in gt-rade so grossem
Masse vorhanden, üb die Punction durch die Baiichwände oder ob
sie per vaginam ausgeführt wird. All diesem nach können wir nicht
zugeben» dass die Punction der Ovariencyste mit Liegenlassen der
Canule das beste Operations verfahren Bei,
502
melwei** irynaecologiscbe Anfsätze.
III. Punction mit nachträglichem systematischen Drucke und
mit innerlicher Behandlung.
Schon Bell behauptete, dass nach der Punction ein auf den
Unterleib aasgeübter starker Druck die Nenansainmlung der Flüssig-
keit verhindern könne, und Hamilton verband mit massigem Drucke
die Percussion der <• «■schwulst, und nahm auch noch laue Bäder und
harntreibende Mittel in Anspruch. Es gelang ihm auf diesem Wege
angeblich in 7 Fällen eine radicale Heilung zu bewirken; andere
aber, die Min Verfahren versuchten, konnten sich eines solchen Glücks
nicht rühmen.
In den fünfziger Jahren pries Baker Brown den guten Erfolg,
den er mittelst Zusammen d rück ens des Bauches mit emem Verbund
nach der Punction und einer gleichzeitig- angewendeten enertrischen
Quecksilbercur sowie harntreibende]- lütte] erzielte, namentlich
bei einfachen, nicht angewachsenen, serösen Cysten; aber auch die
multiloculären angewachsenen Cysten wurden dadurch angeblich
einigermaßen in ihrer Entwickelung aufgehalten, Brown publicirte
5 solche Radi< illH-iliingen; Lee aber demonstrirte bei 2 Fällen, dass
die Heilung keine radicale war. und Brown gestand später selbst,
dass er sich getäuscht hatte und bei einem dieser Fälle eistirpirl
später den Eierstock. — II 1 1 t in theilte auch einen auf diesem Weg
geheilten Fall mit und Brown nachträglich noch 2. bei denen, nachdem
sie 1847 und 1848 pungirt wurden, noch im April und Mai 1
also nach «i1 , Jahren sich kein Rückfall zeigte. Nach Behau ptnng
Brownes publicirte auch Murphy einen Fall, in welchem die Kranke
nach seinem Verfahren vollständig hergestellt wurde.
Aus all diesen Thatsaehen dürfen wir folgern, dass wenn auch
die Zahl der mittelst dieses Heilverfahrens genesenen Kranken eine
geringe ist, dasselbe doch eine gewisse Berücksichtigung verdient. "Wir
würden dessen Anwendung in solchen Fällen immer versuchen, wo
sich der Hydrops ovarii relativ schnell und in Begleitung von Ent-
zfiiidungserscheinungen entwickelt hat. Unter solchen Umständen
heilt durch die einfache Punction und zweckmässige Behandlung
häufig auch die Hydrokele radical. Oft schein! bei den Ovariencystei
ein analoger Process zu Stande zu kommen. Unter den angeführten
Fällen linden wir wenigstens einige solche, wo sich mittelst der
Punction eine eiterige Flüssigkeit entleerte, — Man kann weiterhin
in solchen Fällen dieses Verfahren versuchen, wo ein energischere«
OperatKmsrerf&hren contraindirirt ist. Es ist selbstverständlich, dass
wir bei solchen für verloren geltenden Fällen wahrscheinlich nie eine
Heilung werden bewirken können; doch unter so verzweifelten Verhält-
niss.il ist es schon nls Gewinn zu betrachten, wenn wir den schnellen
Verlauf des Leidens zu hemmen im Stande sind. — Dieses Verfahren
hat noch einen anderen Vortheil über die übrigen, nämlich da-
nicht gefährlich ist. Brown übt den Druck auf die Weis, ans, dass
er vorerst mehrschichtige Tampons auf den Bauch legt, welche er so-
dann mit breiten Heftpflaaterstreifen befestigt Der Grund (der
mittlere Theil) der Pflaslei>tndfeii kommt auf die Wirbelsäule und
die beiden Enden werden um den Körper geführt, so dass sie sich
auf dem B&tiohe kreuzen Dieser Verband wird schliesslich inil einer
Flanellbinde oder mit einem eigens zu diesem Zwecke verfertigten
Bauchmieder fest niedergedrückt. — Die übrigen Verordnungen
Semmel weis' g-ynaecolog-bche Aufsätze.
593
Browns müssen wir aufs Knischiedenste verwerfen. Das Qu
silber kann nur dort indicirt sein, wo sich in der Cyste acute Ent-
SBttnduii^sersdiehiungen einstellen: mehr anznratlien sind die .Jod-
praeparate. als für den Öesammtorganisnms vit-1 weniger gefährlich.
— All diesem nach müssen wir von der Methode Browns sagen,
dass was Gutes in ihr enthalten ist — d, h. der Druck — nicht neu
Ist, und was in ihr Neues ist — nämlich die bis zum Speichelflnss
angewendete Quecksilbercnr — nicht gut ist. —
IV. Punction mit Jod-Einspritzung.
Schon im Alterthum wusste man, dass man die Hydropsien in
geschlossenen Höhlen mittelst Einspritzung reizender Flüssigkeiten
heilen kann. Celsus empfiehlt, dass man bei Hydrokele die Höhle —
nachdem das Wasser entleert wurde — mit einer Salz- oder Salpeter-
Lösung ausspüle. Die späteren Autoren haben diese Methode nicht
empfohlen, und nur im Jahre 1677 wurden die reizenden Einspritzungen
zur radicalen Heilung der Hydrokele wieder aufgenommen. Der
Mai seiller Chirurg Lambert empfahl zu diesem Zwecke eine aus
Sublimat und Kalk bestehende starke Lösung, mit der er aber ebenso
wenig Gefallen erntete, wie Sharp mit seinem später empfohlenen
spnitus; erst dann, als Sabatier den Rothwein und Earle. der
eifrigste Befürworter der Einspritzungen, den Portwein im Rosen-
blätterinfus angewendet haben, vermehrte sich die Zahl der Freunde
der Einspritzungen. Da aber Rückfälle häufig vorkamen, so fehlte es
auch an Gegnern nicht, solange, bis etwa vor 30 Jahren die Ein-
spritzung mit Jod nach der Function der Hydrokele im Allgemeinen
als die beste. Operation zur Behandlung dieses Leidens anerkannt wurde.
Mit der Anwendung der Jodlösuug beginnt eine neue Aera in
der Behandlung der Wassersucht und entschieden hat Velpeau
das meiste Verdienst um die Verbreitung der Jodeinspritznngen. Die
Priorität in der Anwendung kommt aber nicht ihm. sondern Martin
in Calcutta zu, der schon 1N42 Jodtinctur behufs Heilung der Hydro-
kele injicirte und seine diesbezüglichen Beobachtungen zwei Jahre
später auch publicirt hat. Velpeau — man kann sagen — wusste
selbst nicht, wie er auf die Jodeinspritzungen gekommen ist. Es
wurde ihm im Juli 1836 von seinen Schülern berichtet, dass Prof.
Ricord die Hydrokele seiner Kranken mit Jodtinctur behandelt.
Velpeau wähnte zu verstehen, dass das Jod eingespritzt wird und
machte selbst den Versuch damit und zwar mit gutem Erfolge. Erst
später stellte es sich heraus, dass Ricord durchaus nicht an äk
Einspritzung des Jods dachte, sondern dass er bei einer in Folge
von acuter Hodenentznndung entstandenen Hydrokele Umschläge mir
verdünnter Jodtinctur anwenden liess. So gelangte Velpeau zum
Rufe der Erfindung des neuen Operationsverfahrens und dieses Ver-
fahren erwies sich seither als so erfolgreich, dass heutzutage — 30
Jahre später — kaum eine Höhle im Organismus existirt, in die
C behufs Heilung ihrer hydropischen Erkrankung das Jod nicht ein-
gespritzt worden wäre.
Velpeau wendete später die bei der Hydrokele als erfolgnjirh
befundene neue Methode auch zur Heilung der verschiedenen anderen
Semmel weis' gesammelte Werke, 38
594
Semmelweis' gynaecologiscbe Aufsätze.
Cysten an, und dabei begünstigte ihm das Glück ebenso, wie zuvor.
Denn als er im Jahre 1839 eine an der Kiiieirelenksgegend befindliche,
fluctuirende Geschwulst untersuchte, da erklärte er seinen Schülern,
dass er, weil sich dieselbe ausserhalb des Gelenkes befinde und mit
diesem absolut nicht communicire, bei dieser Geschwulst noch die
Function mit. nachträglicher Jodeinspritzung versuchen wolle. Er
wollte in der That nicht in das Kniegelenk Jod einspritzen; aber
seine Diagnose war zufällig falsch und die fluctuirende Geschfl
war entweder das Gelenksband selber oder sie stand wenigstens in
unmittelbarer Coinmunieation mit demselben. So geschah es, dass
Velpeau gegen jede Absieht in ein hydropisches Kniegelenk Jod-
tftstmg einspritzte. — und das Resultat war wieder sehr günstig.
Der erste aber, der mit bewusster Absicht eine Jodlösung in das
hydropische Kniegelenk einspritzte war 1841 Bonnet und nach einem
Jahr nahm Velpeau die Operation von Neuem vor. — Der günstige
Erfolg steigerte die Kühnheit der französischen Chirurgen immer mehr
und man wandte die Jodeinspritzimgen vn Tag zu Tag in weiterem
Umfang an: im .Fahre 1841 Dieulafoye in Toulouse bei As< i
1847 Brainard bei Spina bifida und 1849 derselbe bei Hirin'Wlein;
1854 versuchte Jaubert zur radicalen Heilung einfacher reponil
Hernien die Jodeinspritzung. Und man kann sagen, dass seitdem
im Jahre 1855 Ar an das Hydropericardium und Bonnet ein
livl topisches Auge pungirte und diese Organe der Jodeinspritzung
zum Opfer fielen, es kaum einen Weg mehr giebt, auf dem in Zu-
kunft dieses operative Verfahren noeli versucht werden könnte.
Wir müssten bei der grossen Verbreitung der Jodeinspritzuug
in der That staunen, wenn man sie beim Hydrops ovarii nicht
angewendet hätte. Die Kesultate erwiesen sich bei den hydropiseben
Ei krankungen anderer Organe als so günstig, dass es ganz natürlich
schieu, auch liier einen Versuch zu machen, in der gerechtfertigten
Hutthung, dass die Einspritzung der Jodlösung nach der Pu.no ti<>n
nur von gutem Erfolge sein könne.
Versuche mit Einspritzungen reizender Flüssigkeiten wurden
schon in älteren Zeiten gemacht. Um die Mitte des vorigen Jahr-
hunderts war der Chirurg Warrieh der erste, der in einem Falle
von Ascites mit Wasser vermischten Rothwem nach der PunctioD ein-
spritzte und zwar mit gutem Erfolg. Als er aber diese Operation
bei einer anderen hydropischen Krauken wiederholte, bei der sich
wahrend der Function eine röthliche dicke Flüssigkeit entleerte, da
starb die Kranke; bei der Leichenuntersuchung fand mau selbst-
verständlicher Weise nicht den di&gnostlcirten Ascites, sondern eine
grosse Cyste, welche mit. dem Fundus uteri im Zusammenhang
und zweifellos in dem Eierstock ihren Ursprung hatte. — Es scheint,
dass alle weiteren Versuche sehr ungünstigen Ausgang hatten, und
die Autoren stimmen kaum in einem anderen Punkte so sehr überein,
als in der Perhorrescirung der Einspritzungen nach der Punction
der Ovariencysten ; alle erklären sich für die höchstgradige Gefahr-
lichkeit dieser Behandlung und verwerfen auf das Hntscln-
ihn- Anwendung.
I Mcscni Standpunkte der älteren Aerzte über die Jodewspritznn
widersprechen die in neuerer Zeit gemachten Erfahrungen. Die ersten
Beobachtungen in dieser Richtung publieirte im Jahre 1851 Thomas
Sem im? I weit1 g vna*'ro]ogische AttfafttaBt,
595
er erwähnt 3 Fälle von Robert, je einen 70B Ailisou und
Ricord. Es ist beklagenswerth, dass die Krankengeschichten mangel-
haft sind.
In dem ersten Fall Uobert's wurde die Canule liegen getanen
und nur am 16. Tay, als der Ablluss schon jaitelii- geworden war.
wurde die Jodeinspritzung gemacht und einen ganzen Monat lang
fortgesetzt Die Kranke, die sich in Folge der Verjauchung
Cyste bereits in .sehr zweifelhaftem Zustand befand, genas zwar auf
die Jodeinspritzung, aber es blieb eine Fistel zurück. — Die zweite
Kranke wurde in 47 Tagen viermal pnngirt: die Jodeinspritzung
geschah nach der zweiten Punction, worauf die Canule 3 Tage lang
u gelassen wurde. Nach den zwei letzten Functionen entfernte
man die Canule; die Cyste füllte sich am 13, Tage nach der letzter
Punction wieder voll an. — Die dritte Kranke, ein lTjähriges junges
Mädchen litt an einer Ovariencyste, welche nur etwa *2 Maass Flu
keit enthielt. Wahrend 12 Woehoii wurde die Punction 14— 15 mal
wiederholt und nur nach der letzten Punction Hess man die ( 'annle
liegen und spritzte Jod ein: diese Einspritzung wurde öfters wieder-
holt. Die Cyste verkleinerte sich schon am 8. Tage soweit, dass sie
kaum einen Löfiel voll Flüssigkeit enthielt, aber die Fistel-Oeftnung
bestand noch immer. Mehr ist von dem Falle nicht aufgezeichnet
worden.
In einem vierten Fall, bei einer 21jährigen Frau, machte Allison
„une large ponetion". d. h. wahrscheinlicher Weise eine Incision, da
er nachher zm AulYeehterhaltung des RüBsigkeitsabflttßsea Cnarpie
gebrauchte. Als der Abtluss jauchig wurde und sich ein abzehrendes
Fieber einstellte, wurde Jod eingespritzt. Hierauf ging es der Frau
besser und sie erholte sich soweit, dass sie sich später einer guten
Gesundheit erfreuen konnte, obwohl die Wunde sogar nadb zwei Jahren
noch nicht vollständig vernarbt war.
Der fünfte Fall kam in der Praxis Ricord's vor. Die erste Jod-
eiusp ritzung hatte keinen Erfolg, wesshalb die Operation mit einer
concentrirteren Lösung — '/, Theil Jod, 8/, Tlieile Wasser — wiederholt
ward. Die Cyste ging hierauf selbstverständlicher Weise in eiterige
Entzündung über und per vaginam punetirt schrumpfte sie Zusammen;
die Kranke genas vollständig.
Zu den hier aufgezählten fünf Beobachtungen müssen wir bemerken,
dass weder die ersten gegen die Jodeinspritzung, noch die letztere
für dieselbe spricht. Die Methode, die angewendet wurde, ist nicht
zweckmässig. Wir können darin mit Thomas keineswegs iiliei ein-
stimmen, dass die Canule durch lange Zeit — ganze 3 Monate lang —
liegen bleiben möge und das Jod erst dann injicirt werde, wein
Secret schon eiterig wird. Die Cyste geht bei solcher Behandlung
immer in Verjauchung über, deren Gefahren wir bereits besprochen
haben, l'ebrigens ersehen wir aus diesen Fällen, dass die JodftbL*
spritzung unter solchen Verhältnissen auf die Beeinflussung der .lanelie-
produetion von sehr günstiger Wirkung Ft.
Im Jahre 1852 empfahl Boinet die Jodeinspritzung, die er seit-
her am meisten angewendet und befürwortet hat. Laut Bericht der
vor mir liegenden Schmidt'schen Jahrbücher empfahl anfangs auch
Boinet das Liegeulassen der elastischen Canule nach der Punction.
einerseits desshalb. damit sich das Serret permanent entleeren könne,
anderseits, damit man die Jodeinspritzuug im Nothfalle wiederholen
38*
Senunelweis' gyn*«
könne. Neuerdings aber bellst Boinet die Cannle nur in dem Falle
in der Wnndöffnung, wenn lie Cyste entweder eiterige Flossigkeil
hfllt, oder aber die Einspritzung ohne Liegenlassen der Cannle keine
Heilung bewirkte.
Martin erwähnt eines 22jährigen Mädchens, bei dem nach
wiederholter einfacher Punctum eine Jodkalilösung eingespritzt wurde.
Die Kranke starb in Folge von Peritonitis and bei der Sectios Band
man in beiden Eierstöcken eine Colloiddegeneration.
Simpson dissertirte 1854 in der Edinburgher gynaeeolorächen
Gesellschaft über di<- Heilung der Ovariencysten mittelst Jodein-
apritenng. Er versackte dieses Operationsverfabren in 7—8 Fällen.
and spritzte für gewöhnlich 2 — 3 Unzen reine Jodtinctur ein. In
einigen Fällen Hess er einen Theil der eingespritzten Flüssigkeil
[er heraus, das andere Mal Hess er das Ganze darinnen, Bei
keinem der erwähnten Fälle fand er weder eine locale, noch eine all-
gemeine erheblichere Keaction, mit Ausnahme eines Falles, wo die
Pulszahl auf 110 stieg. Bei diesem Individuum aber verursachte auch
die einfache Function ähnliche Erscheinungen. In 2—:» Füllen seinen
die Jodeinspritzung radical zu hellen, denn die Flüssigkeit sammelte
sieh in der Cyste auch nach mehreren Monaten nicht wieder an. In
den Übrigen Fällen traten Rückfälle auf und die Flüssigkeit sammelte
sich bisweilen eben so schnell an. wie nach der einfachen Function,
Krankengeschichten sind keine beigefügt.
Boinet spricht in seiner im Jahre 1855 erschienenen ,.Jodo-
therapie" eingehend über die Behandlung des Hydrops ovarii mittelst
Jodeinspritzung und wir werden im Laufe unseres gegenwärtigen
Aufsatzes noch üfters auf dieses Werk zurückkommen.
Das in Hede stehenden Operationsverfabren verfolgt zwei Zwecke;
1. Di« Entleerung des Cysteninhnltes.
2. Die Unterdrückung der Seeret ionsthätigkeit der Cyste, damit,
dieselbe zusammenschrumpfe und verschwinde. .Mein- ist von diesem
Opera! innsverfahren nicht zu erwarten.
Boinet empfiehlt bei conipln irteieu Fällen auch das Liegenlassen
elastischen Oatheters oder der Oanide; indem wir aber im den
permanenten Abflass des Secretes sorgen, haben wir es schon mit
jener alteren Methode zu thun. die schon Henckel. Schwatze.
Ollenroth und Kiwi seh geübt haben, und bei der die
spritzung nur an zweiter Stelle in Betracht kommt, gleichwie die
Kinspritzungen von Wasser. Wein oder anderen reizenden Flu.--
keiten. —
Sprechen wir nun vor Allein Ober die zweckinässigste und ein-
laclisie Ausführung der Operation.
Die Entleerung des Cystentnhaltes ist durch die Bauchwände oder
per vaginam ausführbar; per vaginam können wir es thun. wenn die
Fluctuation an dieser Stelle deutlich fühlbar ist; sonst, und dies ist
der häufigste Fall, geschieht die Punction durch die Bauch wand,
und zwar um die Arteria epigastrica zu vermeiden in der Linea alba.
Die Kranke sitzt oder liegt. — Bei der Punction per vaginam inuss
zuvor der Mastdarm mittelst Clystar, die Harnblase mit Hilfe eines
Cathetera ausgeleert werden. Zur Function bedarf mau eines «re-
krümmten und recht langen Troikarts. Die Kranke wird auf die
Uei rt. wie beim Blasenschuitt, der Catheter wird in die
Blase geführt, und der Operateur überzeugt sich von dessen Richtung
Semmelweis' gyuaecologische Aufsätze. 597
durch die Untersuchung per vaginam. Diese Vorsicht darf man nicht
vernachlässigen, damit man die Blase bei irgend einer Lageverände-
rung während der Operation nicht verletze. Nun bezeichnet der
Operateur mit seinem linken Finger die am meisten fluctuirende Stelle
des Scheidengewölbes, — unterdessen percutirt der eine Assistent die
Bauchwände — und fuhrt mit seiner rechten Hand längs seines linken
Zeigefingers den Troikart mit zurückgezogenem Stilet bis zur bezeich-
neten Stelle und macht die Punction dem geraden Durchmesser des
Beckens entsprechend. Das Gefühl des überwundenen Widerstandes
dient als Zeichen dafür, dass das Instrument in die Cyste einge-
drungen ist. Sind deren Wände dick, so bedarf es eines festen Stosses.
Sodann ziehen wir das Stilet zurück und spritzen sofort das Jod ein,
ohne Rücksicht darauf ob die Punction durch die Bauchwand, oder
per vaginam gemacht wurde.
(Fortsetzung folgt.)*)
*) [Nicht erschienen. Der Herausgeber.]
Biograpliischt' Skizze.
Ignnz Philipp Semmelweis wurde um 1. Juli 1818 zu Ofen, d. h. iu «lern am
rechtzeitigen Donanufer gelegenen Theile der Hanptstadt Budapest geboren. Da-
selbst besachte er die Elementarschulen und absolvirte das Gymnasium. Seine
medicinischeu Studien begann er im Jahre 1838 in Wien, hörte im 3ten Mi
Semester die Vorlesungen 10 te Universität zu Pest, und kehrte t'iir das viert«
und Fünfte Studienjahr nach Wien zurück, wo er am 2. April 1844 das Doctor*
Diplom erwarb. Seme Inaugural-Dissertation wählte er ans der Scientia amahilis.
Am 1. August 1844 erlangte er das Magister-Diplom der Geburtshilfe, und in einigen
Tagen darauf das der Chirurgie.
Am 27, Februar 1846 wurde er provisorisch, am L Juli desselben Jahres
definitiv zum Assistenten der ersten Gebärklinik am allgemeinen Krankenhause zu
Wien ernannt, wo er bis zum 20. October wirkte. Am 20, März 1847 übernahm er
zum zweiten Male die Stelle eines Assistenten, und wirkte als solche«
20. März 1849.
Seine segensreiche Entdeckung" betreffend die wahre Aetiologie des Kindbett-
Hebera machte er im Jahre 1847. Die prophylaktischen Chlorwasehungen fühi I
im Mai desselben Jahres ein.
Als man ihm nach Ablauf von zwei Jahren die Assistentenstelle nicht wieder
iiliei trug, ihn dann wegen Veröffentlichung der klinischen Rapporte der Gebäraus tall
der Denunciation beschuldigte , ihm die venia legendi au der Wiener Universität
zuerst ruud verweigerte, sodann auf sein wiederholtes Ansuchen wohl gewährte aber
an die erniedrigende Bedingung knüpfte, blos am Phantom demonstriren zu dürfen,
verließs er fünf Tage nachdem er die Klientur erhalten, Wien und kehrte im
October 1850 in seine Heimath zunick, wo er sodann bis zu seinem Lebensende
wirkte.
Im Jahre 1851 erhielt er das Primariat im Pester Set. Rochus-Spital, nud 1855
die Bestallung als ordentlicher lliiiversitätsprofeasor. In den letzten Tagen Im Juli
1865 wnrde er plötzlich von einer Gei.ate.*krankheit befallen. Man überführte ihn
am 31. Juli in die niederoesterreiehische Landes-lrreuanstalt, wo er nach 14 Tagen,
am 13 teil August 1866 an Pyaeraie verschied, die er sich schon vorher bei einer
Operation zugezogen hatte.
Seine sterblichen Ueberreste wurden ins Vaterland zurückgebracht ; hier im
Bndapester Friedhofe, schläft er den ewigen Schlaf.
-Nur sehr WtuSgtB WU M vi-r^unt. 4©f -Menschheit wirkliche nnd dauernde
Dienste zu erweisen, und mit wenigen Ausnahmen hat die Welt ihre Wohlii
gekreuzigt und verbrannt." (Kugelmann's Brief an Semmelweis.)
.Seminehveis gehört zu den Begünstigten des Schicksals: seine Entdeckung er-
hebt ihn unter die ewigen Wohlthiiter des Menschengeschlechtes. Er gehört
anch nnter die Gekreuzigten. Tragisch war sein Leben, tragisch sein Ende.
Möge die hier der Oeffentlichkeit zuerst dargebotene vollständige Sammlung
seiner Werke als erster Lorbeerzweig auf das iu Bälde zu enthüllende Denkmal
Seminetweis' niedergelegt sein.
Anmerkungen des Herausgebers.
Tractatus de vita plantarum. (8. 1 .)
Ich möchte in dieser Inangnral-Düsertatbiu insl» -sondere aul die Tbesis defen-
denda No. X (8. 19) die Aufmerksamkeit des freundlichen Lesers lenken.
Wie diametral entgegengesetzt ist deren Inhalt gegenüber dem grossen Resultat-,
wozu Seminehveis später gelangte! Gerade in dem „vi-ncuum" und gerade „in manu
raedici'1 liegt ja der Archiniedespunkt seiner lebenrettenden Lehre.
Höchst wichtige Erfahrungen über die Aetiologie der an Gehiiranstalten
epidemischen Puerperulllcber. (S. 23.)
Erschienen in der: Zeitschrift der k. k. Gesellschaft der Aerzte zn Wien.
Vierter Jal.i-an-, 1847/48, II. Band. Seite 242—244 (Deeembernrft 1847).
Diese Mittbeilnng rührt von der Rcdaetion der Zeitschrift, n. zw. von Prof.
Ferdinand Hebra (nicht gezeichnet).
Fortsetzung der Erfahrungen über die Aetiologie der in Gcbaranntalton epi-
demischen Puerperalfieber. (S. 84.)
Erschienen in der: Zeitschrift der k. k. Gesellschaft der Aerzte zu Wien.
Fünfter Jahrgang, 1848/4», I. Band, Seite 64— 65 (Aprilheft 1848).
TetfeMex dea (nicht gezeichneten) Artikels ist gleichfalls Prof. Hebra.
|Im Titeltext auf S. 24 ist d*e Wort: .Erfahrung" ein Druckfehler, soll b> ^.Liuagen".!
C. H. F. Uotith: Ober die Ursachen des endemischen Puerperalfieber«, iu
Wien. (8. 24.)
Uebereetzung aus dem englischen Original : On the canses of the Endemie
Puerperal Fever oi Vieuua.
hienen iu den Medico-chirnrgieai Transactiojis. PmbHshed by the Royal
Medical aud Chirurgical Societv of London. Volume the thin\-*eeond. London 1849.
27—40.
Aerztlichcr Bericht über das k. k, allgemeine Krankenhaus in Wien und die
damit vereinigten Anstalten: die k, k. (4ebär>, Irren- und Findel-Anslalt
im Solar-Jahre 1S4S von Dr. Carl Haller. (g. 84.)
Erschienen in der: Zeitschrift der k. k. Gesellschaft der Aerzte zu Wien.
Fünfter Jahrgang, 1848/49, IL Bond, Seite 536—688 (VIII. lieft 1849),
(Auszug der einschlägigen Melle.)
Ober die von l>r. Semmelweis entdeckte wahre Ursache der in der Wiener
Gfobtruftall ungewöhnlich häutig vorkommenden Erkrankungen der
*V<ieüuerinen und des Mittels zur Verminderung dieser Erkrankungen
bis auf die gewöhnliche Zahl. tS. 36.)
Vortrag, gehalten in der Sitzung vom 18. October 1849 der kaiserl. Akademie
1 1 1 • r WiwemenefteD iweb daa wirkliche Mitglied Prot Josepli Skoda.
Erschienen in: „Sitzungsberichte der mathematisch -n.it in wissenschaftlichen
Classe der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. Dritter Band, 8. Heft, Jahr-
gang 1849. Seite 168-Imi.
600
Anmerknngen des Herausgebers.
Derselbe Vortrag wurde in der „Zeitschrift der kais. köu. Gesellschaft der
Aerzte in Wien. Sechster Jahrgaug, 1850, I. Hand, Seite 107—11?
abgedruckt. Als Einleitung Hieben die "Worte:
„Indem die Redaktion dieser Zeitschrift bereits im Deceinber 1847 und April
1848 das medizinische Publikum mit der von Dr. Semmel weis gemachten Ent-
deckung der Genesis der Puerperalfieber bekannt machte, so glaubt de SOWOM ÜB
Interesse der leidenden Menschheit als auch der Wissenschaft als endlich der Ent-
bindungsärzte selbst zu handeln, wenn sie nachfolgende, vom Professor Dr. Joseph
Skoda der Akademie der Wissenschaften zu Wien vorgelegte Abhandlung
diesen Gegenstand hiemit ihren Lesern mittheilt."
\ im setzt der wörtliche Text ein, hört aber vor dem Schluss des Artikel« mir
dem Satze _ dass nocli weitere und vielfältig abgeänderte Versuche an Thiereu
gemaebt werden" auf; f-tat» dessen stellen die Srhln.sswörte-:
-ScbUeealieb erlaubt sieh die Redaktion dieser Zeitschrift alle Herren Collegen
nnd Redakteure wissenschaftlicher Journale nm Aufnahme dieser Abhandlung in
deren geschätzte Blätter zu ersuchen, um dieser so wichtigen Entdeckung die mög-
üdhste Ausbreitung und BakanntaiftQannfl utgeddhen na lassen.-
Semmelwels' Vortrag über die Genesis des Puerperalfiebers in der k, k. Gesell-
schaft der Aerzte zu Wien (1850). (S. 47
Die pathologische Section der k. k. Gesellschaft der Aerzte zu Wien bes.M.!--
iu ihrer Sitzung am 23. Februar 1849 Semmelweis zu ersuchen, ihr seine Erfahrungen
in einem Vortrage mifzutheilen und gab ihrem Beschluss in dem Protokolle diesex
Strang, weiches WOB Dt, v. Dnjnreieher unterzeichnet wurde, Ausdruck. Der?
ist in der Zeitschrift der Zeitschrift der k, k. Gesellschaft der Aerzte zu Wien.
Fünfter Jahrgang, 1848/49, I. Band, Vi. Heft, Seite LV mitgetheilt nnd lanM ;
„Protokoll
der Section für Pathologie der k. k. Gesellschaft der Aerzte zu Wieu von der
Sitzung am 23. Februar 1849.
[Auszug.]
Hr. Prira. Dr. Haller theilt der Versammlung das Resultat einer Berechnung
des Mortaliliiis-\ 'erhiiltnisses der Mütter und Kinder au der I. gebujlsliilt'ln heu
Klinik in AVien im Zeiträume von 12 Jahren mit. ans welchem hervorgeht,, dass in
den beiden letzten Jahren die Sterblichkeit der Wöchnerinnen nnd Kinder sich so
auffallend vermindert habe, dass in den letzten Jahren, im Vergleiche zu den
günstigsten Verhältnissen der früheren Jahre, */,,— 6/a Individuen weniger starben,
obgleich die Zahl der Gebärenden eine grössere, als in den früheren Jahren war.
Da man aus dieser Thatsacbe berechtigt ist, den Schluss zu ziehen, dass die Reinigung
der Hände von Seite der Aerzte und Hebammen vor der Untersuchung der Mutter
mit Chlorwasser, welche seit der Zeit der Verminderung der Sterblichkeit von Hrn.
Dr. Semmel weis auf dieser Klinik eingeführt wurde, einen bedeutenden Einnusa
günstige Mortalitäts- Verhältnis« geübt habe, beschloss die Versammlung,
Herrn Dr. Semmelweis zu ersuchen, derselben seine Erfahrungen über diesen
Gegenstand in einem Vortrage mittheilen zn wollen." —
Das Jahr 1849 verging, ohne dass Seminelweia der Anforderung nachkam.
Erst am 1.5. Mai 185Ü hielt er den Vortrag.
In der Sitzung vom 18. Juni 1860 unterzog er die gegen seine Entdeckung
gemachten Einwürfe einer Besprechung.
Am 15. Juli 1850 Würde zur iJiscussion ge-i In iiten
Die drei Vorträge erschienen als Protokolle der allgemeinen Sitzungen in der
Zeitschrift der k. k. Gesellschaft der Aerzte zu Wien:
1. Sechster Jahrgang. 1850. IL Band, Heft VTJI, Seite CXXXVTJ— CXL
Unterzeichnet: Wien, den 18. Juni 1850. Dr. Herzfelder, Sekretär.
2. Sechster Jahrgang, 1850, H. Band, Heft XI. Seite CLXVI— CLXIX.
Unterzeichnet: Wien, am 15. Juli I8ö0. Dr. Herzfelder, Secretär.
3. Siebenter Jahrgang, 1851, I. Band, jieft 1. Seite IIT-X
Unterzeichnet: Dr. Herzfelder, Sekretär. Dr. Lackner, Sekretär.
Der Vorträge erwähnt in kurzen doch anerkennenden Worten auch der folgende
Anmerkungen des Heransgeber.*.
601
„Bericht
über die Leistungen der k. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien
während des Jahres L 86
Vorgetragen in der Haiiprsitzung am 24. März 1851. vom derzeitigen eilten Vkretar
Dr. Hei ii r if h 1! Q i zfe lder.
Auszug.]
Viisrelangt bei der allgemeinen Pathologie Begegnen wir hier vor
Allem der, wie es scheint, auch praktisch gelungenen Losung
Aufgaben in der Medizin: es ist dies die Entsteliuiigsnrsnche der bisher so verheerend
enen Puerperal-Epidemien durch Dr. Semmel weis; seiner Ansicht nach wird
das Wochenbettneber nur dnrch die Aufsaugung fanler organischer Stoffe in das Blut
der Mutter erzeugt und diese Stoffe, ohne deren Selbstentvrickliuig im eigenen fUrfMa
von Placenta-Resten und anderen Bedingungen her völlig zu ifingnen, von aussen
nud zwar zum grösstcn Theile von in Zersetzung- begriffeneu Leichen her in den
inüttc] liehen Organismus durch die Geburtshelfer selbst ein«efiihri . (rem
Dr. SemmelweiB den Letzteren die fleissige Waschung vor jeder K n r b i n d u n g
mit Cblorkalklüsnngen angeordnet hat und hiedurch so glücklich wur. die weitere
Entwicklung stärkerer Epidemien bisher hintan zu halten, (tagen die M gegebene
Entstehungsweise der Krankheit fanden sich kräftige und ehrenwerthe Gegner in
den Doktoren Zipfel und Lumpe, welche am statistischen Daten mehr den mias-
matischen Ursprung des Uebels vindicirt wissen ireUten, in den AufkläfuHgen jedoch
des Dr. Semmel weis, eben so wie die Doktoren Scanz"iii und Sayfert zn Prag
eine hinreichende Widerlegung fanden, so dass die in bezeichneter Wei - autgei.Hste
Krankheits-Idee, welche enen in deu Doktoren Arneth, Chiari und den provis.
Direktor Heins, so wie vom thierürztlithcii Standpunkte aus in Prof, Hayne ihn-
wärmsten Vertheidiger fand, als wahrer Triumph medizinischer Forschung angesehen
werden kann.u
Erschienen in der: Zeitschrift der k. k. Gesellschaft der Anrate m Wien.
Siebenter Jahrgang. 1.851, I. Band, Beilage zu Heft I, pag. VII.
Die Aetiologie des Kindbettfiebers. iS. 61.)
Uebersetzung ans dem ungarischen Original : A g y e r ra e k ä g y i 14l
köroktan .<..
Erschienen im: Orvosi Hetilap 1858. No. 1, 3. 1-5; No. S, S. 17—21; t
S. 65-69; Jo, 6, & 81-84; No. 21, S. 321-326; No. 22, S. 337-342; No. 23.
S. 353—359.
Seinmelweiä hielt in der ersten Hälfte des Jahres 1850 drei Vorträge über
diesen Gegenstand im Budapester fcOnlft -Aerzteverein, und veröffentlichte sie in
der vorliegenden Schrift, worin er zuerst Ober seine Entdeckung die Feder ergreift.
Der MeinungKunterschled zwischen mir und den englischen Aerzten über das
Kindbettfieber. (S. 83.)
Uebersetzung aus dem ungarischen Original: A gyermekägyi laz fölötti
vi'-l einen vkülönbseg köztem s az angol orvosok küzt.
Erschienen im: Orvosi Hetilap 1800. Ho, 44, S. 849— 851 ; No. 45, S. 873— 876:
No. 46, S. 889-893; No. 47 8. 913-915.
Die Seinmelweis'sche Lehre wurde häutig mir der iu England verbreiteten
Lehre der Contagionisten verwechselt. Dieser oberflär-h liehe Standpunkt der Beur-
teilung zwang Semmel weis endlich dazu den Unterschied beider Lehren klarzulegen.
Die Überwiegende Zahl selbst der in den jüngsten Jahren porfochteuen Priorität«-
-treite entsprangen aus der Oberflächlichkeit, irgendwelehom aus Zufall entdeckten
I Dntagiouiaten die Palme der Priorität gegen Semmelweis zu reichen. Vor Allem
erweist sich die Notwendigkeit gerade diesen Keinungennterachied zwischen Semmel-
weis und den englischen Aerzten (d. h. den Oontogionisten] Bfiei iu Kindbettfieber
gründlich zu prüfen.
Die Aetlologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfleber».
Das Hauptwerk von Semmelweis, in das er 9ein ganzes Wissen, sein ganzes
Herz hineinlegte. —
Er veröffentlichte es 13 Jahre nach seiner Entdeckung, um seine Lehren in
ihrem vollständigen Umfange der Welt mitzutheilen. Fühlte er sich ja vom Sebiolual
zum Vertreter der Wahrheiten erkoren, die in seinem Werke niedergelegt sind,
und hielt es nunmehr für seine unabweisbare Pflicht für sie einzustellen.
Man machte es Semmelweis öfters zum Vorwurf — selbst Stimmen der Nach-
welt Hessen sich in dieser Richtung vernehmen — dass er seine Lehren zur ge-
602
Anmerkungen des Herausgebers.
höriges Zeit zu publiciren unterliess und meinte damit die hartnäckige Opposition
jner entschuldigen zn künuen. Abgesehen davon, dass ja gleich nach seiner
Entdeckung Hoben, bald darauf Skoda dieselben publieirte. bezeugen die uaeh der
\ . r.ii.ijtlirliiinir dee Hauptwerkes erschienenen ^Offenen Briefe- wohl hinlänglich,
dass nicht Semmelweia Schweigen Schuld an dieser Opposition war!
Das Werfe ist im Buchhandel ganz vergriffen, auch antiquarisch eine Rarität.
Die vorliegende Neuausgabe war eine wissenschaftliche Ehrenpflicht, für deren Er-
imiglicbung der Ungarischen Akademie unser Dank gebührt, Sie rares, der Semiuel-
weis sofort MCE 1'in Erscheinen seines Werkes eines der ersten Exemplare am
•27 November lwifi überreichte in Begleitung eines Schreibens, das wir seiner ur-
kundlichen Bedeutung wegen hier in wörtlicher l'ebersetzung wiedergeben.
rHochanßehniiche Akademie !
T'if unter dem Namen „Kindbettfieber" seit den ältesten Zeiten bekannte
Kiiinklj'ii überfiel im Laufe dieses Jahrhunderts in stets zunehmendem Masse und
Intensität die Gebäranstalten und die Bevölkerung Europas — und auf Tausende
belauft sich die Zahl der Mütter und Kinder, die sie jährlich dahinrafft.
Die Gnade der Vorsehung gewährte es mir, die wahre Natur dieser grässliehen
nud bisher für endemisch gehaltenen Krankheit zu enthüllen, sowie auf Grund dieser
Entdeckung (und das ist dabei die Hauptsache) das Auftreten der Krankheit in ans-
m Masse hiurtuzuhalten, so dass wBorend /.. B. in der Wiener Gebärklinik
in früheren Zeiten die durch das Kiudbettfieber verursachte Sterblichkeit mitunter
Hl",, betrag, diese überall, wo die von mir vorgeschlagenen Vorbeugungamassregeln
t werden, nicht einmal mehr lö*/0 arrefeht
Mein Schicksal hat es so gewollt, dass ich mich zur Zeit, als ich diese Ent-
deckung machte (im Jahre 1*4?) als Assistent au der Wiener Gebärklinik lern ron
iie-iii.iii Vit rhunli iiiiinii-li — Duher kam es, dass meine Entdeckung zuerst dem
deutschen ETaehnublicatn vorgelegt, wurde.
Nachdem ich in mein Vaterland zurückgekehrt war, habe ich meine Erfahrungen
und meine Theorie über das Kindhetttieber aueh meinen ungarischen Fachgemäßen
in dem hier erschein ►•mb-n ..Orvosi Hetilaj)" (äretliqhes Wochenblatt) mitgetheilt,
Wahrend aber meiner Lehre bei uns kein Widerspruch begegnete, war sie in
Deutschland mancherlei Angriffen, zum Theile auch Entstellungen ausgesetzt.
I'flieht der -enitber gebot mir nun meine Theorie noch
einmal auseinanderzusetzen und die Cnhaltbarkell der ihr gegenüber vorgebrachten
Argumente nachzuweisen, was ich in dem beigeschlossenen — und mit Rücksicht
auf die Fachkreise, auf die Einiltw 7.11 nehmen vor allem meine Absicht war — in
deutscher Sprache verf'asstcn Werke auch ausgeführt habe.
Als Zeichen meiner aufrichtigsten Hochachtung üb er reiche ich es hiemit d< r
hochansehnliclien Akademie, mit der Bitte es in ihre Bibliothek aufnehmen zu wollen.
Ignaz Semmelweis,
L:uivfrsitätBprofessor."
Die nächste öffentliche Gelegenheit sich über Semmelweis1 Lehren zu äussern,
bot sich innerhalb eines Jahres nach Erscheinen des grossen Werkes. In der
86. Versammlang der deutschen Forscher und Aerzte zu Speyer entspann sich eine
Debatte über «eine Lehren. Dr. Lange aus Heidelberg alleiu trat für sie ein.
Siimml liehe übrigen Anwesenden verhielten sieh ablehnen«,
N\ 1 1 ■ 1 a 1 . — 1 • - Semmelweis nach Kenntnissnahme dieser Debatte empfinden?
Selbst die gründlichste Darlegung nnd Publication seiner Lehren sollte also nichts
nützen, sollte Niemand bekehren;1 Es erwies sich, dass nach die schriftliche Klar-
legUsg seiner Entdeckung und seiner nrophyiactiscbeu Massregeln vergebens war.
Ist es daher zu verwundern, wenn Semmelweis im sicheren Bewusstsein der
Richtigkeit seiner Lehre, in der deprtinirenden Ueberzeugung davon, dass deren
Nichtannahme den Tod vieler Tausende bedeutet — endlich in der schärfsten Weise
gegen jene Professoren '1er Geburtshilfe auftrat, die sich seiner lebeusrettenden
Lehre widersetzten'/ Es erschienen nun in kurzer Aufeinanderfolge die berühmten:
„Offenen Briefe" au Professoren der Geburtshilfe. (S. 427.)
rsebienen selbständig, doch waren sie gleichzeitig auch als Beilagen zum
„Orvosi HetUap" abgedruckt.
Dfl Semmelweu mit den ersten vier offenen Briefen nicht den erwarteten Er-
folg erzielte, liess er diesen noch einen „au sämmtliche Professoren der Geburtshilfe"
Es sollten „Fortsetzung und Schluss folgen", sie erschienen aber nicht.
Anmerkungen des Heraasgebers.
803
Oft wurde der scharfe, schonungslose Ton der Offenen Briefe gerügt. Allein, dürfen
wir darum gegen ihren Verfasser einen Vorwurf erheben? 14 lange Jahre hindurch
kämpfte er vergebens für die Wahrheit. Das» seine Lehren aber auch nach dein
Erscheinen seines grossen Werkes, in dem er mit einem überwältigenden statistischen
Material, mit den triftigsten Beweisgründen seines Wissens und mit der flehenden
Stimme seines Herzens um Annahme, nein! oft blos um Erprobung seiner leben?*
i "tniiilen Lehre bittet, — dass auch dann noch seine Lehre nicht angenommen.
Bondern weiter augefeindet, verdreht mul verhöhnt wurde, — dies steigerte seinen
Missnmth bis zur Erbitterung. In dieser durch seine Gegner faenHUMBChwGrten
psychischen Verfassung schrieb er seiue „üffeuen Briefe".
Nur wer dessen sicher ist, dass er nach 14 Jahre lang währender Verhöhnung
in einem anderen Tone schreiben würde, wo es Pflicht ist zu schreiten, — nur der
hat das Recht einen Stein auf Semmelweis zu werfen.
Der Verein St. Petersburger Aerzte über die Aetiologie and die propky-
lactischc Behandlung des Kiudbettflcbers. (S. 612.)
Uebersetzung aus dem ungarischen Original : A sz. peterväri orvosegylet
a gye rm ek ägyi läz oktaijäröl s ve d kezelesCrßl.
Erschienen" im Oivosi Hetilap. No. 6, 8. 106- 110; No, 7, & 126— 130; No. y,
S. 165—169; No. 11, 8. 306—210; No. 13, S. 250
Professor Hugenberger iu St. Petersbure sendete an Semmelweis einen Separat-
abdruck des Sitznngsprotocolls, in dem die Verhandlungen der St. Petersburger Aerzte
über die Eindbettfleberfrage enthalten sind. Der Originalartikel erschien in exteuso
in der Petersburger medicinischen Zeitschrift 1862, II. und 111. Band.
l»iese Verhandlungen bereiteten Semmelweis eine Freude. Er erkannte in
ihnen die Wirkung, die sein Werk bereits auf die St. Petersburger Aerzte übte.
In seiuem Aufsatze aber beschlftiirf er aieh mit der Widerlegung einzelner
Stimmen, die sich an der Debatte betheifigten und in geringfügigeren Punkten TOD
seiner Ansicht abwichen.
Die bisherigen Werke und Abhandlungen Semmelweis' beschäftigte sich alle
mit seinen Lehren über das Kjndbetttieber, Sie enthalten sein Lebenswerk. Der
Ausspruch, den Semmelweis in vollem Bewusstsein schon 1861 that: „In der Aetio-
logie, in dem Begriffe und in der Prophylaxis des- Kindbettfiebers gibt es nicht«
Geheimnissvolles mehr; über die Natur des Kindbetthebers ist ein sonnenklares Licht
verbreitet; kein einziger Punkt ist eine Hypothese und die Zukunft hat in dlMflD
Paukten nichts mehr zu lüsenu — dieser Ausspruch wurde nunmehr zur Thatsache.
„Die glücklichen Zeiten für "las uebbeude Geschlecht, u die Semmelweis so sehr
berausehnte, sie sind eingetroffen, sie sind ihm zu verdanken!
mit Vorliebe auf den ruhigeren Gebieten der Gynaecologie. Eine Reihe von hier
wiedergegebeneu Abhandlungen erschienen im „Örvosi Hetilap" (Aentliohe Wochen-
schrift), und er hegte sogar die Absicht, ein vollständiges Lehrbuch der Gynaecologie
zu schreiheu.
Seine gynaecologischen Aufsätze sind die Folgenden:
IVber einen seltenen Fall von gackartiger Ausbuchtung des schwangeren
Mutterhnlses. |S. 541.)
Erschii-iieii in der Wiener medizinischen Wochenschrift. VEI. Jahrgang, 1857,
No. 2, S. 25-26.
Retetat über einen in der December-Sätznng 1856 der kön. Gesellschaft der
Aerzte in Budapest von ihm gehaltenen Vortrag.
Im AUKUg erschien das Referat auch in der „Vierteljahrschrift für die prak-
tische Heilkunde", herausgegeben von der medicinischen Facultät in Prag. XV. .Inhr-
gang. 1858, I. Band, Analekten S. 57—58.
Exstirpation and Neubildung eines l'terusflbrolds; SchwungerscIniH mit nor-
malem Verlauf, (S. 543.)
Uebersetzung aus dem ungarischen Original : Mehrostdag (uterusfibroid)
kiirtäsa 4s njra term ödest; r enden lefolvn-ri t Grit 6**1
Erschienen im: Orvosi Hetilap 1861. No. 15, S. 286—387.
604 Anmerknngen des Herausgeben.
Sieben-Monatsgeburt nebst Polypös uteri flbrosns Ton enormer Grösse. (S. 544.)
Uebersetzung aas dem Ungarischen : Het hönapos terhesseg, rendkiv&li
nagysägu rostos uiehpüfeteg mellett.
Erschienen im : Orvosi Hetilap, 1864, Beilage : Nö-es gvermekgyögyiszat, No. 2,
S. 12—13.
Aeltere and neuere Theorien über die Menstrnalblntnng. (8. 545.)
Ueber setzung aus dem Ungarischen: Az ivarverzes kür Uli regibb 6s
ujabh elmeletek.
Erschienen im : Orvosi Hetilap, 1864, Beilage : Nö-es gyermekgyögyäszat, No. 2,
S. 9—12; No. 3, S. 17-20.
Die Menstruation und ihre Anomalien. (S. 552.)
Uebersetznng aus dem Ungarischen: Az ivarverzes es ennek rendel-
lenessegei.
Erschienen im: Orvosi Hetilap. 1864, Beilage: Nö-es gvermekevögyäszat.
No. 5, S. 41—43: No. 6, S. 49-52; No. 7, S. 57-59; No. 8. *S. 65—67; No. 9.
S. 73—76; No. 10, S. 81—83; No. 11, S. 89—94; No. 12, S. 102—106.
Die operative Behandlung der Ovariencysten. 'S. 583. i
Uehersetzung aus dem ungarischen Origiual: A petefeszektömlük mute-
ten kezelese.
Erschienen im : Orvosi Hetilap, 1865, Beilage: Nö-es gvermekgyögväszat. No. 2,
S. 9-10; No. 3, S. 17—20; Xo. 4. 8. 25-28: No. 5. S. 33-35; No. 6,' S. 41—43.
Der Aufsatz endigt mit den "Worten: ..Fortsetzung folgt* . . .
Die Fortsetzung erschien nicht, da nach kaum zwei Monaten der Tod der un-
ermüdlichen Thätigkeit des grossen Gelehrten ein Ziel setzte.
Lippen 4 Co. >:G. Patz 'sehe Bnchdr.i, Naumburg a. S.
»i**»*Ä-M :. t* •?-"''- "~ .'."■-••* Y'-.*.y** sVji 8*»r*~--* T«.«i *-i-rxL*r *»ri— •».
A«|t*.r* »;»-j .-.-.»•.'»• 7 £.-'•.">.'. r,'.*r "li*- M*-a»tr«.»!k':--*'.tr.
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